Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

nachtwind

Die äußerste Ecke der Liebe...
Ja, auch so ein Thema.

Auch da ist Leben schwer möglich. Ohne einen einzigen Stahl der Macht, der da reinblitzen kann.

Wenn Macht auch als ,ich!' gelesen werden kann, zum besseren  Verständnis, dann heißt die Liebe ,wir'.

Wenn ich jetzt die Liebe als Hingabe an das ,wir' verstehe - und bis in's Extreme verfolge, dann bleibt am Ende kein ,Ich' mehr übrig.
Nur Matschepampe. Pfütze.
Wenn ich glaube, Liebe ist Hingabe, ja, auch - aber niemals ohne dass da dann die eigene Macht, Kraft, dazukommt. Zu dem Verschmelzen. Dazu.
Ohne Macht ist das keine Liebe mehr. Sondern eben Pfütze.
Machtlos. Kraftlos. Ohne lebendige Stärke.
Ganz ohne Macht ist Liebe eine Pfütze. Sinnlos auch. Denn von dem Punkt aus geht keine Wirkung  mehr aus.
Da wird Liebe zur Unterwürfigkeit und hat keine Strahlkraft mehr. Die die Liebe immer! hat.

 Fritz Riemann (immer noch das einzige psychologische Buch, das ich besitze... wenn ich dran denk, dass ich es nur gekauft hab, weil es nur 5 Euro gekostet ha - oder 5 Mark? -, dann denk ich schon, dass selbst Geiz zu etwas Gutem führen kann) ;).... sagt: die größte Angst der depressiven Menschen die Angst vor der Selbst-Werdung.u
 Wenn das stimmt, erklärt das, warum Depressive so gute Zuhörer sein können. Ni hat immer sind. Aber schon immer wieder sein können.
Wenn ich so große Angst davor habe, selber mein Leben zu leben, dann wundert es nicht, dass ich lieber andren zuhöre, was sie in ihrem Leben so treiben.
Kann mich ja prima dann vor mir selbst verstecken. Vor meinem eignen Leben leben.

Also besser ein klares Taschenlampenlicht mit sich führen. Wenn man in einer depressiven Phase andren so viel Platz einräumt. Um rechtzeitig zu erkennen, dass Gefahr droht. Dass man sich bald vielleicht schon selbst nicht mehr spüren kann.
Ohne jede persönliche Kraft.
Das Rezept ist ja einfach. Es neigt sich dem Extrem zu? Rechtzeitig erkannt?
Führe eine gute Portion Macht dazu. Schon kommt das wieder in's Gleichgewicht.
Wie das geht?
Jeder muss da selber den leichtesten Weg dazu finden.
Nach meinem Dafürhalten ist es Wurscht, was du tust - Hauptsache du tust.
Betonung auf du = ich. Nebenbetonung auf tu.
wenn du sagst, ich kann nicht, da ist keine Kraft mehr in mir - dann werde kreativ. Kitzel deinen Reststolz. Willst du wirklich zulassen, dass du Pfütze wirst?
Formlos. Ohne jeden Knochen in dir, ohne Hände, ohne Beine ... hey!
Ich bin einfach gestrickt. Mir hilft so was.
Die Reaktion kann zeitlupenartig Wochen und Monate dauern. Das schon.
Aber die gute Nachricht ist: sie kommt!
Zumindest bis jetzt.

Wenn man das Prinzip erstmal zumindest als Arbeitshypothese in sich verankert hat, dann ist guter Rat nicht mehr so teuer.
Sicher, es ist mühsam, aus dem gefühlten Nichts doch noch einen Zipfel Macht in uns zu entdecken.
Deshalb ist ja rechtzeitig so ein Zauberzustand! In all solchen Disbalancen. Rechtzeitig heißt, ich hätte da noch einen Zipfel in petto. Nicht mehr rechtzeitig heißt nicht, es geht nicht mehr. Aber es ist wirklich mühsam.
Da muss man schon tapfer sein. Tapfer im Nicht- Aufgeben.

Aber man weiß. Dass es hilft. Auch wenn man nicht mehr recht dran glauben kann. Wenn man eine Zipfel findet. In sich. Einen Zipfel Macht.
Deshalb steh ich ja auch so auf Selbstwirksamkeit!! Das ist genau das - dieser Zipfel. Der Leben wieder möglich macht.
Der Zipfel Macht.

Liebe und Macht.... grundsätzlich nichts Neues.
Aber mir hilft das enorm.
Denn es ist nichts mehr richtig - und falsch. Gut - oder schlecht.
Beide sind herrlich - und beide nur dann, wenn es auch wirklich beide gibt!
Allein für sich sind beide
nix.
Also nix Erstrebenswertes.
Nur im Zusammenspiel gewinnt man die Vorzüge beider.
Und das Leben kann gelingen.
Es kommt immer auf die Balance an.

Das spielt sich im ganz alltäglichen ab: Liebe: mitfühlend, verletzlich auch...
Macht: cool, souverän...
wir entscheiden pausenlos, was von beiden jetzt angebracht ist.
Immer wieder neu.
Falls wir was verändern wollen in uns, können wir uns auch bewusst entscheiden, jetzt mal anders zu reagieren.
Wenn wir es satt sind, immer einen auf cool zu machen, dann liegt es an uns, uns für die andre Seite mal zu entscheiden. Wir können uns öffnen. Uns  auch mal verletzlich
zeigen. Selbst erleben. Aufregend? Ja! Aber geht.
Wenn wir es satt sind, immer der zu sein, der sich hintenanstellt und die andren auf sich rumtrampeln lässt, dann können wir sehr wohl mal üben, wie es ist, auch mal ,,Nein!" zu sagen. Aufregend? Ja! Aber geht!

Wenn wir es rechtzeitig merken, dass die Balance aus dem Ruder gerät, können wir da durchaus gegensteuern.
Wenn wir es verpassen, dann wird es mühsam. Da brauchen wir vielleicht auch Hilfe von außen. Eine gute Freundin. Ein richtig gutes Buch. Einen personal Trainer. Einen Therapeuten...
Rechtzeitig ist besser!!

Wir brauchen beide Pole. Im Leben.
Damit unser Leben gelingt.
Verlieren wir eine der beiden aus unserem Leben, dann kippt es ab.
Dann rutscht es weg.
Und wir finden uns hilflos wieder.
Machtlos. Ohnmächtig. Ohne Liebe. Ohne jedes Gefühl.

So weit die Theorie. In Kurzform.
Wenn ich abgerutscht bin, ist es alles soo mühsam.
Und hilft erstmal auch nicht mehr.
Aber dann eben doch. Mir zumindest.
Weil ich es besser einordnen kann.
Was wirklich los ist.
Dass nicht in mir drinnen alles falsch ist.
Sondern dass ich mich zu lange
auf einer Seite aufgehalten hab. Die andre vernachlässigt hab.
Ich brauch doch beide Beine.
Wenn ich vorwärts kommen will.
Spätestens wenn ich einseitig gelähmt bin, begreife ich, dass ich beide Beine brauch.
Zum gehen.
Und so brauch ich von beiden Großen Energieflüssen etwas in meinem Leben.
Wenn ich mich bewegen will.

Wenn ich immer nur vor allem ein Bein benutze, um vorwärts zu kommen, dann wird alles immer mühsamer und schwerfälliger. Je länger ich so geh.
Und irgendwann hab ich ein starkes Bein. Und ein verkümmertes.
Und wenn man älter wird, im starken Bein dann voll die Arthrose. ;)
Oder Knie. Oder beides. ;)
Dann fällt wirklich jeder Schritt schwer. Weil alles weh tut.
Das verkümmerte Bein.
Und das überangestrengte Bein.






nachtwind

Ich könnte ein ganzes Buch schreiben. Also zumindest was die Menge der Seiten angeht. ;)
Über die Macht  und die Liebe.
Und wir mittendrin.
Aber ich will mich ein bisschen sputen jetzt.
Ewig ist nichts. Außer die Ewigkeit. ;)

Also schau ich wieder nach mir.
Wie ich da so lieg. Wieder Zuhause. Nach einer langen Krankenhauswoche.
Und am ersten Morgen
allen Ernstes
meine Mitbewohnerinnen in unserem Zimmer vermisse.
Ihre Anwesenheit. In meinem Leben.
So krass!! So krass erstaunlich! Ungewöhnlich.
Nie vorher erlebt? Ich bin mir nicht sicher.
Ich erinnere nicht.
Aber das kann auch daran liegen, dass ich nicht aufmerksam war.  Dann.
Es nicht verstanden hab.  Was sich da auftut.
Vielleicht  nur als unangenehmes Gefühl wahrgenommen hab. Schnell weggedrückt. Ließ sich ja auch schnell wegdrücken. Ist ja nix Großes. Fertig.
Nicht erinnerungswürdig.
So könnte es auch gewesen sein.
Ich glaub es jetzt nicht. Aber das heißt nicht wirklich was.
Wär schon möglich auch.
Das Leben kurz mal geteilt mit anderen...
Also ganz vorübergehend. Ohne eigentliche Beziehung zwischen uns.
So kurz, dass ich dann bemerke:  wenn ich jetzt was vermisse, dann nicht jemanden speziellen. Sondern ich vermisse die Anwesenheit von freundlich gesinnten Menschen . In meinem Leben.
Ohne meine beiden so unterschiedlich lieben Frauen aus Zimmer 136 jetzt enttäuschen zu wollen. Natürlich vermiss ich sie auch persönlich.  Was wir miteinander erlebt haben, war doch sehr persönlich. Und sehr speziell gerade sie!

Aber nach nur einer Woche überwiegt doch eher diese andre Bedeutung.
Und die ist es, die die Glocken klingen liess. In mir.
Ich hab sie fast außerhalb von mir gehört!
So weltbewegend war das. In meinem klitzekleinen Leben doch weltenbewegend.
Wie sagte mal ein guter Freund unsrer Familie zu mir: ,,menschliche Kontakte können
auch schön sein."  Und er meinte es gut.

Ich habe ihm zugehört, und die Freundlichkeit darin gespürt. Seine Freundlichkeit.
Und ich wusste, er hat ja Recht damit.
Es war so, als wenn jemand dir erzählt, dass Thailand ein schönes Land ist.
Du hörst zu. Und freust dich dran. Und kannst es dir auch vorstellen.
Aber dahin selber kommen, das weißt du, wirst du nicht.
Du kannst nicht fliegen. Zu teuer.  Machst ja eh keinen Urlaub.
Das ist alles gar nicht schlimm.
Du hörst ihm gerne zu.
Und freust dich mit ihm.
Dass er da war.
Und dass Thailand so schön ist.
Auch wenn es mit dir jetzt nichts zu tun hat.
Das widerspricht sich ja nicht.

Die nächsten Tage bestanden wie die Tage im Krankenhaus aus:
jeden Tag ein bisschen mehr! Schaffen.
Viel liegen. Beine hoch. Die verlorenen Lymphknoten nicht vergessen!
Da klappt es jetzt nicht mehr so wie früher. Von allein. Da musst du jetzt was tun für.
Und immer wieder: ein Stückchen mehr schaffen.

