Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nubis

Zitat von: nachtwind in 20 April 2026, 09:14:29Es fällt mir schwer, die Geschichte jetzt weiterzuerzählen... eigentlich möcht ich nicht, dass jemand sie erfährt. Mich sieht. Wie erbärmlich ich so bin.
Aber es hilft ja nix, es war halt so. Ich kann das jetzt auch nicht schönreden. Oder verschweigen. Es gehört eben dazu.


ne, ne, liebe Nachtwind!

Ich sehe da nichts erbärmliches - außer den anderen Kindern, die so grausam sind, auf eine Art, auf die eben nur Kinder grausam sein können.

Da gibt es nichts schön-zu-reden.
Oder zu schämen.

Schämen sollten sich die Anderen.

Und vielleicht ...nur ein klitzekleines bisschen vielleicht - tun sie sich das ja auch. Inzwischen.

Ich sende dem Mädchen von damals und der Frau von heute, die daraus geworden ist, eine sanfte Umarmung.






Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind

Danke, nubis - das war ein wichtiger Himweis für mich!

Ich bin zwar mit dem meisten in meinem Leben im Frieden - aber mit allem im Frieden bei mir selbst noch lang nicht.
Und du hast so recht - erbärmlich ist kein gutes Wort. Auch nicht für einen selbst. Ich bin so enttäuscht von mir, in manchen Ereignissen, da mag ich gar nicht so genau hingucken... da schlag ich lieber vorher schon um mich. Das ist verständlich, aber blöd.
Ich nehm das zurück - danke nubis!
Und vor allem auch für deine Wärme. Und Nähe.
Ich mag Umarmungen sehr. Wenn sie von freundlichen Menschen kommen.
Ich hab kurz gedacht, wenn du in meinem Alter gewesen wärst, und an denselben Orten - ich wär so gern mit dir befreundet gewesen.
Du kannst beschützen.
Das tut so gut.

Seitdem ich das von dir hier gelesen hab, denk ich immer wieder mal darüber nach.
Abgesehen von allem, was ich grad vorher geschrieben hab, bleibt doch eins, was ich nicht zurücknehm.
So sehr, wie ich das schätze, wie gut du mir tust.
Ich denke, so einfach mit dem Rollenverteilen ist es doch nicht.
Weißt du - wenn ich jetzt anders reagiert hätte, dem TU'S NICHT in mir gefolgt wäre - was wäre dann geschehen?
Nichts
wär geschehen. Rein gar nichts.
Sie haben die Situation erschaffen, ja. Da bin ich unbeteiligt dran.
Aber es war  meine Entscheidung! Die daraus das Elend gemacht hatte. Das ich nicht mehr ertragen konnte.
Hätte ich mich anders entschieden, wäre nichts, rein gar nichts geschehen.
Gut - sie wären vielleicht enttäuscht gewesen und hätten die Schachtel selbst geöffnet. Ich wär vermutlich zusammengezuckt, weil da Lebendiges rausgeschossen wär. Aber ich hab keine Angst vor Mäusen.
Ich hätte gesehen, was sie vorhatten, es hätte mir weh gemacht - aber ich wär nicht so krank geworden.
Weil ich es nicht mehr ertragen konnte.

Es war schon einfach - und punktgenau - meine eigne Entscheidung. Die die Situation in ein Chaos gestürzt hat.
Hätte ich mich anders entschieden, wäre nichts passiert.

Ich hab das noch nie so genau angeschaut.
Dass ich es selber war, die entschieden hat, was aus der Situation sich jetzt entwickelt. Erst jetzt, durch deinen Einwand.
(Ich muss dir nicht sagen, wie dankbar ich dir bin. Deswegen! Oder?)

Ich war ja vorgewarnt. Ich wusste ja, dass sie mir Böses wollen.
Ich hätte mich  ja einfach nur verweigern müssen.
Und alles wäre ungeschehen geblieben.

Es hat ja alles in mir geschrieen ,,tu's nicht!". Aber ich hab nicht drauf gehört.
Es ist so, als wenn dir von jemand Drogen angeboten werden ,, hör zu - nimm es... ich seh doch, dir geht's nicht gut! Nimm das hier, es wird dir helfen! Du wirst schon sehen: danach geht es dir richtig gut!"
Und du hast schon genug über Drogen gehört, um klar zu wissen - tu's nicht!
Aber dann tust du es doch.
Weil du dich so sehr danach sehnst, dass endlich Frieden ist in dir.
Und dann hast du den Salat!

Sicher, wäre der nicht gewesen, der dich angebaggert hätte ( um selbst sich weiter seine Drogen leisten zu können  vermutlich), wärst du gar nicht in die Situation gekommen. Die Situation hat schon er geschaffen.
Aber du hättest ganz einfach nein! sagen können.
Und nichts wär geschehen. Kein Elend. Nix.

Ich bin wütend auf mich. Weil ich mich dazu entschieden hab, meiner Sehnsucht zu folgen. Obwohl ich doch wusste, es wird kein gutes Ende nehmen.
Ich muss akzeptieren, dass meine Sehnsucht nach Frieden, nach dem Dazugehören viel stärker war als meine realistische Einschätzung der Situation.
 Naiv nennt man so was.
Und das zieht sich durch mein Leben, merk ich grad.
Was Menschen angeht, bin ich naiv.
Und das nervt mich echt.

War ja schon mal Thema. Taucht jetzt wieder auf.
Und ich beginne zu ahnen, dass mir das was zu sagen hat.

Vielleicht in die Richtung:
Vielleicht hatte ich die Wahl zwischen tiefem nicht mehr wirklich reparierbaren Misstrauen den Menschen gegenüber -
und einem tiefem nicht mehr wirklich reparierbaren Vertrauen, wieder den Menschen gegenüber....
und habe das Vertrauen gewählt...??
Vielleicht so?

Und ich sollte verdammt noch mal aufhören, deswegen ständig rumzumeckern und rum zu nölen an mir selbst. Und vielleicht mal erwägen, dass das erstens vermutlich mal wieder meine eigne Entscheidung war.
Und zweitens doch wirklich die bessere Wahl war!
Hätte die andre Wahl nicht zwangsläufig in tiefe Verbitterung geführt?!
Gruselig!
Dann schon wirklich lieber naiv und dumm. Was Menschenkenntnis angeht.

Da fällt mir ein - ich bin gesichtsblind. Ich erkenne Menschen nicht wieder.
Selbst mir ganz nahestehende Menschen.
Wenn ich eins meiner Enkelkinder aus dem Kindergarten abholen musste, und nicht wusste, was er oder sie morgens angezogen hatte, dann war ich aufgeschmissen. Und musste warten, bis ich entdeckt wurde.
Sonst war ich ratlos.
Einmal erkannt war es dann keine Frage mehr.
Bis zum nächsten Tag. ;)

Vielleicht bin ich eben nicht nur gesichtsblind, sondern auch menschenblind?

Bleibt die große Frage im Raum stehen: wenn das so war und ist -
wer um Himmels Willen hat das denn so entschieden in mir?
Ich nehme an, ich musste das schon als Säugling entscheiden.
Wer in Gottes Namen hat dann diese Entscheidung getroffen?

Da kommt doch nur so was wie ,,Seele"  als Antwort in Frage, oder?
Kommen Säuglinge tatsächlich mit einer schon lebenserfahrenen Seele auf die Welt?
Die solch weitreichenden Entscheidungen treffen kann?
Erfahrungswerte, selbst erlebte, kann ich doch noch garnicht gesammelt haben, in meinem Unterbewusstsein. Oder?

Oder aber das ist alles  Quatsch - und ich habe nix entschieden - es lag einfach als Veranlagung in mir drinnen. Es war schon entschieden, bevor auch nur irgendwas geschehen war in meinem Leben.
Dass egal was geschieht, ich eher so reagieren werde. Weil es in mir so zusammengesetzt war. Und ist.
Dass ich eben so bin. Wie ich bin.
Egal was geschieht.
So wie der Baumsamen, der vom Wind wohin getragen wurde, sich nicht einfach mal umschauen kann und sagen: hmmm... hier ist es so und so -  besser ich sollte jetzt diese oder jene Fähigkeiten haben.
Ein Ebereschensamen kann nur eine Eberesche werden. Auch wenn Dornen jetzt geschickt wären, dort, wo er aufschlägt. Oder er lieber eine Eiche wär.

Vermutlich wird es ein Zusammenspiel von beiden Möglichkeiten sein. Ich seh es jetzt zwar noch nicht, aber es ist einfach oft so.
Wenn zwei Möglichkeiten weit auseinanderliegen, gehören sie oft zusammen.
So nach dem Motto: zusammen sind wir stark.

Ich sollte wirklich aufhören an mir unzufrieden rumzumäkeln und zu modellieren. Weil ich lieber ganz anders wär. Oder bisschen anders. Wenigstens.
Es ist nicht nur verlorene Energie. Es ist auch eine Enttäuschung. Für all die, die so in mir sind. Eine bittre Enttäuschung.
Muss wirklich nicht sein!
Also, mittlerweise nehme ich das ,erbärmlich' auf viele verschiedene Arten zurück! Und versteh gar nicht mehr, wie ich so denken konnte.

Dank dir, nubis - und deinem Einwand.

Woran man wieder sieht: der Mensch ist keine Insel
Oder lebt auf einer. Selbst wenn - es kann ja eine Flaschenpost angespült werden...
und die Sicht verändert sich.
Und damit auch ein klitzekleines bisschen
das eigne Leben.

hey :-)



nachtwind

Das Fieber war schon gut! Sonst wär es in diesem Versinken kalt gewesen. Das Fieber hat es zu dieser Geborgenheit gemacht. Erkenn ich heute.

Und noch eins hab ich spät erkannt in meinem Leben. Da war ich glaub ich schon fünfzig oder so. Da hab ich mal wieder an dieses Ereignis gedacht, selten genug  - und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Die schwarzen Frauen in der Küche haben mich gar nicht grob aus dem Weg geschubst.
So wie ich das verstanden hab. Und immer so in mir trug. Als meine Erfahrung.

Sie haben erkannt, dass ich über die Kante gerutscht war. Das ich einfach nicht mehr konnte. Und wussten wohl, dass ich außerhalb dieser Küche doch wieder nur ungeschützt sein würde. Da haben sie allen Mut und alle Mitmenschlichkeit zusammengekratzt und mich ohne zu überlegen, was das für sie bedeuten könnte, auf die Bank geschubst. Und einen dichten Kreis gebildet um den Tisch. Dass die Missus mich nicht mehr sehen kann.

Es kamen mir die Tränen. Als ich das endlich verstanden hatte.
Es war ein letzter, tiefer Schmerz. Dass auch sie so grob zu mir waren. Mich weggeschubst hatten. Aus ihrem Weg.
Dabei haben sie mir Asyl verschafft.

Hätte die Missus das bemerkt, wäre es ihnen schlecht ergangen. Wirklich schlecht!
Es waren abscheuliche Zeiten. Da war so was Gang und gäbe.
Immer unter der Überschrift: ,,man muss die Anfänge unterbinden! Energisch und hart! Sonst bekommt man sie nicht mehr kontrolliert!"

Das haben sie riskiert. Um dieses fremde weiße Kind zu beschützen. So gut sie es eben konnten.
Es kamen mir die Tränen. Und sie kommen mir auch heut.
Nicht nach außen. Glühen vom Herz bis hinter die Augen. Und da bleiben sie auch. Wie Freunde. Stille Freunde.


Das Ende vom Lied - und der Anfang des letzten Teils der Geschichte,an die ich mich erinnern kann, aus dieser Zeit, war, dass irgendwann meine Mutter auftauchte. In diesem Flur.
Die Missus hatte sie angerufen, sie solle mich holen kommen. Dieses fremde Kind war zu krank, um hierbleiben zu können. Das Fieber zu hoch. Sie braucht einen Arzt.

Jetzt hatte meine Mutter zwar einen Führerschein. Aber sie konnte nicht fahren. Vielleicht hat man ihn ihr auch weggenommen. In Athen ist sie ab und an gefahren, das weiß ich noch. Sie hatte kleinere Unfälle. Vielleicht besoffen? Gab es das damals schon? Dass man den Führerschein verlor bei Trunkenheit am Steuer?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, sie fuhr nicht mehr.
Also musste erst der Fahrer des Konsulats aktiviert werden. Und ein Auto. Das frei war.
Jetzt also tauchten sie auf. In der Diele, diesem Schiff, an deren Anker
ich immer tiefer sank. Zufrieden damit. Geborgen.

Damit war jetzt Schluss. Mit der Geborgenheit. Meine Mutter war da.
Noch dazu klirrend, vibrierend drauf. Hell aufgeregt. Grell wach.
Bei der Aussicht, Rot-Kreuz-Schwester zu sein, war sie immer aus dem Häuschen vor stolzen Glück - da jubelte alles in ihr. Und alles klirrt.

Wird sofort deutlich, wie sie mit der Mutter einer meiner Peinigerinnen spricht. Ganz ausser sich. Vor Eifer. Sie war wichtig.
Ich weiß, jetzt darf ich nicht mehr versinken. Nicht mehr schlafen. Jetzt muss ich wach bleiben.
Sie ist unberechenbar. In so einem Zustand.
Der Fahrer heißt Herr Riemann. Ich kenne ihn flüchtig. Er trägt mich in's Auto. Ich glaube, er ist in Ordnung. Ich muss nur auf meine Mutter achtgeben.
Und so ist es auch. Ich hab mich nicht getäuscht. Von ihm geht keine Gefahr aus. Das rechne ich ihm hoch an.

