Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Entscheidungen treffen, Termine machen,  Entscheidungen treffen,Termine einhalten, Entscheidungen treffen......

Krebs ist nix für Depressive.
Verdacht auf Krebs genausowenig.
Ist erst mal eh dieselbe Schiene.
Nur hat die eine keine Weiche. Die andre aber schon.

Ich weiß jetzt nicht, ob es auch Depressionen gibt, bei denen man mit diesen Sachen keine größeren Probleme hat. Vermutlich schon. Gibt nix, was es nicht gibt. Hat mal eine Ärztin gesagt.
Aber ich habe soooo fette Probleme damit, dass es mich auch im ganz normalen Leben atemlos macht. Vor lauter Scham. Und Schande.
Dass ich so minderbegabt bin. Darin.
Potentiell fähig.
Leider fast gänzlich ungeübt.
Ohjeh.....

Aber hilft jetzt alles nix.
Muss jetzt halt sein.
Geht jetzt nicht anders.
Geht nicht anders? Doch. Geht anders. Nix entscheiden, keine Termine machen... Decke über'n Kopp und schlafen.... Dreissigtausend Stunden.
Und zur Not noch ein paar tausend dazu.
Sehr verlockend. Wie in eine warme Umarmung sinken verlockend.

Pass auf! Denk nicht zu lange so! Und sei nicht dumm : Auch DAS
wäre eine Entscheidung!
Also? Überprüf, ob das eine Entscheidung wär, zu der du wirklich stehen willst.
Wirklich!
Warum nicht?! Ich leb doch den größten Teil meines Lebens so.
Warum dann nicht auch jetzt?!
Ja. Stimmt schon. Erschreckend, wenn ich mir das grad so betrachte.
Den größten Teil meines Lebens....schon krass.
....
So einfach ist es auch nicht. Erstens: ob das wirklich so ist, steht mal noch lang nicht fest. Nur weil das jetzt grad so dahergesagt ist. Und stimmig scheint.
Muss es noch lang nicht
wirklich so sein!
Wir haben grässlich viel so einfach mal Dahergesagtes!!! Unerträglich viel!
Besser man glaubt nicht unbesehen so Dahergesagtes.
Also erstens. Und zweitens?
Pause.
....
Was vermutlich darin liegt, dass das erstens ganz neu grad für mich ist. Also der Zusammenhang zwischen was Trump tut - und ich auch.
Schockiert mich schon grad.
Gib mir Zeit. Das ein bisschen sacken zu lassen.
Nur so weit, dass ich es nicht gleich wieder vergesse.
Da muss ich noch mal hin.
....
Ok also zweitens?
So, und nu hol ich mal tief Luft! Das wird jetzt eindringlich!!
Zweitens ist es jetzt ernst.
Es ist jetzt ganz ernst.
Nicht irgendwann. Und egal wie lang. Und irgendwann dann wieder anders...
Es geht jetzt um deinen Tod.
Vielleicht!!
Ja. Vielleicht. Aber eben: vielleicht!
Es geht jetzt um deinen Tod. Vielleicht.
Das Letzte, was du noch zu tun hast hier.
Das letzte, was du noch zu entscheiden hast. Hier.
Wenn du so willst: die vielleicht letzte Chance, das Richtige zu tun.
Zu verstehen auch. Vielleicht.
Also schwätz nix daher.
Es ist ernst jetzt.
Da zählt nur ernsthaftes.
Respekt bitte!
Punkt.


 

claudi

Liebe Nachtwind,

Ich finds gut das du es hier fließen lassen kannst.
Alles was jetz grade raus möchte darf sein.
Alles was jetz nicht raus kann darf sein.
Ich glaube das belastendste sind verdachtsmomente.
Dieses ja/nein/vielleicht.

Manchmal gibt es Situationen wo man grade keine Worte hat
Und wo es auch keiner worte bedarf
Ganz besonders bei so sensiblen, sehr persönlichen Einschnitten im leben.

Deswegen möchte ich mich sichtbar machen u dir mitteilen das du gesehen u gelesen wirst.

Lg claudi
Ich kämpfe-bis zum Schluss!!
Step by step!!

nachtwind

Danke claudi ... für die An-Teilnahme.
Tut gut. A little bit of that human touch... Ging das so? Bruce Springsteen. Ich mag ihn immer noch. Sehr.
Danke, claudi.
:)

nachtwind

Und immer wieder schweifen die Gedanken ab

Ja. Das hat gesessen.
Konzentration.
Was muss ich jetzt als Nächstes tun?
Die Vitamin D Zäpfchen irgendwie! und irgendwo! besorgen.
Das ist das dringendste!
Und dann?
Du hast hier eine Überweisung in die Uniklinik - Verdacht auf Cervix Carcinom.
Was machst du damit? Du musst dich entscheiden!

Zu erstens: gleich ist Wochenende!
Und zu zweitens? Da war schon Wochenende.
Also Zeit bis Montag? Mit der Entscheidung?
Es war ziemlich viel Blut. Wenn - dann zügig.
Ja, macht Sinn.

