Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Sie kämpft.
Die Ärzte sagen, sie kämpft total!
Das ist Oma Annelies wie sie immer ist.
Sie ist eine Kämpferin vor dem Herrn.
Schwierigkeiten sind für sie Herausforderungen.
Und die meistert sie.
So ist sie.
So war sie immer.
Und so ist sie
jetzt.

nachtwind

Es gibt Fortschritte auf der Intensivstation in Bayern.
Kleine - aber das überhaupt ist ein Riesending!
Äußerlich betrachtet tut sich nichts, sie liegt weiterhin im Koma und wird beatmet.
Versuche, dass sie ein bisschen selbst atmen kann, werden sofort wieder abgebrochen. Aber sie braucht weniger Druck - oder Sauerstoff... die Nachrichten sind nicht eindeutig. Aber auf jeden Fall etwas weniger. Wovon auch immer.
Rückschluss: die Antibiose greift scheinbar.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Zwischen Hoffen. Und Bangen.
Aber dadrinnen ein kleiner Fortschritt.
Richtung Hoffen. Richtung Leben.


Wieder zurück zu meinem Thema, das ich vorher hatte.
Wenn Bild und Wort aufeinander prallt, gewinnt immer das Bild.
Wenn du dir noch nicht mal vorstellen kannst, dass eine Liebesbeziehung nicht ziemlich sofort in schneidendem Kummer endet, dann wirst du das auch nicht hinkriegen. In echt.

Zu dem, dass diese Qual aufgehört hat: sie hat in dem Maße aufgehört, in dem ich mich nicht mehr gesehnt habe.
Das lief ziemlich harmonisch ab. Immer wieder ein bisschen weniger.
Bis es dann ganz aufhörte.
Ich habe mich einfach nicht mehr gesehnt.
Frieden zog ein.
Wofür Wechseljahre nicht alles gut sein können. ;)

Was aber nicht heißt, dass der Kummer, der da der Auslöser war, verschwunden ist.
Ich brauch nur paar Lieder hören - schon taucht er wieder auf.
Ganz zuverlässig.
Ich kann jederzeit ihn rufen, den Kummer. Wenn mir danach ist.
Und es tut dann auch meistens gut.
Danach.
Mal bisschen tief empfunden weinen ist ein bisschen wie Ölwechsel.
Alte Flüssigkeit raus - macht Platz für neue, frische.
Alles läuft irgendwie ein bisschen geschmierter.
Nicht anders. Nix ist gelöst, erledigt, abgearbeitet... einfach nur:
läuft ein bisschen frisch geschmiert.
Alles.

Der Kummer bleibt.
Unverändert.
Aber das Leben ist gut zu mir. Ich befinde mich in einem gnädigen Bereich.
Ich darf mehr oder weniger selbst bestimmen, wann er Platz bekommt in meinem Leben. Und wann nicht.
Und wie viel.

Nicht immer.
Aber überwiegend.
In Zeiten, in denen ich ihn aus den Augen verlier, dann meldet er sich schon.
Er ist ein wirklich treuer Freund. Wie ein innig liebender Hund.
Dann wird mir das Herz schwer. Und ich weiß gar nicht warum.
Und wird immer ein kleines bisschen schwerer.
Nicht aufdringlich.
Aber auch nicht wegwischbar. Zuschüttbar.
Ruhig. An seinem natürlichen Platz.
Ganz nah an meinem Herzen.

Und wenn der Druck nicht weggehen will, dann hör ich ein paar dieser Lieder. Oder seh was schönes, was mich todtraurig macht... dann lass ich ihn herein, den Kummer... den wohlvertrauten...
ist fast ein bisschen so wie inas Fellchen sind
für mich.

Und dann ist alles wieder gut.
Alles ein bisschen durchtränkt von ihm.
Gut gedüngt.
Gesund.


Und, um jetzt mal den Bogen wieder zu spannen, zurück auf Station Hegar:
das eben war das so Besondere, so Neue.
Als ich Treppen steigen übte:
das sich sofort ein Bild zeigte. Denkbar war. Fühlbar war.
Dass es auch gut ausgehen kann.
Einfach so.
Ohne Mühen. Ohne dass ich dafür auch nur irgendetwas tun musste.
Wie es gut ausgeht.
Ich sah es in mir.
Ich konnte es mir vorstellen!!
Und es war ohne jeden Zweifel.

Da dachte ich erstaunt: irgendetwas scheint sich verändert zu haben!
Einmal mehr in dieser Zeit.
Da häuft sich langsam was an.
Eigenartig.

Aber dann war auch das
schon wieder vorbei.
Für einen Einsiedler wie mich war das eine hochturbulente Zeit.
Wahrscheinlich sogar für Nicht-Einsiedler.
Nehm ich jetzt einfach mal kühn an.
;)


Wieder im Zimmer noch ein wunderschöner kleiner Moment ... es heisst ja immer, wir Frauen können ganz schön stutenbissig sein. Stimmt ja auch.
Wir können aber auch ganz anders.

Frau Schuster beschließt den Schritt von Patientin zu Mensch zu machen, den wir alle irgendwann machen, wenn wir im Krankenhaus liegen: sie zieht den Patientenkittel aus - und ihre eignen Klamotten an.
Meine Nachbarin und ich schauen ihr dabei zu, eher gedankenlos, also ich, einfach weil sich was bewegt im Zimmer, nicht weil es mich interessiert oder ich etwas erwarte.
Und dann dreht sie sich zu uns um - und uns beiden entströmt ein hingerissenes ooohhh!
Mir rutscht ohne zu fragen noch ein ,,bezaubernd!" hinterher... und für einen langen schönen Augenblick verharren wir alle drei in diesem innigen Moment.
Wir beide - hingerissen von der Schönheit...
sie - völlig überrascht davon innerlich erglühend...
Sekunde um Sekunde vergeht, wahrscheinlich... aber wir bleiben da drin. Alle drei.
Frauenleben.... Kategorie angenehm wunderbar
:)

Ich wurde spontan überzeugter Fan von meiner Nachbarin... und war es bis zum Schluss.
Da ist in mir was in die Waagschale Sympathie geplumpst.
Etwas Bleibendes.
Gemeinsam erlebt. Für eindeutig gut befunden. Das wiegt schon was.
Fertig.

Und Frau Schuster glühte. Leise. Innendrinnen.
Noch lang.

nachtwind

Der Entlasstag rückt näher. Freitag, hieß es, frühestens.
Meine Tochter kommt extra runter deswegen, von Nürnberg - sie will mir helfen, daheim klarzukommen am Anfang.
Ich bin gerührt.
Hätt ich doch nicht die Vorräte vom Dachboden runterholen müssen und all so'n Kram. Im Vorfeld.

Dazu müssen aber natürlich erstmal alle Beutel gezogen werden. Klar.
Die beiden Ärztinnen verbreiten Zuversicht. Da spricht nichts dagegen. Der Verlauf war  vielversprechend. Der Drainagebeutel hat zwar noch Zulauf, aber nicht mehr viel. Das kann man total vertreten. Zumal die Genesung ja wie gesagt vorbildlich verlaufen ist.
Ich fühl mich postwendend strotzend vor Kraft.
Solang ich liege, zumindestens. ;)
Sie nehmen noch eine Probe aus dem Beutel - wenn das Ergebnis gut ist, kann man den Beutel ziehen..
Sagen sie Freitag Morgen.
Plan ist im Laufe des Tages beide zu ziehen - und wenn dann alles gut verläuft, was ja noch nicht feststeht, dann Entlassung.

Ich pack schon mal mein Köfferchen.
Seit ich weiß, es geht heim, kann ich es kaum abwarten.

Meine Mitbewohnerinnen begleiten dieses Treiben mit amüsierten Kommentaren.
Ich solle das mal nicht so wörtlich nehmen. Sie glauben nicht daran.
Ich verstehe das gar nicht. Es war doch klar formuliert?
Das einzige, was mich ein bisschen stutzig macht, ist ihr riesiger Vorsprung an Erfahrung. Aber da will ich jetzt gar nicht dran denken jetzt.
Meine Tochter kommt mit ihrer Familie extra aus Nürnberg zu mir runter. Um mir zur Seite zu stehen.
Ich will jede Minute mit ihr nutzen. Mit ihr und ihnen.

Frau Schuster sieht das scheinbar mit Sorge. Sie kommt extra an mein Bett, um mir nochmal nachdrücklich zu erzählen. Wie es ihr gegangen ist. Als sie dringend heim wollte. ,,Leider hab ich den Fehler gemacht, es zu sagen." Fazit: sie musste extra lang da bleiben.
Jetzt werd ich doch nachdenklich. Wenn sie eigens an mein Bett kommt um mir  diese Geschichte zu erzählen.
Sie hat eindeutig viel mehr Erfahrung.
Ich überlege ernsthaft. Aber dann entscheide ich mich doch dagegen.
Will es nicht glauben.
,, Es gibt schon böse Menschen", sag ich, ,, aber das glaub ich jetzt nicht. Dass sie hier so sind."
Frau Schuster lächelt wissend.
Und ich wunder mich - mal wieder so ein Kindersatz!
Es gibt schon böse Menschen... ??
Was ist bloß los mit mir?

Was soll ich sagen... Freitag Nachmittag Visite, nicht mehr die beiden Ärztinnen, eine neue. Sie schaut sich meinen Beutel an... hmmm.... ich sag, ,,der soll jetzt heute gezogen werden, hieß es". Sie: hmmm... ich leicht nervös: ,,und ich heut entlassen werden...", ,,hmmm..." sie schaut nachdenklich den Beutel an. Mich nicht. Ich ahne Unannehmlichkeiten auf mich zu kommen, nein eher: ich ahne, sie sind schon da.
Zumindest das
ist ein Treffer.

Also, sie will den Beutel nicht ziehen. Nicht heute. Zu riskant für sie. Sieht einfach nicht gut aus.
Ich schau bekümmert auf meinen nicht gutaussehenden Beutel, finde sie übertreibt - er sah immer so aus, und meine Ärztinnen fanden, er siehe gut aus. Fahre alles auf, was mir beim Betteln helfen könnte - ich erreiche nichts. Vor allem sie nicht.
Sie geht ungerührt.
Ich bleibe. Notgedrungen.
Frau Schuster lächelt wissend.

Und tröstet mich ,,vielleicht morgen?". Ich seh ihr an, dass sie daran überhaupt nicht glaubt. Freue mich dadurch umso mehr, dass sie mich aufmuntern will.
Und beschließe trotzig, dass ich jetzt einfach trotzdem daran glaube. Ganz fest!
Alles andre wär einfach Vergeudung!
Von menschlichen Ressourcen.
Ich kann Vergeudung selten gut heißen. Menschliche schon grad nicht.

Schreibe meiner Tochter: heute keine Entlassung, vielleicht morgen...
Wann morgen?
Nach der Visite weiß ich mehr.
Wann ist die Visite?
Tja....

Morgen ist Samstag. Wochenende. Wann ist da die Visite?
Ich frag die Schwester... Weiß sie auch nicht genau.
Auf jeden Fall später als sonst.
Ich frag jede, die sich mir auf Ansprechdistanz nähert.
Zuverlässiges kommt dabei nicht heraus.
Nur: eine Visite kann bis zu drei Stunden dauern. Ohjeh.

Samstag Mittag verliert sie die Geduld. ,,Ich komm jetzt vorbei".
Was soll ich sagen?
Ich freu mich auf euch!
Mehr
steht einfach nicht fest.

Als sie kommt, mit ihrem Jüngsten, steht zumindest fest, dass heute nix ist mit Entlassungen. Diese Ärztin war eisern.
Ich habe gekämpft wie eine enttäuschte Elster. Hat nix genutzt. Hab mich fast vor ihre Füsse geworfen, so,entschlossen war ich, sie aufzuhalten. Sie nicht so einfach gehen zu lassen. Ich war so frustriert!!
Irgendwann hat sie wenigstens verstanden, dass ich ohne klare Zusage nicht mehr führbar sein werde.
Es fiel ihr sichtlich schwer, aber sie ließ sich dann doch zu einer klaren Aussage zwingen.
Morgen wird der Beutel gezogen. ,,Muss eh morgen raus." Echt jetzt?!!! Blöde Kuh!!
,,Wegen der Infektionsgefahr",  zeige ich ihr eher mürrisch, dass ich mich auch ein bisschen auskenne. Das erstaunt sie. Wie gesagt: blöde Kuh!

Meine Nachbarin zuckt hörbar zusammen... Infektionsgefahr!!! Sie hat doch auch so einen Drainagebeutel! (Nur bei Brustpatienten sind es zwei Glöckchen.)
Sie ist schnell zu verängstigen. (Das weiß ich schon. Das tut mir leid. Ich hätte es nicht sagen sollen.)

