Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Aber natürlich braucht er mehr als einen neuen Namen.
Würmer ist das nächste Problem.
Auch sonst das eine oder andere. Gibt es hier einen Tierarzt in der Nähe?
Ich mache mich auf und besuche meinen Bergbauernachbarn. Zum ersten Mal.
Gab ja auch keinen Grund. Vorher.
 Ja - ganz unten im Tal gibt es einen. Der ist auch gut.
Er schreibt mir die Adresse auf.
Ohjeh...

So weit war ich noch nie, seit ich hier bin.
Halbe Stunde runterzus ist unser winziges Dorf, mit ein paar Häusern und einem Bäcker, der morgens und abends mal kurz auf hatte. Da gab's auch Tabak. Und Butter. Und Chikoreekaffee. Und sonstiges, aber dafür hatte  ich ja dann eh kein Geld. Nur das wichtigste. Wie gut, dass ich relativ bedürfnislos sein kann. Und bin auch.
Von dort fuhr auch der Schulbus ab, morgens früh - einzige Verbindung zu dem Dorf viel weiter unten. Dort gab es einen kleinen Lebensmittelladen, einen  kleinen Landwirtschaftbedarfladen und ein Café. Und offensichtlich eine Schule. Vielleicht auch noch mehr... Aber ich hatte nie ein Bedürfnis nach einem Dorfbummel. Das Warten im Café auf den Schulbus mittags zurück war schon herausfordernd genug.
Natürlich starrten alle. Neugierig, abschätzend, feindselig... Ich hab nie lang genug zurückgeschaut, um das genauer zu erfahren. Ich hab den Kopf gesenkt. Und gehofft, wenn ich sie nicht seh, sehen sie mich auch nicht. Und natürlich sofort gespürt, dass das überhaupt nicht stimmt.
Aber einen Grund, deshalb den Blick wieder zu heben, war das dann ja auch nicht.

Es war ja auch noch die Zeit, in der man - nicht so sehr in den Städten, aber eben in den Dörfern manchmal sich nett unterhalten konnte... bis dann die freundliche Frage kam: wo kommst du her? Aus Deutschland, musstest du antworten... und dann konnte es durchaus passieren, das augenblicklich die eisernen Rollläden  runtersausten ,,boche!!" - mit einer Verachtung, dass du den Hammerschlag dazu noch hören konntest und das : ,,SCHULDIG!! Im Namen des Volkes!!"
Mit allem Nachdruck.
Da kannst du ja nur noch den Kopf senken. Was willst du denn sagen?!
Sie haben ja doch so recht!!

Dort in den Bergen ist mir das nie passiert. Aber da hab ich ja auch keine Gespräche geführt.
Ich hab mich vorher mal eine zeitlang in Frankreich aufgehalten.
Immer und überall
auf der Suche nach einem Grund. Weshalb ich hätte bleiben können.
In diesen ziellosen Jahren. Auf der Flucht.
Es gab nirgendwo einen Grund.
Für mich.

nachtwind

Ich hätte ja auch irgendwo draußen warten können. Ich musste ja nicht zwangsläufig in's Café. Aber erstens hatte ich ziemlich heftige Angst den Bus zu verpassen. Die einzige Verbindung.
Gott sei Dank gab es eine Handvoll Kinder!  Dort oben.
Als die Holländer kamen, mit ihrer Kommune, ein paar mehr.

Und zweitens war diese kleine Tasse Kaffee der Luxusmoment in meinem Leben. Und ich habe ihn sooo genossen! Immer!
Einmal im Monat. DAS Highlight. Einkaufen! Und einen echten Kaffee trinken!

Wenn nur die Menschen nicht wären.
Aber alles hat eben seinen Preis. Und ich hab ihn gezahlt. Bewusst. Das war es mir wert. So was von wert!!
Eine WohlfühlEXPLOSION!!!
Ich kann sie immer noch fühlen.
Wenn ich daran denk.

Das erste Mal einkaufen dort bin ich schon noch drauf reingefallen. Es war einfach zu verlockend! Obst - ich hab es so vermisst!! Da gab es Obst! Und Joghurt!
Ach und so viel!!
Jetzt war das Leben in einem Bergdorf ja echt sehr teuer. Alles muss ja von weit her rangeschafft werden. Unglaubliche Preise.

Aber selbst das konnte mich nicht abhalten. Das einzige Maß, das ich im Kopf hatte, war das Fassungsvermögen meines Rucksackes. Der eigentlich ein Seesack war. Ohne jede Form. Ohne Brust- und Bauchgurt. Einfach ein unförmiger Sack aus Segeltuch. Mit zwei Riemen. Zum Tragen.

Aber das ist mir nur einmal passiert. Danach hatte ich meine Lektion gelernt.
Runterzus zu dem Dörflein mit der Bushalte brauchte ich ne halbe Stunde. Oder zwanzig Minuten. Wenn das Wetter günstig war. Und man die Kurvenstrecke abkürzen konnte.
Hochzus vierzig Minuten. Oder eine Stunde. Je nach Wetterlage.
Ich bin im Juni angekommen. Also war es Juli. Bei meinem ersten Einkauf.
Es war furchtbar heiss!! Und mittags ja.
Und dann mit einem unförmigen schwer beladenen Rucksack?? Obst ist so schwer!!!!
Alles ist so schwer!Wenn du dich in der Mittagsglut steil bergauf schleppen musst. Und deinen Einkauf ja noch obendrauf.
Es ist mir nie wieder passiert.
Ich habe mit Bedacht gekauft.
Es war ja trotzdem immer noch schwer genug.
Um etwas sehr Besonderes zu sein. Ein Fest!

Ich weiß nicht, ob es an dem Behutsamen beim Einkauf lag - oder ob die Zeit in der Einsamkeit mich erzogen hat.
Beim ersten Mal war es ja auch ein Fest! Trotz aller Schlepperei! Aber eher ein Fest der Völlerei.
Ich war so gierig! Auf all das, was ich scheinbar so vermisst hatte. Als ich es vor mir sah. In dem Geschäftle.
Und das ich so mühsam hochgeschleppt hatte. Dass ich zwischenzeitig heulen musste. Kurz. Weil ich wirklich dachte, ich schaff das nicht.
Ich war so gierig. Unstoppable.
So viel gekauft - und kam trotzdem kein Vorrat dabei raus.
Auch das
ist mir nicht mehr passiert.

Viel weniger gekauft. Ohne so viel Aufwand hochgetragen.
Und trotzdem Vorrat.
Und jedes Stückle Obst
ein wirkliches Fest!
Genuss pur! Drei Happen Birne... grenzenloser Genuss.
Und keine Völlerei. Völlerei war dann noch drei Happen - eine halbe Birne.
Erlaubte Völlerei! ;-)  Mein Ziel war ja nicht, Asket zu werden.
Ich wollte nur nicht mehr so über meine Kräfte hochschleppen müssen.
Der Rest ergab sich dann von selbst.
Jeden Tag ne halbe Birne - das macht 6 Tage voller Genuss.
Beim ersten Mal hab ich die drei Birnen innerhalb des Tages gegessen.
Nicht auf einmal... Aber von mittags bis nachts ist viel Zeit.
Wenn man weiß: man hat noch ne Birne da.
Obst hab ich wirklich sehr vermisst.

Die Reise in das Dorf mit dem Laden und dem Café war immer ein Abenteuer.
Aber jetzt sollte ich noch viel weiter runter. Zum Tierarzt.
Ich kannte mich da ja auch überhaupt nicht aus!
,,Und wieder senkte sich Dunkelheit über die Reise dieser Seele."
So schlimm war's jetzt auch nicht.
Aber der Schafbauer sah es wohl. Und er befürchtete wohl, dass sein schöner Plan sehr schnell wieder zerrinnen kann. Also, er muss morgen was erledigen, ganz unten im Tal - er könne mich mitnehmen. Mit dem Hund. Wenn ich das will.
Ich will.
Und so stehen wir am nächsten Tag mittags im Hof des Schafbauern.
Munshan und ich.
Ob munshan eigentlich schon weiß, dass er munshan heisst?
Dann geht's los, in seinem R4. Die Rückbank hat er ausgebaut. Aber den Vordersitz Gottseidank noch nicht.
Er fährt so, wie er das Gras mäht. Immer einen Hauch hinter dem Geschehen hinterher. Aber er kommt klar damit. Und damit wir auch.
Je länger die Fahrt geht, umso schlechter wird's mir - wir müssen ja diesen ganzen weiten immer weiter werdenden Weg wieder zurück!
Und dann geht's ja auch noch immer hoch!
Mir wird ganz anders.
Aber aussteigen ist jetzt auch keine Option mehr.
Ob er uns zurück auch mitnehmen kann? Nein, er fährt weiter, zu seiner Tochter... wenn er schon mal unten im Tal ist.
Vielleicht bleibt er auch über Nacht. Die Schafe sind versorgt.
Ich frage mich kurz, über was sie sich wohl unterhalten. Seine Tochter und er.
Und ob er sich wohl gut fühlt dort... und ob er dann vielleicht ganz anders ist. Wenn er sich wohlfühlt? Oder ob er immer so ist, egal wie er sich fühlt grad - so eckig, so angespannt, so immer in Eile, so immer hinter dem Geschehen hinterherhastend...
Aber eigentlich versuche ich die ganze Fahrt nur eins: mir einzuprägen, wie die Strecke zurück verlaufen wird... ok, ab da wird's länger steil... hier jetzt ist es eher nur ein bisschen ansteigend... - es gelingt mir nicht. Ich habe kein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Ich muss ja alles rückwärts einordnen.
Keine Chance.

Viel schlimmer ist ja eh: es ist einfach eine furchtbar lange Strecke!!
Auf Abzweigungen brauche ich nicht zu achten. Es gibt nur eine: von der Hauptstrecke unten im Tal rechts hoch in die Berge.
Ab da? Immer der Straße nach. Bergauf.
Ohjeh...

Der Bergbauer lässt mich an der Hauptstrecke raus. Er muss jetzt rechts weiter, wir links. 2 Kilometer immer an der Straße, dann bin ich da. Viel Glück.
Danke!
Schon gut.
Weg ist er.
Und weg ist die Hülle aus Blech, die mich schützen kann davor, dass alles wirklich ist wie es ist.
Das Auto. Es roch intensiv nach Schaf und sonstigem... Aber es war eine perfekte Schutzhülle.
Jetzt zählt das Wirkliche.
Jetzt hat das Leben uns.
Jetzt kommt's drauf an.
Ich schau auf munshan. Wer bist du? Was hast du drauf?
Jetzt zählt es, munshan! Jetzt!
Hast du's drauf?!

Erstmal nicht. Ganz und gar nicht. Der Fußweg führt direkt an der Schnellstraße lang - keine Chance, munshan - Du musst an die Leine!
Du musst!!
Er sieht's nicht ein. Stemmt sich mit aller Macht dagegen... zerrt sich die Luftröhre zu, dass es nicht zu ertragen ist... er würgt und keucht und röchelt, dass wir alle drei Schritte Pause machen müssen. Damit er mal wieder eine Handvoll Sauerstoff intus kriegt.
Munshan: es kommt drauf an!! Es geht nicht anders!! Bitte!!
Es bleibt bei: keine Chance!
Mir wird klar, dass wir es vermutlich nicht schaffen werden. Zurück.
Aber jetzt erstmal müssen wir es zum Tierarzt schaffen. Und das gelingt dann auch. Irgendwie.
Nicht gut.
Irgendwie.

Wir warten lange. Warten kann munshan. Gottseidank!
Auch mit den andren Tieren kann er einigermaßen. Zweimal Gottseidank.
Trotzdem ist mir elend.
Ob mein Geld reicht??
Und vor allem und immerzu: wir sind viel zu weit weg von zuhause... wie soll das nur gehn???
Dann sind wir dran. Und schon geht's los... Jetzt mach ich mir schon so viel Sorgen, und dann kann doch noch so viel mehr schiefgehen!
Was heißt jetzt Würmer auf französich?!
Wir versuchen es auf Englisch, aber auch auf Englisch weiß ich es nicht. Aber da liegt ein Zettelkasten und ein Stift auf der Ablage, und ich male einen Hundeanus... und so was wie Würmchen drumherum. Er muss lachen... ich kann wirklich nicht gut zeichnen. Die Würmchen sehen eher wie Schlangen aus. Aber er versteht.
Davon ermutigt,erzähl ich ihm, so gut wie's geht, die ganz kurze Geschichte von uns beiden. Und die etwas längere von munshan selbst. Soweit ich sie eben weiß.
Er versteht, glaube ich, das meiste. Und schaut sich ihn erstmal gründlich an.
Ich glaube, ihm ist klar: hier geht's um Grundsätzliches.
Impfungen? Ich weiß es nicht. Er nickt. Holt zwei oder drei Spritzen raus - da wird mir mulmig. Was kostet sowas alles?
Der Tierarzt ist echt so nett! Ich will ihm keinen Ärger bereiten!
Also sag ich ihm vorsichtshalber, wieviel Geld ich dabei hab.Reicht das? Ist das genug?
Jetzt schaut er mich so streng, so prüfend an - ich hab das unangenehme Gefühl, ganz nackig zu sein. Ich will hier raus!!
Aber er hat genug geprüft. Er nickt wieder. Und jetzt geht alles ganz konzentriert. Er macht mir klar: ich brauch einen Impfpass. Sonst komm ich nicht mit ihm über die Grenze. Ok. Das hab ich noch gar nicht bedacht. Dann muss das so sein. Ich sage ihm, wenn das Geld nicht reicht, dann kann ich ihm nächsten Monat den Rest vorbeibringen... bei dem Gedanken wird mir doppelt schlecht. Aber was sein muss, muss sein.
Er nickt nur noch, hört gar nicht richtig hin...holt noch dies. Und das. Und jenes. Erklärt mir jedes, wofür... wann...wie geben. Ganz konzentriert arbeitet er sich flott durch diese etwas seltsame Begebenheit.
Ich werde immer stiller. Es wird immer mehr. Ich werde das nie bezahlen können!
Aber er hat wirklich verstanden. Er hat verstanden: bitte alles, was für diesen Hund wichtig ist, alles! Und gleichzeitig: bezahlbar muss es sein. Den Rahmen dafür kennt er auch. Und so hat er einen klaren Plan.
Er impft, legt einen Impfpass an. Schreibt mir eine Rechnung, erläutert mir alles kurz. Dann die Summe - es beginnt ganz zögerlich, weich zu werden in mir...
es ist ok. Ich werde es bezahlen können!! Dem Himmel sei Dank!! Oder besser:
diesem Tierarzt hier.
Er erklärt mir noch, dass ich ein besseres Halsband besorgen soll. Viel breiter.
Was er hat, ist eher so was wie ein dünner Strick. Ja klar. Mach ich.
So konzentriert, wie er seinen Plan abgearbeitet hat, versuche ich ihm zuzuhören. Dann sind wir schon an der Tür - vielen vielen Dank! Ja, er nickt wieder sein kurzes Nicken, drückt mir die Rechnung in die Hand, bei ihr bezahlen, sagt ihr noch kurz was und dann: der nächste bitte!
Und ich bezahle, ein bisschen betäubt noch, aber beginnend sehr erleichtert,
die ordentliche aber nicht zu  hohe Rechnung. Und die Sprechstundenhilfe skizziert mir noch kurz und prägnant den Weg zu einem Laden, in dem ich ein neues Halsband bekommen kann. Wenn ich will.
Ich will.
Es wird reichen. Das Geld. Ich bin mir ziemlich sicher.

