Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Manchmal ist es schwer, zwei Wahrheiten gleichzeitig zu denken...
Du bist nicht mehr da - und:
ich aber schon.

Nacheinander geht es schon -  gleichzeitig ist es grenzwertig.
macht ein bisschen schwindelig.
Als würde sich irgendetwas wehren.
Diese Gleichzeitigkeit zu sehen. Und auszuhalten. In sich.


Ich erinnere eine Zeit, es war Frühling, nicht der tastende Frühling, der mutige Frühling, der sich traut, obwohl es noch gar nicht so aussieht, dass das was werden kann - der pralle Frühling war es, sattgrün die Welt, die Augen baden förmlich  darin, können schier nicht genug bekommen davon ...
Wellness pur für die Augen, für die Seele, nach einem kargen Winterleben.
Genau in diese ein oder zwei Frühlingswochen hinein fiel der plötzliche Tod.
Ich konnte es nicht ertragen. Also nicht den Tod - die falsche Welt. Durch die ich stapfen musste. Mühsam. Weil sie mir so fremd war. So falsch einfach. So ganz und gar falsch.
Nicht ich war fremd in ihr - sie
war fremd. Falsch halt.
Ich erinnere mich deutlich.

So ist es diesmal nicht. Für mich.
Ich glaube, das liegt auch an der Vorbereitungszeit. Dass wir länger schon wussten, es kann geschehen. Jetzt.
Es gab viele jetzt. Für mich.
Das hilft enorm.
Schritt zu halten. Und nicht zu stolpern.
Auch.
Aber für das Hinnehmen, das wirkliche ... da hilft es eben doch nichts.
Als ich die Todesanzeige las, dachte ich nur: wenn es doch nur irgendwie
nicht wahr sein könnte!!

Manchmal ist es einfach ein bisschen schwer, dem Leben wieder zu vertrauen.


Damals, in Cadaques...
Nie mehr in meinem Leben hab ich auch nur ansatzweise so etwas erlebt.
Aber dafür kann ich es jedesmal auf's Neue erleben.
Wenn ich dran denk.
Oder es hör. In mir.

Und immer
frage ich mich dann die bange Frage:
wen um Himmels Willen hab ich da nur gerufen??
Und wen rufe ich so
immer noch?!

Und ehrlich: ich weiß es bis heute nicht.
Es gab und gibt niemanden, den ich kenne.
Aber wen oder was dann?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht erfahre ich es, wenn der Tod kommt.
Wenn ich dann eine Frage frei hätte, Stand jetzt würde ich diese stellen:
wen oder was rufe ich da? So raumausfüllend? In meinem Leben.
Wen?
Wer ist dieses du?
Wen meine ich damit?
Vielleicht verstehe ich dann
mein Leben besser.

Drei Worte...
und mit jedem dehn ich mich aus, bis an den Rand des Raumes, wenn ich es singe -
und jedes der drei lässt mich es anders fühlen.
Beim ,,I" bin es ich. Die den Raum füllt. Nach und Nach. In diesem einen Atemzug.
Nie war ich größer. Bei nix.
,,m calling" - das ist kraftvoll auch : ich rufe... und spüre die persönliche Kraft!
Darin!
Ich kann rufen, bis es nichts andres mehr gibt. Als das.
In der Welt.

Das ,,you!", das ist das Herzzerreißende.
Dieses eine kleine unscheinbare Wort.... trifft ohne zu fragen
genau in die Mitte
in die Mitte allen Kummers.
Jenseits aller Worte...

Mein Herz wird so schwer, wenn das ,,you" kommt... so schwer, dass ich Angst bekomme, es nicht mehr in mir halten zu können.
Aber ich kann es immer halten. Oder besser: es hält sich selbst.
Mein Herz ist gut darin, sich auszuhalten.

Manchmal stell ich mir vor, ich nehm es behutsam in meine Hände.
Und halte es für eine Weile. Damit es sich mal ausruhen kann.
Es fühlt sich so gross an, das Herz. Wenn es so schwer wird.
Aber es ist ganz verblüffend klein. In echt.
Grad mal so gross wie eine Faust.
Die Leber ist viel grösser.

Von all den drei Worten
ist dieses du
das am schwersten Auszuhaltende.
Finde ich.
Auch wenn ich gar nicht weißt, wer dieses Du denn ist.

So wie ich den Humor des Lebens kennengelernt habe, gibt es vielleicht ja gar kein Du.
Vielleicht braucht es einfach ein Du, damit das Rufen einen Sinn ergibt?
Damit das Rufen überhaupt erst möglich wird?
Vielleicht geht es eigentlich
nur um das Rufen?
Das Rufen an sich?

Oder ich vertraue mal dem Gedanken, dass ich womöglich manches abgespalten habe. Was eigentlich zu mir gehört.
Und das ruf ich jetzt?
Mit so einem Nachdruck. Dass kein Platz für andres ist.
In diesem Rufen.

Oder es ist das Leben, das ich ruf? Mein Leben?
Das ich leben sollte.
Aber nicht hinkrieg?
Und so schmerzlich vermisse?
In mir drinnen?
Und mich so schäme.
So unfassbar schäme.
Dass ich es nicht lebe.
Dass ich es verrate.
Mich so drücke

Ich weiß es einfach nicht.
Alles erscheint möglich.
Aber ist es es dann auch wirklich?

 Manchmal denke ich, jetzt in der Nachschau - vielleicht ist das auch
die Essenz meines Lebens?
Weil ich nie etwas annähernd so Magisches erlebt hab.
In Meditation bin ich nicht gut.
Ich mag es bewegt. Tai Chi, das ist was für mich. Ich hab es drei Jahre lang geübt.
Dann kamen die Schmerzen.
Und  nichts ging mehr.

Da konnte ich das Denken sein lassen.
Weil ich extrem schlecht koordinieren kann. Meine Bewegungen.
Da musste ich mich  völlig konzentrieren. Um das auch nur annähernd hinzukriegen. Diese Zeitlupe.
Das hat mir richtig gut getan.
Das war fast so wie in den Bergen.
Das Denken dann.
Das Sein.

Aber dort, in Cadaques... da saß ich nur. Auf meinem Felsen. Und habe nichts getan.
Nichts, als diese drei Worte gesungen.
Und ich glaube heute noch: hätte ich sie nicht gesungen - ich hätte sie nie ausgehalten.
Es war das Singen, das es möglich machte.
Also ich hab nur in mir drinnen gesungen,  nicht in echt.
Aber hätte ich sie nicht gesungen, diese drei Worte, sondern gerufen ...
Ich bin mir sicher, es wäre nicht gegangen. Ich hätte dem nicht Stand gehalten.
Und nichts wär's gewesen. Mit dem Ausdehnen.
Ich hätte vorher abgebrochen.
Es war das Singen, das es möglich machte.

Vielleicht singen wir deshalb?
Weil wir dann
es besser aushalten können?
Was immer wir auch singen.

Wenn diese Erfahrung damals in Cadaques, diese drei Worte die Essenz meines Lebens ist - sollte ich dann nicht besser wissen, was oder wen ich da rufe?
Ist das nicht ein bisschen schwach?
Zu schwach?

Schon echt eigenartig - da hockt so eins der Sandkörnchen-Krümelchen-Menschleins auf einem Felsen am Meer und ruft den ganzen grossen Raum ausfüllend nach jemandem -
und weiß noch nicht mal: nach wem???
Das ist jetzt wirklich eine eigen-artige Version des Menschseins!
Oder?!

Während ich das denk, und schreib... und den Kopf schüttel, ein bisschen ungläubig, dass sowas überhaupt sein kann!- und dass auch noch ich das sein soll!, schiesst mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich fast augenblicklich zurückweise.
Entschieden!!
Und trotzdem bleibt er gedacht.
Und lässt sich nicht mehr in's Vergessen-Nichts zurückschicken.
Was? Wenn das jetzt keine Abart des Menschseins ist - was, wenn das allen so geht????
Dass sie rufen.... und nicht wissen wen?!
Oder sie denken, sie wissen wen - aber es geht garnicht um denjenigen. Der oder das ist nur ein Stellvertreter! Für irgendwas.
Nach dem man sich sehnt... die Seele aus dem Leib sehnt! ...die Welt
damit ausfüllend sehnt.

Wenn da was dran wär! ...
Dann wär unter anderem auch nicht das die Essenz meines Lebens, diese drei Worte.
Dann wär das einfach nur eine wichtige Grunderfahrung.
Die jeder Mensch meistern muss.
Wenn er Mensch sein will.

So wie jeder Mensch, davon bin ich überzeugt, einen tiefsten Kummer in sich tragen muss - egal was auch immer ihm geschehen ist. Selbst wenn alles wunderschön gelaufen ist. In seinem privilegiertem Leben. Selbst dann. Trägt er einen tiefsten Kummer in sich.
Weil Menschsein scheinbar ohne dem nicht funktioniert.
Ich weiß nicht, warum oder wofür das so ist - aber dass es so ist, da bin ich mir sicher.

Vielleicht ist das mit dem Sehnen, also dem tiefen Sehnen, genauso. Dass selbst jemand, der gar niemanden hat, nach dem er sich sehnen kann, sich sehnt.
Sich die Seele aus dem Leib sehnt.
Die Welt damit ausfüllend sehnt.
Auch wenn da nix und niemand in Sicht ist.
Dem dieses machtvolle Rufen gelten kann.


Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Das ist mir selber neu.



nachtwind

Vorgestern vor einer Woche war ihre Beerdigung.
Es fasst mich an.
Aber ich werde nicht stecken bleiben.
Warum ich das behaupte?
Ein kleines Loblied auf die Wut.

Ich habe immer gehadert mit meiner Wut.
Ich fand sie unmöglich.
Verachtenswert.
Immer, wenn ich zu einem Wochenendseminar angemeldet hab (was ja hochselten geschah), hatte ich fürchterliche Angst im Vorfeld. Dass meine Wut das Thema sein wird.
Weil ich mich so schäm dafür.

Es wurde nie zum Thema. Nicht ein einziges Mal.
Es ging immer nur um Kummer.
Ich war sehr dankbar dafür.
Wenn der große Kummer kommt, dann kann man eh nix tun.
Nur aushalten.
Was schwierig genug ist.
Aber mich dafür auch noch selbst fertig machen , das muss ich nicht.

Trotzdem hab ich mich immer wieder mit dieser meiner Wut beschäftigen müssen.
Weil sie sich ja immer wieder mal ihre Bahn brach. In mir.
Und einen Ausgang fand.
Und ausbrach.
Und ich dann wieder den Salat hatte.
Mit mich schämen müssen. Für mich selbst.

Also hab ich mich auf die Suche nach dem Nutzen der Wut begeben. Vielleicht liegt da ja ein Schlüssel?
Um sie einzusperren.
Ruhe im Karton.

Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass es so nicht funktioniert.
Einsperren. Gut ist. Ruhe in Frieden.
Ich weiß, dass das nicht klappt.
Aber das hält mich nicht ab davon, es mir wieder und wieder und wieder
genau so
zu wünschen.
Unbelehrbar.
Also drei-viertels unbelehrbar.
Bisschen Eindruck hinterlässt mein Wissen schon. In mir.
Bleibt nur eben eine Minderheit.
Minderheitsregierungen ist was für Diplomaten.
Ich bin kein Diplomat.

Gefunden hab ich auf der Suche nach dem Nutzen der Wut ne ganze Weile nichts wirklich Überzeugendes.
Bis mir die Suche zu kopfig vorkam. So wird das nie was!
Und ich anfing zu spielen.
Denn dringend blieb es ja nach wie vor!
Ich konnte es so nicht ertragen.
Wütend sein ist hässlich sein.
So hat sich das angefühlt. Für mich.

Also hab ich bemerkt, dass Wut sich auf Mut reimt.
Und damit war eine Spur gelegt. Für mich.
Je mehr ich darüber nachgedacht hab, umso schlüssiger  wurde es für mich.
Und vor allem: praktikabel!
Konnte man was mit machen.
Taugte für's Leben.

Wut
kann man in Mut verwandeln.
Kann man tatsächlich.
Und das macht auch wirklich Sinn.
Ist ja eine kraftvolle Unsitte.
Wenn man das Kraftvolle erhält - und diese Power nutzt für die eigne Entwicklung,
dann wird was richtig Gutes draus.
Und so zerstört diese kraftvolle Energie nix mehr, sondern rammt die eine oder andre Lücke in die eine andere andre Mauer.
Die bis dahin den Weg in's Leben versperrt.

Funktioniert wirklich.
Leider nicht von allein.
Überlässt man der Wut die Entscheidung, wohin es geht, sucht sie sich den kürzesten Weg.
Aufgeflammt? Zack genau da
wird auch sofort ausgeströmt!

Aber es funktioniert wirklich.
Erst dachte ich, ich muss die Wildpferde einfangen. Sie an den andren Ort bringen.
An dem ihre Kraft mir Nutzen bringen soll.
Aber ich bin nicht gut darin, Wildpferde einzufangen.
Eins kann ich schon mal. Aber dann sind alle andren weg.
Und das eine nur unglücklich. Panisch auch.
Das macht alles nichts außer: noch viel zerstörter! Und zerstörerischer!

Aber ich wollte nicht aufgeben.
Die Spur fühlte sich zu gut an.
Und das Problem zu drängend.
Also hab ich mich daran erinnert, was ich mal in einer Doku gesehen hatte.
Da hat ein Mann seinen Hof begonnen dafür zu nutzen, um Problempferden zu helfen.
Und ihren genervten oder verzweifelten Besitzern auch.

nachtwind

In dem Film konnte man ihm dabei zuschauen, wie er das machte.
Er machte nix.
Er machte nichts mit den Pferden.
Gar nichts.
Er war nur auf der Weide dabei. Aber mit den Pferden machte er nix. Kuckte sie noch nicht mal an.
War einfach nur
auch da.
Und fing irgendwann an zu laufen.
Und wieder stehen zu bleiben. Und wieder zu laufen. Und die Richtung zu ändern.
Und zu stoppen. Und wieder andersherum.
Das  Beeindruckende: das Pferd (oder die Pferde, je nachdem)
machten mit.
Erst zögerlich.
Dann immer lustvoller.
Es war wie Zauber.
Aber es  war kein Zauber.

