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Autor Thema: Der "Oheim"  (Gelesen 1543 mal)

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InaDiva

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Der "Oheim"
« am: 24 September 2017, 02:29:17 »

22.09.2017

Freitag Mittag, 13:35 Uhr:

   R.: "Hallo Ina. W. ist heute ins Hospiz verlegt worden."


Freitag Abend, 18:20 Uhr:

   L.: "W. ist heute gestorben. Ein paar Stunden nachdem er ins Hospiz gekommen ist. Er hatte sehr starke Schmerzen und ihm wurde ein Schmerzmittel gegeben. Die Schmerzen haben dann irgendwann auch aufgehört. Seine Atmung aber auch..."



Es sah aus, als ginge es ihm langsam besser. Damals. Doch sein Zustand hat sich wieder immens verschlechtert. Am 27. August habe ich erfahren, dass die Ärzte ihm geraten haben, sich nun um einen Platz in einem Hospiz zu kümmern. Der Krebs habe gestreut, die Leber sei "zerfressen" und würde bald versagen, hieß es. Sein Immunsystem sei bereits so sehr geschwächt, dass die Chemotherapie nicht fortgesetzt werden könnte. Die Chancen, dass es sich wieder so weit stabilisiert, dass die Behandlung wiederaufgenommen werden könnte, stünden schlecht. Es sei sehr unwahrscheinlich.


Ich hatte so sehr auf ein Wunder gehofft. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass das alles wirklich passiert. Mir kamen umgehend die Tränen, als Lars es mir am Telefon sagte, aber real hat es sich dennoch nicht angefühlt. Und nun ging alles so schnell. Viel schneller als erwartet. Vor ein paar Tagen kam W. wegen Blutungen ins Krankenhaus. Darüber hat mich leider niemand in Kenntnis gesetzt, aber das spielt nun keine Rolle mehr. Vorgestern wurde er ins Hospiz verlegt und ist wenige Stunden später verstorben. Der Krebs hat ihn besiegt.


Die Abende in Nordholz, Cuxhaven und Hamburg sind im Moment so präsent... Wie wir alle zusammengesessen haben, immer in netter, geselliger Runde. Wie wir im Garten gegrillt und bis spät in die Nacht mit Gin Tonic und Bier dort oder im Wohnzimmer verweilt haben. Wie wir – Du und Lars und sein Vater und ich – in voller Lautstärke dieses blöde Lied aus "Zwei wie Pech und Schwefel" gesungen und uns darüber kaputtgelacht haben. Ich habe es ständig im Ohr und auch wenn die Erinnerung daran eine schöne ist und mich amüsiert, weint ein Auge mit.

Ich hoffe, das Leid hat jetzt ein Ende, lieber "Oheim".
« Letzte Änderung: 22 September 2018, 20:02:09 von InaDiva »
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Bella

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #1 am: 24 September 2017, 08:05:57 »

Liebe Ina, das tut mir so leid. Ich bin in Gedanken bei dir und zünde hier still eine Kerze für ihn an.
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InaDiva

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #2 am: 05 Oktober 2017, 00:22:09 »

Das war er nun also, der "offizielle" Abschied.

Gestern Vormittag um 11:00 Uhr war die Trauerfeier in der Kapelle eines Friedhofs in Hamburg. Sehr viele Verwandte, einige Arbeitskollegen und zwei enge Freundinnen waren da. Manche hatten eine richtig weite Fahrt – eine Freundin kam sogar ganz aus Luxemburg angereist.

Der Anlass war natürlich ein trauriger, aber es war schön, die ganzen Verwandten von Lars nach so vielen Jahren mal wiederzusehen. Einige haben mich zur Begrüßung ganz lieb umarmt und gesagt, dass sie sich freuen, dass ich auch dabei bin. Das hat mir gut getan und das Gefühl gegeben, dass es richtig ist, dort zu sein.

Und ja, es war tatsächlich gut und richtig.

Traurig und schmerzhaft natürlich auch... Sehr.


Vorne in der Kapelle stand der Sarg. Viele Blumen lagen bereits dort, drumherum wurden vorher lauter Blüten verstreut und dazwischen befanden sich überall Kerzen. Neben dem Sarg stand ein großes, total schönes Foto von W... Daneben und dahinter wurden zwei "Wände" aus Draht aufgestellt, in welchen viele brennende Teelichter in orangefarbenen Kerzenhaltern hingen. Es wurde wirklich sehr schön vorbereitet.

W.s Vater hat für die engen, besonders vertrauten Verwandten vorher noch rote Rosen besorgt. Mir hat er auch eine gegeben... Als ich nach vorne gegangen bin, um die Blume dort abzulegen, habe ich schon mit den Tränen gekämpft... Nachdem alle Platz genommen hatten, ging es los. Die Trauerfeier begann mit einem Lied – Musik hatte einen hohen Stellenwert in W.s Leben. Seine beiden Brüder haben die Stücke ausgesucht, die dort gespielt wurden. Die ersten Töne erklangen und mir kamen sofort die Tränen – und die liefen mir noch über mein Gesicht, als wir die Kapelle bereits verlassen hatten. Lars, der neben mir saß, ging es genauso.