Also raus! Geschafft! Dem Himmel sei Dank! Und diesem Tierarzt!
Aber statt einmal tief durchatmen geht gleich wieder los...
an der Leine kann munshan immer noch nicht.
Und wir müssen wieder ein ganzes Stück an der Schnellstraße entlang.
Ob es mit einem neuen Halsband besser wird?
Ach munshan!
Aber geimpft werden kannst du gut! Und überhaupt Tierarzt auch.
Ist nicht so, dass du gar nix kannst! Du kannst schon einiges.
Nur das wichtigste halt nicht. Neben mir herlaufen. Ohne dreiviertels zu ersticken dabei.
Ach munshan... vielleicht lernen wir das ja auch noch... oder?!
Kann man so was lernen? Oder ist das jetzt auf immer so?
Ach munshan....

Es dauert eine Weile, bis wir das Geschäft gefunden haben. Und ein wirklich schönes Halsband. Aus weichem aber starkem Leder.
Es hat tatsächlich gehalten sein Leben lang. Und blieb immer schön.
Ich hab noch eine Leine dazu gekauft. Hätte ich mir sparen können.
Aber das wusste ich ja noch nicht.

Und hab mich so reich gefühlt wie Jeff Bezos, vielleicht, als er fast ganz Venedig gemietet hat für seine Hochzeit - so viel Geld hab ich ausgegeben. Für meinen neuen Hund.
Aber wahrscheinlich hab ich mich vielmviel reicher gefühlt als er.
Und prozentual hab ich ja auch entscheidend mehr ausgegeben. Als er.
Gemessen an unser beidem Geld. Das wir so zur Verfügung haben.

Es fühlt sich gut an! Reich zu sein.
Wenn da einer neben dir ist, abhängig von dir, und du schaffst es, dem neben dir mal alles zu geben, was er so braucht. Grad.
Das fühlt sich so gut an! Macht so zufrieden!
Man fühlt sich dann fast auch mal
wie ein ganz normaler tüchtiger Mensch.
Das schon sehr speziell!
Mir noch ganz fremd.

Natürlich hat das Halsband nichts daran geändert, dass er sich weiter unbedingt selbst erdrosseln muss.
Ein bisschen besser ist es schon. Aber leider nur ein μ...
Es ist eine Qual. Für uns beide.
Sicher - für ihn viel mehr. Aber auch mir tut es weh.

Vor der Brücke will er nicht mehr weiter. Ich denk: na du bist jetzt aber gut!! Der Weg nach Haus hat noch nicht mal angefangen - und du gibst schon auf?!!
Aber dann hör ich das Rauschen... vielleicht hat er Durst??
Wir klettern runter - und ja: er hat Durst. Gewaltigen!
Und während ich ihm zuschau, merk ich: ich auch!!
Also machen wir uns noch mal auf den Weg zurück, zu dem Laden, an dem wir vorbeigekommen sind. Und ich kaufe eine Flasche Wasser. Eine große.
Ich bin ja jetzt zu zweit.
Ist alles noch ganz neu für mich. Ungeübt.

Bei der Brücke machen wir nochmal Halt. Und klettern noch mal runter.
Hier war ein guter Platz, hier kann man mal ein bisschen durchschnaufen.
Und munshan noch ein bisschen trinken.
Aber auch er
ruht sich grad gerne ein bisschen aus.
War ja auch viel.
War ja auch wirklich viel heut.
Für uns alle beide.

Wir bleiben lange da sitzen. Es ist friedlich hier.
Erst als es anfängt dunkel zu werden, wird mir klar, dass es gleich trostlos wird.
Wenn wir uns nicht auf den Weg machen.
Den nicht zu schaffenden Weg.
Also machen wir uns auf den Weg.

nachtwind

Vielleicht hat mich das Ausruhen weicher gemacht. Vielleicht kann ich auch einfach nicht mehr gegenhalten... hinter der Brücke halte ich noch mal an. Wir sind jetzt auf der kleinen Bergstraße. Hier ist kein rasender Verkehr mehr. Fast gar keiner.
Bück mich zu ihm und rede eindringlich auf ihn ein. Diesmal bevor ich ihn loslasse. Der Mensch lernt aus seinen Fehlern. Ab und zu.
Du musst wiederkommen, hörst du? Ich lass dich, aber du musst immer wiederkommen! Wenn ich dich ruf! Oder pfeif!
Und ich pfeif ihm allen Ernstes vor. Damit er weiß, was ich meine. Ich pfeife und sage eindringlich: jetzt musst du kommen!! Ok?? Hast du verstanden?? Du musst kommen! Sonst geht es nicht.

Ich denk, was mach ich hier?! Wie dämlich ist das denn!! Glaubst du ernsthaft, er versteht auch nur ein Wort?! Er ist ein Hund!! Wie blöd kann man nur sein!

Aber ehrlicherweise hab ich sehr wenig Ahnung, was ein Hund wirklich so ist. Und kann.
Und zweitens und vor allem: geht es so nicht weiter!
Und deshalb muss es anders werden.
Und etwas besseres fällt mir jetzt einfach nicht mehr ein.
Also!

So  löse ich die Leine -
erwarte so ein Davongejage wie vorgestern.
Und er trabt auch zügig los. Aber bevor ich noch anfangen kann zu beten, stelle ich verblüfft fest: jagen ist anders!

Und zum ersten Mal, seit mir klar wurde, wir müssen zum Tierarzt, beginne ich mich ein winziges bisschen zu entspannen... ein winziges winzig bisschen nur geht ein Fenster auf... und ich werfe einen kleinen scheuen Blick auf eine Welt,
in der es geht...
Vielleicht geht es ja wirklich?
Irgendwie...
Nein, besser als irgendwie! 
Vielleicht geht es ja wirklich ...


Bald schluckt die Nacht das letzte Licht aus der Dämmerung - bis dahin muss ein Wunder geschehen. Sonst droht uns wieder das furchtbare Gezerre und Geröchel.
Bitte, munshan - BITTE!!
Ich halte den Bilck zielgenau auf diesem rotbraunen mittelgroßen mir noch so fremden Hund ruhen, als sei das eine Leine...
Er ist ein ganzes Stück voraus, aber noch sichtbar. Und auch: hörbar.
Und, vor allem: er bemüht sich nicht, von mir wegzukommen!!
Auszubüxen... irgendwohin, wo die Welt besser ist!
Für ihn.
Das ist der erste, der so wichtige Fundamentstein.
Auf den sich alles weitere
aufbauen kann.
Wenn er gut gesetzt ist.

Aber es braucht mehr als das. Wenn wir zusammen überleben wollen.
Dass er nicht wegläuft, ist das eine. Aber das andre ist: er muss verlässlich kommen. Sonst haben wir keine Chance.
Dass er Leine nicht kann, das hab ich endgültig begriffen.
Und verstehen tu ich es nur zu gut. Das Thema hat er lang genug erdulden müssen. Diese Pflichtleistung hat er bereits übererfüllt. Oberübererfüllt!
Da geb ich ihm einfach recht!
Das ist sein no-go. (Sein zweites kenn ich ja noch nicht.)
Das will ich respektieren.
Aber dann muss er hören.
Und zwar ziemlich gut.
Die Welt ist nicht nur wie hier in den Pyrenäen.
Er weiß das noch nicht.
Ich schon.

Und so starte ich, ein bisschen zaghaft in eine ferne Zuversicht hinein, meinen ersten Versuch. ,, munshan!"
Geht ihn erstmal gar nix an.
,,Komm zurück" ein klitzekleines bisschen. Oder kommt es mir nur so vor? Weil ich es so dringend brauch?
Er scheint zumindest langsamer zu gehen. Als würde er überlegen. Ob er darauf jetzt eingehen will? Oder eher nicht?
Ich pfeife. Freundlich. Einladend. Ich bemüh mich zumindest darum.
Er bleibt tatsächlich fast stehen!!!
Dreht sich fast um.
Und trabt dann doch nachdenklich weiter.

In mir keimt vorsichtig und fast versteckt etwas, das ich nicht wirklich kenne.
Aber genug, um weiterzumachen.

Ich schau ihm nach.  Mit meinem Leinenblick.
Selbstwirksamkeit.
Ich wusste doch garnix davon! Aber ich habe es gelebt. Instinktiv.
Ich sag's ja: in mir ist etwas oder jemand, der blickt viel mehr als ich!

Ruf ihn wieder, nach einer Weile. Und Strecke. Wieder bin ich mir nicht sicher, ob ich's mir nicht einbilde - aber es kommt mir so vor, als werde er langsamer... sobald er mich hört. Ich pfeife... er bleibt stehen. Und dreht halb den Kopf.
In mir beginnt sich etwas auszudehnen. Etwas Gutes. Fremd... aber gut.
Ziemlich gut!

Und so grooven wir uns langsam und bedächtig ein, munshan und ich.
Stück für Stück.
Kommen wir uns näher.
Ohne Hast. Ohne Zwang. Einfach so. Weil es sich gut anfühlt.
Ich bin sicher: auch für ihn!

Irgendwann bleibt er nicht nur sofort stehen, wenn ich pfeife. Sondern er dreht sich ganz zu mir um. Und überblickt die Lage.
Und irgendwann dann - und ich denke, keiner , der so was nicht schon mal selbst erlebt hat, kann verstehen, was das bedeutet hat - irgendwann
kommt er mir entgegen!
Es veschlägt mir heute noch den Atem, wenn ich dran denk.

Und irgendwann kommt er tatsächlich zu mir zurück! Bis zu mir zurück!
Ich hab kein Leckerli oder sonst was zu bieten... es tut mir im Nachhinein schon sehr leid. Aber ich wusste nichts von Hunden. Und wie man sie richtig behandelt.
Ich hatte nur überlaufendeFreude! Überschwappende Dankbarkeit! Überströmende Zärtlichkeit... für ihn. Munshan!
Der schönste, klügste, freundlichste! Hund der Welt. Für mich. In meiner Welt!
Ich glaube, das nennt man Stolz.

Wir werden nicht müde, miteinander zu kommunizieren. In dieser Nacht.
Wir lassen uns alle Ruhe und Zeit dafür. Nicht pausenlos. Nur ab und an.
Und jedesmal auf's Neue
überrascht es mich - und überschwemmt mich.
Dass es geht.
Es geht! mit uns.
Es geht!!!!

Irgendwann wird es richtig dunkel! Ich seh nix mehr. Himmel, ist das jetzt die Nacht?
Die die Dämmerung verschluckt hat? Und jetzt bleibt es so dunkel?! Ich seh wirklich nicht mehr viel...
Langsam dämmert mir: es ist doch viel zu spät dafür... wir sind doch schon gefühlt seit Stunden unterwegs.
Als wir losgingen, fing es doch schon an zu dämmern....
Ich schaue ratsuchend in den Himmel. Und sehe eine Wolke. Die sich vor den Mond geschoben hat.... ach!!!
Und mir wird klar: SO wäre die Nacht für uns, wenn wir kein Mondlicht hätten.
Es wäre gar nicht gegangen! Ich hätte munshan gar nicht mehr gesehen, wenn er vor mir hergelaufen wäre!
Aber: es war nicht so!!
Wir hatten Mondlicht! in dieser unsrer Nacht.

Und für einen Moment spüre ich so etwas wie einen Segen.
Der auf dieser Nacht ruht. Unsrer Nacht.
Ich werd ganz still.







nachtwind

Das mag jetzt auch daran liegen, dass es wirklich etwas besonderes ist, sich in einem Wald in der Nacht zu bewegen. 
Dort in den Pyrenäen, in denen ich war, herrschte wirklich die Nacht in der Nacht... keine künstlichen Lichter weit und breit.
Der Sternenhimmel so nah. So voll. So überwältigend.
Die Bäume so hoch, so dunkel, so machtvoll still..
und ich so klein. So winzig,winzig klein...
daneben.
Ehrfurcht bedeutet jemanden oder etwas zu ehren
und gleichzeitig zu fürchten auch.
Nachts im Wald der Pyrenäen wandert man immer auch
ehrfürchtig durch eine fremde Welt.
Die so fremd ist. Ganz anders als die am Tag.
Die so geheimnisvoll ist. Als die, die,man kennt. Und ständig erwartet.
Als rauscht in der Nacht ein Vorhang zur Seite, der sonst unsre Wahrnehmung beschränkt.
Und öffnet den Blick durch ein Fenster, durch das man in eine Parallelwelt schauen kann. Die immer da ist. Und die man doch nicht sieht.
Und meistens vergisst.
In der Nacht nicht. Da sieht man die Dinge, die größer sind als man selbst. Viel größer. Die vor dir waren
und nach dir sein werden
und die du nicht berühren kannst.
Sie dich aber schon.
Wenn du unterwegs bist.
In dieser, in ihrer Welt.