Als Wiedergutmachung lass ich sie vernehmlich dran teilhaben, als mir der Beutel gezogen wird am nächsten Tag: ,,oh! Hab ich ja gar nicht gespürt!. Ist er echt schon raus, der Schlauch? Hab ich überhaupt nicht gespürt!" ,,Wirklich?!" sie springt drauf an. Gut! Ja, sag ich - und es stimmt ja auch - Ich hab wirklich nix gespürt. Es hat mich selbst verwundert. Wie stumpf meine Nerven dort sind. Wo gerade noch der Schlauch lag. Ein bisschen Ziepen hätt ich schon erwartet.
Vor allem freut es mich für meine Nachbarin.
Ich hab es ja schon hinter mir.
Sie hat es noch vor sich.
Und Zeit genug, sich Sorgen zu machen.
Eine Sorge weniger.
Das ist schon mal,nicht schlecht. Bisschen Skepsis bleibt ja immer.

Der Beutel also morgen. Da geht sie nicht von ab. Aber als Entgegenkommen kann mir der  Katheter jetzt doch heute schon gezogen werden. Mit anschließender Restharnkontrolle. Durch sie. Ich soll mich zu gegebener Zeit vor dem Ultraschallzimmer gegenüber einfinden. Sie ruft mich dann rein.
Ich versuche es noch ein letztes Mal mit Entlassung heute noch.
,,Meine Tochter kommt aus Bayern - extra um mir zu helfen. Morgen muss sie schon wieder nach Hause fahren - Schulkinder. Das kann doch nicht sein, dass ich sie überhaupt nicht sehe - obwohl es mir doch gut geht. Alles in Ordnung ist. Nichts auf Komplikationen hinweist.... Das kann doch nicht sein!!!"
Ich bin am Ende meiner Zurückhaltung angekommen. Deutlich sichtbar.
Sogar sie sieht es.
Verspricht wenigstens wenigstens!!, dass sie morgen als allererstes zu mir kommt. In der Visite.
MANN!!!
Ich weiß, ich sollte mich freuen... vielleicht später.

Jetzt muss ich erstmal schnell meinen Urinbeutel lehren und meinen Drainagebeutel in den Waschlappen stopfen. Mein Enkelsohn ist ein zarter, feiner kleiner Kerle. Will ihn ja nicht unnötig erschrecken. Ich ahne ja, dass meine Tochter ihn deshalb mitbringt. Um Krankenhaus als einen Ort einzuführen, der gar nicht so schlimm ist. Ein wenig Realität gegen eine überbordende Phantasie in's Spiel bringen.
Klappt.
Erst ist er ein bisschen zurückhaltend. Schaut skeptisch auf die beiden Beutel, die da aus mir rauskommen. Aber ein bisschen Erklärung und vor allem, dass wir rausgehen auf den Kinderspielplatz direkt vor unserer Tür, hilft doch sehr.
Muss man keine Luft anhalten. Kann man einfach atmen. Wie sonst auch immer.
Im Krankenhaus.

Der Spielplatz ist ganz neu. Die Uni hat eine funkelnagelneue Kinderklinik - Eröffnung war am Tag vor meiner ersten Krankenhausnacht.
Der Spielplatz und das Aussengelände wirklich wunderschön. Sogar eine Schaukel für Rollstuhlkinder. Was es alles gibt!
Alles strömt Zuversicht aus, dort.
Ich denke an die Kinder. Und ihre Eltern. Und Familien.
Und es macht mich dankbar, dass sie sich hier so viel Mühe gegeben haben. Die schweren Zeiten ein bisschen freundlicher zu gestalten.
Und ich verbiete mir entschieden, an Gaza zu denken. Nicht jetzt! Nicht heute!

Wieder zurück im Zimmer sitzt er am kleinen Tisch, schaut auf das Tablett und bemerkt, dass er Hunger hat. Trifft sich gut!! Es gab Pfannkuchen heut, mit Kirschkompott und irgendeiner Soße.
Es ist noch unangerührt. Und schmeckt.
Krankenhaus ist eingeführt.



nachtwind

Der Entlasstag rückt näher. Freitag, hieß es, frühestens.
Meine Tochter kommt extra runter deswegen, von Nürnberg - sie will mir helfen, daheim klarzukommen am Anfang.
Ich bin gerührt.
Hätt ich doch nicht die Vorräte vom Dachboden runterholen müssen und all so'n Kram. Im Vorfeld.

Dazu müssen aber natürlich erstmal alle Beutel gezogen werden. Klar.
Die beiden Ärztinnen verbreiten Zuversicht. Da spricht nichts dagegen. Der Verlauf war  vielversprechend. Der Drainagebeutel hat zwar noch Zulauf, aber nicht mehr viel. Das kann man total vertreten. Zumal die Genesung ja wie gesagt vorbildlich verlaufen ist.
Ich fühl mich postwendend strotzend vor Kraft.
Solang ich liege, zumindestens. ;)
Sie nehmen noch eine Probe aus dem Beutel - wenn das Ergebnis gut ist, kann man den Beutel ziehen..
Sagen sie Freitag Morgen.
Plan ist im Laufe des Tages beide zu ziehen - und wenn dann alles gut verläuft, was ja noch nicht feststeht, dann Entlassung.

Ich pack schon mal mein Köfferchen.
Seit ich weiß, es geht heim, kann ich es kaum abwarten.

Meine Mitbewohnerinnen begleiten dieses Treiben mit amüsierten Kommentaren.
Ich solle das mal nicht so wörtlich nehmen. Sie glauben nicht daran.
Ich verstehe das gar nicht. Es war doch klar formuliert?
Das einzige, was mich ein bisschen stutzig macht, ist ihr riesiger Vorsprung an Erfahrung. Aber da will ich jetzt gar nicht dran denken jetzt.
Meine Tochter kommt mit ihrer Familie extra aus Nürnberg zu mir runter. Um mir zur Seite zu stehen.
Ich will jede Minute mit ihr nutzen. Mit ihr und ihnen.

Frau Schuster sieht das scheinbar mit Sorge. Sie kommt extra an mein Bett, um mir nochmal nachdrücklich zu erzählen. Wie es ihr gegangen ist. Als sie dringend heim wollte. ,,Leider hab ich den Fehler gemacht, es zu sagen." Fazit: sie musste extra lang da bleiben.
Jetzt werd ich doch nachdenklich. Wenn sie eigens an mein Bett kommt um mir  diese Geschichte zu erzählen.
Sie hat eindeutig viel mehr Erfahrung.
Ich überlege ernsthaft. Aber dann entscheide ich mich doch dagegen.
Will es nicht glauben.
,, Es gibt schon böse Menschen", sag ich, schon nachdenklich - ,, aber das glaub ich jetzt nicht. Dass sie hier so sind."
Frau Schuster lächelt wissend.
Und ich wunder mich - mal wieder so ein Kindersatz!
Es gibt schon böse Menschen... ??
Was ist bloß los mit mir?

Was soll ich sagen... Freitag Nachmittag Visite, nicht mehr die beiden Ärztinnen, eine neue. Sie schaut sich meinen Beutel an... hmmm.... ich sag, ,,der soll jetzt heute gezogen werden, hieß es". Sie: hmmm... ich leicht nervös: ,,und ich heut entlassen werden...", ,,hmmm..." sie schaut nachdenklich den Beutel an. Mich nicht. Ich ahne Unannehmlichkeiten auf mich zu kommen, nein eher: ich ahne, sie sind schon da.
Zumindest das
ist ein Treffer.

Also, sie will den Beutel nicht ziehen. Nicht heute. Zu riskant für sie. Sieht einfach nicht gut aus.
Ich schau bekümmert auf meinen nicht gutaussehenden Beutel, finde sie übertreibt - er sah immer so aus, und meine Ärztinnen fanden, er siehe gut aus. Fahre alles auf, was mir beim Betteln helfen könnte - ich erreiche nichts. Vor allem sie nicht.
Sie geht ungerührt.
Ich bleibe. Notgedrungen.
Frau Schuster lächelt wissend.

Und tröstet mich ,,vielleicht morgen?". Ich seh ihr an, dass sie daran überhaupt nicht glaubt.
Umso mehr freut es mich, dass sie mich wider besseren Wissens trösten will.
Ich beschließe trotzig, jetzt einfach trotzdem daran zu glauben Ganz fest!
Alles andre wär einfach Vergeudung!
Von menschlichen Ressourcen.
Ich kann Vergeudung selten gut heißen. Menschliche schon grad nicht.

Schreibe meiner Tochter: heute keine Entlassung, vielleicht morgen...
,,Wann morgen?"
Nach der Visite weiß ich mehr.
,,Wann ist die Visite?"
Tja....

Morgen ist Samstag. Wochenende. Wann ist da die Visite?
Ich frag die Schwester... Weiß sie auch nicht genau.
Auf jeden Fall später als sonst.
Ich frag jede, die sich mir auf Ansprechdistanz nähert.
Zuverlässiges kommt dabei nicht heraus.
Nur: eine Visite kann bis zu drei Stunden dauern. Ohjeh.

Samstag Mittag verliert sie die Geduld. ,,Ich komm jetzt vorbei".
Was soll ich sagen?
Ich freu mich auf euch!
Mehr
steht einfach nicht fest.

Als sie kommt, mit ihrem Jüngsten, ist zumindest eines klar:  heute ist nix mit Entlassungen. Diese Ärztin war eisern.
Ich habe gekämpft wie eine enttäuschte Elster. Hat nix genutzt. Hab mich fast vor ihre Füsse geworfen, so entschlossen war ich, sie aufzuhalten. Sie nicht so einfach gehen zu lassen. Ich war so frustriert!!
Irgendwann hat sie wenigstens verstanden, dass ich ohne klare Zusage nicht mehr führbar sein werde.
Es fiel ihr sichtlich schwer, aber sie ließ sich dann doch zu einer klaren Aussage zwingen.
Morgen wird der Beutel gezogen. ,,Muss eh morgen raus." Echt jetzt?!!! Blöde Kuh!!
,,Wegen der Infektionsgefahr",  zeige ich ihr eher mürrisch, dass ich mich auch ein bisschen auskenne. Das erstaunt sie. Wie gesagt: blöde Kuh!!

Meine Nachbarin zuckt hörbar zusammen... Infektionsgefahr!!! Sie hat doch auch so einen Drainagebeutel! (bei Brustpatienten sind es zwei Glöckchen.)
Sie ist schnell zu verängstigen. (Das weiß ich schon. Das tut mir leid. Ich hätte es nicht sagen sollen.)

Als Wiedergutmachung lass ich sie vernehmlich dran teilhaben, als mir der Beutel gezogen wird am nächsten Tag: ,,oh! Hab ich ja gar nicht gespürt!. Ist er echt schon raus, der Schlauch? Hab ich überhaupt nicht gespürt!" ,,Wirklich?!" sie springt drauf an. Gut! ,,Ja!"sag ich mit Nachdruck und leicht triumphierend - und es stimmt ja auch! Ich hab wirklich nix gespürt.
Es hat mich selbst verwundert. Wie stumpf meine Nerven dort sind. Wo gerade noch der Schlauch lag. Ein bisschen Ziepen hätt ich schon erwartet.

Vor allem freut es mich für meine Nachbarin.
Ich hab es ja schon hinter mir.
Sie hat es noch vor sich.
Und Zeit genug, sich Sorgen zu machen.
Eine Sorge weniger.
Das ist schon mal nicht schlecht. Bisschen Skepsis bleibt ja immer.

Der Beutel also morgen. Da geht sie nicht von ab. Aber als Entgegenkommen kann mir der  Katheter jetzt doch heute schon gezogen werden. Mit anschließender Restharnkontrolle. Durch sie. Ich soll mich zu gegebener Zeit vor dem Ultraschallzimmer gegenüber einfinden. Sie ruft mich dann rein.
Ich versuche es noch ein letztes Mal mit Entlassung heute noch.
,,Meine Tochter kommt aus Bayern - extra um mir zu helfen. Morgen muss sie schon wieder nach Hause fahren - Schulkinder. Das kann doch nicht sein, dass ich sie überhaupt nicht sehe - obwohl es mir doch gut geht. Alles in Ordnung ist. Nichts auf Komplikationen hinweist.... Das kann doch nicht sein!!!"
Ich bin am Ende meiner Zurückhaltung angekommen. Deutlich sichtbar.
Sogar sie sieht es.
Verspricht wenigstens wenigstens!!, dass sie morgen als allererstes zu mir kommt. In der Visite.
MANN!!!
Ich weiß, ich sollte mich freuen...
vielleicht später.

Jetzt muss ich erstmal schnell meinen Urinbeutel lehren und meinen Drainagebeutel in den Waschlappen stopfen. Mein Enkelsohn ist ein zarter, feiner kleiner Kerle. Will ihn ja nicht unnötig erschrecken. Ich ahne ja, dass meine Tochter ihn deshalb mitbringt. Um Krankenhaus als einen Ort einzuführen, der gar nicht so schlimm ist. Ein wenig Realität gegen eine überbordende Phantasie in's Spiel bringen.
Klappt.
Erst ist er ein bisschen zurückhaltend. Schaut skeptisch auf die beiden Beutel, die da an mir hängen. Aber ein bisschen Erklärung und vor allem, dass wir rausgehen auf den Kinderspielplatz direkt vor unserer Tür, hilft doch sehr.
Muss man keine Luft anhalten. Kann man einfach atmen. Wie sonst auch immer.
Im Krankenhaus.

