Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Meine kleine, drahtige Mitpatientin von gegenüber, die mit dem wehenden Patientenkittel, hat einen Enkelsohn. Der ist 6 Jahre. Und lebt mit seinem Vater, dem Sohn der Patientin, zusammen. Weit weg. Im Harz, glaube ich. Ich bin nicht mehr sicher. Es ist schwer für den Sohn, den Papa. Aber er kümmert sich. Gut.

Und die Mutter? Falsche Frage... sie schaut kurz gequält zur Seite. Ah shit! Ich hab noch gedacht, frag vielleicht nicht!  Schon passiert... Mist!
Ich rudere schnell weiter: geht er schon zur Schule? Richtige Frage... der Zug fährt wieder an. Alles wieder gut.
Ja, seit dem Herbst. Es ist Herbst. Klar. Schulanfang in Baden-Württemberg. Ach, sag ich interessiert, ach toll! Schulanfang ist wirklich besonders!  Da merkt man: sie sind nicht mehr klein.
Ja, sagt sie, so besonders! Und so teuer. Was das alles kostet... Hefte, Stifte, Farbkasten, Turnsachen... alles neu! Und was Neues zum anziehen, man will ja nicht, dass er auffällt... am teuersten ist der Ranzen...
Ja, sag ich mitfühlend, am teuersten ist der Ranzen.! Wir nicken beide vor uns hin...
,,Immerhin ist ein Mäppchen mit drinnen, und ein Turnbeutel" ... ,, Ja"
Ich werde immer gedankenverlorener. Ich glaub, sie auch.
Dann geht ein Ruck durch sie, sie stemmt sich dagegen.
,,Er hat sich selbst einen aussuchen dürfen!" Stolz schwingt darin.
Handgemachter Stolz.
Sie schaut mir voll in's Gesicht.
Anerkennung!, Frau mein-Enkel-ist-6-Jahre-und ein Sonnenschein -
pure Anerkennung! Ohne Worte. Sie sieht sie.
Und jetzt bricht der letzte Damm. Ohne Punkt und ohne Komma, es sprudelt aus ihr raus.
Und ich hab Zeit, kurz zu denken, wie gut es uns allen tut. Wenn da einer ist, der versteht. Was es für eine Leistung ist.
Auch wenn es andren leicht fällt.
Wenn einer die eigne Leistung sieht. Und versteht.

Hier hat mal jemand beschrieben, wie sie ihre Familie anschaut und sich freut an ihr. Und daran denkt, wie diese Familie aussehen würde, wenn sie sich getötet hätte. Und wie es sie froh macht, sie so liebevoll und herzlich zu erleben. Und zu wissen, dass auch sie ihren Anteil daran hat. Dass ihre Familie das nicht erleben musste. Dass sie so sein kann, wie sie jetzt ist.

Nur dass das mal einer sieht. Und sie in den Arm nimmt. Dafür. Dass das nicht leicht war. Dass das richtig schwer war.
Das wünscht sie sich manchmal schon.
Hat mich sehr berührt.
Ich hab es in diesem Moment gesehen.

Irgendwann kam sie in ihrem Erzählstrom noch einmal beim Schulanfang an; ,,erst wollt ich hinfahren..." ... ,,aber dann..." und begleitet das mit dieser leisen, verlegenen, still hilflosen kleinen Geste, mit der sie das Thema wortlos beendet.
Und zum ersten Mal schiesst mir der Schmerz direkt in's Herz
und rührt ne Weile dort herum.
Ach herrje ...
das Leben ist voll von Menschen wie sie. Die tapfer versuchen, das Beste aus allem zu machen. Und sich zu freuen dran.
Und den Kummer nehmen und tief in sich einschließen. Damit er nicht rumliegt. Und jemand drüber stolpert.
Was bleibt ? Ihnen?
Selbstbestimmtes Leben?
Soziale Teilhabe? Was soll das sein?
(In südlichen Ländern stellte man früher, vor fünfzig, sechzig Jahren am Abend oder Wochenende
Stühle und einen kleinen Tisch neben die Haustür. Auf die Straße.
Soziale Teilhabe. Die nichts kostet.
Weil die andren das auch so machen. Und wer vorbeiging, blieb schon mal stehen. Bisschen schwätzen. Sich austauschen. Schon mal ein Glas Wasser trinken. Oder einen Kaffee. Wenn's mal länger dauert. Mit dem beisammen sitzen. Oder ein Glas Wein.
Ich weiß nicht, ob es das noch gibt.
Es geht auch ohne Geld. Immer noch. Irgendwie. Kostet aber ungleich mehr Kraft.
Als mit.)
Was bleibt? Ihnen?
Einmal, nur einmal Freiheit beim Einkaufen?
Nein - tapfer halt. Das ist es, was bleibt. An Möglichkeiten.

Das Leben ist noch voller von andren Menschen. Aber wenn man hinschaut, dann auch voll von diesen.
Die versuchen, anständig zu bleiben.
Sich freuen an dem, was geht.
Und nicht aufhören zu kämpfen. Dafür.
So gut es halt geht.
hey...

Vor welcher Wahl stand sie damals, zum Schulanfang?
Ein neuer Schulranzen? Für ihren Enkel. Oder selbst hinfahren? Zur Einschulung?
Und egal wie sie es drehte und wendete - es ging nur eins?

So eine kleine verlegen hilflose stille Geste
ohne jede Worte
kann vieles bedeuten.
Traurig macht es allemal.
Wenn ich nicht aufpasse ... und grad verletzlich bin,
richtig tief.

nachtwind

So still wie in dieser kleinen Geste war sie selten. Wenn sie kommunizierte. Hochselten.
Man merkte ihr an, dass sie es gewohnt war, allein zu sein. Sie musste nicht reden, um sich lebendig zu fühlen. Ihr Schweigen fühlte sich selbstverständlich an.
Wenn sie schwieg.

Wenn sich ihr aber eine Gelegenheit bot, nahm sie sie an. Laut. Sehr laut.
Jeden Nachmittag rief sie ihren Sohn an. Und bestand auch jedes Mal auf ihren Enkel.
Ich will sie jetzt nicht der Lächerlichkeit preisgeben, indem ich sag: sie schrie in ihr Handy... Aber es kam dem sehr nah. Einmal war ich im Flur gerade, und ich hörte sie durch die geschlossenen Türe gut.

Ich erinner mich auch an mein eignes erstes Telefonat mit einem Handy - also ich hab geschrien. Ich wusste überhaupt nicht, wo ich reinreden  soll. Es war kein Hörer in Sicht, kein Lautsprecher.... nix als eine flache dünne Scheibe Irgendwas. Die mir einer hinhielt. Hier -für dich!
Da muss ich wohl gedacht haben, schrei mal besser, sonst hört dich ja niemand. Wenn du selber gar nicht weiß, worein du denn jetzt bloß reden sollst.

Sie geht viel routinierter mit dem Handy um als ich damals. Und heute noch. Ich hab mein Handy für WhatsApp mit meinen Kindern. Telefonieren ist noch nicht meins.
Aber ich lern's schon noch. Wenn's nötig wird. Da hab ich keine Zweifel.

Ihr Telefonat kündigt sie erst mal an. Jedesmal. Das wusste ich beim ersten Mal noch nicht. Klar.
Und sie kündigt es nachdrücklich an. Sie telefoniert jetzt!
Ok.?
Sie telefoniert jeden Nachmittag! Mit ihrem Enkel. Dem Sonnenschein.
Um diese Uhrzeit ist es günstig. Kurz vor dem Abendessen. Da sind sie daheim.
Einmal hat sie es nicht geschafft. Da hat ihr Enkel, der Sonnenschein, gleich seinen Vater gefragt, warum sie denn nicht anruft. Jetzt schaut sie immer, dass sie rechtzeitig dran denkt. Er wartet doch! Darauf.

Sie redet laut. Sie redet nachdrücklich. Es kommt mir so vor, als wäre jeder Satz ein Schild. Das sie dem Leben entgegenhält. Entgegenreckt!
Das sie beschützt vor der Kälte des Lebens. Und der Einsamkeit.

Sieh - ich kann mich beschützen!
Ich kann mich auch verstecken. Dahinter. Wenn's hart kommt.
Mein Schild ist groß! Laut und fest. Da pass ich locker hinter.
Und dann kann mich nix.
Und wenn ich doch mal zweifele, dann red ich halt ein bisschen lauter. Das überzeugt dann doch wieder schnell. Das wischt alles weg. Was weh tut.
Jeder Satz ein wirksames Schild. An dem die Schmerzen abprallen.
Und ihr ein wenig Wärme schenkt. Den Wind abhält. In einer kalt gewordenen Welt.

Ich hör ihr immer mitfühlender zu.
Und irgendwann weiß ich nicht mehr: ist es mein Kummer? Oder ihrer?
Oder unser aller?
Der mich da leise durchschwemmt. Bis ich ganz und gar ausgefüllt bin. Davon.
Ein friedlicher Kummer. Ein ruhespendender Kummer. Aber immer auch:
Kummer halt.

Ist eigentlich ganz egal. Woher der Kummer stammt.
Jetzt ist er da. Und da wird er eine Weile auch bleiben.
Auch so ein Kummer will halt auch nur: leben.
Wie alles auf der Welt.
Geben wir ihm ein Zuhause.
Jeder braucht ein Zuhause.
Auch ein Kummer. Auch ein kleiner Kummer.
Ist ja auch kein wilder. Eher ein mitfühlender.
Soweit man das bei einem Kummer denn so sagen kann.
Ich finde schon.

Das hat jetzt nix mit Masochismus zu tun.
Eher: mit  einfacher Gastfreundlichkeit.

Kummertime...
ist doch auch in Ordnung.

Und Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein telefoniert.

nachtwind

Der Enkel, der 6 ist und ein Sonnenschein, antwortet eher einsilbig. ,,Ja" halt.
Gut, die Oma, deren Enkel 6 ist und ein Sonnenschein, schickt ihm jetzt auch nicht die animierendsten Sätze durch's Telefon. Sei brav... hör auf deinen Papa... mach immer schön die Hausaufgaben...
Ich ahne, das sagt sie ihm jedes Mal. Jeden Nachmittag. Und ich habe recht damit.
Zumindest in den paar Tagen, an denen wir uns ein Zimmer teilen. Im Leben.
Was soll der kleine Kerle schon darauf sagen? Außer ja. Würde er nein sagen, fiele sekundengleich die Welt klirrend auseinander.
Und das will kein Sechsjähriger riskieren. Der mehr von der Armut weiß als all die Ärztinnen, die seine Oma behandeln. Hier. In Freiburg.

Das habe ich am nächsten Vormittag verstanden. Und fand die beiden jungen Ärztinnen auch nicht mehr so süß. Fand eher mich selbst ziemlich blöde! Dass ich sie süß gefunden hab...
Sicher, die Drogen... aber dahinter kann ich mich nicht verstecken. Wenn ich nur ein kleines bisschen nachdenk. Darüber.

In der Nacht werd ich wach - und mir war grottenschlecht. Das blieb so. Das ging nicht weg. Ich war heilfroh, als die Tagschicht begann. Die freundliche junge Schwester aus Ghana war wieder da. Und für uns zuständig. Himmel, hab ich mich gefreut, sie zu sehen. Sie stand erst bei meiner Nachbarin neben mir. Und unterhielt sich. Ein Blick auf mich, ,,o... nachdenklich?". Ich ,,Nein - mir ist grottenschlecht!"
Sie unterhielt sich weiter. Mir ging's zu schlecht, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Also wartete ich bang ab. Arme und Beine abgestreckt von mir. Bloß nicht mich selbst berühren.
Irgendwann hatten sie ausgeschwätzt. Und ich war dran. Wieder ihr mitfühlender Satz ,, Na? Nachdenklich?" ... und wieder meine Antwort ,,Nein - mir ist schlecht. Grottenschlecht!". Diesmal geht alles sehr schnell.
Ein kurzer prüfender Blick und schon ist sie weg. Kommt mit einer Infusion wieder, hängt sie flink an... ,,jetzt wird's gleich besser!"
Dein Wort in Gottes Gehörgang, denke ich matt, aber es geht mir viel zu schlecht, um nicht aus ganzer Seele, ohne jede Skepsis, einfach nur zu hoffen, dass sie Recht hat. Bitte!!
Hat geklappt! So war es dann auch.
Ich habe einfach die Schmerzmedis nicht vertragen. Ich nehm nie Schmerzmedis..... wahrscheinlich reicht deshalb bei mir schon ein Zehntel oder Hundertstel der normalen Menge. Und ist deshalb eben auch schnell überdosiert. Das ist meine Laiensicht auf die Dinge.
Schmerzmedis i.v. also abgesetzt,  nur noch in Tablettenform. Und damit hab ich selbst die Kontrolle drüber. Und entschließe mich, sie möglichst gar nicht mehr zu nehmen.  Ich bin ja jeden Tag ein bisschen mehr unterwegs. Auf meiner Mission Selbstständigkeit. Und mir ist lieber, ich bleib dabei nüchtern - so spür ich wenigstens, ob mir etwas wehtut, falls ich übertreibe. Das will ich ja auch nicht. So fühl ich mich viel wohler dabei.

Als die Visite kommt, geht es mir schon viel besser. Und so kann ich mitverfolgen, wie das fröhliche Gespräch zwischen Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein und den beiden jungen Ärztinnen ablief.
Sie erzählte so voller Stolz davon, dass ihr Enkel immer zum Geburtstag oder Weihnachten etwas vom Fc Freiburg Fan Shop bekommt, t-Shirt oder Schal oder Mütze.... sie sei schon bekannt im Fanshop ,, wenn ich reinkomme, kennen sie mich schon!" Da begreif ich, dass die beiden sie gar nicht verstehen. Für sie ist es einfach ein Spaß, sich ein bisschen mit der schrulligen Alten zu unterhalten.
Das klingt jetzt bös. Aber es kam mir wirklich so vor.

Vielleicht zu scharf? Weil enttäuscht davon, es gestern ganz anders wahrgenommen zu haben? Enttäuscht von mir! Dass ich zu blöde war! Das zu erkennen?

Gut, sie sind noch jung, die beiden Ärztinnen. Vielleicht lernen sie es ja noch?
Ist es denn eigentlich überhaupt ein Charakterfehler, wenn man keine Ahnung von Armut hat?
Wie hieß noch mal die Königin, die fragte, was denn die vielen Menschen, die an den Toren rütteln und schreien, denn wollen. Und auf die Antwort ,,sie wollen Brot, Ihre Hoheit!"  völlig verblüfft fragte :" Ja, warum essen sie denn keinen Kuchen?!!" 

Ich glaub, es war eine niederländische... egal. Ich weiß nur, es wurde später Marie-Antoinette  untergeschoben, aber die war es wohl nicht.
Ganz egal, wer. Er ist. Dieser Satz. Der tausendfach gedacht, ausgesprochen, gelebt wurde. Keine Frage das.
Auch wenn es nicht schriftlich belegt ist, ist es ein Satz, da ist Leben drin.
Das wurde so gelebt. Und wird es noch.
Es ist kompliziert.

Bleibt die Frage, was ist mit den Menschen, die Armut nicht kennen. Muss man Armut erst erleben? Um sie zu kennen? Und zu entdecken?
Das glaub ich nicht.
Ich war so um 16 rum und wir waren nie arm gewesen. Trotzdem hat mich der Satz fassungslos gemacht ... richtig gegruselt. Und ich hab ihn nie vergessen. Geschichtsunterricht. Vergess ich einfach nie. Diesen Moment.

Aber ich hatte Armut erlebt bei den Schwarzen, die ich erlebt hab.
Ob das reicht?
Und die Ärztinnen haben vielleicht gar keinen Kontakt zu Armen gehabt?
Oder aber man hat Kontakt - aber es interessiert einen einfach nicht?
Ist das der Unterschied?
Ob es einen interessiert? Diese andre Welt. Die Menschen in dieser andren Welt?
Und dann hat man Zugang dazu? Auch wenn man selbst nicht arm ist?

Dann ist es zumindest kein Charakterfehler. Wenn man Armut nicht kennt.
Sondern einfach Desinteresse?

Ich weiß ja auch nicht, wie Reichtum ist. Und  verstehe nichts von den Menschen, die reich sind. Von ihrem Leben.
Aus Desinteresse?

Wobei ich auch schon richtig wohlhabende Menschen erlebt habe. Nicht viele. Aber schon. Und die haben mich schon interessiert. Der Mensch kann mich immer interessieren. Aber die Sorgen und Nöte, die der Reichtum selber  ihnen jetzt beschert, da muss ich den Menschen schon richtig mögen, um die gebührend ernst nehmen zu können.
Vermutlich aber auch deshalb, weil für mich Reichtum eigentlich Diebstahl ist.
Etwas, das mehr ist als Desinteresse. Ablehnung eher.

Ist das auch bei der Armut so? Warum das viele gar nicht verstehen? Nicht nur aus Desinteresse - aus Ablehnung auch?
Wer arm ist, ist selber schuld?
Da muss man Abstand halten, die warten nur darauf betteln zu können?
Schwierig.
 
Warum ich diesem Thema so viel Raum gebe?
Weil ich mich damit verbergen kann vor der eigentlichen Frage, die sich mir da stellt.
Bin grad sooo beschäftigt.... leider keine Chance grad. Für diese Frage... sorry...
Die Frage, die mir Unbehagen bereitet.
Aber hilft jetzt alles nix. Wat mutt, dat mutt.

nachtwind

Die richtig doofe Frage ist: warum bin ich immer so naiv? Habe null Menschenkenntnis. Glaube immer an das Gute in allen Menschen, die mir begegnen. Und brauche sehr sehr lange, bis ich mich vom Gegenteil auch wirklich überzeugen lasse.
Das erste Mal ist mir das aufgefallen, als meine Tochter, damals in der Pubertät, mit mir geschimpft hat. Deswegen.
Ich war völlig verblüfft. Es war mir nie aufgefallen.
Seitdem muss ich darüber nachdenken. Jetzt nicht täglich. Aber immer wieder.
Warum bin ich so gutgläubig? Realistischer gesagt: so blind?
Sollte man nicht mit meiner Vorgeschichte zutiefst misstrauisch sein?
Ich bin das Gegenteil. Ich bin zu vertrauensselig. Ohne dass mir das auffällt.
Erst wenn's schiefgegangen ist, fällt mir das mittlerweile ein bisschen wenigstens auf.
Aber verstehen tu ich es deshalb keinen Deut mehr.
Es ist so ein Widerspruch zu meinen frühen Erfahrungen...
es will mir einfach nicht in den Kopf.
Es macht für mich keinen Sinn!

Ich verstehe, warum das meine Tochter so genervt hat. Es hat etwas sehr Unreifes, Kindliches an sich.
Aber ich weiß seitdem immer noch nicht, wie ich das weiterentwickeln kann.
Es entzieht sich mir.
Ich hab herausgefunden, es hat mit Zurückhaltung zu tun.
Die fehlt mir.
Aber es ist mir so fremd. So ungreifbar. Wie ich diese Zurückhaltung leben könnt. Auch nur ein  bisschen.
Das quält mich schon.
Dass ich da so gar keinen Zugang habe.
Ich sehne mich so sehr, schmerzlich sehr, nach dieser Zurückhaltung.
Die ich mit all meinem Bestreben und Willen
auch nicht ansatzweise in mein Leben ziehen kann.

Da ich mittlerweile begriffen habe, dass in dieser Zeit, der Krebszeit, nichts zufällig geschehen ist. Sondern alles dringend mit mir zu tun hatte. Nichts unbedeutend war und ist. Immer eine Aufforderung.
Schau hin! Mach es besser! Noch lebst du - noch
kannst du es besser machen!
Oder auch manchmal: lass die Veränderung zu. Die grad geschieht.
Auch das nicht immer einfach. Mit Ängsten verbunden. Änder dich mal ohne Ängste!
Kaum vorstellbar.

Jemand hier hat genau das so nachvollziehbar beschrieben hier. In knappen, klaren Sätzen. Worum es wirklich geht. Bei der Veränderung, die ansteht bei ihr. Und vor der sie zurückschreckt.
Völlig verständlich zurückschreckt. Es geht um viel!
Sehr viel.

Und ich möcht ihr sagen: das einzig Gute, was ich dir rückmelden kann, ist, dass du ganz nah bei dir bist. Du weisst, worum es bei dir geht, gerade.
Und soweit ich das Leben kenne, ist das das Einzige, was man wirklich tun kann. In solch einer Situation. Wenn man Entscheidungen treffen muss. Die einschneidend sind. Und die die ganze nächste Zeit prägen werden. Aber man weiß einfach nicht, was tun.