Ehrfürchtig.
Besser so.
Anders
kommst du hier nicht weit.
Es ist nicht deine Welt. Die du kennst. Die du zu kennen glaubst.
Das hier
ist etwas andres.
Es ist schon einfach das einzig Richtige, dass du sie ehrst. Diese andre Welt. Bei Tag. Und mehr noch: bei Nacht.
Und es ist schon einfach das Richtige. Dass du sie genauso auch fürchtest. Vor allem: bei Nacht.
Ehrfürchtig.

Ich glaub, auch munshan sieht diese andre Welt. Ab und zu.
Er kommt nicht nur auf Pfiff wieder zurück zu mir. Und lässt sich freudig loben dafür.
 Beidseitig freudig.
Win-win- Situation. :-)
Manchmal kommt er mittlerweile selbst zurück. Und läuft aus eigenem Antrieb
eine Weile neben mir. Ich schau ihn an. Und denk: schon gut, munshan. Ich fürcht mich auch, manchmal. Aber wenn du jetzt neben mir läufst, weil auch du dich fürchtest, dann entscheid ich mich für's mutig sein. Solange. Schon gut. Ich beschütz dich, munshan. Solange, wie du's brauchst.
Und es ist wirklich so. Ich fürchte mich wirklich nicht. Wenn er neben mir läuft.
Es spielt eigentlich gar keine Rolle, wer wen beschützt. Wenn zweie durch die Nacht laufen. Der, der grad mehr Angst hat, der wird beschützt. Und fürchtet sich dadurch nicht mehr so doll.
Und der, der weniger Angst hat, und deshalb den mutigen Teil übernimmt und beschützt, hat auch viel weniger Angst. Weil er ja beschützt. Stark ist. Dadurch.
Auch das: win-win.
Wir gewinnen beide. In der Nacht. In dieser unseren Nacht. Ziemlich viel. Und immer mehr. Je länger unser Marsch schon geht. Und noch geht.

Ich entdecke in dieser Nacht auch das so nützliche Werkzeug ,, nur für einen, diesen Tag!". So ein einfacher und gleichzeitig so vielseitig anwendbarer,einsetzbarer Problemlöser. Der stillen, aber machtvollen Art!
Es ist mir im Nachgang jetzt nicht wirklich erinnerlich, was ich als Plan B hab einsetzen können - mir fällt partout nix ein!
Aber ich habe die unbezwingbare Länge des Weges
hilfreich ausgetrickst mit einem ,,nur bis Arles-sur-Tech!"
Wie gesagt, was dann? wenn wir es bis dahin geschafft haben und nicht mehr weiterkönnen? Keine Ahnung! Scheinbar geht es auch gar nicht darum.
Es geht vielleicht nur darum, gefühlt unerreichbares erreichbar zu machen.
Bis Arles-sur-Tech, das schaffen wir. Schon irgendwie.
Mehr müssen wir nicht.

Und so laufen wir, irgendwann in dieser so langen Nacht, in Arles-sur-Tech ein.
Es gibt Licht. Und Häuser statt Bäume. Vertraute Welt. Auch wieder angenehm.
Auf dem Weg durch das schlafende Dorf seh ich eine geöffnete Kneipe. Ist noch Licht darin. Und einige wenige Männer. Ich zögere kurz, aber bevor ich noch überlegen kann, steure ich darauf zu. Munshan neben mir. Wie geht das jetzt? Ich denke kurz an die Leine. Verwerf es sofort. Das macht alles nur wieder kaputt! Also schieb ich behutsam zwei Fingern unter sein Halsband. Und vertraue ihm.
Hab ja auch allen Grund dazu. Meter um Meter unseres Weges gefüllt mit wachsendem gelebtem Vertrauen!
Und hoffe, dass er mir auch vertraut.
Tut er auch!!

Es ist eigenartig. Er spürt meine zwei Finger - und dann ist es ok? Für ihn? Wäre es auch mit Leine jetzt ok gewesen?
Ich will das gar nicht wissen. Wichtig ist einzig und allein: wie kriegen wir es hin?
Und wenn wir es mit zwei Fingern unter'm Halsband hinkriegen, dann reicht das völlig.

Ich mach das ja nicht, um ihn zu beherrschen. Es ist eher ein Signal an die andren: alles ok, alles unter Kontrolle. Und auch an ihn: alles ok.
Und sollte er trotzdem durch irgendwas gestört werden, dann hätte ich ihn im Ansatz schon gebremst.
Zwei Finger. Darauf verlassen wir uns ab jetzt.
(Und so bleibt das auch! Auf immer. Zwei Finger.
Reichen uns.)

Ich nehme gleich den ersten Tisch am Eingang. Ist ja auch der Ausgang.
Und setz mich.
Und versuche mit aller Macht, das Aufstöhnen zu unterdrücken.
Aber in mir drinnen stöhnt es ungebremst auf. Lange, ganz lange...
ich genieße es wehrlos. Wortlos. Uneingeschränkt.
Einen Kaffe hätte ich gern. Und irgendwas für meinen Hund, damit er trinken kann. Und zeige meine Flasche Wasser. Quelque chose.... s'il vous plaît...
Und ich bekomme beides - einen duftenden Kaffee. Und einen Napf für munshan. Bereits gefüllt mit Wasser. Ich bin gerührt. Sage mein kurzes, erschöpftes aber sehr inniges merci. Und sehe, dass auch er sich jetzt freut. Er hat mir wirklich geholfen.
Das fühlt sich auch für ihn gut an.
Munshan dankt ihm auch. Mit einem kleinen eleganten Wedeln.
Wär ich nicht so müd, ich würd jetzt lächeln.
win-win-win... eine Nacht für Winner!
Wenn's ma läuft, dann läuft's.

Und so sitz ich da, schlürfe meinen heißen duftenden Kaffe mit ordentlich Zucker drin, neben meinen Füßen liegt munshan, zufrieden sich erholen zu können... und sogar die paar Mönner in der Kneipe stören mich nicht einen Deut.
Ich schau nicht hin, aber ich spüre es - sie schauen mich anders an als sonst.
Auch wenn es Nacht ist. Und ich eigentlich nicht hier sein sollte. Trotzdem.
Was ist anders?
Munshan. Es ist munshan, der da neben meinen Füßen liegt!
Das ist anders.

Und es ist ja auch wirklich so: einen Obdachlosen mit Hund schaust du anders an als einen ohne. Zumindest, wenn der Hund so aussieht, dass es ihm gut geht.
Und munshan sieht man wirklich an, dass es ihm gut geht. Grad.
Er sieht so entspannt aus!
Sicher, wir sind beide erschöpft. Und dadurch entspannt grad. Weil wir uns erholen können.
Aber es ist nicht nur das. Es ist auch das in uns, was da gewachsen ist. In uns.
In dieser Nacht.

Wenn jetzt eine Fee käm und sagte: ,,Hast einen Wunsch frei!", dann würd ich sagen: ,,ich will einfach nur hier bleiben!"
Und ich glaube, ich mein nicht nur den Ort hier grad.
Sondern alles.

Irgendwann ist Sperrstunde, ich zahle gern und lege noch was drauf. Als hätt ich  ein paar Francs zuviel.
Wir kamen in Frieden. Wir gehen in Frieden. Alles gut.

Das neue Ziel ist: nur bis Montferrer. Nur bis dahin!
Ich laufe ein bisschen wie in Trance. Irgendwie spielt alles
keine Rolle mehr. Auch nicht, ob ich müd bin. Oder nicht. Alles nicht wichtig.
Es gibt nichts andres mehr außer laufen.
Und es ist ja auch alles nur gut.

In der Kneipe kam mir der überraschende Gedanke, dass munshan ja gar kein deutsch kann. Nur französisch.
Überraschend deshalb, weil ich mich sofort gefragt hab, warum mir das erst jetzt kommt!
Das probier ich jetzt aus. Auch, um es mir einzuprägen. So viel Respekt muss sein.

Es hat sich eingeprägt. Bis zum Schluss waren wir zweisprachig unterwegs.
Ist doch auch ok. Zählt ja nur, dass man sich versteht.
Das taten wir.

Irgendwann dann auf unserem Weg durch diese Nacht, als munshan mal wieder zu mir kam und eine Weile neben mir lief, und ich die Hand auf ihm liegen ließ, damit er noch eine Weile bei mir bleibt, vielleicht... und ich mich gefragt hab: kommt er jetzt, weil er sich fürchtet? Oder kommt er, weil er spürt, dass ich mich fürchte? ... da hat es mich ganz plötzlich ganz tief angefasst.
Und als ich wieder zu mir kam, sozusagen, da ließ ich die Erkenntnis zu.
Und hab es, bis wir dann zuhause waren, in mir bewegt.

Nicht zum letzten Mal.
Aber das erste Mal ist halt eben besonders. First time is the deepest.
Mich traf die Erkenntnis wie ein Schlag. Hey! Werd wach! Schau hin!!!

Mitten in dieser Nacht auf unseren 20 Kilometer-Marsch hab ich verstanden, ganz tief: ich bin nicht mehr allein!

Ich bin nicht mehr allein.

5 Worte. Die ein ganzes Leben verändern können. 5 Worte.

Ich bin nicht mehr allein.

Ich beweg es hin und her in mir.... prüfe es, koste es, fühle es... es bleibt einfach wahr:
ich bin nicht mehr allein!

Und im Hintergrund leuchten Blitze auf wie in einem Wintergewitter, weiter weg - jetzt nicht in echt ,mehr so innendrinnen... bei dem Gedanken, der da auch irgendwann an die Oberfläche kommt: wie einsam ich doch war.
All die Jahre.
Es ist weiter weg, dieses wilde Blitzezucken hinten über den Bergen... es ist weiter weg, es war einmal...
wie einsam ich doch war

Jetzt?
Ich bin nicht allein!

Mittendrin in dieser unsrer Nacht
munshan und nachtwind.
Beide nicht mehr allein.

nubis


Liebe Nachtwind, die ganze Zeit schon lese ich mit und die ganze Zeit schon lese ich gerne, was und wie du schreibst.
Aber das jetzt, mit Munshan ...das berührt mich tief!

Vielen Dank, dass du diese Erinnerungen mit uns teilst!
Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind

Manchmal sind Worte wie eine warme Umarmung
ich sitz in einer, deiner...
und bleib noch ne Weile so sitzen
danke, nubis, dafür...
ist ja auch eine Form von ich-bin-nicht-allein
schon auch kostbar
Danke dafür :-)
hey :-)


Und ps.: grüß dein Bonus-gadget mal von mir! ;-)
Schon sehr lustig, wie du an sich quälendes auch beschreiben kannst!
Eins ist mir aufgeploppt (neben Mitgefühl für tapfren mario und einem großen Bedürfnis, ihn konkret hilfreich anzufeuern):
dafür, dass du Geduld nicht als deine Hauptcharakterstärke bezeichnet hast, bist du ganz schön geduldig!
Respekt!

nachtwind

Geht mir vieles so durch den Kopf -und durch's Gemüt, in diesen besonderen Tagen... vor der Op.
Manchmal denk ich: lenk ich mich dadurch ab? Versuche so, überflüssigen Stress zu vermeiden?
Oder ist es so was wie: ich sah mein Leben vor meinem Auge vorbeiziehen? Was Menschen mit Nahtoderfahrung so schildern?
Und ich erlebe jetzt die undramatische Version davon?
Weil der Tod schon mal bei mir anklopft? Aber mir noch Zeit bleibt?
Weil ich ja nu nicht in zwei Sekunden erstickt bin.
Oder ist es ein Zeichen, dass ich doch nicht mehr so viel Zeit hab?!
Ich kann ja auch schon bei der Op selbst sterben.... hab ich bestimmt in irgendeinem der vielen Papieren, die ich unterschrieben musste, zugestimmt, dass das passieren kann.
Und jetzt warnt mich irgendwas in mir? Sooo lange hast du gar nicht mehr?!
Nein, das schieb ich entschlossen wieder weg - das macht mir Angst. Und Angst kann ich jetzt gar nicht brauchen.
Wenn es so ist, dann ist das so. Da kann ich dann auch nichts mehr ändern dran.
Und immerhin hab ich ja wenn, dann doch noch viel mehr Zeit als einer, der gleich in 2 Sekunden aufschlägt. Also! Wo ist das Problem?
Du könntest die Op absagen...
Ja könnte ich. Stimmt schon.... Mist!...aber langsam: garantierst du mir, dass dann mein Sterben am Krebs ein Jahr später besser ist? Mir besser tut? Mein Leben bereichert? Oder wird mein Leben dadurch einfach nur mit so viel Schmerzen und Schwierigkeiten und ständigen neuen Problemen so zugeballert, dass ich irgendwann denk: also ein Tod während der Op war eindeutig die bessere Wahl!! Und ich Idiot hab sie ausgeschlagen!!!!! Als sie mir angeboten wurde!
Weil ich gottverdammter Dämlackel geglaubt hab, ich wüsste alles besser?!!! Als das Leben?! Das mir zum Abschied einen ruhigen, friedlichen Tod bereiten wollte?!
Also dieser Gedanke ist so unangenehm, so grusig, dass ich mich augenblicklich wieder meinen Op-Vorbereitungen widme.