Der Spielplatz ist ganz neu. Die Uni hat eine funkelnagelneue Kinderklinik - Eröffnung war am Tag vor meiner ersten Krankenhausnacht.
Der Spielplatz und das Aussengelände wirklich wunderschön. Sogar eine Schaukel für Rollstuhlkinder. Was es alles gibt!
Alles strömt Zuversicht aus, dort.
Ich denke an die Kinder. Und ihre Eltern. Und Familien.
Und es macht mich dankbar, dass sie sich hier so viel Mühe gegeben haben. Die schweren Zeiten ein bisschen freundlicher zu gestalten.
Und ich verbiete mir entschieden, an Gaza zu denken. Nicht jetzt! Nicht heute!

Wieder zurück im Zimmer sitzt er am kleinen Tisch, schaut auf das Tablett und bemerkt, dass er Hunger hat. Trifft sich gut!! Es gab Pfannkuchen heut, mit Kirschkompott und irgendeiner Soße.
Es ist noch unangerührt. Und schmeckt.
Krankenhaus ist eingeführt.



nachtwind

Als sie gehen, meine Tochter und mein Enkelsohn, werd ich kurz sehr traurig.
Jetzt sind sie extra da - und ich kann sie trotzdem nicht sehen.
Ach Mensch...

Aber dann holt die Gegenwart mich wieder ein.
Es ist überhaupt viel Gegenwart in meinem Krankenhausaufenthalt.
Wenig Zeit übrig, in die die Vergangenheit oder Zukunft hineinschlupfen kann.

Meine Nachbarin plagt die Erinnerung.
Immer wieder erzählt sie die Vergangenheit. Als sie ihre Schwester pflegte. Mit ihrer Mutter zusammen. Dann ihre Mutter.
Und ihr  Bruder nicht.

Sie ist gefangen in dem, wie sie sich wünscht zu sein. Aber nicht ist.
Sie tut mir leid. Ich kenn es von mir.

Wenn ich mich nicht trau, schlecht zu reden von jemandem. Aber es gerade deshalb permanent denken muss. Weil ich es ja nicht ausdrücken, raus!drücken kann.
Und dann drin hängen bleib.
In meiner Gutmenschenfalle.

Es ist schon fast unglaublich, wie sehr man sich selbst im Weg stehen kann!
So dass man dann auch schon mal völlig den Überblick verlieren kann.
Seltsam, dass es so lang gedauert hat, bis es Allgemeingut wurde, dass man auch durchaus viele sein kann.

Hauptsache mal anständig verhalten. Auch wenn ich es nicht bin. Auch wenn ich es nicht fühle.
Ganz und gar nicht fühle!
Aber das gestehe ich mir dann eben nicht ein.
Zu wichtig, ein guter Mensch zu sein.
Wat ne blöde Falle!

In dieser Falle steckt sie fest. Und muss immer wieder davon anfangen.
Bis jetzt hab ich zugehört. Und nix gesagt. Mir nur so meinen Teil dazu gedacht.
Aber mir ist zunehmend unwohl geworden davon.
Thema Zurückhaltung.
Ich mag mich nicht besonders, wenn ich sowas nur für mich behalte. Sicher, es spart Energie. Und ich bleibe unsichtbar. Unangreifbar dadurch. Auch verlockend.
Aber auch ein bisschen geizig, oder?
Ich habe mühsam gelernt, diese Zurückhaltung auch mal zu wertschätzen in mir.
Aber zu viel davon vertrag ich jetzt auch noch  nicht.
Und als sie wieder damit anfängt - und ich ja nicht nach Hause darf, entscheide ich mich kurzentschlossen, mich nicht mehr zu verbergen.
Zumindest probier ich es.

Ich mag sie doch, meine Nachbarin! Spätestens, seit sie sich so rückhaltlos über die aparte Schönheit von Frau Schuster gefreut hat!
Also lass ich sie nicht allein im Regen stehen.  Versuch es zumindest.
Biete einen Nachbarschafts-Regenschirm.  Vielleicht mag sie ihn ja ergreifen?
Ich riskier mich. Geb mein Bestes.
Immerhin.

Immer und immer wieder hat sie uns diese Geschichte erzählt. Mal lang, oft kurz. Und immer endete sie mit den Sätzen: ,,Mein Bruder hat nicht geholfen. Nie! Aber das kann ich ja verstehen - ich hab immer zu ihm gesagt: du hast ja auch viel um die Ohren mit deiner Arbeit. Ich hab es immer verstanden! Und es ihm immer gesagt."
Irgendwann fällt mir auf, dass das fast wortgleich ist. Bei ihr.
Wie eine Geschichte, die sie schon oft erzählt hat. Zu oft.
Da kommt nichts Neues mehr.
Da lebt nix.
Ausgelatscht.

Aber diesmal lass ich sie nicht. Und such in jeder Pause, die sie macht, etwas, dass dafür spricht, die alten Kamellen nicht mehr so wichtig zu nehmen.
Sie da zu lassen, wo sie hingehören.
Und Platz zu schaffen für Neues. Neues Leben. Mit ihrem Bruder.
Nicht: gegen ihn.

Und so entwickelt sich ein Abschnittsgespräch zwischen uns.
Immer sie einen Abschnitt. Mit ihrer Sicht der Dinge.
Und dann ich. Mit meiner Sicht der Dinge.
Immer abwechselnd.
Und jedesmal, wenn ich dran bin, setz ich mich nach spätestens einem Satz automatisch auf.
Wie um mehr für Wucht zu sorgen?, frag ich mich im Nachhinein. Mehr Wucht für meine Worte?

Irgendwann seh ich im Augenwinkel, dass Frau Schuster dem Gespräch gebannt folgt. Als sei es enorm wichtig. Fast hingerissen.
Ich wunder mich kurz. Kann dem aber nicht nachgehen - ich brauch alle Energie grad für meine Nachbarin.
Später wird mir klar, dass es wahrscheinlich gar nicht nur das Thema war, dass sie so fasziniert hat. Sondern eher auch meine Hampelmännchen- Bettgymnastik.
Denn jedesmal, wenn ich fertig war mit Abschnitt oder ich unterbrochen wurde, hab ich mich wieder ins Bett absinken lassen.
Und wenn ich dann wieder dran war - oder unterbrochen habe,- Zack! wie ein Hampelmann aufgesetzt... muss schon reichlich dämlich ausgesehen haben.

Aber währenddessen keinen Gedanken wert.
Meine Nachbarin war schon eine echt festgeklemmte Nuss... nichts ging vor, nichts zurück, nichts hat mal knack oder klick gemacht. Eigentlich sprach nichts dafür weiterzureden.
Nur eine vage Hoffnung.
Auf Frieden.

Eine jahrelange Mauer, errichtet aus großen, groben Bruchsteinen von  Verzweiflung, Überforderung vielleicht auch manchmal, tiefer Enttäuschung und dem quälenden Gefühl alleingelassen zu sein - die schubst man halt nicht so eben einfach um.
Es sei denn, sie ist schon von innen heraus ausgehöhlt.
Das war sie jetzt nicht so sehr. Ein bisschen schon. Denke ich. Sonst wär wohl gar nix passiert.
Besonderes Talent als Mauerknacker hab ich auch nicht.
Also muss schon was von innen ausgehöhlt gewesen sein.

Wie auch immer,  irgendwann sprach sie die erlösenden Sätze selber aus. Dass sie ihm, dem Bruder, so gerne ihr Leben zeigen würde. Wie sie so lebt. Mit ihrem Motorrad in den  Bergen so rumfährt... so Sachen halt.
Da wird es dann innig hier im Raum.
Als wäre das reine Aussprechen schon eine Realität.
Auf eine Art ist es das ja manchmal auch schon.
Vielleicht deshalb.

In dem friedlichen Schweigen danach wunder ich mich über mich selbst.
Dass ich so ein  Plädoyer für den Zusammenhalt in einer Familie gehalten hab.
Echt jetzt? Ich??
Zwischen mir und meiner Familie lagen Kontinente. Als ich erwachsen war.
Kontinente mit endlosem Meer aus Schweigen dazwischen.
Echt jetzt gerade ich??
Na gut, vielleicht ja auch deswegen.
Auch wenn ich nie ein Bedürfnis gespürt hab ... kein kleines bisschen - vielleicht ja trotzdem eine tief verborgene Sehnsucht?
Kaum vorstellbar - das muss schon abgrundtief verborgen gewesen sein.
Aber gut... möglich ist's schon.
Trotzdem - glauben kann ich das nicht. Nicht wirklich.
Ich denke eher, ich weiß es einfach zu schätzen. Wenn es da Beziehungen gibt, auf die man sich freuen kann. Trotz all den Unterschieden. Die ja auch das Erleben beherrschen können. Dass man sich trotzdem aufeinander freuen kann.
Verbunden ist.
Trotz all dem Trennenden... Schlicht und ergreifend verbunden ist.

Ich kann nur jedem raten: wenn noch jemand aus der Familie lebt, dann es auch mal auf sich zu nehmen, sich zu sehen. Zu sprechen.
Man hat zumindest eine Zeitlang zusammen gelebt.
Der andre kennt einige Geschichten von damals. Und erzählt sie vielleicht, wahrscheinlich, ein bisschen anders... kann schon spannend sein. Allein das.
Und manchmal sogar ganz anders. Und dir wird was klar.
Was dir allein kaum gelingen könnte.
Es kann sich lohnen.
Auch wenn sich nichts Verbindendes für die Gegenwart ergibt.
Es kann sich trotzdem lohnen.

Meine Schwester und ich haben wirklich, als wir erwachsen waren, auf unterschiedlichen Kontinenten gelebt. Und dazwischen ein großes Meer.
Und wohl einiges mehr.

Als wir uns mal trafen (zweimal in all den vielen Jahren, wenn ich mich jetzt richtig erinner, vielleicht auch dreimal?) haben wir uns ein bisschen Zeit genommen miteinander. Wir mochten uns ja. Es war kein Streit zwischen uns gewesen. Kein ausgesprochener zumindest.
Und wie das dann so ist, tauscht man unwillkürlich Erlebnisbildchen um Erlebnisbildchen... und irgendwann kamen wir an einen Punkt, an den ich mich nur mit Grausen erinnere... am Besten nie!!

Griechenland - wir ganz arg viel zusammen gespielt in der Zeit - Spiele erfunden, Zeit miteinander erlebt. Abenteuer bestanden und Langeweile besiegt.
Eine gemeinsame Zeit. Gute, bunte Zeit miteinander.
Lebendiges Kinderleben.

Wir hatten auch ein Katze. Tollchen haben wir sie genannt.
Ich hab da so eine grässliche Erinnerung aus dieser Zeit.
Nicht mit Tollchen. Mit einem mir fremden riesigen Kater.
Den ich am Schwanz gepackt hatte - er sich so wild dagegen gewehrt hatte
und ich mich so sehr genau davor gefürchtet hatte, dass ich mich jetzt panisch mit ihm am Schwanz um mich herum gewirbelt habe - schwindlig schnell und atemlos....
Voll entsetzlicher Angst! mich ummenumm gewirbelt hab. Mit diesen Riesenkater am Schwanz . In der Hand. Der sich so wehrte. Und ich nicht wusste, wo der Ausweg war!

Ich wirklich keine einzige Idee hatte, wie ich aus dieser Situation lebend  wieder herauskommen kann!
Bloß nicht aufhören! Auf keinen Fall aufhören!!
Irgendwann konnte ich nicht mehr. Und ließ ihn mit zusammengebissenen Zähnen mitten in dem Wirbel
einfach los.
Er flog in hohem Bogen weg von mir ...weit weg.
Mehr weiß ich nicht.

Wenn ich auch nur kurz daran denk, wird mir speiübel.
Ein Tierquäler war ich! Ein gottverdammter Tierquäler!
Da ist so ein Ekel in mir. Vor mir selbst.
An diese Szene hab ich mich immer bemüht nicht zu denken.
Und wenn, dann ganz schnell wieder weg davon!!

Davon hatten wir es dann auch, damals, als wir unsre Erinnerungen gegenseitig austauschten.
Und da hat meine Schwester mich gerettet!
Einfach so!

Sie hat sich auch daran erinnert... nur eben ganz anders.
Tollchen war läufig... und der große unsympathische Kater der Nachbarn, der uns nie besucht, war gekommen und auf ihr drauf, als wir sie entdeckten.
Und da hab ich ihn kurzentschlossen am Schwanz gepackt.
Um Tollchen zu retten.
So hab ich das damals erlebt wohl.
Aber daran hab ich mich nicht mehr erinnert!
Meine Erinnerung setzt ein, als ich mich wild um mich herum gewirbelt hab. Mich
und diesen Riesenkater.
Und nicht wusste, wie ich da wieder rauskommen kann...

Ich war kein Tierquäler mehr.

Durch dieses kleine Gespräch zwischen meiner Schwester und mir.... weißt du noch?

Und Gottseidank hatte ich das angesprochen. Ich hatte gefragt, ob sie sich noch an andre Tierquälereien von mir erinnert... Bange Frage. Aber ich wollte es wissen.