Ich stand schon mal an dem Punkt. Vor 12 Jahren.
Pap-test alarmierend. Habe der damaligen Frauenärztin ein Rezept abgerungen, mit Löwenmut und Löwenentschlossenheit, ganz gegen ihren Willen :es gibt da einen Frauenarzt in München. Schulte-Übbing oder so. Der hat Erfahrungen mit hochdosierten Vitamin D Zäpfchen gemacht.
Ich bin nicht gegangen, ohne das Rezept.
Hab es gleich in eine Apotheke gebracht, die auch Medizin selbst herstellt.
Die Überweisung in die Uni hab ich noch ne Weile aufgehoben.

Nach ein paar Wochen dann denk ich - wird Zeit für eine Kontrolle. Zu der Ärztin wollte ich nicht mehr. Also hat es wieder ein paar Wochen gedauert. Dann hatte ich einen Termin bei dieser wundervollen Frau. Wusste ich ja damals noch nicht.
Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Für mich.
Ich hab ihr ein bisschen was erzählt... nicht alles, nur das notwendige.
Sind Sie bereit, mit mir den Weg zu gehen?
Generell ja. Aber wir brauchen Untersuchungen.
Ja. Deswegen bin ich da.
Sie war so nett!
Ergebnis reicht telefonisch erstmal. Sie ruft mich an.
Ergebnis: von ner 4 minus zu ner 3 plus. (Wenn ich mich recht entsinne.)
Es wirkt!!!!! Ich kann den Weg gehen!!!!
Und die Überweisung wegschmeißen!! War mir eine tiefeFreude!!
Sooo tief.

Warum damals diese meine Entscheidung? Getroffen in einer unmöglichen Situation dort. Völlig desaströsen Situation dort.

Mein Unterleib.... Ich sag mal so: ist einfach ein Raum, da ist so viel Gewalt geschehen.... und ich hab es nicht verhindern können, ich war noch so klein.
Der Gedanke, da jetzt freiwillig Gewalt zulassen, förmlich darum zu bitte, dass mir da jetzt Gewalt angetan werden soll.... ich konnte diesen Gedanken nicht ertragen.
Ich konnte ihn einfach nicht ertragen.
Alles in mir schrie: nein!!!
Und ich hatte die Fäuste vor'm Bauch geballt.
Wie damals, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin. Mit meiner Tochter.
Und ich nach Hause ging, mit den Fäusten vor'm Bauch.
,,Da lass ich niemanden mehr dran!"
So diesmal auch. Nur diesmal nicht um meine Tochter zu beschützen.
Diesmal  um mich zu beschützen. Oder mein kleines Kind.
Dieses eine Mal.
Und mein Körper hat uns die Chance gegeben.
Die Zäpfchen haben gewirkt.

Der Gedanke, dass ich dort wildfremde Menschen einlade, drum bitte sogar, mir Gewalt anzutun, ist mir immer noch so zuwider,
dass Decke über'n Kopp zwischendurch wieder ganz groß aufploppt.
Aber ich weiß ja noch: keine Option. War ja grad erst Thema.
Es wird Zeit. Es ist ne ernste Angelegenheit.
Aber es ist ja Wochenende. Kann jetzt eh nicht da anrufen.
Und email? Geht das nicht vielleicht auch?
Ja ok. Wahrscheinlich. Vielleicht krieg ich sogar raus, wie so was funktioniert.
Also entscheiden.
Und ich entscheide mich,
mit drückend schlechtem Gewissen
und nur, weil es ernst ist,
zweigleisig zu fahren.

Ich bemüh mich weiter, irgendwie die Zäpfchen zu bekommen.
Und melde mich gleichzeitig an. In der Uni.
Dem Ort der gewaltsamen Lösungen.
Ich meld mich ja erstmal nur an.

Und nachdem ich nach gefühlt Stunden auch rausgefunden hab, wie das vielleicht geht, das Anmelden mit email.... und nachdem ich dreimal gescheitert bin, es dann auch umgesetzt bekommen hab nachts, bin ich
erschöpft und gerädert
ins Bett gefallen
und hab so innig gehofft. Dass ich bitte! schlafen kann.

Es war sehr viel.

nachtwind

Warum es so schwierig ist, die Zäpfchen zu bekommen

Längst nicht alle Apotheken sind bereit, Medikamente selbst herzustellen.
Bei diesen Zäpfchen gibt es ein logistisches Hindernis.
Die Apotheke, die sich bereiterklärt, muss vom Großhandel so eine große Menge Vitamin D abnehmen, die sie nicht mehr loswird, bis sie abgelaufen ist. Die Zäpfchen sind jetzt keine Sache, die jeden Tag 5 mal nachgefragt werden. Weil weitesgehend unbekannt.
Darum macht das selbst eine gutwillige Apotheke nur einmal. Und dann nicht mehr. Aus ökonomischen Gründen. Absolut nachvollziehbar.
Es liegt nicht an ihnen. Es liegt, wenn, dann am Großhandel. Aber auf jeden Fall: am System.
Ich habe in meiner wachsenden Verzweiflung in ganz Deutschland rumtelefoniert. Auf der Suche nach der einen Apotheke. Die sie vielleicht noch herstellt.
Habe herausgefunden, dass es eine Apotheke gibt in Frankfurt. Receptura. Die haben sich nach Tagen auch gemeldet. Und würden es herstellen.
Aber da hatte ich schon die Donau Apotheke in 86633 Neuburg gefunden.
Nur für den Fall, dass jemand das wissen will. Muss ja nicht jeder
das Rad neu erfinden.
Es hat mich zermürbt und zerrissen. Diese Suche. Ehrlich!
Zermürbt! Und zerrissen!