Er sagte, er spricht mit ihnen. In ihrer Sprache.
Bewegungssprache.
Pferde sind so. Sie sind Fluchttiere. Sie können kleinste Bewegungen in ihrer Herde vor sich wahrnehmen. Wenn sie auf der Flucht sind. Oder auch nur unterwegs. Und darauf reagieren. Spontan. Ohne zu zögern. Und so als Herde zusammenbleiben. Ohne Reibungsverlust.
Um so der Gefahr
gemeinsam!
zu entkommen.
Oder eben
ohne Reibungsverlust, mühelos, wo anzukommen. Wo sie hinwollen.
Gemeinsam.

Und allein dass da endlich jemand mit ihnen redet, in ihrer Sprache, die sie kennen,
lässt sie vermutlich aufatmen. Endlich! dürfen sie sie selber sein!
Und gewinnen ihre ureigne Begabung zurück.
Gemeinsam! Zu kommunizieren!
Klappt!

Und dadurch eben wieder, ganz langsam, all das zurückgewinnen, was sie im Laufe ihres Lebens verloren hatten: Zugang zur eignen Sprache.
Mit andren zu kommunizieren!
Und es geht!
Mit andren das Gemeinsame erleben!
Und es funktioniert!

Das lässt wieder Lebensfreude in ihnen aufblühen. Nach und nach.
Vertrauen wachsen, Stückchen für Stückchen, dass sie wieder überlebensfähig sein können.
Dass sie dem Leben gewachsen sein können. Vielleicht.
Immer ein Stückchen sicherer.
Bis sie wieder da sind, wo sie vielleicht nie waren vorher. Wenn es richtig schlimm war. Was sie erlebt haben.
Oder eben wieder da, wo sie mal waren. Bevor es schlimm wurde. In ihrem Leben.

Es braucht Zeit. Ja. Aber er hatte Zeit. Dieser stille Mann.
Manche Pferde brauchten nicht lang.
Manche schon.
Dann ist er eben mit ihnen weiter einfach gelaufen. Gestoppt. Gewendet. Wieder gelaufen.
Jeden Tag.
Die Pferde konnten gar nicht anders als ihm zu folgen. So sah es aus.

Ein Pferd brauchte sehr lange.
Es schien so, als würde es nur sehr widerwillig mitmachen. Unter Protest.
Aber es konnte nicht anders.
So sah es zumindest aus.
Als müsse es dem folgen, das als Ureigenes in ihm angelegt ist. Als Pferd.
Und egal, wie viel Schlimmes es erlebt haben mag... es selber wollte gar nicht. Antworten. So sah es aus.
Aber in ihm war schon längst die Entscheidung gefallen... die Antwort auf dieses Angebot.
Egal wie furchtbar es war, was es erlebt hatte - es folgte diesem Ruf.

Das zu tun. Was ureigen in ihm angelegt ist.
Ein Pferd macht Pferdesachen.
Dafür ist es da.

Dieses Pferd brauchte sehr sehr viel Zeit.
Mit ihm. Dem Mann. Da auf der geräumigen Wiese.
Mit ihm - und den andren Pferden.
Die schon viel mehr zu sich selbst zurückgefunden hatten.

Mit denen konnte der Mann dann das üben, was sie lernen sollten. Damit es klappt. Zwischen Mensch und Pferd.
Was immer da entscheidend war.
Ruhig in den Anhänger gehen. Oder was auch immer.

Aber auch während des Lernens war klar:
die meiste Zeit war Wiesenzeit. Miteinander kommunizieren.
Wenn etwas schiefgelaufen ist, dann ist es immer auch:
ein Beziehungsproblem.
Und dort, auf dieser Wiese, wartet die Heilung.
Auf uns.
Nicht nur für die Pferde.
Auch auf uns.

Das wusste ich alles noch nicht. Das hab ich nach und nach und nach und nach
gelernt im Leben. Vom Leben eher.
Aber es hat mich tief beeindruckt. Richtig tief!
Ich wusste nicht, dass es etwas mit mir zu tun hat.
Ich war nur fassungslos hingerissen....

Als zeige dieser Film mir
eine völlig neue Art des Lebens.
Eine, die ich nicht kannte.
Noch nicht mal in Gedanken.
Es war wie eine Offenbarung. So unerwartet - ich wusste überhaupt nicht, ob ich dem trauen kann.
Wie ich dem jemals trauen kann.
Es war völlig anders als alles, was ich kannte. Vom Leben.
Unfassbar anders.

Es ist Heilung möglich...
Ich wusste noch nicht mal, dass ich verletzt war -
für mich war mein Versagen, mein nicht leben Können eine einzige Charakterschwäche.
Nicht überlebensfähig, faul, schwach - kein Mitglied der Menschheit.
Irgendetwas grundsätzlich Schiefgelaufenes war ich, kein Mensch... irgendetwas anderes. Irgendetwas Unaussprechliches.
Trotzdem standen mir die Tränen in den Augen. Als ich den Pferden zusah.
Es hat mein Herz zerrissen. Kaum auszuhalten.
Als ich den Pferden zusah.
Ich wusste nicht warum.

Aber es war lebendig in mir. Als hätte ich es selbst erlebt.
Ich hatte es selbst erlebt.
So ist es in mir abgeheftet. Als tief gefühlte Erinnerung.
Auch wenn es nur ein Film war.
Es war viel mehr als das.



nachtwind

Was ich eigentlich sagen wollte: die Wut und ich sind keine in Stein gemeißelte Feinde mehr. Schon lange nicht mehr.
Natürlich jederzeit möglich, immer! Wenn ich warum auch immer nicht aufgepasst hab. Dann ist das Jammern groß. Immer möglich.
Aber nicht mehr ausweglos. Das eben nicht.
Freundschaft ist genauso möglich.

Und wie immer fühlt sich Freundschaft viel schöner an. Kommt ja auch
ganz nebenbei Mut bei raus.
Für einen Angsthasen eine glänzende Währung! Bewunderungswürdig! :)

Aber einen Aspekt von einer heilsamer Wut , den hab ich erst jetzt entdeckt.
In den Tagen nach ihrer Beerdigung.
Die Zeit läuft ein bisschen langsamer dann. Mit viel Stille zwischendrin.
Die Musik in einem ist eher ohne Worte.
Und eher langgezogen. Jeder Ton. Kein Drive.

In einem Physikbuch in meiner Kindheit war ein Mensch dargestellt, über dem der Druck aufgemalt war, der auf ihm lastet. Auf jedem von uns. Zwei bis drei ausgewachsene Elefanten ruhen auf uns. Jederzeit.
Das hat mich schon erschüttert.
Ich weiß nicht mehr, wieso wir das aushalten, als wäre es nix. Irgendwas mit Wasser, glaub ich. Verstanden hab ich es offensichtlich nicht.
Aber in Zeiten frischer oder alter Trauer, da spür ich sie. Die Elefanten. Über mir.
Und gehe nicht mehr stillschweigend davon aus, dass ich das aushalten kann. Längerfristig.

Schwer halt. Alles ist auf seine Art: einfach schwer.
Zugang zu frischer Energie? Eher zurückhaltend.
In Wirklichkeit: wie verschüttet.
Und kein Spürhund in der Nähe, der einen erschnüffeln kann. Finden kann.
Alles ist verschüttet. Man selber ist verschüttet.
Da kann man schon mal Angst bekommen. Dass man da drin feststeckt. Und nicht mehr rausfindet.

Und da kam jetzt die Wut ins Spiel.
Keine Große Wut. Nichts Bedeutsames. Eher eine kleine, knackige kurze Wut.
Plötzlich aufgetaucht. Da gewesen. Schon wieder verschwunden.
Nichts Erwähnenswertes.
Dann aber tauchte kurz etwas auf. Genau im Bewegungsschatten der kurzen Wut.
Das ich so noch nicht kannte.

Ich hatte ganz kurz aber ganz ganz deutlich das klare Bedürfnis, herzhaft in eine Stulle mit Schinken reinzubeissen. Dunkles Vollkornbrot, Sauerteig. Und duftender würziger Schinken. Schwarzwälder Schinken.
Ich hab es förmlich knacken gehört, die Kruste... Ich hab den Schinken gerochen... Vorfreude pur!
Dann war es schon wieder vorbei.
Die Vorfreude blieb. Und die Lust in mir, kraftvoll zuzubeißen. Mit Vergnügen!

Da wusste ich: ich werde nicht stecken bleiben. Ich bin nicht verschüttet.
Zugang zu neuer frischer Energie - bald wieder möglich.
Und augenblicklich legte sich die klaustrophobische Panik, die sich langsam zusammenbraute.
Und ich konnte wieder trauern.
Tief in mir drinnen.
Keine Gefahr.

Ich kannte sowas nicht. Vorher.
Irgendetwas hat sich verändert. Wirklich verändert.
Ich rede mehr mit mir.
Oder ich verstehe besser. Wenn ich mit mir rede.

Nicht die Gedankengespräche... ich plauder permanent mit mir. Meistens. Daran mangelt es nie...
Die Gespräche aus ganz innendrinnen.  Diese ohne-Worte-Gespräche.
Ich rede mehr mit mir.
Oder ich höre mir besser zu. besser.
Versteh sie besser.
Versteh mich besser.
Es hat sich wirklich was verändert!
Krass!

Warum mir das Ganze so auffiel? Und warum es gar keine Frage war, ob ich nicht einfach schlicht Hunger hatte?! Und deshalb dieses Bild auftauchte. Eine sachliche Mahnung: iss halt jetzt mal was!?

Weder Brot noch Schinken assoziiere ich mit ,,sollt ich mal wieder essen."
Es war ein Bild aus lang zurückliegenden Zeiten.
Erinnert mich daran, wie damals solche Bedürfnisse kamen. Wenn ich den ganzen Tag Winterholz gemacht hab. Zum Beispiel.
Da hatte ich dann Heisshunger auf eine deftige Brotzeit.
Und hab mich gleichzeitig so wohl gefühlt wie selten. Ordentlich was geschafft! Rechtschaffen müde!
Wohltat für eine geplagte Angsthäsin. Immer unter dem Damoklesschwert ,,VERSAGER!" lebend. Für Momente dann mal nicht.
Selten genug: lebendig - und zufrieden damit.

Das verbinde ich mit Schinkenstulle.
Die Lust, kraftvoll abzubeißen!
Vom Leben.
Teil zu sein!
Von kraftvollem Leben.
Das war die klare Botschaft.

Nicht jetzt: iss mal was. Ist schon lange nicht mehr Essen für mich.
Seit vielen vielen Jahren nicht mehr.
Nur noch Erinnerung.
Gute Erinnerung. An Lebendigkeit.
Und mich. Da drinnen.

Und als mir das alles so klar wurde, im Mund noch lange dieses Gefühl, kraftvoll abbeißen zu können,
da hab ich verblüfft bemerkt, dass Wut nicht nur zu Mut wird, wenn ich die Wildpferde in mir irgendwohin lenke - was ich nicht wusste bis jetzt ist, dass die Wut das auch ganz alleine kann. In mir.
Sich verwandeln. In Lebensmut.
Unverhofft. Ungelenkt. Mühelos.
Sich einfach verschenkend.
Ohne jedes Zutun von mir.

Wut
verwandelt sich auch ganz von alleine
in Lebensmut.

Vermutlich nicht zum ersten Mal in meinem Leben. ;)
Vermutlich schon immer.
Ich habe es nur nie bemerkt

Dass das eine das andre bewirkt.
Und nicht nur zufällig synchron stattfindet.
Eben noch so. Jetzt so. Keiner weiß warum.
Keiner weiss, dass das zusammenhängt.

Das feier ich jetzt.
Hab so lang die Wut in mir beleidigt. Verachtet.
Da ist es jetzt nur angemessen, dass ich das feier!
Wut schenkt mir Lebensmut.
Ganz aus sich selbst heraus.
Muss ich nix für tun.

Lebensmut ist eine starke Währung!!

Tümpeltauchen

Kenn dich nicht, nachwind, weiß nicht, was bei dir los war und ist aber bei diesem Post musste ich heulen.

nachtwind

Wie das ausging in Cadaquez? Gestrandet in Cadaquez?
Mein Hund hatte den Hundefuttervorrat razeputz aufgefuttert, ich hatte kein Geld mehr und gleichzeitig eine dicke Backe bekommen,mit der ich so eigenartig aussah, dass ich definitiv so nicht trampen konnte, also erfolgreich.
Gestrandet. Und keine Lösung in Sicht.

Aber eine Hilfe an der Seite. Einen Hund. Ich war nicht mehr allein.
Decke über den Kopf ziehen und dann eben einfach nicht mehr aufstehen
war einfach keine Option mehr.
Und so hab ich alles in mir zusammengekratzt, was nur am Entferntesten nach Kraft aussah. Bin zum Postamt, hab ein R-Gespräch angemeldet. Auf Spanisch.  Das ich überhaupt nicht konnte.
Ich weiß gar nicht, ob es sowas heute noch gibt. Damals konnte man sowas, wenn man selber kein Geld hatte zum Telefonieren.
(An die Jungen: es gab ja auch mal eine Zeit, da gab es noch überhaupt keine Handys nicht. Da gab es Telefonzellen. Wenn man genug Geld in den Telefonapparat geworfen hatte, konnte man von da aus telefonieren. Das war die einzige Möglichkeit. Wenn man unterwegs war. Oder selbst kein Telefon daheim hatte.
Wenn man Pech hatte, standen schon vier Leute vor dem Telefonhäuschen. Und der grad drinnen war, lachte nur, wenn einer ungeduldig an die Glastür klopfte. ,,Mach ma hinne!!"  ,,Nö!!! Höhö!!".
Und wenn man dann endlich dran war, war alles so verraucht da drinnen und so genüsslich vollgepupst, dass man entweder heulen wollte, erstmal gründlich durchlüften wollte (was aber nicht ging, weil ja hinter einem schon wieder eine Schlange stand, die ungeduldig mit den Hufen scharrte) oder aufgeben wollte. Und gehen.
Manchmal hat man das auch gemacht.
Meistens nicht.

Auf jeden Fall, wenn man kein Geld hatte aber dringend telefonieren wollte, dann konnte man ein R-Gespräch anmelden. Und dann rief die Post bei der Nummer an und fragte den, ,,hier will eine Frau nachtwind Sie sprechen, wollen Sie die Kosten übernehmen?" und wenn derjenige wollte, wurde man verbunden. Und wenn nicht , dann eben nicht. Pech gehabt.
Ich habe das nie wieder in meinem Leben gemacht. Anrufen und um Geld bitten.
Aber da. Ich wusste keine andre Möglichkeit. Es ist mir so furchtbar schwer gefallen.