Ich weiß nicht wieso, aber mir ist  der Gedanke gekommen: vielleicht, ganz vielleicht ist, was du noch brauchst, der Mut des Schmetterlings.
Das ist nichts, was man üben kann. Erarbeiten kann.
Man kann ihn nur sammeln... immer wieder ein Stückle... geduldig sammeln...
bis er dann genug gesammelt ist.
Dann kann man, wenn man es denn will, den Mut in die Tat umsetzen.
Es braucht lange, bis man genug gesammelt hat.
Liegt nicht so auf der Straße rum. Der Mut des Schmetterlings.
Selten genug. Um kostbar zu sein.

Und dann würd ich noch von den Vögeln erzählen, die hoch oben in den Lehmwänden über dem Meer brüten. Ich weiß nicht, wie sie heißen... vielleicht weiß Dani sie? Sie weiß ziemlich viel in diese Richtung.
Sie brüten und brüten, gefühlt vierzig Meter hoch über dem Strand und dem Meer... und irgendwann ist ausgebrütet. Und dann haben die Jungen den Salat. Sie können nicht fliegen. Und auch nicht: üben. Nach und nach.
Da oben ist überhaupt kein Platz. Sie können grad hocken in der Wand. Mehr geht nicht.
Aber sie werden eben immer größer. Und der Platz dadurch immer kleiner. Und es ist klar: sie müssen springen!
Ihre Eltern fliegen vor ihnen rum und versuchen ihnen Mut zu machen... Aber helfen können sie nicht.
Die Kleinen haben noch nicht einen Flügelschlag machen können. Und müssen sich doch jetzt die Wand runterstürzen. Und hoffen, dass es gut geht.
Es geht nicht immer gut.
Unten, an den Klippen am Meer, liegen die, bei denen es nicht gut ging. Die dann doch nicht fliegen konnten.
Und in der Wand sitzen die, die sich noch nicht trauen.
Es braucht soviel Mut! Auch da.
Und diese Art Mut ist uns  doch ein bisschen vertrauter. Einfühlbarer.
Wie die Kleinen da hocken. Und WISSEN, sie müssen springen. Um zu überleben. Aber sie wissen eben nicht, ob sie es können. Sie haben es noch nie gemacht!
Diesen Mut, diese Entschlossenheit, die braucht man. An den Wendepunkten im Leben. Wo man  weiß, man muss einen Schritt machen. Hier hocken bleiben macht keinen Sinn. Es ist zu eng. Und wird immer enger.
Aber man weiß eben nicht: ob man das kann! Diesen Schritt machen. Oder ob man abstürzt. Stattdessen.

Jeder von muss immer wieder mal im Leben
den Mut der Wandbrüter, sag ich mal, aufbringen. An diesen besonderen Stellen in der Lebenszeit.
Ich denke, wir alle kennen ihn.

Den braucht es. Keine Frage.
Warum dann noch den Mut des Schmetterlings?
Ich kann gar nicht sagen, warum ich glaube, es könnte sein, du brauchst den Mut des Schmetterlings.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es gar nicht so ist. Du wirst es wissen.

Warum ist das so ein besonderer Mut?
Weil , naja... die Raupe Nimmersatt halt. Erst ist da das Ei. Dann schlüpft eine Raupe da raus. Und die entwickelt sich. Lernt alles, was eine Raupe so lernen muss. Bis sie groß und stark genug ist. Um sich zurückzuziehen. In ihren selbstgebauten Kokon.
Da ruht sie nun. Bewegt sich nicht mehr vom Fleck. Verändert sich ganz behutsam. Langsam. Immer ein Stückchen mehr.
Bis dann der Tag kommt, an dem die Raupe ein zweites Mal schlüpft. Und nichts mehr Sinn macht, was sie gelernt hat von Leben. Sie weiß nichts mehr vom Leben. Alles ist andres. Als sie es gewohnt war. Sie selber ist anders. Sie ist sich selbst so fremd. Sie sieht anders. Riecht anders. Schmeckt anders. Atmet anders. Hat viel weniger Beine als vorher. Und etwas auf dem Rücken, das vorher nicht da war. Und viel feiner ist als alles, was sie als Raupe war. Und hatte. Viel verletzlicher. Viel zarter.
Da braucht es ganz eignen Mut. Schmetterlingsmut.
Wenn sie genug gesammelt hat, dann öffnet sie langsam und ganz sorglich diese neue Zartheit an sich. Schwingt zwei- oder dreimal zögerlich durch... und dann
fliegt sie. Ein völlig neues Wesen.
Alle Erfahrungen, die sie vorher gemacht hat, sind nicht mehr nützlich.
Sie hat ein völlig neues Wesen.
Ist ganz zart jetzt. Und muss trotzdem vertrauen.
Schmetterlingsmut.

Jetzt sind wir Menschen ja nu keine Schmetterlinge... und nicht alles lässt sich eins.zu eins auf uns übertragen.
Aber das mit dem Zurückziehen, dem Kokon, den wir uns auch zulegen, und in ihm verharren, das ist schon ähnlich. Und dass wir uns kaum merklich verändern, in solchen Zeiten, auch.
Nur sind wir dann nicht ein völlig neues Wesen. Mit weniger Beinen und einem zarten Hauch im Rücken.
Aber, wenn es Schmetterlingsmut braucht, dann ist schon auch etwas Zartes in uns gereift. Und das lässt uns auch immer wieder anders fühlen als früher. Feiner. Schönheit spielt da auch eine Rolle. Entweder wir zeigen mehr als vorher unsre  eigne Schönheit. Oder wir empfinden sie viel tiefer, sinnlicher im Draußen, im Drumherum.
Und verletzlicher fühlt man sich auch. Und ist es auch. Aber man weiß: das gehört dazu. Zu dem neuen Erleben. Leben. Und wir lernen auch damit umzugehn.
In diesem neuen Leben. Nach und nach.

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht für dich.
Den Mut der Lehmwandbrüter, den wirst du sehr wohl brauchen. Ein wilder  Mut.
Und vielleicht, ganz vielleicht brauchst du auch den Schmetterlingsmut. Das kannst nur du wissen.
Und wenn es so ist, dann wundert es mich garnicht, dass das ne lange Weile braucht. Bis du dir den gesammelt hast.
Ich weiß, Geduld ist nicht deine Störke.
Aber Schönheit schon.
Es wäre ein Weg zu neuer Schönheit.
Der Preis? Neue Verletzlichkeit.
Wer die Schönheit liebt, zahlt den Preis. Irgendwann sogar gern.
Wenn man sich ein bisschen auskennt.
In dieser neuen Welt.




nachtwind

Weil ich mittlerweile verstanden hab, das nichts zufällig war und ist in dieser Krebszeit nah am Tod, auch jetzt noch - deshalb, und nur deshalb stell ich mich dem jetzt. Es ist mir sehr unangenehm. Aber vielleicht finde ich ja auch hier, wenn ich es aufrichtig will, einen neuen Zugang zu Veränderung. Wie auch immer die aussehen mag. Mir immer noch nicht mal vorstellbar.
Wie finde ich zu der Zurückhaltung, der gesunden.
Ich werd das Gefühl nicht los, dass ich erstmal verstehen muss. Warum ich so vertrauensselig bin.
Ich sollte es doch nun wirklich verinnerlicht haben. Dass Menschen nicht immer
das Beste für einen wollen. Nicht immer das Beste aus sich herausholen.
Manchmal auch richtig Freude daran haben, einen wirklich zu verletzen.
Es ist mir so unverständlich!! Warum ich das nicht checke.
Warum hat mich meine Geschichte nicht gelehrt, eher sehr hoch intensiv zurückhaltend zu sein??
Was brauch ich denn noch?! Dass ich es lerne?
Es ist so ein Widerspruch in sich. In mir.
Mit meiner frühen Geschichte sollte ich doch eher misstrauisch sein, oder?
Und ich bin das glatte Gegenteil.

Was mir fehlt?
Distanz, Zurückhaltung ... den Dingen ihren Lauf lassen. Dass sie sich selbst entwickeln. Auch ohne das ich das Gefühl hab, etwas dafür tun zu müssen.
Und einfach erstmal zu schauen. In Ruhe zu schauen. Bevor ich mich dazu entschließe, eventuell!, mich einzubringen.
Muss doch möglich sein!
Ist es - noch - nicht.

Aber es erinnert mich an was! An unseren Familienurlaub.
Da ist es mir aufgefallen, dass es ganz anders sich anfühlt als sonst.
Vielleicht kann ich so
einen Zugang finden. Zur Zurückhaltung. Zur lang ersehnten!

Das, was ich nicht kann.
Ich hab es mir millionenfach vorgenommen - und nie! auch nur ansatzweise! hingekriegt.
Ich bin ständig unter Druck. Ich kann mich nicht zurückhalten. Es geht einfach nicht.
Egal was ich versuche - ich schaff es einfach nicht.

Meine älteste Enkeltochter hat es mal auf den Punkt gebracht. Wir waren unterwegs, ihr Kleid für die Konfirmation zu finden.  Da sagte sie zu mir: ,,du willst nur immer helfen - aber dadurch wird es oft nur noch schlimmer." Ich war völlig verblüfft. ,,Mädeli", sag ich bewundernd,  ,,da hast du das Dilemma meines Lebens in einen kleinen klaren Satz gepackt!"
Genau so ist es!

Hab ich schon erwähnt, dass ich außergewöhnlich kluge Kinder und Enkelkinder hab?
:)
Haben sie bestimmt von mir. ;)
Scherz.

Ehrlicherweise muss man schon auch noch da hinzufügen, dass es oft genug auch mal gelingt. Also, das immerzu helfen wollen. Aber die vielen vielen Male, wo es eben nicht passt, sondern alles nur noch viel schlimmer macht, die sind eben auch da. Und die merkt man sich. Das, wo's flutscht, nicht so. Ist so.

Ich hab den Satz meinem Sohn erzählt. Er war begeistert!
Spätestens da wurde mir klar, dass das mit dem ,, mach ich es noch schlimmer" wohl doch so stimmt.
Mir war natürlich aufgefallen, dass es nicht gelingt. Wenn es nicht gelingt. Aber dass es die Sache schlimmer macht, das war dann doch erstmal eine winzigkleine Kröte. Die ich schlucken sollte.
Als mein Sohn sich so gefreut hat drüber, da hab ich es dann begriffen: wenn es nicht gelingt, das Helfen, dann mach ich die Sache nur noch schlimmer.
Kröte geschluckt.
Noch nicht richtig verdaut.
Aber auf einem guten Weg.

In der Phase kurz nach dem Ende der Bestrahlung, als ich noch ganz schlafwandlerisch durch die Welt streifte, noch nicht ganz da, noch nicht ganz fort... zwischen allen Welten, da hab ich es gespürt. Wie es sich anfühlt. Das Leben. Wenn ich nicht mehr verantwortlich bin.
Es hat so gut getan!

Vor mir die Enkelkinder, ich hinter ihnen, sie brauchten mich nicht, ich konnte ihnen ganz in Ruhe zuschauen... es war so wunderbar. Wir wir da liefen durch den elsässischen Wald... vorneweg die vier Kinder, in der Mitte ich, und hinter mir, in einigem Abstand, mein Sohn und meine Tochter, in ein Gespräch vertieft..
und ich dachte nur: so wird es weitergehen. Wenn ich nicht mehr bin.
Und es fühlte sich soo gut an. So friedlich. Und auch, für mich: so zuversichtlich.
Es wird nicht nur gehen - es wird gut gehen.
Sie haben sich.
Der  familiäre Rückhalt hört nicht auf. Wenn ich raustrete.
Er geht weiter. Gut weiter.
Sie werden was draus machen.
Ich war so dankbar. Für meine Kinder und Kindeskinder.
Sie machen es gut! Sie gehen ihren Weg! Auch wenn es schwer wird - sie gehen ihren Weg.

Jedes Lebensalter hat seine eigenen Herausforderungen. Immer wieder muss man sich entscheiden. Neu entscheiden. Es ist nicht leicht.
Manchmal auch sehr schwer.
Aber sie haben bis jetzt jede Herausforderung gemeistert. Sie werden es auch weiterhin schaffen. Zu sich zu stehen. Und das eigne Leben immer wieder neu zu erfinden. Bis alles passt. Alles wesentliche.
Sie schaffen das.

Mein Sohn und meine Tochter hatten sich die Jahre vorher ein bisschen aus den Augen verloren, ohne Streit oder so - einfach jeder mit seinem eignen Leben beschäftigt. Und vier Stunden Fahrt auseinander.
Durch meine Krankheit haben sie sich wieder entdeckt.
Da, in unsremFamilienurlaub, hab ich so intensiv gespürt, wie es sich anfühlt. Wenn man sich zurückhalten kann. Und alles geht seinen Gang. Seinen guten Gang.
Da war so viel Frieden in mir.
Und so viel Dankbarkeit.
Und Ruhe.

Das ist jetzt genau acht Monate her.
Und ich merke grad: ich sollte mich vielleicht nur daran erinnern. An diese Zeit. An das Leben noch nah an der Kante. An diese magic Spaziergänge durch die Wälder. Im Elsass. In unserem Familienurlaub. Vier Tage im Elsass.
Sie hatten es mir zum 70. geschenkt. Vier Tage wir alle zusammen.
War gar nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen.... es hat immer irgendetwas nicht gepasst.
Und das war jetzt unser aller Glück. Denn so konnten wir den Plan auch nutzen
zur Feier von: ,,ist ja alles erstmal gut gegangen!"
Und die Versuche vorher waren einfach nur Training.
Für die glattgeschmierte Umsetzung jetzt.
Meine Tochter war diejenige, die entschlossen die Initiative ergriffen hat.
Und dann lief alles zusammen. Was vorher einfach nicht recht passen wollt.
Und wir hatten es richtig schön. Alle miteinander.
Ich trag es immer noch in mir.

Da hatte ich diese Zurückhaltung. Es ist mir deutlich aufgefallen. Dass es anders ist als sonst. Wie ich mich verhalte.
Aber genau verstanden hab ich es nicht. War ja auch nicht wichtig! War ja schön. :)
Jetzt beginne ich. Zu verstehen...
Zurückhaltung, diese kostbare Zurückhaltung hab ich gewonnen dadurch, dass ich mich von der Verantwortung verabschiedet hab. Gedanklich.
Mir die Welt ohne mich vorstellen musste.
Aus gegebenen Anlass. Es blieb mir nix. Als eben das.

Mein Druck ist die Verantwortung. Die ich für alles und jedes spür. Das
ist mein Druck.

Wenn ich das so schreib - und les, dann denk ich verwundert: ja - ist doch klar! Wo ist das Problem?! Wo war das Problem?!
Aber ich hatte es nie so genau vor mich hingelegt. So schlüssig zusammenhängend.
(Vermutlich auch eins der Dinge, die man so lernt in einer Therapie.)
Krass.
Gut, möglichweise auch deshalb nicht, weil es irgendwie müßig gewesen ist. Diese Zusammenhänge zu erkennen. Wenn da nicht auch ein Ausweg ist. Aus dem Dilemma.
Ein Griff, ein Hebel, der funktioniert. Um das Ganze mal beiseite zu schieben. Wenn es mich grad quält.
Die Erkenntnis, das mein Druck die Verantwortung ist, befreit mich ja nicht. Wenn ich nur denken kann: na toll!! Und wie komm ich jetzt von der dämlichen Verantwortung los?!!
Die Krankheit hat einen Namen. Schon mal gut! Aber einfach keine Handlungsanweisung. Auch nicht wirklich hilfreich! Bisschen schon.
Aber letztlich auch ein bisschen enttäuschend. Dass es nicht entscheidend hilft.

Jetzt aber, vor 8 Monaten, im Elsass mit meiner Familie, da hab ich es gespürt.
Es hat sich etwas grundlegendes geändert. In mir. Und es fühlt sich so friedlich an. So frei und gleichzeitig so warm.

Ich konnte mich zurücknehmen.
Weil ich mich damit auseinandersetzen musste, dass meine Zeit zu Ende geht.
Dass es mich nicht mehr geben wird.
In naher Zukunft.
Und weil ich dadurch verstanden hab, gesehen hab, dass alles weitergeht, wenn ich gegangen bin. Und dass es gut weitergeht. Weil sie stark sind. Alle die meinen.
Und da war sie dann da - de Zurückhaltung.
Ganz von allein.
Überhaupt nicht erzwungen! Überhaupt nicht: Der Druck bezwungen!
Mit wieviel Willen wollt ich es immer zwingen!! Und hab es nie - nie! - hingekriegt.
Jetzt war es mit einem Mal ganz von selbst aufgetaucht in mir. Völlig mühelos.
Schwerelos.
So einfach. Und so gut.
Friedvoll, warm und freundlich! Meine Zurückhaltung.

Es war schon mal Thema. Als ich von der Narkose aufwachte... und ich nichts machen musste. Es wurde für mich gesorgt.
Wie befreiend das für mich war, wie beschenkend!
Ich hab es so innig gefeiert.
Es war so neu...

 Verantwortung. Auch da ging's um Verantwortung.
Und der Ausweg aus dem viel-zu-viel hab ich durch keine Anstrengung, durch keinen Willenspfeil und Willenshammer, durch kein noch so trickreiches Anrennen und Bekämpfen erkennen können.
Es wurde mir geschenkt.

Das sind dann so Momente, in denen ich denke, das Leben ist voller Antworten. Voller Lösungen. Voller Auswege. Voller Gelingen.
Man  muss es sich nicht immer erringen.
Manchmal reicht es auch, einfach beharrlich dranzubleiben. An all den Misserfolgen
nicht zu resignieren, sondern immer weiter sich bemühn.
Dann kommt vielleicht auch mal
das Leben in all seiner Fülle
und schenkt es einem.
Einfach so.

Jetzt ist der Druck dadurch nicht weg. Wie auch? Er gehört ja zu mir, wie meine Sommersprossen und meine kurzen O-Beine. :)
Aber ich weiß jetzt, wie er heißt.
Und was ich tun muss, wenn er mich quält.
Dann kann ich mich erinnern. An die Tage im Elsass. An die Nacht nach der Op, als ich im Oxytoxin-rausch das Wunder so innig in mir gespürt hab: ich muss mich um nix kümmern! Es wird sich gekümmert. Auch: um mich.

Der Druck, der gehört schon zu mir. Und loswerden kann und will ich ich nicht.
Druck ist nicht immer nur schlecht.
Druck kann aus Organischem
auch mal Diamanten hervorbringen. Einfach so.
Ist doch auch was Feines.
Muss ja nicht immer sein.  ;) Aber manchmal
ist es auch wieder richtig schön.
Was da so aus viel Druck auch entstehen kann.

Aber wenn er quält - wie oft hat er mich gequält, und wird es bestimmt immer wieder noch tun!
Es ist mir nicht immer gegeben, dass ich total aufmerksam bin ;)
Aber wenn er mich quält und ich zufällig mal aufmerksam bin, dann weiß ich jetzt, was ich tun kann - mich erinnern, was der Tod mir gezeigt hat.
Als ich ihn in mein Leben ließ.

Es ist ja keine Theorie!! Ich hab es doch erlebt!!
Es ist ja in mir.
Und hat Spuren hinterlassen.
In mir.
Gute Spuren.
Ich muss mich nur erinnern.

Alles, was ich bisher gelernt hab vom Tod, ist: Leben und Tod sind keine Gegensätze.
Im Gegenteil!
Es ist nicht nur so, dass ,,der Tod ein Teil des Lebens" ist.
Er ist vielleicht der hilfreichste Teil des Lebens.
Kommt mir so vor. Bis jetzt.
Ich bin ja noch nicht tot.
Da kann noch vieles andre sein.
Aber bis jetzt ist es für mich so.
Und ich bin tief dankbar, dass er mich noch ein Weilchen lässt. Damit ich nachdenken kann. Nachspüren auch.
Und vieles besser versteh.
Als jemals zuvor.

Dem Leben bin ich dankbar! Und dem Tod!
Dass es sie gibt.
Dass es sie so gibt, wie es sie gibt. Für mich.
Zu guter Letzt.

nachtwind

Das war jetzt gar nicht so geplant. Hat sich einfach so ergeben.
Wenn das ein Buch wär, würde jetzt drüber stehen: 2. Teil.
Ich weiß nicht, ob das inhaltlich so stimmig ist. Das wird sich noch zeigen. Aber es fühlt sich grad so an.