Meine Mutter aber lasse ich nicht aus den Augen.
Ich bin so entsetzlich müde... seit ich im Auto fahre, ist mir auch noch durchgehend schlecht. Ich übergebe mich im Minutentakt. Also jetzt nicht jede Minute... so gefühlt alle 10. Vielleicht auch alle halbe Stunde. Meine Mutter sitzt vor mir auf dem Beifahrersitz und hält mir, halb zur Seite gedreht, eine Plastiktüte hin. Wenn ich muss, greif ich nach ihr. So geht das eigentlich ganz gut. Und ich muss schon sagen, es ist mir wirklich eine Hilfe, dass sie die hält. Zwischendrin.
Ab und zu gibt es eine neue. Die alte fliegt aus dem Fenster. So legt ich nach und nach eine ganze Spur an Plastiktüten auf meinem Weg nach Haus. Mag ich gar nicht dran denken. Heut.
Damals denke ich wenig. Ich muss nur immer den spitzen Ellenbogen meiner Mutter im Blick behalten. Ihn fixieren. Dabei fallen mir dauernd die Augen zu. So gesehen fast schon ein Glück, dass ich immer wieder spucken muss. Da bin ich dann ne Weile wach.
Sie bekommt das Klirren, das Vibrieren nicht aus der Stimme. Und aus ihren Bewegungen. Im Gegenteil, es wird immer heftiger. Ich versuche eisern, wachsam zu sein. Vor allem: wach. Hab mittlerweile immer heftigere Kopfschmerzen auch.
Darf aber nicht versinken. Ich hör es doch: sie ist in diesem Zustand.
Fange ernsthaft an, mich nach dem Sofa im abgedunkelten Flur meiner Horrorfarm zurückzusehnen. Dort hat man mich zuletzt wenigstens völlig in Ruhe gelassen.
Ich kann bald nicht mehr...

Das findet auch Herr Riemann. Er schlägt einen Stopp vor. ,,Damit die Kleine mal zur Ruhe kommt. So viel spucken kann ja auch nicht gesund sein."
Ich bin überrascht. Und ziemlich dankbar.
Meine Mutter hat nichts dagegen, und so halten wir bald an. Herr Riemann trägt mich aus dem Auto und legt mich in den Schatten eines schmalen Baumes. Der nicht mehr schaukelnde Untergrund tut mir sofort gut. Mein Magen beruhigt sich schnell... und ich schlafe fast augenblicklich dankbar ein. Völlig erschöpft.

Werde irgendwann wieder wach. Ich liege in der Sonne. Weiß gar nicht, was los ist. Was mach ich hier?? Dann fällt es mir wieder ein. Mein Kopf ist wacher. Das Schlafen hat mir gut getan.
Ich hebe meinen Kopf ein bisschen, suche die Straße, finde sie auch. Ein Auto ist nicht in Sicht. Schaue noch mal um mich - keiner da.
Registriere das ohne große Überraschung. Eher pragmatisch. Was muss ich jetzt tun?!
Niemals alleine in der Steppe schlafen!
Kann ich aufstehen?
Ich versuch's. Nein, kann ich nicht.
Jetzt fallen mir alle möglichen Geschichten ein, von Kindern, die an Stichen von Skorpionen verstorben sind, von Schlangenbissen mit tödlichem Ausgang, die ich schon mal gehört hatte. Viele sind es nicht. Aber es reicht!
Ich hab Angst davor! Gruselige Angst.

Dann lieber doch von einem Löwen gefressen werden, denke ich inständig.
Aber auch das ist keine gute Idee. Wir waren mal im Urlaub in der Etoschapfanne - und haben dort unter all dem andren einmal nachts im Scheinwerferlicht eine Löwenfütterung miterlebt.
Jetzt fasst der Grusel mich noch unbarmherziger an.
Wie die sich reinverbissen haben in das Zebra - und dann den Kopf hin und hergeschleudert haben. Um ein Stück abzureißen dadurch vom großen Zebrakörper... Nein!!! BItte nicht!!! So kann ich auch nicht sterben! Bitte!!
Ich kann nicht!

Panik breitet sich aus. In mir. Ich fühle mich völlig ausgeliefert. Der Steppe ausgeliefert. Dem Leben in der Steppe. Dem Tod im Leben dieser Steppe... Was soll ich nur tun?!
Wo ich doch nichts tun kann. Eigentlich. 
Die Panik schüttelt mich.
Wenigstens beruhigen ... das sollte ich doch hinkriegen. Streng dich an!
Und in meinem wirren Kopf gelingt es mir irgendwie, meine Panik wieder einzufangen. ,,Jetzt denk nach, nachtwind!", versuch ich mich anzufeuern. ,,Irgendwas muss dir doch einfallen."
So in Panik zu geraten ist nicht gut jetzt. Das ist man klar.

Und so versuche ich alles, was ich je gehört hab über Steppe und allein darin mir irgendwie in Erinnerung zu rufen. Und das irgendwie zu sortieren.
Und dann ordnet es sich langsam ganz von selbst. Heraus kommt eine Kinderlogik, die es schafft, die Panik zu besänftigen... und mich tief aufseufzen lässt. Ich hatte wirklich furchtbare Angst!

Ich dreh meinen Kopf ein bisschen von der Sonne weg. Und kann erlöst aufatmen. Lass mich fallen.
Das tut so gut!!
Diese neue Ruhe.
Dankbar, sehr dankbar
schlaf ich  wieder ein.

Meine Lösung? Ich erinner mich noch, als sei es gestern gewesen.
Und spüre die Erleichterung wie eine Gnade. Heute wie damals.

Logisch ist es nicht. Aber gewirkt hat es! Besser als jede Beruhigungsspritze. Weiß jetzt nicht, hab nie eine bekommen.
Aber mir zumindest manchmal
eine gewünscht.

Meine Lösung: ich lass mich von einer Schlange beißen. Sterbe nicht daran, aber werde bewusstlos. Und dann kommt der Löwe und frisst mich.
Aus irgend einem Grund war mir das wichtig. Dass ich nicht so rumlieg. (Sondern irgendwie nützlich bin? Wenigstens im Tod? Ich weiß nicht mehr, warum.)

Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte, die man einem völlig erschöpften Kind mit richtig hohem Fieber erzählen würde - aber für mich war das die beste Gute-Nacht-Geschichte ever. In dieser Situation.
Ich war so glücklich. Dass ich endlich einverstanden sein konnte.
Ich war einverstanden mit diesem Ausgang!
Ich war so fein damit! Dass ich sofort wieder eingeschlafen bin. Diesmal tief und fest.
Und ich glaube, das war der Anfang von einer ich-schlaf-mich-gesund-Therapie.

Ich erinnere mich nur noch ganz verschwommen und ein kleines bisschen an irgendwas weiteres. Wie sie wieder zurückkamen, Herr Riemann und meine Mutter. Mit dem Auto. Dann aber an gar nichts mehr.

Die Geschichte fand ihr Ende in dieser Großen Ruhe.
Die ich fand. Neben dem Baum, der mir keinen Schatten mehr spendete.
Aber es war schön. In seiner Gegenwart.
Alles war gut.
Ich hatte ein gutes Ende gefunden.
Und war durch und durch einverstanden damit.

Damit löste sich alles auf
alle Probleme...
alle Nöte...
alles Kopfweh...
alle Angst...

Ich durfte in Frieden schlafen

An mehr
brauch ich mich nicht mehr erinnern.
Und tu es auch nicht.


nachtwind

Gesund wurde ich ganz von selbst.
Es hat gedauert, das Fieber. Aber das war alles nicht mehr schlimm.
Nervenfieber nannte man das. Damals. Hohes Fieber ohne erkennbaren Grund. Soweit ich das noch erinnere.
Ich weiß gar nicht, ob es das heut noch gibt?
Also den Namen?

Herr Riemann ist ein Jahr später gestorben. Er war in einem Cabrio unterwegs gewesen. Das Cabrio hat sich überschlagen und ist in einem kleinen Graben neben der Straße gelandet. Ich weiß noch, dass diskutiert wurde, ob er direkt tot war. Oder noch lange dort verletzt lag.
In Namibia war wenig Verkehr. Auf den ,,Landstraßen". Das waren keine asphaltierte Straßen. Einfach Steppe. In der zwei mal im Jahr ein großer Schieber fuhr. Ähnlich wie unser Schneeschieber. Und die ,,Straße" glättete. Wenn sie frisch gespurt war, fuhr sie sich ziemlich gut. Wenn's länger her war, nicht mehr so. Und an manchen Stellen konnte man auch gar nicht mehr erkennen: wo ist jetzt die Straße? Und wo die Steppe?
Im Zweifel immer an den Strommasten entlang, hieß die Zauberformel.
Aber leider lief nicht immer eine Stromleitung neben der Straße.
Man konnte schon verloren gehen.
Und wenn man stecken blieb, in einer Sandwehe, und nicht mehr selber rauskam, dann war man angeschmiert, wenn man kein Wasser bei sich hatte.
Hier kam manchmal ein, zwei Tage keiner mehr vorbei. Zum helfen. Manchmal auch nur ein paar Stunden.
Aber auch das ist lang, furchtbar lang. Wenn man verletzt da liegt.
Und grässliche Angst hat.
Der Gedanke, dass er so hat liegen musste, eventuell, tat mir weh. Für ihn.
Er war gut gewesen zu mir.
Ich hab gehofft, er durfte gleich sterben. Ich hab es sehr gehofft.

Meine Mutter war untröstlich. Tage lang. Das hat niemand von uns verstanden.
Aber sie war halt eh immer mal wieder ein bisschen sonderlich.
So war unsere Familienerzählung.
 
Meine Mutter war schon furchtbar einsam.
Nie hat sie einer verstanden. Oder sich wenigstens mal die Mühe gemacht.
Noch nicht einmal interessiert hat es jemanden. Wie es ihr eigentlich ging.
Oder es auch nur bemerkt.
Gut, bemerkt hab ich es schon. Aber ich war damit auch die einzige in der Familie.
Und nachgefragt hab ich ja auch nicht.
Da kann ein Mensch schon dran ersticken. An so einem völligem Desinteresse.


nachtwind

Und  Carola Schätzle und ihre gottverdammten Atjudantinnen?
Das Ende dieser Geschichte ist schnell erzählt.

In der ersten Woche nach den Sommerferien kamen sie wieder auf mich zu. Ließen ihren Dreck auf mir zurück und gingen wieder. Triumphierend. Wie immer. Ich schau ihnen nach. Spüre, wie da ein Riss sich auftut in mir. Immer weiter aufreißt. Lava quillt heraus, erst wenig, dann immer mehr.
Und irgendwann ist der Riss breit genug - und ein Vulkan bricht sich Bahn - bricht aus!!! Mit so einer Macht... mit so einer gewaltigen Macht!

Ich renn ihnen hinterher. Ruf, schrei eher: Carola!!
In all der Wucht war es mir wichtig, nicht hinterrücks zu kämpfen. So viel Ruhe hatte ich noch. Und Klarheit! Ruf sie nochmal. Bis sie sich umdreht. Spöttisch. Irgendeinen Spruch herablassend. Und dann doch langsam aufmerksam werdend... Ich vergesse bis heute nicht, was sich in diesem Gesicht abspielt.
Sie sieht. Und sie versteht. Noch ist sie siegesgewiss. Aber das erste bisschen Besorgnis seh ich noch auf ihrem Gesicht sich ausbreiten -
dann hält mich nichts mehr zurück!

Sicher, sie ist zwei Jahre älter.
Sicher ich bin sehr klein noch dazu für mein Alter.
Sicher, sie hat Schwimmer-Oberarme... voller Muskeln.

Aber ich hab etwas, was sie nicht ansatzweise hat!
Ich hab die Schnauze voll. Gestrichen voll! So was von voll!!
Ich habe so einen Zorn in mir!! So einen gewaltigen Zorn!!!
All die angesammelte Wut in mir, all die viele, ungezählte  Wut
hat sich zu einem Zorn geschmiedet in mir -
der lässt sich, einmal ausgebrochen, nicht mehr aufhalten!
Der bricht sich seine Bahn!
Und diesem Zorn, diesem geschmiedeten Zorn ist auch Carola Schätzle,
2 Jahre älter, beste Schwimmerin der Schule, nicht gewachsen.
Wie auch.
So einem Zorn ist niemand gewachsen.
Der nicht selber so einen Zorn in sich trägt.

Gut, Klitschko vielleicht. Oder irgendein andrer Erwachsener vielleicht.
Aber gefühlt
halt niemand. Das reicht!

Ich kämpfe ohne Zögern. Ohne Sorge, dem nicht gewachsen zu sein.
Ohne jeden Zweifel!
Ich kämpfe, weil es nichts andres mehr gibt. Auf dieser Welt.
Nichts - als diesen meinen Zorn. Und diesen meinen Kampf!

Und natürlich endet es damit dass ich sie unten hab. Auf dem Rücken.
Mit den Schultern auf dem Boden. Ich zähl bis zehn. Und dann lass ich sie.
Dreh mich um, schau sie nicht mehr an - lass sie da.
Und renn zurück in's Klassenzimmer. Ich renne nicht, ich stampfe. So kräftig und entschlossen, meinen grauen Schuluniform-Faltenrock schleudert es nach oben. Das sehe ich noch heute vor mir. Wie es den Faltenrock hochschleudert. Meine Schritte trommeln auf dem Boden. Und schleudern ihn immer wieder hoch.
Ich bin so grimmig entschlossen!!
Ich weiß, jetzt hab ich es endgültig versaut! Das verzeiht sie mir nie!
Und es ist mir
so scheiss egal!!!

 Die nächste Woche ist Klassensprecherwahl. War ja immer Carola. Klar.
Dieses Mal wird sie es nicht. Das find ich gut.

Ich werd es.
Da versteh ich die Welt nicht mehr.
Es war doch die ganze Klasse gegen mich.
Und jetzt ist alles gut??
Mit einem Mal um 180 Grad gedreht?!
Das war jetzt nicht vertrauenserweckend. Ganz und gar nicht.
Ich warte ab.

Viele Jahre lang halte ich es für die rätselhafte Wankelmütigkeit der Menschen in einer Gruppe. Nicht vorhersehbar.
Erst lange, nachdem ich erwachsen geworden war, dämmert es mir, dass es wahrscheinlich nie die ganze Klasse war. Dass sie es vielleicht sogar auch gar nicht gut fanden. Sich aber einfach nicht getraut hatten.
Sich einzumischen. Und jetzt erleichtert waren.
Dass das Problem sich gelöst hatte. Aus ihrer Sicht: von allein.

