Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind


...ja, es macht schon auch so viel aus.

Kali,ich kenn dich nicht. Aber was du schreibst, ich hab's jetzt dreimal gelesen und es berührt mich immer noch, macht, dass ich dich einfach in den Arm nehmen mag. Nix sagen. Einfach nur so.
Ich hab viel Solidarität erlebt, in meiner Frauenklinikzeit. Ich glaub, es ist so was in der Art. So verschiedene Lebensläufe, so unterschiedliche Herausforderungen, und trotzdem Schwestern. Schwestern im Kummer, Schwestern im Kämpfen, Schwestern im Lachen auch...Schwestern-Nähe.

Ich kam vor deiner Zeit hier her... hab nur über euch gehört... die schöne, wunderschöne Geschichte von Tobe und Damian.
Alle haben sich für euch gefreut. Da hab auch mich gefreut. Für euch.
Kann man. Auch wenn man sich nicht kennt.
Dann, viele Jahre später, dass euer Schiff einen andren Kurs genommen hat.
Alle haben getrauert. Mit euch. Mit dir, dann.
Ich auch. Es tat mir so leid. Auch wenn man sich nicht kennt.
Die wunderschöne, die so furchtbar schwere, die ganze Geschichte von Tobe und Damian - ich kenne nichts davon.
Trotzdem fühl ich
auf meine Art
mit. Mit dir.
Und ja, versteinern hilft beim Überleben.
Beim Leben, beim lebendiglich Leben, da hilft es nur bedingt.
Wenn kleine Steinchen davon das Kullern anfangen, dann hilft das schon.
Wenn sie kullern.
Ein bisschen.
Steinchen für Steinchen.
Und dann und wann auch mal ein großer.

Schwestern- Nähe.
Ganz aus der Ferne.
Nicht wirklich belastbar. Im Alltag.
Aber trotzdem da.

Und ich denk grad: wie schön, dass es das Forum hier gibt. Und auch:
so viele Jahre!
Raum für so viele Begegnungen.
Und Brüderlichkeiten. Und Schwesterlichkeiten.
Kostbar. Immer wieder.

Ehrlich empfundener Dank an all die, die das möglich gemacht haben. Und weiterhin machen!
Ein Ehrenamt, dass wirklich Gutes bewirkt.
Ein Ehrenamt, für dass ihr alle mal
geehrt werden solltet. Finde ich echt!
Ich tu's grad mal!

nachtwind

Die meisten, die hier an uns alten Damen vorbeigehen, sind natürlich Mitarbeiter, Klinikpersonal.
Einer fällt mir auf. Wie er die Treppe runterkommt. So entspannt.
Wie Obama. Ich hab es geliebt zuzuschauen, wie er eine Treppe runterläuft.
So krass entspannt.
Der Arzt hier läuft ähnlich. Und füllt sich genauso entspannt die Wasserflasche. Der Wasserspender steht direkt neben mir.
Ich denke ,,och, den hätt ich jetzt gerne als meinen Arzt."  Aber er geht in die Tür neben dem Raum, in dem ich mein date  erwarte. Schade. Macht aber auch nix.

Ich sehe eine Schwester, die so missmutig ist, dass ich erschrecke.  Sie pendelt zwischen den 2 Zimmern hin und her. Alles an ihr ist missmutig. Ihr Gesichtsausdruck. Ihre Körpersprache. Ihr Schritt.
Ich hoffe, sie wird nicht für mich zuständig sein.
Aber wichtig ist das jetzt alles nicht.