Ich hab im Internet so viel wie möglich eingesammelt, was nach dieser Art Op so auf einen zukommen kann. Und dementsprechend mir eine Liste geschrieben.
Wenn man allein lebt, ist das besser so. Da kann man nicht einfach mal abwarten - und kucken, was geht. Und was geht nicht.
Also bereite ich mich auf 6 Wochen Leben mit nicht belastbare Bauchmuskeln vor...
Treppensteigen scheint ein echtes Problem zu sein. Ok - ich wohn im Dritten Stock ... daran lässt sich nix ändern. Aber das Vorratsregal, das ich im Dach hab, räum ich runter. Putze, als gäb's kein Morgen mehr. Stimmt ja auch einigermaßen genau.
Winterreifen ist wichtig. Mit Reifen rumwuchten wird  wohl erstmal nicht gehen. Und in 6 Wochen ist dann schon Winter. Versuche Vorräte anzulegen für 6 Wochen..... ist aber eigentlich unmöglich. Ich kauf eh fast nur frisches. Seit ich - eigentlich ganz aus Versehen - vegan geworden bin.
Ich versuch an alles zu denken, wasche im Vorraus - Wäschekorb ist auch no-go. Geht aber eigentlich auch nicht. So viel Klamotten hab ich auch jetzt nicht.
Es ist wie es ist. Auch wenn das meiste gar nicht richtig geht, bin ich voll beschäftigt
damit.
Eigentlich mit: nix.
Fällt mir auch manchmal auf. Bringt mich aber auch nicht auf andere Gedanken.
Nur die Spaziergänge funktionieren noch als verlässliche Quelle für meine geliebte Selbstwirksamkeit. Wobei ich auch da immer wortkarger werd.
Qualität vor Quantität ist hier immer mehr die Devise.

Bleibt nur noch das Kofferpacken. Hatte ich schon mal mit meiner Tochter besprochen, ziemlich am Anfang. ,,Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll!", hab ich ihr mein Leid geklagt: ,,allein schon mit dem Bademantel ist mein Koffer voll...!"
,,MAMA!!", die Antwort, ,, Bademantel hat man heut nicht mehr!!.... Nur noch die Alten haben so was, wenn überhaupt."
Warum fühl ich mich grade schlagartig so gebrechlich und grau wie lange nicht mehr... ?
Bademantelgeneration! Wer will schon ehrlich da dazugehören?!

,,Ok - was denn dann???" ,,na, ne Sweatjacke oder so was!" ,,Hab ich nicht!"
,,Na, dann eben eine Strickjacke...hast du doch!" Aber ich bin jetzt völlig verunsichert.
Jetzt muss es eine Sweatjacke sein. Wenn man das jetzt trägt. Im Krankenhaus. Da lass ich mich jetzt nicht auf Experimente ein!! Und steh dann da. Völlig daneben, deplatziert. Mit meiner Strickjacke...
,,Kannst du mir eine bestellen?! Ich schaff das jetzt nicht mehr!"  Also jetzt nicht zeitlich. Vom Energiehaushalt her. ;)
Macht sie. Meine Tochter halt! Sie macht so was für mich. Und ich kann sicher sein: dann bin ich richtig gekleidet.
Ich kauf nix mehr ohne sie. Schon lange. Ich habe null Geschmack. Sie dafür ganz nah dran an hundert Prozent. Hat sie nicht von mir!! Klar! Hätt ich jetzt nicht sagen müssen. Ist ja selbsterklärend. Aber es überrascht mich jedes Mal, wenn ich dran denk. Wie kann eine Tochter, die eine Mutter hat wie mich, so völlig begabt sein darin?!!
Sie kommt mir wie ein evolutionäres Wunder vor.
Ist sie ja wahrscheinlich auch.
Auf jeden Fall  bestellt sie mir eine Sweatjacke. Zusammen einkaufen kriegen wir ja jetzt nicht mehr hin, so auf die Schnelle.

Ich hatte noch nie eine Sweatjacke. Und hab mir auch noch nie was zum Anziehen im Internet bestellt. Ich fühl mich ziemlich fortschrittlich. Als das Päckchen kommt.
Aber genau verstanden hab ich das immer noch nicht.
Wie soll denn eine Sweatjacke einen ganzen Bademantel ersetzten??!!
Egal - mein Vertrauen in meine Tochter trägt. Mich auch durch dieses Problem.
Mögliches Problem ja nur.

Also pack ich meinen Koffer. 35 mal 50, 15 hoch. Lege andächtig schon mal meine neue Sweatjacke hinein. Und bin gleich ein bisschen erschrocken. Sieht schon mal ziemlich voll aus, der Koffer. Aber egal. Wenn man das braucht, heutzutage, im Krankenhaus, dann muss das mit. Und der Rest gruppiert sich dann halt drumrum. Was halt geht.
Geht alles.
Jetzt noch eine Tasche füllen. Mit Kram. Vor allem: was zu essen. Kann ja jetzt nicht erwarten, dass es veganes Essen gibt. In der Klinik. Also überschlag ich. 5 Tage. Frühstück wird gehen. Müsli gab's doch in der Teeküche. Für mittags und abends halt was. Für abends reicht ein Salat. Und Salzstangen. Oder Dinkelecken. Und für die paar Tage genügt das für mittags auch. Was zu lesen. Was zu schreiben. Sodoku auch... ich bin gerüstet.

Mir kommt zugute, dass ich den Koffer schon oft gepackt hab. In den letzten 14 Jahren. Ich hab mein Leben so eingerichtet, dass ich jeden Monat für eine Woche zu meiner Tochter fahren konnte. Zu ihr  und meinen Enkelkindern.
Hat nicht jeden Monat geklappt. Hing auch von der Gnade meiner jeweiligen Stationsleitung ab. Aber meistens hat's hingehauen. Wenn's eine neue Stationsleitung gab, hat's meistens ein bisschen gedauert. Aber irgendwann war ich überzeugend. Weil ich eben auch immer einsprang. Das ist halt auch ein Wert. Vor allem, wenn es kurzfristig ist. Und ja immer: nachts.

Insofern wenigstens da
ein bisschen Routine.
Fahrtechnisch ist das ja jetzt die Superherausforderung. Bus-Zug-Strassenbahn. Aber auch da hilft mir die Routine mit meiner vertrauten Linie 4.
Und klappt auch alles wider Erwarten ziemlich gut.

Und so lauf ich ein, Sonntags Abend. Nicht wie das erste Mal, mit dem Wunsch nach ein bisschen anfeuernder Musik und reichlich mulmig, sondern eher leicht erstaunt und einen Hauch euphorisiert, dass bis jetzt alles flutscht, auf Station.
Meiner Station. Für die nächsten Tage.

Mein Zimmer ist auf dem Flur auf der anderen Seite vom Stationszimmer. Dachte ich mir schon. Dass die Seite, die ich kannte, für die leichten Fälle wär. Mit dementsprechenden Personal. Und die Seite, auf die ich jetzt komme, für die Operierten. Hier sind sicher die qualifizierteren Pflegerinnen.
Und damit hoffentlich kein Wiedersehen mit Lady Paukenschlag.
Und so ist es auch.

Im Zimmer zwei Betten schon belegt. Ich hab Riesenglück und bekomm das zweitbeste Bett. Direkt am Fenster auf jeden Fall.
Ich grüße in die Runde. Und beginn mich einzurichten. Ist ja jetzt nicht die Welt.
Also mach ich's mir bequem auf meiner Insel und schau ein bisschen raus.
Draußen wird es langsam dunkel, die Lichter gehen an. nachtwind mal wieder in einer Großen Stadt. Melancholie zieht ungebremst in mich hinein. Ich lass es zu. Allein nachts in einer Großen Stadt übersetzt sich in mir sofort mit orientierungslosem Gestrandetsein. Alleinsein der außergewöhnlichen Art.  Ich gehöre nicht dazu. Und das einzige, was ich erhoffen kann, ist nicht entdeckt zu werden.
Alte Rille. Spielt trotzdem noch immer die gleiche Melodie.
Ganz lang her. Aber nie ganz vergangen. So wie ein Teil meiner DNA.. lang nicht mehr genutzt, benutzt... aber immer da. Ganz im Untergrund. Auch meins halt.
Gehört dazu.

Ich lass es zu. Melancholie, leiser Kummer, genügsam mit sich selbst zufrieden, stille Traurigkeit, die keine Aufmerksamkeit braucht, einfach nur dasein will... das ist doch genau richtig grad. Angemessen.
Ich schau auch kurz auf meine Bettgenossinnen... gegenüber von mir eine kleine drahtige ältere Frau, die sich flink bewegt auf dem Gang zur Toilette, sich geschickt und gezielt davor aus dem Stationswagen ein Netzhöschen und eine Vorlage greift und mit wehendem hinten offenen Patientenhemd im Klo verschwindet.
Ich lächle in mich hinein. Echt flink! Voll fit!
Neben mir eine jüngere Patientin, zwischen 40 und 50 vielleicht. Sie liegt neben mir. Aber sie hat den Vorhang zwischen uns vorgezogen .... ich seh sie nicht. Von meinem Bett aus.
Ich bin die Neue. Ich denke, ich muss mich nicht kümmern. Die Schwester, die mich zu meinem Bett gebracht und eingescant hat, hat mich auch mit dem Fernsehtablet verbunden. Und so zieh ich mich still zurück. In die Wärme meiner leisen Traurigkeit. Vertrautheit auch.
Und in das Zuhause, das der eigene Fernseher mit seinen Kopfhörern mir baut.
Den sleeptimer hab ich noch nicht entdeckt, und so mach ich nach ner langen Weile das Teil versuchsweise aus. Ich kann ja jederzeit wieder dran. Das ist so beruhigend!
Dreh mich zur Seite, schau noch aus dem Fenster... flute noch einmal all meine Dankbarkeit, all meine Liebe zu meiner Gebärmutter, meinen Eierstöcken... ohne große Worte... es ist alles gesagt und gedacht. Schicke noch einmal all die, die mich begleiten, wie ich vermute - und eventuelle Engel, die grad nichts zu tun haben und sich gelinde langweilen, an's Bett von meinem Professor Karl, auf dass er so gut schläft wie nur irgend geht. Und er ausgeruht und voll bei sich morgen im Op stehen kann. Und sein allerbestes geben kann. Schlaf gut, Professor - morgen wird ein schöner Tag!
Und dann schlaf ich doch wider Erwarten ein. Und durch.
Soweit das geht. In einem Krankenhaus.
Morgen wird ein schöner Tag. Hab ich eigentlich zu meinem Professor gesagt. Aber irgendwie hab ich das scheint's auch auf mich gestreut. Auch auf meine Nacht.
Wie schön!

nachtwind

Wie schön, denk ich am nächsten Morgen. Oder besser mitten in der Nacht!
Für eine Nachteule wie mich ist das immer noch gewöhnungsbedürftig. Um diese Uhrzeit hatte ich immer Feierabend. Und jetzt soll ich genau da wach werden?!
Es ist noch dunkel!!

Aber gut geschlafen hab ich jetzt schon. Das macht alles leichter.
Wann ist mein Op-Termin? Noch nicht klar.
Auch gut. Ich reiss mich ja jetzt nicht darum.
Dann steht er fest: 11 Uhr 30. Auch gut. Dann hab ich ja noch genug Zeit.
Aber dann geht es alles ganz fix. Ich werde abgeholt. Höh? Ich dachte Op 11 Uhr 30?!
Ja nein, sie soll mich jetzt holen. Ob ich alles hab, was ich brauch?
Ja, weiß ich jetzt auch nicht. Was braucht man denn für eine Op?!
Ich dachte, da braucht man nix? Ich bin jetzt grad ganz unvorbereitet.... Was braucht man denn für die Op? Ich versuche mich verzweifelt fix zu erinnern: was hätte ich denn mitbringen sollen?? Also wenn's Op-Besteck war, dann ist es jetzt zu spät!
Ich kann mich einfach nicht erinnern!! Also frag ich sie: ,,was brauch ich denn?"
Na, Schuhe braucht man!
Ich versteh die Welt nicht mehr. Seh mich aufwachen im Op, in die Schuhe schlüpfen und so den Op-Saal verlassen....?? Was hab ich nicht mitbekommen? Seit wann braucht man Schuhe bei einer Op?
Sie ist sich aber sicher. Gut, dann machen wir das so. Sie hat extra Malerkrepp dabei schreibt meinen Namen drauf und klebt den Streifen auf die Schuh. Legt die Schuhe auf das Bett.... Ich kuck ziemlich ungläubig irritiert. Aber alles gut. Sie legt sie mit der Sohle nach oben. Geht grad so noch mal gut. Fast wär ich aufgestanden und hätte abgebrochen! Also ich bin jetzt nicht penibel. Aber ein bisschen was von Krankenhaus-Hygiene hab ich schon verinnerlicht in mir. Das war jetzt grenzwertig.
Aber ich kann nicht weiter drüber nachdenken, ich soll noch einpacken, was ich für die Op brauch. Ich bin so grenzenlos ratlos. Verwirrt!  Ich weiß es doch nicht! Was soll ich denn brauchen??
Das Ganze macht sie verlegen... entweder sie weiß selber nicht, was man wohl so braucht im Op, oder sie schämt sich fremd für mich. Ich erklär ihr, dass das meine erste nicht-ambulante Op ist und ich überhaupt keine Ahnung hab, was ich wofür brauchen sollte. Sie schlägt was zum Zähneputzen vor? Und in mein völlig verdutztes Gesicht hinein: für im Aufwachraum. Aaahhh... jetzt kommt Licht in das eigenartige Dunkel. Natürlich... so macht es wenigstens ein bisschen Sinn. Und mir fällt in dem Zusammenhang auch sofort siedenheiss ein: natürlich! Für die Zähne! Die Zahndose muss auf jeden Fall mit! Sie beschreibt wieder ein Stück Kreppband und klebt es auf die Dose. Aber zufrieden sieht sie ganz und gar nicht aus. Ich schau auf die Schuhe, die da in meinem Bett liegen,  bäuchlings, und daneben die Zahndose angelehnt - nein!! So geht das nicht!! Jetzt übernehm ich resolut die Verantwortung. Die ganze Kulturtasche muss mit. Jetzt sieht es richtiger aus. Und sie ist auch zufrieden.
Also, noch einmal Name drauf - und dann fahren wir los.