Also                              2.Teil

Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein erzählt mir nach der Visite die Geschichte noch einmal, mit den Geschenken aus dem Sc-Fanshop. Für ihren Enkelsohn.
Hat sie gespürt, dass die beiden jungen sie nicht verstehen? Besser: ihre Geschichte nicht verstehen?
Und sie erhofft sich von einer Älteren mehr Erfahrung im Leben?
Vielleicht war es doch unbefriedigend für sie, und die Geschichte schwebte für sie noch unwahrgenommen im Raum?  .... oder sie erzählt einfach gern die Geschichten zwei-, dreimal. So furchtbar viele, denkt sie vermutlich, hat sie ja auch nicht zu erzählen. Fremden.
Ob sie jemanden hat, dem sie ihre persönlichen Geschichten erzählen kann?
Jemand, der nicht fremd ist? Und nicht ihr Sohn.
Ob sie sie in Worte fassen kann? Wenn vielleicht nie irgendjemand jemals sie gefragt hat?

Wie auch immer, ich versuche ihr aufmerksam zuzuhören. Fällt mir nicht schwer.
Ich weiß doch, wie es ist, wenn man Monate vor dem Geburtstag anfangen muss, ein bisschen was vom bisschen was zur Seite zu legen. Und wieviel Angst man dann hat, ob das jetzt die richtige Geburtstagsfreude ist?
Denn man hat nur diese eine Chance.
Da gibt es Bauchweh im Vorfeld. Und schweres Herz. Das drückt.
Dass man nicht schlafen kann. Mit einem so schweren Herzen.

Und natürlich bin ich nicht doof. Natürlich frag ich mich bang, ob der kleine Kerle sich auch wirklich freut - über diese teuren Geschenke.
Ich weiß jetzt nicht, welcher Verein in der Nähe von dem Ort, in dem er lebt, zu Hause ist. Freiburg ma sicher nicht.
Ob die Kollegen in seiner Klasse und im Fußball (,,er geht trainieren! Papa geht mit!")
den SC Freiburg kennen? Und ihn gut finden? Mit sechs hat man doch meistens noch nicht so den ganzen großen Überblick, oder?
Hoffentlich wird er nicht auch noch gehänselt deswegen?! Nein, das wär zu traurig jetzt. Nein, das streich ich ganz schnell wieder aus meinen Gedanken.
Klappt nicht wirklich gut. Aber eine Etage tiefer sind diese Gedanken schon bereit zu rutschen. Das ist schon mal bisschen gut. Wenigstens.
Meine Hoffnung, dass so dann nix  mehr durchschimmert, nix durchscheint von diesen Gedanken. Für sie.

Unehrlich? Für moralische Korinthenkacker sicher. Für mich nicht so klar.
Wäre ich ihre Freundin, dann müsste ich mich schon drum kümmern. Irgendwie.
Bin ich aber nicht. Wir teilen uns nur ein Zimmer. Für ein paar Tage. Teilen uns das Bad. Und die Patientenkittel.
(Ich jetzt nicht mehr. Habe meine externen Beutel sortiert bekommen. Und zieh mich an und aus. Fühlt sich gut an. So normal! - Sie immer noch im Kittel. Aber nicht, weil sie noch nicht fit genug ist - sie hat einfach keine Klamotten zum anziehen. Sie ist per Notfall eingeliefert worden. Und niemanden, der ihr mal paar Klamotten vorbeibringen kann. So wie sie erzählt, wie es in ihrem Zimmer aussah, will ich gar nicht mehr wissen, in welchem Zustand ihre Klamotten waren. Es gibt Geschichten, die möchte man nicht wissen... damit man sie dann nicht im Kopf hat. Und nicht mehr loswird.
Aber ganz so ist die Geschichte dann doch wieder nicht. Als sie entlassen wird, kramt sie eine Tüte Klamotten aus ihrem Spind. Geschenk des Hauses. Für solche Fälle.
Hatten wir auch. In der Klinik. Gibt nicht oft so Fälle. Aber manchmal eben doch.
Warum sie die nicht benutzt hat, weiß ich jetzt nicht. Aufgehoben halt.
,,Es war ja noch ganz warm! Als ich eingeliefert wurde. Jetzt ist es kalt."
Vielleicht war es ihr vor sich selber peinlich? Und wehender Patientenkittel weniger?
Ich hab sie nicht gefragt.)

Ich bin nicht ihre Freundin. Wir teilen uns nur ein Zimmer. Für ein paar Tage.
Ich bin fremd. Ich muss nicht. Sie behutsam auf so was hinweisen...

Machst du es dir damit nicht zu einfach? Ist das nicht ein billiges  ihr-nach-dem-Mund-reden?! Und wofür? Damit sie dich mag?!!!
Das klingt jetzt nicht nett. Ich bin verunsichert.
Aber ich will nicht so einfach abgebügelt werden!
Etwas ist neu... : ich geh dem tatsächlich nach...
und finde nach einigem Hin und Her dann etwas, mit dem ich besser leben kann.
Ich bin nicht unehrlich - ich verschiebe die Wahrnehmung nur. Von der Gesamtsicht
runter auf die Wahrnehmung  ihrer eigenen Leistung. Die sie vollbringt. In dieser Geschichte.
Und da ist es nicht unehrlich. Diese Leistung zu wertschätzen.
Dass sie vielleicht dem Buben kein wirkliches Glück bringt damit, das belasse ich in der Gesamtsicht. Vielleicht stimmt es ja auch gar nicht. Reine Spekulation.
Ich bleib dabei: das darf man so machen. Die Wahrnehmung fokussieren.
Und dann ist alles wieder echt.
Nix billig - ganz ehrlich.
Alles wieder gut.

Seit dieser Geschichte bin ich ihre Ansprechpartnerin. Wenn ihr nach Reden zumute ist. Ist jetzt auch kein Verdienst. Unsre dritte Zimmerkollegin hüllt sich in Schweigen.
Wird fast unsichtbar. Dadurch.
Und sie ist auch in echt nicht wirklich sichtbar. Für uns.
Sie liegt rechts neben mir. Eigentlich liegen wir ganz eng nebeneinander.
Aber der Vorhang zwischen uns ist zugezogen. Und so bleiben wir uns
unbekannt. Sind uns unbekannte Welten.
Und für Frau mein-Enkel-ist-6... liegt sie um die Ecke. Unsre beiden Welten, unsre Betten, stehen sich gegenüber. Sichtkontakt, wann immer man ihn will.
Zu der umhüllten Kollegin ausschließlich, wenn sie in's Bad huscht. Mit ihrem wehenden Patientenkittel.
Und da hat sie keine Blicke übrig - das geht sie hoch konzentriert an. Auf dem Weg dorthin kurz die untere Schublade des Materialwagens geöffnet, Einlage und manchmal Netzhöschen rausgeangelt, angestrebt nicht groß anzuhalten, eher im Vorbeigehen - und flapp, schließt sie schon die Badtüre von innen.
Energisch ist sie schon!
Ich kann mir gut vorstellen, wie sie so den Haushalt bei sich wuppt. Da ist nichts verschwendet! An Energie. Alles ökonomisch durchdacht. Jeder Weg, jede  Bewegung. Ich sag ja: toughe Frau.

Zwischen uns ist kein Vorhang. Und ab jetzt schon gar nicht.
Aufdringlich ist sie ja nicht. Das Alleinsein gewöhnt. Braucht keine Worte, keinen Austausch um jeden  Preis, um sich lebendig zu fühlen. Das ist richtig angenehm.
Ich brauch auch immer wieder Zeit für mich. Um mich zu sortieren.
Jetzt trink ich schon so viel. Aber die Narkose wirkt immer noch nach. Subtil.
Aber doch wahrnehmbar.
Wenn ich jetzt etwas unter Zeitdruck machen müsste, wär ich lost.
Muss ich aber auch nicht. Auch das ein Grund dankbar zu sein.
Und darin kann ich immer wieder gern mich einfach reinkuscheln. Und verweilen.
Das ist mein Lieblingsplatz grad. Ich hab schon Kuschelbedarf.
Wie gut, dass das so einfach geht! Ich wuschele mich von einer Dankbarkeit in die nächste. Und kuschele dort ergiebig. Und fröhlich vor mich hin.
Ich bin schon ziemlich einfach gestrickt.
Das hat große Vorteile! Oft.



nachtwind

Steigere auch täglich meine Ausflüge. Erstaunlich, wie schwach man so sein kann. Wegen etwas, an das man sich gar nicht mal erinnern kann.
Wegen Narkose überhaupt nicht erlebt hat. Bewusst. Und deshalb auch nicht auf dem Schirm hat.
Und trotzdem so kräftezehrend in den Knochen.
Fast wie ein Trauma.
Was heißt schon fast? Eigentlich
genau das.
Anschauungsunterricht. Erfahr-Unterricht.
Erleb-es-Unterricht!
Und vergiss es im besten Falle nicht.
Nur weil du den Mond nicht siehst hinter den Wolken, scheint er doch.
Nur weil du dich nicht erinnern kannst, wirkt das Trauma doch.
Und zieht dir deine Kraft aus den Knochen.
Weil es dort gebraucht wird. Am Ort des Geschehens.
Bis es verheilt.
Verheilt es?

In meinem Schrankabteil im Zimmer der Neugeborenen, da hab ich am Morgen 4 wackelige Schritte gewagt... und 4 zurück. Am Abend in meinem richtigen Zimmer dann tollkühne zehn bis fünfzehn. Vom Bett zur Türe... und dann zehn bis fünfzehn zurück.
Da hat mich das Bett dann auch schon mit offenen Armen erwartet. Und ich konnte versinken in der warmen Umarmung. Und mich an der starken Schulter ausruhen.
Ich mag mein Bett zuhause so! Eigenartigerweise
dieses hier auch.
Das jede Woche seine Besitzer wechselt. Kurz mit Desinfektionstüchern abgewischt, noch nicht ganz trocken schon wieder frisch bezogen. Und wenn es Glück hat, ein, zwei Stunden Durchschnaufpause hat. Bis der nächste sich seufzend breit macht auf ihm.
Und das Bett? Erträgt das stoisch. Einen nach dem andren. Schmale Knochige genauso wie sich eindrücklich Platzschaffende, Laute und Leise, Sterbende und Genesende .... allen bietet es seine Herberge an. Für eine kurze Zeit.
Was dieses Bett wohl schon alles erlebt hat, denk ich kurz. Aber eigentlich will ich es gar nicht wissen. Es reicht mir völlig, das es jetzt so zuverlässig für mich da ist.
Ich mag es schon richtig gut leiden. Besonders, wenn es verlässlich am Ende meiner Ausflüge mich mit seinen ausgebreiteten Armen empfängt.
Am 2. Tag dann erstmal keine Abenteuer, das Schlechtsein wirkt noch nach in mir. Erst am Abend trau ich mich kurz. Auch nur, weil ich weiß, ich sollte schon. Wenigstens probieren.
Und siehe da, es geht die doppelte Länge: Vom Bett zur Türe, wieder zurück - und nochmal das ganze. Meine kleinen Op-Wunden zwicken ganz schön, aber im Bauch innendrinnen bleibt alles ruhig.
Ich nehme mir vor, überhaupt keine Schmerzmedis mehr zu nehmen. Damit ich aufpassen kann, wann es zu viel wird.
Tags drauf traue ich mich auf die Schnellstraße, draußen auf dem Gang. Ich habe nachgefragt, ob ich meinen Urinbeutel selber lehren darf, kurzes Zögern, ,,oder brauchen Sie da was - Mengenkontrolle oder so? Oder was zum untersuchen?" Nein, das nicht.
Also gut, dann mach ich das. Vielen Dank!
Das hilft enorm. So kann ich ihn entleeren, mich anziehen und ihn leer vorne in meinen Hosenbund einhaken. Wenn er leer ist, der Beutel, kann ich das ja gefahrlos machen.

Mein Drainagebeutel passt prima genau in einen Waschlappen rein. Falls da mal ein Besucherkind rumläuft - man will ja jetzt niemanden unnötig erschrecken. Nur ne Wäscheklammer hätt ich schon gern gehabt. Um ihn auch an Hosenbund einzuklemmen. Aber gut - muss ich halt ab und zu mal hinschauen. Und zurechtzuppeln. Muss halt jetzt so gehen.
Und bis auf einmal, als ich ihn tatsächlich verliere unterwegs, den Waschlappen, geht es ja auch jedesmal gut.

Also verlege ich meine Bemühungen, meine Selbstständigkeit wieder zu erlangen, in die Öffentlichkeit.
Das ist jetzt erstmal ziemlich verwirrend. Wie gesagt, die Zeit, die überall draußen herrscht, ist um einiges schneller als meine eigne Zeit, gerade.
Ich bemühe mich, ein Ziel anzupeilen - und alles andre auszublenden. Gelingt semiprächtig, aber zumindest ausbaufähig. Ich fühle mich schon sehr als Fremdkörper. In einer funktionierenden ordentlichen Welt. In der es ein vorne und ein hinten gibt, ein oben und ein unten - und sich geschickt darin bewegende Menschen. Die ein klares Ziel haben. Und es auch mühelos erreichen.
Und ich nur eins potentiell kann: dadrin stören.

Das große Glück ist jetzt, dass ich mich mein Leben lang hauptberuflich so fühle - da schreckt mich das nicht wirklich ab. Es lässt mich bedrückt seufzen. Aber abhalten kann das mich jetzt auch wieder nicht.
Alles hat auch seine guten Seiten.

Und so stake ich ein wenig zurückhaltend und vorsichtig in mich reinhorchend durch das Meer an wuselig beschäftigten Menschen. Und ecke nirgends an. Immerhin!
Werde ein bisschen übermütig, was die Strecke angeht, und habe dann gelinde Mühe, mein Zimmer am Ende auch wieder zu erreichen.
Was aber dann auch ein kleines aber starkes Glücksgefühl auslöst in mir. Als ich bemerke, ich schaff es doch!
Dann noch die paar Schritte zu meinem geduldig auf mich wartenden Bett - und ich versinke in dem nächsten Dankbarkeitskuschelteich. In dem ich mich treiben lassen kann. Und niemals untergehen kann. Kuscheltime.
Dieses Bett, das schon so manches pures Elend mitbekommen hat, ganz wörtlich, wird für kurze Zeit zu einem sicheren Grund eines Dankbarkeitsteiches... und der, je länger ich mich drin ausgiebig entspanne, sich zu einem ruhigen See ausdehnt ... mit feinen Sandbänken darin. Und Wasser, das man bedenkenlos trinken kann.
Hach ja!...
Ein ziemlich vielseitiges Bett. Mein Bett. Mal ein Kahn, der einen Menschen sicher über den Jordan bringt. Manchmal ein Folterinstrument, das Menschen zur Verzweiflung bringt; manchmal  wieder ist es ein Gefährt. Manchmal ein stiller Tröster, der die Tränen behutsam zählt. Und jetzt eben ein See aus klarer Dankbarkeit.... sag keiner, dass so ein Krankenhausbett nicht eine große Bandbreite an Erscheinungsformen haben kann!
Und bleibt, weil Ding, unbeirrbar
stoisch ruhig dabei.
Macht keinerlei Aufsehen drum.
Ich mag manche Dinge ziemlich sehr.

In der Nachschau jetzt kommt es mir wirklich immer so vor, als wäre in dieser Zeit wirklich nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit, ohne Bedeutung gewesen.
Selbst so ein erster Ausflug auf dem Flur nicht.
Als hätte sich das Leben selbst zu mir an's Bett gesetzt und mir gesagt: dein Leben geht zu Ende... jetzt nehm ich mir Zeit für dich, Extrazeit.

Nicht so nach dem Motto: hast dir ja Mühe gegeben, jetzt helf ich dir ein bisschen... - (was  ja mehr wäre, als ich für möglich gehalten hätt. Gehofft schon, ganz tief im Stillen, mit vielen heissen Tränen leise gedüngt. In diesen Nächten. Die kein Ende nahmen. Und dann doch. Noch einmal.)

Sondern eher so: du kommst zum Ende, jetzt bin ich für dich da. Schau genau hin. In mir sind alle Antworten. Die du gesucht hast. Und die du nicht gesucht hast. Schau hin. In allem
sind meine Antworten.
Waren es immer. Sind es immer.
Jetzt sitz ich bei dir. Jetzt
kannst du sie sehen.
Im allerkleinsten. Und im Großen. Überall
sind sie.
Schau einfach nur hin.
Das ist alles.
Was du zu tun hast. Gerade.

Und natürlich klingt das jetzt schön: das Leben setzt sich zu mir an's Bett. Und genauso hab ich das auch empfunden. Aber vermutlich hat das Leben für solche Momente, die wir alle erleben werden, irgendwann, schon seine kleinen Helferlein. Die ohnehin ständig um uns rumwuseln. Immer bereit, uns zu helfen. Dass wir besser verstehen.
Wie das geht: leben.
Und die haben sich jetzt an mein Bett gesetzt. Ganz ernsthaft. Und konzentriert. Und mich immer wieder angestupft. Und mir dann zugeschaut. Wie ich Stückchen für Stückchen
auch in klitzekleinen Erlebnissen
ein kleines bisschen Klarheit entdecke. Wie Leben so ist.
Wie Leben geht.

Und was entdecke ich nu in diesem klitzekleinen Erlebnis?
Wie ich so lieg in meinem See der Dankbarkeit. Dass da ein Bett auf mich gewartet hat. Und mir jetzt
die perfekte Sandbank ist. Um mich geschützt zu erholen.


Spannung und Entspannung, denke ich. Der Rhythmus des Lebens.
Nicht nur dem Computer reicht 0 und 1, um die Welt zu erfassen.
Mehr als zwei ist oft nicht nötig. Um wesentliches zu beschreiben. Auch für mich.
Wenn ich zwei Gegenpole gefunden hab, kann ich lange und immer wieder darüber nachdenken. Und manches erklärt sich mir dann immer wieder mal
fast von selbst.
Spannung und Entspannung. Wenn man sich drauf einlassen könnte, ganz und gar, dann wär das vermutlich das ultimative Wiegenlied. Und die kraftvollste Hallo-wach-Fanfare dann dazu.
Immer im Wechsel... so käm man durch's Leben!

Es hat sich in mir mal ein Satz festgesetzt, Jahrzehnte schon ist es her.
Ist schon komisch mit diesen Sätzen. Die sich von selbst auf einen Zettel schreiben. Und sich an den Kühlschrank kleben.
Warum jetzt gerade der?!
Da hab ich bestimmt schon 70 Trilliarden hoch 50 000 Sätze gelesen, gehört und gedacht - warum bleibt mir dann genau dieser so im Gedächtnis?
Er klingt ja nu auch nicht sonderlich spektakulär?!!
,,Wenn du so gehst, dann kommst du zwar nicht als erster an. Aber du kommst an. Und zwar ausgeruht."
Da ging es um die westliche und die östliche Art zu gehen. Der Westliche kämpft sich durch den Dschungel, gibt Gas, hochroten Kopf... Muss dann dringend Pause machen. Der Östliche kämpft nicht, zwingt sich nicht, zwingt auch die Strecke nicht. Er schwingt sich ein.
Natürlich ist das ein Klischee - und heute würde man auch nicht mehr westlich und östlich sagen, es hat sich alles sehr vermischt. Man würde das eher  verschiedenen Charakteren zuordnen.

Ich weiß nicht, warum so ein nebensächlicher Satz sich so festgesetzt hat in mir. Dass er immer wieder mal auftaucht.
Irgendein Sätzesammler in mir muss da etwas drin sehen, was mir nicht ersichtlich ist. Irgendwas, was für mich wichtig ist.
Jetzt fällt er mir wieder ein.
Nicht wegen des Gehens. Wegen des Ankommens.

Wer so geht, immer im Wechsel Spannung und Entspannung, der kommt nicht als erster an. Aber ausgeruht.
Der muss sich nicht erst ausruhen nach dem Ankommen. Er ist ausgeruht.
Herausforderung und Entspannung, wenn sie sich immer die Hand geben, ich glaube, dann kommt man auch ausgeruht an. Nicht als erster. Aber ausgeruht.
 
Für mich als Schisser und immer unter Druck
ist entspannen oft einfach
nur wieder eine neue Herausforderung. Die will, dass ich muss. Aber ich kann doch oft gar nicht.
Dankbarkeit
ist für mich der leichteste Weg dahin.
Wenn ich erstmal dankbar bin, entspannt es sich von selbst.
Dankbarkeit
ist mir ein Schlüssel, glaube ich.
Dass mir mein Leben
doch gelingt.

Mir war schon viele, viele Jahre klargeworden, dass Dankbarkeit für mich ganz wichtig ist. Und mir Gott sei Dank auch sehr leicht fällt. Als habe ich es unbewusst
mein ganzes Leben beharrlich eingeübt.
Jetzt verstehe ich auch, warum.
Weil ich, wenn ich dankbar bin, von selbst entspanne.
Spannung und Entspannung.