Und das alles, wo es  mich schon graust, wenn ich auch nur weiß, ich müsste wen anrufen. Schon allein der Gedanke daran erschöpft mich so, dass erstmal keine Energie mehr ist in der Pipeline. Für nix.
Telefonphobie, grinst die Freundin meiner Tochter, die mir die Treue hält. Immer noch. Und das ist gar nicht hoch genug  einzuschätzen - schließlich muss immer sie mich anrufen. Oder anschreiben. Ich
krieg das nicht hin.
Immer noch nicht.

Es ist schon verrückt, was einen an seine Grenzen bringen kann.
Bei so einem Thema.
Das telefonieren. Auf der Suche nach einem Medikament. Von dem man noch nicht mal weiß, ob es überhaupt hilft.
Bei Dysplasie hat es mir geholfen. Ja.
Aber bei einem bereits ausgebildeten Tumor??
Das sind glaub ich schon mal zweierlei Sachen.
Trotzdem verzweifel ich im Stundentakt daran. Auf meiner Suche.
Sollte ich nicht an andren Sachen verzweifeln gerad?!
Und nicht am blöden telefonieren?

Naja ... es hängt halt irgendwie alles mit allem zusammen.
Man verzweifelt halt schon mal. Bei so einem Thema.
Und woran sich das nu grad festmacht - geschenkt.

Ich weiß schon länger, wie wichtig die Selbstwirksamkeit ist für mich.
Nimm mir die Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit.... und du findest mich wieder am Straßenrand kauern und gedankenverloren in irgendeiner Pfütze rühren mit irgendeinem Stöckchen. Und es nicht einmal bemerken. Auch nicht, dass es vielleicht Winter ist und keine so gute Idee, da zu hocken und nichts zu tun.
Dass es kalt ist, das merk ich dann schon. Aber dann
nix weiter. Ist halt so.
Gib mir Selbstwirksamkeit, dann siehst du mich aber sowas von aufstehen.
Naja, langsam schon. Aber immerhin.
Und vor allem: siehst du mich wieder marschieren. Na gut - 70er-Jahre-Tempo..... Aber hey!!! : immerhin!

Aber noch nie war das so nachdrücklich lebendiges Thema wie in diesen Monaten.
Im Leben am Rande. Am Abgrund würd ich noch nicht mal sagen. Am Rande der Kante. Das trifft es eher.
Im Leben am Rande der Kante.
Da war die Selbstwirksamkeit ein Kompass im Nebel.
Mein Kompass im Nebel.
Im dichten Nebel. Der dort immer wieder herrscht.



Ich hab gekämpft. Wie ein Löwe.
Um diesen einen Zipfel von Selbstwirksamkeit.
Diesen einzigen möglichen Zipfel. Selbstwirksamkeit.


Nur war mir das währenddessen
überhaupt nicht klar.

nachtwind

Und dann war Sonntag   

Der Druck ist weg. Bleibt grad nix zu entscheiden.
Nix zu tun.

So ne Diagnose ist im Kleinen so'n bisschen wie ne unerwartete Todesnachricht - und alles überschlägt sich in Dir, aber Du hast jetzt keine Zeit dafür - du musst dich jetzt kümmern. Und entscheiden.
Totenschein, Beerdigungsinstitut, welches Hemd? Oder eigene Bekleidung? Welcher Sarg. Der ist zu empfehlen. Haben Sie nicht was Billigeres? Das darf ich jetzt nicht sagen. Ach scheisse!
Du musst dich entscheiden. Andauernd. Dich kümmern. Andauernd.

Du kannst nicht.
Aber du musst.
Also machst du.

Und dann kommt Sonntag.
Und du musst dich grad um nix mehr kümmern. Nichts entscheiden.
Es ist Sonntag. Pause.
Und du fällst rat- und haltlos
in die Wirklichkeit.
Nichts lenkt mehr ab.

Das ist der Moment, wo ein freundlicher Nachbar jetzt gut wär. Der einen Topf Gemüsesuppe vorbeibringt. ,,Ich will nicht stören.... Ich hab gehört.... Ich hab Suppe gekocht.... falls Sie noch nix gegessen haben."
Der Sonntag ist ein guter Tag für sowas.
Nicht dass ich Hunger hätte.
Aber es erinnert einen daran, dass ganz normales Leben
auch noch möglich ist.
In diesem Chaos an Gefühlen.
Denen man sich nur mit Vorsicht
zu stellen wagt.
Essen
ist ein guter Zwischenschritt.