Und raus kommt, ich war nie einer.
Ich hab das nur so verstanden.
So gelesen. Diese Geschichte.

Es kann sich lohnen, sich wieder zu treffen. Und sich auszutauschen. Über damals... weißt du noch?
Nicht immer so bedeutsam wie in dieser Geschichte von mir und meiner Schwester. Und Tollchen.
Die sicher nicht besonders amused gewesen war. Als ich so resolut eingegriffen hab.
In einen gewaltigen Kampf zwischen den beiden. Der aber gar keiner war.
Ich wusste noch nichts von diesen Dingen.
Ganz andre Zeiten.
Ganz ganz andre Zeiten.

Auch ohne eine so heilende Erklärung - es kann sich immer lohnen, sich mal auszutauschen.
Einfach, weil klar wird: es ist zwar meine Erinnerung - aber sie muss nicht unbedingt so alleingültig richtig sein.
Es gibt auch ganz andre Aspekte. Von ein und demselben Erlebnis.
Allein das ist hilfreich.
Um nicht in einzelnen Bruchstücken haften zu bleiben. Und gar nicht bemerken: es sind nur Bruchstücke! Und keine Wahrheit.
Nur ein Teil.

Auch wenn ihr grad nicht so den lebendigen Draht habt zu einzelnen Familienmitgliedern - tauscht euch mal aus. Versucht  es einfach mal.
Irgendwann ist jeder mal tot.
Und damit dann all die Geschichten.
Die dieser jeder oder diese jede
hätte erzählen können.

Wär schon schade drum.
Oder?

nachtwind

Mit meiner Schwester  verbinden mich viele Kindheitserinnerungen.
Auch die ersten. Mit großem Abstand die ersten.
Bis 9 hab ich deutlich mehr Erinnerungen an sie als an meine Eltern.
Von denen nur ein paar wenige.
Von ihr schon gemessen daran viele.
Und das sind dann Kindheitserinnerungen.
Das zum Thema Kindheit - hatte ich wohl. Trotz allem.
 Blühende, bunte, vor Lebendigkeit strotzende Kindheit.

Ich war ein eher wildes Kind.
 Über die Mauern geklettert, weg.  Irgendwohin... weiß ich das alles nicht mehr.
Aber es wurde erzählt, dass ich wohl immer mit zerrissenen Röcken nach Hause kam.
Erziehung half nichts. Also irgendwann Lederhose.

Es war eine andre Zeit. Mädchen hatten Röcke an. Buben kurze Hosen.
Auch im Winter. Dann mit Kniestrümpfen. Auch die Buben.
Denn die empfindlichste Stelle an Kinderklamotten sind halt die Knie.
Die gehen als erstes kaputt.
Es war eine andre Zeit.
Mädchen in Hosen... Ich erinner mich nicht.
Zumindest Mädchen mit Lederhose gab es so nicht.

Wir waren mal in einer Kirche zum Schauen - mein Vater war total ungläubig, hat das entschieden! abgelehnt. Aber genau so total kulturinteressiert. Deshalb waren wir in unzähligen Kirchen und Kapellen. Kaum sah er eine, musste er rein. Und wir mit ihm.
Klar.
Wir also in der Kirche, griechisch-orthodox... Ich mit meiner Lederhose und Pferdeschwanz.
Kam noch ein Ehepaar rein zum besichtigen, sie sieht mich
und fällt um. Peng. Ohnmächtig.
Wir Kinder wurden hektisch von meiner Mutter, auch das klar! ;) aus der Krche rausgeschickt.
Und standen dann da. An der Mauer. Und kuckten so vor uns hin.
Ich habe mich grässlich gefühlt.
Der Ort ( ich war heimlich schon tief gläubig), und dann reicht ein einziger Blick auf mich und Menschen werden ohnmächtig. In der Kirche!
Es war so furchtbar für mich.
Wie ein deutlich Ablehnung von Gott persönlich!
Betrete nicht mein Haus
Es bringt den Menschen Unglück!
Du gehörst da nicht hin!
!
...
Ich muss ein Monster sein...
...
!

So elendig hab ich mich gefühlt... keine Worte, die dem nahe kommen.
Ausgestossen aus dem Kreis der Menschen.
Denn ich war keiner.
Es braucht keine Beweise.
Die Wahrheit ist jetzt.

Es war nicht das letzte Mal, dass ich mich dieser Wahrheit in mir stellen musste.
Und vermutlich auch nicht das erste Mal.
Aber das erste Mal, an das ich mich erinnern kann.
Tief eingespurt.

(Vor ein paar Jahren hab ich noch einmal einen Versuch gestartet, meinen zweiten.
Mit einer Therapie aufzuräumen in mir.
Ich habe kurz geschildert, dass ich zwar keine Therapie gemacht habe, aber einige Wochenendseminare... und viel damit gearbeitet habe danach.
Mein Fazit damals: Ich hab viel verändern können so seitdem - aber eins ist geblieben, völlig ungerührt davon.
Da brauch ich Hilfe dabei.
 Da komm ich nicht dran, alleine... :
....
dass ich ein Monster bin
....

Nach noch zwei Sitzungen hab ich dann wieder abgebrochen.
Sie war auch wirklich zu verplant.
Zu unsicher auch.
Nichts Schlimmes.
Aber eben auch gar nichts für mich.)

Aufgelöst hat sich die Situation damals in Griechenland, dass meine Eltern irgendwann rauskamen, beide ein bisschen aufgelöst. Erklärung: sie hatten sich verantwortlich für das Unglück gefühlt, der Frau Geld angeboten. Als Wiedergutmachung. Sie wollte erst nicht.
Dann aber doch.
Es muss meinen Eltern total peinlich gewesen sein.
Ich weiß nicht warum
Ich hab die Frau auch noch kurz gesehen. Sie hat mir zugenickt. Sie wirkte ziemlich verwirrt.
Es machte alles immer nur noch schlimmer. Für mich.

Realistisch lässt sich die Geschichte aufdröseln in : Frau sieht ein Kind mit Lederhose und Pferdeschwanz - Widerspruch in sich - sie dreht sich noch mal um, stolpert dabei über irgendwas, fällt hin, schlägt sich den Kopf an - ohnmächtig.
Wird wieder wach.
Irgendwann, viele Jahre später, kam die Geschichte so noch mal auf... eigentlich klar alles.
Für mich aber nicht mehr erreichbar.
In mir hatte sich die grausame Gewissheit eingebrannt:
....
ich bin ein Monster...
...
Ich nehme an, ich war überhaupt nicht überrascht davon.
Ich werde es vage schon immer in mir getragen haben.
In der Szene trat es einfach in die Wirklichkeit.
Was ich schon immer befürchtet habe.

Das zieht sich durch mein Leben.
Dass ich immer so Erlebnisse hatte.
In der was in die Wirklichkeit trat.
Was mich betraf.
Etwas Erzählbares. Erstmal nur für mich.
Irgendwann dann
auch mal andren gegenüber. Wenigen andren.

Ich glaube, dadurch hab ich es einfacher als viele.
Die ähnliches erlebt haben, aber eben nur in ihnen drinnen. Ohne Ereignis.
Mir ist das jedenfalls eine Hilfe.
Um zu verstehen.
Zumindest etwas besser.
Stück für Stück.


Also Mädchen  mit Lederhose gab es nicht. In den Fünfzigern. Andre Zeit.
Aber mich gab es.
Und mir half die Leserhose sehr. Ich wurde nicht mehr bestraft. Für zerrissene Röcke.
Das war mir das Sperrige der Lederhose schon wert!

Ich habe einige Spiele noch im Kopf, mit meiner Schwester.
Meine Schwester hatte mehrere Puppen. Wir hatten keinen Mangel an Spielsachen. Für die damalige Zeit.
Ich zwei. Aber das lag nur daran, dass ich keine zweite wollte. Und danach auch keine mehr bekam. War nicht so meins.
Aber zum Spielen taugten viele Puppen schon sehr.
Wir haben Puppenversteckis erfunden. Eine versteckt alle - die andre muss sie dann suchen!!
Habe das mit meinen Kindern auch gespielt. :)
Und mit meinen Enkelkindern auch! :)
Wenn man Versteckis spielen will, aber die Verstecke, in die man reinpasst, einfach schon zu bekannt sind ... Puppenversteckis geht immer!

Oder Puppenschwimmbad.
In Griechenland haben die meisten Häuser keinen Giebeldach, sondern einfach eine Veranda oben. Also Flachdach. Mit Begrenzungsmauern.
Zum Wäschetrocknen, Weintrauben dörren, all so was.
Wir also vor die Treppe zum Haus einen Waschzuber mit Wasser gestellt, mit allen Puppen und ähnlichem aufs Dach gestürmt - und eine nach der andren vom Zehner springen lassen...
konnten wir stundenlang...
was haben wir gelacht!
herrliche Kinderzeit!

Bis dann irgendwann die  Lieblingspuppe meiner Schwester daneben fiel.
Es fielen immer wieder welche daneben.
Das war ja auch Teil des Lachens.
Die Lieblingspuppe meiner Schwester hatte aber einen Porzellankopf.
Also,ich weiß nicht, ob er wirklich aus Porzellan war, der Kopf, aber eben sehr! zerbrechlich!
Und jetzt war die Lieblingspuppe unrettbar zerbrochen im Gesicht...
wir waren untröstlich.
Meine Schwester, weil ihre Puppe schwer verletzt war. Einfach nicht mehr aussah wie ihre Lieblingspuppe.
Und ich, weil ich schuld war.

Sie hieß Tusnelda.
Die Puppe.
Mit der wollte meine Schwester nicht mehr spielen.
Ich glaub, wir beide haben mit ihr gar nicht mehr gespielt.
Nur betreten gekuckt, wenn wir sie zufällig mal sahen.

Ja, Puppenschicksale... wir waren hautnah dabei.

Meine Schwester war großartig im Gruppenerfinden. Ständig hatte sie irgendeine Gruppe gegründet. Detektivgruppe, Rot-Kreuz-Gruppe... irgendwas lief immer.
Sie fand auch immer Mitstreiter, weil sie so spannende Geschichten dann erfand. Die man spielen konnte.
Nehm ich an.
Sei wollte auch mal Sachen ohne ihre kleine Schwester machen.
Dann bin ich durch unsre Straße gestromert. Und hab immer was gefunden, was ich spielen konnte. Oder erleben.
Die Straße war unser Spielplatz. Autos fuhren kaum. Und Kinder gab es immer genug. Schulaufgaben gemacht, raus auf die Straße. Abends wieder rein.
Kinderglück.

Eine Welt, in der Kinder sein konnten.
Zumindest sich eine eigne Welt gestalten konnten.
Kein Erwachsener weit und breit. Der sich einmischt.
Alle Regeln - selbst erfunden.
Selbst korrigiert.
Selbst wieder verworfen.
Oder selbst für gut befunden.
Es war schon eine wirklich prallbunte Kinderwelt.

Einmal gab es auch eine Baustelle. Ein paar Häuser weiter, an unsrer Straße. Eine große Baustelle.
Heute würde ich sagen, dass wurde schon ein Mietshaus mit  zwei oder drei Etagen, was da gebaut wurde, langgestreckt. Wie Reihenhaus, nur mehrstöckig.
Das war natürlich der  beliebteste Spielplatz ever. Zu dieser Zeit.

Da gab's keine ,,Baustelle betreten verboten" Schilder.
Oder es gab sie. Aber keine Zäune.
Oder es gab Zäune, aber man konnte als Kind leicht drüberklettern oder durchschlupfen.
Da haben wir uns in der Zeit jeden Tag nach Feierabend dort getroffen. Und uns ausgetobt. Ein Fest, was man da alles so spielen kann. In halbfertigen Gängen.
Abenteuer, wie es dir kein Fernseher bieten kann.

Gut, Fernseher hatten wir ja auch nicht.
Auch nicht in Windhoek.
Es gibt so viel Gnade auch, die auf unserem Kinderleben lag. So viel  Beschützendes auch.
Wer nicht so viel Phantasie hatte, war trotzdem nicht angeschmiert. Es gab ja so viele Kinder. Denen man sich anschließen konnte. Wenn man wollte. Und zugelassen wurde.
Alle Kinder, die nichts mehr tun mussten, strömten ja raus auf die Straße.
Meistens war jemand dabei, mit dem man konnte.

In der Zeit der Baustelle dort haben wir uns auch schon mal in den Schulferien vormittags dort getroffen. Und zugeschaut.
Wenn Mittagspause war, haben sich die Männer zu uns gesetzt. So was wie ein Taschentuch aufgeknotet, aber viel größer. Ein Halstuch?
Da war dann Fladenbrot drinnen, Käse, Oliven, Tomaten... alles hübsch verpackt. Und dann ausgepackt. Lagen auf dem großen Tuch. Es  sah so schön aus!
So appetitlich... traumhaft.
Und was haben die Männer gemacht dann? Die großen, starken Männer? Die so schwer geschuftet haben?
Die haben gelacht und gesagt zu uns Kindern: ,,greift zu! Es schmeckt gut!"
Und haben erst angefangen zu essen, wenn wir fertig waren.
Ehrlich!
Das ist kein Scherz! Kein Wunschtraum. Es war genau so!