Herausforderung und Dankbarkeit.
Das hat mich mein winzig kleiner Spaziergang auf dem wuseligen Krankenhausgang gezeigt.
Wenn ich die Dankbarkeitspausen nutze, dann bin ich auch wieder bereit für eine neue Herausforderung.

Dankbarkeit oder Entspannung macht die Herausforderung nicht leichter. Keine Spur.
Nix Entspannung und jetzt ist das Leben fein.
Es sind nur Inseln der Erholung.
Keiner sagt, dass die Herausforderung jetzt kleiner ist dadurch.
Nichts ist einfacher dadurch. Die nächsten Schritte warten schon. Und nichts ist leichter geworden dadurch.
Eins folgt dem andren. Immer. Da gibt es kein Entkommen draus. Das ist einfach so.
So wie morgens die Sonne aufgeht. Du wirst sie nicht hindern können daran.
So geht Leben.

Aber eins ist sicher: Du bist erholt!
Danach.
Und vor dem nächsten Schritt.
Einfach nur: erholt.

Aber hey - erholt gehst du die nächste Herausforderung schon mal anders an. Als sonst.
Vielleicht ist das ein winzig kleines, aber wichtiges Geheimnis.
Spannung und Entspannung.
Es kann auch viele andre Methoden der Entspannung geben, keine Frage.
Bei mir halt
Dankbarkeit und Herausforderung... immer im Wechsel.

So
kann ein Leben gelingen.
Auch ein schweres.


Wie gut, dass ich so weise, lebenskluge Wesen in mir habe, die mich unbeirrbar freundlich immer wieder angeleitet  haben, dankbar zu sein. In meinem manchmal auch nicht ganz so leichtem Leben.
Ich wusste nicht, wie wichtig das war für mich. Ich wusste nur: es fühlt sich gut an.
Ich hab mich nie dafür bedankt.
Jetzt tu ich es.

Wie der Kapellmeister des Salonorchesters auf dem Deck der untergehenden Titanic.
Ich habe nie den Hype um diesen Film verstanden. Aber diese eine kleine Szene war es wert für mich, ihn anzuschauen:
,,Es war mir eine Ehre, mit Ihnen zusammengespielt zu haben!"
Und er verbeugt sich leicht vor ihnen. Und meint es so ernst wahrhaftig, dass es mir die Tränen in die Augen getrieben hat.

Das sag ich jetzt zu den Meinen in mir. Und weil mein Schiff noch gar nicht untergeht, sag ich's im Präsenz:
Es ist mir eine Ehre, mit euch zusammenzuleben!
Und ich verbeuge mich genauso leicht.
Und mein es genauso ernst. Wahrhaftig ernst.

Das
hab ich noch nie gemacht.



nachtwind

Am Abend drauf gibt es pünktlich das nächste Telefonat. Das genau wie die andren verläuft. Erstmal.
Dann aber geschieht etwas völlig überraschendes - nie Dagewesenes ... zumindest seit ich Teil des Zimmers bin.

Zunächst mal alles wie gewohnt. Laut. Man hört sogar den Sohn sprechen. Ausversehen auf laut gestellt? Er erzählt von einem unangenehmen Moment: er bringt seinen Sohn zur Schule, wird von der Klassenlehrerin zurückgehalten, er solle doch geschwind die 1 Euro 50 bezahlen, für den bevorstehenden Klassenausflug. Sie habe den Sohn bereits ermahnt, es mitzubringen, aber er vergisst es immer...
,,Es war sooo peinlich!" sagt er empört, ,,er hat mir nichts! davon erzählt!" Und dann ,,Gottseidank hatte ich noch ein bisschen Geld in der Hosentasche - hat grad so gereicht!"
Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein teilt seine Empörung nicht. Im Gegenteil. Mit so überraschend leiser, gewöhnlichen Stimme sagt sie, fast zärtlich: ,,er hat gewusst, das kein Geld da ist. Deshalb hat er nichts gesagt."
So schnell ist der Sohn nicht von seiner Spur abzubringen, und sie nimmt noch einmal ihren Enkel in Schutz. Mitfühlend, verstehend. Ganz ruhig. Nicht einen Zentimeter zurückweichend. Egal was der Sohn dagegenhält.

Ich bin völlig perplex - ich gebe zu, das habe ich ihr nicht zugetraut.
Sie braucht zum ersten Mal kein Schild mehr, nix Lautes, das sich zwischen sie und das Leben schiebt. Sie hat noch eine andre Stimme. Wenn sie versteht, wenn sie ihn erklärt, wenn sie ihn in Schutz nimmt. Ihren Enkel.
Eine leise Stimme. Eine leise, wissende Stimme...

Glaubt nie, ihr kennt einen Menschen.
Ihr kennt ihn nicht.
Ihr kennt vieles von ihm, manches sogar vielleicht genauer noch als er selbst sich kennt.
Aber ihr kennt ihn nicht.
Man kann sich nur annähern.
Kennen, ganz und gar,
kann man nicht.

Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein kann ihren Namen mit Stolz und Würde tragen.
Sie hat ihn sich verdient.
Sie versteht. Sie beschützt.
Sie spricht die Wahrheit aus. Auch wenn sie unangenehm ist.
Sie sorgt für ihn. Wirbt um Verständnis.

Was der Sohn jetzt weiter sagte, war nicht mehr zu hören. Hat sie geschwind auf leise zurückgestellt?
Aber man konnte es erraten. An dem, was sie antwortete. Und an dem, was vorher war. ,, Ja, ich schick's dir." ,, viel geht auch nicht bei mir."
,,Ja, ich schick's dir. So schnell wie möglich." ,,Ich schick's dir per Einschreiben. So schnell wie möglich."
Ich tue längst, als sei ich konzentriert mit etwas ganz andrem beschäftigt. Damit sie, wenn sie aufhört, ganz allein für sich sein kann.
Falls sie das gern wär.

Das Gespräch ist dann auch bald beendet. Und ich bin mir ziemlich sicher - jetzt hat sie eine neue Sorge obendrauf. Zu all ihren andren.
Das so-bald-wie-möglich-Problem.
Sie hat es zum Schluss in jedem ihrer Sätze beteuert. Jetzt muss sie auch liefern.
Hoffentlich geht das gut!
Sie sieht nicht zuversichtlich aus.
Ganz und gar nicht.
Ohjeh.

Und so ist es auch. Sie wird zunehmend fahrig. Unruhig. Getrieben...
sie hat Angst vor morgen.
Sie soll morgen entlassen werden. Mittags. Um 4 kommt die Reinemachfrau, die die Klinik ihr organisiert hat.

Wie gut, dass es auch das gibt! Jemand, der sich um solche Sachen kümmert!
Wie sieht es in der Wohnung aus? Hat sie jemanden, der aufräumt und vor allem reinigt? Es muss ja nicht so schön gewesen sein, wie sie ihre Wohnung verlassen musste.
Und wenn sie niemanden hat, dann eben was organisiert. Damit die noch Genesende in einer saubren Umgebung weiter gesund werden kann.
Ihr Bett muss gründlich gesäubert werden, so viel steht fest.
Ein Hoch auf den Sozialdienst. Also dass es ihn gibt. In Krankenhäusern.
Ich könnt mir vorstellen, nicht viele Länder haben so was. So was Hilfreiches. So was Bodenständiges.
Wichtiges.

Das hat sie vorher schon nervös gemacht. Ob das alles so klappt.
Jetzt kommt noch das so-bald-wie-möglich-Versprechen dazu.
Das ist zu viel für sie.
Sie versucht tapfer zu sein.
Aber es kommt kein klarer Plan zustande. Wie es gehen kann.
Es bleibt nur immer eins: wie soll das gehen??!

Immer wieder, wenn es sich ergibt, reden wir mal darüber.
Aber es hilft nicht lange. Der Druck ist zu groß.

Am nächsten Morgen bricht sie zusammen. Es ist zu viel.
Vermutlich war ihr heimlicher Plan, sie wird früh entlassen, dann kann sie noch Zuhause putzen, bevor die Putzfrau kommt. Weil es ihr peinlich ist.
Wenn andre ihre Wohnung so sehen.
Dann verschiebt sich aber die letzte Infusion, die sie noch bekommen soll. Die in der Früh soll nicht ihre letzte sein, sie bekommt noch eine mittags .
Das ist jetzt genau das eine Gramm Unberechenbarkeit zu viel.
Sie packt... packt wieder aus... packt um... 
Sie hat nicht viel zum Packen.
Und doch packt sie wieder um... und um... und um....

Ich kann nicht mehr so tun, als wäre ich nicht da. Ich kann einfach nicht mehr zuschauen.
Gehe zu ihr, setz mich zu ihr, hab selber auch keinen Plan. Außer: es muss Ruhe hier rein.
Und so sitzen wir nebeneinander auf ihrem Bett, schauen so vor uns hin. Und sprechen alles noch mal gründlich durch. Was quält denn so?

Tatsächlich ist das erste die Putzfrau. Was soll sie denn von ihr denken??!!
Wenn sie nicht vor ihr zu Hause ist. Und das Grobe schon mal wegmacht.
Und jetzt kommt sie doch so spät!!
Was, wenn die Putzfrau da ist - sie aber nicht?? Weil sie zu spät kommt. Geht sie dann wieder?!!
Unverrichteter Dinge?!
Sie zittert. Diese kleine toughe alte Frau zittert. Immer mehr.
Ich leg den Arm um sie und halt sie fest. Da fangen ihre Tränen an zu laufen. Ganz leise. Sie lässt es kullern. Das hilft.
Zumindest wird sie weicher. Und zittert nicht mehr so.
Sie ist so zart. So klein.
Ich red irgendein Zeugs. Was wir schon längst gesagt haben. Dazu.
Ich weiß, sie hört wahrscheinlich eh nicht richtig zu. Aber sie hört eine menschliche Stimme. Die für sie da ist.
Das muss reichen.
Und nach und nach beruhigt sie sich. Wir haben jetzt ja auch schon alles soweit durchgesprochen. Das wird schon. Das klappt schon. Und wenn nicht - ist das nicht schlimm.
Was man so sortiert. Für sich. Wenn es einen überrollt.
Und für andre eben auch.

Bleibt das Geld, das sie schicken soll. Sobald wie möglich. Das spricht sie nicht an.
Aber ich. Ich zöger kurz.
So wie ich kurz gezögert hab, als mir grad noch so einfiel, dass sie ja ein Patientenkittel anhat. Das heißt, ihr Rücken ist ungeschützt, offen. Nackte Haut. Und ich mich trotzdem dazu entschieden hab, meine Hand nicht wieder einzufangen. Und es war gut so.
Jetzt ruht meine Hand an ihrem Rücken. Und stützt sie. Und wärmt sie. Und ist genau an dem Ort, an dem sie jetzt hingehört.

Genau so sprech ich auch das Geld an. Der Taxifahrer kann doch auf dem Weg einen kleinen Schlenker machen zur nächsten Post. Wir organisieren hier einen Umschlag und ein Blatt Papier. Kann sie ja jetzt alles schon vorbereiten. 
Nein! Das geht nicht. Entschieden. Sie sagt nicht warum. Aber es ist klar. So geht das nicht. Und wieder will eine Welle über ihr zusammenschlagen, und wieder fängt ein bisschen das Zittern an.
Wenn wir jetzt nichts finden, dann hat ganz bald wieder dieser blöde Satz das Sagen: ,,Es geht halt ALLES nicht!!"

Ich weiß nichts besseres als das, was ich ihr schon die ganze Zeit sagen wollt. Es ist keine Lösung für das eigentliche Problem, aber besser als nix.
Und so red ich eindringlich auf sie ein, sich doch wenigstens das Einschreiben zu sparen. Es gibt eine Briefmarke, weniger als 2€, die sorgt dafür, dass der Brief am nächsten Tag zugestellt wird. Das reicht doch. Einschreiben ist nicht schneller. Und es ist doch viel billiger.
,,Sonst ist das ganze schöne Geld doch schon wieder weg!"
Da schüttelt es sie, sie schluchzt tief auf. Und jetzt fließen wirklich kurz wirklich kleine Bäche. Die kleinen zerknitterten Backen runter.
Ich sag nix mehr. Nur ab und ein hey....
Das war der Satz. Ich hab es nicht gewusst. Hab's einfach nur gesagt.
Nicht geplant.
Nur an ihrer Reaktion merk ich es.
Ich weiß, es wird nicht lange dauern jetzt. Man muss nichts machen. Man kann es einfach lassen.
Hinterher ist leider auch keine Lösung in Sicht. Aber der Sorgenkummer ist jetzt wenigstens mal raus.
Wie Ölwechsel. Die alten Flüssigkeiten müssen einfach ab und an mal raus. Um Platz zu schaffen für neue.
Löst keine Probleme, so ein Ölwechsel. Aber verhindert, dass sich welche bilden.
Mit neuer Kraft und frischer Zuversicht
gehen sich die Probleme auch ein bisschen leichter an.
Ölwechsel halt.

So ist es auch. Sie beruhigt sich schnell. Und zittert danach nicht mehr. Und muss auch nix mehr packen.

Vorher aber schaut sie mich an. Als .sie merkt, es hört auf jetzt. Mit einem so offenen Gesicht, es haut mich um. So offen, wie nur Kinder schauen können. Die es noch gewohnt sind, zwei tiefe Gefühle gleichzeitig auszuhalten.
Sie zeigt mir ihr Gesicht, wie geschnitzt vor lauter Kummer - und gleichzeitig von so viel Dankbarkeit durchschienen - so verletzlich.
Doppelt verletzlich. Schwer auszuhalten. Sogar für ein Gegenüber.
Wie muss es wohl für sie erst sein.
Wenn sie mich jetzt um irgendetwas gebeten hätte, ich hätte es ihr erfüllt. Erfüllen müssen!

Sie bittet mich um nix.

Ich zieh mich einfach wieder .zurück. Auf meine Insel.
Auf mein Bett.
Muss ohnehin schon wieder einen neuen Marsch vorbereiten. Ist wieder mal dran. Und meine Kommunikation mit meinen Kindern pflegen. Das tut mir gut. Ich hab ja auch vor allem nur Positives zu berichten.
Seit der Op geht es mir Tag für Tag ein bisschen besser. Das beflügelt mich sehr! Zuversicht! Erzeugt weitere Zuversicht. Erzeugt weitere Zuversicht... und immer so weiter.
Wenn's läuft, dann läuft's. Ein starker Flow.
Ein stärkender Flow.

Ich kenne ja auch das Gegenstück. Zu genüge.
Da weiß ich das jetzt sehr bewusst zu schätzen. Und hab gleichzeitig auch das Gefühl, ich könnte es mir jetzt ja auch wirklich mal erlauben.
Als hätte ich es schon bezahlt. Längst bezahlt.
Auch das
ein wirklich rundum schönes Gefühl.

Dann kommt auch noch die Nachricht ein, dass die letzte Infusion eine Stunde früher angehängt werden kann.  Meine Nachbarin war derweil losgezogen und hat um Hilfe gebeten. Es war ihre Art zu helfen. Hab ich ihr hoch angerechnet.
Die beiden Ärztinnen kamen noch mal, angenervt, aber kamen.
Und jetzt sind wir alle drei glücklich. In unserem Zimmer. Unsrem Boot, in dem wir sitzen. Um durchs Krankenhausmeer zu kommen. Um hoffentlich gesund und munter am andren Ufer anzukommen. Alle zusammen.

Wir hatten es noch richtig nett. Und haben sogar viel gelacht.
Gelöste Stimmung.
Ist was Feines.
Sie musste auch nicht einmal laut werden. Ihren Schild dem Leben und uns entgegenrecken.  Musste sie ja auch nicht mehr.
Sie war ja eine von uns. Da braucht man das nicht mehr.

Und der Abschied war herzlich. Und fröhlich.
Zuversicht! Das wird schon!
Wir haben richtig gewunken zum Abschied. Das war sehr schön. Für uns alle drei.

Liebe Frau mein-Enkelsohn-ist-6-und-einSonnenschein, ich hoffe so, es hat dann auch alles gut geklappt. Ich bin mir fast sicher! Und ich wünsch Ihnen von ganzem Herzen, dass Ihre Liebe Ihnen nicht nur weh tut. Sondern Sie auch immer wieder richtig wärmt. Durch und durch.
Dass Sie das tragen kann. Durch nicht so schönen Tage. hey...
Sie haben sich das so verdient! Echt.












nachtwind

Und die gelöste Stimmung hielt an. In unsrem Zimmer.
So sehr, dass meine Nachbarin den Vorhang zwischen unseren Betten zurückzog.
Man redet besser miteinander, wenn kein Vorhang dazwischen ist.

Ich hab einiges von ihr erfahren. Dass sie es heiß und innig liebt, mit dem Motorrad rumzufahren. Sie hat einen eignen kleinen Internetshop. Mit schönen  kleinen Dingen. Die irgendwie helfen, die Haare zu bändigen. Unter dem Helm. Genau hab ich das nicht verstanden. Aber sie sahen wirklich schön aus. Diese was-auch-immers.
Sie war so um die vierzig, denke ich. So wie meine Tochter.
Die letzten Jahre hatte sie damit verbracht, erst ihren Vater (kurz), dann ihre Schwester (lang) und dann direkt danach noch ihre Mutter (mittellang) zu pflegen. Jetzt waren alle tot. Nur noch ihr Bruder nicht. Der lebte in einer ganz-woanders-Stadt.  Mit Familie. Und selbstständig tätig. Aber mit dem hat sie sich verstritten. Leider. So leider.

Dabei hat sie ihm immer gesagt, dass sie ihm keinen  Vorwurf macht, dass er nicht hilft - er hat doch Familie und sein Geschäft und alles, das versteht sie doch. Hat sie ihm immer gesagt!
Und mich dabei so streng angeschaut, dass ich unwillkürlich genickt hab. Obwohl ich es doch gar nicht wissen kann.

Die Schwester hatte Lungenkrebs. Das weiß ich noch. Ich glaub, weil,ich gleich an meine Zimmernachbarin denken musste bei meinem ersten Mal hier in der Klinik. Wie ihr es wohl jetzt geht? Ach Mensch!
Die Mutter hatte glaub ich dann einen Herzanfall und hat sich davon dann nicht mehr richtig erholt. Aber ich bin mir nicht mehr sicher.
Nur dass der Bruder nie geholfen hatte, das weiß ich noch, das ploppte immer wieder mal als Thema auf, heißblütig. Nachdrücklich.
Sie hat ihm gegenüber doch immer betont, sie macht ihm keinen Vorwurf deswegen. Er sagt jetzt trotzdem bei jeder Kontaktaufnahme, ,,gerne - aber nur, wenn du nicht mehr von dem  Vergangenen redest!"
Dabei hat sie ihm doch immer gesagt, sie macht ihm keinen Vorwurf!
Vermutlich will er genau das einfach nicht mehr hören.
Aber ich halte mich zurück. Noch. ;)

Zumindest warum sie das Motorradfahren so liebt, konnte ich gut nachvollziehen.
Es erinnert mich an meine Zeit nach dem ziellosen Herumsuchen nach irgendeiner Möglichkeit, irgendwas und irgendwo ... egal wo und egal was ... Hauptsache, ich krieg es irgendwie hin, auch nur eine Fußspitze in's Leben zu bekommen. Und vielleicht ja irgendwann auch mal einen ganzen Fuß. Mehr Ziele hatte ich nicht. Und hab es doch nie hinbekommen. Noch nicht mal einen Zeh.
Bis ich nach Jahren in Köln gelandet bin. Und eine eher kleine Demütigung, aber eben genau diese eine zuviel, in mir eine Wut entfacht hat, die mich endlich auf die Beine gestellt hat. Und der Trotz dafür gesorgt hat, dass ich auf den Beinen blieb.

Und so eine Arbeit fand.
Und nach paar Wochen sogar eine eigne Mini-Wohnung. Zusammen mit einer Arbeitskollegin.
Nachdem wir alles zusammengekratzt haben, um Miete und Kaution zu stemmen, sind wir mit unserem nächsten Wochenlohn mit einem Fahrradanhänger zum Aldi gelaufen - und haben eingekauft! Gross eingekauft! Das war ein wahres Fest!
Angekommen!

Hab ich nie vergessen.
Das meiste aus dieser Zeit hab ich vergessen.
Aber dieses Fest - und die Wochenenden nicht.