Ich geh spazieren. Auch ein guter Zwischenschritt.
Muss mal raus hier. Hier ist alles irgendwie angespannt.
Und so geh ich. Und schau dem Bach zu, wie er so fließt. Und den Bäumen, die so da sind. So wie immer.
Und irgendwann kommt dann so ein Gedanke : ,, sieh mal an - jetzt stirbst du. Vielleicht. Nicht heute. Aber bald mal." Und ich denk, eigentlich müsst ich jetzt ja weinen oder sowas... aber da ist nix, nix dringendes, jetzt.
Kommt bestimmt noch. Aber jetzt
ist Ruhe da. Wache Ruhe.
Noch.
Und ich taste mich weiter, zögerlich  aber immer mutiger. Ist ja gar nicht so schlimm.
Viele verschiedene Gedanken, Gefühle, Stimmungen.
Einen Gedanken weiß ich noch ganz genau. Er hat mich begleitet durch diese ganze Zeit. Bis jetzt. Er ist einfach wahr. Und lässt einen schmunzeln.
Kann man gar nix gegen tun.
Ist halt wirklich so.

Irgendwie ist bald sterben wie bald Weihnachten - kommt dann doch immer
ganz plötzlich und unerwartet.
Man weiß doch schon im Sommer, dass im Winter Weihnachten ist.
Und wenn man gut dabei ist, bereitet man schon im Herbst das eine oder andere vor.
Aber dann - erwischt's einen doch. Völlig überraschend
ist gleich Weihnachten!
Und man hatte doch noch das eine oder andere vor.
So ungefähr ist so ne Diagnose.
Vor allem, wenn man 70 ist.

Und obwohl man in ner Klinik geschafft hat mit oft schwer betroffenen Patienten . Und obwohl man in einer Hospizgruppe tätig war.
Und obwohl man 70 ist.
Kommt es doch ganz unerwartet:
ÜBERRASCHUNG!! auch du bist sterblich.  :)
Auch du gehst sterben. Bald.
Ganz so wie Weihnachten. Du weißt, es kommt. Aber dann
steht es völlig überraschend  vor der Tür.

Ich mag den Gedanken sehr. Das Gesicht fühlt sich anders an, wenn man schmunzelt.
Humor ist einer meiner besten Freunde.
Humor ist immer für mich da.

Meinen Kindern sag ich erstmal nix.
Ist ja nix sicher.
Kann ja auch immer noch ein Fehlalarm sein.
Ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit sehr  gering ist. Aber man weiß ja nie.
Wofür sie aufschrecken. Und dann ist da nix.
Nee, das tu ich ihnen jetzt auch nicht an.
Und ich bin ja trotzdem nicht allein.
Humor, der gute Freund, ist ja auch noch da.
Alles gut.

Jetzt ist es doch noch ein guter Tag.
Das ist jetzt richtig schön.

nachtwind

Informieren....informieren....informieren

Ehrlich, dazu hab ich nur sehr begrenzt Lust.
Will ich denn wirklich alles darüber wissen? Was mir eventuell bevorsteht?
Andererseits - wie will ich denn die richtigen und wichtigen Fragen stellen, wenn ich den Termin hab. Sowas geht schneller wieder vorbei als man denken kann. Und dann ist der Jammer groß: jetzt weiß ich auch nicht viel mehr.
Also informieren, informieren, informieren...

So hab ich mir das zumindest vorgestellt. Und es stimmt ja auch: es ist wirklich hilfreich, wenn man ein paar Fremdworte und Werte von irgendwas da schon mal kennt. Oder Zusammenhänge. Oder wenigstens Behandlungsmöglichkeiten.

Aber es hat nie geholfen gegen das Gefühl: jetzt weiß ich auch nicht viel mehr als vorher. Bzw. eher: über das, was mir wirklich weiterhelfen könnte.

Aber das weiß ich ja noch nicht. Also lese ich mich brav ein. Solange ich es eben kann. Unterschiedlich lang. Aber immer wieder. Immerhin.

Das Internet hat eine Menge sehr bedrohliche Entwicklungen losgetreten - aber ehrlich: ohne Internet wär ich jetzt total aufgeschmissen!
Ich hätte so viele Bücher kaufen müssen. Und dann wär trotzdem nicht das dringewesen, was ich grad suche.
Hiermit bedanke ich mich offiziell und ehrlich bei dir, Internet!
Du warst mir ein treuer Freund in dieser Zeit.
Zu jeder Zeit. Wann immer ich dich fragen wollte - du warst da.
Und hast dich zumindest bemüht. Jedes Mal. Mir meine Fragen
zumindest ein wenig
zu beantworten. Ansatzweise. ;)

Was ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte - die Zweitmeinung.
Gut, am Anfang hatte ich ja noch nicht mal eine Erstmeinung.
Aber schon im Vorfeld hätte ich meine Fühler ausstrecken können. Wen
könnte ich noch dazu befragen?
Es dauert ja immer mit den Terminen.
Wenn ich irgendetwas anders machen würde, dann das:
Gleich und sofort eine Zweit- oder sogar Drittmeinung möglich machen.
Unbedingt!

Vor allem bei bevorstehenden OPs ....
wenn was weg ist, ist es unwiderruflich weg.
Vielleicht gibt es doch noch andre Wege.
Und falls du merkst: noch mehr Termine zu machen, übersteigt deine innere Bereitschaft - frag jemanden, das für dich zu machen.
Außenstehende können sowas viel besser. Und machen das ja auch gerne für dich. Das ist doch helfen. Und helfen will doch jeder. Und SO helfen ist mit das einfachste, was man machen kann. Also frag, wenn du zu erschöpft bist dafür.
Lass andre für dich diesen Termin machen.
Wie auch immer - vergiss das nie mehr: vor einer Op immer
eine Zweitmeinung.
Auch wenn es dir zu viel ist. Immer!
Hinterher ist immer
zu spät!!