Ich schau erleichtert zu. Wie sie so rangiert. Und Freude steigt auf in mir. Sie weiß, was sie tut. Und sie tut es gern.
Ich mag Menschen, die wissen, was zu tun ist. Und das auch tun. Ich mag sie sehr!
Spätestens als sie geschickt im Flur einem plötzlichen Hindernis ausweicht, kann ich meine Anerkennung nicht mehr zurückhalten. Respekt! Sie lacht. Es tut ihr gut. ,,Ich mach das ja schon ein paar Jahre!" Aber so leicht lass ich mich nicht abwimmeln.
Mit meiner Freude dran. ,, Ja, das glaub ich sofort. Aber es ist nicht nur das - es ist auch, dass Sie's gut machen! Und: dass Sie es auch gerne machen!"
Das akzeptiert sie so. Es freut sie richtig. Ich glaub, es kommt nicht oft vor, dass jemand vom Hol und Bring gelobt wird, von einem Patienten. Oder überhaupt.
Aber sie macht ihren Job wirklich gut!
Ich mag einfach Menschen, die ihren Job gut machen. Da geht mir das Herz auf.

Jetzt sind wir vertraut miteinander. Deshalb trau ich mich, ihr zu sagen, dass sie, wenn sie ihren Job mal über hat, dann halt den LKW-Führerschein machen soll. Se hat da einfach eine Begabung für.  Dann denk ich, sie hat so ein offnes Wesen... sie mag Menschen! ,,Oder den Busführerschein. Und dann fahren Sie den Schulbus..."
Da sieht sie jetzt doch nachdenklich aus. Und ich denk für mich: ja ok, hol und bring ist jetzt nix qualifiziertes. Das wird nicht gut bezahlt sein. Ist toll, wenn man nix hat und dringend was braucht. Sie ist eine offene, tatkräftige junge Frau. Irgendwann wird ihr das zu wenig sein. Aber dann jetzt ne dreijährige Ausbildung dran setzen? Puh.. ! So ein Führerschein, das ist auch eine Qualifizierung. Und absolut machbar. Nix drei Jahre. So hab ich das noch nie gesehen. Ich wünsch ihr alles Gute! Auf ihrem Weg.
Ich bin sicher: sie wird ihren Weg gehen.
Sag ich natürlich nicht. Denk ich nur. Hätte ich ihr das sagen sollen?

Wir sind unten angekommen. Da ist ein Strich geklebt auf dem Boden, und wir parken genau daneben. Ich ahne: da beginnt der Reine Raum.
Ich schau mich um. Die Wände sind blau und bunt bemalt mit Unterseewelten. Ist oder war hier der Wartebereich auch für Kinder-OPs?
Es gibt auf jeden Fall was zu kucken. Das lockert schon mal auf. Nicht nur Kinder.

Die Fahrt im Bett durch's Krankenhaus hat mir auf jeden Fall erklärt, warum die meisten Patienten dabei an die Decke schauen.  Nicht, weil ihnen die Blicke der andren zu viel oder zu nah sind. Ich hab mich das immer mal wieder gefragt, auf Arbeit. Ich denke, es liegt an einem andren Effekt.
Es ist einfach völlig ungewohnt, in seinem  Bett durch die Gegend zu rollen. Widerspricht jeglicher Erwartung. So wie der kleine Hävelmann fühlt man sich. Irgendwie in einer andren Welt. In der Betten fahren können. Und es auch tun.

Dann realisiere ich wieder, wo ich mich grade befinde. Hart an der Grenze zum Reinen Raum. Ach Mensch! Ich seufze innerlich.
Habe ich Angst? Ich glaub schon. Aber eher unterschwellig. Ich fühl's nicht wirklich.
Ich schick noch mal eine heiße Welle an Dankbarkeit und Liebe in meinen Unterleib... ich denk nix mehr, ich lass es einfach fluten. Und flute dann gleich den ganzen meinen tapfren Körper. Auch mein Herz. Wer weiß warum. Schaden wird es ja nicht.

Grad rechtzeitig. Die Op- Liege wird angerollt, parkt direkt neben mir.
Ich wechsle die Gefährte.
Und genau in diesem Moment wird mir klar, warum ich nicht einfach in den Op- Bereich laufen konnte. Es geht mir doch gut - warum muss ich denn aufwändig gefahren werden?!
Ja nee - so kannst du  ja nu wirklich nicht durch die Gänge laufen!!
Mit nem Patientenkittel an und sonst nix. Noch nicht mal ein Höschen! Nacktpopo. Hab ich das letzte Mal zu meinen Kindern gesagt.
Und jetzt ich. So schnell geht's. So schnell wechselt man die Perspektive.
Also rutsch ich rüber. Und freu mich. Wieder was gelernt. Wieder was verstanden.

Drinnen dann im Op ist ein eigenartig warmes Licht. Ich dachte immer, es sei grell.
Haben sie vielleicht hier im Eingangsbereich ein extra freundliches Licht angebracht?
Zuzutrauen wär es ihnen. Ich bekomme nämlich genau hier sofort einen so innigen Willkommensgruß, dass ich aufstöhnen muss vor Wohlbehagen - eine ganz und gar durch und durch aufgewärmte Frotteedecke wird zart auf und um mich gelegt. Mir kommen fast die Tränen.
Und die wärmt jetzt mich. Durch und durch.  Mir war gar nicht klar, dass mir kalt war.
Jetzt dehn ich mich aus. In dieser wohligen Wärme.
 Mir kommen wirklich die Tränen. Rollt nix. Nur warm in's Auge hochgebrandet.
Das tut so gut!
Die Narkoseärztin und -schwester schmunzeln. Da bin ich nicht die Erste, die so aufstöhnt.
Oh - die Narkoseärztin! Die hab ich ganz vergessen! In meinem  nächtlichen Gute-Nacht- move und schlaf auch schön. Damit du morgen fit bist!
Wie konnte ich!!
Ich schau sie mir kurz an. Sie sieht ruhig und gelassen aus. Sicher. Und ziemlich schön.
Das ist jetzt bestimmt nur meine Sorge, die sie so schön macht für mich. Egal.
Sie ist es. Und nur das zählt.
Ich lass es geschwind fluten zu ihr. Mach alles richtig, liebe Frau Narkoseärztin. Pass gut auf mich auf!
Während die beiden ruhig und zielsicher mich vorbereiten für die Narkose, kommt eine dritte noch hinzu. Klebt mir so kleine Klötzchen auf die Stirn. Einer klebt nicht, und sie versucht es noch und noch mal. Er klebt nicht. Aber scheinbar muss er kleben, und so holt sie noch einen. Ich gebe meine Zurückhaltung auf, um mich nicht als völlige Anfängerin outen zu müssen, aber das jetzt interessiert mich jetzt doch zu sehr! ,,Was ist denn das?" ,,Wir messen damit die Hirnaktivität während der Narkose - so können wir gezielter nachspritzen... oder eben nicht. Ganz individuell."
Jetzt bin ich aber wirklich begeistert! Dass es das gibt! Ein Traum! Mir sind  die Narkosemittel überhaupt nicht koscher. Ich preise sie!! Keine Frage!! Aber ganz geheuer sind sie mir eben auch nicht!
Dass man sie jetzt individuell steuern kann, ist die beste Lösung ever. Die ich mir gar nicht vorstellen konnte. Und die jetzt hier ist. Und an mir! An meiner Stirn.
Wenn nur das eine Klötzchen kleben würde. Aber das tut es dann ja auch nach einer Weile... mit ein bisschen Alkohol die Stelle abwischen, zack, klebt es wie gewünscht.
Gewusst wie.
Das ist es doch immer!: ein gewusst wie.
 
Die Narkoseärztin ist fertig mit ihrem Gedöns und schaut mich freundlich an. Sie mag meine Begeisterung. Die ist ja auch echt.
Und weil sie so freundlich auf mich runterschaut, biete ich ihr hilfreich an, schon mal die Zähne auszuziehen, dann braucht sie das nicht mehr zu machen. Sicher, ich seh dann auf einen Schlag ganz oll und alt aus, aber das kennt sie ja zu Genüge, denke ich. Also soll ich?
Da muss sie lachen. Ja nee, das machen sie schon selber.
Ist mir auch ganz recht. Sicher, sie wird mich ja eh so sehen. Aber wenn ich das nicht mitkriegen muss, ist mir einfach wohler.
Also,ich bin weiß Gott nicht eitel. Aber auch Uneitelkeit hat seine Grenzen! Alles was Recht ist!
Dann kommt schon die Sauerstoffmaske und ich soll tief einatmen. Ich weiß, dass das dazu da ist, um den Zeitraum ohne Atmung während des Tubuslegens möglichst sicher zu überstehen.  Möglichst wenig Sauerstoffabfall.
Vorratsatmung sozusagen.
Also atme ich so tief wie ich nur kann, trinke förmlich den Sauerstoff in mich hinein. Ich zähle nicht - ich  breite in mir die Arme aus und heiße den Sauerstoff willkommen mit einem lauten Ja! in mir... sage gleichzeitig meinem Körper ,, verteil es gut! Mach's gut, du Lieber! Bis



nachtwind

Ich zögere grad, einfach weiterzuerzählen...
das Abrupte des Endes der vorigen Erzählung
erschreckt mich nachhaltig.
Geht Sterben so? Mitten in einem Gedankensatz? Mitten in einem Satz
vorbei???
Ende Gelände!, aus und vorbei!, kein Wort mehr, nicht denken, nicht sagen...nie mehr!
Hätte so ausgehen können.
Das wär's dann gewesen.
Mitten in einem Satz
verschwunden.
Krass!

Einerseits wundert es mich, dass mich das jetzt doch aufwach!-erschreckt...
sollte ich so schnell wieder alles vergessen haben? Die Nähe zum Tod.
Ein Jahr vorbei... schon wieder an den fernen Horizont weggerutscht?
Andererseits frage ich mich, ob ich in der ganzen Zeit damals so nah dran war am Sterben
wie jetzt in diesem einen unterbrochenen Satz.

Jetzt mal auf den ersten und zweiten und ansatzweise dritten Blick darauf hatte der nah an mich gerückte Tod für mich vor allem erstmal eine ganz andre Wirkung gehabt. Alles wurde intensiver, alles wurde bedeutsam - jede Kleinigkeit! Nichts war mehr einfach so. Mit andren Worten: das Leben selbst stand dadurch im Mittelpunkt! Kräftig, umfassend, gründlich durchdringend.... Ich war dem  Leben näher ausgesetzt.
Nicht weil ich mich dran geklammert hätte. Gar nicht. Es war keine Entscheidung.
Es ist von selbst so geworden.

Der Tod fand nur im Abschiednehmen statt. Damals. Da schon. Auch in seiner Endgültigkeit. Das war schon dickes Brot.
Aber dass ich so einfach durch eine Ritze in der Mauer hätte weggleiten können, mitten in einem Gedanken einfach so weggleiten....
....
ob ich das dann wohl gemerkt hätte?
Dass ich gestorben bin?

Egal erstmal. Bin ich ja gar nicht.
Aber das hier fasst mich grad schon an.
Es steht mir ja trotzdem noch bevor.
Alles was ich erstmal überlebt hab, steht mir ja trotzdem noch bevor.
Es gibt ja kein Entkommen.
Nur Bonusjahre.
Wenn es groß ist...

Wohin wohl meine Gedanken gehen? Wenn ich gestorben bin?
Verweht in einer einzigen Nacht? In dieser meiner Nacht dann?
Oder verschmelzen sie in der riesigen Schwarmintelligenz der Menschheit? Auf immer? So stell ich mir das eher vor. Jetzt im Leben. Und eben vielleicht auch dann.

Ich glaube, es gibt das eigne Unbewusste.
Und das etwas größere, das Familienunbewusste.
Dann gibt es noch das Stammesunbewusste oder Landstrichunbewusste oder wie auch immer wir zusammengehören, oder eben auch vielleicht dann das Nationenunbewusste.
Allesumfassend dann
das Menschheitsunbewusste.
So stell ich mir das vor.
So erleb ich das.

Woher sonst sollen all die eigenartigen Gedanken auftauchen. Wenn nicht aus dem Unbewussten. Zu dem wir alle Zugang haben.
Nur meistens nicht direkt.
Schlüsselkarte ist da nicht.
Ich stell es mir nicht nur so vor.
Ich bin da ziemlich sicher.

Der Gedanke liegt nahe, dass sie dorthin fließen... wie jetzt ja auch. Warum nicht dann auch? Es spricht nichts dagegen.
Und beruhigt schon wahrnehmbar. Mich.
Ich war jetzt schon ein bisschen aufgeschreckt. Grad.

Alles wieder gut.



nachtwind

Ich werde wach. Naja, stimmt so nicht ganz.
Ich schlag die Augen auf.
Über mir eine Zimmerdecke. Weiß.
Ich liege da und schaue.
Ich denke nicht.
Ich schau mich nicht um.
Ich schau immer nur auf diese weiße Decke.
Irgendwann ist die Decke voll von dem Lieblingsspiel von mir, dass ich oft spiele. Auf dem Tablet.
Die Decke ist bunt.
Ich beginne zu spielen.
Immer wenn ich genau hinschauen will, um den nächsten Zug gut zu setzen,  verschwimmt mir das Spiel.
Das ist ärgerlich. Aber ich passe mich an.
Ich schau nicht mehr genau hin.
Setze Züge auch auf's Geratewohl.

Ab und an geht eine Frau in Schwesternkittel bei mir vorbei.
Ich seh sie gerade so im untersten Blickrand
Meine Augen zu ihr hin zu bewegen geht scheinbar nicht.
Es ist mir vielleicht auch viel zu egal?
Ich schau auf die Decke. Mein Spiel.
Irgendwann kommt sie unten in meinem untersten Blickrand wieder zurück.

Das geht ein paar mal so.
Ich spiele weiter.
Ab und an kämpfe ich ganz kurz ein kleines bisschen dagegen an.
Versuche zu denken. Wahrzunehmen.
Kann ich meinen Blick nicht lenken?
Aber das kostet sehr viel Kraft.
Ist ganz schnell wieder verbraucht. Die Energie dafür.
Und ich spiel weiter mein Spiel.

Wie geht es meinem Körper? Ist er noch da?
Aber denken, wahrnehmen ist so anstrengend.
Ich spiel mein Spiel....

Ich spür ihn nicht.
Ich spiel mein Spiel....