An denen ich es nicht mehr ausgehalten hab.
Und mich, Freitag nach der Arbeit, - ohne Pappschild rauszuhalten an den Kreisverkehr Richtung Autobahn gestellt hab. Nur Daumen raus.
Einen Pappkarton hatte ich wohl - in meiner Tasche. In der kaum was drin war. Nur das allernötigste ,ein bisschen was zu essen und zu rauchen... und eben das Schild, auf dem Köln stand.
Für die Rückfahrt. Wohl wissend, dass unterwegs ein Pappschild schwer aufzutreiben ist. Geschweige denn ein wasserfester dick schreibender Stift.
Und so bin ich dann in den ersten Lkw eingestiegen. Der gehalten hat. Mit schwerem Herzen.
Egal wohin der fuhr. Es ging ja nicht um's irgendwo ankommen. Es ging nur um eins: weg!!
Ich hab es rausgezögert so lang es eben ging. Bis mir endgültig klar wurde: wenn ich Montag  Früh auf Arbeit sein will, dann muss ich jetzt wirklich umdrehn!
Nächste Möglichkeit  ausgestiegen - rüber auf die andre Seite - Schild rausgeholt - und schweren Herzens  versucht rückzus zu fahren.

Gott sei Dank hat es ja mit dem Trampen nicht immer so reibungslos geklappt - da hat dann der steigende Stress mich vom schweren Herzen abgelenkt. Das war zwar stressig. (Für einen Angsthasen wie mich!)
Aber auch eine Erholung.
Es hat ja was andres gedrückt.

Jedes Mal auf der Rückfahrt, wenn es eng wurde, hab ich mich verflucht. Und mir hoch und heilig vorgenommen, es nie wieder zu tun.
Am nächsten Wochenende stand ich wieder da.
Nicht belehrbar.

Ich weiß nicht, ob meine Mitpatientin aus solchen Gründen das Motorradfahren so liebt. Oder aus ganz anderen. Oder dem gleichen, aber eben mit der schönen Seite davon.
Warum auch immer sie das tut, mir hat es damals geholfen, dranzubleiben.
Nicht mehr wegzulaufen. 
Nur eben am Wochenende eben. Sozusagen im erlaubten Rahmen.
Ohne alles gleich wieder zu verliern.
Arbeit. Wohnung. Den unfassbar schwer auszuhaltenden Mut. Nicht wegzulaufen.
Vor mir selbst.


nachtwind

Und wie das so ist mit gelöster Stimmung - wenn nichts dazwischenkommt, dann schwingt und schwingt sie sich immer höher, bis sie manchmal sogar überschwappt.
Wir zwei kommen vom  Hölzchen auf's Stöckchen irgendwann auf das Thema, wie wir unsrer ghanaischen Lieblingsschwester wohl zum Abschied ein Dankeschön sagen können. Ich schlage ein Glas Honig vor... sie daraufhin nach langer Gedankenpause oberhochskeptisch: ,,Ja ... wenn sie das freut?????"
Ich muss lachen... erst ein bisschen, dann mehr und mehr siehe oben - und lande in einem ausgedehnten Lachflash. Meine Zimmernqchbarin ist schnell davon angesteckt... wir lachen, bis wir keine Luft mehr bekommen. Da fragt sie dann keuchend: ,,warum lachen wir eigentlich?" - und die nächste Lawine löst sich. Sie hat überhaupt nicht verstanden, warum wir lachen. Und lacht sich trotzdem um den Verstand und die notwendige Luft. Als ich wieder zu Atem komme, wiederhole ich unsere letzten Worte. Vor bestimmt 5 - 10 Minuten. Und jetzt versteht sie - und jetzt ist es sie, die uns antreibt. Ein Ende nicht in Sicht.

Sie steht draußen auf dem Balkon, ein warmer Oktobertag im sonnigen Breisgau... und unser Lachen hallt weit über den Hof. Wir lachen uns kringelig. Und finden kein Ende.
Auch keine Notwendigkeit dafür.
Wäre das jetzt ein Hollywoodfilm, würde eine Dame mit Köfferchen im Hof sagen: ,,ich will eine Behandlung wie die beide da!"
Ich muss in abschwächenden, ab und zu wieder kurz aufflammenden Lachattacken kurz an die Frau denken, die bei meinem letzten Klinikaufenhalt vor zwei Wochen so herzlich hat lachen können. Dass ich mich zum Abschied bei ihr bedanken  musste. Dafür.
Hatte sie nicht dasselbe Zimmer wie wir beiden grad? Ich bin mir nicht ganz sicher.
Spielt das überhaupt eine Rolle? Nein, tut es nicht.
Aber witzig wär es schon.

Zu meiner großen Erleichterung haben wir beide auch zufällig mitbekommen, dass man durchaus auch das Essen in der Tee- und Kaffeeküche am Buffet buchen kann. Frühstück und Abendessen - wir buchen es sofort.  Beglückt.
Sind grad auf dem Weg dorthin, da sehen wir Schwester Paukenschlag den Gang entlang an uns vorbeigehen, in ein Gespräch vertieft mit Frau gehobenes-Restaurant-Seviceleiterin. Als sie an uns vorbei sind, schaue ich ihnen noch kurz nach. Und höre Schwester Paukenschlag abfällig sagen: ,, die beiden Damen ziehen es vor, am Buffet zu speisen." und die Leiterin des gehobenen Restaurant irgendetwas, dass das Abfällige einhellig unterstützt.
Für einen kurzen Augenblick tragen alle hier im Gang die Schuluniform von Windhoek. Bin schon verblüfft darüber. Kenne so was nicht.
Aber es war ja nichts abwesendes. Kein Flashback, wie ich ihn mir so vorstelle. Als Laie. Es waren ja nicht die Schulkameraden von damals - es war ja alles so wie kurze Zeit vorher und nachher auch. Dieselben Personen. Im selben Flur. Nur kurz in Schuluniform.
Als hätte sich eine Folie über sie geschoben. Mit Schuluniformen halt. Für jeden passend.
Dann ist es ja auch schon wieder vorbei.
Ich bin irritiert, aber nur ganz kurz. Dann geht es ja schon an unser Abendessenbuffet. Alles so spannend hier. Immer was Neues los.
Ist auch prima, das Essen.

Erst zur Nachtruhe, die hier in unsrem Zimmer schon um 8 beginnt, was sicher nicht an mir liegt ;), kommt mir die Szene wieder in den Kopf.
Und ich erinner mich an die ungefähr zwei Jahre in Windhoek. In denen ich jeden Morgen begrüßt wurde in der Schule mit: ,,wann gehst du endlich wieder nach  Deutschland?!"
Sicher, gemessen an heutigen Äußerungen mag das Pipifax sein, aber der abfällige Hass, das Ausgestoßen sein - ich denke, das ist es, was einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Und wenn man dann auch noch spürt, wie sie es genießen, grausam sein zu können, dann kann man schon jeden Mut verlieren.
Vor allem, wenn es alle sind.
Es waren gar nicht alle. Aber das wusste ich in den Jahren nicht.
Für mich waren es alle.

Ich war kurz davor, 9 zu werden. Hatte gerade mitbekommen, wie stark meine Mutter alkoholabhängig war. Eingeordnet, verdaut, mich daran gewöhnt hatte ich das noch lange nicht. War auch alles viel zu neu dort. Für mich. Neuer Kontinent. Neue Menschen. Und neue andre Menschen. Die schwarz waren. Und keine richtigen Menschen waren. Aber was waren sie denn dann? Es prasselte so viel Neues auf mich ein. Und so viel musste ich schnellstens lernen. Zieh niemals deine Schuhe einfach so an - immer es ausklopfen. Könnte ein Skorpion drin sein. Leg dich nie in der Steppe allein zum schlafen hin. Auch nicht kurz mal eben. Hinter unsrem Garten begann die Steppe. Und wir Kinder von der Straße trafen uns oft zum Abspielen dort. Bullerbü auf afrikanisch.
Setz dich nie abends zum lesen ohne Schrubber in den Sessel - du wirst ihn brauchen. Nicht nur der Taranteln wegen... es gab jede Menge  abartige Spinnen und so Zeugs. Aber die Taranteln haben mir die meiste Angst gemacht. Und Abscheu.
So viel Neues überall. Und alles wollte sofort gelernt werden.
Atemlose Zeit.

Dann fing die Schule an. Und zu all dem andren 
fing da auch das noch an.
Ich war dem nicht gewachsen.

Die Anführerin war Carola Schätzle. Sie war die Anführerin der ganzen Klasse. Und auch von den Gehässigkeiten.
Sie war groß. Sehr stark. Die beste Schwimmerin der ganzen Schule.
Und weil es dort in Windhoek eigentlich nix gab, außer Sport, war der Sport das hochangesehenste, was man erreichen konnte. Wenn man denn im Sport was erreichen kann. Sie konnte. Sie war die beste Schwimmerin der Klasse. Der ganzen Schule. Jahrgangsmässig gewertet. Sie war unantastbar. Ganz ganz oben.

Und dann kam ich. Klein. Und immer kleiner. Weil ich nicht ehr wuchs. Die andren aber schon. Von Jahr zu Jahr wurde ich immer kleiner.
Sie war 2Jahre älter.
Weil sie einmal sitzengeblieben war. Und ich eine Klasse übersprungen hatte.
Ich war ihr in allem unterlegen.
Ich hatte keine Ahnung, warum ihr Hass so groß war auf mich.

Vorher, in Athen, bin ich in eine deutsche Zwergschule gegangen.
Ein der größten Glücksumstände, die das Leben sich hat ausdenken können! Falls es da sein Finger im Spiel hatte. Besser hätte der wohlmeinendste Mensch es sich nicht ausdenken können.
Eine Schule, von Deutschland aus bezahlt. Für die Kinder der Botschaft.
Deutscher Lehrplan. Mit Griechisch natürlich. Schon in der Grundschule.

Die ersten vier Klassen alle in einem Raum. Insgesamt höchstens zehn Kinder. Wir zwei Erstklässler saßen zusammen, daneben die drei Zweitklässler, daneben dann zwei Drittklässler (eine davon meine Schwester), und dann die Viertklässler. Wieviel das waren, weiß ich nicht mehr. Wir saßen schon in einem Raum - aber sie waren einfach weit weg.
Und dann wurde Unterricht gemacht. Erst fünf Minuten für die Erstklässler, dann Aufgaben für sie;  dann für die Zweitklässler... immer so weiter. Dann kamen die Erstklässler wieder an die Reihe, die Aufgaben wurden besprochen, neue Aufgaben, dann die Zweitklässler usw.
Jetzt hab ich ja einen hohen Iq. Was ich nicht wusste. Niemand wusste es. Und trotzdem kam ich in eine ideale Schule für Hochbegabte. Obwohl niemand das deswegen geplant hatte.
Ich war ja schnell fertig mit meinen Aufgaben. Ich hatte schnell raus, dass ich gleich bei der zweiten Klassen mithöre, und dann erst mit meinen Aufgaben anfang. Und dann beide mach. Die für die erste und die zweite.
Nach ner Weile hab ich das auch noch mit der dritten Klasse gemacht. Das ist dann irgendwann der Lehrerin aufgefallen. Und sie wollte mir das verbieten. Ich hab mich nicht getraut darum zu bitten, aber ich muss sie so flehentlich angeschaut haben, dass sie widerwillig und streng! gesagt hat : also gut - aber nur, wenn du deine eignen Aufgaben auch alle richtig machst!". Ich erinner mich wenig an Einzelheiten aus der Schule, aber wie eifrig ich es versprochen hab, tief ernst versprochen, daran erinner ich mich. Und wie ich es als Geschenk gefeiert hab. Dass ich das nicht mehr heimlich tun musste. Sondern jetzt ohne Angst. Dass ich auffalle.
Es war ideal für mich. Und ich hab mich auch immer dran gehalten. Wenn ich mal Probleme hatte mit irgendwas aus der ersten oder zweiten, dann hab ich ernsthaft nicht mehr bei der dritten mitgehört. Sondern mich um das Problem gekümmert. Immer.
War auch jetzt keine Herausforderung. Kam ja nicht so häufig vor.
Ich hatte eine glückliche Grundschulzeit.
Und keiner hat mir meine Lust zu lernen kaputt gemacht.
Ich bin dafür wirklich sehr sehr dankbar.
Es ist schon auch viel, viel Glück in meinem Leben! Zugange... immer wieder. Das darf man nie vergessen!

Wie oft hat mich genau  das gerettet - dass ich meine Lust zu denken  nie verloren hab. Meine Wissbegierde nie. Und meine Freude daran, etwas Neues zu begreifen. Hab ich nie verloren.
Der glücklichen Umstände wegen. In Athen. 1960 bis 1963. Da gab es noch nicht viele Deutsche in Griechenland.  Mit Kindern.

In Windhoek mussten wir beide, meine Schwester und ich, eine Aufnahmeprüfung machen. Um zu  klären, auf welchem namibianischen Stand wir so wären.  Gut, dass wir griechisch konnten, aber kein Afrikaans und kein Englisch, das war eben so. Das konnte man ja nicht prüfen. Blieben vor allem Deutsch und Mathe übrig. Und so allgemeines. Kam halt raus, dass ich zwei Jahre überspringen sollte.
Aber das ging nicht. Das wär die Klasse meine Schwester gewesen. Und das konnte sie überhaupt nicht ertragen.
Das war so schlimm für sie, da gab es gar keine andre Entscheidung als: natürlich gehe ich eine Klasse drunter.
Ich wollte auf keinen keinen Fall noch mehr Unglück in der Familie!
Ich war wirklich von Grund auf fein damit.

Aber ich hatte eben doch eine Klasse übersprungen. Und war ja eigentlich auf dem Stand von einer Klasse drüber. Da ist es mir leicht gefallen, Englisch und Afrikaans aufzuholen. Obwohl ich nicht wirklich sprachbegabt bin.
Also ziemlich gut in der Schule. Ich war kein Streber. War ich nie. Aber ich hatte meine Freude dran, wenn ich was wusste. Was konnte. Was gelernt hatte. Leise
war ich nicht darin. Laut auch nicht. Eher natürlich.
Aber ich denke bis heute, dass das der Grund gewesen sein musste. Dass Carola mich als Konkurrentin gesehen haben muss.

Sie war zwei Jahre älter als ich. Und ich war besser. Das muss für sie nicht zu ertragen gewesen sein.
Und sportlich war ich auch noch. Nie so gut wie sie.
Nie auch irgendwo besonders gut. Aber überall halt gut.
Das muss sie so gereizt haben.

Oder sie sah ein Schild auf meiner Stirn. Opfer.
Wenn es so was gibt.
Gefühlt hab ich mich nicht so.
Aber das heißt ja nichts.

Auf jeden Fall hat sie mich auserkoren. Sie und ihre drei oder vier Adjudantinnen.
Ich dachte: die ganze Klasse. Aber das war nicht so.
Ich hab es aber so erlebt. Und in meiner Wirklichkeit war es eben dann auch so.

Das war wirklich eine fiese Zeit für mich. Ich war unleidig oft. Zu meiner Mutter. Schwer zu ertragen. Für alle. Wenn ich am Mittagstisch blöd rumgemacht hab. Es war so unerträglich, dass sogar mein Vater irgendwann aufmerksam wurde. Und dann ein Gespräch mit Carolas Vater gesucht hat. Vermutlich mit der Bitte, er solle mal seiner Tochter ein bisschen Zurückhaltung anmahnen. Es sei zu unerträglich mit mir. Sonst.
Das Gespräch fruchtete. Er war sehr zufrieden. Es war kurz vor den Sommerferien. Und die Folge des Gespräches war, dass Carola mich einlud, die Sommerferien bei einer ihrer Adjudantinnen auf deren  Farm
zusammen zu verbringen. Sie, ihre vier Adjudantinnen - und ich.

Der blanke Horror, diese Vorstellung - aber keine Chance. Mein Vater hat sich gefreut, was erreicht zu haben. Dass wieder Ruhe einkehrt. An den Mittagstisch. ,, Du wirst schon sehen, ihr lernt euch besser kennen, und dann wird das alles wieder gut. Sie hat dich eingeladen. Das ist doch freundlich von ihr! Das darfst du jetzt nicht kaputt machen!" so ähnlich.
Es tut mir wirklich leid vor mir selber, dass ich nicht den Mumm hatte, nein zu sagen.
Aber es waren andre Zeiten.
Und ich war anders.
Nicht fähig nein zu sagen. So Kram  halt.

In Griechenland, da hab ich es mal versucht. Und bin krachend gescheitert.
Es muss Ende fünf gewesen sein. Da hab ich beschlossen, ich wandere in die Welt hinein. Und suche meine wirklichen Eltern.
Ich hatte keine Ahnung vom Leben. Aus mir heraus auch keine Klarheiten. Wo's langgeht. Im Leben. Ich hatte mein Wissen aus den Büchern.
Damals aus den Büchern, aus denen vorgelesen wurde. Ich konnte ja noch nicht.

Auch so etwas, für das ich so sehr dankbar bin. Es wurde Wert gelegt auf Kultur. Von meinem Vater. Er las gerne vor. Man spürte seine Begeisterung.
Später vor allem Gedichte, Balladen. Damals halt: Märchen.
Ich hatte mein Wissen, wie Leben geht, aus den Märchen.

Deshalb also mein Entschluss. In die Welt zu wandern. Und meine wirklichen Eltern zu suchen.
Es musste doch sie doch geben, wirkliche Eltern. Für mich. Irgendwo.
Ich war bereit, sie zu suchen. Ich war bereit, in die Welt zu wandern.
Ich war ein riesengroßer Angsthase. Aber manchmal
atemberaubend mutig.
O mein Gott, hatte ich eine Angst!

Ich wusste, für so ein Abenteuer braucht man einen Kanten Brot. Den muss man mitnehmen. Damit es gelingt.
Also stand ich mit meinem bibbernden Herzen vor dem Brotkasten...
und wusste nicht mehr weiter! Aus Ende Gelände - alles umsonst. Bevor es angefangen hat!
Ich habe mich so oft einen Versager genannt in meinem Leben... so unzählige Male. Aber nie, NIE stand dieses ,,Versager! ,, so deutlich, so raumausfüllend  laut!, so unfassbar alles andre in der Welt  verdrängend!vor mir. Um mich herum. Es gab nichts andres mehr. Nur mich. Und dieses Versager! vor mir. Hinter mir. Um mich herum. Über mir. Und unter mir. Vor allem: in mir drinnen. Wie damals.
Als ich vor dem Brotkasten stand. Und nicht wusste. Was ein Kanten Brot ist.

Ich kannte das Wort Versager noch nicht einmal. Aber wann immer ich suche, wann war es das schlimmste Mal, dass ich ein  Versager bin, dann fällt mir immer diese Szene ein.
Es gab nur noch mich. Und das Versagen.
Und sonst nichts mehr auf der Welt.


Aber zurück konnte ich jetzt auch nicht mehr. Ich war doch entschlossen, jetzt meine wirklichen Eltern zu suchen. Sie warteten bestimmt doch schon auf mich. Ich musste uns erlösen.
Und so habe ich mich entschieden, dass ein Knust Brot vielleicht ein Kanten Brot ist. So nannten wir das Ende eines Brotes. Knust.
All meinen Mut zusammengekratzt, mein Herz festgehalten, dass es nicht zerspringt und mir den Knust Brot unter den Arm geklemmt.
Und bin los.
In die Welt.

Die Welt fing am Ende der Straße an. Weiter war ich noch nie allein.
Da war die Grenze.
Ich dachte, wahrscheinlich werd ich sterben. Wenn ich jetzt diese Grenze überschreit. Wie das so ist mit Tabus.
Ich weiß noch, wie ich gezögert habe. Dort.
Aber dann hab ich alles zusammengekratzt, was man nur brauchen kann - und hab den Schritt gewagt.
Genau ab dann weiß ich nichts mehr. Es war vermutlich noch schwerer als ich gedacht hatte. In die Welt zu wandern.
Was dann geschehen ist, weiß ich nur aus Erzählungen.

Die Griechen führten damals ein sehr sehr gastfreundliches und ein sehr sehr sehr kinderliebes Leben. Ich glaube, wann immer ein Kind ausziehen will, um seine Eltern zu suchen, dann sollte es das in Griechenland tun. Falls die Griechen  noch so sind, wie sie damals waren.
Ich muss halt immer weiter reingestapft sein, in die Welt, bis ich, vermutlich langsam müde geworden ... und vielleicht auch verzagt..,
spät abends an einem Platz angehalten hab, an dem viele saßen und  ihren Feierabend feierten. Oder ihr Leben. Oder etwas andres.
Es gab in jedem Viertel so Plätze. An denen alle saßen. Wenn es dunkel wurde. Und es etwas kühler endlich.