Ich hatte nur eine einzige Telefonnummer im Kopf, und so hab ich ein R- Gespräch angemeldet, und Gottseisgelobt wurde es auch angenommen, geschwind meine Lage geschildert, Ferngespräche waren schweineteuer! Kannst du mir 20 Mark schicken? Hier ans Postamt Cadaquez? Ich zahle dir zurück sobald ich in Köln bin! Bitte!!!
War kein Problem. Mir schossen die Tränen in die Augen. Oder ein bisschen drüber hinaus. Das weiß ich nicht mehr so genau.
Am nächsten Tag war das Geld da. Es waren 50 Mark. Das weiß ich noch ganz genau.
Einerseits war ich betroffen: hoffentlich schaff ich das so schnell zurückzuzahlen - 50 Mark muss man erstmal haben! Übrig haben. 20 geht schon besser.
Aber vor allem war ich so grenzenlos erleichtert, dass ich aufpassen musste, nicht übermütig zu werden. Hat geklappt, es ging mir mies genug. Dafür.
Mit der dicken Backe. Das hat geholfen.
Hab mir ein kompliziertes Versteck für das Hundefutter gebaut. Was ich aber vermutlich gar nicht mehr gebraucht hätte. Ich hab es ihm so nachdrücklich eingeschärft, dass ich wirklich geglaubt hab, er hat es verstanden. Obwohl er doch noch gar kein richtiges Deutsch konnte.  Er hatte zumindest dasselbe schlechte Gewissen. Wie da. Als er das erste Futter ganz aufgefressen hatte.
Er tat mir schon echt leid!
Schlechtes Gewissen ist ein scheiß Gefühl.
Da braucht man keine gut trainierten Spielneuronen, um da gleich selber mitzuleiden.
Aber es half ja nix. Noch mal darf sowas jetzt auch nicht einfach so geschehen.
Wir hatte das Gefühl, wir beide sind da einer Meinung. Was das anging. Aus verschiedenen Gründen.
Es ging alles gut.

Und meine dicke Backe?
Ein freundlicher Mann hat mich angesprochen. Es ist schon ein bisschen aufgefallen, denke ich. In dem kleinen Fischer- und Künstlerdorf. Dali hatte dort ein Anwesen. Und das zog wohl junge Künstler an. Es lag eher versteckt. Aber von meiner Schafhütte im Nirgendwo hatte ich schon eine lange zugewucherte hohe Mauer entdeckt. Mit auffälligen Skulpturen drauf.
Als dann irgendwann der Name fiel, Salvatore Dali, beim Einkaufen irgendwo, da hab ich eins und eins zusammengezählt. Und es war wirklich so. Wie ich später erfahren hab.
Er hatte sogar die winzige Insel vor seiner Bucht gekauft. Und sie der Jugend der Welt geschenkt. Ehrlich. Einfach so. Da war nix drauf. Auf diesem Inselchen. Aber es gehörte der Jugend dieser Welt. Die wusste zwar nix davon. Also die allermeisten. Aber wenn, dann konnten sie dort sein. Es gab kein Klo, kein Wasser nix. Aber sie konnten dort sein. Es gehörte ja ihnen.
Es gab einen alten Kahn dort, und ein gespanntes Seil darüber. Vom Festland auf die Insel. An dem konnte man sich dann in dem Boot rüberziehen. Das wichtigste: es hatte auch einen alten Topf zum schöpfen.
Die Überfahrt war total kurz. Aber der Topf trotzdem sehr wichtig. Das Wasser lief schnell.

Ich war damals nicht auf der Insel. Ich hab mich nicht getraut. Und ich hatte ja meine verlassene Schäferkate. Das hat uns beiden gereicht. Munshan und mir.

Wir sind wohl schon in dem kleinenDorf aufgefallen. In dem weiter nix los war. Eine junge Frau mit Hund, taucht auf und kauft das allernötigste - und verschwindet wieder. Ins Nichts.
Es gab ein Café in dem Dorf, die hatten Tabak. Aber selbst da blieb die junge Frau mit ihrem Hund nicht mal für einen Kaffee.
Der freundliche Mann hatte mich scheinbar beobachtet, und meine dicke Backe entdeckt. Nach einigem freundlichen Hin und Her - ,,Doktor?" - Kopfschütteln - ,,hmmmm" - kümmerliches  ,,ja..." zeigte er mir einen Lavendelbusch. Ich kannte kein Lavendel. Aber ich sollte Blüten davon nehmen. In ein Tuch einwickeln. Und immer auf die Backe drücken.
Ich war hochskeptisch. Ich hatte noch nie von so etwas gehört. Ich hab es eher gemacht, weil er so freundlich war. Um ihn nicht zu enttäuschen. Er hatte sich doch so Mühe gegeben. Es wär mir extrem undankbar vorgekommen, wenn ich das jetzt nicht gemacht hätte. Geglaubt hab ich keine Sekunde daran. Aber mit dem Lavendel losgezogen. ,,Und jeden Tag neue Blüten nehmen!!!"  ,,Ja! Ok! Ach vielen Dank!!"
Er war so happy damit, dass er mir geholfen hat. Das hat mich echt berührt.

Zwei Tage später fing es an, weniger zu schmerzen. Bild ich mir das nur ein?
Die dicke Backe zog sich auch langsam und bedächtig in sich selbst zurück.
Ein paar Tage später standen wir beide, munshan und ich, an der Auffahrt zur Autobahn.
Hab ihn bekümmert angeschaut... Ich weiß, es wird jetzt ganz blöd für dich. Du musst versuchen, es irgendwie auszuhalten, ja? Es wird ne Weile dauern. Mehr als seinen Tga. Aber es geht nicht anders. OK??
Ich wusste ja noch nicht mal, ob er überhaupt Auto fahren kann. Und dann gleich so eine lange Strecke... Ohjeh. Armer Kerle. Es tut mir echt leid, munshan, hörst du? Aber es geht nicht anders. Wir müssen da jetzt durch.
Er hat mich aufmerksam angeschaut. Sehr aufmerksam. Aus unerfindlichen Gründen hat mir das ein bisschen Zuversicht  gegeben. Obwohl er doch kein Deutsch kann. Und überhaupt ein Hund ist. Ich hatte das Gefühl, er hat alles verstanden. Und sich fest vorgenommen, das zu schaffen. Wirklich!
Und genauso war es dann auch.

Es war unfassbar. Mit diesem meinen Hund. Ich hab ihn überhaupt nicht erzogen. Null. Ich wusste gar nicht, wie das geht. Ich hab einfach nur mit ihm geredet.
Und das hat dann gereicht.
Mir will es bis heute nicht in den Kopf!
Wie er das dann verstehen konnte.
So einen Hund gibt es wohl nur einmal auf der Welt.
Munshan.

Er hatte zwei Handicaps. Angebunden werden? - niemals!!
Das hatte ich ja schnell verstanden. Und voller Mitgefühl akzeptiert.
Das zweite zeigte sich erst, als wir in der Großen Stadt angekommen waren:
Allein gelassen werden? - überhaupt nicht ertragbar!!
An Mitgefühl hat es auch hier nicht gemangelt bei mir... aber an Ideen, wie das dann gelöst werden kann. Leben in der Großstadt ist anders als in den kleinen Ortschaften in den Pyrenäen.
Beim ersten Discounterbesuch hatten wir gleich den Salat.

Ich versteh ihn ja. Aus seiner Geschichte heraus.
Und wir waren schon so tief miteinander verbunden, dass irgendwelche Scheissgedanken aus Überforderungen nicht auch nur eine Chance hatten, sich zu zeigen.
Also müssen wir dieses Problem lösen.
Wir werden dieses Problem lösen!
Bloß wie???
Nicht anbinden und nicht alleinlassen.... es lässt sich gedanklich nicht lösen. Für mich. Wie sollen wir das denn üben können? Ohne anbinden? Keine Chance.

Mir fällt nix ein.
Also dann halt tun.
Irgendwann hat der Laden zu. Und wir nix zu essen. Also los.
Damals gab's nur eine Glastüre beim Aldi. Aber die hat schon gereicht.
Ich also mit ihm geredet. Lange. Er hat aufmerksam zugehört. Ich schon zuversichtlich. Wir hatten ja schon echt überraschend gute Erfahrungen damit gemacht.
Ich also dann rein. Rückwärts. ;)  Solang ich ihn anschaue, ihm zeige, du wartest hier, war alles prima. Dreh ich mich um und orientier ich mich kurz - wo ist hier was?, wird's unruhig um mich. Ich dreh mich um. Tja... munshan ist jetzt auch drinnen. Ich also den Wagen zur Seite, wieder auf den Weg raus mit munshan.

Unseren Miteinkäufer waren wir schon eine echte Herausforderung. Das war spürbar.
Auch denen vor dem Eingang. Sehen da eine junge Frau, heruntergekommen gekleidet, mit einem Hund. Hinter der Eingangstür! Aus ihrer Sicht. Häh?
Die draußen warten erstmal ab. Dass sich das auflöst. Wir drinnen können ja nicht raus. Einbahntüröffnung. Es braucht Pantomimentalent, um den Stau aufzulösen. ,,Kommen Sie nur rein. Der Hund macht nix. Sonst kommen wir ja nicht raus."
Und Vertrauen, trotz des Aussehens frisch von der Straße. Und dass der Hund schließlich nicht an der Leine ist. Und dazu der Raum, aneinander vorbeizugehen, sehr begrenzt. Wir schauen uns erwartungsvoll an, die da draußen. Ich da drinnen. Irgendjemand muss was tun.
Und irgendein Jemand ergreift dann doch die Initiative, ich dank ihm heute dafür! Türe geht auf, ich versuch mich beim Rausschlüpfen auf der Stelle so intensiv zu entschuldigen, wie es nur geht. Es ist mir auch wirklich voll unangenehm!!
Aber hilft ja nix.
Wir hocken uns wieder neben den Eingang. Versuchen es wieder. Mit Gespräch. Mit Mutmachen. Mit Geduld. Warmgefüllter Geduld.
Dann also: Klappe die zweite!
Diesmal hab ich eine andre Strategie. Nicht orientieren, rumkucken - so schnell wie nur möglich durchrasen! Wenn ich was nicht finde oder vergesse - egal! Hauptsache irgendwas!! Und das so schnell wie möglich!
Vielleicht geht es ja so?

Ich düse also so schnell ich kann, geht doch... schnell ...DA IST EIN HUND IM LADEN!... ok...ok... ok
ich lass den Wagen stehen. Ist ja schon was drinnen. Hoffentlich schmeißen sie uns  hier nicht völlig raus jetzt!
Munshan steht ganz irritiert am Eingangsbereich und schaut sich hektisch um: wo isse??!!!!
Gott, es rührt mich so. Er sieht ein bisschen blöde aus, so hektisch und nervös. Aber er rührt mich so!
Trotzdem: die Angst, Platzverbot zu bekommen ist auch groß.
Wo doch schon mal bisschen was im Wagen ist! Bitte nicht!
Ich entschuldige mich so mitfühlend wie möglich. Und sammle gleichzeitig möglichst geschwind munshan ein und bloß schnell raus. Entschuldigung! Ich weiß, es ist unmöglich!! Bitte Entschuldigung! Wir üben noch. Wir lernen das schon noch. Es tut mir so leid!!
Stimmt ja auch.

An der Glastüre dasselbe kleine Spektakel.
Bis sich irgendein mutiger Mensch traut. Den Stau aufzulösen. Geschafft.
Geschafft? Nix ist geschafft.
Ich hock mich wieder mit ihm hin. Diesmal bleib ich noch länger mit ihm sitzen. Ich brauch auch die Pause. Ich glaub ich kann da jetzt nicht mehr rein.
Nach einer Weile muss ich dann doch. Irgendwann schließen sie hier.

Das Ganze geht noch zwei, dreimal. Genau weiß ich es nicht mehr.
Langsam, ganz langsam füllt sich der Wagen ein bisschen.
Aber mein Mut sinkt.
Und meine Bereitschaft auch.
Ich geh noch einmal rein. Ach munshan! Kriegen wir das heute noch mal hin? Ich glaub's fast nicht. Es ist eher schon zu so was wie einer Routine geworden. Reingehen, kurz drinnen  sein. Wieder raus. Unter Entschuldigungen.
Beinander hocken. Und so weiter. Ist schon fast wie monotone Arbeit. Muss man halt machen. Irgendwann ist Feierabend.
Geht schon noch ein bisschen.

Diesmal zieht es mich nicht sofort wieder zurück. Diesmal komm ich ziemlich weit voran. In den Gängen. Fast schon aufkeimender Glaube. Wird das hier etwa was?!
Da überfällt mich plötzlich eine totale Unruhe. Ich lass den Wagen Wagen sein und trete den raschen Rückzug an. Wo ist er? Er ist nirgendwo! Ich bin schon an der gottverdammten Glastür - er ist nirgends. Diesmal komm ich sofort raus... wo ist er??!!
Dann seh ich ihn. Und es quetscht mir das Herz zusammen. Da trippelt ein Hund vor und zurück ....wieder vor ... zur Seite ...zurück.... hektisch. Hier ist jemand völlig zerrissen. Völlig!!
Pro Bewegungsänderung kannst du es sehen, wie es an ihm zerrt! Ohne Erbarmen.
Ich muss rein! sie suchen! - Ich soll nicht rein!! - Aber sie ist drinnen!! - ich soll nicht rein!! - Ich halt's nicht mehr aus!!! - Aber ich soll nicht rein!! - Ich kann nicht mehr!!! - Aber ich soll nicht rein!!!.........
HImmel, tut dieser Kerle mir leid!! Gott, ist der tapfer!! Himmel, strengt der sich an!!!
Ich laufe über. Vor lauter Mitgefühl, Bewunderung, Anerkennung des Leides, Annerkennung der Bemühungen....ich laufe über.
Kann's nicht mehr bei mir behalten. Hock mich runter zu ihm, nehm ihn in den Arm. Die andren sind mir völlig egal. Ob wir jetzt im  Weg sind oder nicht. Gibt nur noch munshan. Und mich. Ich laufe über.

Nach ner ganzen Weile haben wir beide uns dann wieder ein bisschen beruhigt. Er hat sich satt getrunken am Überlaufenden. Und ich erschöpft genug vor lauter Liebe, um wieder bei mir zu sein.  Es gibt noch was zu tun.