Irgendwann werd ich aus meinem Zuschauerdasein gerissen, ganz plötzlich.
In meine neue Wirklichkeit. Ich erschrecke schon. Dann geht alles ganz schnell.
,,Was führt Sie zu mir?" In aller Kürze versuche ich alle wichtigen Informationen unterzubringen. Eine kurze Nachfrage, dann kletter ich schon auf den Stuhl.
Alles so unwirklich,nach dem langen Zuschauen jetzt selber dran zu sein.
Und ja, es ist tatsächlich der entspannte Arzt für mich zuständig. Prof. Dr. Klar, wie ich jetzt weiß.
Und den ich immer aus Versehen Prof.Dr. Karl nennen werde. Und es mir schrecklich peinlich sein wird. Aber das weiß ich ja noch nicht.
Frau Missmut assistiert.
Und während ich es schaffe, mein Becken reglos in der Position zu halten und mit meinem Oberkörper gleichzeitig einen doppelten Korkenzieher zu drehen versuch, nehme ich zwischendurch kurzzeitig wahr, dass erstens der so freundliche, entspannte Professor mir die längste und brutalste manuelle Untersuchung meines Lebens zukommen lässt - und Frau Missmut mir, unbeholfen zwar, aber grad deswegen fast noch berührender, die Hand tätschelt. Und mich damit tröstet, wirklich. Oder zumindest mich zurückholt. In meine Wirklichkeit. Und durch ihre freundliche Berührung
eben mich tröstet. Das vergesse ich ihr nicht.

Dass zum Thema erster Eindruck. Und dass der nie täuscht, denke ich.
Vergiss das nie!, denke ich. Und präg es mir tief ein.

Als ich endlich erlöst werde, ist da genauso viel Blut wie bei der Frauenärztin.
Ich trockne mich so gut es geht ab und zieh mich wieder an. In der Schublade sind Vorlagen.
Sie sind eindeutig besser vorbereitet als diese Frauenärztin. Zu der ich nie wieder will. Die musste lange suchen in den vielen Schubladen, um endlich eine dünne verstaubte Binde herauszukramen.

Dann soll ich zu Frau Missmut. Sie sucht grad nach einem Termin für mich für MRT und CT. ,,Geht's auch um halb 8?" Ich, skeptisch ,, wenn da schon Straßenbahnen fahren?" Im selben Moment, in dem ich das sag, wird mir sofort schlagartig klar, wie saublöde das ist!! Und fix schiebe ich ohne Punkt und Komma "natürlich fahren da Straßenbahnen!!" hinterher.
Wie kann ich nur so dämlich sein!!!
Frau Missmut schaut mich neugierig an. Und ich stelle überrascht fest, dass sie eigentlich ganz nett aussieht. Wenn sie nicht missmutig ist.
Prof.Dr.Klar, dessen Name mir immer falsch herum aus dem Mund kommt, mischt sich ein. Wann denn der Termin wäre, der nächste freie. In drei Monaten. Ja nein, das geht jetzt nicht. So viel Zeit haben wir nicht. Beide überlegen.
Oder Frau manchmal-auch-mal-nicht-missmutig überlegt nicht mit, sondern tut nur so und wartet in Ruhe ab, was der Herr Professor so an Lösungen findet.
Sie schaut schon wieder eher neugierig. Oder vielleicht noch immer... Ich bin so ein Idiot!!
,,Also, wir müssen Sie einen Tag einweisen, stationär, dann müssen sie Sie untersuchen.  ...Also wenn Ihnen das recht ist." o Gott! Ja... ist mir das Recht??!! Ich versteh´s auch gar nicht. Ich entschließe mich zu einem nichtssagenden ,,mmmjoo?" Was soll ich sagen? Ja.  Macht, was ihr denkt. Ich blick grad nix.
Frau immer-noch-nicht-missmutig nickt und findet einen Termin in zwei Wochen. Der Herr Professor ist zufrieden und kehrt an seinen Platz zurück. Ich krieg einen Zettel in die Hand, mit dem Termin (worüber ich sehr erleichtert bin) und werde noch mal zum Professor geschickt. Der redet derweil vor sich hin. Ich setz mich und warte. Und höre zu. Manches versteh ich. Das meiste nicht.
An einer Stelle frag ich nach...... und zucke gleichzeitig zusammen. Wie bescheuert bin ich eigentlich grad!!! Er redet doch nicht einfach so vor sich hin, er diktiert doch! In seinen Computer! Ach Mann!!! Und ich schwätz da einfach rein!! Kann man eigentlich blöder sein als ich?!!!
Er redet einfach weiter. Kein Genervtsein in seiner Stimme. Immerhin.
Und ich frag mich im Stillen, ob  meine Stimme jetzt auch in der Dokumentation auftaucht? Also, was ich gesagt hab? Oder erkennt der Computer nur seine Stimme,und bei fremden ist das dann einfach nur Geräusch für ihn?
Ich kann nicht weiter darüber nachdenken, er ist fertig. Und wendet sich zu mir.