Ich hab mich in Grund und Boden geschämt! Gehofft, dass sich eine Spalte auftut, in die ich versinken kann.
Ich hatte doch genug zu essen!
Ich wollte ihnen doch nix wegessen!
Sie brauchten das Essen doch!
Ich nicht!

Aber sie ließen mich nicht.
,, iss nur! Du bist doch ein Kind! Alle Kinder haben Hunger!"
Ich wusste, sie sehen mir an, dass ich kein armes Kind bin. Ich hatte gute Schuhe.
Und bis auf die Lederhose - die auch kein griechischer Bub trug ;) - war nichts Auffälliges an mir.
Aber es war ihnen egal.
Egal ob armes oder reiches Kind... Kind ist Kind. Für sie.

Ich hab mich in Grund und Boden geschämt. Aber diese Botschaft hat mich trotzdem erreicht. Dass mir die Tränen kamen. Und kommen. Wenn ich daran denk.
So viel Gastfreundschaft, so viel Kinderfreundschaft... das habe ich auch in meinem Leben erfahren. Erlebt.
Ich glaube nicht, dass das in Deutschland so erlebbar gewesen wäre. Vielleicht im Ruhrpott. Oder so.

In meinem Leben aber gab es solche Inseln. Der tiefe, tiefen Freundlichkeit.
Wo der Mensch dem Mensch ein Freund war.
Und nicht immer nur ein Feind.
Auch das
prägt eine Kindheit!
Auch das gehört zu mir.
Auch das trag ich seitdem
wie einen Schatz in mir.

Neben all den andren Schätzen.
Mein Leben war und ist auch:
voller Schätze.
Ich bin reich an Schätzen.
Auch.

Ein wirklich großes Glück in meinem Lebenmwar, dass mein Vater Kultur so schätzte. Fast schon voller Liebe war für sie.
So kam es, dass ich eines Nachts, bei Vollmond, auf den Sitzreihen eines Amphitheaters saß. Und unten die griechischen Theaterspieler ein uraltes Theaterstück aufführten, mit Masken und Stöcken. Mit Schildern dran.
In einem Griechisch, das ich nicht verstand. Aber genau das passte so völlig da rein. Dass ich nichts verstand.
Nur in mich aufnehmen konnte.
Atemlos vor lauter Hingerissen sein.

Und über uns der Vollmond.
In der griechischen Nachtluft. Mit ihrem ganz eigenen Geruch.

Wer bitteschön erlebt seinen ersten Theaterbesuch so? So ganz am Ursprung.
So ganz genau so, wie es begonnen hat. Das Theater.
Für uns Menschen.
Zumindest in unsrer westlichen Kultur.
Ich habe nichts verstanden.
Aber viel gefühlt

Kaum zu ermessen, wie tief mich das beeindruckt  hat.
Das Magische.
Das Magische, das Theater einmal war.









nachtwind

Von solchen Schätzen gibt es so viele in mir. Genau so viele wie Schrecken.
Ich glaube sogar:  mehr Schätze noch als Schrecken.
Aber genau zählen kann ich das jetzt auch nicht.
Ich vermute es nur.

Manchmal glaub ich, dass es eigentlich nur genau darauf ankommt: dass man seine Schätze findet und aufsammelt. Und wenn man stirbt, gibt man sie wieder frei. Und sie fliegen los. Wie Schmetterlinge. Oder Libellen. Oder Kolibris.
Und kein Schatz, den du aufgesammelt hast, ist verloren gegangen.
Irgendwie so.

Aber vielleicht ist das auch wieder nur ein Gedanke wie  eine Wunderpflanze aus einem Kinderbeet. Dass vielleicht eben doch in allem ein Sinn stecken kann.
Ein guter.
 
Vielleicht setzt man ja auch nicht nur die Schätze frei, wenn man stirbt, sondern auch die Schrecken, die Schmerzen, die man aufgesammelt hat. Und auch die fliegen los...

Zumindest ist dieser Teil der Grund, warum ich noch mal versuche aufzuräumen*.
In mir.
Um meinen Kindern und Kindeskindern genau das
ein bisschen zu ersparen.
Nur ein bisschen...

Falls da wirklich was dran ist.
Spuren hinterlässt man schon. Schmerzen und Schönes. Gibt man weiter.
Aber ob man im Tod dann das nochmal freilässt...
die eignen Schätze, die eignen Schrecken - und eben nicht alles mitnimmt in den Verbrennungsofen und damit ist es verschwunden aus der Welt,
das frag ich mich schon.
Ich halte das schon für möglich.
Dass man das eigne Gesammelte frei lässt. In die große Welt der Schwarmintelligenz.
Fügen sich dort ein. In alles, was da schon flattert und  fliegt.
Zugänglich für alle, die dort suchen.
Irgendwie so.

*Aufräumen in dem Sinne, dass ich mich bemühe, dem Schrecken den Schrecken zu nehmen.
Nichts zuzubeppen! Mit positiven Nettigkeiten zuzukleistern.
Es schon alles zu benennen. So wie es war.
Aber eben vielleicht irgendwie so wie in Momo die Scheinriesen waren... von weit weg sehen sie riesengroß aus - und man hat so schauderlich Angst vor ihnen... aber je näher sie kommen, um so kleiner - und weniger bedrohlich werden sie.
Kann man mit leben.

Schon besonders. Die eignen Schrecken. Machen aus dir auch etwas besondres. Eigen-artiges.
Das schon. Das bleibt.
Aber hey! - kann man mit leben.
Auf seine eigne, wenn du so willst auch behinderte Art.
Aber leben. Authentisch leben.
Und lachen dabei!
Weinen dabei!
Schimpfen dabei!
Scheitern da drin!
Schmunzeln dabei!
Versagen dabei!
Aber eben auch lieben dabei!
Auch das!
Auch das höchste kann man  dabei -
auch lieben dabei...
Neben all den Schmerzen und Schrecken
kann man immer noch auch
lieben dabei!
hey :)

Das ganz normale Chaos des menschlichen Lebens -
kann man alles leben dabei.
Nicht vollkommen. Nicht perfekt.
Aber kann man alles leben dabei.

Und mit ein wenig Nachsicht von andren
kann man auch dazugehören. Ein bisschen.
Am Rande vielleicht. Innerhalb der Grenzen des eignen.
Aber kann man.
Sogar das.

Und hey - wir sind alle darauf angewiesen,
dass man mit Nachsicht auf uns schaut.
Alle!
hey :)

nachtwind

Ja, meine Schwester...
Ich erinner viele geglückte Kindheitserinnerungen mit ihr. In Griechenland.

In Namibia dann weniger.
Ich glaube, sie war eifersüchtig auf mich.
Es war so unnötig wie ein Kropf.
Ich wollte niemals besser sein als sie. In nix.
Das ist mir eher wesensfremd.
Kein Zeichen von gutem Charakter oder so. Einfach nur: wesensfremd.

Aber ich versteh sie schon. Wie es für sie aussah.
Sie hat unter mir gelitten.
Und ich wusste nix dagegen zu tun.

Als wir nach Deutschland kamen, unser Heimatland, das wir nicht kannten, haben wir die ersten drei Monate bei einer Pflegefamilie gewohnt.
Wir hatten ein Zimmer unten im Keller, aber mit Fenster.
Dominant waren die zwei geräumigen Schreibtische Kopf an Kopf,  neben der Wand zum Fenster.
Das war ja auch unser Auftrag damals. An ihnen zu sitzen. Und zu lernen.

Jeder hatte noch ein eignes Bett, jeweils an einer Wand - und an die vierte gelehnt stand unser Schrank. Nicht wirklich groß. Aber ging.
Wir hatten eh noch nicht viele Klamotten. Grad nur das nötigste. Schnell gekauft nach der Ankunft. Denn es war kurz vor Weihnachten als wir ankamen... und wir haben geschlottert in der Kälte. Hatten ja nix passendes für Schnee und Eis.
Also fix in das nächste Kaufhaus...
es hat mich erschlagen. So viele Waren an einem Ort! Es ließ sich mit nichts vergleichen, was ich kannte.

Klamotten waren mir völlig egal. Warm musste es halt sein. Schön - dafür hatte ich keine Sinne. Hab ich heut noch nicht.
Ich hab schon in dem Kaufhaus meine Schuluniform dringend vermisst!!
Mit ihr war alles so einfach!
Meine Schwester fand es furchtbar. Sie fühlte sich eingeengt dadurch.
Ich hab es geliebt. Anziehen - fertig! Keine Entscheidungen nötig. Wie für mich gemacht.

Mein Vater litt tausend Tode - Geld ausgeben war für ihn eine körperliche Qual.
Und jetzt gleich vier fast Erwachsene völlig neu einzukleiden - auch noch im Winter!
Das war der Supergau für ihn.
Allein schon die Wintermäntel!! Und die Stiefel!!
Damit fingen wir an. Weil überlebenswichtig.
Was allein das schon kostete!!
Handschuhe... Schals... warme Socken...
Alles auf einmal! Da kann dir schon mal schwindlig werden. Wenn du das bezahlen musst.
Schon da war er nur noch halb anwesend. Ich hab es wohl gesehen.

Allein das schon hat mich davon abgehalten, mehr zu wollen.
Ehrlich gesagt war ich eher erleichtert darüber. Als dass es mir schwerfiel.
Ist einfach nicht meine Welt.
Meine Schwester hat es genossen. Meine Mutter auch.
Mein Vater und ich, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, schielten immer wieder sehnsüchtig nach dem Ausgang.
Immerhin hatte das Ganze den Vorteil, dass uns beiden der Schrank dann reichte.

Alles, was man so braucht in einem Zimmer, war da.
Platz dann nicht mehr.
Aber unser Job war ja auch, an den Schreibtischen zu sitzen und all das nachzuholen, was wir in Namibia nie gelernt hatten.
Das war ziemlich viel.
Und das in möglichst kurzer Zeit.
Neben dem normalen Schulunterricht dazu.
Da hatten wir ordentlich zu tun.
Mehr als Schreibtisch und Bett brauchten wir eh nicht.

Essen gab es oben in der Familie. Dann waren wir schnell wieder unter uns.
Da haben wir uns noch mal gebraucht. In dieser Zeit. Als Familie.
War ja auch ne echte Herausforderung. Kulturschock nennt man das heute.
Alles neu. Alles anders. Als gewohnt.
Ganz neue Klassen, jeweils. Und keine gemeinsame Vergangenheit. Vieles verstanden wir gar nicht. Worüber so gesprochen wurde da. Unter Schülern.
Schon nicht einfach, für uns zwei Mädels aus dem Land der Affen. Fuß zu fassen. In einer deutschen Fastgrossstadt. Für uns: Metropole!!
Wir kannten ja noch nicht mal Strassenbahnen...
;)

Wie schwer mir die Schikanen von Carola Schätzle und ihren Adjutanten zugesetzt hatte, wurde mir erst im Nachhinein deutlich. Ich hatte es ja schon nahezu vergessen.
Auf zwei oder drei Jahre Quälerei waren ja 3 oder 4 Jahre mittendrin gekommen. Klassensprecherleben. Ich war ja akzeptiert. Jedes Jahr aufs Neue.
Also 3 bis 4Jahre alles gut.
Da rutscht so was schon mal aus der Sichtweite raus. Und was du nicht siehst, hast du eben auch nicht mehr auf dem Schirm.

Andre in mir waren da ganz andrer Meinung!
Für mich selber kam das völlig - völlig! - überraschend.

Also erster Schultag, melde dich beim Sekretariat. Das wusste ich. Dann kam der Direx, ich war schon sehr aufgeregt, das schon. Hab ihn gar nicht richtig angeschaut. Führt er mich zu meinem Klassenraum, klopft an. Mir war schon ordentlich mulmig.
Aber was dann geschah, das hatte ich trotz alledem so
überhaupt nicht erwartet.
Wir treten ein - PAMMMM!!!.... Nebel.... Alles voller Nebel!!!
Ich total verwirrt! Wo kommt denn jetzt dieser Nebel her???!!!
Ausgerechnet jetzt!! Ausgerechnet hier!!!
In den ersten Sekunden in einer neuen Klasse....
Panik steigt nicht auf! Panik, grelle Panik ist schon da, schlagartig, dass ich fast taumel.
Panik in einem undurchdringlichen Nebel.
Ich sehe NIX!!!
Gar nix!!!

Ich kann noch nicht mal Himmel hilf! denken oder so was - ich versteh das alles gar nicht!!!!
Was ist hier los???!!!

Immerhin bemerke ich, dass ich hören kann.
Ich hör den Direx sagen ( ich nehme an, er ist es) ,, also hier ist eure neue Klassenkameradin nachtwind".... Schweigen... wartet er auf was? Muss ich was tun??
Ich seh doch nix!!
,,Also dann noch einen schönen Unterricht!" sagt er dann (irgendsowas halt) - ich bin eine Spur erleichtert.. er geht. Also muss ich da nix mehr tun.