Es ist nicht immer so gewesen, wie man das erlebt hatte. Nicht jede Erinnerung erzählt die ganze Geschichte.
Es lohnt sich, immer wieder mal das Ganze noch mal neu anzuschauen. Ob es da nicht auch Erlebnisse gibt, die so
gar nicht wirklich stimmen.
Es war gar nicht die ganze Klasse.
Es hat sich nur so angefühlt.

Ich blieb bis zum Schluss Klassensprecher.
Und ich denke, ich war eine gute Klassensprecherin.
Den Lehrern gegenüber hatte ich keine Scheu, Dinge anzusprechen. Wenn sie uns wichtig waren.
Und innerhalb der Klasse - ich war genug getreten worden, dass ich nie vergaß, wie sich das anfühlt. Und hatte immer potentielle Außenseiter im Blick. Bevor es schmerzhaft werden konnte.
Wir waren eine friedliche, eher fröhliche Klasse. In der sogar Carola und die ihren einen Platz finden konnten.
Die einzige  Veränderung: sie hatten keine Macht mehr.

Wie es ihnen damit ging, weiß ich nicht.
Ich hab mich nie mehr für sie interessiert.
Aber so, ohne Macht, hatte ich auch nichts mehr gegen sie.



nachtwind

Wir beiden Übriggebliebenen nach dem dann  doch geglückten Auszug von Frau mein-Enkel.... haben eine Menge Spaß. Erst der Lachflash, dann freuen wir uns gemeinsam vergnügt auf unsre hochwertigen Mahlzeiten in der Teeküche - wir duzen uns mittlerweile. Und den Vorhang zwischen unseren Betten hat sie auch zurückgezogen.
Auch im Krankenhaus kann es mal schön sein. Nix besonderes. Einfach nur schön. Keiner hat grad Schmerzen.  Keiner macht sich grad Sorgen. Das reicht schon. Um dankbar zu sein.
Und dankbar sein entspannt. Wusste ich damals noch nicht. Hat es aber natürlich trotzdem getan. Mit willkommener Wirkung.

Dann wird am Nachmittag ein Bett in unser Zimmer geschoben. In die Lücke, die der Auszug von Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein hinterlassen hat.
Wir hatten uns schon dran gewöhnt.
Jetzt sind wir wieder vollzählig.
Ich grüße kurz und herzlich. Keine Reaktion. Jaja,diese Drogen...
Ich hab grad meine Nachmittagsrunde gedreht, zweimal den Flur auf und ab. Ich mach es gern - ich weiß ja wofür. Selbstständig geht das hier weiter. Wenn ich wieder nach Hause darf. Aber natürlich strengt das schon auch an.
Leg mich aufs Bett. Meine Insel. Mein Bereich.
Muss wieder an die alten Damen im Gazastreifen denken. Die wahrscheinlich für so was Banales, Alltägliches wie Krebs wohl so gar keine Hilfe mehr finden. In den wenigen Krankenhäusern, die noch nicht zerschmettert sind.
Schau ein paar mal zu unserer neuen Mitbewohnerin rüber - irgendwie kümmert sich keiner...??
Irgendwann kann ich mich nicht mehr zurückhalten - es geht mich doch was an!
Also geh ich zu ihr... weiß auch nicht recht, was ich machen soll - aber irgendwas will ich einfach machen.
Sie ist so lost.

Also begrüß ich sie noch mal, direkt an ihrem Bett. Persönlich, sozusagen. Freundlich. 
Kommt eine so dankbare Reaktion - jetzt läuft es von ganz allein.Frag sie, ob sie etwas braucht? Natürlich erstmal nicht. Diese Drogen...
ob ich ihr Handy in's WLAN einloggen soll? Ich weiß auch nicht, ob ich das kann - aber ich kann es ja versuchen. Sie schaut mich interessiert an. Aber gibt kein ok.
Weil Sie ja vielleicht mal jemanden schreiben wollen, dass alles soweit gut gegangen ist? Jetzt verbinden sich ein paar Synapsen... und sie drückt mir fröhlich ihr Handy in die Hand. Ja, will sie! Ganz sehr bestimmt! Auf jeden Fall! Am besten sofort.
Ich zieh los mit ihrem Handy zum WLAN-Zettel, hoffe - und scanne, bzw. das Handy macht das ganz von allein. Ich halte es nur davor. Reicht schon.
Stolz wie Bolle!!
Und sie hält es glücklich in den Händen.
Original so wie ich. Damals. Ob sie wohl gleich schreibt?
Oder einfach auch erstmal nur zufrieden glücklich ist?
Damit?

Angefeuert durch den schnellen Erfolg biete ich ihr wagemutig an, sie mit dem Fernsehtablet zu verbinden. Nur versuchen. Weiß nicht, ob ich das kann. Sie nickt wieder, ziemlich begeistert.
Ich glaube, ich könnte ihr locker eine Schrottwaschmaschine verkaufen grad. Und sie wär happy damit. Hauptsache ein Mensch ist jetzt grad da.
Und kümmert sich um sie.
Sie braucht ja nix.
Aber das allein
tut eben einfach sowas von gut.

Ich bin ja auch schon zweimal verbunden worden.
Und hab gut aufgepasst.
Man weiß ja nie.
Schon rentiert sich das.
Es klappt tatsächlich! Auf Anhieb!
Ich fühle mich total kompetent!! Fast schon übermütig!
Hab echt Lust, noch mehr Patienten mit dem Tablet zu verbinden - schade, dass kein weiterer Bedarf ist!
Ich glaube, auch das
steckt sie fröhlich weiter an.
Wir sind beide sehr zufrieden.
Außerdem kennt sie sich aus. Wie der Fernseher funktioniert. Sie war schon öfters hier drinnen.
Das macht es viel einfacher.
Außer an und aus hätte ich auch nix zu bieten gehabt.
So sind wir beide zufrieden.
Sie, weil sie mir was abnehmen konnte. Selber groß!
Und ich, weil alles klappt wie geschmiert.
Es beflügelt mich. Und so arbeite ich alles ab, an das ich mich noch erinnern kann. Die ganze Liste.
 Brauchen Sie noch was? Etwas zu trinken? Viel trinken -
die Narkose raustrinken aus dem Körper.
Ich sehe, sie ist viel mehr Profi als ich. In solchen Dingen. Sie ist vertraut. Mit Krankenhaus-Routine.
Aber gesagt ist gesagt. Und erinnert ist erinnert. Und eigentlich geht es hier jetzt auch grad nicht um Nützliches - es geht um Menschliches. Nähe....Fürsorge.....
Ich erinner mich ja noch gut!

Immerhin schütte ich ihr ein Glas ein. Damit es schon mal eingeschüttet ist.
Und sie lässt es lächelnd geschehen.
Was Warmes vielleicht? Es gibt hier eine Teeküche. Oder Kaffeeküche. Ich könnt was holen.
Nein..... alles gut. Sie ist versorgt. Vergnügt versorgt.
Diese Drogen....
Gut - ich müsste mich jetzt auch wieder mal hinlegen....
Wenn Sie noch was brauchen, einfach melden - ich liege gerade Ihnen gegenüber. Und zeige auf mein Bett.
,,Ja!!!" Jetzt ist sie ganz eifrig - ,,natürlich hinlegen.... legen Sie sich hin!!"
Richtig nette Frau!!!

Ich lächle noch Minuten vor mich hin. Viele Minuten . Als ich wieder auf meiner Insel lieg.
So viel haben wir uns gegenseitig herzlich angelächelt. Die ganze Zeit.
Das glüht einfach nach.

 Nicht nur ihr tut das gut.
Mir auch.
Erstens fühl ich mich ja auch noch auf Droge.
Vermutlich mehr so feinstofflicher Natur. ;)
Und vor allem aber ist es eigentlich ganz egal, auf welcher Seite der Fürsorge du dich grad befindest.
Fürsorge ist Fürsorge! Und macht beide Seiten gleich satt. Man atmet dieselbe Luft.
Weil man sich ja nahe ist. Vorübergehend.
Win-win mal wieder. Selbstaufladend. Feine Sache.

Das habe ich mit meinen Kindern erlebt. Erst erstaunt entdeckt. Und dann verstanden.
Und immer und immer und immer wieder bestätigt bekommen. So erfahren.
Könnt ich in Stein meißeln.
So sicher bin ich mir damit.

Später am Abend kommt endlich mal eine Schwester zu ihr. Und ist ganz erstaunt, dass schon alles erledigt ist.
Mittlerweile hat sie auch einen Tee gewollt, und in dem Zuge nochmal das Glas aufgefüllt bekommen - hat auch ordentlich getrunken schon.
Erfahrene Patientin.
Die Schwester ist ein bisschen verwirrt, kommt mir so vor. Dass alles von selbst gegangen ist.
Enttäuscht? Aber warum sollte sie? Ist doch gut.
Oder nicht? Vielleicht fühlt sie sich unnütz?
Keine Ahnung.
Ich finde, es ist doch alles gut.
Oder war ich übergriffig?
War das übergriffig? Was ich gemacht hab?
Ich hoffe so, das nicht!!

Sie will ihr im Gehen noch den  Vorhang vorziehen. Damit sie Privatsphäre hat. Da protestiert sie aber energisch!
Ich muss grinsen. So energisch!
Nein, nein! Der Vorhang bleibt auf! Auf jeden Fall!!
Ich ahne warum. Und winke ihr im Liegen zu.
Sei lacht.
Die Schwester ist jetzt endgültig verwirrt.
Aber wir zwei beide verstehen. Uns.

Ist wie bei Konrad Lorenz. Verhaltensforscher. Leute in meinem Alter werden sich noch an ihn erinnern. War damals neu! Und spannend.
Er hat Wildgänse großgezogen. Und sie sind ihm immer hinterher. Wie einer Mutter. Einer Wildgänsemutter.
Was du als erstes erblickst, dass sich um dich kümmert, das ist eben jetzt auf immer: deine Mutter.
Er hat sie mit andren erwachsenen Wildenten zusammengebracht - hat nie connected. Sie hatten ja schon eine Mutter. Sie brauchten keine andre. Auch keine artgerechtere.
Ich weiß nicht mehr, ob er mal andre Menschen in seinen Gummistiefeln vor ihnen herlaufen hat lassen. Oder ob ich mir das nur gewünscht hätte. Ich steh auf Experimente. Find ich oberspannend.
Ob die Fixierung die Gummistiefel waren. Mit Mensch darin.
Oder ob er es sein musste.
In diesen Gummistiefeln.

Aber dieses Bild, wie die Küken seinen Gummistiefeln hinterherwatschelten, ging durch die Presse. Und mir in's Gedächtnis rein. Ich weiß gar nicht - gab es vorher keine Verhaltensforschung?
Auf jeden Fall war es bemerkenswert.
Und merkenswert!
Ich weiß es ja noch.

Genau das
war mit uns passiert. Mit Frau Schuster aus Bischoffingen. Wie wir später dann erfuhren. Und mir.
Bindung geklappt.
Wäre sie eine Wildgans und ich hätte Gummistiefel, würde sie mir jetzt hinterherwatscheln... zumindest bis die Drogen ihre Wirkung verlieren.
Denn sie ist ja nun nicht frisch geschlüpft!
Sie braucht ja nur vorübergehend Orientierung.


 Ich war in Gedanken immer wieder bei der Erinnerung aus Namibia - diese Erfahrung, dass alle plötzlich unsre Schuluniform von damals trugen, auf dem Gang in der Klinik, die war schon sehr speziell.
Verwunderlich.
Nichts bedrohliches - eher spannendes.
Ich hab sowas noch nie erlebt.
Vermutlich die Drogen, dachte ich. Und denk es nach wie vor.
Bin ganz in Gedanken eingeschlafen. Ganz ohne Fernseher.
Aber das war jetzt nicht das einzige Außergewöhnliche. In dieser Nacht.

Irgendwann werd ich wach. Höre Frau Schuster rumkruschteln. Und letztendlich sich auf den Weg in's Bad machen. Erster Gang. Kann auch schiefgehen.
Instinktiv will ich mich aufrichten, ihr signalisieren, ich bin da. Falls es nötig wird.
Noch instinktiver aber, und das ist mir noch nie passiert, spür ich deutlich: das will ich jetzt doch nicht. Das ist mir jetzt doch zu viel. Ich will es einfach nicht.
Vielleicht hab ich auch schon früher mal deutlich spontan gespürt: ich will das nicht!- aber so deutlich, dass ich es dann auch genauso spontan einfach:
nicht tue - ich weiß nicht, ob ich das schon mal mit mir erlebt hab. So ohne jede Frage. Einfach so. Ohne jeden Zweifel...deutlich! Ohne den Hauch eines Zweifels! Direkt.
Ich erinnere es zumindest nicht.
Da lieg ich also - hellwach vor Erstaunen ... und feier das überwältigt ab!
Mach keinen Mucker - aber feier das groß ab! In mir.
Und mir wird zum ersten Mal ganz deutlich:
irgendetwas hat sich verändert! In mir.
Irgendetwas!
Krass!

Und natürlich bekomme ich Elefantenohren. Und horche auf jedes winzigkleines Geräusch. Und ich fahre die Elefantenohren erst wieder ein, als ich mir sicher bin, jetzt liegt sie wieder im Bett.
Ich wär ja dagewesen! Sofort.
Es war mir ja nicht egal.
Nur mich aufsetzen, signalisieren ich bin wach - das wollte ich einfach nicht.
Das war mir zu viel.
Und da hab ich es eben einfach nicht gemacht.
Ganz einfach!
Es geht ganz einfach!

Das war schon eine Feier wert!