Ungefähr 40 Minuten hat es gedauert. Gesprochen hat dort ein freier Trauerredner (W. war nicht in der Kirche) – und er hat es gut gemacht. Ganz zu Beginn, bevor er gesprochen hat, und ebenso zum Abschluss, bevor er die Kapelle verlassen hat, stand er vorne, hat ganz viel Ruhe "im Raum verteilt", sich dem Sarg und dem Foto zugewendet und sich vor diesem verneigt. Diese Geste fand ich sehr, sehr schön von ihm.

Es kristallisierte sich schnell heraus, dass er sich im Vorfeld intensiv mit verschiedenen Verwandten und anderen Menschen, die W. nahestanden, unterhalten hat. Viele kleine Anekdoten und Details hat er in seine Rede eingebaut. Sehr emotional das Ganze... Mir kamen währenddessen total viele Erinnerungen wieder in den Sinn, die gar nicht mehr so präsent waren... Zwischendurch musste ich aber auch schmunzeln, weil es schöne, witzige Erinnerungen waren, die der Redner auf ganz charmante Weise vorgetragen hat. Er hat sogar tatsächlich das Lied erwähnt, auf welches ich hier in meinem ersten Beitrag Bezug nahm! Das fand ich so toll! :) Und es hat mir nochmals gezeigt, dass es richtig war, dort zu sein. Ich kann nicht behaupten, dass ich W. wirklich nahestand – deshalb hatte ich vorher zwischendurch so ein bisschen meine Zweifel. Aber die waren unnötig. Schließlich kannte ich ihn, habe ihn in der Zeit, als Lars und ich noch ein Paar waren, häufig gesehen, unzählige Stunden mit ihm und den anderen verbracht und wir haben geredet, zusammen gelacht und gesungen, mit Musik oder in angenehmem Schweigen die Abende ausklingen lassen usw... Und das Wichtigste: Ich mochte ihn. So ein angenehmer Mensch war er... Hat ganz viel Ruhe und Wärme ausgestrahlt. Und für die Traurigkeit, die manchmal in seinen Augen zu sehen war, brauchte es keine Worte, damit ich sie verstand. Er hatte ebenfalls Depressionen.

Zwischendurch hat der Redner Zitate von Philosophen verlesen, die ich sehr passend und zudem einfach schön fand. Mir – und ich glaube, auch allen anderen – ging das sehr nah.

Auf jedem Platz lagen übrigens ein Zettel und ein Stift. Während das zweite Lied gespielt wurde, konnte jeder, der wollte, etwas auf den Zettel schreiben, was er mit W. verbindet, ihn an ihn erinnert oder ähnliches. Das konnte ein Wort, ein Begriff oder auch mehr sein. Das war jedem selbst überlassen. Die Zettel wurden anschließend eingesammelt. Am Ende der Trauerfeier hat der Trauerredner alles vorgelesen und jeden Zettel in eine kleine Schatzkiste aus Holz gesteckt. Die Zettel waren aus festem Papier und absichtlich etwas größer, als dass man die Schatztruhe noch hätte schließen können. Dies sollte symbolisieren, dass alle Menschen, die mit W. zu tun hatten, ihn kannten, mochten und liebten, ihre eigenen, ganz unterschiedlichen, persönlichen Erinnerungen an und Wahrnehmungen von ihm haben bzw. hatten, die alle wertvoll sind, niemals in "eine Kiste" passen würden und vor allen Dingen nicht verschlossen und beiseite gestellt gehören. Sie dürfen und sollen weiterleben – in unseren Gesprächen und ganz besonders in unseren Herzen.

Mein Zettel war der letzte, der verlesen wurde. Ich habe etwas aufgeschrieben, was nicht nur *eine* Erinnerung für sich ist, sondern hinter der noch viele, viele weitere Erinnerungen stehen. Schöne Erinnerungen und Gedanken. Irgendwie war es genau richtig, dass dieser Zettel ganz zum Schluss vorgelesen wurde, denn er hat bei manch einem in der Kapelle für ein Schmunzeln oder sogar für ein kurzes Kichern gesorgt. :)

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claudi

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #3 am: 05 Oktober 2017, 19:36:22 »

<3! liest sich gut. traurig schön eben!<3
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Bella

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #4 am: 05 Oktober 2017, 20:34:30 »

Dein Bericht hat mich sehr berührt, Ina. Ja, traurig und schön zugleich. Möge er nun in Frieden ruhen.
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Adrenalinpur

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #5 am: 14 Oktober 2017, 01:20:36 »

Mein Beileid.
Deshalb wollten meine Eltern in Stille gehen, damit noch nicht mehr Schmerz aufgewirbelt wird, ich bin beiden sehr dankbar dafür.
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InaDiva

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #6 am: 17 November 2017, 02:29:22 »

Nach einiger Bedenkzeit hat Lars sich dazu entschlossen, Dein Auto zu übernehmen. Alle aus der Familie haben es befürwortet, aber er brauchte eine Weile, um eine Entscheidung treffen zu können (was ich gut nachvollziehen kann). Schön, dass er Ja gesagt hat!