Ich wusste das doch. Warum ist es mir nicht in den Sinn gekommen?
Ich weiß nicht. Vielleicht
Weil ich nie eine Op hatte.  Also mal als Kind...
Meine Kinder auch nicht.
Blinder Fleck. Jetzt
nicht mehr.

nachtwind

Ich bin ein Angsthase durch und durch

Manchmal hilft das. Manchmal nicht.

In den nächsten Tagen klärt sich einiges. Termin in der uni schon in 10 Tagen.
Ich bin überrascht. Positiv.
Und, wichtiger noch für mich -  ich bekomme den entscheidenden Tip, wo ich eine Apotheke finden kann. Die mich rettet.
Das macht Platz im Kopf. Was jetzt?
Informieren, informieren, informieren.
Ich bin ein Angsthase. Weiss ich schon länger.
Noch länger hab ich das nicht für möglich gehalten. ;)
Irgendwann dann, so zwischen 40 und 50, hab ich es eingesehen. Dass ich
durch und durch
ein Schisser bin.
Hat schon auch Vorteile. Auch viele Nachteile. Wie alles eben.
Alles hat Vor- und Nachteile.
Es ist, wie es ist.

Also - wie komm ich überhaupt dahin?? Zu meinem Termin?
Stadtverkehr... wer weiß auch, in welcher Verfassung ich dann vielleicht bin.... am meisten befürchte ich Parkplatzsuche unter Terminstress. Also öffentliche.
Wie find ich jetzt raus, welche straba wann wohin fährt?
Ich verbringe Stunden damit, das rauszufinden.
Wollen Sie die PDF nochmal runterladen?! Nein! will ich nicht!!! Aber wo finde ich denn die bereits runtergeladene??? Also doch noch mal runterladen.
Verschwindet ebenso geräuschlos
in den mir völlig unbekannten Tiefen des digitalen Lebens.
Hab ich schon erwähnt, dass ich nach 2,3 Versuchen verzweifelt aufgebe?
Und es Stunden dauern kann, bis ich mich wieder motiviert hab?
Undsoweiterundsofort.
Irgendwann hilft nur noch analog. Ich fahr zum Park and Ride Parkplatz.
Schreibe mir penibel auf, wie lang ich bis dahin gebraucht hab.
Studier die vielen Haltestellenfahrpläne....  Himmel, ich bin seit 50 Jahren nicht mehr mit sowas konfrontiert worden! Ich hab überhaupt keine Ahnung!
Irgendwann denk ich, jetzt hab ich's.
Daheim angekommen, misstrau ich dem sofort.
So geht das nicht! Es hilft nix - ich muss probefahren.
Wer weiß, was da alles noch für Unwägbarkeiten auf mich zukommen... von denen ich jetzt gar nix weiß!
Also nächsten Tag dafür reserviert. Nachtwind erkundet das Leben in der Stadt.
Geht gleich mal los. Wie löst man denn einen Fahrschein??? Und wo???
Und ist das jetzt auch der Parkschein??? Oder wie geht das hier?!
Irgendwann gelingt mir ich das. Unter Belustigung der Umstehenden. Die taktvoll wegschauen. Ich bleibe tapfer. Ich hab ja eigentlich ganz andre Probleme. Sag ich mir.
Auch ein Vorteil von solchen eher schwerwiegenden Problemen. Ist sehr beruhigend, wenn die soziale Panik ausbrechen will.
Hat alles eben seine Vorteile auch. Wider Erwarten.
 Klappt auch sonst alles, komme an der Uni-Klinik an.
An dem Gewerbegebiet der Unikliniken. Warum noch mal stehen faschistische und sonstige Diktatoren so sehr auf bombastische Gebäude? Und vor allem: auf bombastischen Raum dafür??
Wirkt. Pfadfinderin nachtwind in eigner Mission schrumpft sofort zu einem Krümel , zusammengedrückt in und zur Bedeutungslosigkeit. Zerbröselt. Was wollte ich nochmal?
Tapfer versuch ich, mich zu erinnern. An mich. Und mein Anliegen. Frag mich auch im Inneren noch durch, bis zur Anmeldung. ,,Ja, die ist jetzt geschlossen." Ja, macht ja nix, ich hab ja auch erst in zwei Tagen einen Termin.
Grandios irritierter Blick.
Hat sie jetzt einen Knopf, um die Security zu rufen und überlegt, wo der noch mal war? Ich versuche zu beruhigen. Es sieht partout nicht danach aus, dass mir das entscheidend gelingt.
Egal.
Jetzt weiß ich, wo ich lang muss. Das ist hoch beruhigend!
Und zufrieden mach ich mich auf die Rückfahrt. Schisser hin oder her - man muss sich halt zu helfen wissen. Ich bin ein bisschen zufrieden mit mir.
....
Wie lang hab ich jetzt eigentlich gebraucht?....?....!
Oh!
Das hab ich jetzt vergessen nachzuschauen.
Ach Mann!
Naja gut, muss ich jetzt halt schätzen. Wird schon hinhauen. Nochmal fahren für nix ist jetzt echt zu teuer.