Also damit das jetzt nicht völlig missverständlich wird: natürlich hab ich in meinem Leben ganz arg viele Sachen nicht gemacht.
Sehr sehr viel mehr nicht gemacht als gemacht.
Mein Leben ist gepflastert aus lauter Sachen, die ich nicht gemacht hab!!
Und nur ganz ab und an
hab ich auch mal was gemacht.

Aber dieses unstoppable... dieses ohne jede Frage, ohne jeden Zweifel
kaum gedacht - schon getan... das
fällt schon sehr auf.
Als hätte sich etwas verschoben in mir.
Als hätte sich eins der Gitter urplötzlich als Türe entpuppt. Die mit einem Mal offen steht. Einfach so.

Eins der Gitter, die mein Leben ordentlich einengen, aber eben schon so lange, dass ich es kaum wahrnehme - nur in Krisenzeiten.
Dann aber nicht als Gitter, sondern als Beleg dafür, dass ich völlig unfähig bin.
Zu leben.

Jetzt steht es mühelos offen. Ohne jede Anstrengung...
Kann das sein?
Kann das wirklich sein?
Na, mal abwarten.! Wie lange das wohl hält.
Aber dass es überhaupt mal in meinem Leben auftaucht!
Das ist eine echte Feier wert!


Und was uns anging:
wir waren wieder komplett.
Und blieben es auch.
Bis ich sie verließ.

nachtwind

Am nächsten Tag erfahre ich die Hintergründe. Warum sie mir so lost vorkam.
Weil sie es wirklich war.

Unsere Vor-Zimmergenossin hatte ja das Glück, dass sie länger im Zimmer bleiben konnte als vorgesehen. Damit es ihr reinpasst. In ihr noch ein bisschen wackeliges Leben. Nach dem Krankenhaus.

Das war ja positiv. Hat uns gefreut.
War aber eben auch negativ. Für unsre so nette Frau Schuster aus dem Kaiserstuhl.
Sie hatte ja an diesem Tag ihre geplante Op. Zu der sie auch pünktlich angereist kam. Nur war eben ihr Zimmer noch nicht frei.
Was also tun?
Sie musste sich im Stationszimmer umziehen. Mit Kittel und unten ohne in ein Bett auf dem Flur klettern. Und ab geht die Fahrt zum Op-Bereich.

Ja klar - immer noch tausend mal besser als im Gazastreifen... sie hat auch nicht gejammert, kein bisschen. Sie war wirklich eine durch und durch liebenswürdige Frau!
Aber ehrlich - sie tat mir schon ein bisschen leid.
Vorher schon Improvisation - und hinterher kam auch keiner.
Kein Wunder, dass sie sich so gefreut hat. Als ich plötzlich an ihrem Bett stand... endlich mal ein Mensch. Nur für sie allein.
Für 5 Minuten.
Wie gut, dass ich mich nicht mehr zurückhalten konnte.
Manchmal passt's.
Manchmal läuft es einfach rein.

Ich habe damals kurz über das ,,Willkommen" nachgedacht.
Wer einmal aus einer Ohnmacht aufgewacht ist, der weiß, wie offen man in dem Augen-Blick ist.
Man hat keinen Plan, keine Orientierung, nichts von vorher und nichts von der Zukunft - einfach nichts, nackt im Hier und Jetzt. Augen offen alles offen...
Für diesen einen ersten Augenblick.
Wenn da ein freundliches Menschengesicht das erste ist, was man sieht, und man sieht dieses lächelnde ,,Willkommen!" - das fällt tief!
Das ist sehr schön!
Sehr sehr schön!

Aus gegebenen Anlass denk ich die letzte Zeit öfters über das Willkommen nach.
Bzw. was man tun könnte, wenn da ein Riesenschmerz sitzt.
Und deshalb hab ich jetzt hier umgeschrieben.

Jetzt mal angenommen, nur mal angenommen, es ginge wirklich um das Willkommen.
Dass der Große Schmerz ist: Ich bin nicht willkommen.
Dann ist es keine Schande - und kein Wunder - dass man, wenn man eine Kündigung der Wohnung einen Monat nach dem Umzug erhält, völlig aus der Bahn geworfen wird.
Schließlich hat man ja erst grad eben genau dieses Problem ,,Ich bin hier nicht mehr willkommen" tapfer gelöst.
Jetzt erneut da rein gestoßen zu werden, ist selbst für sehr starke Persönlichkeiten genau einmal zu viel.
Nicht tragbar. Nicht ertragbar. Tilt!
Nix geht mehr.

Starke, in sich gefestigte Personen schaffen es, nicht völlig in dem gewaltigen Loch zu verschwinden, das sich da unter den eignen Füßen auftut.
Nur ein bisschen. Immer wieder.
Aber eben nicht ganz und gar. Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Das eben nicht.

Und jetzt kann man eben auch wieder mal ein bisschen denken. Nicht nur fühlen.
Und mit Denken mein ich nicht, den nächsten Schritt zu denken.
Sondern über diese gemeine Situation!
In die man nie wieder gelangen wollte!
Und jetzt doch ist.
Das zweite Loch. Im Loch.
Bedeutend mehr Treibsand dort! Gefährlicher Ort! Bloß jetzt nicht zu lange dort aufhalten!
Man ist schnell versunken. Ohne es zu bemerken.
Erst wenn man wieder raus will, da packt einen die Panik!
Geht ja nicht! Geht einfach nicht...

Warum?
Weil wir unsre wirklich Großen Schmerzen
nie mehr wieder erleben wollen.
Und dafür so viel tun! Uns so anstrengen! !
Damit wir diesen Großen Schmerz nie mehr fühlen müssen.
Nie mehr!

Und es ging ja auch... mit riesigem Aufwand und extremer Geduld, die wir gar nicht hatten, haben wir es ja ne Weile geschafft. Dachten wir!
Jetzt ist er wieder aufgetaucht in unsrem Leben...
und alles, alles
war einfach nur:
umsonst!!

Alle unsre Bemühungen! Aller unser Einsatz!! Alles, was wir so mühsam aufgebaut haben - Zack! Ein Windstoß!
Und alles ist kaputt. Wieder kaputt! War nie heile... war alles nur eine billige Illusion.
Wir schaffen das nie!!!
Wir haben das nie geschafft!!
Und: wir schaffen das nie!!

Bleib bloß nicht stehen dort! Versinke jetzt bloß nicht genau dort.
Und wenn es nicht anders geht, dann binde dich - bevor du es nicht mehr kannst - schnell noch an den Baum dort in der Nähe.
Auch wenn du dir es jetzt nicht mehr vorstellen kannst, wirst du irgendwann einmal aus diesem Loch wieder rauswollen. Und das geht dann nur noch in SlowMo... quälend langsam. Und nur unter  extremen Kraftaufwand.
Treibsand ist einfach Scheiße!!!
Ein Glück, wer vorgesorgt hat. Und sich angebunden hat. An etwas, was Kraft hat!Ungerührt von all dem.
Sag nicht, bei dir steht kein Baum in der Nähe.
Das stimmt nicht.
Jeder hat einen Baum. In der Nähe von solchen Treibsandlöchern. Jeder.
Wenn du nichts siehst, heißt es nicht: da ist nichts da.
Du hast nur noch nicht Ausschau gehalten. Danach.

Es ist nie zu spät, danach zu suchen.
Und gerade wenn man im Treibsand feststeckt, entdeckt man besser. Manchmal.
Auch wenn man gar nicht weiß, dass man sucht. Geschweige denn, dass man findet.
Erst hinterher. Vielleicht. Wenn man Glück hat. Bemerkt man das.

Ok. Wer dem Treibsand entkommen - und sich auch am Rand des großen Loches befindet, der kann sich mal den Luxus gönnen, sich auf den Rand schwingen, die Beine baumeln lassen... und einfach mal so vor sich denken.
Nicht fühlen jetzt mal. Denken.

Was, wenn es gar nicht darum geht, diesen Großen Schmerz auf immer aus unsrem Leben zu verbannen?
Ihn so besiegen?
Was, wenn es gar nicht um's Besiegen geht?
Um's nie mehr erleben?
Was, wenn es um das Gegenteil geht?
Ihn in sich anzuerkennen. Diesen Schmerz. Als den ganz eignen, ganz persönlichen Schmerz anzuerkennen... der zu einem gehört mehr noch als der eigne Name. Eher wie die eignen Fingerabdrücke. An denen man unter 8 Milliarden genau dich
herausfinden kann. Genau nur dich! Niemanden sonst.
Nur: dich! Ganz persönlich.

Was, wenn es darum geht?
Was ändert sich denn dadurch?
Tut es dadurch erträglicher weh? Schneidet es dadurch nicht mehr durch's Herz, sondern nur durch die Haut?
Nee.
Ganz und gar nicht.
Bei mir erleb ich in der letzten Zeit, dass es im Gegenteil manchmal sogar noch viel heftiger überfluten kann.
Ohne Ankündigung.
Weil ich nicht mehr erstarre? Wenn ich ihn spür, den Schmerz?
Weil er sich willkommen fühlt? Der Schmerz?
Weil ich ihn nicht mehr vertreiben will? Und meine Lebensleistung davon abhängt?
Ihn aus meinem Leben vertrieben zu haben?

Wie auch immer, eines ist anders:
es geht viel schneller wieder weiter.
Mit irgendetwas andrem. Was grad so ist.
Erinnert mich an die kleinen Kinder.
Die so tapfer noch sind. Und sich ganz in die Gefühle reinwerfen. Und den tiefsten Kummer erleben - und in den nächsten Sekunden lachen, weil jemand ganz Nettes sie da rausgeleitet hat, in dem er etwas Lustiges gemacht hat. Gesicht noch nass von all den Tränen - und trotzdem kann es lachen.
Dieses Kindergesicht. Genauso ehrlich und authentisch. Wie eben noch das Weinen.
So ähnlich ist es bei mir.

Tiefer noch. Noch näher dran. Am Schmerz.
Aber dann ist auch wieder gut. Und etwas andres
möglich.
Muss nichts verarbeiten, einordnen, Krönchen richten, verstehen auch ...
es ist einfach wieder gut.

Das ist verblüffend.
Muss mich noch ein bisschen dran gewöhnen.
Auch: dem vertrauen.
Vertraut werden damit.

Der Treibsand ist halt auch weg. Dadurch.
Weil ich ja den Schmerz nicht mehr verbinde mit: wieder gescheitert!
Wieder gequält von der grässlichen Ohnmacht. Weil mir jemand was antut. Und ich es nicht verhindern kann.

Mal ehrlich: das kann man nicht verhindern!
Das man verletzt wird. Etwas schief läuft. Man in Konflikte gerät.
Also eh kein Grund, oder? Zu denken, man hat wieder versagt! Oder hilflos gewaltigen Zorn verspüren - weil man alle und alles vernichten muss! Das einen so fühlen lässt.
Ist doch alles verständlich! Aber überhaupt nicht realistisch.

Man kann nicht verhindern, dass man verletzt wird.
Egal wie viel man trainiert. Um unverletzlich zu werden.
Kann doch nicht klappen.
Man kann nur resilienter werden. Das ist alles.
Das ist das ganze Geheimnis.

Und das eben nicht, in dem man den Schmerz - und den, der ihn verursacht - aus seinem Leben heraustreiben will! Unbedingt muss!
Sondern im Gegenteil.
Das man ihn akzeptiert. Als seinen ganz eignen persönlichen Schmerz. Der uns zu dem macht, der wir sind.
Wir wären nicht wir.
Wenn wir ihn nicht hätten.
Also...

Natürlich denk ich die ganze Zeit auch an dich, ina. Ich wusste nur nicht wohin mit so eins-ergibt-sich-aus-dem-anderen-Gedanken. Wer will so was Theoretisches auch lesen. So lang noch dazu.
Es ging nur hier.
Und vielleicht liest du es ja auch doch noch mal. Irgendwann. Wenn die Welt wieder sanfter geworden ist.

Was, wenn das Leben dir wirklich eine Nachricht geschrieben hat. Knapp vor der Kündigung?
Und dir das kleine Mädchen und seine Mutter wirklich berührend gesagt haben: willkommen, ina! Du bist uns willkommen!
Auch wenn wir dich noch nicht kennen - wir feiern, dass du da bist.
hey :)
Und was, wenn das Leben dir wirklich etwas sagen will, wenn die Eulen über euch kreisen. Weil sie sich wohlfühlen dort.

Was, wenn es nicht darum geht, jetzt trotzig zu zeigen: mich kriegst du nicht klein!
Wobei mir das hochsympathisch ist! Und tausendmal erstrebenswerter als zu resignieren!
Aber vielleicht geht es darum zu verstehen: ja, du zeigst mir, dass ich nicht willkommen bin.
Und das rührt an einen uralten Schmerz in mir.
Du bist nicht der erste.
Aber ein kleines Mädchen und ihre Mutter, die Eulen über uns beiden, so vieles
zeigt mir auch: ich bin willkommen!

 Beides ist real.  Beides ist wahr. Beides hat seinen Platz. In meinem Leben.
Und meistens bin ich so frei, dass ich selbst entscheiden kann, wohin ich schauen mag. Denn beides ist meins. Beides ist ein Teil von mir. Beides gehört zu mir.
Und meinem Leben.
Und meinen Erfahrungen.
Und beidem verdanke ich viel.

Warum das jetzt? Muss das jetzt wirklich sein? Das mit dem  Verdanken jetzt?!
Ist das nicht ein bisschen zu dick aufgetragen?!
Ist schon wahr:  muss jetzt nicht wirklich sein.
Kann tatsächlich auch viel später viel besser kommen.
Aber ich weiß halt nicht, ob du das später dann auch noch  mal entdeckst. Und zufällig liest.
Und deshalb schreib ich das jetzt hier. Weil es ja zusammengehört.
Und das nicht irgendwie.

Falls das also mit dem Willkommen ein Großer Schmerz ist von dir. Oder du es anders benennst. Damit es zu dir passt.
Dann ist doch genau das, das Willkommen (oder ähnliches), das für dich ein Großer Schmerz ist - für uns aber das, was uns auffällt.
Was uns einfällt, wenn wir denken: ina.
Was du uns schenkst. Frei Haus. Ohne was dafür zu wollen.