Jetzt ist alles ganz anders. Ruhig. Keine Zeit mehr für Drama. Auch keine Energie mehr. Dafür. Und vor allem: keine Notwendigkeit mehr.
So kommt es mir vor.
Ich nick ihm zu, als würden wir das immer schon so machen. Sag mein ,,du wartest hier, attends là", vorsichtshalber immer noch zweisprachig. Es ist schon Gewohnheit geworden.
Gehe in den Laden, nicht schnell, nicht langsam, einfach.
Mein Wagen ist schon gut gefüllt , fehlt nur noch bisschen was. Und etwas, dass ich nicht im Plan hatte. Aber ich zögere jetzt nicht. Das muss jetzt einfach sein. Wenn morgen genau dieses Geld fehlen wird - ist dann halt so. Ohne das geh ich hier nicht raus.
Bin im Nu bei der Kasse. Es flutscht alles. Einpacken. Raus.
Und draußen? Liegt munshan neben dem Eingang. Hat den Eingang frontal im Blick. Ruhig. Entspannt und entschlossen zu gleich.
Dass ich woanders rauskommt, verwundert ihn kurz. Aber dann ist eh alles egal. Wir verdrücken uns um's Eck in eine Ruhe. Und feiern uns.
Ich schau ihm zu. Und liebe ihn. Und er schlingt das Fleisch runter. Mit hohem Vergnügen. Das auch nicht aufhört, als das Fleisch zu Ende ist. Zumindest nach kurzem erfolglosen Suchen nach mehr.
Es geht uns gut.

Ich hab noch ein Päckchen Fleisch. Aber das verrate ich nicht.
Das gibt's daheim. In unsren Abrisshaus. In Ruhe.
Er bekommt sein Fleisch zu seinem Futter. Und ich koch mir einen Nescafé. Auf meinem Esbit Kocher.
Es war viel heut, ein anstrengender Tag. Jetzt liegt er hinter uns.
Uns geht es gut.
Sehr gut!

nachtwind

Bevor wir aber in den ersten LKW unsrer Reise klettern konnten, geschah etwas, was ich überhaupt nicht hatte kommen sehen. Überhaupt nicht verstand. Überhaupt nicht auch nur ansatzweise irgendwo einordnen konnte.
Ich stand da, an der Auffahrt an der Straße, schaue zur Seite, hoch in die Berge - und da packt es mich mit einem Mal! Ohne jede Vorwarnung. Und schüttelt mich! Und schüttelt mich. Und hört nicht auf damit!...
Schüttelt und schüttelt und schüttelt mich, so unverhofft wie unentkommbar...
Ich hab geschluchzt - wie selten in meinem ganzen Leben.
Konnte nicht mehr aufhören. Verstand es null! Aber hatte keine Chance. Es hat mich geschüttelt und geschüttelt. Und hörte einfach nicht auf.

Ich hab es damals nicht verstanden. Auch all die Jahre danach überhaupt nicht.
Heute ist mir genau das unfassbar: wie konnte ich das nicht verstehen?!

Wir leben vorwärts. Und verstehen rückwärts. Hat mal ein kluger Mann so Herz- und kopferfrischend einfach ausgedrückt. Auf so was steh ich!
Aber selbst viele Jahre später hab ich es immer noch nicht verstanden.
Im Gegenteil.
Ich war in die Berge gezogen mit dem Rücken zur Wand. Als meine allerletzte Chance. Es doch noch hinzukriegen.
Ich bin meinen Weg, mit dem Elend der Welt zu leben, dem politischen, bis an sein bitteres Ende gegangen. Und habe verstehen müssen: das ist kein Weg. Für mich.
Ohne Weg kann man doch aber gar nicht leben?!  Wie soll das gehen?? Ohne Weg
kann man doch nicht gehen!!
Ohne Weg hat man doch keine Chance.

Also in die Berge. Letzte Chance. Wenn es einen Weg gibt, dann muss ich ihn dort finden. In der Einsamkeit. Der Berge.
Ich werde mit dem Drachen darum kämpfen. Entweder er gewinnt. Dann ist das eben so.
Oder ich erringe einen neuen Weg.
Meinen neuen Weg.

Eine dritte Alternative gab es nicht. Für mich.
Entschlossenheit!, geschmiedet durch das Jahr Obdachlosigkeit in der Grossen Stadt. Es war mir bitterernst!
Nicht ein ganzes Jahr. Herbst, Winter, Frühjahr. Im Sommer kam ich in den Bergen an.

Das war nichts Ausgedachtes. Keine Kopfgeburt. Das war das pure Leben!
Und jede noch so verträumte oder verschusselte Zelle in mir wusste Bescheid. Und war d'accord. Wach! Und d'accord.
Wir waren uns alle einig: letzte Chance!!
Grimmige Entschlossenheit! Bereitschaft auch!
Es ging um alles!
Oder nichts...

Der Drache kam nicht. Anderes kam. Ungebeten.
Antworten auf Fragen, die ich nie gestellt hatte. Also bewusst.
Hinweise, die ich nie gesucht hatte. Und ohnehin gar nicht einordnen konnte.
Erkenntnisse, die ich überhaupt nie gesucht hatte. Und für unnütz hielt.
Vor allem aber geschah etwas mit mir. Dass ich nicht registrierte.
Weil mir dieser Wert im Grunde absolut fehlte. In meiner darauf-kommt-es-an-Liste .

In meiner Sicht der Dinge  gab es nur eine Bewertung. Für meine Anstrengungen in den Bergen. Und das Ergebnis dieser Zeit : völliges Versagen.
Nicht einen Zentimeter neuen Weges hab ich errungen.
Nicht einmal einen Zipfel wenigstens einer Idee einer neuen Landkarte  hab ich zustande gebracht.
Ich stand mit leereren Händen da. Als ich ging.
Selbst gemessen an meinem Zustand. Als ich kam. Und schon da waren meine Hände leer. Mein Herz so wund. Mein Kopf so verzweifelt.
Jetzt waren meine Hände leerer noch.
Ich weiß nicht, wie das gehen soll.
Aber es war so.
Vielleicht, weil ich jetzt auch keine Hoffnung mehr hatte. Keine Zukunft mehr vor mir.
In der der Drache kommt. Und etwas möglich wird.

Ich hatte alles versemmelt. Auch noch die letzte Chance....
So war's nun mal. Noch nicht mal ein Recht auf Asche auf mein Haupt hatte ich noch. Alles verspielt. ...
alles gelassen.
Da oben auf dem Berg.

So hab ich es nicht nur dort so empfunden. Auf dem Weg in die Grossen Städte. Auch Jahre, jahrzehntelange hab ich es so bewertet.
Wie konnte ich nur so blind sein??!!
Ich hätte es doch sehen müssen!!
Bemerken müssen!!!
Munshan war doch neben mir!!
Es hat mich geschüttelt vor Schmerz. Gefühlt wie nie! Und ich war reich an Schmerz.

Ich gehöre einer Generation an, die glaub ich die ersten waren, die einen Soundtrack zu ihrem Leben laufen hatten. Und das ganz ohne jedes Abspielgerät. Nur die eigne Erinnerung daran. An das jeweils passende Lied.
Zumindest ich hatte das. ;)
Unmusikalisch wie ich war, hatte ich nur Teile des Refrains im Kopf. Vom jeweiligen Song. Aber das machte mir ja nix. Ich steh ja eh nur auf die platten Refrains.
Und so tönte in mir pausenlos das ,, I am leaving... on a jetplane... don't know when i'll be back again... o Lord, I hate to go !!" Weiß gar nicht von wem.
Ja, vielleicht pathetisch - aber das Lied selbst ist simpel. Ergibt : nicht kitschig. Berührend eher. Passte schon.

Es hat mich tatsächlich auf die Knie gebracht. Weil ich dem nicht standhalten konnt. Diesem Schütteln, diesem Schluchzen.
Im verzweifelten Versuch, da wieder rauszufindenden, hab ich meinen Kopf angefleht: denk was! Denk irgendwas! Wir versinken sonst!! Bitte!! Denk irgendwas...
Das einzige, was er zustande brachte, war: dieses Weinen - ist wie man  weint, wenn man seinen lover verlassen muss.
Ich erinnere diesen Gedanken noch - wörtlich. Ich war so überrascht!! Sprachlos verwirrt.
Das war natürlich die Medizin, die es brauchte. Das hab ich erst später im Hinterrein verstanden.
Erste Hilfe: Überraschung.
Zweite Hilfe: die Aufmerksamkeit lenken auf etwas außerhalb. Der Emotionswelle.

Das war dann nicht mehr drin. Aber die Überraschung, an die erinner ich mich noch!
Das war ein Wecker.
Nur war ich auch wachgeworden nicht in der Lage zu verstehen.
Was für mich viel unglaublicher ist: Jahre, Jahrzehnte hinterher auch nicht.
Das will mir nicht in den Kopf.
Es liegt doch auf der Hand!
Aber ich hab es nie in Erwägung gezogen.
Unfassbar.

Versagt auf ganzer Linie.
Dass war alles, was mir einfiel. Zu meiner Zeit in den Bergen.
Und blieb es für Jahrzehnte so.

Ich hab es nie gesehen. Blinder Fleck!
Ganz blinder Fleck!!
.

Tümpeltauchen

Zitat von: nachtwind in 08 Oktober 2025, 14:21:45Ich muss noch sehr sehr klein gewesen sein, nach den Schilderungen meiner Mutter.  Da war es ihr eine große Freude, mich, wenn ich geweint hab, zum Stillschweigen zu überreden. Ich weiß nicht wie - aber sie konnte es. Beziehungsweise natürlich auch: ich.  Irgendwie hab ich es geschafft, mich runterzuregulieren. Es muss so etwas ähnliches wie eine Dressur gewesen sein. Es dauerte nämlich, bis ich es konnte.

Das klingt jetzt nicht so prickelnd. Aber ich denke, in der Geschichte der Menschen wird es immer wieder so Phasen gegeben haben, in dem genau das
überlebensnotwendig gewesen sein muss. Für die Gruppe. Dass Säuglinge nicht laut weinen.
In kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Stämmen.
Wenn Nomaden sich verstecken mussten.
Nachdem um die Jahrhundertwende 1900 die Nachtschichten eingeführt wurden, und die Arbeiter tagsüber schlafen mussten. Und die Wohnsituation ja oft hieß: alle in einem Zimmer. Oder Kleinstkinder in Krippen gegeben wurden, weil die Mutter arbeiten musste. Da gab es Opiumschnuller für die Kleinen, das weiß ich. Aber ob alle dafür Geld hatten?
Ich weiß nicht, wie die Indianer es schafften, bei Bedarf. Wenn Säuglinge nicht weinen durften. Oder die Stämme bei uns hier.
Aber irgendwie werden sie es geschafft haben.
Also ist der Mensch durchaus dafür gemacht, das zu schaffen. Das eigne Bedürfnis zu schreien runterzuregulieren. Um dem Stamm. Der Familie das Weiterleben zu ermöglichen.
Das wussten sie natürlich noch nicht. Aber die Notwendigkeit dazu spürten sie. Das musste reichen.
Und das reichte dann wohl auch bei mir.
Ich konnte es.

Als ich eigne Kinder hatte, fiel mir das wieder ein. Und ehrlich: ich hatte null, absolut null nicht einen einzigen winzigen Schimmer, wie sie das wohl irgendwie geschafft haben könnte. Es ist mir bis heute ein Rätsel! Ich hab so ne Ahnung. Aber ob es stimmt?
(Ich hätte schon gern das eine oder andre mal ganz gern gewusst, wie so was gehen kann. Nur so mal wissen. Ich hätt es ja nicht umsetzen wollen. Nur mal wissen...  Ich hab nicht einen einzigen winzigkleinen Hinweis gefunden. In meinen Kindern. Wie so was gehen könnte.
Na gut - wir haben es als kleine Familie auch so gewuppt. Mit Geschrei und Geweine... geliebtes Geschrei und Geweine. Im Nachhinein. Immer. :-) )

So weit noch alles im Rahmen der Herausforderungen. Für Säuglinge, die sich anpassen müssen. Der Mensch ist nicht als Insel geplant. Der Mensch muss, zumindest solang er klein ist, Teil einer Gruppe sein. Und er bekommt die Fähigkeiten mitgeliefert. Die er braucht. Um den Herausforderungen, die das mit sich bringt, auch gewachsen zu sein.

Aber, und jetzt wird's schmerzhaft - damit war es nicht zu Ende mit dem Lernen müssen. Dem mich anpassen müssen.
So wie sie es schilderte, durchaus nachvollziehbar.
Für mich als Säugling
nicht mehr.
Ich glaube, das hat mich schon extrem verwirrt.
Verstört, denk ich,  auch.

Denn - das ganze hör-jetzt-sofort-auf-zu-weinen-Gelerne hatte ja gar keine sachliche Notwendigkeit. Es diente ja nur dem Bedürfnis meiner Mutter, Kontrolle über etwas zu haben. Das Etwas war dann ich.
Ich hab es gelernt. Jetzt hatte sie die Kontrolle. Aber sie hatte nix mehr davon. Ich stellte wohl das Weinen von selbst ein. Sobald sie sich näherte. So hat sie es mir zumindest vermittelt.
Was also tun? Um wieder dieses gute Gefühl zu bekommen?
Aus ihrer Sicht verständlich. Aus meiner nicht mehr.
Sie brachte mich wieder zum Weinen.
Das war zuviel für mich, glaub ich. Ich erinner mich nicht daran, natürlich. Aber ich ahne die Gewalt des Zwiespaltes, in dem ich mich befand. Dadurch.
Ich mein, es hat mich schon viel Kraft gekostet, nicht zu weinen. Obwohl ich das dringende Bedürfnis danach hatte. Und jetzt quält sie mich so lange, bis ich doch wieder weinen muss? Obwohl ich mich doch mit aller Macht dagegen stemmen soll?!
Ich ahne, wie sie mich zum Verstummen gebracht hat. Ich weiß es nicht. Aber es gab so eine Geste, wenn sie es mir erzählte. Nicht nur einmal.
Ich glaube, sie hat mir einfach stark den Mund und Nase zugehalten.
Am Ende der Lernzeit hab ich wohl schon aufgehört, wenn sie nur in die Nähe kam. Ich sie nur hörte.
Das war dann wohl auch sehr befriedigend... aber eben nicht lang.

Wie sie mich dann doch wieder zum Weinen hat bringen können, das weiß ich . Ich hab's gesehen.