Vorgestern waren wir zusammen einkaufen – mit Deinem Wagen. Es bot sich an, da er dies ohnehin noch vor hatte und ich ebenfalls ein paar Kleinigkeiten brauchte, es körperlich aber nicht geschafft hätte, mit dem Rad zum Supermarkt zu fahren. Es war ein eigenartiges Gefühl, in Dein Auto einzusteigen... Aber es hat sich schnell gelegt und ich bin froh, diesen Vorschlag gemacht zu haben. Auf dem Rückweg sagte ich spontan zu Lars, er solle gleich nicht in meine Straße einbiegen, sondern weiter geradeaus fahren. Er hat es gemacht, wollte aber natürlich auch den Grund wissen. "Ich find' es gerade irgendwie schön, dass wir das machen – dass wir mit W.s Auto fahren." antwortete ich. Lars stimmte mir zu, hatte sogar ein leichtes Lächeln auf den Lippen und wir schwiegen einfach einen Moment, während wir ziellos ein bisschen durch die Gegend gefahren sind. Das war ein guter Moment mit viel Ruhe. Ich glaube, sowas in der Art hat Lars gebraucht und tut ihm gut. Das war auch einer der Gründe, warum ich es wollte.

In irgendeiner Weise – ich kann es nicht genau definieren – hat es auch mir "geholfen".
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Adrenalinpur

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #7 am: 26 November 2017, 01:07:24 »

Nachdem meine Mutter gegangen ist habe ich bei uns im Künstlerhaus an der Pegnitz ihr Scmuckkästchen in den Fluss übergeben, es sollte wie sie im Fluss sein, sich antimaterialisieren.

Nach einem Monat hatte ich erschrocken einen Link der Kripo gelesen.

Ein Angler fischte es raus.

Es ist geklärt mittlerweile gab mir aber sehr zu denken.
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InaDiva

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Re: Der "Oheim"
« Antwort #8 am: 04 Juli 2018, 02:29:17 »

 
In den letzten Tagen habe ich wieder des Öfteren an Dich denken müssen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. So auch gestern, als Lars und ich zusammen mit Deinem Wagen unterwegs waren und zu einem See in der Nähe gefahren sind. Es ist so gut, dass er den Wagen übernommen hat! Nicht nur, weil er es damit leichter hat, sondern auch, weil es eben DEIN Auto war. Ich glaube, Du hättest es gut gefunden, dass Lars – jemand, den Du mochtest und der Dich ebenso sehr mochte – es bekommen hat. Die Vorstellung, dass man es einfach verkauft hätte, ist traurig. Es ist alles gut so.

Und es ist schön, an einen Menschen, der leider nicht mehr da ist, ausschließlich positive Erinnerungen zu haben. Da ist nichts Schlechtes. Dass Du ebenfalls unter Depressionen gelitten hast, war natürlich nicht schön, doch gab es dadurch eine Verbundenheit zwischen Dir und Lars, Dir und Lars' Vater und auch zwischen Dir und mir. Wir haben uns ab und an darüber ausgetauscht, aber vieles musste nicht ausgesprochen oder gar erklärt werden. Es war einfach "klar".
 
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Re: Der "Oheim"
« Antwort #9 am: 22 September 2018, 20:22:09 »

 
Dein erster Todestag – heute... Ich denke an Dich!

Morgen fahren Lars und ich zusammen nach Hamburg, um Dich zu besuchen.
Das wird bestimmt nicht leicht... Aber es wird das Richtige sein – für uns.
 
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Re: Der "Oheim"
« Antwort #10 am: 23 September 2018, 22:29:17 »

 
Wie gut, dass wir da waren! Die lange Fahrt (allein auf der Hinfahrt waren wir wegen Baustellen, Stau, Umleitungen usw. gut vier statt zwei Stunden unterwegs) hat sich "gelohnt" – keine Frage.

Wir haben uns vorher noch im Blumenladen ein Gesteck aus drei Rosen zusammenstellen lassen und ein Grablicht besorgt. Beides in zwei "Varianten", denn auch Lars' Oma haben wir auf dem Friedhof besucht. Zuerst waren wir bei ihr, danach bei W.

Dieser Moment, als wir da zusammen standen – schweigend – war irgendwie schön und traurig zugleich. Die Blumen haben Lars und ich gemeinsam dort hingelegt; die Kerze sollte ich anzünden. Als ich dies getan habe, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten... Stille Tränen, ganz still. Es ist so traurig, dass Du nicht mehr da bist! Das Schöne aber ist, dass ich nicht eine einzige "schlechte" Erinnerung an Dich habe und Du somit ein ausschließlich positiver Teil meiner Gedanken bist und bleiben wirst.

Wir haben uns umarmt und uns dann wieder auf den Heimweg gemacht. Es war gut und richtig so.
 
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