Du schenkst uns allen hier dieses dein Willkommen! So bedingungslos, wie nur du das kannst.
Jetzt fällt es nicht mehr so auf... weil ja kaum einer kommt. Und kaum etwas hochschaukelt hier. Aber damals, als hier viel los war. Und manchmal Wellen hochschlugen. Emotionen hochkochten.
Da warst du der Ruhepol. Der jeden willkommen hieß. Unbestechlich. Wenn andere sich zusammenschlossen. Gegen jemanden.
War es nicht so, ina? Ich erinner mich deutlich daran. Du dich auch?

Und wenn es so war, ina - und wenn dieses Willkommen ein großer eigner Schmerz ist in deinem Leben - und wenn du genau diesen Schmerz in ein Geschenk für andre hast umwandeln können, ina - sag mal ehrlich:
gibt es etwas Größeres als das?

Wenn man das so schafft?
Ohne Schnick und ohne Schnack:
gibt es etwas Größeres?

Und deshalb wünsch ich dir von ganzem Herzen, dass du - egal wohin dein Weg dich führt - du ihn mit beidem gehst. Mit deinem Schmerz... und dem Beglückendem!
Beide Seiten des Willkommens. In deinem Leben. In deinen Erfahrungen.
Mit deinem Schmerz - und  dem Geschenk, in den du ihn verwandelt hast.
Beide Seiten des Willkommens. Deines ganz eignen Willkommens.
Oder wie immer du das nennst.
Für dich.
hey :-)

nachtwind

Am Morgen dann eine sehr anrührende Szene.
Meine Nachbarin direkt neben mir hatte eine Brust-Op. Sie hatte sich Implantate einsetzen lassen, ging ja auch erst jahrelang gut, dann aber nicht mehr. Sie fühlte sich krank - aber keiner wollte sie ernst nehmen. Ihr glauben. Eine Odyssee begann. Sie hatte keine spezifischen Symptome. Nur dass irgendwas nicht stimmt.
Sie ist fast verzweifelt. Weil keiner ihr helfen konnte.
Dann endlich hat jemand sie ernst genommen. Irgendetwas stimmt mit den Implantaten nicht. Bildgebende Untersuchungen, Op, Implantate raus.
Eins war ausgelaufen. Nicht dramatisch. Aber erklärte ihr Gefühl, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt. Sie hatte so recht! Es hat ihr nur keiner geglaubt!

Das war ihr Zustand jetzt. Sie hatte fürchterliche Angst, wie sie jetzt wohl aussieht.
Wollte es aber auch nicht wissen. Klar.

Am Morgen dann war ihre Bandage verrutscht. Unsre Lieblingsschwester aus Ghana, Mela, war da, wickelte sie auf. Da standen die beiden Frauen voreinander, meine Nachbarin mit nacktem verletzten  Oberkörper - und ihr gegenüber Mela. Die Binden lose in den Händen. Und schaut auf ihre Brust.
Ne ganze Weile.
Bis meine Nachbarin es nicht mehr aushält und sie so bang so bang! fragt: ,,wie sehen sie aus? Meine Brüste?"  Zittert. Mela, fast gedankenverloren aber nachdrücklich: ,,schön sehen sie aus!"
Pause.
Dann, natürlich glaubt sie es nicht, also noch mal ,, wirklich! Sie sehen schön aus. Sehr schön!"
Und schaut sie dabei so liebevoll an. Schwester, denke ich - wir sollten uns öfters Schwester nennen.
Die Männer machen uns das vor. Mit ihrem Bruder.
Es ist so anrührend, die zwei. In ihrer Not die eine, und in ihrer warme Sicherheit spendenden Freundschaftlichkeit die andre.
Natürlich glaubt sie es immer noch nicht, ,,schauen Sie sich das doch selber an. Im Spiegel. Im Bad. Sie sehen sehr schön aus!"
Traut sich nicht. Auch gut. Ist auch ok.
Ich bin augenblicklich Mela-Fan.
War ich ja vorher schon. Aber nicht so wie jetzt. Jetzt bin ich Ultra-Fan.

Mela wickelt die Binden auf. Da traut sie sich schnell doch noch. Bevor sie wieder unter den Binden verschwinden.
Im Bad vor dem Spiegel. Erst Stille. Dann ein Aufschluchzen.
Sie kommt erstmal nicht mehr raus.
Dann aber doch.
Mela fragt ein kleines bisschen besorgt: ,,war das jetzt aus Freude?" Ja, war es!
Und jetzt tanzen sie beinah miteinander. Die zwei Schwestern.
Beim erneuten Bandagieren.
Und lachen so breit.
So erleichtert.
Anrührend. Sehr.

Alles erleichtert, alles berührt, alles freundlich, alles beglückt bei uns in unserem Zimmer ... bis die Visite kommt.  Freundlich sind sie auch. Die beiden Ärztinnen. Alles gut soweit.
 Bis zu der Frage an mich:"Hatten Sie schon Stuhlgang?" ,,ömm - nee?"
War mir noch gar nicht aufgefallen. Es war ja auch immer was los hier.
Ja gut, also ,,nicht gut - müssen wir was unternehmen." Ich: ,, och nöö - stört mich gar nicht." Ja nee - ,,der Darm kann geschädigt sein durch die Op, das müssen wir abklären."
Ja ok... versteh ich. Wie? ,,Ja nun - Abführmittel."
Ach herrje. Kenn ich mich jetzt gar nicht aus. Also gut - Laxoberal.
,,Das Teufelszeug!", sagt meine Nachbarin noch. Ich hab keine Erfahrungen. Keine Ahnung. Also willige ich ein.
Eigentlich werd ich gar nicht gefragt - ich lehne es nur nicht entschieden ab.

Würde mir jetzt nie mehr passieren. Ich wüsste, was für ein No-Go das wäre. Für mich. Wusste ich halt noch nicht. Man lernt nie aus.
Manchmal schmerzhaft.

Alles nett, alles freundlich, die beiden Ärztinnen gehen zu meiner Bettnachbarin neben mir. Die ist jetzt halt auch sehr besorgt. Also sie hätte jetzt auch keinen Stuhlgang... die Ärztinnen schauen eher irritiert. Nein, die Frau nachtwind hat eine schwere Op hinter sich, und dazu noch im Bauchraum - und Sie ja nur eine leichte, und dazu nur in der Brust...
Ohjeh, das war jetzt ein bisschen herablassend. Ich ahne Übles.
Das wird sie mir so schnell nicht verzeihen.
 
Und so war es dann auch. Ziemlich schnell danach war der Vorhang wieder zugezogen. Und wir wieder beim Sie.

Das Problem aber war ein anderes. Es hieß Laxoberal. Lag auf meinem Mittagessenstablett, das ich immer noch bekam. Mittags war die Teeküche nicht besetzt. Und nix bekommen ging ja nicht.
Hab ich dann halt genommen. Hätt ich nicht müssen. Hab ich aber.
Zusammen mit ein paar Möhrchen, die ich mir gehorsam aus dem Teller rauspickte.
So weit so gut.
Bald nicht mehr.

Die Krämpfe kamen bald. Gut, dachte ich noch - jetzt werden wir sehen, ob der Darm geschädigt ist. Immer in dem Modus ,, wird schon gut gegangen sein" und der Entschlossenheit ,, wenn nicht, dann ist es gut, es bald zu erfahren". Damit ich mich früh genug kümmern kann. Was dagegen zu tun.
Ich war sehr entschlossen. Was das anging.


Ich hab mein Leben lang versucht herauszufinden, was wohl hilft. Bei irgendwas. Weil ich nicht so viel Vertrauen hatte. In die gängigen Verfahren. Bei irgendwas...
War ein-, zweimal richtig blöd schiefgegangen - also war klar: Ich muss mich selber kümmern. Um Alternativen.
Das kam mir jetzt zu Gute.
Ich war entschlossen. Und hatte auch genug gute Erfahrungen damit gemacht. Dass ich getrost den Kampf aufnehmen wollte.
Egal gegen was.

Ich bin da reingewachsen. Mit der Verantwortung für die Gesundheit meiner Tochter. Die in meinen unwissenden Händen  lag.
Und weil die ein-, zweimal Schiefgegangen schon hinter mir lagen, hieß es von Anfang an: finde eine Lösung. Abseits des Weges.
Natürlich, dass man da erst mal nach hinten schaut. Wie haben die früher das denn hingekriegt?
Es gab kein Internet. Nur Bücher. Bücher waren meine verlässlichsten Freunde. Also: Bücher.
Ich konnte schon fleißig sein. Wenn die Verantwortung mich trieb.

Ich brauchte Orientierung. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung. Und es gab kaum Angebote. War ja alles erst im Aufbau. Bioläden. Alternative Lebensformen. Literatur über Alternativen....
Wer heute geboren wird, denkt, sie waren immer da. Schon meine Kinder, heute über 40, denken, es gab sie schon immer. Diese Fülle an Angeboten. In alle Richtungen. Biosupermärkte. Biobaustoffe, alternative Heilwege...

Der erste Bioladen in Köln war ein winziges Kellerzimmerchen. Musste man eine Treppe runter, dann gab es da einen winzigen Raum. Aber ein Fenster hatte es.
Da war auch nix drin. Paar Säcke. Konnte man sich selbst abfüllen. Was man brauchte. Aber eben auch  die ,,Schrot und Korn", eine ganz billig zusammengeschusterte und -kopierte ,,Zeitung" - der Vorvorvorgänger all der Magazine heute. Und ein paar solcher Alternativ- Literatur.
Das war Nahrung für uns. Wir hatten doch die allermeisten überhaupt keine Ahnung. Aber wir wollten Veränderung. Und wollten wissen, wie das geht. Wir haben verschlungen, was es da gab. Es war uns dringend.
Aus den verschiedensten Gründen.

Dieser erste Bioladen, kein Schild nirgendwo, auch nicht im Fenster, inkognito, hatte zwei mal die Woche abends auf. Abends, weil es musste ja einer der Kooperative da sein zum Aufsperren und Dasein. Da hat keiner was verdient. Vom Laden.
Das war alles es-gibt-nix-Gutes-außer-man-tut-es.
Und: zum Schutz der Kunden. Könnt ihr euch heute gar nicht mehr vorstellen. Dass man angepöbelt wurde. Wenn man in den Bioladen geht.
War aber so. War hochsuspekt. Dem normalen Bürger. Da kriegte man ziemlich viel ab. An Verachtung. Lautstarker.
Ich weiß nicht warum, aber es schien ihnen  ein Angriff zu sein. Auf ihr Leben.
Und das
lässt man sich eben nicht gefallen. Ohne sich zu wehren.
Irgendwie so.

Und auf unser Seite gab es eben auch neben Kämpfern viele sanfte Seelen, die aus lauter Kummer nach Alternativen suchten.
Und solcher aggressiver Ablehnung  nicht gewachsen waren. Und sich nicht mehr trauten  zu kommen.
Auch deshalb eben nach Ladenschluss, nach Feierabend, nachdem alle rechtschaffenen Bürger zu Hause waren.
Es war auch kein Laden. Es war ein Verein. Deshalb ging das. Das erste Mal, wenn man reinging, unterschrieb man was  und damit war man Mitglied und durfte ,,einkaufen".

Es musste alles erst erfunden werden. All das Alternative. Es gab es ja noch nicht.
Der Vater meiner Tochter war der erste Biobäcker in Köln. Er war gelernter Chemielaborant. Ein Arbeitsunfall hat ihn zum Umdenken gebracht. Er war lange krank. Monate. Und als er gesund war, fing er an, im Backofen zuhause Brot zu backen. Immer 4 Stück pro Ladung. Und die hat er dann mit dem Fahrrad zu seinen ersten Kunden gebracht. Und verkauft.
Und weil die Brote immer besser wurden, und weil die meisten der Handvoll Alternativen gut vernetzt waren mit wieder andren Handvoll ,,Gleichgesinnten", hat sich das schnell rumgesprochen.

Und irgendwann wurde sein Backofen zu klein.
Und weil es größer werden sollte, sind noch zwei dazugestossen, Ingwer, eher ein Musiker, aber davon konnte man ja auch nicht leben, und Heini, der war eher ein Chaot. Aus ihm wurde ich nie richtig schlau. Was ihn antrieb. Was ihm wichtig war.
Was die drei verband, das war das Kiffen. Und ab sie sich zusammengetan hatten, das Backen.
Keiner hatte das irgendwie gelernt. Noch nicht mal daheim von der Oma.
Aber Finn, der Vater meiner Tochter, hatte ein Händchen für einfaches, ruhiges, ehrliches,total leckeres Brot.
Ich habe viel Brot gegessen in meinem Leben. Seines
war mit Abstand das leckerste.

Finn hatte eine lehrstehende Bäckerei in Wesseling klargemacht, mit allen nötigen Maschinen und Gerätschaften - und einem richtigen Ofen.
Das war der Stand, als ich ihn kennenlernte. Und dazustiess.

Ab dem Moment, als es nicht mehr der Backofen daheim war, sondern eine richtige Bäckerei, war es natürlich verboten, einfach so zu backen. Ohne Meister. Ich glaube mich zu erinnern, dass das Meistergebot viele Jahre später irgendwann zurückgezogen wurde, aber damals war das so. Keine Bäckerei ohne einen Meister. Ohne Meister keine Bäckerei.
Also haben wir mit heruntergelassenen Rollläden gebacken. Und gehofft, dass das schon gut geht.
Fynn hatte einen Bäcker klargemacht, der gerade seinen Meister machte. Und der bereit war, seinen Meistertitel zur Verfügung zu stellen.
Aber er brauchte noch ein Jahr.
Und bis dahin wollten die drei nicht warten.
Also haben wir gebacken und gehofft. Und ab und an ganz schnell alle Geräte ausgestellt. Und das Licht ausgemacht. Und kaum zu atmen gewagt.
Und inständig gehofft, dass sich die Spannung nicht in einem nicht mehr zu stoppenden Gelächter seine Bahn bricht.
 