Aber jetzt???!!!
Was soll ich denn tun???
Ich seh doch nix!!! Keine zwanzig Zentimeter weit!!
Wie bescheuert, dass ich mir nicht vorher einen Überblick verschafft hab!! Es hat mich beim Öffnen der Tür schon erwischt.
Kein Plan... ABSOLUT KEIN PLAN!!
Ich kann doch nicht jetzt hier ewig stehen bleiben!!
Abe wenn ich jetzt einfach losgeh und gegen irgendetwas knalle dabei - wie sieht das denn dann aus?!!!

Ich bleib einfach stehen.
Mitten in diesem Nebel.
Ich mache vorsichtshalber keinen Schritt.
Bleib einfach stehen.
O mein Gott!!!
Was soll ich bloß tun??!!
Dieser Nebel ist überall!

Ich steh einfach. Warte einfach. Vielleicht bin ich ja auf einen Schlag blind geworden?!
Ich weiß einfach nicht weiter.
Werde ganz ruhig. Vor lauter Schock.
Der Nebel
und das Schweigen
dauern einfach immer weiter an.

Hört das hier nie auf??!!
Da hör ich von einer überraschenden Richtung ein eher zögerliches ,,jetzt such dir mal einen freien Platz ... und setz dich" . Die Stimme ist nicht bedrohlich. Fast ein bisschen fragend?
Ich kann nicht drüber nachdenken, ich hab ein neues Problem an der Backe!!! Such dir einen freien Platz... na toll! Such die einen freien Platz - wie denn in diesem Nebel, in dem ich immer nur eins sehe: NEBEL! Undurchdringlichen Nebel...
Aber ich kann nicht mehr da stehen bleiben jetzt, das hab ich verstanden. Also mach ich ein paar sehr vorsichtige Schritte - jetzt bloß nicht auch noch stolpern jetzt!!! -
in Richtung dieser nicht so bedrohlichen Stimme...
irgendwohin muss ich ja jetzt...

und zu meiner gottserbärmlichen Erleichterung sehe ich zögerlich etwas auftauchen im Nebel... etwas, das ein Stuhl sein könnte... Hoffnung blitzt auf! Und jeder kleine Schritt darauf hin bringt nach und nach die Erlösung : da ist ein Stuhl! Und dann auch ein Pult davor!!
Grundgütiger - ich hab's geschafft!!!!
Noch ein Schrittchen, dann setz ich mich so unauffällig wie möglich hin. Stelle den Ranzen ganz leis neben mich. Senke den Blick. Falte die Hände.
O... mein...Gott...
Jetzt bloß nicht seufzen. 
Mit nix auffallen mehr.
Einfach nur ganz still sitzen.
Ich hab's geschafft...

So sitz ich da.
Halb bewusstlos vor lauter Anstrengung. Die ich bewältigen musste.
Ich versteh immer noch nicht was überhaupt los ist.
 Nur nicht bewegen... einfach wegducken... der Unterricht geht ja weiter. Wenn du Glück hast, beachtet dich gar keiner mehr.

So sitz ich da.
Fast unsichtbar.
Kurz durchschnaufend in dieser Unsichtbarkeit.

Bis mir etwas auffällt. Erst nur ein bisschen, dann mit immer lauter bimmelnden Alarmglocke:
Es ist ganz still...
mucksmäuschen still.......
Sollte jetzt nicht Unterricht sein??
Bin ich etwa nicht nur blind, sondern auch taub geworden??!!
Entsetzen greift nach meinem Herzen... was ist hier bloß los???
Ich hebe meinen Blick - irgendetwas stimmt doch hier nicht!!
Ganz und gar nicht...?

Und da trifft es mich wie ein heftiger Schlag!! Mitten in den Bauch!! Ich bekomme keine Luft mehr....
der Nebel hat sich ein bisschen aufgelöst. So wie Nebel es halt tun. Ein bisschen kann man sehen - der Rest bleibt nebelig verborgen. Noch.
Aber was ich sehen kann, das reicht. Um augenblicklich sterben zu wollen.
Oder wenigstens verschwinden ... auf immer und ewig verschwinden!!
Was ich sehen kann, aufgetaucht aus dem Nebel um sie herum, sind
Mitschüler!
Und sie sitzen mir alle gegenüber.
Und schauen mich an!
....
Mir gegenüber???
....
Heißt das...???!!!! Ich schau ganz fix neben mich, da wo die Stimme herkam -
O holy shitt!!!! Es ist wirklich wahr...!

Ich sehe einen Erwachsenen dort, an die Fensterbank hinter sich gelehnt, mit verschränkten Armen... er schaut mich ruhig an, nachdenklich...

und ich verharre einen winzigen winzigen Augenblick
in vollkommener Ruhe.

Wie wenn du vom Zehner springst  - diese erste Hundertstel Sekunde
völliger Ruhe...,
nach der Riesenangst vor dem Springen
und vor dem Gezappel, das gleich einsetzt. Um die Balance zu halten. Nur nicht in Schieflage kommen!
Wenn du in der Luft hängst, aber noch nicht fällst
Im genau so einer vollkommenen Ruhe verharre ich.
Eine Hundertselsekunde.

Dann beginnt das Zappeln.
Also ich zappel jetzt nicht, es geht jetzt nur ganz ganz schnell: Tasche nehmen aufstehen - direkt gegenüber war ja ein freier Platz, Himmel sei Dank!!! , mich durch die Sitzreihe zwängen zu dem freien Platz, bloß nicht kucken wie viel ich jetzt noch dazu erkennen kann, bloß nicht stolpern jetzt - Platz erreicht gesetzt Tasche abgestellt Blick gesenkt die zweite...

und jetzt kriegt mich nie wieder jemand hier weg!
Hier bleib ich!
Zieh die Schultern hoch.
Schau nie mehr auf!
Nie mehr!
mach ich noch irgendetwas anderes als hier zu sitzen.
Nie und nimmer mehr!

Eigentlich sitz ich ja gar nicht wirklich hier....
wo dann?! Weiß ich jetzt auch nicht.
Aber das da, das da sitzt, das bin ich nicht.
Das kann ich gar nicht sein!
Also bin ich ganz woanders.
Und das tut mir grad
richtig gut.

Irgendwann um einiges später nehm ich etwas wahr, erst undeutlich und vage,
dann klarer und zuordenbar: gedämpfte Stimmen...
O wie grenzenlos gut! Der Unterricht läuft!
Ich hab nicht noch was falsch gemacht!
Es droht nichts mehr.
Und mit dem gedämpften Gemurmel ohne dass ich ein Wort versteh, lass ich mich einlullen... hier kann ich mich erholen...
Oh...mein...Gott...

Aber auch die gnädigste Uhr läuft irgendwann immer weiter ...
es droht nichts mehr?
Ich ahne es immer deutlicher ... es bin doch ich, die hier sitzt. Und irgendwann ist auch die freundlichste und friedlichste Minute doch nur wieder nur noch eine einzige, bevor das nächste Unheil droht!
Die Pause.

Ich bleib einfach sitzen. Kopf gesenkt.
Ich weiß, ich hab's versemmelt.
Auf immer und ewig.
Ich nehm die Strafe an. Egal wie schwer - ich nehm sie an.

Aber auf das, was jetzt folgt, hab ich mich niemals vorbereiten können!!
Mit nichts!!
es ist der letzte Schock dieses Tages.
Dieses so schockreichen Tages.
Und nichts und niemand hat mich jetzt genau darauf vorbereiten können!

Sie nähern sich mir. Ich spüre sie. Ich schau nicht auf. Ich nehm die Strafe an. Egal wie schwer sie sein mag.
Ich bin sehr ruhig. Völlig erschöpft ruhig.
Noch trifft mich nichts.
Ich schaue ergeben auf. Wo sind sie?
Wie viele sind sie?
Was haben sie vor?
Ich wehre mich nicht. Ich nehm es an.

Und sehe, höre, fühle langsam etwas Ungeheuerliches!
Langsam ahne ich es. Was jetzt hier geschieht.
Ich versteh es nicht.
Aber ich hab ja ohnehin nichts verstanden von dem, was da alles so geschehen ist grad.
Mit mir.
Es wird immer deutlicher:  sie drohen mir  nicht mit irgendeiner Strafe... irgendeiner Qual ...
sie drängen sich um mich, ja... aber nicht um mich zu quälen...
...
ich bin mir immer noch nicht sicher, aber es sieht alles so danach aus,
dass sie sich um mich drängen, um mich zu begrüßen.
???
Ist aber so.
Sie drängen sich darum.
???
Ist aber wirklich so.

Es sind ja auch nicht alle! Und die Pause ist dann schnell wieder rum.
Und ich hab wieder eine Schulstunde Zeit. Um auf dieser letzten Unmöglichkeit auch noch rumzukauen.
Kann das wirklich sein?

Aber es bleibt dabei.
In der zweiten Pause ändert sich nichts. Sie scheinen mich zu mögen.
Richtig zu mögen.

Ich bin zu erschöpft, um groß noch was zu fühlen.
Aber das bisschen, was noch geht, sagt ganz leise: ich glaub, ist alles gut.
Oder??
Doch... ich glaub ist alles gut.


Der Rest ist schnell erklärt.
Erstens: so etwas wie den Nebel hab ich nie mehr in meinem Leben erlebt.
Auch nicht ansatzweise irgendetwas in dieser Art.
Zweitens: wie tief muss da was eingespurt gewesen sein, dass ich solchen Nebel fabrizieren kann. Nur um nicht sehen zu müssen. Was da jetzt wieder auf mich wartet.
Es war mir nicht bewusst. Auch nicht ein wenig.
Es kam ganz völlig überraschend.
Und erst viele Jahre später habe ich begriffen, dass es etwas aussagt. Dieses Nebelerlebnis. Über die Wucht an Angst. Von damals. In Namibia. Die ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte.
In der Erinnerung aber auch währenddessen so in diesem Ausmaß nicht verspürt hab.
Zumindest halt: nicht bewusst.

Und drittens ließ sich diese letzte völlige Ungereimtheit bald entschlüsseln.
Es war Anfang 69, dass das geschah. Es lag etwas in der Luft.
Ich hatte keine Ahnung davon. Wie gesagt, ich kam ein bisschen in diese Zeit
wie ein Bauernmädel in den 1920gern nach Berlin.
Durch nichts vorbereitet auf eine völlig andre Welt.
Aber meine Mitschüler, die hatten diese Luft schon eingeatmet.

Und was sie sahen, war eine stumme Rebellin.
Bleibt ungerührt stehen. Einfach so.
Und auf die Aufforderung sich jetzt zu setzen, setzt sie sich ganz nebenbei auf den Lehrerstuhl.
Wie cool ist die denn drauf! Auf den Lehrerstuhl!
Was für eine Aussage!
Und kuckt überhaupt nicht frech oder so!! Eher ganz gesammelt.
Mann ist die cool!
Und dann setzt sie sich auf die richtige Seite, ganz ohne Aufsehen! Ohne jeden Triumph oder so. Ohne jede Rebellenallüren. Einfach so.
Als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Mann ist die obercool!

Und in der Pause gibt sie kein klitzekleines bisschen an - ist eher sehr zurückhaltend. Höflich.
Die ist echt obercool!!

Wenn die gewusst hätten, dass das alles nur aus reiner purer Angst gespeist war - aus reinem blanken Horror und sonst nix...
Dass das, was obercool aussah, eine völlige Hilflosigkeit war.
Dass da jemand ganz und gar nicht obercool drauf war, sondern
völlig lost im Nebel der eigenen Angst...

Ich hab es ihnen nicht verraten.
In der Situation eh nicht. Ich hab doch überhaupt nix verstanden!
Aber auch später nicht.
Nur nicht dran denken. Nur nicht dran rühren.
Es ist vorbei!
Alles gut gegangen.
Das ist was zählt.

Nur später, ganz viel später, als Erwachsene, wenn ich das mal erzählt hab, dann schon immer so, wie es tatsächlich war: ich hab wenig Heldentaten vollbracht - aber wenn, dann waren sie in Wirklichkeit Ausdruck meiner völligen Unfähigkeit.
Meine Angst zu zügeln.
Meine paar wenigen Heldentaten im Leben waren schlicht und ergreifend pure Angsthasen-taten...
sie  sahen nur einfach ganz anders aus!
;)




nachtwind

Ich merke grad, dass ich mich hier viel zu sehr ausbreite.
Also nicht hier in meinem Thema - aber im Forum selbst.
Wie Unkraut, das wuchert und wuchert...
Ich nehm viel zu viel Platz ein.
Ich will das nicht.
Aber es passiert trotzdem.
Es tut mir ehrlich leid!
Ich entschuldige mich bei denen, denen ich zu sehr auf die Pelle gerückt bin!
Ich versuche mich einzufangen.
Und zu zügeln.

Ich bleibe hier bei meinem Beet.
Und tobe nicht mehr so viel im Garten rum!
Ich bemüh mich zumindest.
Nehm ich mir jetzt vor.
Ich hoffe, ich krieg's auch hin!

nubis

#189
Oh je, liebe Nachtwind! - da hast du aber etwas völlig falsch interpretiert!