So und so ähnlich vergeht Tag für Tag.
Mag jetzt absurd klingen. Aber es ist so: nur weil man eine eher schwerwiegende Diagnose erhalten hat, ist man dadurch jetzt nicht automatisch ein andrer Mensch.
Hab ich meinen Kolleginnen öfters gesagt. Wenn mal wieder eine Patientin oder ein Patient sich völlig unmöglich (aus unserer Sicht) verhalten hat: man wird nicht automatisch ein netter Mensch. Nur weil man jetzt Patient geworden ist.
Ja, es verändert. Aber genauso ja: man bleibt, wer man ist.
Schisser bleibt Schisser.
Und nur, weil man schwerwiegendere Themen grad hat, heißt das noch lange nicht, dass man jetzt nur noch schwerwiegende Gedanken zu schwerwiegenden Problemen bewegt.
Man ist ja auch noch immer der, der man ist. Und man kümmert sich um genau diese typische Art und Weise, wie man bisher gelebt hat, um all die kleinen Probleme. Die man immer erfolgreich zur Seite gedrängt hat. Und somit
völlig ungeübt ist. Darin.
Termine? Furchtbar. Mach ich mal besser nicht.
Stadtverkehr? Och.... Ich muss ja jetzt nicht wirklich hin.
Straba fahren? Grundgütiger Gott, hier im Dorf gibt's ja keine. Und in die Stadt - will ich ja eh nicht wirklich hin.
Angsthase? Ja. Stimmt. Und deshalb scheue ich jede  neue Herausforderung wie der Teufel das Weihwasser.
Und lob mich noch wohlwollend dafür.
Du machst das schon gut - du weißt, wer du bist. Und richtest dein Leben passend gut daraufhin ein! Stresslos. Könnt man fast altersweise nennen. Dein Verhalten.

Ein eher schwerwiegendes Thema im Leben zu haben bedeutet nicht, dass du jetzt durchgängig schwerwiegende Gedanken durchdenkst.
Es kann auch bedeuten: jetzt musst du dich erstmal um all die kleinen alltäglichen Problemchen kümmern. Um die du dich erfolgreich gedrückt hast bis jetzt. Jetzt
musst du halt. Zusätzlich. ;)
Hilft halt nix.

Und irgendwie
geht es ja auch.
Sogar öfters
ziemlich gut.
:)

nubis

Liebe nachtwind,

ich muss Schmunzeln - ja schon fast Lachen ;-) - und bin sowas von beruhigt!

Noch jemand, der Probefahrten macht! :-D

Ich wohne in der Großstadt.
In einer großen Großstadt.
Und ich fahre fast alles mit dem Auto - es sei denn, zu einem Termin: die von dir erwähnte Parkplatzsuche stresst mich nämlich auch mehr, als jede Bahnfahrt könnte.
Also Bahn.
Die ich sonst nicht fahre.
Ich habe es schon raus, die Fahrpläne und Abfahrtszeiten raus zu bekommen, aber selten ist die Haltestelle so, dass man direkt vor der Tür aussteigt.
Und wie lange ich laufen muss - woher soll das Internet das wissen?
Also: ausprobieren.

Ich könnt dich grad knutschen dafür, wie schön du es beschrieben hast :-D

Fühl dich statt dessen ganz lieb gedrückt, wenn du magst! :-)
Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind


nachtwind


Ich gehe viel spazieren in diesen Tagen

Wenn man sich bewegt, bewegen sich auch die Gedanken. Das tut gut.
Und: wenn man spazieren geht, kann man nix andres machen. Schnell mal eben. Und schon ist man wieder abgelenkt.
Ich habe den Wunsch, mich zu konzentrieren....ich möchte so gerne ein Paddel finden. Mit dem ich ein bisschen den Baumstamm lenken kann. Auf dem ich sitze. Im kräftig fließenden Gebirgsbach.
Ich möcht so gern einen Kompass finden. Der mich durch den Nebel leitet. Dem ich vertrauen kann. Auch wenn ich nix genau mehr sehen kann. Weil ich weiß - der Kompass kenn die Richtung. Da!
geht's lang.
Noch hab ich keinen. Und ich weiß auch nicht, wo's lang geht. Für mich. Jetzt.
Ich geh spazieren.
Und versuche nachzudenken.
Um zu verstehen.

Vor vielen Jahren hatte ich mal ein einschneidendes Erlebnis zum Thema
Leben und Sterben.
Es fällt mir immer mal wieder ein seitdem - und immer hab ich das starke Gefühl, ich sollte da mal tiefer drüber nachdenken. Aber es gelingt mir nie.

Eigentlich ist es nicht ein Ereignis. Sondern zwei.
Das erste war gar nicht schön. Ich hab mich gekrümmt. Vor Schmerz. Zu voll von Scham. Und Schande.
Hab mich gewunden wie ein Regenwurm. Den es zerreißt.
Zu voll von Scham. Zu voll von der Schande.
Es war nicht das erste Mal. Und auch nicht das letzte. Es war auch nichts geschehen. Es braucht auch nichts geschehen. Dafür.
Es bin ich. Es bin ich selbst.
Ich bin ein Monster.
Schon immer.