... das ist ja so krank.
Hab schon geahnt, dass es hart wird, hier zu lesen.
Bei allem Verständnis, ja, sie hatte es auch nicht leicht usw. und obwohl es mir nicht zusteht, zu urteilen.

nachtwind

Wieder zurück zu den Tagen im Krqnkenhaus.

Als ich ganz aus dem Krankenhausgedöns rausschlupfen konnte, alle Behandlungen abgeschlossen, jetzt leb du wieder ganz für dich, da sagte mir die Frauenärztin, zu der ich jetzt immer zur  Kontrolle sollte: also die nächsten 3 Jahre alle drei Monate, dann bis 5Jahre.... Mehr hab ich nicht zugehört.
3 Jahre kann ich denken, mehr nicht. Erstmal.
Erstmal nur diese drei Jahre. Die liegen in meiner Reichweite. Im besten Fall. Das kann ich so überblicken.
Mehr erstmal nicht.

Jetzt ist bald die Hälfte davon rum. Bleiben noch die zweiten 18 Monate.
Ich muss mich sputen, dass das hier vorangeht!
Noch lieg ich ja im Krankenhaus. Also in de Geschichte. Und das ist ja erst der Anfang der Behandlung.
Mach hinne, nachtwind.
Dass du ewig Zeit hast, ist eine Illusion!
Eine schöne!
Aber eine Illusion.

Also wieder zurück zu den Tagen im Krankenhaus.
Seit ich meine Sachen gepackt hab, in der Hoffnung, heute entlassen zu werden, hab ich sie nicht mehr wieder ausgepackt.
Da bin ich eisern. Scheinbar. Wusst ich gar nicht.
Ich kann mich anpassen. Wenn es nicht in meiner Macht liegt.
Aber von meinem eignen Plan lass ich scheinbar trotzdem nicht.

Meine Bettnchbarin muss schon immer lachen, wenn ich ungeschickt laut raschelnd ewig lang was rausklamüsre aus meiner Tasche. Was natürlich ganz unten irgendwo in einer Ecke ist. Wo auch sonst?!
Überhaupt lachen wir drei viel. Vor allem am  endgültig versprochenen letzten Tag.
Als ich am Tag vorher meine Enttäuschung nicht mehr zurückhalten wollte, hat die Ärztin mir versprochen, morgen, also heute, wenigstens als allerallererstes mit mir die Visite zu beginnen.
Wenigstens ein Zeitgewinn von mindesten zwei Stunden. Vielleicht auch viel mehr.
Genaue Eckpunkte kann  man hier nicht beobachten. Wann Visite beginnt. Und endet. Und was halt nebenher dann ist.

Bei meiner Lieblingsschwester hab ich mich vorsichtshalber gestern schon verabschiedet. Wär mir arg, sie hätte heute frei - und ich hätt sie verpasst.
Der Stationskasse hab ich schon das letzte Mal was dagelassen; ich finde das reicht. Besonders viel Anerkennung pulsiert da auch gar nicht in mir.
Aber meine Lieblingsschwester, also der will ich schon zeigen, dass ich sie schätze. Dass ihre Art echt gut tut. Heilsam ist. Dass ich sie gern bestärken will. Darin. Auf ihrem Weg. Auch wenn sie mal gefrustet ist. Dass sie sich dann dran erinnert: es gibt Menschen, die haben mich gesehen. Und sie fanden es gut. Was sie gesehen haben.

Ich hatte ja schon mal drüber nachgedacht, gleich am Anfang. Als ich merkte, oha - sie ist echt gut drauf! Spannend!
Wie bedankt man sich bei ihr? Persönlich?
Glas Honig?
Und meine Bettnachbarin so was von hochskeptisch: ,,naja.... Wenn sie sich darüber freut??!!!!"  Wir haben schallend darüber gelacht! Erst ich . Und sie halt begeistert mit. Dann fragt sie irgendwann: ,,worüber lachen wir eigentlich?"... da waren wir dann gar nicht mehr zu halten. Gott, tat das gut!
Also kein Glas Honig.
Nie wieder werd ich ein Glas Honig verschenken können.
Zumindest nicht, ohne laut zu lachen. Vorher.
Dabei ist es ein so wertvolles Geschenk. Finde ich.
Flüssiges Gold. Medizin für so vieles. Und niemand muss sterben. Dafür.

Ich hab weiter die Augen und Ohren offengehalten. Auf Hinweise. Was sie freuen könnte.
Einmal hab ich sie gefragt, was sie denn so macht, heute,  nach Schichtende. Sie hatte vornehmlich Frühdienst. Och, sagt sie, ich koche heute. Was denn? Rindfleischeintopf. Kenianische Art. Gibt da ein Geschäft, die haben alles dafür. Da geh ich vorbei. Hol, was ich brauch. Und koche dann.
Für einen Moment zieht Einsamkeit durch unser Zimmer.

Wenn ich gekocht hab, hab ich immer für paar Tage im Vorraus gekocht. Es ist schön, wenn man nach Hause kommt, und es ist schon gekocht. Einfach heimelig.
Ja, macht sie aus so.
Ich frag mich kurz, ob sie wohl vor dem Laptop sitzt? Wenn sie isst? Oder dem Fernseher? Oder vielleicht hat sie ja auch face to face Kontakte... und sie kann erzählen und lachen und zuhören. Während sie isst.

Dann sind wir schon wieder bei was anderem. Das Leben ist voll, hier. Hier gibt sich eins dem andrem die Hand. Hier steppt der Bär. Naja, vielleicht der Ameisenbär. ;)
Also zumindest für Einsiedler wie mich.

Sie mag mich gern, keine Frage. Das spürt man deutlich. Aber ihr absoluter Favorit ist meine Bettnachbarin. Sie sind auch eher ein Alter. Aber es ist noch etwas viel Schöneres. Sie fährt Motorrad, meine Bettnachbarin. Irgendwann in einem Gespräch hab ich das, stolz wie Bolle, erwähnt - seitdem sind sie so (Zeichen für: da passt kein Blatt Papier mehr dazwischen). Es ist die wahre Freude!
Sie, meine Lieblingsschwester, hat nämlich einen Traum. Einmal, sagt sie, einmal!
will ich das machen! Dann mach ich ein Fotoshooting mit einem  Motorrad!!! Mit Stiefeln bis übers Knie - und dann ein langes Fotoshooting.
Sie hat sich das scheint's schon öfters bildlich vorgestellt, denn sie macht uns leidenschaftlich Posen vor .... Ich bin beeindruckt.
Konnte mir das erst gar nicht richtig vorstellen, so plötzlich. Und so Posen ist jetzt nicht so mein Ding. Aber ihre Begeisterung spült alles weg, was hinderlich sein kann. Und für magische Momente sehen wir alle mitten im Zimmer ein Motarrad. Und unsre Lieblingsschwester in Stiefeln bis über's Knie, wie sie die Posen wechselt. Eine gewagter wie die andere.
Ich bin wirklich hingerissen.
Wir alle sind hingerissen.
Und ihre Wangen glühn. Obwohl sie sehr dunkle Haut hat. Fast schon ganz schwarz. Und man das nicht sieht. Man spürt es trotzdem.
hey :)

Ja, also damit war alles klar für mich.  Also doch ein Geld - aber eben genau dafür!
Das
ist dann doch persönlich, oder? Und nicht nur ein Geld.

Und so hab ich ihr das auch verkauft. Erst wusste sie gar nicht, was ich meine. Sie sah nur das Geld. Ist oft ein schwieriger Moment.
Als ich Tagschicht hatte, haben mir  Patienten öfters mal was in die Hand gedrückt. Wenn sie gingen. Aus Dankbarkeit. Für irgendwas, was für mich selbstverständlich h war.
Es hat mich jedesmal überrascht. Und ich war jedesmal hin und hergerissen zwischen ,, sie meinen es nur gut" und  ich will das garnicht annehmen" .
Ich mache es doch gern. Das was ich mache. Ich mache das doch nicht  für Geld. Das was ich mache. Ich mach das doch ganz freiwillig. Was ich mache.
Ein Gefühl, als mache da das Geld was kaputt. Davon.
Und schließlich bin ich hochunbegabt, Geschenke anzunehmen. Von Angesicht zu Angesicht. Das kam dann noch dazu.

Hinterher hab ich mich mordsgefreut. Das war wieder eine sehr arme Phase. Das Jahr Tagdienst in der Klinik. Da waren 5 € manchmal die Rettung.
Manchmal der kleine außergewöhnliche Luxus. Meistens die Chance, ein klein bisschen Vorrat anzuschaffen. Mit dem unbezahlbaren Gefühl, ein bisschen reich zu sein. Vorübergehend. Oder wenigsten wohlhabend. hey :)

Es gab Damen, die wussten eine Lösung. Für diese eher unangenehme Situation für uns beide. Die steckten mir das Geld einfach in die Kitteltasche. Zack drinnen!
Erst war ich immer erschrocken. Aber es hat die Sache wirklich leichter gemacht.
Ich musste nix mehr annehmen. Das war schon passiert. Einfach übersprungen. Auf's nächste Feld. Sich freuen. Und bedanken. Das ging dann gut. Nach dem kleinen Schrecken. Erleichternd gut.

Also hatte ich eine Strategie, und als ich merkte, ok annehmen ist schwierig, war ich einfach übergriffig. Es ging ihr genauso wie mir damals. Erschrocken... erleichtert... gefreut... Und wenn sie es wirklich so macht wie ich es vorgeschlagen hab,  ein Glas nehmen, alles überraschende Geld, das bei ihr eintrudelt da reinstecken - und ihren Traum vom Fotoshooting wahrmachen, bevor sie 50 ist. Dann wird sie sich noch ein paar mal freuen. Dran.
Dass sie so eine Lieblingsschwester ist, dass ihr das lange vor 50 hat wahr werden können. Ihr Glück zu leben. Und nicht nur davon zu träumen.

Also behaupte ich mal kühn: wenn's schwierig wird mit dem Annehmen, kann  man es durchaus auch mal so probieren.
Politisch nicht korrekt. Aber vielleicht eine Hilfe.
;)
Wenn man es freundlich macht, die Augenhöhe fest im Blick, und die Sympathie ja schon ein bisschen gefestigt ist durch das Erleben miteinander vorher, dann zieht es den Stachel der Demütigung, bevor er sich aufbauen kann.
Meine Erfahrung.

Jetzt also der letzte Tag. Versprochen.  Endlich.
Meine Tochter schreibt schon früh: wann denn? Tja. Nicht alles kann man beantworten.
Ich schätze vor 11 nicht. Dabei hab ich keine Ahnung.
Hab den Frühdienst gefragt. Wann beginnt denn die Visite am Sonntag?
Weiß sie auch nicht. Kommt drauf an.
Oha.
Entweder sie weiß es einfach nicht. Oder hier herrscht Chaos. Verschuldet oder systembedingt - griffig ist das nicht.

Und dann beginnt das lange Warten. Wir drei so unterschiedlichen Frauen liegen alle auf unseren Betten. Und warten. Zusammen. Darauf, dass die alte Frau nachtwind endlich nach Hause gehen darf.
Es wird von Minute zu Minute lustiger. Jeder fällt was ein. Was jetzt doch noch alles schief gehen kann. Kaum haben wir fertig gelacht, ist schon eine andre wieder vorn. Mit einer noch abstrusenderer Idee. Warum die Visite nicht losgehen kann.
Wir werden immer ausgelassener.
So pfiffig auch. Wir drei. Wer hätte das gedacht!
Wer hätte das gedacht, als jede von uns drei sich aufmachte, in's Krankenhaus zu gehen. Jede zu einer andren Zeit. Jede aus einem andren Grund. Jede mit eignen Ängsten. Jede mit eignen Hoffnungen. Naja,  eine hatte wir alle gemeinsam, denke ich: dass alles gut geht!
Was auch immer ,,alles" ist.
Wer von uns dreien hätte gedacht, dass wir am Ende lachend da auf unseren Betten  liegen.  Witzelnd, foppend, lachend... und nicht aufhörend damit.
Muss nur was auf dem Flur scheppern - schon geht es wieder los. Sprudelt ein Grund nach dem andren noch, was das jetzt war - und warum deshalb jetzt die Visite  nicht mehr losgehen kann. Heute. Leider.
Wer hätte das gedacht!
Wir drei. So unterschiedlichen. Vereint in einem kleinen feinen See. Gemeinsam.
Jede mit ihrem Schicksal - und doch jetzt nur eins: gemeinsam.
Ich mal nicht.

Tümpeltauchen



Zitat von: nachtwind in 11 November 2025, 14:48:34Mag sich hier die eine oder andre die Mühe machen und mir kurz rückkoppeln, ob es eher langweilig ist? Für sie. Oder doch eher interessant? Das Thema?
Nur kurz. Aber ganz ehrlich. Auch ganz ohne Begründung.
Länger geht natürlich immer. ;-)

Es würde mir wirklich helfen.
Ich kann's grad überhaupt nicht mehr abschätzen.
Ich wär sehr dankbar.

Bin zwar zeitlich hier weit hinterher und egal ist es vielleicht auch. Aber mich hattest Du mit dem Thema. Nichts, was ich nicht schon gehört hätte aber so eindringlich hab ich's noch nie wahrgenommen.
Hab' gleich heute Morgen mit Zimmernachbarin das Thema leicht gestreift. Gar nicht langweilig. Wichtig.

nachtwind

Als die Ärztin dann doch irgendwann den Weg in unser Zimmer findet, wird sie mit einem so ausgelassenen Hallo begrüßt, dass sie ganz verwirrt ist. Vor allem, weil das Hallo nicht enden will.
Sie schaut so irritiert, dass ich plötzlich Angst bekomme, sie überlegt es sich doch noch mal. Jetzt. Ich erklär schnell ein bisschen. Aber es lässt sich schwer erklären, ohne dass da Kritik durchschimmert. Irgendwie schramm ich an den gröbsten Hindernissen knapp vorbei. Und kürz dann alles ab mit: ich freu mich so, dass ich nach Hause darf. Und die beiden sind so freundlich und freuen sich mit mir mit.
Puh.
Grad noch mal gut gegangen.
Die Ärztin ist jetzt auch eine Spur lebendiger als sonst. Mitmenschlichkeit kann ansteckend sein.
Und den Arztbrief hat sie auch gleich mitgebracht. Großes Hallo wieder!
War ein beliebtes - und ergiebiges Nebengleis : entlassen als erste in der Visiste - aber leider ach herrje! ich muss warten auf den Arztbrief. Nach der Visite.
Und was da dann alles noch dazwischen kommen kann.
Letztendlich geht alles gut. Und die Ärztin ist richtig fröhlich, als sie unser Zimmer  verlässt.
Meine Tochter kommt auch gleich um die Ecke - sie ist einfach mal losgefahren. Zur Not wartet sie eben hier mit mir.
Muss sie aber nicht. Perfektes timing.