Das Forum lebt doch davon, dass man sich austauscht! Das Miteinander und nicht nur jeder für sich!

Viel zu oft stelle ich für mich fest, dass es mir leid tut, weil ich so Manchem nichts zu antworten weiß.
Weil ich auch weiß, wie gut ein paar Worte - oder auch ein paar mehr ;-) - tun können, wenn man da so vor sich hin sinniert und versucht seine Gedanken zu ordnen.
Und dann kommt Einer und äußert sich dazu - und das tut gut!

Wer keine Antworten auf einen Beitrag möchte, vermerkt das in der Regel.

Also nein! - ich finde nicht, dass du zu viel Platz einnimmst und freue mich, wenn du es nicht hin kriegst und ich statt dessen noch viele interessante und inspirierende Beiträge von dir lesen darf! :-)

Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind

Meine Schwester...

Die Pflegefamilie wohnte in Bad Godesberg. Zur Schule konnten wir zu Fuß gehen.

Bonn war damals  die Hauptstadt der Bundesrepublik. Das Auswärtige Amt wie alle Bundesministerien, war in Bonn angesiedelt. Und viele Botschaften, und damit auch Kinder aus anderen Ländern. Vor allem aber eben auch viele deutsche Kinder, die in aller Herren Länder zur Schule gegangen sind.
Die meisten Schüler waren normale Kinder aus Bonn und Bad Godesberg. Aber man fiel als anderer nicht so auf. Sie waren es gewohnt.
Ich glaube, wenn Menschen erstmal gewohnt sind, dass andere anders sein können aber trotzdem normal, dann wird es für alle einfacher.

Dieses Gymnasium war auf solche Kinder wie wir es waren, eingerichtet. Es war klar, dass sie jetzt nicht sofort nahtlos eingegliedert werden konnten.
Man gestand ihnen eine  Frist zu. In der sie alles Versäumte nachholen konnten.
Und man bekam die nötigen Schulbücher der unteren Klassen dazu.
Musste jetzt nur noch lernen, lernen, lernen.
Außer essen, zur Schule gehen und lernen war nichts angesagt. In diesen Monaten.

Natürlich haben wir uns auch gestritten.
Aber mehr noch gebraucht.
Wir waren einfach froh, mit all dem nicht ganz allein zu sein.
War schon eine Herausforderung.

Vom Haus unserer Pflegefamilie war es nicht weit in den Wald dahinter.
Wenn ich es nicht mehr ausgehalten hab, dann bin ich ab in den Wald. Bin dort gelaufen und gelaufen.
Ich konnte nicht so gut die ganze Zeit nur sitzen. Ich brauchte das... herumstromern..
Das war ein bisschen wie Sport.
Das fehlte mir. Das hab ich mir so geholt.

Eines Abends war ich auf dem Weg zum Wald plötzlich nicht allein.
Da war  auch ein Junge unterwegs. Ein eher zarter feingliedriger Jungen. In meinem Alter.
Es .war sehr selten, dass da jemand war.
Wir waren beide sehr scheu, aber irgendwie kamen wir doch ins Gespräch.
Er war Franzose.
Auch neu. In einem ihm fremden Land.
Er ging auch gern in den Wald. Ich ja auch.

Ab da gingen wir gemeinsam in den Wald.
Und gemeinsam durch den Wald.
Es wurde immer inniger. Sogar de Wald sah anders uns als sonst. Schöner.
Geheimnisvoller.
Irgendetwas geschah da. Mit uns.
Auf diesem Spaziergang haben wir nicht viel geredet. Er konnte auch noch nicht viel Deutsch.

Ich glaube, wir beide haben uns sehr gesehnt. Nach Nähe. Die man nicht erst mühsam erklären muss. Und das dann auch meistens ohne großen Erfolg.
Ich glaube, wir haben uns danach gesehnt, vertraut zu sein mit jemandem. Das man sich einfach versteht. Ohne langes Gedöns.
Und als wir uns trafen und so nebeneinander durch den Wald liefen, haben sich dann irgendwie unser beider Sehnen einfach verbunden.

Und das hatte die Macht, den Wald zu verzaubern.
Und uns zu berühren.
Am Ende unseres Weges haben wir uns geküsst.
Es war keine Frage. Es geschah einfach so. Unangekündigt.  Als sei es das Natürlichste der Welt.
Vielleicht doch angekündigt. Durch den Zauberwald.

Es war mein erster Kuss.
Nie mehr in meinem Leben habe ich einen auch nur annähernd so zarten, so süßen, so innigen so zärtlichen Kuss erlebt.
Er ging bestimmt eine Stunde...

Beim Auseinandergehen haben wir uns für in vier Tagen selber Ort selbe Zeit verabredet.
Und dann ging jeder in sein Zuhause zurück.

Ich war verzaubert.

Natürlich fiel das auf.
Ich war jetzt nicht dafür bekannt, dass ich ständig vor mich hinlächle.
Meine Schwester hat mich gelöchert.
Ich wollt erst nix erzählen. Hatte Angst, da etwas zu zerstören. Von unsrer Geschichte. Nur nicht dran rührn.
Aber wenn ich hartnäckig gefragt werde, kann ich nicht lange widerstehen.
Das ist eine Charakterschwäche von mir.
Hat mir schon einiges an Problemen bereitet.
Befindet sich aber außerhalb meiner Reichweite.
Um es umzujustieren.

Und noch eins kommt dazu. Ich bin nicht feinfühlig. Eher wie der Elefant im Porzellanladen.
Ich vergesse immer wieder, wie mein Gegenüber sich wohl fühlt. Obwohl ich es doch wissen kann. Wissen muss.
Ich vergess es einfach. Vor lauter ,,ich"!

Und so hab ich es ihr erzählt.
Ich hätte wissen müssen, dass es sie verletzt.
Ich hab nicht dran gedacht.

Am Tag drauf ging meine Schwester, auffällig laut dabei, aus dem Raum.
Ich hab mir erst gar nichts bei gedacht. Irgendwann steh ich auf um etwas zu holen, und da seh ich ihr Tagebuch. Aufgeschlagen. Auf ihrem Bett.
Erst hab ich pflichtschuldig  weggeguckt. Wenn man auf engem Raum lebt, ist Privatsphäre kostbar.
Aber wie es so ist mit der Versuchung - sie gewinnt einfach oft.
Und so hab ich ihren letzten Eintrag gelesen.
,, wenn sie jetzt noch vor mir ihren ersten Freund hat, bringe ich mich um!"

Ich war völlig erschüttert!!

Wir waren fünfzehn und siebzehn. Es war möglich.

Natürlich hab ich nichts gesagt, dass ich es gelesen hab.
Das hab ich mich nicht getraut.
Ich war wirklich erschüttert.

Aber verzaubert war ich trotzdem noch. Beides.
Beides gleichzeitig.
Beides tief.

Ein paar Tage später fällt mir siedend!siedendheiss ein: wann noch mal wollten wir uns wieder treffen???!!
Ich hab jeden Tag daran gedacht. Dass wir uns wiedersehen....
und hatte es doch vergessen!!
Einfach vergessen!!!
Wie kann das sein?!!!
Ich bin das letzte vom Letzem!!!
Ich bin es einfach nicht wert...
Ich war so zornig auf mich - unvorstellbar unerbittlich zornig!!!

Natürlich bin ich danach jeden Tag zur rechten Zeit dort hin gekommen. Natürlich hab ich jeden Tag jedesmal den ganzen Wald abgesucht. Nach meinem zarten Franzosen.
Natürlich hab ich mir jedes Mal vorstellen müssen, wie tief enttäuscht er gewesen sein musste.
Als er kam.
Und ich nicht.

Und jedesmal, wenn ich an dem Punkt angekommen war, musste ich noch eine lange Runde durch den Wald laufen.
Aber diesmal nicht um ihn zu finden...
diesmal um vor mir selber wegzulaufen!
Weil ich mich überhaupt nicht
ertragen konnte.

Und natürlich hab ich ihn nie wieder gefunden.
Er hat mir sein Herz geöffnet.
Und ich hab es zertrampelt.

Es gibt Dinge, die kann man nicht rückgängig machen.
Die sind, wie sie sind.
Die trägt man in sich.
Und wird sie nicht mehr los.

Eins aber hab ich geändert. Wenn mir diese Geschichte wieder einmal durch den Kopf weht. Natürlich hab ich sie nie jemandem erzählt. Warum auch.
Nur mir erzähl ich ab und zu davon. Von den langen Läufen durch den Wald. Auf der Suche nach ihm. Der verzweifelten Suche nach ihm. Wie ich nach ihm gerufen hab! Lautlos... aber so durchdringend!
Ich glaub, ich wusste noch nicht mal seinen Namen.
Wir haben so wenig gesprochen. Auf unserem einzigen Gang. Durch den Zauberwald.
Und trotzdem hab ich ihn gerufen! So laut, dass er es hätte hören müssen!
Aber er kam nie mehr.
Ich habe ohne jede Not
sein offenes Herz verletzt.
Das hatte er niemals verdient. Niemals.

Alles bleibt bei dieser Geschichte. Da verändert sich nichts.
Die Schuld nimmt mir keiner mehr.
Aber eins hab ich verändert. Im Laufe der vielen Jahre.
Ich setze das Wort vergessen
in Anführungszeichen.
 
So viel Korrektur
muss schon sein.

Wenn auch sonst nix.
Das schon.

Das hab ich irgendwann verstanden.
Auch: dass ich das niemals bewusst so hätte machen können.
Ich hätte mich gegen den Zauber niemals bewusst entscheiden können.
Es musste schon über das Vergessen gehen.
Das war meine einzige Chance.



Wer das jetzt wieder in mir in die Hand genommen hat??
Ich bin mir selbst ein Rätsel.
Ein einziges Rätsel.
Voller unzähliger einzelnen Rätseln.

nachtwind

Oma Liesel ist tot.
Heute Morgen ist sie gestorben.

Pfingstmontag ist sie in die Klinik gefahren worden.
Am Samstag drauf kam der Anruf aus der Klinik, sie werde jetzt in ein Koma versetzt. Wer sich verabschieden wolle, solle jetzt kommen.
Denn es sei ungewiss, wie es ausgeht.

Und so war es auch.
Sie ist nicht mehr aus dem Koma erwacht.
Nach langen Wochen haben die Angehörigen beschlossen, die Beatmung einzustellen.
Heute Nachmittag.
Heute Morgen kam der Anruf: sie hat es selbst vollbracht.
Ein letzter Liebesdienst an ihre Familie.
Schrieb meine Tochter.

Ich finde keine Worte.
Ich suche auch keine.
Manchmal verneigt man sich lieber still.

nachtwind

Vielleicht ist er ja auch selbst
gar nicht erschienen zu dem Treffen.
Das wäre eine schöne Entlastung.
Ob ich mir wohl glaube, wenn ich mir das jetzt einzureden versuche?
Vermutlich eher nicht.

Ist auch gar nicht so wichtig.
Schuld ist nicht das Entscheidende.
Ich habe weiß Gott weit mehr Schuld auf mich geladen!
Als das dort.
Es ist der Schmerz. Dass ich den Zauber zerstört habe.... kaum, dass er sich zeigt in meinem Leben - zerstöre ich ihn schon...
Ich kann es gar nicht fassen.
So entsetzt bin ich darüber.

Das war bedeutend größer.
Als die Schuld. Die dadurch in meinen Schuldrucksack gekrochen kam. Heimlich.
Zu all dem andren Ballast dort drinnen.

Schon komisch - ist doch wirklich prall gefüllt. Der Rucksack.
Und hat trotzdem so was wie einen Magneten in der Fronttasche.
Und der zieht und zieht alle Schuld, die grad mal eben so frei rumliegt, zielstrebig und selbstverständlich an.
Als wäre es nie genug.
Schuld. In mir.
Schon komisch.

Obwohl ja, wenn du da mal genauer hinschaust, die Existenz von Schuld gar nicht so selbsterklärend ist.
Und, zumindest denkbar!, es durchaus auch möglich ist, dass es sie gar nicht wirklich gibt.
Außerhalb von unserem Denken. Und Fühlen.
Es gibt Kausalketten, Konsequenzen, ja ... aber Schuld?
Vielleicht doch nur eine Erfindung von uns Menschen?

Vielleicht war und ist es einfach so unerträglich, dem unbeeinflussbaren Zufall des Lebens ausgeliefert zu sein, dass man lieber die (eventuell nur erfundene) Schuld auf sich lädt. Und sich zumindest so selbstwirksam fühlen kann.
Wenn auch schuldbeladen.
Als Preis dafür.

Schuld nur eine Erfindung von den Menschen?
Um den unberechenbaren Mächten des Lebens etwas entgegensetzen zu können?
Schon denkbar. Auch verständlich. Wenn es denn so ist.
Aber mir fällt ein Erlebnis ein.
Als wir beide, munshan und ich, gegen das Ende unsrer Pyrenäenzeit stießen.
In Cadaques.
Vor dem Rückweg in die Großen Stödte
gestrandet in Cadaques.
Weil ich so sehr gezögert habe, die Pyrenäen zu verlassen.