Und weil sich keine gnädige Erde öffnet und mich verschluckt
und weil sich kein gütiger Vulkan mich bedeckt mit seiner glühenden Lava,
wimmer ich weiter vor mich hin und flehe. Dass mich irgendetwas von dieser Erde wischt. Ganz nebenbei. Spurlos. Nie dagewesen.
Und schäme mich auch dafür noch. Grenzenlos. Ich weiß doch.
Ich hab kein Recht zu flehen.

Ich will sterben. Mehr als das: ich will nie dagewesen sein.

 Gefühlt zwei Wochen später liege ich wieder da. Krümme mich wieder. Vor Schmerz. Weine die gleichen glühendheissen Tränen. Kann genauso nicht mehr atmen. Vor lauter Trauer. Trauerschmerz.
Diesmal war etwas geschehen. Dh nicht wirklich geschehen. Ich hatte plötzlich ganz starke Schmerzen im Brustkorb. Und dachte, ich muss jetzt sterben. Und meine Kinder waren doch noch zu klein. Es hat mich zerrissen, sie so allein lassen zu müssen. Es hat mich so zerrissen. Es war nicht auszuhalten.
Es war von der Intensität
der gleiche Schmerz.

Und nochmal einen Tag später
ist mir das dann doch aufgefallen. Da stimmt doch was nicht!

Ich muss dazu sagen, ich bin jetzt nicht so wirklich eine Dramaqueen. Solche Emotionen fanden wenn, dann immer nur in der Nacht statt. Die Nacht war mein Raum dafür. Keiner da.
Da kann ich sein.

Das kann eigentlich doch gar nicht sein.
Diese Gefühle waren jeweils keine normalen Gefühle. Sie waren elementar!
Ich weiß sie heute noch. Diese Art von Gefühle.
Die Wucht!
spür ich heute noch. Wenn ich mich daran erinner.
Es ist wie grade eben. 

Da zerreisst's mich. Weil ich sterben will.
Und dann zerreisst's mich. Weil ich leben will.
Gleich drauf.
Und es waren beides wuchtige, ganz ehrliche, ganz wichtige, ganz ungeschminkte Erlebnisse.
Da stimmt doch was nicht!!!!

Da stimmt was nicht!!!

Ich spür ganz deutlich, ich sollte da mal tiefer drüber nachdenken. Aber es gelingt mir nicht.
Es ist mir bis heute nicht gelungen. Auch nicht in dieser jetzt letzten Zeit.
Das einzige, was ich weiß, ist: da stimmt was nicht.
Und dass es gut wäre, wenn ich da mal tiefer drüber nachdenk.

Ich denke naturgegeben da grad öfters mal daran. Auch: dass da was nicht stimmt. Und dass ich da mal nachdenken sollte. Drüber.
Vielleicht gelingt es mir ja doch
einmal.


Ich geh viel spazieren. Ich versuche mich zu konzentrieren.  Manchmal gelingt's. Oft auch nicht.
Ich nehm's wie's kommt. Mir bleibt eh nix anderes übrig grad.
Meine Möglichkeiten, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, ist grad sehr begrenzt.
Spazieren gehen geht.

Feli

Spazieren gehen klingt sehr sehr gut liebe Nachtwind.

Ja, das mit der Konzentration ist nicht immer so einfach. Besonders für uns, wo wir mit ADHS kämpfen müssen. Aber spazieren gehen ist immer sehr gut! :)

nachtwind

Ja... spazieren gehen hilft.
Für alles mögliche.
Breitbandhilfe ;)

nachtwind


Und dann ist es soweit  - der Beginn der Uniklinikzeit.
Noch könnte sie schnell wieder vorbei sein. Aber eigentlich weiß ich es schon.
So einfach geht sich das hier nicht aus.

Die Hinfahrt geht schon mal prima, ich kämpfe noch ein bisschen mit dem Fahrkartenautomaten, aber irgendwann klappt's. Der Rest ist der Beginn einer wunderbaren Vertrautheit.... die straba und ich, wir könnten Freunde werden. Mal schauen. Aber es sieht gut aus.
Die Anmeldung find ich auch gelassen wie ein Profi.... und das mit dem Nummern ziehen und so ist mir jetzt nicht gänzlich neu. Auto ummelden und Arbeitsamt funktionieren auch so. Komme mir fast schon weltmännisch vor.
Dann muss ich hundertdreiundneunzigtausend Seiten unterschreiben, Fragen beantworten, Telefonaten zuhören, die unser Aufnahmeprozedere unterbrechen.... irgendwann ist es dann so weit, ich bin akzeptiert und darf ,,den Flur lang und dann links" Platz nehmen.
Ich schnauf tief durch. Und schau mich um. Ich bin natürlich ne halbe Stunde zu früh (man weiß ja nie), aber das ist doch auch gut, denke ich. Kann ich mal in Ruhe schauen. Was hier so los ist. Und mir wird es plötzlich klar:
eine neue Zeit ist angebrochen. Für mich.
Uniklinikzeit.
Noch vor der Untersuchung begreife ich es mit einem Mal: das hier wird jetzt
Teil deines Lebens werden.
Es ist einfach so.

Ich schau mich um. Hier wo ich sitz, das ist wohl die Ecke für die alten Damen. Alle in Begleitung übrigens. Und alle ein bisschen grau im Gesicht.