Ein bisschen länger auf sein. Jeden Tag.
Das erste Mal einkaufen. Ein Erlebnis!
Und um den Beutel aus dem Wagen in den Kofferraum zu heben, einen starken jungen Mann drum bitten. Macht er gerne! Als er merkt, dass der Beutel jetzt nicht oberschwer ist, muss ich ihm dann doch in sein verdutztes Gesicht hinein erklären, frisch aus dem Krankenhaus, Op im Bauchraum... jetzt hat er es noch gerner gemacht!
Und ich danke ihm aus vollem Herzen. Nicht nur für den kleinen Hub.
Für sein Mitgefühl auch.
Win-win.

Zuhause dann: du darfst nur 5 Kilo tragen!
Gottseidank hatte die Freundin meiner Tochter eine grandiose Idee für dieses Problem: aufteilen. Zweimal gehen.
Wär ich jetzt nie drauf gekommen, so auf die Schnelle. Vielleicht nach zwei Monaten.
Ich also mal geraten - was sind wohl 5 Kilo?
Den Beutel über die Schulter gehängt. Ist bestimmt entlastender für den Bauch? Und dann mal vorsichtig losmarschiert.
Schaff es dann auch ohne Pause machen zu müssen.
Wiege gleich mal den Beutel - gut geschätzt.
Geschafft.
Jetzt das, was ich mir nicht so recht zugetraut habe - geh ich noch mal ein zweites Mal?
Mach ich überraschend ohne Widerstände. Wie selbstverständlich.
Und schaffe auch das.

So kleine Erfolge jeden Tag.
Kein Wunder, dass ich die Genesungszeit in wirklich schöner Erinnerung habe - jeden Tag ein bisschen mehr, jeden Tag ein bisschen besser, jeden Tag ein Stückchen mehr Selbstständigkeit wieder...
es war eine fruchtbare Zeit! Für mich.
Die einzigen zwei vorübergehenden Rückschläge waren beides auf die Medikation des Krankenhauses zurückzuführen. Wenn man mich einfach  lässt, dann wird es Tag für Tag einfach immer nur
ein bisschen besser. Das Leben. Mein Leben.
Das ist eine wirklich durch und durch stärkende Botschaft!
Ich bin sehr sehr dankbar. Dafür.
Das Leben meint es wirklich gut mit mir!

Mir tut das immer so gut. Wenn ich das wahrnehme.
Es ist einfach so schön, wenn es jemand gut meint mit einem.
hey :)

nachtwind

, ich liege auch viel. Es ist schon überraschend, wie schwach einen so eine Operation machen kann.
Überraschend wahrscheinlich, weil ich mich ja nicht an sie erinnere. Ich merke nur: ich bin ziemlich mitgenommen.  Warum das jetzt, das merk ich ja nicht. Es geschah mir. Aber ich war ja nicht dabei.
Ich merke nur die Spuren.

Und ich denke  vermehrt an meine Mutter.
Ob es daran liegt, dass ich an meine Gebärmutter denke? Immer wieder?
Im Krankenhaus war so viel los für mich... jetzt kann ich einiges nachholen.

Ja, meine Mutter... hartes Brot, über sie nachzudenken.
Wer war sie? Und: wer war sie wirklich?
Wovon hat sie geträumt? Aber vor allem: was war ihr einer, ihr ganz eigner Traum? Der wichtige? Der entscheidende?

Sicher hat sie davon geträumt, dass Nazideutschland das hält, was es versprochen hat. Ganz sicher! Die Augen leuchteten, wann immer das Thema wurde.
Und ganz sicher musste sie das auch - musste weiter dran glauben, dass das das einzig richtige war. Und ist.
Wie sonst konnte sie vor sich selbst verbergen. Was sie getan hatte.
An ihrem eignen Bruder.
Dann doch lieber mit Stolz davon berichten, wie sie den Hausarzt ,,überreden" musste. Dass er ihn einweist. Nach Meseritz. In die Heil-und Pflegeanstalt für psychisch Kranke. In der mehr als 10 000 Menschen ermordet wurden.  Ganz unter anderem auch ihn. Mit 15 Jahren.

Meine Mutter war nicht politisch interessiert. Sie war gläubig. Innig gläubig.
Mit Haut und Haaren gläubig.
Zur falschen Zeit. Am falschen Ort.
So einfach kann das manchmal sein.
Dass man sich in's Elend katapultiert.
Im besten Wissen und Gewissen
das Grausame wählt. Ohne es zu bemerken.
Was an innig gläubig kann denn falsch sein?

Eine erste große Entlastung in dem Grauen, das in mir sein Reich gefunden hatte, seit sie mir das das erste Mal erzählt hatte, mit leuchteten Augen..... ich war elf. Ich wusste nichts von Nazideutschland. Wir lebten in Namibia. Ehemals Deutsch-Südwest Afrika. Inmitten allumfassender Apartheit, die man nie in Frage stellen durfte. Und nie die Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit erwähnen durfte. Nie!! Noch nicht mal, dass es Nazis gab.
Ich war elf. Und wir waren im Elternschlafzimmer. Ich seh es noch vor mir. Als gäbe es ein Foto davon. Als sie es mir erzählte.
Da ging in mir ein Fenster auf, unschliessbar ... und hereinströmte das Grauen. Unaufhaltsam. Und lebt seitdem in mir.
Wie eingeboren.
Vielleicht ist es mir ja eingeboren. Zumindest dieses eine Fenster. Durch das ich immer das Grauen sah.
Und nicht wusste, es ist meines.

Die erste große Entlastung kam mir, als ich beschloss, mal die  Bibel zu lesen. Du suchst bei den Indianern, bei den Buddhisten, bei den Sufis ... schau halt auch mal in deine eigne Kultur. Auf der Suche. Nach Antworten.
Wie denn das Leben gedacht ist.
Wie es gehen kann.
Wie leben geht.

Und ich auf Abraham stieß. Der seinen eignen Sohn töten wollte. Weil Gott das so wollte. Er mit seinem Sohn auf den Opferberg stieg. Der Sohn trug das Holz - er das Feuer. Und das Messer.  Oben auf dem Berg seinen Sohn fesselte, auf den Altar legte. Und schon das Messer in der Hand hatte, seinen Sohn zu schlachten - als der Engel ihn rief. Und verhinderte, dass er seinen Sohn schlachten konnte.
Genesis 22, 1-19
Und dieser Abraham nun von Gott verherrlicht wurde. Und mit großem Segen bedacht wurde. Er - und alle seine Nachkommen.
Deswegen.
Weil er seinen Sohn töten wollte. Weil Gott es gefordert hatte.

Er wird verehrt, dieser Abraham. Nicht nur von den Christen. Auch die Juden und Muslime berufen sich auf Abraham. Als ihren Vater. Von dem sie abstammen.
Und beanspruchen den Segen Gottes auch auf sich.

Ob es deshalb so viel Kriege gibt?
Weil alle stolz sind, von dem abzustammen, der seinen eignen Sohn schlachten wollte?! Weil sein Gott das von ihm wollte?!
Weil auch sie den Segen Gottes wollen. Dass er auf ihnen ruht?

Wie anders wäre unsre Geschichte gelaufen, wenn Abraham selbst innegehalten hätte. Und gesagt: Du mein Gott, ich wollte dir gehorchen. Du siehst: ich bin hier, mit meinem Sohn auf dem Opferberg. Ich habe es versucht. Ich kann es nicht tun. Er ist mein Sohn. 
Und er dann dafür geehrt worden wäre. Und mit großem Segen bedacht worden wäre. Er - und alle seine Nachkommen.
Alle drei Religionen, Christentum, Judentum und Islam verehren ihn als ihren Vater.
Wäre unsre Welt dann eine ruhigere?
Ich glaub es schon.

Damit wir zusammenleben können, brauchen wir gemeinsame Werte.
Sonst sind wir alle der Willkür der Stärksten ausgeliefert.
Wir brauchen gemeinsame Werte.
Sonst wird das nix. Mit uns.

Wenn unser Vater, auf den wir alle uns berufen, ein Vater ist, der seinen geliebten Sohn schlachten will, weil Gott es so will, dann prägt uns das alle: Juden. Christen. Muslime. Wir alle spüren in uns: du musst fähig sein, alles und jedes zu schlachten. Wenn es Gott so will.
Und wenn unser aller Vater, dessen Segen auch auf uns ruht, ein Vater ist, der seinen Sohn nicht opfern kann. Auch wenn Gott es so will, dann prägt uns das alle: Juden. Christen. Muslime. Wir alle spüren in uns: du musst nicht blind alles töten.  Nur weil Gott es so will. Du musst auch selbst entscheiden: ist das jetzt richtig? Oder falsch?
Unsere Welt wäre eine andre.
Ich bin mir da ziemlich sicher.

Das Grauen blieb. Klar. Aber Entlastung war es trotzdem. Vielleicht ist meine Mutter doch keine Hexe gewesen?
Wenn es doch andre auch tun? Menschen, die gerade deswegen so geachtet wurden?
Das Grauen verschob sich auf alle Menschen.
Und dass meine Mutter vielleicht doch keine Hexe war, war schon sehr erleichternd.
Sicher, ich war schon lange erwachsen, als ich die Bibel las. Und  Abrahams Geschichte las. Und verstand.
Aber der Kinderglaube und die Kinderfurcht  lebt ja weiter in einem. Egal wie alt man ist.
Das Gute ist: dadurch lässt sie sich auch im Nachhinein ein bisschen besänftigen.
Immerhin.




nachtwind

Es kommt immer viel zusammen. In so einem Menschenleben. Und einiges bringt man ja auch schon mit.
Man kommt ja nicht als weißes Wölkchen auf die Erde... unbeschrieben, ein weißes Blatt Papier.
Und ist dann das völlige ,,Opfer", das willenlose Produkt von dem, was da auf einen einwirkt. In der Umwelt, in die man so plumpst.
Und  doch sucht man genau dort den Grund, warum man so ist, wie man ist.
Wenn es einem nicht so gefällt. Wie man ist.

Und natürlich suche auch ich dort. Wenn ich versuche zu verstehen, wer meine Mutter war.
Sicher, sie war zweifellos eine Sadistin. Das weiß ich, seitdem mir eine gute Freundin die Augen geöffnet hatte. Da war ich um die 50.
Von allein wär ich vielleicht nie drauf gekommen.
Dabei lag es auf der Hand. Musste man kein Menschenversteher sein, um dass zu erkennen. Es gibt einfach Anstöße, in eine neue Richtung zu sehen, dafür braucht man andre Menschen.
Ich glaub, allein ist man doch ziemlich aufgeschmissen. In manchen Dingen. :)

Aber beantwortet mir das meine Frage? Wer meine Mutter wohl war?
Ist sie zum Beispiel als Sadistin auf die Welt gekommen?
Mööp mööp - hier bin ich! Am wohlsten fühl ich mich, wenn ich andren weh tun kann?! 
Das entspannt mich so schön...

Ich weiß zu wenig von solchen Dingen. Wie die Genetik und die Umwelteinflüsse einen Menschen so formen. Dass er zu dem wird, der er ist.
Der Mensch ist ein komplexes Wesen.
Viel viel viel zu komplex für mich!
Zumal ich davon ausgehe, dass zwei zu wenig ist. An möglichen Einflüssen, die in uns zusammenfließen, damit das entsteht, was uns ausmacht.