Und so kommt der Abschied dann doch schneller als erwartet. Obwohl wir doch alle nix andres getan haben heut Vormittag. Als genau darauf zu warten.

Plötzlich tut es mir tatsächlich ein bisschen leid. Jetzt zu gehen. Versteh einer mich! Ich ma nicht. Aber es geht ja auch schnell wieder vorbei. Ob ich das noch auf die Narkose schieben kann? Das Verwirrende? Oder doch besser gleich auf die Hormone?
Egal.
Heute weiß ich warum. Natürlich wollte ich so gerne und leidenschaftlich nach Haus. Aber nicht weil ich hier weg wollte. Gar nicht. Nur weil ich Zeit mit meiner To betr. verbringen wollte. Das ist mir wertvoll. Zeit mit meiner Tochter. Nur dehalb wolltenich Sonderlingen nach Haus.

Ich lasse mein Köfferchen und meine Tasche meine Tochter tragen.
Ganz ungewohnt für mich. Sonst schulter ich immer noch die schweren Sachen. Manche Gewohnheit bleibt einfach hartnäckig in den Knochen. Und meine Tochter protestiert auch nicht.
Bei meinem Sohn hab ich das viel schneller gelernt. Irgendwie diskriminierend, oder?
Er ist halt einfach überwältigend stark. Mein Sohn.
Aber jetzt und hier versuche ich mir einzuhämmern. Trag vorsichtshalber möglichst nichts! Bloß nicht vergessen: ich darf nur 5 Kilo tragen!! Sonst kann ich alles wieder kaputt machen!
Und das will ich jetzt nu mal gar nicht!
Also bloß nicht vergessen!

Verabschiede mich stattdessen ausgiebig von meiner Bettnachbarin. Will sie umarmen, stocke - geht das denn? Mit der frischen Brustnarbe? Geht, sagt sie, tut nicht weh.
Macht auch nix kaputt.
Woher weiß sie das?
Ich weiß es nicht. Aber ich nehm sie in den Arm - und es fühlt sooo gut an.
Wir stehen da für Momente ganz ohne Worte. Schön!

Wir haben in den wenigen Tagen schon richtig viel miteinander erlebt.
Und obwohl ich gleich zweimal zu ihr gesagt hab: ,,darüber will ich nicht mit dir reden", hat sie Tränen in den Augen.
Sie denkt vielleicht eher an unser langes langes Gespräch, über den Vorhang zwischen unseren Betten hinweg. Als wir miteinander gerungen haben. Bis sie dann doch
ihre Bitterkeit verwandeln konnte. In's Offene.
Als Frau Schuster aus Bischoffingen mir so fasziniert zugeschaut hat, weil ich jedesmal, wenn ich dran war, mich aufgesetzt hab im Bett. Mit Nachdruck. Mit ganzem Einsatz. Versucht habe, an diese Mauer zu klopfen.
Es muss schon echt witzig ausgesehen haben. Stehaufmännchen nachtwind, 72 Jahre alt, frisch operiert. Macht ganz nebenbei Bauchmuskeltraining. Unbeirrt. Nur um gehört zu werden. Wie das aussieht, ist ihr ganz egal. ;)

Auch in diesem Gespräch h hab ich ihr das einmal gesagt.
Während Corona ging es ja viel durch die Presse: wie redet man am besten mit denen, die sich da ganz rausklinken. Verschwörungstheoretiker. Impfgegner. Maskenverweigerern. Mit denen, die gegen den Strom schwimmen.
Eigentlich ja meine Spezialität. Wer gegen den Strom schwimmt, den mag ich erstmal. Aber das ging ja leider in eine ganz andre Richtung. Ich kann's mir gar nicht erklären, wieso eigentlich. Höchstens über die Manipulationen, die da eifrig betrieben wurden. Leider so erfolgreich.
Ja gut - ging halt darum: wie redet man am besten mit so Andersdenkenden.
Fand ja innerhalb Familien statt. Und überall. Dass das aufeinanderprallte.
Sie waren ja eher fanatisch. Als besonnen.
Also, das Fazit war: sag, darüber redest du nicht. (Weil nicht offen für Argumente austauschen. Nur offen für: ich hab die Wahrheit.)
Also hab ich als besorgte Angsthäsin, immer darauf bedacht, sich auf alle möglichen Probleme vorzubereiten, befriedigt das passende Werkzeug sorgfältig verstaut in meinem Werkzeugkasten. Und nie gebraucht.
Jetzt aber, anderthalb Jahre später, kam es dann doch noch zum Einsatz. Ging ganz leicht über die Lippen. Und erzielte den erwünschten Erfolg. Lass uns darüber bitte nicht reden.  Voller Erfolg.
Kann ich nur weiterempfehlen.
Wenn man zu weit entfernt ist voneinander und, ich sag jetzt mal, ein bisschen verbohrt ist, also nix andres gelten lassen will als das Eigne, dann ist das eine wirklich gute Hilfe. Trotz allem miteinander im Gespräch zu bleiben.
Nur eben nicht darüber.

Wie auch immer, wir haben uns, trotz verbundener Brust und ein paar ganz wenigen Meinungsverschiedenheiten ;), lange umarmt. Hatten beide keine Worte. Sie Tränen. Und ich gefühlt auch.
Schwestern halt. So vertraut. So viel geteilt miteinander.
Verrückt, oder?!
War aber so.

Frau Schuster war nebenan in einem kleinen Aufenthaltsraum. Ihr Sohn war zwischendrin gekommen, und sie war mit ihm dorthin. In Ruhe reden.
Ich wusste erst gar nicht so recht, wie mach ich das jetzt, wink ich nur kurz? Oder geh ich zu ihr und stör sie? Sie hat mir das abgenommen, kam zu mir nach vorn in den Flur. Und nochmal drücken. Lang und herzlich. Ach liebe Frau Schuster! Ich vergess Sie nie.
Wie sie, als die Dame mit den Ersatzbrüsten-BHs in ihrem Köfferchen zu ihr kam, auf die Frage: welche Farbe? spontan und energisch geäußert hat: ,,weiß!!" Und dann: ,,und ein bisschen schön...."
Ich war gerührt. Die Dame weniger. Sie kramt und kramt, in ihrem Koffer. Nach Farbtäfelchen ... findet nichts passendes, sucht nach Lösung, ,,Elfenbein wird sehr gefragt!"
Nein! Da ist Frau Schuster ganz klar. Weiß muss es sein. Und ein bisschen schön.
Bisschen schön ist kein Problem. Mit Spitze. Das hat sie im Repertoire.
Aber weiß?
,,Hmmm, ich weiss gar nicht, ob wir überhaupt noch weiß im Angebot haben.... Wie gesagt, Elfenbein ist der Renner. Da liegen Sie richtig im Trend."
Kein Entgegenkommen. ,,Muss es denn wirklich unbedingt weiß sein?"
Ja, muss es! Und ein bisschen schön.
Ich muss jetzt noch lächeln, voller Wärme, wenn ich daran denk.

So wie wenn ich meiner Tochter zuschau — oder meinen Enkeltöchtern jetzt. Vor dem Spiegel. Da wird hier noch mal gezuppelt. Und dort noch mal gezupft. Bis alles sitzt. Wie's sitzen muss. Noch mal gekuckt. Nein, hier nochmal was korrigiert. Ich kann in all dem überhaupt keinen Unterschied erkennen.
Aber es rührt mich sehr.
Mir geht das völlig ab. Ich zuppel nicht gern. Ich zieh im Winter T-Shirt und Jacke in einem aus. Damit ich es in einem wieder anziehen kann. Reingeschlupft und fertig. Kein blödes Gezuppel. Und weil ich meine guten Klamotten gleich wieder auszieh, wenn ich zuhause bin, kann ich wochenlang einfach nur reinschlupfen und fertig.
Ich geh ja selten raus, und wenn, dann nur ganz kurz.. meistens. :)
Aber wenn ich sehe, mit welcher Freude und Entschlossenheit Frauen sich mit ihrem Aussehen beschäftigen, dann rührt mich das sehr. Da fühl ich mich nur durch das Zuschauen so verbunden mit dieser Weiblichkeit.
Es fühlt sich wunderschön an.
Reich. Lächelnd reich.

Das hab ich ihr natürlich nicht gesagt zum Abschied - ,,von ganzem Herzen alles Gute Ihnen!" das war's im Grunde. Und das war ja auch nun wirklich viel.
Von ganzem Herzen - und es war von ganzem Herzen! - kann ganz schön viel Raum einnehmen. Da braucht es nicht noch mehr.
Sie hat noch was. ,,Wenn Sie mal in Bischoffingen sind..." und zögert. Ich warte. Und bring den Satz dann zu Ende, lachend. ,, Dann denk ich an Sie!!" ,,das versprech ich Ihnen!" ,,und ich denk auch so an Sie, das weiß ich jetzt schon! Auch wenn ich nicht durch Bischoffingen fahre."
Ich fahre eigentlich nie durch Bischoffingen. Weiß gar nicht, ob ich da jemals war? Vielleicht mit dem Fußball meines Sohnes. Da waren wir schier überall.

Später, als wir zu Hause waren, erzähl ich noch irgendwas mit Frau Schuster. Meine Tochter fragt: wer ist das noch mal? Na die, von der ich mich im Flur verabschiedet hab. ,,Ach die, die mit dir befreundet sein wollte."
Da bin ich schon ein bisschen sprachlos. Das hab ich gar nicht mitgekriegt.
Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Blinder Fleck.

nachtwind

Als wir das Klinikgelände verlassen, zögere ich.
Ich trau mich nicht.
Als seien meine Mobilisierungsanstrengungen nur für die Klinik gültig. Als könne ich nur dort darauf vertrauen. Dass ich mich auf den Beinen halten kann.
Mir ist nicht schlecht. Es ist was im Kopf.
In der Welt außerhalb der Klinik hab ich noch keine Vertrauen in mich. In meinen Körper. Ich gehe langsam, vorsichtig. Meine Tochter bemerkt mein Zögern.
Sie geht voraus, holt das Auto aus der Tiefgarage. Und sammelt mich ein.
Ich bin immer noch benommen. Auch im Auto.
Was ist bloß los? In der Klinik war ich doch topfit?!

Zuhause dann der ultimative Härtetest. Die Treppe. Mach langsam - mach ruhig Pause... Ich misstraue der Pause. Vielleicht will ich danach keinen Schritt mehr tun. Besser keine.
Schaffe es ohne Pause. Besser als vorhergesagt. Geht doch alles.
Bin dann heilfroh, dass ich mich nur aufs Bett legen darf. Meine Tochter kümmert sich um  alles. Was man so machen muss. Wenn man eine Woche nicht da war.
Ich lieg nur da. Und schau ihr zu. Luxus.
Alleinsein hat viele Vorteile. Aber mal einfach nur liegen und einem andren zuschauen, wie der alles macht, ist auch ein Riesengewinn. An Lebensqualität.
Ich fühle, was ihre Kinder wohl fühlen. Wenn sie krank sind. Und ihre Mama für sie sorgt.
Es fühlt sich wirklich grandios sicher an. Ohne viel Aufsehen regelt sie alles. Sorgt ohne Sorgen. Zuversicht!
Ihre Kinder haben es gut!!
Wenn sie krank sind.
Ich weiß es jetzt.

Später muss sie fahren. Ich bin traurig wie immer. Diesmal besonders. Es war so kurz.
Dass wir uns hatten.
Und dann lass ich mich fallen. In mein Zuhaus. Das auf mich gewartet hat. Ohne jedes Mucken. Ich kann mich da wieder andocken. Wo ich es verlassen hab.
Zuhaus.

Am nächsten Morgen werd  ich hochdankbar wach - endlich durfte ich wachwerden, wann es für mich ok ist. Es fühlt sich gleich ganz anders an!  Wobei es mir im Krankenhaus gar nichts ausgemacht hat. Jetzt erst merk ich, wie gut sich das wieder anfühlt.
Und dann, noch ganz im Wachwerden, passiert mir etwas, dass mich umhaut! Völlig umhaut!! Ich kann es gar nicht glauben. Zuerst. Aber es ist so!
Jetzt endgültig wird mir das glasklar:
Ich habe mich verändert!!
Richtig verändert! Ernstzunehmend verändert! Ich fass es nicht!

Ich vermisse meine Zimmergenossinnen.
Ich vermisse sie.
Sie fehlen mir.
Ich vermisse sie. Ohne Gedöns, ohne Drama - aber ganz deutlich. Nicht wegwischbar:
sie fehlen mir.

Seitdem weiß ich: etwas Grundlegendes hat sich verändert. In mir.
Es kommt mir nicht nur so vor.
Etwas in mir ist anders geworden.
Mit Stempel und Siegel jetzt.
Wodurch, da kann ich nur spekulieren.
Aber dass - da ist jetzt kein Zweifel mehr.
Ich vermisse ihre Anwesenheit.
Mein Raum kommt mir eigenartig leer vor.

Dass ich die, die ich liebe, vermisse, ist ja klar. Da tut es dann auch richtig weh. Mal mehr, mal weniger. Aber weh.

Bei meinen Zimmergenossinnen tut mir nichts weh. Aber ich spüre es so deutlich: ich vermisse ihre Gegenwart. Sie fehlen mir.
Ich fass es nicht!!!
Ich bin sooo überrascht davon.

Und langsam ahne ich: Ich werd noch mehr Andersartigkeiten entdecken. An mir. In mir.
Das ist keine Laune.
Da ist etwas Grundlegendes
ein kleines bisschen verschoben worden.
Mit Konsequenzen.

Sie fehlen mir!

Ich schüttel nur den Kopf, ungläubig und überzeugt in einem.
In mir wird froh gefeiert.
Ich selber halte mich zurück.
Ich staune nur.
Andächtig.

So was kommt nicht häufig vor in meinem Leben.
Aber jetzt.


nachtwind

Aus gegebenen Anlass jetzt: die beiden Gegenpole.

,,Für mich ist das ein Fass aufmachen. Ein richtig großes Fass.
Was sind für dich die zwei Pole? Zwischen denen sich unser Leben abspielt.