Ich fühl mich wohl damit.
Ich spiel mein Spiel...
(Heute, beim Schreiben jetzt, denke ich kurz: vielleicht ist das ja mal ein echter Vorteil von ständigen Schmerzen - wenn man seinen Körper nicht mehr spürt, fühlt man sich total wohl... und schmiegt sich dankbar da hinein) ;-)

Es ist sehr leise hier.
Ich spiel mein Spiel...

(Jetzt, beim Erinnern, frag ich mich, ob das wohl wie ein Wachkoma ist?
Also, unter Schmerzmedis halt - Wachkomapatienten spüren Schmerzen.
Oder so ein leiser Vorgeschmack daran, wie sich ein lock-in-Syndrom sich wohl anfühlt? Das ist für  meinen Sohn die schlimmste Vorstellung.)


Sehr leise...
Ich spiel mein Spiel ...

Oder ich hör nix mehr...
Ich spiel mein Spiel...

Was immer ich zwischendurch mal denke oder wahrnehme - es hinterlässt keinerlei Eindruck bei mir. Es ist mir nicht egal - es ist egal.
Ich spiel mein Spiel...

Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen, nehme ich heute an, denn ich öffne meine Augen
und sehe eine Schwester mich freundlich anschauen. Sie sagt mir etwas wie ,,ich bring Sie jetzt...", wohin hab ich nicht mehr verstanden, aber so was von egal.
Erstens sie ist freundlich!
(An alle, die sowas interessiert: nie vergessen! Freundlich anschaun ist so viel viel wichtiger als vieles andre!! Egal ob Demenz, Koma, unklare Diagnose... freundlich anschaun hilft! Sehr! Denn der vor dir ist immer noch ein Mensch. Und ein Mensch, gerade wenn er hilflos ist, oder sich fühlt, erträgt das Leben leichter, wenn er freundlich angeschaut wird. Wir Menschen brauchen manchmal gar nicht so viel. Ein kleines bisschen Feundlichkeit kann einen manchmal schon so ein bisschen wieder auf die Schienen setzen. Löst keine Probleme, sicher. Aber hilft ein wenig, wieder Vertrauen zu schöpfen.
Und das ist der Anfang
von etwas Bessrem. Wieder.
Nie vergessen: freundlich anschaun!!) hey :)

Und zweitens hör ich wieder. Seh wieder. Ich glaub, ich bin wach geworden.
Ich lächle ihr freundlich zurück.

Und schließe beim Fahren die Augen. Vorsichtshalber.
Klack! machen die Bremsen des Bettes. Ich bin angekommen.
Wie schön.




nachtwind

Angekommen.
Ich versuche vorsichtig dieses Gefühl. Angekommen.
Ist jetzt alles vorbei?

Nach einer ganzen Weile kuck ich mich dann doch mal um.
Es ist dunkel geworden. Nacht geworden.
Oder das Zimmer hat keine Fenster.

Es ist nicht ,,mein" Zimmer.
Diese so freundliche junge Frau, die mich abgeholt und hierhergebracht hat, hat sich noch geschwind rührend um mich gekümmert. ,,Soll ich Ihnen noch Ihr Handy holen?"
Ich zögere kurz. Sie ist so nett. Sie soll wegen mir keine Extrawege machen müssen.
,,Vielleicht wollen Sie jemanden Bescheid geben?"
Das überzeugt.
Gott, ist sie süß!

Jetzt lieg ich hier mit meinem Handy. Das sie mir noch schnell in die Hand gedrückt hat. Und fix weitergeeilt ist. Hoffentlich bekommt sie keinen Ärger deswegen. Dass sie sich die Zeit  genommen hat. Die Freundliche...
Und frag mich wieviel Uhr wohl ist. Dass es schon dunkel ist.
Die Frage reicht mir. Scheint's.
Auf's Handy kucken fällt mir irgendwie nicht ein.

Ich lieg hier wohlig im Bett und  versuche zu verstehen. Mich zu orientieren.
Ich bin wach geworden!
Hab ich jemals dran gezweifelt, wirklich? Nein.
Warum freut es sich dann so in mir?
Sind bestimmt die Drogen, oder?
Bestimmt!

Warum hab ich dieses Handy noch mal in der Hand??
Ach ja, die Kinder...
Sie warten doch vielleicht.
Ja gut, jetzt schreib ich ihnen mal lieber. Bevor sie sich Sorgen machen müssen.
Ja...
da hab ich jetzt nicht rechtzeitig dran gedacht!
Handy ohne Brille
hilft jetzt auch nicht wirklich weiter.

Ich geb mir große Mühe. Hoffe, dass sie es nicht verfluchen, dass ich schreibe. Weil sie sich jetzt
erst wirklich Sorgen machen.
Kryptische Nachrichten beruhigen nicht wirklich, oder?
Bekomme tatsächlich auch bald eine Antwort.
Aber die kann ich jetzt gar nicht lesen. Noch nicht mal ansatzweise.
Also überlass ich den Dingen ihren Lauf, wird schon alles gut gehen.
So schnell machen sie sich keine Sorgen.
Und immer mal wieder merkwürdige Nachrichten von mir sind sie ja auch schon reichlich gewöhnt.
Am Anfang wusste ich noch nicht mal, wie man was löscht... musste alles so senden, wie es eben da stand... stand schon sehr Eigenartiges oft da.
Wird schon klappen. Irgendwie.  Mein Sohn ist groß. Er wird mich schon finden.
Er kennt sich in Krankenhäusern ja auch aus.

Ich denke, wie schön es doch ist, dass mein Sohn groß ist.Und sich jetzt um mich kümmern kann.
Das fühlt sich gerade überwältigend wunderschön an!
Wirklich wie ein Wunder...
Ich lieg hier im Bett und begreife: ich muss mich gar nicht kümmern!
Er wird's schon tun.
Ich brauch nur hier liegen.
Geborgen. Wie ein Kind.
Kann das sein?!
Doch, ich glaube schon - so fühlt sich das an.
Wunderbar geborgen.
Wohlig wundervoll.

Schon eigenartig ... Geborgenheit verbinde ich eigentlich immer mit dem Alleinsein.
Meine Wohnung gibt mir dieses Gefühl, mein Bett auch, das liebe ich...  wenn es draußen kalt ist und ich friere - und weiß, gleich bin ich wieder daheim, da ist es warm für mich, da kann ich sein... mir fallen viele viele Augenblicke ein, in denen ich mich so geborgen fühle, dass ich aufstöhne voll Behagen...

Mich aber so fühlen, weil ich mich nicht kümmern muss - weil es jemand andres tut?
Das ist mir jetzt nicht so vertraut.
Nicht weil es das in meinem Leben nicht gegeben hätte, als Möglichkeit.!
Ich selbst hab es mir nicht erlaubt. Die Türe in diesen Raum zu öffnen.
Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.

Warum jetzt, ausgerechnet jetzt?!
Was geschieht hier mit mir?
Denken ist grad nicht so angesagt. Ich fühl lieber.
Und es fühlt sich so grandios an!
Ich hab genug damit zu tun.

Und bald kommt ja auch mein Sohn... ich warte nicht. Ich freu mich drauf.

hey:)



nachtwind

Und so ist es ja auch. Er findet mich.
Ich habe nicht auf ihn gewartet. Die Gewissheit, dass er kommen wird, hat völlig ausgereicht, um wunschlos wohlig zufrieden zu sein.
Gut, diese Gewissheit, dass ich mich garnicht kümmern muss - dass er sich kümmert - plus diese Drogen, die immer noch in mir wirken...

Wie sehr ich auf Drogen bin, merke ich erst, als er da ist. 
In mir flippert es in superslowmo der extremsten Art.
Und es stört mich noch nicht mal! Ich seh es nur an den  Reaktionen. Aber selbst die können mein Grundwohlsein überhaupt nicht anvibrieren.

Er ist so süss. Er hat mir eine Tüte Brezelchen mitgebracht.
Ich hatte auch in diese Richtung gedacht. Wer weiß, wie lang die Op dauert - vielleicht hab ich ja Hunger dann irgendwann. Hab sorglich im Nachttisch überall was zum knabbern deponiert. Bewegungslos erreichbar. Wer weiß, ob ich mich bewegen kann.
Das war wirklich keine schlechte Idee. Aber der Nachttisch ist in meinem Zimmer. Und ich jetzt hier im Irgendwo.
Nicht dass ich Hunger hätte - aber es fühlt sich schon um einiges  sicherer an! Das Leben jetzt.
Eine Flasche Wasser hab ich auch neben mir.  Mit einem Glas. Aber ich hab mich bis jetzt glaub ich noch überhaupt nicht bewegt. Warum auch?
Ist doch alles gut.
Jetzt schüttet er mir das Glas ein, komm, trink was - spül die Narkose raus!
Mach ich brav.
Aufsetzen geht schon mal.
Er fragt mich ein bisschen was - ich weiß halt auch nix Genaues nicht.
Warum bist du denn hier? Tja, das weiß ich jetzt auch nicht.
Hab ich mich auch schon gefragt.
Ich deute auf den Monitor direkt neben meinem Kopf - vielleicht deshalb?
Ich hab mich schon ein bisschen umgeschaut, vorher. Entdeckt, dass es ein sehr kleiner Raum ist. Getrennt durch einen Quer- und einen Längsvorhang. Dadurch gibt es drei Abteile. Meiner ist der mit Abstand kleinste. Eher wie ein Schrank. Aber alles notwendige ist ja da. Ein Bett, direkt daneben ein alter Monitor an der Wand. Drunter der Nachttisch. Mit dem Glas. Und der Flasche Wasser ganz am Rand. Weil da der Monitor aufhört. Da passt sie hin.
Ich erinnere mich nicht, dass mich jemand angeschlossen hat, aber  hochwahrscheinlich ja schon. Warum sollte er sonst laufen?
Mein Sohn nickt geduldig, aufmunternd. So hat er genickt, wenn seine Tochter früher was erzählt hat. Red du nur, irgendwann ergibt das auch mal Sinn, was du so erzählst... bis dahin red du nur. Das wird schon!
So richtig was anfangen kann er glaub ich nicht mit mir. Ich registrier es, aber es stört mich nicht die Bohne. Wie gesagt, mein Flipper...
Also noch ein Glas Wasser - trink. Trinken ist gut! Denk an die Narkose...
Er ist schon ein Schlawiner! Weiß genau, wie er mich catchen kann. Gift rausspülen...
da werd ich augenblicklich folgsam.
Aber dann schau ich auf mein Glas und denke nach. Und sag dann ganz leise und verschwörerisch: ich will gar nicht so viel trinken - ich weiß ja auch gar nicht, wo hier ein Klo ist!
Es ist niemand im Zimmer, wir sind ganz unter uns... keine Ahnung, warum das so gedämpft sein muss - hoffe ich so, meinen Sohn selbst davor zu schützen, da Genaueres zu verstehn? Das er vielleicht sooo genau jetzt auch nicht wissen wollte?!
Er schaut mich an wie Tiger. Ohjeh... Stirn gerunzelt, strenger Blick: MAMA!!! Du hast einen Katheter!!!
Und als ich nicht wirklich reagiere, wie gesagt, mein Flipper..., hebt er ihn an, in mein Blickfenster hinein: da!
Ich schau ihn verblüfft an, den Katheter: ach!!
Und dann, nach ner Weile, vergnügt: das ist ja jetzt schon ganz schön praktisch!

Mein Sohn muss richtig geduldig sein mit mir. Ist er ja auch!
Er muss dann auch los - Training. Ja klar!  Kann ich noch was tun für dich?
Nein... doch! Ich weiß nicht, ob es hier eine Teeküche gibt, aber wenn, ich würd so gerne einen Schwarztee trinken. Mit viel Zucker. Drei Zucker.
Jetzt schaut er völlig verdutzt! Ich muss richtig kichern. Das
ist er jetzt gar nicht gewohnt. Von mir. Dass ich die Frage ,,kann ich noch was für dich tun?" ohne zu Zögern bejahe.
Nur wenn es dir nix ausmacht... er zieht los. Und bringt mir einen.
Ich bin oberglücklich! Ich liebe ihn! Meinen Sohn!
Dann ist er weg. Und ich schlürfe diese Köstlichkeit. Selten schmeckt ein Tee so gut. Wie nach einer Narkose. Ich schmeck es selbst jetzt noch. Ein Jahr später.
War schon ein Erlebnis. Dieser Tee.

Irgendwann kommt mein Professor, ich hör ihn schon im Gang, ganz fröhlich: ,,ach, da ist sie ja, unsre Frau nachtwind!" Hat er mich auch suchen müssen? Wie mein Sohn?Mit ihm kommen noch seine Lehrlinge. Aber die schau ich gar nicht an. Soviel Multitasking hab ich grad nicht. Ich schau nur auf ihn.
Er bleibt so fröhlich, beugt sich zu mir vor und verkündet stolz: ,, also - alles gut gegangen!" ... und schaut mich ganz erwartungsvoll an.
Ich werd eine Spur nervös - was will er jetzt? Was braucht er jetzt? Was sollte ich jetzt ihm geben?
Ich freu mich mal. Das ist doch etwas Gutes!
Aber ehrlich gesagt, hab ich jetzt auch nix anderes erwartet, grad... ich fühl mich doch gänzlich wohl.
Er ist enttäuscht. Sorry, Herr Professor - ich bin grad voll auf Droge!
Er sagt noch was, ich weiß nicht mehr was, und dann zieht er mit einem bedauernden Achselzucken wieder ab mit seinem Tross. Es muss schon frustrierend sein, so ganz und gar nicht gewertschätzt zu werden. Von alten Damen auf Drogen. Ungeniert auf Drogen.

Ich war eine Spur angespannt grad. Aber zum richtig leid tun reicht es einfach nicht.
Irgendwie ist es gut, dass ich nicht weiß, wie die Drogen so heißen, die sie mir gegeben haben - diese Wirkung ist schon sehr sehr potentiell süchtig machend!!
Eine (fatale) Antwort auf viele Probleme.

Während er noch im Zimmer war mit all den seinen, ist mir eine Bettnachbarin in's Zimmer gebracht worden. Ich hab's gar nicht richtig mitbekommen. Wie auch.