Ich bin sehr überzeugt davon, dass es ein drittes gibt - etwas, was wir höchstpersönlich mitbringen. In diese Gemengelage.
In unseren Teich. Der gespeist wird aus dem Zufluss unserer ganz einzigartigen Genvariante Mensch - und aus der Umwelt, die uns die Welt bedeutet.
In unsren Privatteich. Aus dem wir dann schlüpfen. In unser Leben hinein.
Ich glaube an etwas, was man Seele nennen könnte. Etwas, das weder genetisch entsteht noch in unsrer Umwelt auf uns wartet - Seele nenn ich das mal.
Ist wie der Name Gott: einfach ein Name. Für etwas, dass man nicht definieren kann.
Was man nicht beschreiben kann. Ein Name für: weiß-ich-jetzt-auch-nicht, aber muss-jetzt-mal-angesprochen-werden.

Ob jetzt die Seele etwas ist, das  vor unsrer Geburt auch schon durchgängig existiert., das weiss ich nicht. Ob es eine meine Seele gibt.
Ob nun am Leben oder vorübergehend eben auch mal nicht - immer meine, das weiß ich nicht.
Oder ob man diese seine Seele nach dem Tod in ein Seelenmeer hineinfließen lässt. Und sich alle Einzelteile der Seele wieder auflösen in diesem Meer.
Bereit, irgendwann wieder in einer neuen Zusammensetzung eine neue alte Seele zu werden. In irgendjemanden.

Immer vorausgesetzt, ich komme noch mal wieder -  auch das ist nicht abwegig -
dann könnte ich also jemandem begegnen, der Teile meiner Seele aus dem Leben davor jetzt bekommen hat.
Mir merkwürdig vertraut?
Schon möglich sowas alles.
Man weiß es eben nicht.

Etwas, was mir gut gefallen hat an der Vorstellung, wir haben viele Leben, bringen eine eigne Seele mit mit schon einer Menge Erfahrung und versuchen jetzt mal wieder neu unser Glück, ist der Gedanke an das Karma. So weit ich das verstehe.
Dass ich also auch ne Menge wieder gut zu machen hab. Aus andren Leben. In denen ich jede Menge Mist verursacht habe.
Wenn mir dann etwas ungerecht vorkommt, kann ich das auch als Karma sehen :
ist schon in Ordnung! Hab ich halt jetzt etwas wieder gut gemacht. Ausgeglichen. Was ich irgendwann einmal verbockt habe.
Hilft sehr! Kann man Demut nennen.
Fühlt sich einfach besser an. Als nur: blödes Opfer!
Ich steh halt wirklich sehr auf Selbstwirksamkeit.
;)

Ich glaube an etwas, was man Seele nennen könnte. Etwas, das man mitbringt.
Oder, wenn man noch gar nicht da ist, noch gar nicht existiert um etwas mitzubringen, etwas, das aus einem dritten Zufluss in unsren Privatteich einfließt. Das eben aus diesem Seelenmeer stammt.
Auf den Kopf gestellte Welt: aus dem Meer fließt etwas in den Teich.?! Geht nicht. Oder?
Also - wenn, dann gibt es noch einen andren dritten Zufluss: es regnet ordentlich in unsren Privatteich.
Aufgestiegen aus dem Seelenmeer regnet es sich ab. In unsren Geburtsteich.
Zufällig? Oder nach einem genauen Muster...
Macht das jetzt einen Unterschied?
 Vielleicht.
Ich glaube erstmal nicht.

Aus diesen drei Zu- und  Einflüssen stell ich mir unser Leben als Menschen so vor.
Wie ich das Leben so kennengelernt habe, gibt es einen vierten Zu- und Einfluss.
Der auch sehr entscheidend ist.
Aber den ahne ich nur. Da kann ich nicht viel Genaues zu sagen. *

Warum ich mir selbst gegenüber das alles noch mal aufzählen will, Ordnung reinbringen will: es ist so schwierig, das Leben eines Menschen zu erfassen. Beschreiben auch. Vor allem: zu verstehen.
Ich versteh ja mein eignes Leben noch gar nicht. Immer wieder ein Stück mehr - aber immer wieder bin ich mir selbst gegenüber auch: eine Überraschung!
Immer noch!

Anna Seghers hat mal einen Satz geschrieben, ich habe ihn nie vergessen, seitdem ich ihn zufällig gelesen hab. Ich weiß ihn nicht mehr wörtlich, aber er ging so:
,,Man erfährt, was die Menschen so reden. Was sie zum Verstummen gebracht hat, das erfährt man nie."

Wer war jetzt meine Mutter?
Diese Frage ist so groß. Wie unbeantwortbar.
Warum ist sie mir trotzdem wichtig?
So wichtig?



*Das vierte ist so etwas wie Wille. Der ganz persönliche Wille!
Der ganz einzigartig aus diesem Teich sich entwickelt. In uns.
Der einen Gegenpol hat: die Verantwortung. Die  Verantwortung für das ,wir'.
Und aus dieser Spannung, diesem Zusammenspiel entspringt dann dieses Viertes.
Das uns mehr und mehr formt. Zu dem, was wir sind.
Das ist unsre ganz eigne Beeinflussung. Nochmal dazu.
Zu den andren Drei Ein-Flüssen.
Eine ganz entscheidende, finde ich.

So denke ich mir das zusammen.
Herauszufinden, wer meine Mutter war, da hilft es nicht wirklich. Weiter.
Zumindest auf den ersten Blick  nicht.
Ein Versuch war's wert.
Wenn auch kein erfolgreicher.

Wer also war meine Mutter??

nachtwind

Hilft halt alles nix... es herauszögern bringt keinerlei neue Erkenntnisse. Also ohne Seil und klares Ziel
mittenmang rein in die Frage. Vielleicht ergibt sich ja unterwegs eine neue Spur.
Ein kleiner Strahl Sonne in der Dunkelheit. Düsternis auch. Zum Teil.
Wer war nu meine Mutter?

Als wir uns das erstemal von Angesicht zu Angesicht begegnet sind, war sie schon kaputtgegangen.
Ich kenne sie nicht anders.
Aber war sie es schon immer? War sie es ausweglos?
So wie manche von uns blind geboren worden sind. Taubstumm. Ohne Arme.
Ausweglos.
Aber bleiben sie ausweglos?
Was verbinden wir mit blind? Nicht kucken können, klar. Aber doch auch: einschneidend eingeschränkt. Abgeschnitten vom alltäglichen Leben. Unfähig, selbst sein Leben zu gestalten. Immer auf Hilfe angewiesen. So Kram alles eben auch.
Und das überlagert das nicht Sehen können mit einer menschlichen Katastrophe.
Die schwerer wiegt. Als die körperliche Einschränkung. Es zumindest kann.

Und inspirieren uns nicht gerade solche Menschen selbst auch dann, wenn wir selbst nicht blind geboren sind? Wenn sie sich eben nicht fügen. In ihren eignen Mangel. Sondern sich durchkämpfen. Um sich entfalten zu können. Wie wir Sehendenauch.
Die sich durchkämpfen. Um zu leben. Wie wir Sehenden auch.
Die unsre Unterstützung dankbar und entschlossen zugleich annehmen, die wir ihnen in unsrer Gemeinschaft bieten können. Und die dann
was richtig Feines draus machen.
Die unsre Unterstützung brauchen - aber niemals unser Mitleid! Die uns im Gegenteil selbst inspirieren. Uns, die wir sehen können.
Weil auch wir uns durchkämpfen müssen. Und wir es sehr wohl wahrnehmen, wenn da einer ist, den wir uns zum Vorbild nehmen können.
Du jammerst, weil du dich durchkämpfen musst?
Was, wenn jeder sich durchkämpfen muss?
Jeder auf seine Weise. Jeder mit seinen eignen Schwächen und Stärken. Jeder halt.
Was, wenn es sogar gelingen kann?
Vielleicht sogar mir?
Was hält mich dann noch?
Was, wenn ich weniger jammere? Und mehr kämpfe?

Ich finde jammern wichtig.  Sehr wichtig. Es braucht jemanden, der würdigt, wie schwer dein Kampf ist. Ohne das
kommt man da gesund nicht durch.
Aber es gibt halt meistens keinen, der unsren Kampf würdigen kann. Weil wir ihn geflissentlich verbergen. Mit all unsrer Kraft. Unsren Kampf.
Um dann zu jammern, dass keiner ihn sieht. Und würdigt.
Wir Menschen handeln nicht logisch.

Das ist unser Dilemma. Unser selbstverschuldetes. Wir wollen partout als stark gelten. Das ist uns existenziell wichtig.
Und gleichzeitig weinen wir uns in den Schlaf. Dass da keiner ist, der uns sieht.
Unseren Kampf.
Und ihn würdigt.
Unser Bemühen würdigt. Unseren Kampf würdigt. Unsere Tapferkeit würdigt. Unsere Kraft würdigt.
Uns.

Es gibt diesen Film, den scheinbar alle gesehen haben. Titanic.
Nach vielen Jahren hab ich ihn auch mal angesehen. ;)
Ich war überrascht, dass er so gehypt wurde.
Ich fand ihn nicht wirklich besonders. Ein paar Szenen waren eindringlich. Aber der ganze Film?
Eine Szene allerdings hat es in meine Schatztruhe geschafft. Wenn ich weinen will. Aber nicht kann. Dann brauch ich nur diese Szene mir wieder anschauen. Und palamm! wird mir die Kehle eng. Das Herz klopft an meine Türe. Und die Augen machen schon mal Platz.
Da stehen die Musiker auf dem immer schieferen Deck - und spielen.
Das ist ihr Auftrag. Es soll gegen die Panik helfen.
??
Es ist so sinnlos. So unfassbar sinnlos.
Aber sie spielen... unaufgeregt, konzentriert....
dann wird es zu schief - und der Dirigent unterbricht sie und sagt den Satz. Diesen einen Satz.
,, Meine Herren - es war mir eine Ehre, mit Ihnen gespielt zu haben!"
Und sie machen sich auf zu sterben.
Oder zu überleben.

Da schießt es hoch in mir, bis hinter die Augen. Und darüber hinaus.
Dieser eine Satz.

Wenn mir diesen Satz jemand sagen könnte, am Ende meines Lebens - und es auch ehrlich so fühlen...
ich glaube, ich würde noch im Leben mit einem abgrundtiefen Aufseufzer diesen tiefen Kummer  ausatmen können.
Und ihn so nicht in mein Grab mitnehmen müssen.
Wo andre dann ihn nicht mehr aufnehmen müssten. In ihrLeben.
Und ihn tragen müssten. Ertragen ja auch.
Weil er aufgelöst wäre.
Erlöst wäre. Dieser eine tiefe Kummer.

Naja - vielleicht in seiner Spitze wenigstens. In seiner Tiefe. In seiner alles durchdringenden Lebendigkeit.
Zumindest stell ich es mir so vor.

Aber natürlich wird es keiner sagen. Keiner fühlen. Nicht so, dass es ankommt bei mir.
Sie haben nichts Außergewöhnliches vollbracht, diese Musiker. Aber dass sie es getan haben, in all dem Chaos der Todesangst dem Untergang etwas entgegengesetzt haben, das hat gereicht. 
Natürlich hat es hat nix geholfen!
Nichts verändert. Nothing! Nada! Nix!
Und trotzdem hat es gereicht.
Dass sie es sich geben konnten. Diesen einen Satz.
Gemeinsam.
Ohne jeden Zweifel.
Und weil sie nicht allein waren, waren sie sich gegenseitig die Zeugen.
Die es braucht, damit dieser Satz wirkt.
Wirklichkeit wird.