Ich muss mich da rumgetrieben haben, vielleicht in der Hoffnung, dass jetzt hier meine wirklichen Eltern sind. Ich weiß wirklich nichts mehr.
Irgendwann muss es jemand aufgefallen sein, dass ich zu niemandem dort gehöre. Und dann nehmen die Griechen eben ein fremdes Kind wie ihr eignes. Sie haben mir Limo bestellt und mich auf den Schoß genommen. Mit mir geschwätzt. Mich wieder springen lassen. So machen sie das mit Kindern. Deshalb denke ich, so war es auch mit mir.
Irgendwann dann, einiges später, ist ihnen klargeworden, das hier etwas nicht stimmt. Es gab keinen Erwachsenen zu diesem Kind.
Das auch noch blond war. Und so haben sie die Polizei gerufen.
So hat die Polizei es erzählt.

Meine Eltern hatten auch inzwischen gemerkt, dass ich nicht mehr da bin. Haben mich gesucht. ,,Überall!!!" und nicht gefunden.
So mussten sie mich bei der Polizei als vermisst melden. Die Höchststrafe für sie!!
Schlimmer noch als was wohl die Nachbarn sagen. Viel schlimmer. Der Supergau.

Und irgendwann in dieser Nacht eben kamen diese beiden Sachverhalte zusammen.
Und meine Eltern tauchten auf der Wache auf.
An dieser Stelle wurde die Erzählung immer verachtungsvoll.
,,Du hast dich so an sie geklammert!!" ,,wolltest nicht weg - weil sie  dir Süßigkeiten geschenkt haben!!" 
Ich höre diesen Abscheu heute noch. Mit dem sie das beschrieben haben.
Ich denke, ich hatte einen andren Grund, warum ich mich an die Polizisten geklammert habe.
Ich hab so viel gewagt. Weil ich eine brennende Hoffnung hatte. Die stärker war als alle Angst.
Ganz sicher nicht, dass sie kommen und mich wieder holen.
Ganz sicher das
nicht.

Was mit dem Kanten Brot geschehen ist, das weiß ich nicht.
Davon hat keiner was erzählt.

Seit vielen Jahren frag ich mich, wenn mir das wieder mal einfällt, wie wohl die Polizisten mich angesehen haben.
Ein fünfjähriges Kind, dass sich an sie klammert, wenn die Eltern in der Nacht kommen um es wieder abzuholen.
Es tut mir gut, mich das zu fragen. Denn es hilft mir mir vorzustellen, dass ich vermutlich vielleicht gar nicht so allein gewesen bin. Wie ich mich fühlte.
Ich weiß nicht, wie sie mich angeschaut haben. Aber ich stelle mir dann vor, dass sie verstanden haben. Dass da ein Kind in Nöten ist. Dass sie mich so
angeschaut haben. Als ich gehen musste.
Es tut mir so gut, mir das so vorzustellen.
Ich war eventuell gar nicht so allein. Vielleicht.
Ich hab es nur nicht bemerkt.

nachtwind

Noch ein zwei Gedanken zum Alleinsein.
Eher theoretischer Natur.
Wer Theorie nicht mag grad - keiner verpasst was, wenn er das jetzt nicht weiter liest.
Kurzfassung: Ich denke, jeder fühlt sich manchmal schmerzhaft allein. Egal was er erlebt.
Und dass das vielleicht sogar Sinn macht.
Mehr ist da nicht.
Nur viele Worte drumherum.


Längere Fassung: immer auf der Suche nach etwas, das mir das Leben ein bisschen besser erklären kann - wie es so funktioniert, habe ich die Zwei entdeckt. Mir hat das sehr geholfen. Dass es zwei Pole gibt. Zwischen denen wir stehen. Und uns hin und herbewegen. Hin und her gezogen auch vielleicht. Oder auch uns an einen Pol klammern... Stillstand dann.
Die beiden Pole sind weder gut noch schlecht. Sie sind die Kräfte, die unser Leben bestimmen. Sie in Balance zu bringen, ist der Weg zu einem Leben, das gelingt. Das in sich ruhen kann. Immer wieder, wenigstens.
Schlecht wird es nur, wenn man immer nur zu dem einen Pol will.
Denn die beiden Pole sind gleichwertige Partner. Keiner ist erstrebenswerter.
Es ist der Zusammenklang, der das Leben lebbar macht.

Ich habe für mich drei Polpaare entdeckt. Die für mich wichtig sind.
Für andre vielleicht andere.
Das zweitwichtigste Paar ist für mich der Sinn - und auf der andren Seite das Eigne tun.
Klingt ein bisschen sperrig.
Hat seine Gründe, warum das für mich so stimmt.
Kann aber genauso gut so heißen: was braucht mein Stamm  auf der einen Seite - und das Eigne tun  am andren Pol. Es geht um Zusammengehörigkeit. Und Individualität.

Ich denke, jeder Mensch hat solche Erlebnisse in sich, in denen er sein völliges Alleinsein erlebt.
Muss jetzt nicht ein Kindheitserlebnis  sein, das davon handelt, wie ein Kleinchen loszieht und seine richtigen Eltern sucht. Das mag jetzt ein gutes Beispiel sein, um die Einsamkeit, die jeder erlebt, spürbar zu machen.
Aber so ein Erlebnis braucht es eben gar nicht. Um das zu erleben.
Jeder Mensch, auch der behütetste, erlebt solche Momente. Des völligen Alleinseins.
Ich vermute, das gehört zum Menschsein dazu.
Auch ganz ohne äussere Not erlebt man sie. Jeder. Davon bin Ich schon fest überzeugt.
Es geht nicht anders. Anders ist man kein Mensch.

Wofür das gut sein soll? Genau griffig weiß ich es auch nicht. Aber es hängt zusammen mit diesem Polpaar, da bin ich mir ziemlich sicher.
Was braucht mein Stamm und das Eigne tun - dazwischen spielt sich unser Leben ab.

Wir können nicht alleine überleben. Wir brauchen die andren. Das Leben ist nicht einfach. War es nie.
Selbst der Einsiedler in der Wildnis ist eingebunden in Zusammgehörigkeit. Wenn du nicht zusammengehörig bist mit der Natur um dich herum, hast du keine Chance. Keine einzige!

Früher war der im Stamm der Angesehene, der viel für den Stamm abgeben konnte. Heute der, der am meisten für sich behält.
Verkehrte Welt.
Gottseidank gibt es immer noch so viele Menschen, die sich instinktiv anständig verhalten. Sonst müsste man an der Menschheit verzweifeln.
Aber es gibt eben auch die vielen anderen. Das macht immer wieder Mut!

Jeder ist in etwas eingebunden, etwas außerhalb von einem selbst. Stamm kann alles sein, Familie oder Greenpeace, Gruppe oder Partei, Staat oder Projekt, Arbeit oder Ehrenamt...
Wer sich in gar nichts eingebunden ist (was ja unmöglich ist)... also wer sich in gar nichts eingebunden fühlt, der steht trotzdem in diesem Spannungsfeld. Und muss dann eben selbst rausfinden, was jetzt das richtige ist zu tun. Damit sein Leben sinnvoll ist. Oder wird.
Auch möglich: auf der spirituellen Ebene suchen.
Es geht immer um die Frage: was braucht der Stamm von mir? Was wird gefordert? Von mir. Damit das gemeinsame Leben gelingt.
Und Stamm kann auch Gott sein. Oder eine andre Spiritualität. Oder das Leben.
Was auch immer - es ist eben mehr als nur man selber. Immer.
Und damit der Stamm überlebt, oder Gottes Werk sich erfüllt... was auch immer, es geht immer darum: was muss ich dafür tun?

Auf der andren Seite steht der Pol das Eigne tun.
Und zwischen den beiden tanzen wir hin und her.
Wichtig: Moral ist raus aus dem Spiel!
 Nicht: für andre tun ist gut. Und für sich tun ist bös. Das Quatsch. Sobald wir das Leben in Polen verstehen.
Wenn ich nur für die andren da bin, dann verstecke ich mich ja vor meinem eignen Tun. Weil mir das so schwer fällt. Und mir viel leichter fällt, das Leben der andren zu begleiten. Als mein eignes zu leben.
Und dadurch betrüge ich meinen Stamm oder Gott oder was auch immer. Um meinen eignen Anteil, mein Eigenes. Das ich zu leben hab. Ich entziehe meiner Gemeinschaft mein eigenes Leben.
Das ich mich nicht traue zu leben. Und das fehlt jetzt. Weil ich zu ängstlich bin. Und nicht riskieren will es auszuleben.
Ich bin genauso ein Schmarotzer wie die, ldie nur das Eigne tun wollen. Und dafür vom Stamm getragen werden müssen.
Die bringen nichts ein, was satt macht, Schutz bietet, irgendetwas, dass dem Stamm hilft zu überleben, auf eine gute Art.
Und die, die nur am andren Pol festhängen wollen, die schmarotzen genauso. Denn sie bringen nichts ein. Von ihrem eignen Leben.
Sie leben vom Leben der andren. Beide. Schmarotzer halt.

Also Moral ist draußen. Beide Pole sind wichtig. Vor allem: dass es den jeweils andren Pol gibt!!
Das einzige, was man sagen kann, ist: wer nur an einem festhängt, dem gelingt das Leben nicht. Zumindest nicht so gut.
Und: Hauptsache bewegen!!! Dazwischen.

Zwischen diesen Polen bewegen wir uns also in unsrem Leben. Jeden einzelnen Tag. Und immer wieder müssen wir uns entscheiden: tu ich das, was für die Gemeinschaft wichtig und richtig ist? Oder das, wonach mir grade ist? Oder auch längerfristig ist.

Deshalb freut es uns ja auch so, wenn sich eine win-win-Situation ergibt.
Weil da dann diese Spannung mal ganz aufgelöst ist. Vollkommenheit. Erlebbar wird. Für einen klitzekleinen Moment.
Ich tu was für mich - und es zeigt sich: ich tu es auch für andere. Auch andre haben einen Nutzen davon.

Jetzt wird den Depressiven ja nachgesagt, daß das Eigne tun etwas ist, was sie ganz und gar nicht gut können. Laut Riemann in seinem Buch über die Angst ( meine Bibliothek über Psychologie besteht,immer noch aus diesem einen Buch.;)) ist  es sogar die Hauptangst eines Depressiven. Etwas Eigenes zu tun.
Zumindest bei mir spricht da nichts dagegen.

Das Leben zwischen Polen zu sehen, führt dann ja zwangsläufig dazu, den Gegenpol mitzudenken, wenn man an einem Pol leidet.

Wenn man also leidet darunter, dass man immer gibt, den andren, und wenn man mal selber was braucht, ist keiner da...dann kann man natürlich sagen : ich schiess die jetzt in den Wind! Da ist keine Balance drin.
Oder man sagt sich: da fehlt wirklich die Balance.. Andre kann ich nicht ändern - nur mich. Also sollte ich notgedrungen mal in Erwägung ziehen, mehr das Eigne zu zu tun. Generell. Das erfüllt schon mal. Nimmt dem Schmerz schon mal ein bisschen den Zugang zu mir.
Und dann auch mal so: ich üb jetzt mal, mehr Eignes in der Beziehung selbst zu leben. Nicht zu warten, bis ich es dringend brauch - da ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass es grad nicht passt.
Nein, gleich mal - im ganz Alltäglichen. Dann wird sich schon zeigen, ob das mit uns zweien besser werden kann. Oder nicht. Dann hab ich aber wenigstens schon mal geübt, meins mit einzubringen. Damit ich, wenn dann wirklich ein ganz normal gestrickter Mensch in mein Leben tritt und mir gefällt, das schon ein bisschen kann.
Also Ärmel hochgekrempelt - was kann ich tun, um meine eignen Bedürfnisse in diese Beziehung zu bringen?
Dann geht's ja meistens schon los... was hab ich denn für Bedürfnisse?? Ich glaub, ich hab gar keine....
Ja ok - es ist wirklich dringend!!! Das Eigne zu tun. Egal wie schwer es ist!
Die gute Nachricht: da ist etwas riesig ausbaufähig!!
Das lohnt sich!! Das lohnt sich total!

Sicher, du wirst vielleicht feststellen, was Eignes tun fällt dir viel zu schwer. Zumindest am Anfang. Aber es lohnt sich. Dran zu bleiben. Nach und nach
gerät dein Leben besser in eine Balance.
Und darum geht es ja.
Wenn du das Leben zwischen Polen denkst. Und erlebst.

Und jemandem, der sein Leben so eingerichtet hat, dass er kaum noch eine reelle Chance sehen kann, darin mal das Eigne zu tun, dem könnte man liebevoll raten, mal zu überprüfen, ob da was dran sein könnte.
Das mit den Polen. Und ob es in seinem Leben überhaupt noch konkret einen Raum gibt. Für den einen Pol? Das Eigne zu tun.
Er hatte sicher seine Gründe. Warum er sein Leben so eingerichtet hat.
Aber gelten die noch? Gibt es sie noch? Diese Notwendigkeit?

Es ist ja wirklich möglich, dass Depressionsgeplagten das Eigne tun so furchtbar schwer fällt. Was aber sicher ist: so einseitig an einem Pol zu kleben - das macht sicher depressiv!!
So sicher wie das Amen in einer christlichen Kirche.
Es lohnt sich, mal in diese Richtungen zu denken.
Und zu schauen - gilt das auch für mich?

Und die vermutlich lange Zeit, in der man das bedenkt, kann man gut nutzen, um im ganz ganz Kleinen das Eigne tun zu üben.
Wenn mir etwas schwergefallen ist im Leben, dann das.
Ich kann es bis heute kaum. Sogar das mich dazu anfeuern fällt mir so fies schwer.
Mich niedermachen dass ich es nicht schaffe, um Erdumlauflängen leichter!
Blöd!
Aber auch kein Grund, nicht weiter dranzubleiben.
Zumindest übe ich das Üben. ;)
Und ja - in der letzten Zeit klappt es überraschend besser. Vorübergehend?
Hoffe das nicht.


Warum die Erfahrung, ganz allein zu sein, zum Menschsein dazugehört, egal was man genau erlebt?
Ich als Amateur-Nachdenkerin sage mir: der Mensch ist nur als Gruppe überlebensfähig.
In einer Gruppe zu leben, erfordert so viel Bereitschaft, für den Stamm zu leben. Also das, was für die Gruppe wichtig
und damit richtig ist.
Sodass das Bedürfnis, sich selbst auszuleben, sich gequält und wütend dagegen aufbäumt.
Vielleicht fällt es dem Menschen leichter, den Wert eines Zusammenlebens zu verstehen, wenn man das Alleinsein in seiner sehr schmerzhaften Weise erlebt.

Ich weiß nicht, ob man das so zusammenfügen kann.
Ich nenn es besser eine Arbeitshypothese.
Es klingt mir ein kleines bisschen zu glatt geschmiert. Das weckt immer Zweifel in mir.
Aber erstmal seh ich keinen Widerspruch.

Vielleicht wird ja während der Erfahrung dieses tiefen Schmerzes auch ein Hormon ausgeschüttet oder andre chemische Zusammenhänge aktiviert. Die dich dann deutlich dazu drängen, dich mal zu trennen von dem zu viel das Eigne tun. Und wieder den andren Pol ins Auge zu fassen. Zusammengehörigkeit.
Vielleicht werden wir auch da von Hormonen geleitet.
Damit die menschliche Spezies möglichst nicht ausstirbt.
Weil sie nur in der Gruppe , der Zusammengehörigkeit, eine Chance dazu hat?
Möglich wär's. Finde ich.

Dafür der Allein-sein-Schmerz? Weil wir ohne ihn das Gruppenleben zu schnell verwerfen würden? Weil es auch so anstrengend ist. So mühsam oft.
Und dann blöderweise aussterben. Bzw. schon längst ausgestorben wären

Die Hormone sorgen ja auch dafür, dass Menschen Kinder kriegen. Was ohne Hormone vermutlich viel weniger tun würden. Weil es verdammt anstrengend ist. Und gefährlich. Wer tut sich das schon freiwillig an?
Und sorgen so, dass wir eben nicht aussterben.

Dafür also der Alleinsein-Schmerz? Als Hormonausschütter?
Damit wir wieder die Zusammengehörigkeit suchen? Und das Leben darin?
Schon möglich.
Vielleicht ist das in vierzig Jahren Allgemeinwissen.
Vielleicht ist es auch an den Haaren herbeigezogen.
Ich weiß es nicht.
Aber: ich halte das für möglich.

nachtwind

Nur kurz noch was zum Thema Opfer auf der Stirn geschrieben:
das war eine dumme Formulierung. Ich bin kein Opfer!
Ich habe ernsthaft versucht, das Richtige zu tun.
Mein Leben in andre Bahnen zu lenken.
Mich dagegenzustemmen. Gegen das, was mich erdrückt.
Versucht, mich zu erdrücken. Damals.
Sagt nicht, ich bin ein Opfer.
Ich bin kein Opfer.

Ich habe einen Heidenrespekt vor diesem lütten Ding, dass da sein Herz in beide Hände genommen hat - und losmarschiert ist. Seine wirklichen Eltern zu suchen.
Hey - fünf Jahre! Das ist noch so klein. Kein Alter für so eine Leistung.
Aber hat sie. Dieses kleine zarte Mädel in mir. Das immer noch lebt in mir. Und durch meine Augen in die Welt schaut. Und manchmal durch meinen Mund spricht. Und lächelt. Und lacht. Kraftvoll.
Und weint. Manchmal. Leise. Mehr im Herzen drinnen als im Gesicht.
Leise, aber heiß.
Soll keiner dieses Mädel ein Opfer nennen!
Das ist respektlos. Eine Beleidigung. Das hat dieses fünfjährige Mädel wirklich nicht verdient!

Ich hab mich schon entschuldigt. Jetzt stelle ich das noch mal hier öffentlich klar.

Ich hatte mal den Mut. Zu widersprechen. Indem ich fortgelaufen bin.
Das ist dann wirklich krachend gescheitert.
Vielleicht hab ich damit meinen ganzen Mut schon verbraucht.
Eigentlich glaub ich das nicht.
Ich war nur tendenziell eher nicht so mutig. Manchmal eben aber schon.

In diesem Fall, Sommerferien auf der Farm mit Carola und ihren Adjudantinnen, ahnte ich, das geht nicht gut. Aber ich hatte keinen Mumm, meinem Vater zu widersprechen.
Und so bin ich dann bangen Herzens mit auf die Farm gefahren.
Ich weiß nicht, wie lang die Fahrt war. Namibia ist groß.
Drei Stunden? Sechs Stunden? Ich erinner mich eigentlich an nichts dort. Damals. Wo haben wir geschlafen? Haben wir mal zusammen gespielt? Wenn nicht, was hab ich denn dann gemacht die ganze Zeit? Haben wir auch mal gegessen? Vermutlich schon.
Aber ich habe nicht einen einzigen Fetzen Erinnerung an diese Tage.
Nur an 3 Szenen. Die aber sind eingemeißelt in mir. In aller Deutlichkeit. Jederzeit wieder abrufbar. Fühlbar auch.
Eigentlich 4. Die Rückfahrt gehört auch dazu.

Die erste so starke bleibende Erinnerung war der Zahltag.
Ich habe nie zuvor den Alltag auf einer Farm mal miterlebt. Das war alles neu für mich.
Jede Farm bestand aus der weißen Familie. Der sie gehörte. Noch den einen oder andren weißen Angestellten. Als Vorarbeiter oder so was.
Und dann, darunter: die Arbeiter. Die waren dann alle schwarz.
Sie lebten nicht mit in den Farmgebäuden. Sie hatten ihr eignes Dorf. Ziemlich weit weg von den grossen Steingebäuden. Ihre waren nicht aus Stein.
Meistens auch etwas unterhalb. Wenn das ging.

Einmal die Woche war Zahltag. Dafür würde ein Tisch rausgestellt (in den Hof kann man gar nicht sagen, weil da überall so viel Platz war.... Platz gab es in Namibia reichlich! Überall!
Da saß dann einer der weißen Angestellten mit seiner Liste der Arbeiter. Und mit Kleingeld. Einen Sack voll.
Vor ihm die ganze Gruppe der Schwarzen, guter Laune. Klar, es gab Geld, gleich kann man einkaufen. Und ja - es war der einzige Tag in der Woche, ab der nach der Auszahlung, also nachmittags, nicht mehr gearbeitet werden musste.
Sonntag Vormittag auch. Aber da sah man sie ja nicht. Da waren sie in ihrem Dorf.
Und ihre Dörfer waren extra so angelegt, dass man sie dort nicht sah. Von der weißen Seite der Farm aus.
Sie haben also überwiegend fröhlich gewartet, bis sie dran waren.
Sie wurden aufgerufen. Traten an den Tisch. Mussten in der Liste unterschreiben.  (Bei vielen ging das schnell. Ein Kreuz ist schnell gemacht. Aber manche haben sorgfältig ihren Namen gemalt. Beides hat mich beeindruckt.)
Ihnen wurde erklärt, wieviel sie verdient haben diesmal. Und bekamen ihr Geld. Zeremoniell abgezählt.
Manche bekamen mehr. Manche weniger. Ich habe dem weißen Angestellten eine Weile verblüfft zugeschaut. Er war doch ein erwachsener Mann! Warum macht er so ein Gedöns um jeden Cent?? Aber ich war schnell wieder abgelenkt. Sie waren einfach lebhaft. Die Männer und Frauen. Alle schwarz. In verschiedenen Abtönungen schwarz. Braun eher viele. Aber viele eben auch wirklich schwarz.