Natürlich fiel es auf, dass jeden Tag unser Transporter vorfuhr und mit Kisten voll Brot beladen wurde... und natürlich gibt es immer Menschen, die sich wichtig finden, wenn sie so was melden.
Und natürlich gehen die Behörden dann solchen Hinweisen nach.
Manchmal war wochenlang Ruh - manchmal kamen sie jeden Tag. Zu unterschiedlichen Zeiten.
Und natürlich ist es wichtig, dass Kontrollen stattfinden. Auch und vor allem, wenn es um Nahrungsmittel geht.

Was das anging, da gab es nix zu beanstanden. Fynn war gelernter Chemielaborant. Da muss es ordentlich zugehen. Im Arbeitsbereich . Kiffen hin oder her. Da gab's kein Vertun.
Und irgendwann hatte unser Bäckermeister in spe auch seinen Meister.

Aber da war ich schon nicht mehr dabei. Ich war mit dickem Bauch mal ausgerutscht. Mit einer ganzen Stiege Teiglinge auf dem Weg zum Ofen.
Ich hab es geschafft, dass alles oben blieb und nix in den Dreck sauste, aber dementsprechend plump war ja dadurch ich dann gefallen. Und das mit dickem Bauch.
Ich war erschrocken wegen der Brote. Die Jungs wegen mir. Und meinem dicken Bauch.
Ich hatte nur einen verstauchten Knöchel. Aber wir haben uns drauf geeinigt, dass ich jetzt eh erstmal ausfalle - und dann besser nicht mehr komme.
War besser so.
Es fand sich auch schnell noch jemand, der einspringen konnte. Und wollte.

Der Klarheit wegen: ich habe da nichts mit aufgebaut.
Ich bin da nur reingerutscht. Und war eine Weile Teil des Ganzen.
Hab eher profitiert. Von der Chance. Als dazu beigetragen, dass sich da was entwickelt.
Außer, das ich mein Bestes gegeben hab. Für eine gute Sache.
Hab ich immer.
Und es war ja auch immer
eine gute Sache.
Ja gut, meistens. Vor den Bergen jetzt nicht so.
Aber seit ich aus den Bergen kam - immer.

Das war schon ein tiefer Einschnitt in meinem Leben.
Nur war es mir null bewusst.
Erst viele viele Jahre später wurde mir das zögerlich bewusst.

Dass man sein eignes Leben so gar nicht versteht! Schon krass!
Man lebt es. Aber man versteht es nicht.
Eigentlich unfassbar.
Vielleicht geht das auch nur mir so.
Aber mir
geht es definitiv so.
Deshalb muss ich ja auch so viel denken.
Immer.
;)

























nachtwind

Irgendwann fand ich im Sperrmüll ein ewig altes Buch, von 1934 oder so, schon reichlich zerfleddert. Ganz dickes Buch. Mit noch festem Einband. Und deshalb fast vollständig.
Das wurde meine Bibel. Wenn gängige Alternativen wie Kräuter oder Homöopathie oder Ähnliches versagten.
Das - und das Buch vom Zur Linden. Über Kinder... und Krankheiten... und Gesundungen. Das war meine Bibel, wenn es um die Kinder ging. Wenn sie krank wurden.
Und ich ja ein Schisser bin. Und niemand da war, mit dem ich hätte reden können. Darüber. Was jetzt zu machen sei.
Da war das grüne Buch mein Vertrauter. Meine Familie. Meine Freundin. Mein Ratgeber.
Ich habe das gebraucht.
In diesen Zeiten nicht allein zu sein.
Verantwortung ist nicht immer leicht. Oft auch sehr bedrückend.
Eine Herausforderung allemal.

Aber einfach abgeben an ein Buch... auch keine Lösung. Für mich.
Zweifel blieben immer.
Es war ein Zittern und ein Zagen.
Und bei allem immer noch dazu den Spruch im Hinterkopf:
,,Das Wichtigste für ein krankes Kind ist eine Mutter, die Zuversicht ausstrahlt."
Das war dann der ultimative Endgegner für mich.
Aber ich bin dran gewachsen.

Und habe dann, ab 30 Jahre später, bewundernd meiner Tochter zugeschaut, mit wieviel natürlicher Zuversicht sie ihre Kinder durch ihre Krankheiten geschaukelt hat.
Das ist Evolution.
In der zweiten Generation klappt es dann.
Wenn die erste Generation sich wenigstens jede Mühe gegeben hat.
Und das hab ich schon. Gewissenhaft.
Wie ein Angsthase halt so tickt.
Jederzeit bemüht.
Den Schaden möglichst gering zu halten.
;)

Ich hatte die beiden Bücher auch immer im Wagen dabei. Was schon was heißt!
Wenn etwas Luxus im Wagen war, dann war das: Platz!
Außer Kinderbüchern war nichts bücheriges erlaubt.
Von der energischen Innenarchitektin bzw. eher Platzanweiserin in mir.
Außer eben diesen zwei.

Also war ich gut trainiert. Vom unerbittlichen Coach Leben gut trainiert.
Alternative Wege zu suchen. Wenn es gesundheitlich mal notwendig wurde.
Ich war entschlossen, mich auch dem zu stellen. Dem Darmproblem.
Falls es denn eines gab.
Dann aber auch her damit!
Ich war bereit.

Am Anfang.
Nach ein paar Stunden schmolz die Entschlossenheit unaufhaltsam nach und nach zu einem kläglichen Haufen Irgendetwas zusammen.
Nach jedem Klogang mehr.
Ich hatte ja Krämpfe genug. Aber sie waren sich selbst genug.
Sie führten zu nichts.
Fake-Peristaltik.
Völlig zielbefreiter reiner Selbstzweck, diese Krämpfe. Haben sich an sich selbst berauscht.
Aber nix bewirkt.
Nothing nada.

Und das in einem Zustand, in dem man sich ziemlich verletzlich fühlt. Da unten.
Und tunlichst vermeiden will, da zu viel zu drücken.
Wie nach der Geburt.
Da unten wohnt ja nicht nur der Darm.

Gut, bei mir jetzt halt schon. Aber das war ja noch ganz frisch.
Und nicht nur verletzlich - verletzt ja auch.

Wie auch immer, in der Nacht hab ich gemerkt, ich halt das nicht mehr aus.
Also rausgeschlüpft auf den Flur, möglichst kein Licht ins Zimmer lassen!, damit  ich jetzt nicht die Nachtruhe nicht unnötig stör... und die Nachtschwester gesucht.
Sie richtete grad die Medis für den Frühdienst.
Ich also durchaus verständnisvoll gewartet - beim Medis richten mag niemand gestört werden.
Die Krämpfe kamen wie Wehen. Und am Höhepunkt musste ich mittlerweile stöhnen.
Zermürbt halt.  Vermutlich.
Deswegen wusste ich ja auch, dass ich es nicht mehr aushalte.
Also rumstöhnen im gemeinsamen Zimmer ist keine Option.

Nach einmal unterdrücktem Stöhnen und zwei Wellen später spür ich, jetzt kann ich auch nicht mehr lang hier stehen... Schweiß bricht aus - aber es ist einfach verblüffend: wenn's wirklich nicht mehr geht, das spüren die Menschen um mich rum. Ohne Worte, ohne Bewegung... weiß gar nicht, wie so was funktioniert.
Sie schaut mich nachdenklich  an, ich schildere kurz meine Not. Sie schaut nach : Buscopan... müsste sie den AvD rufen. Nein, ist kein Notfall. Kein AvD.
Vielleicht reicht ja ein Schmerzmedi? Sie ist selbst skeptisch.
Ich sag, wenn es wirklich nicht zum Aushalten ist trotz Schmerzmedi, dann komm ich einfach noch mal. Dann muss der AvD halt kommen. Aber ist ja auch bald Tag. Oder?
Machen wir so.

Ich wieder zurück ins dunkle Zimmer gehuscht. Mit meinen dämlichen Selbstzweck-Krämpfen.
Novalgintropfen ... Schmeckt scheußlich.
Wie oft hab ich nachts diese Tropfen zu den Patienten gebracht. Hin - und her... und hin und her.... Vier Gänge pro Mal...  je nachdem, wie weit entfernt das jeweilige Zimmer vom Stationszimmer lag, lange Gänge. Kilometer um Kilometer abgespult nur für die Novalgintropfen... zusätzlich zu all den andren nächtlichen Kilometern...
jetzt nehm ich sie selbst.
Wenn's wirkt?!

Ich leg mich hin.
Eigentlich geht's mir doch wirklich jeden Tag ein bisschen besser. Ich kann ja überhaupt nicht klagen.
Nur wenn sie mir was geben, dann geht's mir hinterher Grotte.
Erst die Schmerzinfusionen, jetzt dieses verflixte Abführmittel ...
besser, ich nehm hier nix mehr! Taugt nicht für mich!

Die Tropfen aber taugen.
Ich schlaf sofort ein, sobald sie leichter werden, die Krämpfe. Die so überflüssig waren wie ein Kropf.
Morgens werd ich erstaunt wach. Überstanden!
Alles weg.
So ein Morgen kann unglaublich befreiend sein!

Gute Stimmung im Zimmer.
Frau Schuster aus Bischoffingen erzählt uns ihre Geschichte.
Vor zwanzig Jahren schon mal Brustkrebs. Rechte Brust halb amputiert. ,,Ist nicht so schön geworden." Aber folgenlos auskuriert.
Jetzt wieder Brustkrebs. Diesmal links. ,,Na, da könnte man ja gleich die halbe rechte Seite, die nicht so schön ist, doch mit entfernen! Dann wär's wieder harmonisch, oder?" ... ,,also nur, wenn Sie das so wollen, natürlich....", schiebe ich noch schnell nach.
Sie wird lebendig. ,,genau!!  Genau das hab ich auch gedacht!! Und ich wär sogar in eine Studie gekommen!" Studie? Ja, die Uni erforscht gerade, ob bei der Heilung von Brustamputationen Kartoffelmehl hilfreich ist. (Ich bin nicht mehr hundert % sicher, ob nun Kartoffelmehl oder ein andres Mehl aus der Küche). Und dafür siuchen sie Patientinnen, denen beide  Brüste gleichzeitig abgenommen werden.
,,Ach!! Eine Wunde mit - eine Wunde ohne. Und dann kucken, wie entwickelt sich das."
Ideales Experiment!! Ich bin begeistert.
Sie nickt eifrig. Sie wollte so gerne da dabei sein. Studien sind bestimmt auch für Patientinnen interessant. Ich denke, man wird da besser betreut noch. Auch in 
der langen Zeit danach.
Ja denkt sie auch. Aber es ist nicht dazu gekommen. Jetzt ist sie ein bisschen traurig.
??
Ja, die Krankenkasse zahlt es nicht.
Och Mensch!!! Das ist doch blöd!!!
Für die Studie wär das doch echt gut gewesen. Sooo viele  beidseitigen  Brustamputationen wird es vermutlich jetzt auch nicht geben.
Und vor allem doch für Sie!! Es wär doch viel schöner dann. Auch für den Rücken!
Endlich Gleichgewicht. 
Auch für die Seele. Stell ich mir so vor.
Ja... sie nickt ein bisschen wehmütig. Es tut ihr gut, dass sie verstanden wird.
Aber kann man halt nix machen...
sie seufzt.
Ich frage mich im Stillen, was denn so eine zusätzliche Brustamputationen wohl kosten würde.
Also das meiste wär ja durch die medizinisch notwendige abgedeckt.
Man müsste ja nur die Zusatznarkose und Zusatzzeit der Beschätigten berechnen.
Und eventuell einen Tag länger vielleicht in der Klinik?
Käme drauf an. Wenn alles gut ginge und sie innerhalb der normalen Zeit nach Haus entlassen werden kann, dann ja nicht mal das.
Sie lebt gut eingebunden in eine liebevolle Familie, die sich kümmert.
Jeden Tag hat sie Besuch. Schaut einer bei ihr vorbei.
So jemand nettes wie sie hat sicher auch gute Freundschaften - da würde jeder etwas dazu beitragen, dass sie sich daheim gut erholen kann.

Ja gut, ist jetzt eh alles egal. Chance vertan.
Tut mir schon richtig leid.
Sie ist richtig lebhaft geworden. Blüht auf. Eine Freude, ihr dabei zuzuschauen.
Ja. Aber dann will sie doch jetzt ein bisschen Kreuzworträtsel lösen.
Sie schaut mich ein bisschen verlegen an.
,,Das mach ich gern."
,,Ja, machen Sie das, das ist eine gute Idee. Ich löse gerne Sudokus."
Sie ist erleichtert. Beruhigt. Irgendwie süß. Nicht ganz nachvollziehbar - aber süß.

Und so kehrt wieder Ruhe ein. In unser Zimmer.
Immer abwechselnd: Ruhe... dann ist wieder was los. Lebendig halt.
Wir sind lebendig. Und leben noch.
Und außerdem hat man ja auch immer was zu tun. Meine Gangrunden - jeden Tag ein bisschen länger. Und sicherer.