Und dann breitet sich langsam Nachtruhe aus. Bei mir in meinem Schrankzimmer.
Ich glaub, ich schlafe nicht. Ich bin einfach viel zu zufrieden.
Das genieße ich mit all meinen Sinnen.
Ich saug es in mir auf.
Ich trink mich satt daran.
Und mag gar nicht wieder aufhören.
Damit.

Ich muss mich um nix kümmern.
Andre kümmern sich.
Auch um mich.

nachtwind

Und jetzt wird es ein bisschen magic. Zumindest spekulativ, dass es ein bisschen  magic sein könnte.
Wer magic nicht mag, der steigt jetzt lieber aus. Und liest das nächste nicht. Und das übernächste auch nicht.
Wenn man magic nicht mag, dann verpasst man ja auch nix.

Eine dritte Frau wird im Halbdunkel in unser Zimmer geschoben. Und ein kleines Teil, auch mit Rädern, dazu.
Es ist ruhig bei uns im Raum. Alle erschöpft. Oder auch auf Droge?
Mich interessieren die beiden andren Frauen nicht. Ich bin ganz bei mir.
Da macht es mööp. Ganz leis... mir springt das Herz an. Dieses Geräusch kenne ich. Sofort glüht mein Herz. In meinem Brustkorb. Und meine Brustkorbknochen gleich mal mit.
Kann das sein? Ja kann. Das kleine Teil ist ein Bettchen. Und unser Raum der Raum der ersten Nacht. Von zwei ganz winzig kleinen Menschleins.
Die sich manchmal rühren. Mööp... und dann die Antwort, ein Rühren der Mutter, vielleicht eine schmale Hand auf dem Bäuchlein - ich seh ja nichts.... ein kleines Raunen, vielleicht ein Wort... und damit ist dann wieder alles gut.
Und alle Erschöpften ruhen sich aus.
Im Nest.

Ich lausche gebannt. Versuche die Atmungen zu erhaschen... gelingt mir nicht.
So bleib ich ganz still liegen. Mit brennendem Herzen, mit glühendem Brustkorb...
Unfassbar! Ich kann es nicht fassen.
Da lieg ich alte Frau in einer Art Überwachungsstationszimmer, direkt nach der Op des Tumors, der aller Wahrscheinlichkeit nach das Ende meiner Lebenszeit eingeläutet hat - und neben mir, keinen Meter entfernt, liegt ein kleines Mäusemiepchen, dessen Lebenszeit gerade, ganz gerade erst! eingeläutet ist...
und gegenüber grad noch einmal so ein Winzling von Mensch, das Körperle passt noch in eine Mamahand, in eine Papahand- und ist doch schon völlig perfekt. Dieses Gesamtkunstwerk. Dieses unvorstellbar einzigartige kleine neue Menschlein.

Es ist so viel Gefühl in unserem Raum. Ich atme flach. Ich will nicht stören. Und es reicht mir auch. Es ist so viel Zauber in der Luft, selbst für eine ganzen Elefantenherde würde die Luft noch reichen.
Nur der Platz halt jetzt nicht wirklich.

So viel Gefühl... die ganze Nacht durch steht mir das Wasser Unterkante Auge im Gesicht, jederzeit bereit sich in einer Träne zu entladen .... aber ich weine nicht. Sie sind nur alle da. All die Tränen. Bereit.
Aber ich muss sie nicht erlösen. Ich halte es aus. Ich rühr mich nicht und halte es aus.
So viel Gefühl in dieser einen Nacht... meine Kehle die ganze Zeit kurz davor, sich zusammenzuschnüren... so wie wenn das Gefühl einen überrollt. Aber nicht einmal überrollt es mich. Die komplette Nacht aber : ganz arg fast.
Ich lieg ganz still. Und halte es aus.
Ich fass es nicht.... Ich fass es einfach nicht...

Als wirst du wach aus einem langen Schlaf - und findest Dich in einem kleinen Paradies wieder.
Und du hast keine Ahnung, wie du hierhergekommen bist.

Ab und an ein klitzekleines mööp?,  ein winzig kleines Rascheln.... und dann die Antwort: auch ein behutsames Rascheln, und ein zartes Raunen... oder schschsch...
als wehte der Wind im Traum über die Blätter. Und sie raschelten im Dunkeln, fast wie ein Lied.
Und dann wieder Stille. Die sich über's Land legt.
Frieden.

Ich lieg nur da, beweg mich nicht, ich atme diesen Zauber tief in mich hinein... mein Brustkorb glüht
und Welle um Welle dieser außergewöhnlichen Wärme fliesst  durch meinen ganzen Körper... immer und immer wieder.
Welle um Welle.

Dann wieder ein mööp?.... und die Antwort, ein Hauch von einer Bewegung... ein sanftes Raunen... und alles ist wieder gut.

Ich kann es kaum aushalten... so viel Gefühl...  es auszuhalten ist schon schwer...Langsam, ganz langsam
steigt es dann in mir hoch, die Erkenntnis, was hier grad geschieht.
Die Wellen sind das Oxitocin, das meinen Körper durchspült, mit jedem Atemzug.
Das geschieht hier, in diesen kostbaren Stunden in dieser Nacht: hier geschieht das Wunder der Bindung.... Mit jedem mööp? und jeder sanften Antwort...und jedesmal wird es mehr und mehr und sicherer und störker noch als eben.
Und es gelingt so mühelos... so ohne jede Anstrengung... ein Kleinchen macht mööp und eine Große macht schschsch...und das Oxitocin verbindet zwei Seelen ...auf immer.

Das Maüsemiepchen kann beruhigt in diesem Schutz schlafen... und die Mama vor lauter Liebe kaum... ab und zu vergewissert sich das frisch geschlüpfte Vögelchen noch mal kurz... mööp?... und nicht ein einziges Mal muss es warten. Auf die Antwort.
Auf die magic  Antwort. Und tiefe Ruhe kehrt wieder ein.

Und ich liege in dieser Ruhe und weiß gar nicht wie mir geschieht.
Bei jedem mööp? und jeder Antwort schiesst das Oxitocin durch meinen Körper. Und ich glühe immer.

Irgendwann kommt eine junge Schwester und holt das Wägelchen mit dem Kleinchen von gegenüber in's Nachbarzimmer, das quietscht und rappelt, ich versteh garnicht,
dass sie gar nichts spürt von dem Zauber hier bei uns im Zimmer. Aber das Kleinchen protestiert gar nicht, und mein Kleinchen neben mir auch nicht, und dann fällt mir ein, wie die Mäusemieps auf der Frühchenstation auch alle gern gefahren wurden, in ihren Brutkästen, und auch das hat geklappert und gemacht manchmal - aber sie mochten das. Sehr.
Und immerhin hat sie kein Licht angemacht. Schon rücksichtsvoll. Und überhaupt ist Nachtdienst, da kann man auch hier wahrscheinlich nicht zaubertänzeln durch die Nacht. Da muss auch hier eins nach dem anderen erledigt werden.
Ich hab nur so ein Urbedürnis. Meine Kleinchen zu beschützen.
Dabei sind es ja nicht meine. Hab sie nie gesehen, werd sie auch nicht sehen. Weiß nicht wie sie heißen und wo sie wohnen. Sie sind jetzt ein Jahr und drei Monate - ob sie schon laufen können?
Ich will sie auch gar nicht kennenlernen ... diese eine, ihre erste, Nacht haben wir zusammen verbracht.
Das reicht mir. So was von!
Voll und ganz!

Es war die völlig unverhoffte Nacht in einem kleinen Paradies. Das nimmt uns keiner mehr.
Vor allem:
mir nicht mehr.
 
Irgendwann bringt die junge Nachtschwester das quietschende Bettchen zurück - wir sind wieder vollzählig. Wie gut!
Und so geht die Reise weiter durch die Nacht... mööp?... sanftes Raunen... und wieder ist alles wieder gut. Der Frieden jedesmal ein bisschen kostbarer.

Und irgendwann halte ich mich nicht mehr zurück. Erst wollte ich nicht. Stör nicht, zerstör nix... wenn du still bist,  bleibt alles so verzaubert wie es jetzt ist. Setz das nicht auf's Spiel!
Aber ich denke an Nächte, in der diese wunderbare Mutter vielleicht auch an sich zweifeln wird... Ich finde, Muttersein ist nicht einfach. Vieles macht man vielleicht richtig und gut, aber es fällt einem gar nicht auf, dass es gut ist. Was man tut. Das, was nicht klappt, das fällt einem auf die Füße.
Und so entschließe ich mich, ihr eine Tafel Schokolade anzubieten, als Notvorrat, für schlechte Zeiten. Und als ihr Kleinchen wieder mööp?t - und sie alle Fragen besänftigend beiseite schiebt, ganz sanft, und wieder Ruhe einkehrt in die Nacht, trau ich mich, sie anzusprechen. Sag ihr, wie berührt ich bin davon, wie gut die Kommunikation klappt zwischen beiden, wie die Bindung wächst zwischen ihnen, dass sogar ich sie mitspüren kann. Dass sie, wenn es mal schwierig wird, an diese Nacht zurückdenken kann. In der alles begann. Ihre gemeinsame Beziehung.
Ganz mühelos. Ganz innig. Ganz geglückt.
Was für ein wundervoller Start für ihr Kindelein.

Ich glaube, sie war überrascht. Aber ich glaube, sie hat sich gefreut. Ich glaub es einfach. In dieser Nacht ist kein Platz für Zweifel.
In dieser Nacht, in der alles glüht in mir.
Und vielleicht ja auch in allen hier.

Und in der ich, so hoffe ich im Nachhinein zumindest, nicht viel geschlafen hab. Gefühlt gar nicht. Aber das täuscht ja oft.
Ich schnarche nämlich, glaube ich.
Das wär mir schon arg jetzt, wenn ich in diesem Zauber grob rumgesägt hätte.
Aber dann denk ich wieder, vielleicht schnarchen die Papas der beiden Winzlinge ja auch - und dann würden sich die Lütten ja eher geborgen und zuhause fühlen.
Schnarchen hören die Minimenschleins ja nu auch schon im Bauch.

Gefühlt geht diese Nacht nie zu Ende.
Und wenn ich hier sitze und schreibe, dann spür ich: hat sie ja auch nicht. Sie ist in mir, als wär's grad eben ... und es glüht wieder alles in mir.
Unfassbar, diese Nacht. Eine Nacht in einem unverhofften Paradies.
In unserem kleinen Paradies... für eine kleine Nacht.
Und die nicht aufhört.
Das auch so schön...



Eigentlich
habe ich keine Worte
für all das.
Ich wünschte, ihr könntet das Glühen spüren. Dann bräuchte es
überhaupt keine Worte mehr.

nachtwind

Das Leben geht weiter. Auch die wundervollste Nacht geht mal zu Ende. Und wird zu einem neuen Tag.
Die Frau mit ihrem Mäuselein schräg gegenüber von mir wird als erste aus dem Zimmer geschoben.
Kurze Zeit später meine Nachbarin mit ihrem winzigen Mööpelchen dann auch. Sie bedankt sich ganz arg lieb bei mir zum Abschied, sodass sogar die Schwester, die ihr Bett zieht, stehenbleibt dafür. Ich freu mich schon sehr.
Sehen kann ich sie nicht, der Vorhang ist dazwischen. Aber das ist auch gut so, genauso war die Nacht. Und genauso ist es ja auch richtig.

Außerdem auch noch doppelt gut. Wenn sie sich so lieb bedankt, hat es ihr gut getan... und sie hat einen guten Eindruck von mir. Schon netter Zug vom Leben, dass sie mich dann nicht sieht. So bleibt das auch dabei.
Keine Ahnung, wie ich ausseh, so frisch nach dieser Nacht. Vorteilhaft mal nicht, vermutlich. Weiß gar nicht, ob ich meine Zähne schon angezogen hatte. ;-)

Ich hab das Zimmer ganz für mich.  Was mich nicht dazu verleitet, hier jetzt ausgiebig herumzutanzen. Aber es ist eben auch sehr leer - und damit ruhig.
Tut auch mal ziemlich gut.
Vor allem nach einer so unfassbar intensiven Nacht.

Ich setze mich behutsam auf, an der Bettkante. Mobilisieren ist angesagt. Das weiß ich sehr wohl.
Geht auch alles gut. Und tut auch gut!!
Ne Weile später unternehm ich das nächste Abenteuer - ich nehm den Urinbeutel in die Hand und mache vorsichtig ein paar Schritte. Horche aufmerksam in meinen Bauch hinein... alles gut da drin? Hält alles?
Alles gut. Alles hält.
Ich steh wieder auf meinen eignen Beinen. Ich steh so gern so da -
selbst-ständig!
Drehe zufrieden wieder um, die vier Schritte wieder zurück - Bett ist auch eine verlockende Option.
Selbstständig ist schon eine feine Sache!
Nimmt man so oft ganz selbstverständlich hin... es mal andächtig zu feiern, ist auch mal ein schöner move.

Überprüfe meine Trinkmenge - und leere noch den Rest der zweiten Flasche Wasser.
Da hab ich mehr getrunken als ich dachte. Ob die Narkose damit jetzt rausgewaschen ist?
Fühlt sich zumindest mal so an.

Wie dreimal gut es doch ist, dass ich einen Urinbeutel hab! Das wär ein Gedöns geworden! In dieser unfassbar ruhenden Nacht.
Es war doch die Nacht der kleinen Möuschen und ihrer Mamas.
Da reicht es ja wirklich, dass ich vermutlich manchmal kurz reingeschnarcht hab da in den Zauber rein. Umständliche Klogänge blieben ihnen wenigstens erspart!

Rundum zufrieden grad. Jetzt auch ganz ohne Drogen, glaube ich.
Was für eine Nacht! Das war speziell. Das ist mir total bewusst.

So ganz und gar im Einklang mit allem schlaf ich noch mal ein. Jetzt macht auch schnarchen nix mehr aus. Ich denk noch nicht mal dran.
Irgendwann
werd auch ich abgeholt. Und darf jetzt in mein Zimmer.
Es fühlt sich an wie: zurück in der Welt.