Weil also keiner es mir sagen wird, am. Ende meines Lebens, sag ich es mir eben selbst.
Immer mal wieder. Und glaub es mir auch manchmal. Ein bisschen.
Ich weiß, es ist nicht dasselbe.
Aber besser als nix!
hey

nachtwind

Jammern ist wichtig! Finde ich. Ohne
trau ich dem Ganzen einfach nicht.
Erstmal um Druck abzulassen. Dafür reicht es immer.

Seit ich den Zusammenhang mit dem Wertschätzen begriffen hab, versuch ich mehr und mehr dem Jammern seinen eigentlichen Sinn zu geben. Und versuch das Jammern und Wehklagen auslaufen zulassen in dieses Würdigen...
Ich denke, dafür ist es da. Am Ende jeden Klagens
könnte doch auch eine tiefe Würdigung stehen.
Wäre dann das Jammern nicht erst vollständig? Vollständig sinnvoll?
Für mich ist das so.
Vielleicht für andre nicht.

Aber weil es mir ja eben nicht immer gelingt, das Würdigen nicht zu vergessen, bemerke ich deutlich den Unterschied.
Und das spornt mich immer weiter an.
Es immer öfter nicht mehr zu vergessen.
Es kostet ja nicht viel. Eigentlich nix.
Nur ein bisschen Bewusstsein. Das die Gedanken auf die Aufmerksamkeit lenkt.
Die Aufmerksamkeit, das Würdigen der eignen Leistung nicht zu verschlampern.
Am Ende jeden Klagens.
Muss man nicht machen.
Kann man aber machen.
Kostet ja kaum was.
Und unterstützt schon spürbar.
Also - warum dann nicht?

Weil es andere sein sollen, die einem das geben sollen?
Ja gut. Aber dazu müssten ja die andren erstmal wissen, wie man so leidet.
Was man so leistet. Um überhaupt aufstehen zu können. Manchmal.
Und das will man ja nu wieder auch nicht.
Sich so verletzlich zu zeigen.

Klar, diesen Preis will man dann doch nicht zahlen. 
Und wenn einmal, dann sind andre ja nicht nur Spiegelpupoen für einen selbst. Die man bei Bedarf rumschieben kann. Und die auf Abruf bereitstehen, einen so gut wie möglich zu unterstützen. Sondern die durchaus oft auch selbst mit  ihren eignen Schwierigkeiten mit dem Leben beschäftigt sind.
Weiss man dann nichts andres zu tun als rumzubocken?!
Weil man nicht kriegt, was man will?!
Nö, dann will ich auch nicht mehr?!
Wie ein Dreijähriges sich auf den Boden schmeißen?! Und auf den Boden trommeln?! Mit Armen und mit Beinen?!
Kann man machen.
Muss man aber nicht machen.
Kann man sich auch selber geben.
Was man von andren nicht bekommt.
Sich selbst zu würdigen.
Was man so aushält. Ertragen muss.
An Schmerzen. Schwierigkeiten. Ohnmächtigkeiten.
An eignen Fehlern. Die einem unerträglich sind.
Muss man aushalten.
Geht nicht anders.
Es gibt uns eben einfach nicht ohne uns.

Das auszuhalten ist keine Kleinigkeit. Tut man ja auch. Meistens sogar ohne dass es einem selbst auffällt.
Manchmal aber eben schon.
Und DANN kann man sich doch auch einfach mal diese Würdigung selber geben.
Ist nicht einfach! Tust du aber trotzdem. Ohne groß Galama!
Respekt!
Muss man erstmal hinkriegen.
Und du kriegst es doch auch hin!
Meistens...
Alle Achtung dafür.

Kurz gewürdigt. Dann ist auch wieder gut.
Weiter geht's.

Ich muss mich so anstacheln. Um es nicht immer wieder mal schleifen zu lassen.
Und ja, ich weiß, wenn es jemand andres uns gibt, dann ist es nochmal eine ganz andre Dimension.
Dort in diese Dimension gehört es ja auch.
In die Mitmenschlichkeit.

Aber wenn ich es nicht bekomme, mich dann einfach auf den Boden schmeißen? Voller Wut?
Wenn ich es mir doch selber geben kann?

Wenn ich mir das so plastisch selber vorhalte, finde ich immer noch das selber geben als die weitaus sinnvollere Option.
Ich brauche das so drastisch.
Sonst versauf ich im eignen Elend.
Und das ist es wirklich keine Option!

Und mal ganz so nebenbei - könnt ich es denn annehmen?
Wenn's mir einer rüberreicht?
Ich fürchte mal, zu 85% ganz und gar nicht.
Also ist da ohnehin erstmal nur üben angesagt!
Üben, üben, üben.

Seit ich übe, ich mit mir selbst, kann ich schon viel selbstverständlicher manches annehmen.
Jetzt nicht so großes Kino. ;)
Aber schon das eine oder andere.
hey :)


nachtwind

Zurück zu meiner Mutter.... Ich komme nicht drum rum. Es geht nicht weiter. Ohne das. Ohne sie.

Als wir uns das erstemal von Angesicht zu Angesicht begegnet sind, war sie schon kaputtgegangen.
Ich kenne sie nicht anders.
Aber war sie es schon immer? War sie es ausweglos?

Ich weiß so wenig über sie. Über ihr Leben  vor meiner Existenz.
Wenn ich bedenke, dass meine Kinder mein Leben nie erfassen werden können, wenn sie nicht ein bisschen wissen würden über meine Zeit vor ihnen, dann merk ich erst, wie eingeschränkt ich überhaupt sie ansehen kann.
Auf meiner Suche nach dem Abdruck, den das Leben in meiner Mutter hinterlassen hat.
Und wie blind ich bin. Wenn ich sie selbst suche. Wer bist du denn gewesen?!
Wer um Himmels Willen bist du denn gewesen?

Es ist reine Spekulation, das meiste. Gespeist aus den Bruchstücken, die sie mir anvertraut hat. Immer mit diesem Alkoholgeruch in der Luft. Wenn sie zu mir beugte,näher zu mir.
Der machte, dass ich zurückwich. Die Luft anhielt.
Ich hieß sie nicht willkommen.
Hieß sie jemals jemand willkommen?

Von unsrer Familie keiner. Das steht mal fest.

Und leider lebten wir ein ganz eigenartig isoliertes Leben.
Es gab keine Verwandten. Gar keine. In unsrem Leben.
Es gab welche. Aber sie fanden nicht statt. In unserem Leben.
Keine befreundeten Familien.
,,Wir sind ja doch nicht lange da."
Das war der Wahlspruch unsrer Familie.
Dementsprechend wurde die Wohnsituation gestaltet. Die Freunde eben erst gar nicht ausgesucht. Geschweige denn Freundschaften gepflegt.
Nur nicht verwurzeln. Nur nicht sich verbinden.
Wir sind ja doch nicht lange da.

Wir lebten wie Verbrecher auf der Flucht. Nur keine persönlichen Spuren hinterlassen.
Nur keine Kontakte pflegen. Sie könnten Hinweise geben.

Ich habe lange gedacht, das war zum großen Teil der Alkoholsucht meiner Mutter geschuldet. Will man ja nicht. Dass jemand das sieht.

Später erst wurde mir klar, das war es gar nicht.
Außerdem hätte man ja  trotzdem Verbindung mit der wenigen Verwandtschaft in Deutschland halten können. Sie hätten uns ja nie besuchen können. Es wär also gefahrlos möglich gewesen.
Es war etwas andres.
Irgendeine andre Furcht.
Oder Vorsichtsmaßnahme.
Warum auch immer - es machte uns auf jeden Fall ganz unnatürlich völlig isoliert. Von andren Menschen.
In eigentlich allem auf uns zurückgeworfen. Da war kaum jemand da. Außer uns. Verlässlich schon mal gar nicht.
Es gab nur uns. In unserem Leben.

Sicher, mein Vater hatte seine Arbeit.
Und wir Kinder unsre Schule.
Sie aber
hatte nichts.
Und niemand.
Und konnte noch nicht mal die Sprache. Die jeweilige Sprache.
Um mal einkaufen zu gehen. Wenigstens.
Supermärkte, in denen man nicht reden muss, gab es damals nicht. Nur face to face Geschichten.
Von Angesicht zu Angesicht.
Anders kam man nicht an das, was man wollte.

Noch nicht mal das konnte sie.
Isoliert hoch fünf.
Und innerhalb unserer Familie?
Nahm sie keiner auch nur wahr.
Nur: dass sie störte.
Überall störte.
Mit ihrer Unfähigkeit. Zu leben.
Ohne Alkohol das Leben auszuhalten.
Vielleicht wäre sie ohne Alkohol auch unfähig gewesen. Zu leben.
Es ist zumindest wahrscheinlich.
Aber eigentlich völlig egal.
Weil sie es nun mal war.

Ein Alkoholiker in der Familie stört schon gewaltig.
Das Leben.
Da kommt keiner drum rum.
Da machst du nix.
Das ist einfach so.

Spätestens als wir ins Ausland zogen, saß sie mittenmang in der Falle.
Sie hatte ,nur Volksschule', wie sie sagte.
Mein Vater Abitur.
Er hatte Interesse an Kultur.
Sie wusste noch nicht mal, dass es eine gab.
Es gab auch keinerlei  Verbundenheit mit Freunden.
Keine Verwurzelung. Mit Heimat. Vertrautem. Eingebunden sein in das Dorf. Das Stadtviertel. 
Nichts.

Es war eine andre Zeit. Was für unsre Jugend Corona war, dass war damals der Krieg.
Für viele zumindest.
Sie stammte aus Bärwalde. Ein Dorf in Pommern. In der Nähe von Stettin.
Gegen Ende des Krieges, da war sie 22, floh sie mit ihrer Mutter ,,vor den Russen".
Nach Meiningen. In Thüringen. Da gab es niemanden. Den sie kannte. Oder der sie kannte. Dort warteten sie. Bis ihr Vater sie fand. Als er aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen war.
Und sie fand.*

Abgemagert, wie sie erzählt hatte. Sie hat ihn gar nicht mehr erkannt.
,,Er war so ein prächtiger Mann gewesen. Stark! Stattlich!"
Jetzt stand er da. Mit einem Säckchen Salz für der Schulter. Ausgemergelt.
Das Säckchen war mal ein Sack. Mit dem hat er sich durchgeschlagen.
Aus Russland. Bis nach Deutschland. Dem, was noch übrig war.
Er war ein überzeugter Nazi.Nur kein Mitleid!
Aber was erlebt ist, ist erlebt.
Es gibt kein Scheuerpulver. Was da was abschrubben kann. Damit es wieder passt.

Krieg ist Scheisse!!
Egal wer anfängt.
Egal wer gewinnt.
Egal wer verliert.

Krieg schneidet Kerben in die Seelen. Stücke aus den Leibern. Erstickt die Freiheit.
Verstümmelt die Menschen.
Und selbst die Nachfahren. Die davon gar nichts mehr wissen. Können nicht atmen. Sich nicht fließend bewegen.
Blieben hocken. In einem Schützengraben. Den sie sie nie gesehen haben.
In einem Keller. Der einstürzt unter der Macht der Bomben. Die das Haus über ihm in gewaltige Trümmer zerbröseln. Wertlos. Die den Schutz in Lebensgefahr verwandeln, in Sekunden. Bleiben hocken in dem Keller. Von dem sie keine Ahnung haben.
Gebannt für immer. Ohne ihn zu kennen. Diesen Keller.
Und sich wundern, was mit ihnen los ist.
Was mit ihnen nicht stimmt.