Zwischenzeitlich hatte ich sogar eine personal  Coachin an meiner Seite. Eine Kglerin, ganz für mich allein. Weiß auch nicht, warum. Vielleicht ist das Standard.
Mobilisieren, mobilisieren.
Gut, bei mir hatte sie jetzt da nicht wirklich was zu tun... Ich war ja schon von mir aus dabei. Aber zwei Sachen hab ich doch mitgenommen von ihr. Einmal hat sie mir dringend an's Herz gelegt,  sofort wenn ich zu Hause bin,  Termine für Lymphdrainage zu machen!!
Und ich müsste  mein Leben umstellen.  Nicht mehr viel sitzen - alle zwei Stunden für ne halbe Stunde  die Füße hochlegen - und viel spazieren gehen.  Auf keinen Fall viel sitzen!!!
Na toll!! Das klingt jetzt nicht nach schönem Leben!
Ich muss schlucken.
Ja gut - das mit dem Füße hochlegen, das muss ich dann halt schon machen. Wird schon gehen.
Und vor allem Lymphdrainage!!!
Ja. Gut! - mach ich. Danke!!
Lymphdrainage... klingt irgendwie nach alte Frau...
Hmmm    bist du ja auch?
Ja.... schoon... aber schon sooo alt?!
Komm egal jetzt - das machst du schon!! Das wird schon! Vielleicht ist das ja auch bisschen lustig? Könnt doch sein!!
Und Füße hochlegen für ne halbe Stunde - als Preis für doch zwei Stunden sitzen - das ist doch jetzt auch nicht die Welt! Das kriegst du schon hin!
Ist ne Umstellung, klar. Aber wenn du nur sitzen darfst deswegen, dann ist das doch ne gute Sache. Das wird schon! Wirst sehen. Vielleicht reicht ja auch ne Viertelstunde?!
Ich muss schon wieder grinsen. Ganz leicht.
Noch nicht mal angefangen und schon wird verhandelt.
Wie gut, dass keiner das ertragen muss.  Kriegt ja keiner mit.
 Nur ich. Mit mir selbst.
Und ich muss eher grinsen. Als genervt sein.

Und das zweite: ,, morgen üben wir Treppe steigen. Das können wir schon angehen. Das laufen geht ja schon gut.  Nur die Türe zum Treppenhaus dürfen Sie nicht öffnen! Das sind  Brandschutztüren - die sind schwer. Zu schwer für Ihre frische Op-Narbe. Das ist noch no go!"
Ich schau sie erschrocken an. Himmel, das hätte ich jetzt nicht gedacht! Bin schon so gewohnt, dass alles jeden Tag ein bisschen besser wird - an's Schonen müssen hab ich schon gar nicht mehr gedacht!
Stimmt — die ersten Wochen nichts über 5 Kilo tragen. Hab ich ja im Vorfeld schon gelesen.
Und jetzt doch wieder vergessen.
Wie gut, dass sie da mich rechtzeitig wieder eingefangen hat!!!  Bevor ich alles kaputt gemacht hätte. Durch irgend so was Unbedachtes.
Jetzt pass ich wieder auf!
Puh! Grad rechtzeitig noch!

Sie kommt dann doch nicht am nächsten Tag. Ist mir auch recht so. Ich wusste  eh gar nicht so recht, was ich mit ihr machen sollte.

Beim Gehen war ich schon noch sehr bei mir. In mich reinhorchend. Einerseits. Und andererseits voll damit beschäftigt, mich langsam wieder an das schnelle Leben zu gewöhnen. Das da auf dem Gang hin und her wogte.

Ich hatte immer noch eine andre Zeit in mir. Und das schnellere Normale war schon noch anstrengend.
Aber ich wusste ja, dass ich damit klarkommen musste. Möglichst bald.
Schließlich musste ich ja wieder Auto fahren.  Einkaufen. Sachen machen.
Du kannst nicht Auto fahren, wenn deine Zeit eine andre ist als die der andren.

Und in den Pausen hab ich jetzt auch nicht so den Draht zu ihr gefunden. Insofern eher eine Erleichterung.
Und die nötigen zwei Belehrungen hatte ich ja schon bekommen. Also perfektes Timing.
Sie hat ja auch bemerkt, dass ich sie nicht wirklich brauche. Und es werden genug andre da sein, die sie wirklich brauchen.

Am Nachmittag, als mein Sohn vorbeischaut, sag ich: ich muss Treppe steigen üben. Aber ich darf die Türe nicht aufmachen... gehst du mit mir?
Klar geht er mit mir.
Erst trau ich mich nur einen Treppenabsatz runter - schließlich muss ich ihn ja auch wieder hoch.
Geht aber besser als erwartet. Bisschen übermütig noch ne Runde - diesmal gleich drei Treppenabsätze. Klitzekleine  bisschen mühsamer wird's schon.
Ich schau unauffällig zu meinem Sohn rüber. Was würde er wohl machen, wenn ich jetzt kollabiere?
Er ist stark! Sehr stark!
Er könnte mich bestimmt tragen.
Aber dann steht er oben an der schweren Türe und kriegt sie nicht mehr auf, mit mir , und dann stürzen wir beide die ganze Treppe wieder runter.... ich seh uns schon unten liegen, zerschmettert... schon wird mir ganz schwindelig. Bei dieser Vorstellung. Ich greife nach dem Geländer. Furchtbar irgendwie... dass es so enden muss...
Aber muss es so enden?
Er kriegt die Tür nicht auf, mit mir in den Armen!
Dann legt er mich halt auf den Treppenabsatz ab und holt Hilfe.
Ja stimmt. So geht's.
...
Am besten wär halt, ich kollabier gar nicht erst!
Stimmt!!! Das ist der beste Plan!! So machen wir's!!
Beschwingt schaff ich die Treppen, als wär ich nie operiert worden.
Guter Plan!

Wenn man so will, ist das eine schlichte Beschreibung  meines Lebens.
Ich kann nicht anders als mir bei allem vorzustellen, es geht schlimm aus. Egal was ich tue, sofort malt sich ein Bild in mir auf, wie es ausgehen wird. Zuerst nur kann - dann ganz schnell ein wird.
Es (oder wer auch immer da an den Vorstellungstasten sitzt) ist außerhalb meiner Reichweite.
So gesehen ist es auch kein Wunder mehr, dass ich es vorziehe, besser mal nix zu machen.
Blöderweise ist das andre Wort für nix tun =  Versager.

Ein bisschen weiter gedacht: Ich hänge scheinbar so am Leben, dass ich lieber nix tue = als Versager lebe, als mich dem Leben und den möglIchen furchtbaren Folgen zu stellen.
So gesehen dann auch wieder keine Überraschung mehr, dass ich immer wieder mit dem Impuls zu kämpfen hab: mach's Fenster auf und spring. Endlich. Einmal fliegen dürfen... und dann ist alles vorbei.
So gesehen ist der Impuls, der mich in den Tod zieht, vielleicht eigentlich der Impuls, mich endlich! endlich in's Leben ziehen zu lassen?
Endlich zu springen! Aber nicht in den Tod? Sondern in's Leben?!
Zumindest fühlt sich beides gleich machtvoll an.
Vielleicht ist es nicht entweder oder - vielleicht ist es einfach derselbe move?

Was neu ist jetzt:
es kann ja auch gut ausgehen!
Das
ist neu!

Himmelarschundzwirn!!!
Das
ist neu.

nachtwind

Um Missverständnisse vorzubeugen: natürlich denk ich oft, das geht schon gut aus.
Das wär ja sonst auch trostlos. Wirklich trostlos.

Die Sprache des Bewusstseins sind die Worte. Denken halt.
Die Sprache des Unbewussten in uns sind die Bilder.
Es gibt eine Regel: wenn Worte und Bilder sich treffen - und sich widersprechen -
gewinnt immer das Bild.
Ist einfach so.
Immer.

Ich bin auf diesen Satz gestoßen. Ist nicht von mir.
Aber ich wusste sofort: das stimmt so.
Und ich hab nicht ein Mal erlebt, dass es nicht so ist.
Das ist kein Beweis.
Aber für mich hat dieser Satz Gültigkeit.
Ein Satz, der nicht bewiesen werden muss.
In Mathe ein Axiom
In meinem Leben mein Axiom. Eins meiner Axiome.

Gegen die Bilder kannst du andenken wie du willst... sie gewinnen einfach.
Vielleicht weil in ihnen mehr Wucht steckt?
Das Bewusstsein ist ein Zehntel des Eisberges. Der Teil, den man sieht.
Das Umbewusste die neun Zehntel des Eisberges. Der große Teil, den man nicht sieht.
Das ist dann schon eine sehr unterschiedliche Wucht.

Und auf genau dieser Ebene hatte sich was verändert. War etwas neu.
Auf dieser Bildebene, in der Welt des Unbewussten, war etwas neu.
Es kann auch gut ausgehen.
Das
war neu.

Es war kein Gedanke... der wär ja auch nicht neu gewesen.
Es waren Bilder, die auftauchten. Nach dem Bild wir zwei zerschmettert abgestürzt.
Da dann das Bild: er legt mich auf dem Treppenabsatz ab.
Und während ich noch überrascht schau, seh ich mich die Tür oben selbst erreichen, mühelos, lächelnd.
Das
war neu.

Ich habe es verblüfft registriert. Wahrgenommen.
Hier ist grad etwas ganz anders. Neu.
Mehr hab ich erstmal nicht verstanden.
Es war ja auch immer etwas los.


Gottseidank auch mal vorübergehend nicht. Für kurz.
Das reicht, dass ich in der aufziehenden Langeweile bemerk, dass ich ganz schön hungrig bin. Und weil sonst nix los war, ich gleich zwei Tütchen Dinkelecken auf einmal auffuttere. Mit Vergnügen.
Die Folge?
Mein Darm meldet sich.
Und das blöde Thema findet ein völlig unspektakulären Ende:
ich hatte einfach viel zu wenig gegessen.
Es gab halt nix, was er hätte abgeben können. Mein Darm
Der damit auch den Ärztinnen bewiesen hatte: nix ist kaputt gegangen!
Alles in Ordnung!
War es immer gewesen.

Manchmal häufelt sich eine schlechte Nachricht nach der andren an...
und manchmal legt sich eine gute Nachricht auf die nächste, wieder  eine und noch eine und keine will die letzte sein...
Reichtum. Spontaner Reichtum.
Nur nicht dran rühren. Ganz unauffällig einfach weitermachen.
Nur nix zerdenken.
Vielleicht geht es dann noch ne Weile so.
:)



 

nachtwind

Das allererste Mal, als mir dämmerte, wie mächtig Bilder sind -  und wie sinn- und nutzlos der eigne Wille ist, wenn er auf sie prallt, wenn sie sich gegenüberstehen, nicht kompatibel - waren wir auf dem Bausenhof, im Wagen, die Kinder noch klein.

Ich habe nichts davon verstanden. Konnte auch nichts davon einordnen...  es war halt einfach so.
Und genauso einfach so hat es mich tief erschüttert. Denn ich wusste dadurch:
Ich werde immer allein sein. Ich werde nie in einer Beziehung leben können. Das
ist einfach unmöglich für mich.

Ich wusste es einfach.
Und es kam dann ja auch so.

Beziehung , dafür bin ich nicht gemacht. Dafür leb ich aber trotzdem. Auch: intensiv.
Verlieben, dafür bin ich schon gemacht. Das kann ich ungebremst.

Je älter ich wurde, umso ruhiger wurde das. Aber das wusste ich ja noch nicht.
Dass es besser werden kann. Dass es weniger werden kann.
In Qualität.
Und Quantität.
Der Not.

Ich wusste nur: Tornado! Und ich mittendrin! Ohne Aussicht auf Rettung.
Das war schon schwer. Sehr schwer.
 Mit das schwerste...
weiß jetzt nicht.  Ich sag's jetzt einfach mal so. Vielleicht fällt mir noch was Schwereres ein. ;)

Tagsüber ging es ja. Felsschweres Herz... aber damit kann man leben... das geht.
Schwer - aber geht.
Nachts dann traf es mich ungefiltert. Mit aller Macht.
Ich hab mir die Seele aus dem Leib gesehnt.
Durch das gebrochene Herz hindurch. Floss mir alles, was ich bin, in den tiefschwarzen Kosmos hinein.
Und es blieb nur zurück: das gebrochene Herz. Als gebe es nichts mehr.
Sonst.

Ich weiß nicht, ob es das broken-heart -Syndrom damals schon gab.
Aber ich hatte es. Auch wenn es das nicht gab.
Schmerzen bis in den linken Arm hinunter... richtige Schmerzen! Nix pillepalle....
das krampfte, als gäb's kein Morgen mehr.
Das ist jetzt nur ein Spruch. Aber ein treffender.
Auch wenn es nach jeder Nacht wieder ein Morgen gab.
Währenddessen
schien das völlig undenkbar.

Ich hab mich in dieser Zeit - weil ich so dringend Orientierung  brauchte! -
mit Völkerkunde beschäftigt.  Vornehmlich südamerikanischer Raum.
 Bestimmt den Büchern von  Carlos Castaneda geschuldet. Für mich als völlig orientierungslose Sucherin eines neuen Weges, den ich gehen könnte, um leben zu können (nachdem der politische verbrannt war für mich), waren sie eine ganze Zelt lang wie eine Bibel. Für mich.
Ich versteh sie nicht. Aber ich bemühe mich. Immer wieder.
Immer auf der Suche.
Nach Hinweisen.
Wo es lang gehen könnte.
Sogar für mich.

So bin ich unter vielem anderen auf die Erzählungen stoßen, dass die Azteken wohl den Brauch kannten, das Herz einem Lebendigen herauszuschneiden. Als Opfer.
Das fiel mir wieder ein, wenn ich so da lag.
Und genau das so erlebte.
Und weil ich das jede einzelne Nacht aufs Neue so erlebte, ohnmächtig dem ausgeliefert, mischte sich das mit der Sage von Prometheus, wie er da, angeschmiedet am Felsen, jeden Tag aufs Neue von einem Vogel die Leber herausgerissen bekommt. Die ihm jeden Tag wieder nachwächst....
Tendenz unendlich.
Und so schmolz das zusammen in mir zu meiner ganz eigne Geschichte.
Was mir jede Nacht geschah.

Da kam der Adler zu mir an's Bett. Und riss mir mein Herz heraus. Aus meinem lebendigen Körper.
Und ich konnte nichts tun.
Und wusste, nächste Nacht kommt er wieder.

Ich konnte nichts tun dagegen.
Das einzige was ich konnte, war, ihn zu  begrüssen, wenn er kam, der Adler. Und ihm  mein Herz anzubieten.
Hier - nimm es! Ich geb es dir! Nimm es nur...
es gehört jetzt dir.
Das war das einzige.
Was blieb.
Was ich tun konnte.
Nacht
für Nacht
für Nacht
....