Dann kommt manchmal eine junge Frau oder Mädel vorbei, mit einem wunderschönen Käppchen auf dem Kopf. Wohl auf dem Weg zum Kiosk, ganz am Ende diesen Ganges. Sie rühren mich sehr. So verletzlich. Und so schön.

Und manchmal kommen auch ganz fröhliche Pärchen oder kleine Gruppen vorbei und haben alle Tüten dabei und manche Blumen. Sie fallen auf, denn sie reden miteinander. Sie gehen alle durch die Glastür die Treppe hoch. Da oben also ist der Beginn. Ich lächle vor mich hin. Alles so nah beieinander.
Frauenklinik.
Frauenschicksale. Was einem so passieren kann. Als Frau.
Und ich
gehöre auch dazu.
Die Frauen oben, ich trag es auch in mir.
Die jungen Frauen, sie rühren mich so. Sie müssen tapfer sein. Und kämpfen. Es hilft halt nix. Leben ist so. Ohne kämpfen
geht es nicht.
Ich mag dieselbe Krankheit haben wie sie - und doch sind es zwei Welten.
Sie stehen im Leben.

Hier ist es anders.
Wer es bis hierher geschafft hat, in den Kreis der alten Damen, die muss nicht mehr stehen. Die darf sitzen. Wenn sie mag. Das macht es so viel leichter.

Wenn alles gut geht, im Leben, dann versammelt sich alles hier. Hier strömt alles hin, das ganze Mühen und die ganze Liebe, das ganze Kämpfen und das ganze Freuen, das ganze Verletzen und das ganze Heilen, das ganze Verstehen und das ganze Irren, Verirren auch - alles, das ganze große Leben
fließt in unseren Kreis der alten Damen. Wo ich jetzt sitze. Am Ende des Lebens.
Am Ende meines Lebens.

An irgendwas muss man schließlich sterben. Ist es da nicht schön, wenn man dann hier sitzen kann?
Ich könnt ja sonstwo sein jetzt, in der Herzabteilung, der Neurologie, der Inneren.... Überall kann gestorben werden.
Aber ich sitze hier. In der Frauenklinik. Umgeben von Frauen. In all den verschiedenen Situationen. Des Frauenlebens.
Wie schön, dass ich jetzt hier sitze. Genau hier sitze.
Am Anfang meiner letzten Reise.
Und leise
dazugehöre.

In mir ist Meer, großes, stilles Meer, und die Wellen strömen ruhig an den Sand
und ziehen sich sanft wieder zurück.... mühelos... wie Atmen.

Manchmal ist auch Frieden


Kali

Liebe Nachtwind,
Es ist schon wieder eine kleine Weile her das ich hier gelesen habe. Und irgendwie hab ich heute mal wieder einen schlechten Tag und mich eingeloggt.

Und dann stolper ich über deinen Beitrag, und er trägt mich mit jeder Zeile weiter.
Es ist so schön geschrieben,  so unglaublich ehrlich...

Und dann komm ich zu den Zeilen deiner ersten Untersuchung und möchte diese Ärztin wirklich nur hauen. Wie kann man das nur machen ?
Ja ich weiß wer im medizinischen Bereich arbeitet darf nicht alles an sich ran lassen, das geht mir genauso aber wir sind Menschen und Empathie ist so unglaublich wichtig.
Ich lese von deinem Weg den vielen Kurven und doch gehst du ihn.

Und dann les ich wie Du dort sitzt und über den Tod nachdenkst und ich fühle mich zurück versetzt.

Genau wie du hab ich Anfang des Jahres gedacht es wäre mal wieder Zeit. Und dann war es Zeit und och kam mit einer Überweisung zur Mammographie wieder raus. Das Warten bis zum Termin alles um mich herum in Panik wie ich das wohl schaffe, was wenn es Krebs ist. Und ich einfach wie versteinert wie ein halbes Jahr zuvor auch als mein Mann starb.
Und dann ist der Tag da und man wartet zwischen all den Damen und jede wird weiter geleitet weil sie etwas gefunden haben, und mein Gedanke " dann ist es eben so" wenn es so sein soll dann muss ich da eb2n durch auch alleine, denn wie bei dir sind alle mit Partner da. Nur ich sitze alleine denn mein Mann hat den Kampf gegen den Krebs verloren.
Und endlich geht die Tür auf und ich bin dran. Alles in Ordnung dieses Mal.
Und trotzdem ist man wie betäubt. Und das Leben geht genauso weiter und ich setzte einen Fuß vor den anderen.
Jeder Schritt sorgsam überlegt.

Ich dachte es würde mir nix ausmachen und dann lese ich deine Worte und muss heulen denn es macht so viel aus.

Meine Online Trauerbegleitung hat mich gefragt wann ich wirklich getrauert habe. Gar nicht...
Ich war einfach bereit es zu akzeptieren oder weiter zu machen.

Nicht ihre Worte haben mir das bewusst gemacht sondern deine ehrliche Reise...
Danke dafür
Nur fliegen ist schöner, aber ist fallen nicht auch fliegen ?
Und wenn wir fallen, dann werden wir doch auch irgendwie getragen...
Alleine das wieder aufstehen ist sehr schwer...