Ein bisschen was verstanden hab ich ja aus seinen Bemerkungen und Kürzeln. Tumor, 3 bis 4 Zentimeter groß, tastbar. Biopsie in die Wege geleitet.
Ok, er schaut mich an. Er ist wirklich sehr entspannt.
Sagt nicht viel, aber das in einem warmen, ruhigen Tonfall.
Das an sich tut schon gut.
Und dann beugt er sich ein kleines bisschen vor und sagt ganz lieb : ,,und wenn Sie mit dem ganzen Blut nicht klarkommen, dann können Sie gerne wiederkommen, auch in der Nacht. Wir nehmen Sie gerne stationär auf.
Sie müssen das nicht alleine aushalten müssen mit dem vielen Blut."
Da muss ich dann doch lächeln, bei so viel Freundlichkeit. Und bedank mich herzlich. Aber ich werd es nicht annehmen müssen. Es hört ja auf. Das Bluten. War bis jetzt immer so.
Er glaubt mir nicht, er wiederholt  es noch einmal, sein Angebot.
Und spätestens jetzt weiß ich : es ist wirklich viel Blut, was da aus mir rausläuft.
Wenn selbst der Prof.Dr. das so einschätzt. Der sieht den ganzen Tag die ganze Woche den ganzen Monat die ganzen Jahre bis hierhin so viele verschiedene Unterleibs von so vielen Frauen in so vielen Situationen und Stadien... wenn selbst der sagt ,,uiii, das ist aber viel Blut!", als ich vom Stuhl runterkletter, und mir jetzt auch noch nachdrücklich die Tür zur stationären Aufnahme aufmacht, dann hat das selbst einen so erfahrenen fremden-Frauen-in-die-Vagina-Gucker beeindruckt.
Dann ist es wirklich viel Blut.

Ergebnis der Biopsie können wir auch telefonisch machen.
Er ist echt so nett, wie er aussieht. Er muss das Tapfere in meinem Gesicht gesehen haben,als er einen Besprechtermin machen will und schwenkt auf Telefontermin um.
Hab ich mich doch nicht so getäuscht, was den ersten Eindruck angeht.
Wir müssen die Biopsie abwarten, sagt er.
Aber eigentlich ist es klar, oder? sag ich. Er nickt.
So gehen wir auseinander.
Sogar Frau Missmut nickt mir freundlich zu. Und sieht immer noch nicht mehr missmutig aus. Sondern irgendwie nett.

Ich geh da raus, mit diesem Eindruck. Sie sind freundlich zu mir. Fast lächle ich.
Eigentlich lächle ich. Die Untersuchung war nur wirklich quälend. Deshalb spür ich das Lächeln in mir. Aber draußen sieht man es glaub ich nicht.
Und das Ergebnis? Macht das gar keinen Eindruck? Ja gut.... ich hab schon immer mal wieder gespielt mit dem Gedanken, es könnte alles noch ein Irrtum sein. Aber eigentlich weiß ich es doch.
Das Ergebnis selbst macht erstmal keinen besonderen Eindruck.
Das Zwischenmenschliche schon.

So geh ich zu meiner schon ein bisschen vertrauten Linie 4. Und auf dem Weg dorthin spür ich, wie die Vorlage langsam aber unaufhaltsam nach hinten wegrutscht. Ich hoffe inständig, dass das dolle Bluten jetzt schon aufgehört hat. Und alles irgendwie doch gut geht.
Geht es auch.
Eigentlich, denk ich, als ich im Auto sitz
und mir meine Vorlage zurechtgezuppelt hab, eigentlich
war das jetzt alles in allem
doch auch ein guter Tag.
Doch auch.
Ja, das war er.
Schon anstrengend. Schon auch sehr schmerzhaft. Und verkrampft dadurch.
Aber immer wieder
doch auch gut.