Wir sind nicht mehr überrascht davon, dass zwei  Zeichen reichen, um so ziemlich fast alles auf dieser Welt zu untersuchen. Zu versuchen zu verstehen. Zu verstehen...
O. Und 1.
Was ist deine 0? Und deine 1?
Zwischen denen sich das Leben abspielt.
Die zwei Ur-Pole, sozusagen. Die zwei wichtigsten Kräfte. Die unser aller Leben bestimmen.
Das, worauf man alles runterkochen kann. Die ganze große Vielfalt.

Was ist dein 0? Und deine 1?

Nur zur Orientierung, in welchen Kategorien man da suchen kann. Was die Pole sein können. Zwischen denen das Leben sich bewegt. Wie man das Leben versteht. Besteht.
Mein einer Pol ist die Liebe.
Das ist nur meins. Such deins.
Nur dass du die Dimension verstehst. In der die Frage sich bewegt.
Mein einer Pol ist die Liebe. Die das Leben bewegt.
Und so hab  ich mich auf die Suche begeben. Was denn der Gegenpol wohl ist.
Der Gegenspieler. Der große Partner.

Nicht das Gegenteil von Liebe=Hass. Das mein ich nicht.
Das ist viel zu klein gedacht.
Wenn die O die Liebe ist - was ist dann die 1?"
So halt.

Die Liebe ist mein einer Pol. Die Mutter aller Pole. Sozusagen. ;)
Die Null.
Aus der heraus sich alles entwickelt.
Aber was ist dann die 1?
Denn dass die Liebe nicht allein uns tragen kann, das war schon länger klar.
Nicht weil ich das der Liebe nicht zugetraut hätte!
Sondern weil nur eins allein
niemals alles bestimmen kann.
Das gibt es vielleicht auf andren Planeten oder Lebensformen.
Aber hier bei uns ist eins nicht lebensfähig.
Es braucht schon zwei.

Aber wer oder was ist der große andre , der Gegenpol?
Der Gegenspieler. Der Partner. Auf Augenhöhe.

Ich hab schon lang dafür gebraucht. Das war nicht mal so eben rauszufinden. Für mich.
Und ja - es bleiben immer nur meine beiden Pole.
Andre Menschen erleben vielleicht ganz andre. Ich kann nur von meinen erzählen.
Obwohl es sich ziemlich allgemeingültig anfühlt. Aber gut - erstmal ja nur für mich. ;)

Irgendwann hatte ich es.
Aber anfangs noch praktische Schwierigkeiten damit.
Beide Begriffe sind mit Wertungen belegt.
Das hat gedauert, bis ich diese beiden Ecken und Kanten freigeschiffen hat.

Der Gegenspieler der Liebe ist die Macht.
Für mich.
Wie gesagt: oberflächlich betrachtet ist die Liebe positiv belegt - und die Macht eher öfters schon mal negativ. Da wird der Machtmissbrauch gedacht.
Aber Macht ist nicht gleich Machtmissbrauch.
Und Liebe kann vieles sein, aber nicht dieses klebrige beppende, formlose Etwas.
Das manche Liebe nennen. Das alles klebt. Aber selbst nix mehr ist.

Gut, so ganz ohne den Gegenpol , ganz im äußersten Extrem, ohne den rettenden Einfluss des Gegenpols, können sie so sein.
Aber dafür haben sich ja die beiden. Dass sie eben nicht zur Katastrophe werden.

Liebe ohne Macht ist wie Pfütze. Macht ohne Liebe nackter Fels.
Da gedeiht kein Leben. In beiden Extremen.

Ich hatte lange Schwierigkeiten mit dem Wort Macht. Ich wusste aber, das ist schon das richtige Wort. Also hab ich mir geholfen mit vorübergehend: persönliche Kraft.
Das war für mich denkbarer. Griffiger.
Mittlerweile brauch ich den Umweg nicht mehr. Und ich seh die Macht in ihrer ganzen Herrlichkeit.
Neben der Herrlichkeit der Liebe.
Beide einvernehmlich vereint.

Zwischen diesen beiden Polen gestalten wir unser Leben.  Unser kleines alltägliches, unser Beziehungsleben, unser Großes Leben.
Wir beziehen ständig Position.  Suchen und verändern ständig unseren Platz. Den wir grad einnehmen.
Mehr Liebe? Jetzt mehr Macht? Viel? Oder ein bisschen?
Wenn es gut läuft, sind wir in Balance. In unsrer uns persönlich möglicher.
Sind wir in Bewegung. Zwischen diesen beiden großen Polen:
begegne ich das jetzt mit eher Liebe? Oder ist eher Macht angesagt?
Wir treffen Entscheidungen im Sekundentakt, manchmal. Im Tagestakt auch. Im Wochentakt... alles immer je nachdem. Worum es geht.
Aber immer: bleibt es unsre Entscheidung!
Sich berufen auf Erlebtes erklärt zwar vieles. Und nimmt das sich selbst kasteien.
Was es aber nie nimmt, ist die Entscheidung.
Wir treffen sie immer wieder neu.

Wenn es nicht rund läuft mit uns, haben wir uns festgefressen. So wie Schrauben sich festfressen können. Wenn sie nie bewegt werden. Und sich nicht von selbst lösen. Eine Spur.
Beharren auf einer Position. Und weigern uns, sie wieder zu verlassen.

Wenn jetzt einer sich fragt, ob er liebesfähig ist, und er ist von Haus aus mehr im Machtbereich zu Haus, dann ist es keine Frage von Charakter, schlechtem oder so, wenn er keine Antwort findet. Die überzeugend ist.
Das lässt keinen Rückschluss zu, dass er jetzt eher egoistisch ist oder so was.
Es ist auch nicht die falsche Frage.

Er ist nur einfach am falschen Ort. Für genau diese Frage.

Wenn er eine Antwort will, dann muss er sich schon in den Bereich der Liebe begeben.
Wer eh eher die Gegend der Macht sucht, der hat meistens ja schlicht Angst.
Vor den Schmerzen, die Liebe für ihn bedeutet.
Aber wer eine Antwort will auf diese Frage, der muss sich dieser Angst stellen.
Wenn es wichtig ist. Muss sich in die Liebe stellen, mit Zittern in damit Zagen.
Wenn es ehrlich ist. Mit dieser Frage.

Und das ist keine kleine Sache. Wenn man so Angst hat. Vor der Liebe.
Aber wenn man Bewegung will, dann muss man sich bewegen. Und wenn man eine Frage hat, ob man überhaupt liebesfähig ist, dann wird man keine Antwort finden. Solange bis man sich nicht dem Bereich der Liebe nähert.
Nur dort macht es Sinn. Diese Frage zu stellen.
Nur dort kann es Antworten geben. Darauf.

Ps: die Frage, ab man liebesfähig ist, mit Denken lösen zu wollen, unterliegt einem ähnlichen Irrtum. Dafür ist fühlen die passendere Tätigkeit.

Nicht generell und immer. Aber mal so grob drübergeblickt.
Sind Liebe und Macht so was wie Mutter und Vater für's Fühlen und Denken.
Wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf.
Ohne Rücksicht auf exakte Prüfung der Analogien dadrin.

Das mal so als erster Überblick.
Es ist ein großes Fass! :-)

nachtwind

Es ist ein wirklich großes Fass!
 So viele Gedanken schwirren von da los.
Die Null und die 1.

Kriegt man gar nicht alle zu fassen. Gleichzeitig. Aber auch nicht nach und nach... es sind so viele!

Die Extreme. Beider Pole. Hilft dabei zu verstehen.

Äußerstes Extrem im großen Land der Macht - das ,, Ich bin".
Wir hatten dieses ,,ich bin" mal in andrem Zusammenhang bei einen meiner paar Seminare. Wir sollten diesen Punkt suchen.
Ich war echt erschüttert.
An diesem Punkt ist tatsächlich nichts mehr da. Nichts und niemand und kein Wert mehr und keine Moral - nichts! Nur noch das ,,Ich bin".
Temperatur: Eiseseis.
Lebendigkeit: im eignen Kreis des Ich - intensiv - im drumherum ums Ich nicht ein Hauch von einem andren Lebewesen. Wie ein Vakuum so leer.
Es gibt nur noch das Ich. Einsamkeit unverdünnt. Pur.
Aber nicht als Schmerz. Dann wär da noch etwas, nach dem man sich sehnt.
Als höchste Konzentration.  Auf das Ich. Auf mich.
Insofern eindeutig bejaht. Wenn man diesen Mittelpunkt einnimmt.
Eiskaltes Bejahen dieser Einsamkeit. Die nicht als Einsamkeit erlebt wird. Sondern als den einzig wahren Zustand. Der der Wichtigkeit meines Ichs entspricht. Nämlich:
es gibt nichts anderes.
Außer ich.

Es hat mich innerlich geschüttelt vor Entsetzen.
Anderseits war ich tief beeindruckt. Und dankbar, dass ich da einen Blick rein werfen konnte.
Es erklärt mir einiges. Was ich mich immer wieder in meinem Leben gefragt hab: wie ist so was möglich?! Wie kann ein Mensch so sein?!

Da gibt es einen Entführungsfall. Schon lange her. Anfang des Jahrtausends. Beschäftigt mich, seitdem ich davon erfuhr. War damals eine große Sache. Ging ja auch um viel. Viel Grundsätzliches.
Das Entführungsopfer: ein kleiner schmaler Bub. Vielleicht zehn Jahre alt.
Vater Bankchef. Aber dafür kann der Bub ja nix. Macht ihn aber erstmal auch nicht unbedingt zum Opfer an sich.
Der Bub wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen. Klar.
Der Entführer:  Magnus Gäfgen. Für den Namen kann er ja nichts. Aber ich denke, es war eine unglückliche Wahl. Seiner Eltern. Magnus.
Jurastudent. War in einer Clique mit wohlhabenden Kindern reicher Eltern. Er nicht.
Aber auch nicht arm. Der Vater war glaub ich studiert. Ingenieur, weiss nicht mehr genau. Aber sicher kein Arbeitermilieu. Hat sogar für seinen Sohn irgendwas angespart. Für später. Das hat sein Sohn dann ausgegeben. Um mitzuhalten. Mit den Jetset-Kids, keine Ahnung.
Irgendwann war das Geld alle.
Dieses Leben wollte er aber nicht aufgeben, also entführte er den kleinen Jakob, den er flüchtig kannte. Durch seine Clique.
Ermordet ihn.  Versteckt seine Leiche. Und erpresst irgendeine Million.
Kriegt er auch. Die Polizei  beschattet ihn. In der Hoffnung, er kümmert sich um den Bub und führt sie zu ihm.
Er aber bucht Urlaub und kauft ein teures Auto.
Da nehmen sie ihn fest.
Sie wissen ja, dass er das Lösegeld an sich genommen hat. Er ist der Täter.
Zumindest ein Mittäter.
Da er das Geld großzügig selbst ausgibt, in der Kürze der Zeit, spricht alles dafür, dass er der Haupttäter ist. Er gibt zwar zwei Mittäter an. Aber das sind zwei, die er kennt und über die er sich sehr geärgert hat. Und die es nicht gewesen sein können.
Er also in Polizeigewahrsam. Wird ständig verhört. Wo ist der Bub? Es kümmert sich doch keiner jetzt mehr um ihn. Die Polizei muss ihn jetzt sofort finden. Die Zeit läuft davon.
Da macht der Polizeichef von Frankfurt etwas sehr Menschliches. Was aber verboten ist.
Er droht ihm Folter an. Wenn er nicht gesteht, wo der Bub jetzt ist.
Und er droht ihm das glaubwürdig an. Oder dieser Waschlappen ist ein Schisser vor dem Feind. Entschuldigung! Aber ich halte mich nur mühsam zurück. Bei dieser Geschichte. Die mich nicht loslässt.
Auf jeden Fall gesteht er den Platz, wo der Bub liegt.
Aber der ist ja längst tot. Alles umsonst.

Und natürlich darf dieses Geständnis jetzt nicht in dem Prozess gegen ihn verwendet werden. Als Beweis, dass er es war.
Aber das braucht es auch nicht.
Er ist ja Jurastudent. Er weiß, dass ein Geständnis strafmildernd ist. Und die Indizien überwältigend sind.
Und so legt er in der  Verhandlung ein Geständnis ab. Nachdem ihm nochmal klar versichert wird, dass das erzwungene Geständnis nicht gegen ihn verwendet werden kann. Natürlich passen sie jetzt oberkorrekt auf, das ja nur alles seinen juristisch einwandfreien Weg geht.

Die Frage, die sich da stellt, war: es gibt ein Verbot zu foltern. Und das ist furchtbar wichtig. Für uns. Furchtbar im wahrsten Sinne.
Wir Deutschen waren Weltmeister im Foltern. Um etwas zu erreichten. Ungebremst. Unaufgehalten. Und alle wussten es. Niemand ist aufgestanden. Bis auf wenige.
Alle Deutschen, bis auf die, die gefoltert worden waren, und die wenigen, die ich liebe dafür, waren besudelt mit der entsetzlichen Schande des widerwärtigsten Verbrechens, das die Menschheit bis dahin erlebt hatte.
Nie wieder!! War das einzige, was dem auch nur ansatzweise gerecht werden kann.
Nie wieder Folter!!! Ohne jede Ausnahme. Denn eine einzige Ausnahme macht das Tor auf. Und dieses Tor darf niemals wieder aufgehen! Niemals mehr!!

Die, die gefoltert hatten, oder es zugelassen hatten, insgeheim zugestimmt hatten, die lebten ja noch. Das war ja nicht anno dazu als!  Jetzt nicht mehr so zur Zeit, als der Prozess war. Bis auf wenige Ausnahmen.  Aber 68, als ich das eigne Denken entdeckte,
erdrückt von der grenzenlosen Wucht grässlichsten  Verbrechen ever.
Die Menschen begangen hatten. Da lebten sie noch. In Amt und Würden.
Wer nicht dumpf war, sondern aufgewacht, der sah sie jeden Tag. Auf den Straßen. In der Straßenbahn. Beim Einkaufen. In den Parks. Sie waren einfach überall!!!
Und das war kaum auszuhalten.
Manchmal dachte ich, ich sterbe gleich. Weil ich es nicht mehr aushalten kann. Rein körperlich. Jeden Menschen, der mir entgegenkam, im Stillen zu fragen: wo warst du?! Was hast du getan?! Was hast du gut gefunden, gerne unterstützt?! Worauf warst du sogar stolz?!
Und 9 von 10 waren so.