Mir ist bewusst, dass das was besonders war, diese Nacht.
Aber groß Nachdenken drüber, genauer verstehen, das geht jetzt nicht.
Es geht ja alles schon wieder weiter.
Verschnaufpause ist nicht.
Ich vermisse sie auch nicht. Die Pause.


Aber jetzt, beim Schreiben, da stellen sich die Fragen. Zu dem, was da geschehen ist, in dieser Nacht.

Zum einen mal ganz praktisch: wenn Oxitocin das Bindungshormon ist - mit wem hab ich mich dann verbunden? In dieser Nacht. In der ich überschwemmt wurde. Von meinem selbsthergestellten Hormon.
Mit wem?

Oxitocin, Bindungen und all die Wohltaten, die daraus wieder fließen, finden schon in mir und meinem Leben statt. Satt.
Das in der Nacht jetzt aber, das war noch mal ganz anders. Neu.

Da musste ich nichts für tun. Da ging es nicht um ein Tragen. Ein Beschützen. Ein sich Kümmern.
So wie die Nacht begonnen hatte, mit der so tief erlebten Erkenntnis: Ich muss mich um nix kümmern.
Wenn schon kümmern nötig ist, dann kümmern sich andere um mich.
So, genauso so war jetzt auch diese Erfahrung damit durchtränkt.

Ich muss überhaupt nix dafür tun.
Mich einfach nur durchschwemmen lassen.
Und: es kostet mich nichts.  Auch nicht in der Zukunft.
Freihaus.
Geschenk des Lebens.
Einfach so.

Überseh ich da was?
Ist das überhaupt möglich?
Und mit wem oder was hab ich mich da so warm verbunden??
Es muss doch etwas geben, an der andren Seite der Bindung.
Es war doch real!
Nur niemand und nichts neben mir.

Und jetzt wird es wirklich spekulativ.
Aber es kommt da so ein Gedanke hoch, vage nur. Arbeitshypothese...
 Wenn nichts und niemand neben mir ist, ist das Leben immer noch da.
Hab ich mich mit dem Leben verbunden? So nachdrücklich und tief?

Aber warum? Ich leb doch schon mein Leben. Intensiv auch.
Besonders intensiv, seit ich mein Ende im Blick hab. Kommt  es mir so vor.

Es fühlt  sich schon richtig an. Der Gedanke. Aber noch nicht stimmig.
Ich find das schwierig grad.
Zu verstehen.

Wenn da nichts und niemand neben mir ist, nur das Leben, dann bin noch immer ich da.
Und jetzt fängt mein Brustkorb wieder an zu glühen. Ein Zeichen, dass ich nah dran bin?

Ich bin ja jetzt nicht so jemand mit einer geglückten Bindung. Mutter war nicht möglich, Vater noch mal ne eigne Geschichte... keine Omas und Opas, keine Onkel und Tanten, keine Freunde der Familie, eine eigenartige völlig isolierte Familie im Ausland. Wissend, dass man dort nicht bleiben wird.
Eine ältere Schwester ja. Aber aus Gründen, die mir nicht einsehbar sind, hab ich mich um sie gekümmert. Nicht andersherum. Eine Kümmerbindung. Als sie starb, hat sie mich gefragt: warum hast immer du mir geholfen? Und nicht ich dir?
Ich wusste nichts zu sagen.
Ich hatte nie darüber nachgedacht.
Aber es stimmte schon. So war es. Und es war richtig so.
Das war das einzige, was ich dazu sagen konnte: es war richtig so.
So war es einfach richtig.

Was bleibt, ist ein schizoides Kindelein. Auf seinem Weg durch's Leben. Ohne diese Bindung.
Es war nicht ganz leicht für mich, das zu verstehen. Zu begreifen. Dass mein Weg ein schizoid getränkter war. Dass irgendetwas fehlen soll von mir.
Unverbunden.
Irgendetwas fundamentales.
??
Aber es gab genug Hinweise darauf. Feedbacks auch.
Ich hab versucht, mich einzulesen. ;-)

Aber ich fand es schwierig, so schwierig.... Wie um Himmels Willen findet man heraus, von was man sich abgespaltet hat? oder vielleicht ja auch: was man von sich abgespaltet hat?
Eigentlich nicht lösbar. Finde ich.
Intellektuell nicht lösbar.

Also auch keine Handlungsanweisung, was und wo ich wie suchen kann. Finden kann.
Das zu mir gehört. Aber abhanden gekommen ist. Und das ich scheinbar brauch, um ganz zu sein.

Ich bin durch viel Nebel in meinem Leben gewandert, aber das ist noch mal eine ganz andere Dimension. Von Nebel. Von undurchdringlicher Nebelwand.

Einzig mögliche Antwort daraus: nimm es einfach an. Ist halt so. Ist dein Leben. So wie es ist. Jedes Leben hat seinen Preis. Ist halt deiner.
Und so konnte ich damit leben.
Ist doch auch noch alles da. Nichts ist verloren gegangen und liegt jetzt einsam unter einem Baum oder in einer Furche rum. Verloren gegangen ist doch nichts.
Nur tiefer gerutscht. In mir drinnen.
Aber auf jeden Fall
in mir drinnen.
Hat lang gedauert, bis ich das verstanden hatte. Und ab da
konnte ich dann auch gut mit leben.

Bis jetzt diese Nacht kam, hab ich auch nicht entscheidend mehr darüber nachgedacht.
Jetzt frag ich mich grad: ging es jetzt darum?

Wenn zum verbinden nur das Leben bleibt... und ich selbst...
hab ich mich in dieser Nacht
mit mir verbunden?
Mit dem in mir, mit dem ich noch unverbunden durchs Leben gelaufen bin?
Mit dem, das ich nie
erkennen konnte.
Selbst jetzt nicht.
Aber ist es jetzt dann auch nicht mehr wichtig? Was es ist und war.
Weil jetzt:  verbunden?
Doppelt verbunden: mit mir - und mit dem Leben. Meinem Leben.


Kann das sein?
Kann sowas wirklich sein?

Hat das Leben sich gesagt: nu, am Anfang, da hat was entscheidendes gefehlt. Aber jetzt zum Schluss, da machen wir's mal andersrum... mal bisschen Party... mit ganz viel Neugeborenenoxitocin um sie herum. Ordentlich die richtigen Drogen noch dazu - das wird ein Spaß!
So connected es dann doch noch, ganz am Ende des Lebens... ein Kreis hat sich geschlossen...
 Kann so was sein?

Es ist spekulativ.
Aber je länger ich drüber nachdenk, schon auch möglich.
Einerseits ein bisschen nur. Aber andrerseits doch ziemlich stimmig.
Und zieht noch einen kleinen weiteren Gedankenschweif dann hinter sich her.


nachtwind

Ist es möglich, das tiefprägende Erlebnisse auch 71 Jahre später noch geheilt werden können? Einfach so?
Ungünstige Umstände damals - günstige Umstände 71 Jahre später?
Ist das so einfach?
Glaube nicht. Alles ist komplex in unserem Leben hier. Die Natur, die Menschen darin, alles drumherum... auch das Leben selbst ist komplex.
Es gibt nie die eine Ursache. Nie die eine Lösung. Nie den einen Weg.
Es spielt alles ineinander.

Auch ein Weg von 40 Kilometer endet mit einem Schritt.
Aber ist es dieser eine Schritt, der in's Ziel führt, der entscheidende?
Sicherlich  einer, der von großem Glücksgefühl begleitet ist.
Aber der entscheidende? Ich denke nicht.

Ein andrer Gedanke taucht auf: viele, die mit dem Tod in Berührung gekommen sind, berichten davon, dass das Leben noch mal an ihnen vorbeigezogen wäre und sie vieles anders sehen konnten, verstanden haben, anders einordnen konnten in ihrem Leben durch diese Schau - nicht alle, aber schon einige. Und dass sie das ruhiger gemacht hat, gelassener... einer sagte: authentischer...

Mal angenommen, da ist was dran, bei aller Skepsis - warum sollte das Leben so was tun?
Erstens: wäre es nicht effektiver, es fände zur Lebensmitte statt? ;-)
Und zweitens: was für ein Nutzen sollte dadurch dann entstehen?
Derjenige ist dann ja tot.
Warum dann vorher noch  Großreinemachen und Frieden hineinbringen? In ein Leben, das in Minuten, Stunden, Tagen  vielleicht sogar doch nicht mehr da sein wird?
Wofür?

Weiß ich ja auch nicht. Aber wenn es so ist, dann gäbe es schon eine Möglichkeit. Warum das dann der jeweiligen Spezie, der Gruppe, aus der derjenige stammt, dem das geschieht, einen Überlebensvorteil bringen könnte...
wenn dieses Verstehen dann eben nicht mit dem Versterbenden verlöscht, sondern in das Gruppenunbewusste einfließen kann.
Aus dem heraus ja jeder schöpfen kann. Der es will.
(Und wenn es das eben auch wirklich gibt.)

Nur mal so angenommen - ist dann das Sterben noch einmal ein letztes Verstehen können? Frieden finden? Zusammenhänge erkennen?
Um dann dieses vertiefte Verständnis in's gemeinsame Unbewusste fließen zu lassen?

Alles verändert sich, immer gilt es sich neu anzupassen, was den Eltern half zurechtzukommen, ist für die Kinder vielleicht schon nicht mehr hilfreich.
Vielleicht überleben nicht nur die, die sich den veränderten Umständen anpassen konnten und sich jetzt fortpflanzen... vielleicht überleben auch die, die einen Zugang zu diesem Unbewussten finden. In das auch all das fließt an Weisheit, die vielleicht eben ein letztes Geschenk des Lebens ist, an jeden Menschen.
Wenn du stirbst, dann bekommst du noch einmal eine neue große Chance.
Zu verstehen.
Worum es eigentlich wirklich ging.
In deinem Leben.
Und : was du erreicht hast. Wirklich.

Nix für's Ego.
Alles für das Gemeinsame Wissen und Verstehen.
Das so weitergegeben vielleicht genau so viel Sinn macht wie das, was die Vorfahren an Wissen angesammelt haben und uns so lehren.
Während unsres Lebens.
Und das wir weitergeben.
Um dann im Sterben
noch einmal besser zu verstehen.

Ich hatte vor ein paar Jahren, als ich wieder mal an den Tod erinnert wurde durch einen Bekannten, einen ganz eigenartigen Satz mit einem Mal in mir, völlig widersinnig:
vielleicht geht es ja darum, gesund zu sterben.
??
Der Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen. Er klang idiotisch aber gleichzeitig schon ziemlich danach, dass das stimmen könnte.
Jetzt frag ich dich: wo kommt so ein Gedanke her?
Von mir ma nicht! Soviel ist klar.

Gut, Schizoide hören schon mal ihre eigenen Gedanken von außen als von ihnen drinnen.
Trotzdem glaub ich nicht, dass das die eine Erklärung ist. Das gemeinsame Unbewusste ist, finde ich, eine genauso mögliche Quelle.
Wo solche Gedanken herkommen.
Durch mein Unbewusstes angezapft. Hineingezogen. Und in mir aufgeploppt. Dann.
Irgendwie so.

Der Satz war ziemlich sperrig in mir.
Es war eine Zeit der vermehrten Schmerzen wieder. Und ich hab es vor allem darauf bezogen.
Sag nicht, ich brauch mich nicht mehr bemühen... bin schon alt...
Im Gegenteil: bemüh dich gesund zu werden.! Damit du gesund sterben kannst.

Und natürlich immer für's Innendrinnen. Räum auf, Lady nachtwind - solange du noch kannst!
Damit du gesund sterben gehen kannst.

Trotzdem kein Satz, den ich mir auf's Kissen sticken würd.
Aber eben doch einer der eher befremdlichen Gedanken. Die immer mal wieder ganz aus dem Nichts einfallen. In's alltägliche Leben. Weil sie in Arbeit sind. Innendrinnen.
Weitgehend unbemerkt.

Also ehrlich, wenn das Sterben wirklich noch einmal eine so ganz neue, andere Möglichkeit des Verstehens mit sich bringt, dann hab ich keine Angst mehr vor dem Sterben. Im Gegenteil.
Dann freu ich mich richtig drauf.
Und das mein ich genau so.
Das war wirklich sehr speziell.

Wie ich da lag. Wie ein klitzekleines Kind. Muss mich um nix kümmern. Es kümmern sich andre.
Allein das schon ist eine Weltreise wert. So anders sieht die Welt dadurch aus.
Als ich ein klitzekleines Kind war, war das nicht so.
(Ich erinner mich nicht dran. Aber ich hab das wirklich große Glück, dass meine Eltern da keinerlei Unrechtsbewusstsein hatten. Und mir deshalb all so Kleinigkeiten erzählten, vergnügt bis tadelnd. Aber immer: ehrlich.
So ein Glück hat nicht jeder! Ich weiß das hoch zu schätzen.)
Damals war das nicht so. Aber jetzt ist es so. Nicht weil ich was les drüber, drüber nachdenk - weil ich es erlebe. Mit all meinen Sinnen.
Wie anders die Welt sich anfühlt. So.

Und während ich noch so lieg, kommen die Kleinchens ins Zimmer (gekullert würd ich am liebsten sagen.) Also gefahren natürlich.
Und mööpen sich so durch die Nacht. Und diesmal sind da Mütter da, die Mamas sind. Und die antworten, wie Mamas antworten.
Als ich klein war, war das nicht so.
Aber jetzt, wo ich wieder ganz klein in meinem Bett lieg und mich nicht rühr, mit einem großen klugen Erwachsenenkopf, der die ganze Nacht schweigt. Und lächelt.
Und einem großen, ganz grossen kleinen Kinderherz, das glüht und glüht und glüht...
weil  es jetzt die Antwort hört, und spürt, und fühlt!, und trinkt,
die es damals nicht gab...
aber heut Nacht schon.


Wenn Sterben wirklich so geht, dann geh ich gerne sterben.

Und bis dahin
leb ich wirklich gern.

hey :)