Ich hatte schon so heftiges Heimweh nach den Bergen, bevor ich  mich überhaupt an die Straße gestellt hatte.
Und soviel Bammel vor dem Leben erneut in den Großen Städten! So ganz ohne Plan!
Ich wollte es einfach nicht wahrhaben!
Dass die Zeit in den Bergen jetzt vorbei ist für mich.
Tag für Tag gekniffen. Vor der Wahrheit.
Aus Ende Gelände... diese Zeit
ist jetzt vorbei.
Ich seh die Berge noch. Ich kann sie noch riechen.
Ich bring's einfach nicht über's Herz... bring's überhaupt nicht fertig,
sie Vergangenheit werden zu lassen.
Meine Vergangenheit.

Ich konnt es nicht ertragen. Zulassen.
Bis das letzte Geld ausgegeben war.
Und ich genau dann - blöderweise!! - eine dicke Backe bekam.
Und so dann jetzt gar keine Chance mehr sah, mitgenommen zu werden.
Zumal ja nun auch noch mit Hund
War ich noch nie getrampt. Mit Hund.
Ob das überhaupt geht?
Mit Hund - und dann noch gruselig aussehend mit fett dicker Backe geht mal sicher nicht!  So
nimmt mich keiner mit.
Gestrandet.

nachtwind

Das waren wir: gestrandet.
Das letzte Geld in Tabak und Hundefutter umgewandelt - und dann kam die dicke Backe.
Stranded.... Gibt einen Blues von jim Morrison. Musst ich sofort daran denken. Als ich das zum ersten Mal gehört hatte... stranded...

Ich hatte eine ehemalige Hirtenhütte gefunden, ein Stück außerhalb von Cadaques.
Einfach nur Steine übereinander gestapelt. Mit einem Kuppeldach. Wie ein Iglu.
Die war unsre Zuflucht. Vor dem Leben.
Das zu schwierig wurde.
Mal wieder: aussichtslos...

Ein paar Schritte entfernt gab es einen Felsen, von dem man aus das Meer sehen konnte in seiner Unendlichkeit... in seinem atemberaubenden Überall....

Ein Sehnsuchtsort.
Da saß ich jeden Tag.
Und hörte die Musik in mir.
Den Refrain.

Als ich von dort zurückkam zur Hütte, wartete munshan schon auf mich.
Dh er wartete nicht. Er versuchte verzweifelt, sich in die Erde zu drücken. Damit er nicht mehr da wäre.
Und schaute mich mit so einem Blick an..., Schnauze am Boden, so ein Blick...
vergess ich nie!
Ich glaube nicht, dass nur wir Menschen Schuld fühlen.

Er hatte das gesamte Hundefutter für die nächste Tage
komplett aufgefressen.
Und nein, sein Blick war keine Reaktion auf meine Emotion deswegen - ich wusste ja noch gar nichts davon. Ich hab ja nur an seinem Blick gemerkt, das irgendetwas nicht stimmt.

Irgendetwas der Schuld ganz ganz Ähnliches muss er verspürt haben.
Gut, wir kannten uns ja auch noch nicht sooo lange.
Vielleicht hatte er einfach auch nur voll die Angst vor der Konsequenz.
Dass ich ihn jetzt wieder zurücklass. Wie seine erste Bezugsperson damals. Als sie ihn in die Pyrenäen brachte. Zu dem Schäfer. Und dann verschwand.
Aber da war etwas in seinem Blick.... Ich weiß nicht.
Es lässt mich zweifeln, dass nur wir Menschen so fühlen können.
Zumindest etwas ganz Ähnliches
können Tiere auch empfinden.

Schuld beinhaltet (scheinbar) immer auch
die Angst vor der Konsequenz.
Zumindest das teilen wir sicher. Mensch und Tier.
Vielleicht Mensch und Bezugstier.
Ich weiß nicht, ob Hühner dazu fähig sind.
Die Hühner, die ich kenne, kamen mir eher dümmlich vor.
Aber vielleicht fehlt mir auch nur der Draht zu ihnen. ;)
Zu meinem Hund
hatte ich einen. Und er einen
zu mir.

Wie auch immer, die Schuld kroch in meinen Rucksack. Als wär das ihr ureigenes Recht. Ihr Platz. Sie war gekommen um zu bleiben.
Als ich in Bad Godesberg durch den Wald streifte, ruhelos. Auf der Suche nach meinem Jungen, meinem Zauberjungen... Oder zumindest nach Spuren von ihm.

Aber diese Schuld war nicht das Prägende. Bestimmende. Nicht das Thema.
Das in mein Leben geglitten war. Ganz ohne Vorwarnung. Und mich jetzt nicht mehr losließ.
Es war die Sehnsucht.
Noch ganz unschuldig.
Aber einmal geweckt -  nicht mehr stillbar.
Die Büchse der Pandora. Einmal geöffnet, schließt sie sich nicht mehr.

Und eigenartig, dass ich jetzt gerade auf Cadaques komme. In meinen Gedanken. Zum Thema Schuld. Und dem eigentlichen Thema dahinter. Der Sehnsucht.
Als gäbe es eine Instanz in mir, die um die inneren Zusammenhänge weiß. Und meine Gedanken dorthin leitet. Wo sie zu finden sind. In meinem Leben.
6, 7 Jahre später als damals im Bad Godesberger Wald  sitze ich in Cadaques, auf diesem speziellen  Felsen.
Nicht in einem Wald. Der einen aufnimmt wie in einer Umarmung. In der man keine Weitsicht kennenlernt. Keine Ferne. Sondern
Nähe. Nahes Leben. Überall. Um einen herum.
In der man die Wärme der Zusammengehörigkeit spürt. Umgeben von immer: anderem. Nie mehr allein.
Zu dem man dazugehört. Kaum das man eingetreten ist. Im Wald.

6, 7 Jahre später dann das gleiche Theam. Nur diesmal nicht in einem Wald.
Im krassen Gegenteil: ich hocke auf dem Felsen vor dem Meer.
Vor der Unendlichkeit des Meeres....
vor der Unendlichkeit des freien Raumes....

Und habe ein Erlebnis der besonderen Art. Der ganz besonderen Art.
Zu genau diesem Thema.

Es gibt einen Film, der heißt out of Rosenheim. Ist ein netter Film. Aber jetzt nichts besonderes. Bis auf eins: es gibt ein Lied in diesem Film....
das hat mich sofort gecatcht. Als ich es zum ersten Mal hörte.
Und ich habe es unzählige Male danach noch gehört. Der Griff an's Herz
verging nie.

Ich bin ja nur ein Musikbanause... eigentlich steh ich nur auf Refrains. Wenn  die mir was sagen. Das Lied drumrum ist für mich nur so was wie die Verpackung. Drumrum.
Das Eigentliche ist das, was im Refrain passiert.
Also für mich.
Wie gesagt: völlig unmusikalischer und dann noch: Banause.
Aber ich liebe sie.
Diese Refrains, die mich begleitet haben in meinem Leben.
Wie echte, verlässliche, treue Freunde.
Die mich nie im Stich ließen. Immer da waren für mich.
Zuverlässig. Auch wenn ich mich Jahre nicht mehr gekümmert hatte.
Einmal wieder gehört - flamm! war es wieder da! Ohne Zeitverzögerung. Ohne Getue und Gemache... erster Ton paff alles wieder da.
Was uns verband. Und verbindet. Bis heut.

Meine Zeugen.
Die wissen, was ich in mir trage.
Die  Refrains.

nachtwind

Das Lied heißt:  Bagdad Café  I'm calling you.
Das Lied drumrum... ja gut. So was muss man mögen. Viel hoch und runter immer mal wieder um einen Ton herum. Weiß nicht, wie das heißt. Wenn es so ein bisschen wie Gejammer klingt. Wenn man einen Ton nicht einfach als einen Ton singt, sondern drumherum hoch und runter halt wie improvisiert. Ein bisschen künstlich. Ich mag's nicht so.  Viele schon.
Und die Geschichte, in die alles verpackt ist, naja - meine Kinder haben mich immer aufgezogen, wenn ich das Lied gehört hab. Als wir dann ein Radio hatten ( meine Tochter ging schon in die Schule, als der technische Fortschritt auch bei uns Einzug hielt), hab ich es mir nämlich auf Kassette aufgenommen, aus dem Radio. Und das abgespielt dann, manchmal rauf und runter, immer wieder. Wenn ich drauf war.
,,Hoooch, jetzt hört sie wieder Coffee meschin! Brauchst gar nicht mit ihr reden - sie hört eh nicht zu." ,, koffi meschin halt!!" Auch Kinder können mit ihren Augen rollen, dass man es scheppern hört.

Koffi meschin wurde ein running gag. Mit dem sie mich aufzogen. In solchen Zeiten.
Ich musste immer mitgrinsen. Aber aufhören konnte ich trotzdem nicht.
Wenn ich wieder angefixt war. Wieder mal. Wodurch auch immer.
Koffi-meschin-time halt.

Dabei war die Kaffeemaschine nur eine Requisite. Von keinerlei Bedeutung.
Aber es waren nun mal einfach die einzigen Worte, die sie sicher verstanden.
Und damit war der Name der Sache geklärt. Sie hieß koffi meschin.

[So geht es uns Großen auch oft. Wenn es etwas Komplexes gibt.
Das wir nicht auf Anhieb durchdringen können. Weil es eben komplex ist.
Dann nehmen wir uns ein kleines Detail heraus, etwas, das wir davon verstehen. Weil bekannt.
Und schon heißt dann das Komplexe wie Wohnungsnot und explodierende Mieten
plötzlich einfach ,,die Flüchtlinge sind das Problem."
Weil es eben das ist, was wir verstehen können. Was uns vertraut ist. Aus unserem eignen Leben.
Wenn es wenig gibt von irgendwas und dann kommt einer und der kriegt das dann - das fühlt sich ganz und gar nicht gut an!
Da kommt die Angst, da steigt sie hoch! Ist nicht mehr genug da! Für mich! Wenn ich es mal brauch!
Weiß jeder. Kennt jeder.
Das ist etwas, das können wir erkennen.
Aus einem komplexen Sachverhalt.
In dem es gar nicht ausdrücklich um Flüchtlinge geht. Nur kommen sie eben auch drin vor.
Aber so heißt es dann. Für uns. Der Name ist gefunden.
Einfach, weil das die einzigen Worte sind, die wir sofort verstehen.
Koffi meschin halt.
Schon irgendwie ein Phänomen. Ein menschliches.]
 
Aber eins hat dieses Lied : dieses Lied hat einen Refrain!
Und da jibbert die Stimme um keinen einzigen Ton. Da sitzen die drei Töne in atemberaubender Klarheit. Und Kraft.
(Zumindest so wie ich sie höre. In mir. So wie ich sie erinnere.)
Da gibt es nix mehr. Außer diese drei Worte. Töne. Wahrheiten.
Und so rutsch ich dann unaufhaltsam rein. In das Mysterium. Der drei Worte.
,,I" - und: ,,m calling" - und: ,,you".

Und wie ich da so sitze, auf dem Felsen, und auf das unendliche Meer schaue...
und in diesen grenzenlosen Raum blicke, in dem nichts ist. Außer Raum.
Stranded. Just stranded...
Es gibt keinen Weg mehr.
Da raus.
Keinen Ort mehr.
An den ich kann.
Jetzt, wo ich den einzigen Ort verlassen habe.
An dem ich sein konnte.
Aber nicht bleiben konnte.

Wie ich so unfassbar  rat- und hilflos da auf diesen harten Felsen kaure
und auf das endlose Wasser schaue
und in den grenzenlosen Raum
da ertönt in mir
mit einem Mal
dieser Refrain
...
und ich singe ihn
innendrinen
so laut und klar, als könnte ich wirklich  singen!

Ich singe ihn... und mein Brustkorb, in dem ich singe, dehnt sich aus
immer weiter immer weiter
mit jedem Wort, das ich singe. In mir.
Bis ich es ungläubig wahrnehme:
Mein Brustkorb ist so weit wie das unendliche Meer.
So weit wie der unermessliche Raum...

Ich spür es so deutlich, so körperlich deutlich - da ist keinem Zweifel mehr.
Es gibt nur noch diese drei Worte...
und die singe und singe ich
und höre nicht mehr auf damit.
Jedes der drei Worte eine Ewigkeit.
Und erfüllt den grenzenlosen Raum mit Macht.
Genauso grenzenlos.

Ich kann nicht aufhören... nie werd ich aufhören!
Ich sitze da. Und flute die Unendlichkeit. Die gefühlte.
Mit meinem Singen.
Und fülle sie mehr und mehr und irgendwann
fast ganz und gar
aus.

Mein Brustkorb wird mit jedem dieser drei Worttöne
so grenzenlos weit wie der Raum über dem Meer.
Er ist in mir.
Und ich bin in ihm.
Grenzenlos.

Nie in meinem Leben war ich so groß.
So weit.
So voll. Und gleichzeitig so ausfüllend.
Mit jedem dieser drei Worte.
Die ich sang.
Und nicht aufhören konnte damit.