Krieg ist Scheiße!! Für alle!!
Bis auf die wenigen mit der grässlichen Fratze.
Trump. Oder Göring. Oder Göbbels. Oder Putin. Oder die Kriegsgewinnler.
Für alle andren, und das sind wir, ist Krieg nur eines : Scheiße!

Und trotzdem führen wir ihn. Seit es uns gibt.
Und wenn wir mal vorübergehend keinen führen, dann wird schon bald wieder mit den Hufen gescharrt.
Man könnte doch mal Krieg führen.
Das löst doch all die Probleme. Die wir so haben.
Also los! Frisch auf! Führen wir Krieg!
Das wird uns weiterbringen.

Wir führen immerzu Krieg. Gegen uns Menschen selbst.
Es ist einfach nicht zu fassen!
Einfach nicht zu fassen!!!
Wir führen immerzu : Krieg.
Was stimmt nicht mit uns???

Ratten können ihre Immunität Rattengift gegenüber an die Nachkommen weitergeben. Die paar, die das Gift überleben.
Deswegen hilft kein Rattengift gegen Ratten.
Die nächste Generation ist schon immun dagegen.

Wenn Ratten das können - warum nicht wir??
Warum werden wir nicht immun?! Gegen unser schlimmstes Gift.
Das wir uns selber sind.
Warum werden wir Nachkommen nicht immun?!
Gegen das Gift Krieg.

Denn eins ist mal klar - selbst die hösslichste Fratze ever kann keinen Krieg führen.
Ohne uns.
(Zumindest bis jetzt ist es so. KI ? Roboter? Wenn doch nur wenigstens dieser Kelch an uns vorbeigehen könnte!!)

Ach wenn's doch nur so einfach wär.
,,Stell dir vor, es ist Krieg - und keiner geht hin!"
Einer unsrer Sprüche damals. Als wir auf die Straße gingen. Im lauten Aufbegehren.
Wenn's doch nur so einfach wär!!

Seit es uns Menschen gibt, führen wir Krieg. Gegen uns.
Wo wären wir heute, wenn wir nicht dauernd gegeneinander gekämpft hätten, sondern immer nur: miteinander?
Um die Probleme gemeinsam zu lösen.
Wie würde unsre Welt heute aussehen?

Wir können es doch. Es ist in uns.
Wir Menschen können den Menschen ein Freund sein.
Es ist in uns verborgen angelegt. Es ist möglich. Uns möglich.
Wir müssen nicht zwangsläufig den Menschen ein Feind sein.

Wir leben es doch oft. Jeden Tag. Im Kleinen. Und großen auch.
Und trotzdem gibt es immerzu Krieg. Und Menschen, die das für eine tolle Lösung halten.
Ich würde euch so gerne zurufen: Lasst es nie zu! Dass ihr diesem verfluchten Gerede glaubt.
Dass Krieg die Lösung ist. Für unsrere Probleme.
Krieg ist Scheiße!

Aber ganz so einfach ist es nicht.


Wie dem auch sei - als ihr Vater aus der Gefangenschaft kam und sie fand, ließ sie ihre Mutter bei ihm und zog nach Lübeck.
Sie war Zahnarzthelferin. Und ihr Zahnarzt und ihre Kollegin hatte es nach Lübeck  verschlagen. Auch sie hatten sich gefunden*, Kontakt aufgenommen. ,,Komm doch zu uns! Wir arbeiten wieder."
Das hat sie dann gemacht. In einer Welt so völlig aus allem Gewachsenen gerissen, so völlig zufällig in aller Fremde wieder zusammengewürfelt, ohne jede Verbindung mit allem, was das Leben vorher war, da ist Vertrautes
ein hohes Gut!
Glücklich der, der eine Zipfel davon in die Hände bekommt!

Da wurde sie willkommen geheißen.
Immerhin!


nachtwind

Hoffentlich war es auch ein Willkommen, das hielt.
Oder haben sie nach der ersten Wiedersehensfreude auch bemerkt, dass sie kaputtgegangen war?
War sie kaputtgegangen?
Oder kam das später?
Oder war sie schon kaputtgegangen, als sie noch ein Kind war?
Und sie sich insofern nicht entscheidend verändert hatte?

Wie auch immer - ich hoffe so für sie, dass sie dort willkommen war.
In den paar Jahren als junge Frau. In der Trümmerwelt.
Die dort sich zurechtfinden musste.
Wie alle andren auch.

Sie teilte sich ein Zimmer mit ihrer Kollegin.
Wohnen gab es nur auf Bezugsschein.
Es wurde einem zugeteilt.
So hab ich das zumindest verstanden.
Sie hatten nur gemeinsam einen Anspruch auf ein Zimmer.
Klo auf dem Flur. Oder Treppenabsatz.
Im Keller eine Waschküche. Und eine Liste. In die man sich eintragen musste. Wann man sie benutzen darf. Und will. Und wie lange.

Da gab es viel Streit! Um diese Waschküche.
Das war das Nadelöhr. Zur guten Nachbarschaft.
Wer nicht durchpasste, verbrachte viel Zeit in Bitterkeit. Gefüllt mit wütenden Plänen, wie die Mitbewohner erzogen werden könnten.
Damit es passt.
Für einen selber.

Küche gab es keine.
Küche gab es nur für Familien.
Man war ja schon froh, dass man einen Platz zum Schlafen hatte.
Und für die paar Habseligkeiten. Die man hatte.
Wer fliehen musste, hatte nicht mehr.
Und wer ausgebombt war, sowieso.

Insofern schon praktisch, wie das zusammenpasst.
Es gab kaum Wohnraum, unzerstörten.
Da passt es gut, dass die Menschen eh nichts mehr besaßen.
Für das sie Platz gebraucht hätten.

Und wie hat man dann gekocht?
Es gab Tauchsieder. Die billigste Art zu kochen. Kaffe, Tee, Brühe... wer nichts andres hatte, war froh, wenigstens so ein bisschen was Warmes sich zubereiten zu können.
Es gab auch Kochplatten. Einfach eine Kochplatte und einen Drehregler dran. Da passte dann eben ein Kochtopf drauf. Oder eine Pfanne.
Wasser gab es meistens im Gemeinschaftsklo. Wenn es ein kleines Waschbecken oder ähnliches hatte.
Da konnte man dann halt sein Wasser abzapfen und im Zimmer dann kochen. Damit.

Das war jetzt nicht dem Krieg geschuldet. Das war der Stand der Wohnkultur.
Dass man allein kein Zimmer bekam, sondern nur mit Mitbewohner, das schon.
Aber der Stand der nicht vorhandenen Badezimmerkultur, das ist für euch vermutlich unvorstellbar. Dass es normal war. Für alle.
Und das nicht im Mittelalter. Sondern noch, als eure Großeltern geboren wurden.

Als ich aus dem Heim auszog, und eine billige Bleibe brauchte, um mein Abitur zu machen, da hab ich selbst noch in so einem Zimmer gewohnt. Und das war immerhin schon Anfang der 70er Jahre.
Da gab es solche Häuser noch.
Und solche Lebensumstände.

Ich weiß, ihr könnt euch das schwer vorstellen.
Aber es ist wichtig, dass ihr das tut. Wenigstens versucht.
Wenn man nicht weiß, woher man kommt, kann man das Leben nicht wirklich verstehen.
Als eure Mutter, meine Tochter, auf Wohnungssuche war, bei euch, nach ihrer Ausbildung, da gab es auch schöne, auch bezahlbare Wohnungen - mit einer Gemeinsamkeit: ein Badezimmer von gefühlt der Größe eines Schrankes.
Das, und das sollte man nie vergessen, war vor zwei Generationen noch der ultimative Luxus. Hochgefeiert! Ein eignes Bad. In der Wohnung. Phantastisch!
Wie das das Leben erleichtert! Bereichert!

Warum das so wichtig ist, dass ihr das realisiert?
Einmal, weil nur dann sich eine auch nur ansatzweise realistische Dankbarkeit einstellen kann. Wie man leben darf. Hier. Bei uns. Zu dieser Zeit.
Da meckern immer wieder viele gegen ,,das positive Denken" - Blabla -  nicht auszuhalten! Heißt es dann.
Und messen es an der Realität. Die doch so anders, so schwierig sei. Und diese Blümchendankbarkeit habe mit der Realität nichts zu tun.
Da sind sie sich so sicher!

Ich empfinde meine Dankbarkeit ganz anders.
Die hat mit diesem ,positivem Denken' gar nichts zu tun!
Es ist im Gegenteil ein Wissen um die Realität.
Erst wenn du weißt, wo du herkommst, kannst du dich orientieren. In diesem viel größeren Zusammenhang, In der wir alle stehen.
Erst wenn du deinen Blick hebst, weg vom Starren auf die lächerlich geringe Spanne deiner eignen Lebenszeit, kannst du beginnen zu ermessen, wo du dich wirklich befindest.

Warum das wichtig genug ist, dass ich darüber schreibe?
Als Mutter fragst du dich: wie wird die Welt aussehen, in der meine Kinder werden leben müssen? Wenn sie genug gewachsen sind? Und auf eignen Beinen stehen.
Was brauchen sie in dieser ihrer Welt für Eigenschaften? Fähigkeiten?
Was sollten sie vorher schon lernen, damit ihr Leben dann gelingen kann?

Als Oma frag ich mich das auch. Mit dem gleichen Ernst. Der gleichen Dringlichkeit.
Und dem völlig normalen Wunsch, die jeder hat, der Kinder und Enkelkinder hat: möglichst alles dafür zu tun, damit sie es besser haben werden.
Besser mit dem Leben tanzen können.
Als ich es konnte.
Leichter ihren eignen Weg finden können.
Freudiger mitfliessen können. Mit dem Strom des Lebens.
Und ihrem eignen kleinen aber so ganz eigenen unverwechselbaren Leben darin.
Ach Mensch - ich lieb euch halt...

Und dann denk ich: es wird auch darauf ankommen, dass ihr
freien Herzens
auch verzichten könnt.
Damit euer Leben gelingt.

Und damit ihr das frühzeitig schon mal testweise üben könnt, dafür erzähl ich von nicht vorhandenen Badezimmern und einer Welt, die völlig aus den Fugen geraten war.
Denn ich denke halt, nur wenn man weiß, woher man kommt, kann man seine Wünsche und Erwartungen an's Leben wenigstens einigermaßen im Einklang bringen
mit der Realität.

Und wenn ihr nur mal kurz bedenkt, dass seit es die Menschen gibt, also vermutlich  seit 2,5 Millionen Jahren ( oder vielleicht seit 2 Millionen Jahren, wenn man nicht alles, was den Beinamen Homo trägt, dazuzählen will) -
wenn man also bedenkt, dass seit Menschheitsbeginn, seit 2 Millionen Jahren,
die Menschen keine Badezimmer kannten. Und hatten. Also bei sich in ihrem Zuhause. Ein Badezimmer ganz für sich allein.
Also 2 Millionen Jahre minus ungefähr 80 Jahre vielleicht. Seit auch wir normalen Menschen damit begonnen, uns eine kleine ,Nasszelle' in die eigne Wohnung zu wünschen.
Also 2 Millionen minus vielleicht ungefähr 30 Jahre, in der Badezimmer (nicht nur bei den Fürsten dieser Welt) Raum und Qualität einer Wellnessoase' haben musste, um als gelungen durchzugehen.
Das, was ihr eben kennt. Euer Badezimmer.