Natürlich sehnte ich mich auch am Tag.
Dauernd.
In dieser Zeit fiel mir auf, dass, wenn meine Gedanken in diese Richtung abschweiften, wenn ich meine Filme drehte: ,,nachtwind verliebt sich, diesmal nicht unglücklich",
es mir nie aber auch nie!!! gelang, diese Filme gut ausgehen zu lassen.

Irgendwann fiel mir das auf.
Immer, immer!!! fand ich mich so schnell wieder, wie ich in der Kirche steh und der Hochzeit zuschaue... mit blutendem Herzen. Zum Beispiel.
Jetzt war ich ja völlig unerfahren in solchen Dingen. Aber dumm war ich dann ja auch nicht. Nicht immer.
Also war mir schnell klar: du musst um Himmels Willen! es schaffen, diese Filme mal gut ausgehen zu lassen!!! Sonst wird das nie was!!
Und damit war klar, was zu tun ist.

Ich habe mich angestrengt. Ich habe mich wirklich angestrengt! Ich habe mich furchtbar angestrengt!!!
Und wollte es einfach nicht wahrhaben!
Aber es gelang mir
nie.
Nicht ein einziges Mal.
Sobald meine Hochkonzentration auch nur geringfügig nachließ, pammm! war ich wieder mittendrin. Im Melodram.
No chance!
No chance at all!!

Ich habe mich so selten so sehr um etwas bemüht! Könnt ihr mir glauben!
Es war Folter.... jede Nacht...
Das war Motivation pur.
Aber es ist mir nicht gelungen.
Nie.
Nicht ein einziges, einziges Mal.

Irgendwann habe ich verstanden.
Was ich schon längst verstanden hatte.
Aber ich wollte es nicht.
Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Irgendwann habe ich verstanden.
Es ist mir nicht gegeben.
In meinem Leben.
Es ist mir einfach nicht gegeben.


Und ja, natürlich habe ich es geliebt, das einzuschränken.
Bis jetzt...
Mal sehen....
Alles kann sich ändern...
Gilt nur für jetzt....
Auch darin bin ich nicht ungeschickt.

Aber eigentlich hab ich es gewusst.
So wie ich gewusst hab, dass es Krebs ist.
Auch wenn es sich am Anfang der Untersuchungen verborgen hatte. Nicht nachweisbar war.
Das reichte für ein bisschen Hoffnung.
Aber eigentlich hab ich es gewusst.
Und mein Professor auch.

Und jetzt, mit 72 Jahren, schau ich zurück und sag: Ja!
Genau so war es ja auch.
Ich wusste es damals.
Auch wenn die Hoffnung nie starb.

Und sie ist heute noch nicht ganz gestorben. ;)
Auch wenn das reichlich absurd ist. Und ich vor mich hingrinse. Wenn ich das denk. Und sogar schreib.
Ich sehne mich nicht mehr.
Und der Adler besucht mich nicht mehr.
Ich glaub, der steht mehr auf junge Herzen.
Alte sind ihm nichts mehr wert.
Und das ist mein Riesenglück!!
Meine Erlösung!
Eine völlig unerwartete Gnade. Die auf mein Leben sich senkte.
Und blieb.

Und wenn ich für etwas dankbar bin, dann dafür.
Es war schon eine echte Qual.
Eine heftige Qual.
So lange. So ohne-Ende-in-Sicht lange.
Und es hat doch geendet.
Irgendwann.
Hallelujah!












nachtwind

 denke so viel an meine Auch-Oma... ich mach hier mal einen Einschub, einen aktuellen. Den Umständen entsprechend.
Ich wüsste nicht, wo ich das sonst hinschieben könnte...

Sie hatte eine Krebsdiagnose... ein paar Monate später als ich.
Brustkrebs. Aufgefallen bei einer Mammographie. Sehr winzig, der Knoten.
Aber scheinbar besonders aggressiv.
Überhaupt ist mir eins klargeworden in dieser Krebszeit - jeder Krebs ist anders. Nicht nur wenn er verschiedene Organe oder Stellen betrifft - auch die mit selben Nachnamen sind scheinbar völlig individuell. In ihrem Verhalten.
Dazu kommt, dass jeder Mensch nochmal ganz anders ist als alle andren, er  dazu noch in unterschiedlichen Fitnesszuständen diesen eignen Krebs nun bekommt....
es ist und bleibt eine Wundertüte. Wer denn nun das Leben bestimmt.
Und blöderweise:
was jetzt genau empfohlen werden kann. An Behandlung. Reihenfolge darin.
Da gibt es leider scheint's überhaupt kein verlässlicher Boden unter den Füßen.
Von dem aus man seine ganz eignen Entscheidungen treffen kann.

Wie auch immer : sie ist ihren Weg gegangen. Erst Chemotherapie - die sie nur schwer vertragen hat, brauchte zweimal einen Krankenhausaufenthalt, um das zu überstehen.
Dann Op, kleine. Dann Bestrahlung.
Und jetzt zum Abschluss nochmal Chemotherapie, eine andre. Die ein halbes Jahr gehen sollte. Alle drei Wochen. Bis November.
Anfangs vertrug sie diese besser. Dann schlug auch sie zu.
Ich habe sie zuletzt bei der Konfirmation unserer mittleren Enkeltochter gesehen. Und war erschrocken.
Sie war alt geworden. Gangunsicher. Fast schon gebrechlich.
Es hat mich am Herz berührt - sie wirkte furchtbar erschöpft.
Ganz anders als zu all den andren Zeiten. In ihrer Krebszeit.
Das war der letzte Sonntag im April.

Dann haben sich die Ereignisse zusammengerafft. In immer kürzeren Abständen immer mehr Verschlechterungen.
Husten kam. Der das Sprechen fast unmöglich machte. Kein tiefer Husten. Eher wie Reizhusten. Aber eben wie unstillbar.
Sie war zwei mal beim Arzt deswegen. Hausarzt. Und Onkologe. Beide haben nichts feststellen können. An der Lunge.
Sie hat schon im Sitzen schlafen müssen. Alles tat ihr weh. Deshalb.
Am Montag dann sind sie doch in's Krankenhaus gefahren. Intensiv. Sauerstoffsättigung 80%. Lungenentzündung.
Sie haben dort alles versucht.
Aber es blieb jetzt nur die Intubation.
Noch einmal ein, zwei Tage Zeit. In der sie sich so erholen kann, dass sie eine Chance bekommt.
Danach gibt es nur noch einen Vorgang, in dem ihr ihr Blut entnommen wird, außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert wird und ihr wieder zugeführt wird.
So ähnlich wie Blutwäsche. Nur dass da dann nichts entnommen wird - sondern zugeführt.
Ihre Lungenbläschen sind dann, wenn die zwei Tage jetzt nicht ausreichen für eine Verbesserung, ja nicht mehr fähig, genug Sauerstoff aufnehmen zu können.
Sie bekommt ja 100% Sauerstoff. Sie kann ihn eben nur nicht mehr genügend aufnehmen.

Ich hoffe sehr, dass ihr das erspart bleibt.
Die zwei Tage jetzt sind lang genug! In der sie künstlich am Leben erhalten wird. Obwohl sie selbst
dazu nicht mehr in der Lage ist.
Keine Kraft, keine Fähigkeit mehr hat.
Um weiterzuleben.
Sie für sich
hat ihr Leben beendet.
Es ging nicht mehr.

Jetzt wurde es ihr aus ihren Händen genommen. In der großen Hoffnung, dass die dadurch gewonnenen Tage ihr genug Zeitfenster sind für ihre Lunge, sich doch noch so weit zu erholen, dass sie wieder selbst in der Lage ist zu leben.

Ich habe gestern lange mit meinem Sohn telefoniert. Er ist erfahrener Intensivpfleger. Und Atmungstherapeut zugleich.
Das hat mir sehr geholfen.
Wenn ich ein bisschen besser verstehe, hilft mir das enorm.
Auch mein Kopf steht auf Selbstwirksamkeit. Selbst denken zu können.
Selbst einordnen zu können.
Was jetzt ist.
Und was möglich ist.

Er ist so klug. Er weiss so viel. Hat so viel Erfahrung.
Und denkt selbst. Über all das selbst nochmal nach.
Über das Erlernte und Bewährte hinaus.

Er sagt, so was gibt es durchaus. Dass jemand aus der Intubation herausgeht und in der Lage ist wieder selbstständig sogar zu atmen.
Aber er sagt auch, dass das dann eher Jüngere sind, die keine andren Vorerkrankungen haben. Also gesund
in ihre akute körperliche Notlage geraten sind.
Und ich weiß auch durch meine Erfahrungen in der Neurologischen Klinik, dass man nie verzichten sollte, auf Wunder zu setzen.
Nicht nur der Krebs ist eine Wundertüte.
Der Mensch auch.
Jederzeit fähig, Wunder zu vollbringen.

Ich hab immer zu Angehörigen gesagt: mit einem Auge auf das Wunder zu schauen, offen zu sein für das Wunder - und mit dem andren Auge realistisch zu bleiben.
Der Wirklichkeit offen Auge in Auge entgegenzutreten.
Dann kann es gelingen.
Dem Ereignis, wie immer es auch ausgeht, gut zu begegnen.

Sie muss jetzt Gas geben. Wenn sie noch weiterleben will.
Lange hat sie nicht mehr.
Ach Mensch....

Eigentlich weiß ich, dass sie gegangen ist.
Aber es ist auch möglich, dass sie wieder kommt.
Es ist, wie es ist.
Es ist dazwischen.



nachtwind

Wenn sie jetzt stirbt, ist sie nicht am Krebs gestorben.
Sondern an der Behandlung.

Was jetzt besser oder schlechter ist, das ist wieder eine ganz eigne Geschichte.
Und immer! auch Spekulation.

Selbst in der Nachschau hat man keinen festen Boden unter den Füßen.
Um Entscheidungen zu bewerten.
Es ist und bleibt: Spekulation.

Wir haben nun mal keinen Klon von uns, der zeitgleich den andren Weg geht - und deren Ergebnisse man jetzt vergleichen kann: was wär jetzt im Nachhinein die bessere Entscheidung gewesen?
Es ist ein einziges Vermuten.

Was bleibt, ist die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen.
Ohne eine Grundlage zu haben, auf Grund dessen man überhaupt entscheiden
kann.
Und trotzdem muss man.
Ist halt so.

Es ist von großem Vorteil, wenn man das im Leben schon öfters hat üben müssen.
Dann weiß man wenigstens:
es kann auch gut ausgehen!

Egal ob das andere vielleicht noch besser ausgegangen wäre - es reicht ja schon, dass es gut ausgegangen ist.

Und man weiß: garnicht zu entscheiden
ist einfach keine Option.
Verlockend.
Aber keine Option.

Das macht nur schwach. Und das
kann man in so außergewöhnlichen Situationen
nun überhaupt nicht gebrauchen!

Nein, gar nicht entscheiden, es andren überlassen, das ist dann am besten
überhaupt keine Option.
Aber jeder so wie er es für ihn stimmig ist.
Auch da gibt's kein richtig oder falsch.
Es gibt nur
deinen ganz eignen Weg.

Egal wohin er führt - er ist deiner.
Ganz allein deiner.
Und er führt dich dahin, wohin er dich eben dann führt.

So stirbt dann einer am Krebs. Und ein andrer vorher schon.
An der Behandlung selbst.
Wer weiß schon, was jetzt besser ist? Wer will das beurteilen?
Ich nicht!!
Es ist, wie es ist.
Wer weiß schon, wofür das gut ist.
So.
Oder so.
Oder ob es das vielleicht auch gar nicht gibt - das für-etwas-gut-sein...
Wir wissen doch alle viel zu wenig.
Um das werten zu können.
Sind wir lieber fein still.
Denk ich mir.

Da liegt jetzt eine toughe Frau in dieser Dazwischen-Welt. In Amberg.
Und vielleicht in ihrer letzten Nacht.
In ihrem Leben.
Ich kann nur an dich denken.
Mehr weiß ich nicht zu tun.

Muss ich auch nicht.
Du tust.
Was immer du tust.
Es ist deine Nacht.

Ich halt nur Wache. Und denk an dich.
Es ist deine Nacht.
Ach Mensch...

claudi

Zünd ein licht an nachtwind.
Für sie
Für dich.

Wärm dich dran.
Schick ihr wärme.

Ich stell dir eine box hin
Mit vielen tempos drin
Wenn sie benötigt werden dann tut das gut.
Wenn keine tränen da sind
Ist die beLastung genauso groß!

Ich leg dir eine kuscheldecke dazu.
Die nächte können lang sein
Besonders wenn sie ungewiss sind!

Ich stell dir dein lieblingsgetränk dazu.

Und wenn du magst setz ich mich in deine Nähe und wenn du es brauchst leg ich dir ab und zu mal die hand fest in den rücken

Du bist grad mit was großem allein

Aber du wirst wahrgenommen u gelesen

Es nimmt dir grade nicht den Schmerz u die Verzweiflung aber es wird dann ein wenig heller u wärmer
Hier bei dir!

Komm aushaltbar durch die nacht!
Ich kämpfe-bis zum Schluss!!
Step by step!!

nachtwind

O... claudi!!
Ich bin grad sprachlos...
so was Schönes... macht mich sprachlos, echt.
War grad beim Rückwärtszählen - das haut mich grad voll um!
So viel Schönes...
Komm zu uns, dann sind wir schon vier
vier Schwestern
weiß gar nicht, was ich sagen soll
als ich grad schrieb, war ich allein
jetzt sind wir vier Schwestern
zumindest für diese eine Nacht...
Geschenke kommen, wenn man gar nicht damit rechnet -
krass

Doch, ich weiß doch was, was ich sagen kann:
ihr Bayern habt echt mehr drauf
als ziemlich viel Orrrsch!
Hey claudi - ich drück dich feste!!
Hab Dank du!
hey :)