Wenn dann alles Geld verteilt war, und der Angestellte den Rest umständlich wieder verwahrt hatte, ging's gemeinsam zum Farmladen. Kaffernstore hieß er. Und wurde feierlich geöffnet.
War nur eher eine kleinere Hütte. Aber aus Stein. Am Tresen hinten war auchbein Fenster. Ansonsten Regale... und ein paar Kisten. Mit Getreide drin. Und ähnlichem.
Da strömten nun alle rein, und jetzt war wirklich Partystimmung. Der Raum war auch wirklich klein, zu klein für alle, vielleicht hat das auch dazu beigetragen.
Der Angestellte bezog, mittlerweile missmutig, seinen Platz hinter dem Tresen.
Vielleicht war er nicht so gern ein Verkäufer? Chef-bezahlt-seine-Untergebenen gefiel ihm jedenfalls viel besser.
Bevor es jetzt aber losging, durften erst alle weißen Kinder, die auf der Farm waren, vortreten an den Tresen. Und bekamen eine ganze Tüte Süßigkeiten. Vorher wohl zusammengestellt. Also schon große Tüten. Wie halbe heutige Abfalltüten. Voll mit allem möglichen, was dieser Store so zu bieten hatte. Jedes Kind bekam eine. Eine große Tüte voll mit Süßigkeiten.

Ich war ja fremd hier in all diesen Gebräuchen und hab mich mal vorsichtshalber ganz hinten eingereiht. Zeit genug, um mich ziemlich unwohl zu fühlen. Die andren zogen fröhlich mit ihren Tüten vor sich her wieder raus - ich war dran. Ich konnte nicht. Ich wusste nicht warum, aber ich konnte nicht. Der Angestellte wurde ungeduldig, aber ich konnte nur immer wieder den Kopf schütteln. Dann hat er angewidert die Tüte zur Seite gestellt.
Und die Verkaufsschau war eröffnet.
Ich hab mich, erleichtert dass ich entlassen war, zurückgezogen. Aber raus wollte ich nicht. Ich wollte hier bleiben. Unbedingt.
Sicher, es hätte sein können, dass ich mal Pause wollte. Von meinen Peinigerinnen. Aber das war es nicht.
Ich wollte verstehen. Dringend verstehen. Nirgends durfte ich bisher so nah zuschauen. Den Schwarzen bei ihrem Leben.
Das jetzt hier, das war jetzt meine Chance!
Es gab so viel zu verstehen. Wenn sie keine Menschen sind, also keine Menschen so wie wir - was waren sie denn dann?? Das brannte in mir.
Die drei Hausangestellten von uns, also nacheinander, die ich kennengelernt hatte, waren so liebenswürdige Menschen. Es war mir unerklärlich, was mit ihnen nicht stimmen sollte.
Fragen ging nicht. Das hatte ich schnell raus. Niemanden durfte man fragen. Sofort! wurde deutlich: das ist ein no-go! Fragen geht gar nicht.
Also hab ich mich geschwind auf die erste Kiste gehockt. Mich klein gemacht. Und zugeschaut...  und zugeschaut.... und zugeschaut...
Ich hab alles aufgesaugt!! Alles.
Und: ich war hingerissen!
Je länger ich da saß.

Der weiße Angestellt hat ein paar mal sehr nachdrücklich mit Abscheu auf mich geschaut. Normalerweise hätte das völlig ausgereicht um mich sofort zu vertreiben.
Aber das hier war wie ein kleines Paradies für mich. Da lässt man sich nicht so leicht vertreiben. Auch wenn man ein Angsthase ist.
So viel Leben!! So viel offene Lebensfreude! Ich wusste ja, dass sie schuften mussten. Alle. Ich wusste ja, dass sie es nicht leicht hatten.
Ich wusste ja, dass überall in ihrem, in unserem Leben es draufstand - laut und überlaut: NUR FÜR WEISSE!
Und: FÜR SCHWARZE.
Ich wusste ja, dass sie nicht im selben Haus wohnen durften wie wir Weiße.
Und dass ihre Behausungen kein Vergleich dazu waren.
Ich wusste doch schon vieles. Und nichts sprach für Lebensfreude.
Und dann sah ich sie hier. Du machst dir keine Vorstellungen! Die dem auch nur nahe kommen. Was hier herrschte. Pure offene Lebensfreude!
Nicht alle, natürlich! Aber diese natürlich überströmende Lebensfeude der andren
reichte auch für sie.  Niemand hier dachte, was denken jetzt die anderen. Niemand bremste sich ein. Sie ließen es einfach raus. Ihre Sorgen. Ihre Angst, dass es nicht reicht. Und sie ihren Nebenmann ihr Geld in die Hand drückten - kuck du mal: reicht es? Ihre Freude, wenn es vielleicht reicht. Ihre Vorfreude auf das einkaufen gleich.
Niemand drängelte. Es war ein kleines, aber feines Fest. Warum soll man ein Fest verlassen? Es gibt doch nicht wirklich viele Feste. In so einer Woche.
Ich war hingerissen. Von so vielem. Was ich sah.
Und was ein ganz andres Leben schien. Als das, was ich gewohnt war.
Da waren die bildhübschen jungen Frauen, die abseits an der Theke standen, hinter der in den Regalen die Stoffe lagen. Und die sich alle zusammen überlegten, welcher Stoff jetzt der schönste ist. Für die eine, die ihn kaufen sollte.
Ab und zu kam der missgelaunte Angestellte die drei Schritte zu ihnen und machte ihnen unmissverständlich klar, dass sie mal hinne machen sollen. Aber sie ließen sich nicht eine Spur davon beeindrucken. Sie nickten lachend und zeigten dann auf noch einen Ballen. Hol uns den auch noch mal her. Und er fluchte, aber er tat es.
Heute würd ich sagen, sie waren klug. Sie wussten, wie das hier läuft. Sie wussten., der Job des Angestellten ist es , alles Geld, das sie eben bekommen hatten, ihnen wieder aus der Tasche zu ziehen.
Mit Gewinn. Also ob sie das wussten, weiß ich jetzt nicht,  vermutlich schon. Auf jeden Fall wussten sie, sein Job ist es, möglichst viel zu verkaufen. Dieses eine Mal
würde ein Weißer sie nicht rausschmeissen. Nur weil er das wollte.
Solange sie noch nicht gekauft hatten, konnte er ihnen nichts.
Und so feierten sie ungestört weiter ihr aufregendes Fest - für welchen Stoff würde sie sich entscheiden?
Sooo oft im Leben kauft man sich nicht einen neuen Stoff. Für ein neues Kleid.
Kleider lassen sich sehr sehr lange flicken. Sehr sehr lange.

Da waren drei jüngere Männer, die sich konzentriert unterhielten. Aber auch das so lebendig, wie ich nie Menschen hatte ernsthaft sich unterhalten sehen.
Da war der hochgewachsene glänzend schwarze junge Mann, mit seinem kleinen Sohn neben sich. Er war ruhig. Gesammelt. Er hatte etwas königliches. Also den positiven Anteil eines Königlichem. Aber auch das so lebendig.

Ich kann es nicht beschreiben. Ich habe kurz an die Griechen denken müssen. Mit ihrer Gastfreundlichkeit. Und ihrer Freude daran, so freundlich zu sein. Speziell den Kindern gegenüber. Ich habe auch das in mir aufgesaugt. Und mich satt getrunken dran.
Aber das hier war noch einmal etwas andres. Unbändige Lebensfreude. (Der Ausdruck ist nicht von mir. Aber so so treffend. Dass ich ihn sofort in mein Herz geschlossen hab. Danke dafür!!)
Und das In all ihrer sichtbaren Not. Ihre ungebändigte Lebenskraft. Und Freude.
Das machte es noch so beeindruckender. Und überzeugender.
Überwältigend.
Ich war so hingerissen. So!

Am längsten hab ich den jungen Frauen zugeschaut. Ich seh sie heute noch genauso vor mir. Ihr Lachen, ihre Schönheit, ihre ungebremste Freude an der Schönheit ihrer Freundin. Ihre Aufregung. Die sie so ungeniert auskosteten. Sie waren so schön.
In meinen Augen waren sie so unfassbar schön.
Wenn ich an weibliche Schönheit denke, fallen sie mir augenblicklich ein.

Irgendwann fiel ich ihnen wohl auf. Wie hingerissen ich war. Und die im Mittelpunkt, die potentielle Köuferin, wandte sich mir zu und fragte mich auf Afrikaans : ,,welchen Stoff soll ich denn nehmen?"
Quer über all das Gewimmel rüber zu mir. HIMMEL!!, war ich erschrocken! Ich hatte völlig vergessen, dass ja auch ich sichtbar war.
Ich hab mich sooo erschreckt!!
In meiner Erinnerung wurde es ganz still im Raum. Aber vielleicht war das nur mein eigner tiefer Schreck!
Und ich saß da - und musste doch was antworten jetzt!! schnell!! Und wusste nicht was...
,,Der blaue Stoff" ... ich weiß bis heute nicht, ob ich den wirklich am schönsten fand. Ich glaube, ich wollte nur schnell was sagen.
Sie schaute nachdenklich den blauen Stoff an. Ihre Freundinnen auch.
Hab ich was falsches gesagt?! Himmel, was soll ich machen? Nur nichts kaputt machen! BItte!
,,Alle sind schön!" ruf ich noch schnell hinterher - und der Bann ist gebrochen.
Es wird wieder laut im Raum. Lebendig. So wie vorher.
Und die bildschönen Frauen beschäftigen sich wieder mit ihrem Vergnügen. So lang wie möglich das Fest auszukosten. Welcher Stoff denn wohl der richtige ist.
Sie waren wirklich alle sehr schön. Mit satten bunten Farben. Und wunderschönen Mustern. Bildschön. Wie Bilder so schön.

Aber ich bin ein bisschen wach geworden. Ich bin hier auch sichtbar! Das war mir vorher nicht bewusst.
Sicher, der weiße Angestellt hatte mich ein paar mal vertreiben wollen. Aber nicht direkt. Das durfte er jetzt nicht. Ich war der Besuch der Tochter seines  Chefs.
Er konnte mich nicht scheuchen, wie er so gerne wollte.
Er konnte mich nicht leiden. So viel stand fest.
Aber ich hatte keine Zeit, das ernsthaft zu würdigen.

Trotzdem war ich wachgerüttelt. Ich schaute dem grossen ruhigen stolz aufrechten Mann  zu. Und seinem Sohn. Sie waren jetzt dran. Und zum Abschluss kaufte der Vater dem Sohn noch einen Lutscher. Und der Sohn freute sich. Auch er: ein bisschen königlich.
Da rutsch ich von meiner Kiste, entschlossen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich denn vorhatte. Dieses, was ich nenne  ,,ohne mich zu fragen".
Nicht fremdgesteuert. Aus meinen unergründlichen Tiefen gesteuert.
Reihe mich hinter die beiden ein. Der weiße Angestellt schaut misstrauisch. ,,Was willst du?!" ,, meine Tüte", sag ich ohne Nachzudenken. Weiß immer noch nicht, wohin das jetzt führt. Der weiße Angestellte grinst triumphal! Widerlich triumphal.
Und reicht sie mir. Mit einem lauten ,, ach - jetzt doch!". Und kostet seinen Triumph ungeniert aus.
Ich kümmere mich nicht drum. Ich nehm die Tüte und folge den beiden, dem König und seinem Sohn, nach draußen.
Ich weiß immer noch nicht, was ich vorhabe, aber langsam dämmert es mir.
,,Nur noch nicht jetzt!" denk ich kurz, ,,noch kann er sie dir wieder abnehmen."
,,Erst draußen." ,als endete die Herrschaft des weißen Angestellten an der Tür.
Ich wusste, ich tue etwas Verbotenes.
Aber das war mir grade ganz egal.

Und es ging ja alles gut. Kaum draußen, tipp ich dem Jungen auf die Schulter.
Zeige ihm die Tüte. Reich sie ihm. Und zeige auf die Kinder, die rechts neben der Tür spielen. Es waren kaum Kinder in dem Raum, fällt mir auf.
Er schaut mich fragend an. Ich nicke. Zwei, dreimal. Entschlossen.
Er versteht.
Und verteilt die Schätze unter den Kindern. Kommt zurück mit dem Rest. Reicht ihn mir. Ich schüttelte den Kopf. Deute auf ihn. Er schaut wieder fragend. Ernsthaft fragend. Und ich nicke wieder. Genauso entschlossen. Da grinst er breit. Klettert auf die hohe Kiste neben der Tür. Mit seinem Schatz. Und reicht mir seine Hand runter. Und lädt mich damit ein. Ich freu mich mords. Und kletter zu ihm hoch. Fühle mich geehrt.
Da sitzen wir zwei beiden. Ich kann seine Sprache nicht, er kein deutsch oder englisch oder afrikaans. Und doch sitzen wir beide nebeneinander. Seltsam vertraut. Er bietet mir einen Griff in jetzt seine Tüte an, Aber ich schüttel den Kopf. Das einzig leckere, das ich auf die Schnelle in der Tüte entdeckt hatte, ist ein besonderer Lutscher. Den hat jetzt ein kleines dralles fast nackiges Mödel mit einer fett grüngefüllten Rotzrinne im Gesicht. Ungefähr 3 Jahre alt.
Ich schau bedauernd dem Lutscher hinterher. Ich war ja auch noch ein Kind. 10,11 Jahre alt. Genau weiß ich es nicht.

Mein Prinz sieht meinen Blick, steht augenblicklich auf und springt runter zu den Kindern. Nimmt entschlossen der Kleinen den Lutscher ab, obwohl sie sich kräftig wehrt, drückt ihr mit unwidersprechbarer Autorität  zwei andre Süßigkeiten aus der Tüte in die Hand, und ist im Nu wieder neben mir. Mit der Trophäe. Hält sie mir hin....
es tut mir so leid, aber ich kann sie nicht annehmen. Ich ekle mich so. Ich kann nicht. Mein Prinz ist ganz überrascht - hat er mich falsch verstanden, denkt er vielleicht. Selbst wenn ich reden könnte, ich tät mich nicht trauen, ihm das zu sagen. Ich schäme mich sehr.
Er schaut, wohin ich schaue - zu dem kleinen drallen fast nackigem Kind, das mir den bitterbösesten Blick meines Lebens entgegenschleudert ....
und versteht.
Wie kann er das verstehen?? Ich fass es nicht! Damals nicht. Und heute auch nicht!!
Aber er schaut mich an, bis ich zu ihm schau. Und dann schleckt er zwei, dreimal intensiv an dem Lutscher.  Nimmt ihn ganz in den Mund. Reinigt ihn so gründlich er nur kann.
Und reicht ihn mir dann.
Und ich nehme ihn an. Und wenn er jetzt sagen würde, heirate mich, ich würde es tun.
Natürlich hab ich das damals nicht so gedacht. Aber gefühlt
habe ich  das ganz genau so!

Und so sitzen wir beide da, nebeneinander, auf der Kiste neben dem Kaffernstore.
Und gehören genau da hin. So wie die Sterne am Himmel. Ohne jede Frage. Waren schon immer da. Werden immer da sein.
Wir sagen uns nichts. Können es ja nicht. Wir haben keine gemeinsamen Worte. Aber wir brauchen auch keine. Es ist ohnehin alles gesagt.
Einmal hält er mir noch seine Tüte hin, seine Süßigkeit war schneller leer.
Ich schüttle den Kopf und lächle. Zeige ihm meinen Lutscher und strahle ihn so dankbar an, wie ich mich auch fühle.
Und er lächelt genauso zufrieden zurück.
Alles ist so, wie es es sein soll.

Gefühlt Stunden später bemerke ich, wie uns zwei Erwachsene anschaun. Auch sie lächeln ziemlich froh.  Uns an. Es sind die Eltern meines Prinzen. Der König. Und die Königin. Die gerade einen neuen Stoff gekauft hat. Oder dabei war, als eine andre es tat. So genau bin ich mir da nicht mehr sicher.
Sie sagen ihrem Sohn etwas, lächelnd, in ihrer Sprache... und es ist klar, jetzt trennen sich unsre Wege.
Aber der Zauber bleibt.

Die Frau sagt noch etwas freundliches auf Afrikaans zu mir. Ich weiß nicht mehr was. Etwas zum Abschied. Glaube ich.

Dann schau ich ihnen nach, wie sie so weggehen, die zwei so schönen großen glänzenden Erwachsenen. Und auf den Schulter des Vaters ihr Sohn. Mein Prinz.
Und wie ich ihnen so nachschaue, dreht sich er noch einmal um. Und schaut mich an. Ernst. Nachdenklich. Durch und durch freundlich.
Und dreht sich wieder nach vorn.

Ich bleibe noch eine Weile dort sitzen. Und hoffe inständig, ich hab genauso zurückgeschaut. Und atme den Zauber ein. Der geblieben ist.
Aber dann geh auch ich bald.
Ich fürchte mich vor der kleinen Drallen. Ich fürchte mich vor ihrem bitterbösen Blick.


 










nachtwind

Und ja, es war verboten, was wir taten. Das wussten wir sehr wohl.
Die Schilder überall ,,nur für Weiße!" und für Schwarze!", die waren keine Hinweise. Das war Gesetz. Und wer sich nicht dran hielt, ging in's Gefängnis. Sofort. Zumindest wenn er schwarz war.
Aber auch Weiße saßen deshalb ein.
Es war genauso wie zwischen den ,,Deutschen" und den ,,Juden".
Es war genau so. Unerbittlich. Unumstößlich. Gnadenlos.
Schon wir Kinder wussten, es war verboten. Sich zu vermischen. Selbst nebeneinander sitzen durften wir nicht.
Bedient werden durften wir. Uns bedienen durften sie.
Aber eine Parkbank mal zu teilen, war auf Gefängnisstrafe verboten.
Im Bus nebeneinander mitzufahren - strikt untersagt.
Es gab Busse für Weiße. Und solche für Schwarze.

Wir Kinder wussten das alles natürlich.
Aber uns beiden war das so egal. Wir haben noch nicht mal dran gedacht.
Weil es sich so richtig anfühlte. Was wir taten.
So richtig! So stimmig! Es gab nichts Richtigeres auf der Welt.
Als genau das.
Für uns beide.
Ich bin mir sicher! Nicht nur für mich.
Ich weiß es einfach. Punkt.


Während ich noch so darüber nachsinne jetzt, wie es so war, damals, in dem Kaffernstore und rechts vorne neben ihm draußen, da spür ich ganz deutlich einen ganz kleinen aber innigen Wunsch wachsen. In mir.
Dass auch er sich noch erinnert. An mich. So wie ich mich an ihn.
Während er da sitzt. In seinem so andren Leben. Wenn er noch lebt.

Mit vielleicht auch einem 72 Jahren altem Gesicht.
Mit vielleicht auch einem 72jährigen Körper. In dem die Schmerzen aus 72 Jahren sich leise angesammelt haben und langsam ziemlich viele sind. Ihrem Raum fordern. Und bekommen.
In dem auch das Lachen und die Wärme der Zuneigung sich still und stetig angesammelt haben. Und genauso langsam ziemlich ziemlich viel geworden sind. Viel Raum einnehmen. Sehr viel Raum.
In dem die Gedanken ruhiger geworden sind. Langsamer auch. Und in dem jeder einzelne sehr wichtig sein kann. Und es wert ist, betrachtet zu werden. Lange. Tagelang manchmal.

Und vielleicht auch seinen Enkelkindern einmal erzählt. Von damals ... von ihm
und dem weißen Mädchen. Mit den blonden Haaren.
Und dass er genauso warm vor sich hinlächelt. Dabei.
Das fänd ich grad sehr schön.
Vielleicht tut er es ja auch wirklich. In diesem Moment.
Vielleicht auch nicht.
 