Also 1, 999 920 Jahre lang die Menschen ganz ohne gelebt haben.
Und 1,999 970 Jahre ohne Wellnessoase.
Und ihr die erste Generation seit Menschenbeginn seid, die nu solche Badezimmer als normal erleben.
Bedenkt das mal, nicht nur flüchtig, sondern fühlt das mal. Wie viele Menschen wohl in 1,999 970 Jahren gelebt haben. Und wie wohl.
Wenn ihr dann darauf verzichten müsst, um überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu finden, dann sollte es euch vielleicht nicht mehr ganz so schwer fallen.
Als wenn ihr weiter denkt, das Leben der Menschheit beginnt mit euch.

Erst wenn man bedenkt, woher man kommt, kann man besser einschätzen, was man vom Leben erwarten kann. Ohne völlig unrealistisch zu sein.
Nur weil ihr die allererste Generation seid, die solchen Luxus als normal empfindet,
ist es blanker Irrsinn, das jetzt weiterhin einzufordern. Als Selbstverständlichkeit.
Hütet euch vor solchen Gedanken.
Seid realistisch. In euren Erwartungen.
Hinterfragt den Lebensstil, der noch hier herrscht.
Und überlegt, was ihr wirklich davon braucht.
Macht es freiwillig.
Bevor ihr vielleicht dazu gezwungen werdet.
Und dann verbittert. Vielleicht.
Zumindest schwer zu schlucken habt. Daran.

Nehmt nichts als selbstverständlich an. Was gerade ist.
Keinen Luxus. Keine Frauenrechte. Keine Menschenrechte. Keine Freiheit. Keine Demokratie.
Bedenkt die Wucht, die 2 Millionen gegenüber 30 Jahren haben.
Niemals würd ich sagen: lebt asketisch. Niemals! Im Gegenteil!
Feiert euer Leben!
Aber ich sage: lebt realistisch!
Seit zutiefst dankbar für das, was ihr habt!!
Denn nichts andres ist realistisch. Wenn man diese Zahlen bedenkt.
Und überprüft ruhig immer mal wieder freiwillig. Wieviel von dem Kuchen ihr wirklich braucht. Um zufrieden zu sein.
Mit eurem Leben.

Freiwillig ohne etwas bestimmtes zu leben, ist so viel einfacher
als dazu gezwungen zu werden!
Ich glaube, solche Fähigkeiten werdet ihr brauchen.
Um durch euer Leben mit Freude zu gleiten.
Und um das zu üben, helfen solche Gedanken sehr.
Wie war das früher?
Seit wann gibt es das?
Und ganz und gar am allerwichtigsten: nehmt nichts für selbstverständlich!
Überprüft das mal. Messt es mal an der Realität.
Und nicht nur an der winzig geringen Zeitspanne eures eignen Lebens.
Das taugt nix,
wenn man die Realität als Boden unter den Füßen haben will.
Die Realität von uns als Menschen. In der Zeit.
Nichts ist selbstverständlich.

Und Dankbarkeit für all das, was wir in unsrer Zeit als Selbstverständlichkeit erleben, ist kein ,positives Denken' - es entspringt  einem ganz simplen sehr geerdeten Blick.

Und ganz nebenbei ;) : Dankbarkeit ist die Währung für ein Leben in Frieden. In Zufriedenheit.
Falls man Interesse hat an so etwas.
Der ist reich, der davon viel anhäuft. In sich.
Dankbarkeit ist der Schlüssel für ein leichteres Leben.
Es verändert erstmal nix an deinen Problemen.
Aber es entspannt dich! Es lässt dich dich beschenkt empfinden. Denn das bist du ja auch!
Und das öffnet deinen Blick. Auf Lösungen, die du so viel leichter entdeckst.
Und gibt dir die Zuversicht. Die es braucht.
Um diesen Weg dann auch zu gehen.

Wenn es nur eines gäbe, was ich euch mitgeben könnte, damit euer Leben gelingt, dann das:
Häuft Dankbarkeit in euch an!
Lebt Dankbarkeit!
Sucht Dankbarkeit!

Dankbarkeit ist eine universelle Währung.
Muss man nix umtauschen. ;)
Hilft bei allem.
Versucht das mal!

Und wenn man mal überhaupt keine Dankbarkeit entdecken kann?
Hab ich mal in einem Buch gelesen. Es hat mich angesprungen!!
Und ist mir der beste Rat! Wenn nichts mehr hilft. Seitdem.
Und hat bis jetzt noch immer geholfen!
In meinem auch nicht ganz einfachem Leben.

Wenn du nichts hast, was dich dankbar machen kann,
dann sei halt dankbar,
dass du keine lebendigen Frosch schlucken musst!!

Wenn ich mir das vorstelle, durchflutet mich sofort wieder
diese so kostbare Dankbarkeit. Erst zögerlich. Ein wenig. Und dann ansteigend bis ich lächeln muss. In all dem Elend, das da grad ist.
Der Bruder der Dankbarkeit, der Humor, tut sein übriges.
Weil gruselig ist das schon. Aber witzig eben auch.

Ist garnicht so schwer mit dieser Dankbarkeit.
Versucht es nur!
Ihr werdet es sehen.
hey :)



nachtwind

Thema ist immer noch meine Mutter.
Auch wenn man das nicht wirklich merkt.
Eure Urgrossmutter.

Warum ist sie wohl nach Lübeck weitergezogen?
Ob sie wusste, dass sie ihre Eltern nie mehr wiedersehen würde?
Nicht weil sie bald starben.
Weil die Welt sich teilte. In zwei Mächtige Reiche.
Den Osten. Und den Westen.
Den Kapitalismus. Und den Kommunismus.
Und  die Grenze verlief genau durch Deutschland.
Hüben und drüben.
Zwei Welten.
Geschieden.

Am Anfang hätte sie sie noch besuchen können.
Sie hat nie davon erzählt.
Später dann nicht mehr.
Ich weiß nicht, welche Enttäuschung ihr ihre Eltern wurden.
Ich weiß nur, dass sie es ihrem Vater nie verzeihen konnte, dass er nochmal geheiratet hat. Nachdem ihre Mutter starb.
An Unterleibskrebs. (Genaueres weiß ich nicht.)
Danach war er für sie gestorben.
So tief empört hat sie das. Getroffen!
Und sie ist auch nie mehr davon abgewichen.
Das war eine nicht heilbare Verletzung. Für sie.

Sie also in Lübeck. Mit Lottchen. Ihrer Kollegin.
Mit der sie zusammen lebte.
Bis sie heiratete. Also Lottchen.
Ich weiß nichts über diese Zeit. War sie zufrieden? Glücklich? Weil willkommen?
Ich weiß nur, das der Zahnarzt wohl Anthroposoph war. Und sie das schaurig fand. Was er ihr manchmal erzählte. Wie die Welt so ist.
Aber was genau, das weiß ich nicht.
Nur, dass es nicht nur unheimlich war. Sondern auch anziehend, gleichzeitig.
Für sie.
Das gruselige überwog.

Um sie herum begann die Welt sich neu zu ordnen. Trümmer wurden beseitigt, Straßen wieder Straßen. Noch gab es Essen streng zugeteilt. Je nach Arbeit. Wenn auch auf  Berechtigungsschein. Lebensmittelkartenzeit. Schwarzmarkt. Hamstertouren in die Dörfer waren immer noch notwendig. Um durchzukommen.
Nach der Kartoffelernte auf die Äcker, um doch noch nach vereinzelten Kartoffeln zu buddeln. Oder nachts von den Feldern zu klauen. Was immer ging.
War verboten. Und die Bauern legten sich je nach dem auch auf die Lauer.
Aber alles war besser als zu verhungern. Jetzt, wo man den Krieg überlebt hatte.

Lottchen heiratete ihren Mann.
Und zog in eine Wohnung. Nicht mehr nur in ein Zimmer.
In dem blieb meine Mutter. Aber alleine durfte sie ja nicht.

Sie hatte zwei interessante Männer kennengelernt. Wie intensiv weiß ich nicht.
Aber dass sie sich nu entscheiden musste.
An der Stelle war ich dann mal ehrlich interessiert!
Wie war er denn? Der andre Mann?
,,Er konnte gut tanzen!"
So wie sie dabei lächelte, sie wohl auch.
Und mein Vater? Was konnte er?
Er nahm sie mit in ein Museum.
Vermutlich war sie nie zuvor in einem. So andächtig schaute sie den Worten hinterher.
Auch mal in ein Theater!
Sie hat sich letztlich für ihn entschieden.
Und schon damals, als sie mir davon erzählte, ich war vermutlich so 11 oder 12, hab ich mich sofort gefragt: wäre sie mit dem andren, der gerne tanzte, nicht glücklicher geworden?
Wo immer das herkam. Mit elf oder zwölf.

Hat er ihr einen Antrag gemacht? Konnte ich mir gar nicht vorstellen. So wie ich ihn erlebte.
Aber ich hatte mir ja auch nie Gedanken darüber gemacht.
Sie hat es mir von selbst erzählt.
Sie hatte gebraten. Zwei Schnitzel. In der Pfanne . Auf der Kochplatte.
Und sie sind ihr angebrannt.
Mir brennt was an, wenn ich währenddessen was andres mache.
Warum auch immer, die Schnitzel waren verbrannt.
Fleisch war sehr sehr schwer zu bekommen. Luxus. Jetzt war es vergeudet.
Da hat er ihr mit all seiner überzeugten und überzeugenden Strenge gesagt: ,,wenn wir verheiratet sind, darf dir das aber nicht mehr passieren!"

Hätte sie da nicht schon ahnen können, dass das nix wird? Mit einem guten Leben. An seiner Seite?
Hat sie da nicht noch  mal ernsthaft über den andren nachgedacht? Den, der gerne tanzte?
Oder war ihre Entscheidung schon gefallen?
Sie glaubte, sich für eine bessere Welt entschieden zu haben. An seiner Seite.
Sie dachte, sie wäre damit in dieser andren, besseren Welt. In der man ins Museum ging. In eine Ausstellung. Ein Theater.
Es macht nicht immer glücklich, wenn man sich höher heiratet.
Wenn man in dieser höheren Welt fremd bleibt. Nicht heimisch sich fühlen kann. Diesen neuen Platz nicht ausfüllen kann.
Und nach jedem missglückten Mal die Angst nur immer größer wird: werden sie es merken? Dass sie nicht dazugehört?!
Hätte sie bis dahin keinen Grund zum Trinken, jetzt hätte sie einen. In dieser Fremde, nicht nur im Ausland, sondern auch inmitten der Menschen, die in's Museum gingen, in's Theater, die Bücher lasen, ohne dass sie das mussten...
Dass man sich da Mut antrinkt, ist glaub ich nichts sehr seltenes.
Aber hinterher ist immer leicht es besser zu wissen.
Währenddessen! ist die Kunst.