Krieg ist nicht vorbei, wenn die Kapitulation unterzeichnet ist.
Die Menschen sind ja nicht automatisch wieder gute normale Menschen. Nur weil jetzt Frieden ist. Und niemand sie anklagt. Wer soll sie auch anklagen? Sie sitzen doch selbst überall. Überall saßen sie, die Nazis. Die  Verbrecher ersten Grades. Und zweiten Grades. Überall. In Polizei, Gerichten, als Politiker, die den Kurs bestimmen. Gesetze machen. Meine Welt damals war voll von diesen Nazis. Die alles bestimmten.
Es war zum  Ersticken damals. Zum an seiner Verzweiflung ersticken, damals.
Die Welt ist nicht automatisch gut, wenn der Krieg beendet wird. Das Schwierige beginnt jetzt erst.
Wie kann man verhindern, das so etwas noch einmal geschieht?!

Das Grundgesetzt ist der einzige Lichtblick in dieser dumpfen Zeit.
Aber was für ein Lichtblick! Ein Leuchtturm für menschliche Werte.
In Stein gehauen von vielen, die Unvorstellbares überlebt hatten.
Ein Leuchtturm in all der entsetzlichen Schuld. Die nie getilgt werden kann.
Ein Leuchtturm in all den Nächten. Im Dunkel, in dem man nichts mehr sieht.
Selbst da noch bleibt dieses Licht bestehen. Und bietet stille Orientierung an.
Für die, die suchen.
Da achtet drauf, ihr meine Nachkommen, bitte!!
Dass dieser einzige Lichtblick in dieser Zeit, dieser unser Leuchtturm, nicht beschädigt wird!!!
Bitte!!
Er ist das Beste, was wir haben!
Geschrieben in diesem einen Geist: nie wieder!!!
Es darf nie wieder geschehen!!
Wir dürfen es nie wieder zulassen.
Wir dürfen es nie wieder tun.

Lasst nicht zu, dass da was weggenommen wird. Hier was. Da was. Sind ja nur Kleinigkeiten... gibt es Kleinigkeiten?! Im Grundgesetz?
Hier was weg, da was weg - und im hast-du-nicht-gesehen ist es weg. Alles weg.
Das geht so schnell!
Du weißt es selbst: Abreißen geht irre schnell. Da braucht es keine Helden. Das kann der Dümmste.
Aufbauen, das braucht Zeit. Und viel viel Kraft.
Lasst es niemals zu! Dass da was weggenommen wird.
Es ist das Beste, was wir haben.
Das Wertvollste, was wir haben.
Und es verhindert, dass wieder Not und Elend Einzug bekommen.
In unser Leben.
In unsre Welt.
In unser aller Seelen.
Bitte!
Lasst es nicht zu!

nachtwind

Nie wieder Folter!! Wir wussten doch, wozu Menschen fähig sind. Wir schauten doch in ihre Augen. Man erkannte nichts. Und doch waren sie unter uns.
Die widerwärtigsten Verbrecher. Gegen die Menschlichkeit.
9 von 10 waren es damals. Als ich begann zu denken.

Es steckt in uns allen. Wir wussten es doch! Und wir mussten damit leben!
Nie wieder Folter!!
Und:  niemals dran rütteln!

Und auf der andren Seite dieser Polizeichef. Der den kleinen Bub retten will. Und vor ihm sitzt so ein Jungspund, Jurastudent. Der alle juristischen Tricks kennt. Und sie alle nutzt. Alle!
Und auch noch stolz darauf ist!
Wie man später noch sehen wird.
Er, der Chef, sah es ja da schon. Ich bin mir sicher, er wird gelächelt haben, dieser Magnus, an manchen Stellen, an denen er sich sicher fühlte. Dieser Magnus! Gäfgen. Hat ihn angelächelt mit dieser einen Botschaft: du kannst mir nix! Ich bin mir sicher!

Der Polizeichef hat nur ein Ziel: den Buben zu retten. Wenn er noch lebt.
Er schlägt nicht zu. So weit hat er sich noch unter Kontrolle. Aber er packt all seine Wut, seine Verachtung, seine Entschlossenheit, vermutlich mit zusammengebissenen Zähnen, in die Androhung von Folter.
Ich war nicht dabei, aber ich hätte in diesem Fall nichts ausgelassen, wie ich ihn foltern würde! Ich hätte es ihm ganz klar beschrieben. Bis ins Detail.! Um wenigsten ein bisschen was von meiner Abscheu ausdrücken zu können.
Vielleicht war er zivilisierter. Der Polizeichef.
Ich hab ihm hoch angerechnet damals. Und heute. Dass er nicht zugeschlagen hat. Nicht gefoltert hat. Nur angedroht.

Das war der Zwiespalt, in dem wir allem steckten. Denen das nahe ging . Damals.   Und heute.

Er ist übrigens entlassen worden, der Polizeichef von Frankfurt. Und hat gesagt, er versteht das. Und akzeptiert das. Aber er würde es immer wieder so tun.
Das war eine klare Haltung. Fand ich damals. Ich habe ihn bewundert. Damals. Und heute noch. Dafür.

Bis heute denke ich: da gibt es kein richtig oder falsch. Da gibt es nur eine Entscheidung. Die jeder treffen muss. Der sich mit dieser Frage beschäftigt.
Das Leben eines schmalen Buben hing doch davon ab.
Man wusste doch nicht, dass er schon tot war.
Es galt ihn doch zu finden. Zu retten.
Und auf der andren Seite diese Klarheit: nie wieder, nie wieder! darf ein Deutscher einen andren foltern.
Wir haben bewiesen, dass das jeder kann!!!
Man muss kein Monster sein. Es reicht ein Mensch zu sein.
Um so etwas zu tun
Nie wieder!! Unter keinen Umständen!!

Ja.
 Das Leben ist keine Rechenaufgabe. Mit einem Ergebnis, das entweder richtig ist. Oder falsch.
Es gibt Momente, da hält unsre Welt den Atem an. Und wir wissen nur: wir können nicht mehr weiter. Egal wozu wir uns entscheiden - es ist immer falsch.
Die Definition von Tragödie: egal was du machst: es ist falsch.

Was mich aber genauso erschüttert hat, ist dieser Magnus. Gäfgen.
Der hat ernsthaft, ernsthaft! Klage eingereicht. Er sei durch die Androhung von Fokter geschädigt worden. Und wollte Schmerzensgeld.
Das muss man sich mal vorstellen!!!!! Da ist ein junger Mann, der tötet mal eben einen kleinen Bub,  nicht aus Not, nur um an leicht verdientes Geld zu kommen, um ein teures Auto zu kaufen und in den Urlaub zu fahren. Er tötet ihn sofort. Weil es ihm zuviel Mühe ist, den Kleinen zu verstecken und ihn dann freizulassen. Es wenigstens zu versuchen. Nö, das ist ihm ja jetzt nicht zumutbar. Da lässt er sich mal gar nicht darauf ein.
Dann wird er gefasst. In mit seiner Tat konfrontiert. Und was macht er? Er jammert, sie hätten ihm gedroht mit Folter. Und jetzt kann er nicht mehr schlafen. Ach der so Arme. Und jetzt muss er doch dafür entschädigt werden. Das ist doch das mindeste!

Wie geht so was zusammen?! Wie kann ein Mensch so sein?
Er hat viele solcher Sachen gemacht. Probiert.
Es hörte einfach nie auf.
Er ist bis zum Bundesgerichtshof gegangen. Gescheitert. Hat Verfassungsbeschwerde eingereicht.
Sogar bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist er gezogen.
Immer mit  dem einen Thema: ER SEI EIN FOLTEROPFER!
Und ihm stehe jetzt Entschädigung zu.

Wie kann so was möglich sein???

Er selbst entführt einen Bub, nicht aus Not. Aus Geldgier. Ist zu faul, sich um ihn zu kümmern in der Zeit und dann freizulassen - hat er gar nicht vor. Bringt ihn lieber gleich um. Wofür die Mühe? Wenn es auch einfach geht.
Einfach heißt einfach mal eben töten.

Und was geschieht ihm? Böse Worte bekommt er. Böse Worte...
Das ist natürlich jetzt schlimm! Ganz  ganz schlimm.
Und er zieht vor alle Gerichte, die es so gibt, sogar vor den EUROPÄISCHEN GERICHTSHOF FÜR MENSCHENRECHTE.
Ihm sei Fürchterliches geschehen, er sei ein Folteropfer- und er fordere Gerechtigkeit und Entschädigung. Für dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das an ihm begangen worden war.

Ich kann es bis heute noch nicht fassen.
Was ist das für ein Mensch??
Ich bringe einen Buben um - bekomme böse Worte, noch nicht mal dafür, sondern um den Buben zu retten - und was mach ich damit? Ich sehe meine Menschenrechte verletzt???
Ich krieg's einfach nicht in meinen Kopf.

Das ist ein Mensch, der ganz außen, am äußerten Rand der Macht sein Lager aufgeschlagen hat. Und bis heute nicht verlassen hat.
Außer ihm ist da kein Leben mehr.
Die Menschen existieren nur als Figuren in seinem Leben. Mit denen er machen kann, was er will. Wenn er will.
Lebendig ist in dem Drama nur einer: er.

Das ist das Leben, wenn man seinen Standpunkt ganz außen in der Macht wählt.
Da, wo keine Strahlen der Liebe mehr hineinreichen.
Da wo gar keine Liebe mehr ist.
Das stimmt nicht ganz.
Ganz ohne Liebe stirbt der Mensch.
Ein ordentliches Stück Liebe ist da schon auch drinnen. Schön und praktisch zugleich verpackt. Dass auch ja niemand Zugriff drauf hat.
Diese Liebe gehört nur mir! sagt so ein Mensch. Der ganz am süßesten berauschendsten Rand der Macht sein Wohnmobil geparkt hat. Und meint das auch so.
Ist durch und durch fein damit.

Wir alle haben Zugang zu diesem Stellplatz. Wir alle können diesen Standpunkt einnehmen. Und dort leben.
Der Mensch ist vor allem eins: anpassungsfähig.
Und dafür gemacht, die komplette Bandbreite vom äußersten Rand der Macht bis zum äußersten Rand der Liebe einzunehmen.
Und auf jeder Stelle dieser enormen Fläche sein Leben zu begründen. Dort leben.
Auch ganz im Extrem.

Wir haben die freie Wahl. Zumindest die Wahl.
Manchmal müssen wir uns dieses ,frei' erst erkämpfen.
Wir wissen, wir haben die Wahl. Und spüren die Notwendigkeit, es zu einer freien Wahl zu machen.
Und dann kämpfen wir.
Um das frei in dieser Wahl.
Niemand hat uns versprochen, das Leben ist einfach.
Also kämpfen wir eben.
Und  unser Kämpfding.
In diesen Kämpfzeiten.
So gut wie wir es eben können.
Und noch ein kleines bisschen mehr!

Und können so auch jederzeit korrigieren. Nichts ist in Stein gemeißelt.
Aber Gewohnheit ist schon mühsam zu überwinden. Da braucht es viel Entschlossenheit. Beharrliche Entschlossenheit.
Die sich nicht durch auch mal fehlende kleine Erfolge irritieren lässt. Resignieren lässt.
Den Mut des Sportlers braucht es  da.
Einmal ein Ziel gesetzt - da bleib ich jetzt auch dran!


Als ich anfing zu denken, inmitten all der Nazis und Mitläufer, die nur eins wollten: nichts damit zu tun zu haben! Mit dem Unsagbaren, dass Menschen Menschen antun können. Sie hatten es gekonnt!
Jetzt wollten sie vor allem eins: nichts mehr damit zu tun haben.
Es muss doch auch mal gut sein!
Da dachte ich: es steckt in jedem von uns. In mir. In allen.

Heute seh ich das ein bisschen anders.
Es steckt nicht in uns. Wie eine schlummernde tödliche Gefahr. Die wir sein können. Wenn das, was in uns steckt, geweckt wird.
Das pure Entsetzen hatte mich gepackt. Und geschüttelt. Wann immer ich dran denken musste. Und das war nicht so selten.
Was da in mir steckt. In allen. Auch in mir.

Heute seh ich das nicht mehr in mir. Dass es in mir schlummert. Und ich hölle aufpassen muss, dass es nicht geweckt wird.
Ich seh es örtlich außerhalb von uns Menschen.
Zwischen Liebe und Macht.
Den beiden großen Gegenpolen, die unser aller Leben den Raum geben. Zu leben.
Die unser Leben bestimmen. Prägen.
Und mit denen wir unser Leben prägen.

Es ist fast dasselbe. Aber es ist doch anders.
Für mich.
Natürlich ist uns allen Menschen gleich gegeben, dass wir uns anpassen können.
An alle Gegebenheiten zwischen Liebe und Macht.
Alle Menschen können überall dort leben. Auch am äußersten Rand.
Aber nicht alle Menschen tun das auch.

Wir suchen unseren Platz. Der für uns stimmt. Mit unseren Begabungen. Und unsren Schwächen. Mit unsren Verletzungen. Und unsren Geschenken.
Wir korrigieren ständig. Und manchmal schon auch mal grösser gedacht.
Wir könnten am äußersten Rand auch leben. Ja!
Aber wir tun das nicht.

Warum?
Der Mensch ist ein komplexes Wesen.
Wir sind viel mehr als unsre Begabungen und Schwächen. Wie sind viel mehr als unsre Verletzungen und unsre Geschenke.
Wir sind ein komplexes Wesen.
Und wir haben uns dazu entschieden, nicht dort, ganz am Rand zu leben.
Sondern irgendwo zwischen den zwei Polen.

Ich weiß, wie ein Amokläufer fühlen kann. Wo er zuhause ist.
Aber ich habe mich entschieden, dort nicht zu leben.
Wieso? Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass ich diese Entscheidung getroffen hab.
Ich könnte es sein.
Aber ich bin es nicht.
Wir könnten es sein.
Aber wir sind es nicht.

Tief in uns drinnen ist eine Instanz, die lässt uns erkennen: das bin ich nicht. Dieser Platz ist nicht meiner.
Und so hab ich mich auf die Suche gemacht, meinen Platz zu finden.
Dort. Zwischen Liebe und Macht.
Wie wir alle uns auf die Suche gemacht haben.
Unseren Platz zu finden.
Irgendwo zwischen Liebe und Macht.
Den beiden Großen.
Den Polen.
Zwischen denen das Leben das Spannungsfeld aufbaut.
Das alles durchströmt.
Was dort ist.

Auch uns.