Vielleicht lebt er ja auch nicht mehr.
Vielleicht aber doch.
Wenn du noch lebst, alter Mann in Namibia: hier in Deutschland lebt eine alte Frau. Und denkt an dich. Nicht ständig. Aber jetzt.
Wie es so war. Neben dir. Auf der Kiste neben dem Kaffernstore.
Ich hab keine Zähne mehr, du wahrscheinlich auch nicht.
Aber wir waren auch mal jung.
Es ist noch in uns drinnen.

Unsre Körper sind alt geworden, in dieser langen Zeit.
Wir aber nicht.
Wir haben das Junge noch in uns.
Wir sind noch jung.

Nicht immer. Aber oft genug.
Wenn wir uns erinnern.
hey :)

nachtwind

Das zweite, an dass ich mich erinnere, so deutlich, als sei es gestern geschehen, beginnt auf dem großen Platz vor den Farmgebäuden.
Einige Weiße, Erwachsene - und meine Peinigerinnen, hochfröhlich erwartungsvoll. Und ein paar Schwarze. Alles Erwachsene. Einer hält ein Pferd.
Und ich soll da jetzt drauf.
Ich will ganz und gar nicht. Habe nix als Angst. So ein Pferd an sich ist schon groß. Aber wenn es direkt neben dir steht und du auch noch drauf sollst, dann wächst es im Nu noch einmal ins Unermessliche.
Aber sie bleiben unerbittlich. Die da sind. Die Weißen.
Ich kann nicht reiten! Bin ich noch nie!
Das Pferd ist ganz brav. Es weiss alles ganz von selbst. Es tut alles ganz von selbst. Keine Gefahr!
Mir gehen die Argumente aus.

Auch die Schwarzen nicken freundlich einladend.
Ich hab nichts mehr entgegenzusetzen. Jemand hebt mich auf's Pferd.
Da sitz ich nun. Es geht weit runter.
Ich habe furchtbare Höhenangst. Schon immer. Schon auf einem Stuhl zu stehen überfordert mich total. Ich halte das kaum aus.
Erst jetzt im Alter lässt es langsam nach.
Es ist viel höher noch als ich schon dachte. Irgendjemand hat mit die Zügel in die Hand gedrückt, und die Füße in die Steigbügel. Bevor ich noch beten oder wenigstens meine letzten Worte sagen kann, geht jemand neben dem Pferd her und dreht es langsam dabei um... es wackelt bisschen, aber eigentlich ist das gar nicht so schlimm. Nur nicht dran denken, dass ich so hoch oben bin! Dann geht das vielleicht sogar?

Jemand gibt dem Pferd einen Klaps auf den Po, ich hör das genau... und dann geht sie los, die wilde Fahrt. Erst ganz gemächlich, ich schwanke noch zwischen Angst und Zuversucht hin und her, dann wird es schneller.... Und als das Pferd endgültig begreift, dass hier keiner das Sagen hat - nur es selbst! - da verliere ich im Nu jede Zuversicht. Und jede Angst.
Die reine ungesüsste wilde Panik pur...
Zwischendrin schiebt sich etwas andres, fast noch wilderes: Ich glaub, es ist der Überlebenswille. Ich merke nur, dass ich zwischenzeitlich auch mal denken kann. Kurz. Und dass ich das wilde Dahingejage sogar ein bisschen fühlen kann. Mit fest zusammengepressten Kiefern. Aber einem Jauchzen im Bauch. Vorübergehend. Sehr Vorübergehend. Immerhin.

Aber dann taucht in der Ferne der Zaun auf. Himmel, wir sind so schnell!! Er ist schon ganz nah!! Was mach ich bloß?!!! Die Zügel hab ich längst verloren. Zum tasten danach hab ich einfach keine Zelt mehr. Und keine Hand frei. Ich kralle mich schon lange in der Mähne fest.
Ich nehme wahr, das Pferd wird keine  Deut langsamer. Und ich begreife. Die Zähne noch fester zusammengebissen. Beton im Kiefer. Drahtseile im Körper. Nichts Weiches mehr.  Ich stehe in den Bügeln. Der Zaun ist da!
Ich mach die Augen zu. Und erwarte den großen Sprung.
...
Kein Sprung. Was ist geschehen? Ich mach die Augen wieder auf.
Wir stehen genau vor dem Zaun.
Hat dieses Pferd jetzt doch tatsächlich noch vor ihm angehalten?!
Aber wie hat es das gemacht?.
Ich weiß nicht, wie es gebremst hat, es hat sich überhaupt nicht nach Bremsen angefühlt. Wie auf dem Fahrrad. Wie kann es denn bremsen ohne zu bremsen? So ein Pferd?
Hätte es gebremst wie ein Fahrrad, ich wär in hohem Bogen über den Lenker, den Pferdekopf gesaust. Aber sowas von! Bei der Geschwindigkeit!
Warum sitz ich dann noch im Sattel?

Es bleibt keine Zelt, darüber nachzudenken. Es hat sich längst zufrieden umgedreht. Und beginnt langsam, Schritt für Schritt seine neue Reise. Zurück??
Ich habe das Gefühl, das Pferd genießt das irgendwie. Dass es so eine Niete auf dem Rücken hat. Dass es wirklich mal machen kann, was es will.
Es ist ja auch ein Pferd, das selber alles weiß. Haben sie gesagt. Das selber alles kann....
Wenn es jetzt kein Pferd wär, sondern eine Katze vielleicht oder ein Hund - ich würde jetzt beginnen, es zu mögen.
Wenn es nur nicht so hoch wäre!

Langsam wird es schneller. So wie am Anfang.
Jetzt ist schon etwas mehr Jauchzen im Bauch als vorher. Und etwas weniger zusammengebissene Zähne dabei. Kunststück: es  ist auch viel zu schnell, um daran denken zu können, wie hoch es ist. In Wirklichkeit. Statt hoch wird es immer mehr einfach nur: schnell.
Schnell ist jetzt nicht schlecht.
Vielleicht überleb ich das hier doch?!

Bis es um eine imaginäre Ecke biegt. Und mittenmang in die Fläche vor den Gebäuden. Wo all die Menschen stehen!!!!!
Es rast direkt auf sie zu!!!
Ich brülle in heller Panik ,,weg!!!weg!!! Ich kann es nicht bremsen!!!!!"
Und weil sich nichts rührt, nochmal auf Englisch. Und dann Afrikaans.
Es rührt sich einfach nichts!!!! Keiner stiebt auseinander!
Sind sie denn von SInnen?!!!
Wir rasen genau auf sie zu!!!!
Wir werden sie alle töten!!!!
Himmel hilf!!!
Der Himmel hilft nicht. Ich mach die Augen zu
in Erwartung des Zusammenpralls - des Gemetzels!...
....
....
Als ich die Augen wieder aufmache, stehen wir beide
genau vor der kleinen Menschenmenge.
Die lacht.

Auch die Schwarzen. Freundlich. Aber sie lachen. Sie hatten keine Angst.

Nur ich... wie ich da wild rumgefuchtelt hab. Und gebrüllt. In Todesangst.
Todesangst um sie.

Es gibt auch ein andres Lachen.
Aber dafür habe ich jetzt keine Ohren und Augen mehr.

Bin völlig orientierungslos. Wo ist das Gemetzel hin? Was ist passiert?
Jemand hebt mich runter. Ich falle fast hin.
Meine Beine tragen mich nicht mehr.
Was jetzt? Ich bin noch ganz benommen.
Die Beine werden mich nicht lange tragen. Ich brauche Schatten.
Wer weiß, wie lang das anhält. Mit der Schwäche.
Jetzt nur nicht auch noch hinfallen! Vor all den andren.

Ich sehe den schmalen Schattenstreifen, den das Haus vor sich in den Staub wirft.
Dahin!
Ich schleppe mich dorthin.
Und schaff es auch.
Hier geh ich jetzt nicht mehr weg!
Kann ich ja auch gar nicht mehr.
Ich schließ die Augen.

Dieses Pferd!
Es ist ein Wunder...
Es bremst ohne zu bremsen.
Und genau im richtigen Moment!
Wie macht es das nur?

Ab hier ist der Film zu Ende.

Vielleicht schlaf ich ja auch augenblicklich ein.
Ich weiß es nicht mehr.

Das Pferd? Ich seh es nie wieder. Bewusst zumindest.
Es war wunderbar sorglich zu mir.
Nur wie es so bremsen konnte. Ohne zu bremsen. Das hab ich nie herausgefunden.

Hab allerdings auch nie mehr auf einem gesessen.
Ich weiß ja jetzt, wie hoch das ist.
Und nur weil es einmal gut ausgegangen ist, heißt das ja überhaupt nicht, dass das nicht auch tödlich ausgehen kann.
Wobei ich gar nicht meinen Tod gefürchtet hab. Den Tod der andren aber schon!
So intensiv wie sonst nur noch in Alpträumen.

Nichts wonach ich mich sehne.

Aber das Pferd da,
das war schon groß in Ordnung!
Danke Pferd!
Echt: Danke!!

nachtwind

Das dritte ... ja...
es lässt ein bisschen Raum für Spekulationen.
Was wohl in all der Zeit geschehen ist, an die ich mich so gar nicht erinnern kann.
Ich gehe davon aus, dass meine Peinigerinnen ihre Sommerferien mit mir sehr genossen haben. So zufrieden strahlend, wie sie mir entgegenkommen, in der Szene, die ich noch weiß.
Ich bin, ich denke, wie immer, ganz allein - und sie kommen voller Vorfreude kichernd auf mich zu.
Ich sehe ihnen - und was auch immer jetzt wieder kommen mag - voller Misstrauen entgegen. Versuche mich zu wappnen. Weglaufen geht nicht.
Das hab ich scheinbar schon versucht. Sie sind halt auch zu viele.
Carola vorneweg, die andren in einem erwartungsvollen Halbkreis um sie rum. Alle lächeln, alle strahlen, allen glitzern die Augen...
also, sie,hätten jetzt eingesehen, dass sie mir das Leben schwer gemacht hätten hier. Und das wollten sie jetzt wieder gut machen. Und sie hätten jetzt extra ein Geschenk für mich gebastelt, damit ich sehe, sie meinen es diesmal ernst!
Sie spricht, alle nicken nachdrücklich dazu, zu jedem Satz. Strahlen mich an. Nicken auch noch in das Schweigen hinein.
Natürlich steh ich da und bin so voller Misstrauen, dass ich, glaub ich, gar nicht gerade kucken kann. Ich weiß gar nicht wohin mit meinem Blick.
Jetzt versucht eine andre ihr Glück, sie sagt fast wörtlich das Gleiche. Und die andren nicken. Entschieden. Ja so ist es!  Ein Geschenk, damit ich seh, sie meinen es diesmal ernst. Nimm es! Von uns.
Ich weiß immer weniger, wo jetzt hier der Ausweg ist, wie ich reagieren soll... sie sind so hartnäckig darin, kein Zögern von mir hat die Macht, sie sich zurückziehen zu lassen...es spornt sie eher nur noch mehr an.

Es fällt mir schwer, die Geschichte jetzt weiterzuerzählen... eigentlich möcht ich nicht, dass jemand sie erfährt. Mich sieht. Wie erbärmlich ich so bin.
Aber es hilft ja nix, es war halt so. Ich kann das jetzt auch nicht schönreden. Oder verschweigen. Es gehört eben dazu.
Sie stehen also vor mir, werden nicht müde, mir ihr Geschenk aufzudrücken... Ich will es nicht!!!
Aber da ist etwas in mir, das will es so gern, so zögernd gern, dass das jetzt alles wahr ist.
Erst ist es noch ganz leise, dieses Gefühl, aber je länger ich auf die kleine Schachtel schaue, die sie mir so entgegenstrecken, wird es immer stärker und stärker und stärker... TU'S NICHT!!!! schreit es in mir. Ich streck die Hand aus.
Ich will es so sehr. Immer stärker, immer drängender will ich so sehr, dass es jetzt doch stimmt. Dass Frieden wird. Ich weiß , dass es nicht stimmt.
Aber ich will es so sehr... ich sehn mich so danach! So überwältigend sehr.
Dass es stimmt.
Dass es aufhört. Dass es gut wird.
TU'S NICHT!!! Ich nehm es in die Hand. Ihr Vergnügen explodiert förmlich.
Ich merk das wohl. TU'S NICHT!!! Ich nehme es zu mir.
,,Mach's auf!! Mach's auf!!" singen sie jetzt um mich herum, und hüpfen und springen vor Aufregung auf und ab. Was wenn es jetzt wirklich wahr wäre? Ihre Freude? TU'S NICHT!!! Ein letztes Mal TU'S NICHT!!! ... und dann schau ich auf die Schachtel. Eine kleine Schachtel.
Ich sehne mich einfach zu arg!! Alles in mir sehnt sich viel zu arg.
Ich kann dem nichts mehr entgegensetzen - ich sehne mich zu stark!
Und öffne die Schachtel -
und im nächsten Augenblick renn ich schreiend durch das Haus, schüttel wie wild meine rechte Hand, aber ich werde es so nicht los, es wird nur immer fester!! Der Biss.
Ich rase in die Küche, es ist ein weiter Weg, ich brülle vor Entsetzen! Wir Kinder dürfen eigentlich nicht in die Küche, aber da sind Erwachsene. Ich brauche Hilfe!!! Bitte!!! Ich brauch Hilfe! Ich werd das nicht mehr los!
Ich rase in die Küche. Dort hat mein Gebrüll sie schon vorgewarnt, so gehen zu lassen hab ich mich nie getraut. Trau ich mich ja jetzt auch nicht. Aber es lässt sich nicht verhindern. Wie eine gewaltige Welle hat es mich mitgerissen... und lässt mich nicht mehr los.
Die Missus, die Frau des Hauses, die Mutter einer der Adjudantinnen, erwartet mich schon. Drumherum ihr schwarzen Arbeiterinnen. Sie packt meine Hand und schaut sich an, was da dran hängt. Und lacht. Ein bisschen verächtlich. Dass ich da so ein Gedöns drum mach. Sie packt die Maus am Kiefer, drückt ihn auseinander -
und ich bin befreit. Ein bisschen verblüfft bin ich schon, wie leicht das ging.
Und sehe: es war nur eine Maus. Eine kleine Maus. Eingesperrt in eine kleine Schachtel. Die sofort! als sie sich öffnet, Mäulchen vorweg und groß aufgesperrt, in die Freiheit gesprungen ist. Mit einem einzigen entschlossenen Satz.
Und je mehr ich wild geschüttelt hab, desto fester hat sie sich reingebisssen.
In meinen Zeigefinger. Für sie der Steg in die Freiheit.
Für mich der Platz, in den der Anker sich bohrt. Und mich, wenn auch jetzt befreit von den Zähnen, unerbittlich in die Tiefe zieht. Langsam.
Aber unaufhaltsam.
Ich versinke unaufhaltsam.

Sehe unbeteiligt zu, wie die Missus mir ein Pflaster auf den Finger klebt. Und mich dann mit einem energischen Klapser genervt aus der Küche bugsieren will.
Ich bin schon zu tief versunken, um noch zu reagieren, bleib ungerührt stehen. Ich sinke immer tiefer. Die Missus hat sich wieder zu dem Küchentisch umgedreht, mit einem unwirschen Satz, der mir galt. Irgendwas mit ,,Stell dich um Himmels Willen nicht so an!" Sie geht davon aus, dass ich die Küche verlassen hab. Ich steh immer noch da. Ich weiß nicht mehr, wie bewegen geht. Da bekomm ich einen ganz schnellen, groben, ungestümen Schupser - und lande willenlos auf der Küchenbank, die da neben mir stand.
Der Schubser kam von den schwarzen Frauen. Ich weiß nicht, von wem. Sie haben sich dicht an dicht um den Tisch gestellt und drehen mir alle den Rücken zu.
Das trifft mich noch ein letztes Mal. Ganz tief.
Wenn noch irgendwas an meinem Herzen heile war - jetzt ist auch das zerrissen.
Ich war wehrlos. Hilflos. Schon ganz versunken. Und da kommen jetzt auch noch sie. Und schubsen mich zur Seite. Grob. Ohne Kommentar.
Ich dachte ... sie waren so nett zu mir.
Jetzt bin ich auch ihnen
einfach nur im Weg...
Jetzt sinke ich machtlos, unfassbar schwer geworden,
schneller in die Tiefe.
Die bodenlose Tiefe.

Bodenlos heißt, du kommst nie mehr an. Nichts stoppt dich noch.
Du sinkst.
Auf immer.

Nach irgendeiner Weile entdeckt mich die Missus doch. Schimpft mit mir - und schiebt mich aus der Tür.
Ich bin nicht bewusstlos. Aber ich kann mich nur noch in Zeitlupe bewegen. Das macht auch nichts mehr. Sehen kann ich auch nicht mehr gut. Sehe nur in dem abgedunkelten Flur einen undurchdringlichen Schatten direkt unter einem verdunkeltem Fenster. Die paar Schritte schaff ich scheinbar auch noch. Dorthin. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich die gegangen bin. Dort hock ich mich hin.
Hier sieht mich keiner. Hier ist es schwarz vor Dunkel. Hier kann ich bleiben. Hier sieht mich keiner.
Und ich versinke weiter. Immer tiefer. Immer tiefer.

Wieder eine ganze Weile später öffnet sich die Küchentür gegenüber. Sie ist nicht abgedunkelt, es blendet mich. Ich heb den Kopf, sehe die Missus auf mich zu kommen. Sie hat mich entdeckt - und jetzt ist sie richtig sauer!
Immer widersetzt sich diese Göre! Sie schimpft richtig laut jetzt und streckt ihren Arm energisch in eine Richtung aus. Vermutlich will sie, dass ich dorthin gehe.
Aber ich kann nicht mehr gehen. Ich kann nicht mehr reagieren. Ich bin zu tief versunken. Und es macht mir auch keine Sorge mehr. Das alles kann mich nicht mehr beeindrucken.
Ich bin viel zu tief versunken.

Da kommt sie die paar Schritte auf mich zu, ich registriere es  unbeteiligt. Packt mich am Arm und zieht mich hoch.
Und lässt mich wieder los.
Macht auch nichts.
Jetzt wird sie hektisch. Eine der Frauen muss mich hochheben, auf irgendein Sofa legen. Weiß auch nicht, wo das jetzt herkommt. Eine andre wird losgeschickt, ein Fieberthermometer zu holen. Mir ist das alles völlig egal. Nichts davon hat mit mir zu tun.
Ich bin zu tief versunken.
Und versinke immer weiter.

Irgendwann taucht sie wieder auf, nochmal messen. Jetzt wird sie ganz schleimig freundlich zu mir.
Ich finde es widerwärtig. Nie war sie nett zu mir.
Auch jetzt nicht. Jetzt hat sie Angst. Es ist ihr unangenehm. Die ganze Situation gerade. Wie steht sie denn jetzt da?!
Aber es ist mir alles viel zu unwichtig. Ich spüre nur noch mein Versinken.
Da bin ich geborgen.
Da kann ich sein.

Ich hör sie telefonieren. Dann kommt sie wieder. Wieder so eine unangenehme Scheinfreundlichkeit. Es gilt nicht mir. Sie will nur, dass ich erzähle, sie war nett zu mir. Komischerweise erkenn ich so was  direkt. In meinem Zustand. Sonst nie so deutlich. Und so klar.
Aber auch das hat nichts mit mir zu tun. Ich sinke.
Irgendwann tauchen auch meine Peiniger auf, und nach ner Weile auch sie wieder dazu. Jetzt schimpft sie mit ihnen. Schimpfen kann sie gut.
Aber auch hier, weiß ich in meinen kurzen Momenten der Wachheit, schimpft sie mit ihnen, weil sie ihr jetzt das alles eingebrockt haben.  Diese ganze dumme Situation jetzt hier. Mit diesem nutzlosen Kind. Dass jetzt auch noch krank geworden ist. Nichts als Scherereien hat man mit dem.
Ich registrier das, aber es ist mir so egal.
Das Fieber hat sich gnädig zwischen mich und die Welt geschoben.
Es beschützt mich.
Es hüllt mich ein. Wie eine Mutter ihr Baby.
Und wiegt mich sanft.

Die Welt? Sie geht mich nichts mehr an.
Ich darf versinken.
Der Körper glüht, soner kann sich gut entspannen. In dieser herrlichen Wärme. Alle Muskeln machen auf, lassen in der Wärme los.
Das geht mich was an. Und die Geborgenheit des Versinkens.
Sonst nix.

Ich bin durch.
Alles Schwere, alles Schwere, alles Schwere
liegt hinter mir.
Die Große Wärme
schmilzt alles Spitze, alles Schneidende, alles Elend in mir weg.
Alles nicht mehr da.
Nur noch das ewige  Versinken. Und ich.
In dieser warmen Obhut.