Der Grund zu heiraten war die Wohnsituation. Die war ihnen beiden wichtig.
Mein Vater wohnte bei seinem älteren Bruder. Aber der war verheiratet und vermutlich auch schon mit Familie. Er war geduldet.
Aber wer ist schon gern geduldet?!

Er wollte aus dieser Situation schon lange raus. Es war ihm unerträglich.
Aber er war hochunpraktisch. In allen solchen Sachen.
Er hatte es auch nie gelernt, vielleicht deswegen?
Abitur, dann Arbeitsdienst. Dann Wehrmacht. Dann Gefangenschaft. Kam sehr spät aus der Gefangenschaft.
Und war zum ersten Mal auf sich allein gestellt.
Mit Anfang dreißig.
Er war vom Wesen her äusserst unpraktisch begabt.
Und von den Umständen seines Lebens bis dahin ja nun auch wirklich nie gefordert.
Sein Leben mal selbst in die Hand zu nehmen.

Der Grund zu heiraten ist heute auch nicht viel anders, denke ich.
Aber die Notwendigkeit vielleicht  ein bisschen nackter. Dringlicher.

So haben sie geheiratet. Und von ihrem ersten gemeinsamen Gehalt zwei Sessel gekauft. Gebraucht. Und haben sie nacheinander, jeder eine Lehne gepackt, zusammen nach Haus getragen!
Da leuchteten die Augen meiner Mutter. Und ich konnte das gut verstehen. Auch heute noch.
Es geht voran!!
Sinnlich wahrnehmbar. Spürbar. Wenn man sie auch noch selber trägt.
Nach Hause trägt!

Mein Vater bekam durch sie auch einen Fuß in die Tür zu einer besseren Arbeit.
Sie drängte ihn dazu. Dass hat er mir erzählt. Ein bisschen verlegen deswegen.
Aber auch mit einem Hauch von Anerkennung.
Als er mir das erzählte, hab ich instinktiv gewünscht, sie könnte das hören, Sehen.
Ich nehme an, er hat ihr das nie so gesagt.
Es hätte auch nichts mehr genutzt.
Sie war schon längst in dem Stadium angelangt, sich neben den Sessel zu setzen. Um dann unerträglich dämlich zu lächeln. Und auf der Erde sitzen zu bleiben.
Bis jemand kam. Und sie hochzieht.
Es hätte nichts mehr, gar nichts mehr geändert.
Überhaupt nichts mehr.
Die Würfel waren gefallen.
Und unter den Schrank gerollt.
Unauffindbar weg.
Unter dem Schrank war ein schwarzes Loch.
Und dahinter nur die einsame Eiseskälte des Universums.

Es war entschieden.

Und niemand fragte danach, wo sie falsch abgebogen war.
Niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben.
Auch ich nicht.
Auch wenn ich für sie der Mensch war, mit sie redete. Sich öffnete.
Mein Vater und meine Schwester wussten nichts davon. Was sie so erzählte.
Warum auch immer.
Ich habe mir das nicht ausgesucht.
Nur schwer daran getragen.

Weil ich ihr Bedürfnis spürte.
Und gleichzeitig meinen eignen Widerwillen in mir.
Meinen Ekel.
Meine Fremdscham. So überwältigend.
Und doch trotz allem ihr Bedürfnis spürte. Heiß.
Es schnürte mir die Kehle zu.
Das Herz.
Alles.

Ich spürte ihre Not.
Aber auch mein Versagen...
ich wusste einfach nicht, wie das geht: leben.
Es gelang mir nicht.

Ekel ist ein schwieriges Gefühl.
Abgrundtiefe Scham ein fast nicht zu überwindendes.

Es schnürte mich schon zusammen.
Ihre Not war heiß.  Verzweifelt. Gierig.
Es würgte mich, ich hatte furchtbare Angst.
Ich hätte wissen sollen, wie das geht!
Leben...
ich wusste es einfach nicht.
Es tat mir gleichzeitig
so leid!

nachtwind

Wie sehr mein Vater und meine Schwester ihre Augen verschlossen vor ihr, wurde mir schlagartig klar - und es war einer der heftigsten Schläge in meinem Leben - , an einem sonnigen Frühlingstag in Bonn.

Nach Windhoek sind wir nach Bonn gezogen, die damalige Hauptstadt der Bundesrepublik. Sitz auch des Außenministeriums. Und all der Botschaften aus aller Welt.
Wir Kinder waren in einer Pflegefamilie untergebracht, in Bad Godesberg, nahe der Schule, die für Kinder wie wir es waren, eine etwas offenere Türe hatte. Man bekam ein halbes Jahr Zeit, Fehlendes nachzuholen. Neben dem normalen Schulalltag. Wenn man es geschafft hatte, war alles gut, wenn nicht, musste man eben ein Schuljahr zurück.
Andere Schulen waren da viel rigider.
Unser Glück, dass es diese Schule gab.
Die meisten Schüler waren Einheimische.
Und dann eben pro Klasse ein oder zwei solche wie wir.

Meine Eltern hatten eine eigenartige Wohnung für sich gefunden. In einem Ur-Altbau. Ganz oben. Zwei Zimmerchen, Küche, Bad.
Ich glaube, in einem Gebiet, dass man als Rotlichtmilieu beschreiben könnte.
Reime ich mir aus heutiger Sicht zusammen.
Nahe am Bahnhof war es auf jeden Fall. ;)
Spartanisch möbliert.
Vermutlich möbliert gemietet.
Alle sehr bedrückend irgendwie.

Wie gesagt, mein Vater war hochunbegabt in solchen Dingen. ZB eben schon allein eine Wohnung zu finden.
Man sollte denken, wenn auch unbegabt, so doch mit reichlicher Erfahrung ausgestattet. So oft, wie wir umziehen mussten.
Aber ich vermute mal stark, dass er da vor Ort immer viel Unterstützung bekommen hat. Verständlicher Weise. Ein Neuling in einem fremden Land kann das gut gebrauchen. Das war allen bewusst.
Aber zurückgekehrt nach Deutschland stand ihm keine große Unterstützung
zu. Für die Kinder, da gab es hilfreiche Hinweise. Das Gymnasium in Bad Godesberg, die zwei Pflegefamilien, die sich auf solche  Fälle wie wir spezialisiert hatten. In der Nähe der Schule. Für vorübergehend bis längerfristig. Je nach Bedarf.

Aber eine Wohnung jetzt für die Familie zu finden, das traute man jedem durchaus zu.
Sie wären auch nie darauf gekommen, dass mein Vater so unfähig war. In solchen Dingen.
Er strahlte ein wirklich starkes Selbstbewusstsein aus.

Gut, und meine Mutter mal wieder in der Absturzphase. Wo gar nichts mehr ging.
Noch nicht mal mehr ein so tun als ob. Wo wenigstens sitzen noch geht. Und ein paar wenige Sätze. Wortsätze. Wenn auch schwer verständlich. Was dann ja aber auch nicht  besonders auffiel. Weil der Sinn dahinter nur ganz manchmal zu erahnen war.
In der Absturzphase ging dann gar nichts mehr.

Ehrlich  - ich will noch nicht mal nachdenken darüber! Wie man so was beschreiben könnte.
In einem der wenigen Wochenendseminaren, die ich besucht habe in meinem Leben, es war nur ein Tagesseminar, saßen wir uns gegenüber, immer zweie, und sollten dem anderen die jeweilige Person sein, die er konfrontieren sollte. Die Person halt, mit der es Probleme gab.
So weit so gut, Rollenspiele, wenn man sich drauf einlässt, sind eine wichtige Hilfe. Um zu verstehen, was einen wirklich beschäftigt.
Ohne Umweg eines alles abwägenden Denkens.
Pur. Ohne Zweifel. Auch: danach.
Weil beeindruckend mit der Macht! Mit der da etwas die Hülle durchbricht.
An die frische Luft.

Sie sollte jetzt meine Mutter sein. Ich hatte Angst. Vor dieser Übung.
Aber eben wildentschlossen, mich drauf einzulassen.
Schau sie an. Mit Zittern und mit Zagen.
Bis sie genau diesen Ausdruck hinbekommt. Sie musste selbst ein ähnliches Thema haben, da bin ich mir sicher.
Mich genau so anschaut. Mit dieses unsäglich schiefen Lächeln.
Wenn mal wieder alles anders verläuft als gedacht.
Das Hinsetzen, das Aufstehen, das Glas abstellen, die Gabel ergreifen... alles halt... was so schiefgehen kann. Und das heißt: alles.
Dieses schräge Lächeln, in dem Erstaunen drin hängt (über diese wackelige Welt, in der keine Vorhersage mehr etwas taugt. Worauf man sich verlassen kann.) Und das zögerliche Aufblitzen darinnen, das von tiefster Scham erzählt.
Tiefster!

Die natürlich sofort betäubt werden muss.
Weil unerträglich!!
Da hilft nur schnell was Trinken. Wo war noch mal der Schnaps?!
Ein Teufelskreis.

Meine Partnerin bekommt dieses Lächeln hin - und ich ertrag es keine Millisekunde! 
Schmeiße mich wuchtig rückwärts auf den Boden.
,,Ich will das nicht mehr sehen!!"
Und das mit großem Nachdruck!!
Ich will das nicht mehr sehen!!

Im Nu waren mehrere der Teilnehmerinnen um uns herum. Und redeten wild entschlossen auf mich ein.
Sie hatten ja recht. Sie feuerten mich an. Es ging ja darum, sich zu konfrontieren damit. Und dass ich dem was-auch-immer sehr sehr nah gekommen war, war ja durch meine heftige Reaktion leicht auszulesen.
Sie also feuerten mich an. Gehorsam wie bin, hab ich nochmal einen halbherzigen Versuch gemacht, mich aufgerichtet. Ein winziger Blick in ihr Gesicht - und es hat mich wieder rückwärts hingehauen.
,,Ich kann es nicht mehr sehn!!"

Es blieb dabei. So energisch - und auch ungeduldig - mich alle antreiben wollten... ging nicht! Gegen die Macht meines ,,Ich will es nicht mehr sehen!!" kam nichts mehr an.
Das Anfeuern wurde feindselig - ich kannte die Gruppe nicht. Ich war nur dieses eine Mal dort. Sie waren erfahren. In der Technik. Fortgeschrittene.
Da ist Geduld  schnell ausgeschöpft. Bei vielen.

Die Chefin von dem Ganzen half mir raus aus der Situation.
Sie erklärte den andren, dass sei auch ein Weg. Eine Reaktion, die heilsam sei.
Die andren murrten. Ich konnte sie eh nicht sehen. Ich hatte die ganze Zeit die Augen zu.
Ich war mit mir beschäftigt.
Mit so einer überwältigenden Reaktion hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Und es auch noch nie zuvor so deutlich gespürt.

Die Gruppe fand das eine unbefriedigende Lösung. Die Chefin sah mich ab da immer wieder nachdenklich an. Und bot mir jede neue Technik, bei der sie eine Probandin brauchte, um es zu demonstrieren, mit fragendem Blick an.
Ich hätte nur nicken müssen. Aber ich hab  immer unmerklich den Kopf geschüttelt.
Ich war sehr erschöpft.
Und hab mich auch gar nicht mehr getraut.

Es blieb bei dieser einen Partnerübung.
Für mich.
An die ich mich erinnern kann.
Da war sicher mehr. Ich erinnere nur diese eine.
Die aber war tief.
Und völlig überraschend.

Ich fand ihren Blick  ehrlich. Sie wusste etwas, das ich nicht wusste.
Ich wollte sie so gern fragen, was sie weiß. Über mich.
Aber ich hab mich nicht getraut.

Ich hab mich total energisch getreten!
Geh hin! Sprich sie an! Frag sie!
Was mit dir los ist. Sie ist freundlich. Sie versteht etwas, was du nicht verstehst.
Frag sie! LOS!
So ging das das ganze restliche Seminar.

Aber ich hab mich nicht getraut.
Ich hab mich so danach gesehntfast schon.
Und hab es doch nicht getan.
Chance vertan.
Wie so oft.
Im entscheidenden Moment gekniffen.

Mann, hab ich mich geätzt. Mit meiner Verachtung.
Unerbittlichen Verachtung.
Mir selbst gegenüber.

Da ist einer. Der versteht etwas von dir. Was du nicht verstehst.
Und du gehst nicht hin?! Und fragst nicht?! Bleibst stumm?!!
Wie scheiße kann man denn eigentlich noch sein?!!!
Unerbittliche. Verachtung.

Naja.
Also meine Mutter wieder völlig abgestürzt.

nachtwind

Naja.
Also meine Mutter wieder völlig abgestürzt.
Also same procedure as every year.
Sie muss in den Entzug.
Wie immer seit dem ersten Mal in Windhoek, als sie sich kurz entschlossen vor dem Krankenhaus aus ihrem Rollstuhl wand und abhaute wie der Blitz - und ein Pfleger und ich ihr nachrannten und sie wieder einfingen - wodurch mein Vater kopfschüttelnd zurück bleiben konnte, musste ich mit.

Ich weiß nicht mehr, wie oft schon... sehr oft. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber zum Schluss hin glaub ich schon, zweimal im Jahr.
Es hielt ja auch immer nur ein bis drei Wochen. Dann ging es wieder los.
Aber es dauerte halt. Bis es wieder untragbar wurde.
Ich bin mir ziemlich sicher, es war öfter als nur einmal im Jahr. Zum Schluss hin.

Wir also los. Irgendwo in der Eifel lag diesmal das Ziel. Abgeschieden im Wald. Ganz allein. Schon gruselig.
Drinnen war es dann die völlige Katastrophe.
Das war keine Klinik!
Ich weiß nicht, was es war.
Es war nur: furchtbar!!!
Es stank bestialisch nach Urin. In meiner Erinnerung waren dort Teppichböden. Wo man Kacheln oder Linoleum erwartet.
Ich weiß gar nicht, ob es das überhaupt geben kann. Aber ich erinnere es so. Es stank wirklich teuflisch!
Ein paar Patienten irrten durch den Flur - immer hin und her... mit dem typischen Gang von jemandem mit Suchtdruck: nur weg hier!!!!! Nur weg hier!!! Immer hin und her. Nur weg hier!!! In einem eher schmalen und kurzen Gang... nur weg hier!!! Nur weg!

Meine Mutter klammerte sich an meine Hand. ,,Lass mich hier nicht allein!!" ,,Nimm mich wieder mit!!!"
Ich hab sie sooo gut verstanden. Eine der wenigen Male.
Es war wirklich furchtbar dort!
Ein Alptraum!
 
Mein Vater war keine Hilfe. Das wusste ich.
Ich war schon 15 oder 16.  Und war oft genug mit ihm in so einer Lage.
Er fuhr uns hin. Und mich dann wieder mit zurück.
Mehr hatte er mit der Situation nicht zu tun.
Aber ich verstand sie so! Das hier war einfach nur eins: Grauen.
Da lässt man niemanden zurück. Schon gar nicht, wenn derjenige sich nicht wehren kann.
Und so blitzte in mir die Entschlossenheit auf: Ich lass sie nicht dort!! Ich nehm sie wieder mit!!

Aber ich war ja kein Kind mehr. Ich trug ja nicht mehr nur die Verantwortung für jetzt. Ich trug sie schon für jetzt - und danach!
Und schon erlosch meine Entschlossenheit genauso fix. Wie sie vorher aufleuchtete.
Was dann?
Ich nehm sie wieder mit. Und dann?!
Es konnte doch auch Zuhaus so nicht mehr weitergehen. Zumal wir doch noch nicht zusammenwohnten. Sie war doch ganz allein. Das geht doch nicht gut.
Wenn sie wieder zu Hause ist - was dann?!

Mir wurde schlagartig klar, dass ich keine Ahnung hatte.
Ich hab mich nie kundig gemacht. Was geht noch? Außer Entzug?!
Ich hab gekniffen. Immer gekniffen.
Ich wusste doch, dass mein Vater keine Hilfe war.
Und doch hab ich mich versteckt. Hinter ihm?!
So viel zur Verantwortung!!!
Versteckt hab ich mich. Hinter ihm. Jetzt hab ich keine Ahnung.
Was dann?! Wenn ich sie wieder mitnehm?

Ich hab meine Hand gelöst aus ihrem hammerharten Griff: ,, Lass mich nicht hier!!" ,,Nimm mich wieder mit!!"
Alles in mir schrie: nimm sie wieder mit!!! Hier ist es furchtbar!!
Aber ich hab meine Hand befreit.
Es hat so lang gedauert. Ihr Griff war Panik!
Ihre Panik hielt meine Hand fest. Wie angeschmiedet.

In mir schrie es. Sie schluchzte es. Und klammerte!
Und ich kam nicht los. Aus diesem Griff.

Und hab es dann doch irgendwie geschafft.
In mir schrie es: geh nicht! Nimm sie mit! Das hier ist die Hölle!
Mir war grotten! grotten! grottenschlecht! dabei.
Aber ich bin gegangen.
Und hab sie dort zurückgelassen.
In dieser Hölle.
Nur weil ich mich nie gekümmert habe. Was sonst noch helfen könnte.
Jetzt war es zu spät.

Auf der ganzen Rückfahrt war mit so grottenschlecht. Dass ich dachte, vielleicht sterb ich jetzt. So schlecht war mir.

Noch heute, wenn ich mich daran erinner, ist mir so grotten!schlecht.
Als lägen keine Jahre und Jahrzehnte dazwischen.
Als würde ich immer noch in der Eifel stehen, meine Mutter klammert sich an meine Hand und fleht mich an: lass mich nicht hier!!! ....
und ich dreh mich um und geh. Ohne sie.

Kurz vor Ende der Fahrt, wir sind schon wieder in Bonn, Richtung Bad Godesberg, hält mein Vater ganz plötzlich und spontan an.
Bleibt sitzen. Sagt dann vor sich hin, aber bestimmt: ,,Ich muss mal mit dir reden!"
In mir hör ich nur ein einziges Stöhnen... Bitte nicht!! Bitte nicht noch mehr!!
Ich kann nicht mehr!!

Aber es gibt kein Auflehnen. Gegen meinen Vater. Nur ein stummes Flehen. 
Bitte! Bitte nicht noch mehr!

Aber es hilft halt alles nix - wir setzen uns auf die Bank, die da steht. Mit Blick auf die Bahnschienen. Die einspurige schmale Bahnschranke. Sonst ist da nicht viel.
Ich sitze da. Und warte.
Das monotone Flehen in mir lässt mich ruhiger werden. Die Sonne scheint. Eigentlich ein friedlicher Ort. Bisschen staubig, aber friedlich. In seiner Ruhe.
Hier  kann nichts schlimmes geschehen.
Bitte!
Bitte!!

Dann fängt mein Vater an. Es fällt ihm überraschend schwer.
Das kenn ich so nicht von im.
Die Alarmglocken beginnen zu schrillen. Von jetzt auf gleich.

Auf der Fahrt waren wir beide wortlos still.
Ich war mit meinem mir-ist-grottenschlecht beschäftigt. Möglichst nicht zu sterben dran.
Und auch in meinem Vater hat es augenscheinlich gewühlt.
Jetzt kommt er damit raus. Erst zögerlich.
,,Ich weiß, ich sollte mit dir nicht über so was reden - aber ich habe keinen, mit dem ich darüber reden kann..."
Oh mein Gott! - das wird noch schlimmer, als ich erst gedacht hab!
Bitte nicht!!
,,Ich weiß auch gar nicht, ob ich da richtig liege mit..."
Bitte nicht!!
,,... aber mir ist da ein Gedanke gekommen, der lässt mich jetzt nicht mehr los..."
Bitte!! Wenn schon, dann bitte bring es hinter dich!! Lass es uns hinter uns bringen!! Bitte!!!
,,... wahrscheinlich spinn ich mir da was zusammen...."
Ich ertrag's jetzt nicht mehr - sag endlich!!! Es wird immer schlimmer so!!!
Bitte!!
,,wie gesagt, ich weiß es nicht...."
....
Bitte! 
,,... aber ich frage mich..."
HERJEH GOTTES!!! BITTE!!!!
,,...ob es möglich ist...."
...
Ich gebe auf. Ich wappne mich nicht mehr. Ich füge mich.
Ich kann nicht mehr.
Ich bin ganz leer.

So fühlt es sich an. Stimmt  aber überhaupt nicht. Aber das merk ich erst danach.
Dass wenn das leer wär, wär der folgende Zustand ein schwarzes Loch.
Nur ohne jede Anziehungskraft.  Ein Strudel, der alles ins Nichts zieht.
In ein Nichts ohne jeden Boden.
Kann ein Mensch so einen Zustand überleben?

Das Schweigen dauert gefühlt eine halbe Stunde ... in mir wird alles ruhig.. Die Ruhe vor der Katastrophe.

Und dann sagt er diesen Satz
,, meinst du, es ist möglich, dass die Mutti Alkoholikerin ist?...??"

 Ich höre diesen Satz. Und versteh ihn gar nicht. Hör ihn nur in Dauerschleife immer wieder. Und versteh ihn nicht.
Aber ich spüre etwas.

Ich spüre, wie durch meine Fußsohlen
in Richtung der Bahnschienen
und der schmalen Bahnschranke
mein Leben fließt.
Aus mir heraus. Fließt mein Leben. Ganz unspektakulär.... unstoppqble....
fließt mein Leben
durch meine Fußsohlen
Aus mir heraus.


Bis heute weiß ich nicht, was da geschehen ist.
Mit mir. In mir.
Nur dass es ruhig war. Und unwiderruflich.
Und ohne jeden Zweifel.
Ich hab es so deutlich gespürt!  So körperlich.
Wie mein ganzes Leben aus mir heraus fließt. Durch meine Fußsohlen.
Und nicht aufhörte damit.

Während ich das hier schreibe, glühen meine Fusssohlen wieder.
Sie erinnern sich auch.

Aber was da genau geschehen ist, hab ich bis heute nicht verstanden.
Ich weiß nur: genauso war's.
Ich hab es auch nie wieder so erlebt.
Vielleicht weil es ja nu schon aus mir rausgeflossen ist? Mein Leben?
Meine Lebenskraft vielleicht?
Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, wie ich da saß.
Und nichts mehr tun konnte.
Nichts mehr denken konnte.
Nur mir selber dabei zuschauen konnte.
Ohne eingreifen zu können.

Wie mein Leben aus mir herausfloss.
Durch meine Fußsohlen.
In die leicht staubige Welt.
Vor mir.

Ich hatte aufgegeben