Und das Allerschönste, das Nach-Hause-Kommen nach so einem Tag, das liegt ja sogar noch vor mir.
Jetzt lächel ich wirklich. Drinnen und draußen.
Was freu ich mich drauf!
Nach-Hause-Kommen!!!

nachtwind

Ich muss jetzt doch was richtigstellen.
Ich bin nicht dumm. Ich verhalt mich immer wieder mal saudumm, das schon - aber ich bin nicht dumm.
Gut, das verhindert nicht, dass man sich extrem dusselig anstellen kann. Im Umgang mit andren Menschen. Aber auch da gelingt es mir doch viel öfter als dass es mir eben nicht gelingt.
Sicher, vieles ist und bleibt schon ein wenig ungeübt. Aber hey - ich bin 70!
Das eine oder andere hab ich schon dazugelernt.
Und ich hab schon auch: Erfahrungen. 70 wird man nicht grad mal eben .

Was war dann da los? Damals. In dieser Zeit, der Uniklinikzeit?
Dass ich da so dämlich war.
Ich bin es ja schon gewohnt. Aber nicht in so einer Häufung.
Dass mir das gar nicht aufgefallen ist!
Erst jetzt beim Schreiben.
Was war da anders als sonst?

Als ich jung war, und verzweifelt, bin ich ein Jahr in die Berge.
So viel Not in der Welt. So viel Elend. Wie kann man da leben, in so einer Welt?
Mein Weg war der politische. Ich bin ihn gegangen. Bis an sein bittres Ende.
Dann wurde es klar: den letzten Schritt, den geh ich nicht.
Da hatte ich keinen Weg mehr.

Ich hab ein Kind in mir, das sein Wissen über das Leben aus den alten Märchen hat. Und wenn es ganz schlimm wird, wenn gar nichts mehr geht, dann steht dieses Kind immer noch. Wenn alle andren liegen. Und übernimmt die Führung.
Ist ja auch kein andrer mehr da.
Und so dachte ich, in meiner Not: ich geh in die Berge. In eine Höhle. 3 Monate.
Und warte, dass der Drache kommt. Und dann kämpf ich mit ihm.
Und entweder bin ich dann tot. Dann ist es eben so.
Oder ich habe einen neuen Weg.
Ohne Weg kann man doch nicht leben.

Also hab ich mein letztes Geld in Rosinen und Nüsse gesteckt und mir Tütchen gefüllt. Für je 3 Tage eine. Mir Ascorbinsäure aus der Apotheke besorgt, und dann bin ich los.
Die Alpen waren mir zu aufgeräumt, also bin ich in die Pyrenäen.
Aus  3 Monaten wurde ein Jahr und nein, - es kam kein Drache.
Aber ein paar Erkenntnisse, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war.
Und die ich in keiner Weise gesucht hab.

Eins davon war die Erkenntnis, dass ich viele bin. Nicht nur eine.
Ich war ja politisch drauf, und Psychologie war Opium für's Volk. Verachtenswerte Nabelschau. So war das damals.
Ich wollte davon nix wissen.
Aber es ließ sich nicht verdrängen. Irgendwann hab ich aufgegeben.
Geholfen hat's mir erstmal nix auf meiner Suche nach dem neuen Weg.
Aber später ist mir genau das Thema wieder begegnet, in der Psychosynthese arbeiten sie genau damit. Da war ich Feuer und Flamme.
Es war mir so vertraut.
Heute ist es Allgemeingut.
Und das ist gut so.
Denn es hilft enorm.
Um zu verstehen.

Ich denke, in der Situation da bei der Untersuchung, da musste eine  übernehmen, die bei mir noch keinen Namen hat.
Die Untersuchung war schon nicht schön. Eigentlich war sie ziemlich gewalttätig.
Da blieb nur jemand übrig, der ganz viel Kopf hat. Und ziemlich wenig eignes Gefühl.  Aber ganz viel Bereitschaft, die Verantwortung zu übernehmen. Atemberaubend viel Verantwortung.
Und ist doch noch ein Kind.
Ja, so macht es Sinn.
Die mit viel Kopf, die sind klug und alles. Aber mit den Menschen, da haben sie es nicht so. Also wie der Umgang ist, der gelungene. Dafür sind andre zuständig. Die können das wirklich gut.
Aber die waren alle grad in mir selbst beschäftigt. Mit dem, wie's für mich war.
Die hatten keinen Kopf frei für's Außen.
Die wurden drinnen sehr gebraucht.
Und so war ich vertreten von einem 7 bis 9jährigen (so genau weiß ich das nicht mehr) Kind. Das die Verantwortung übernahm. Wie damals. Verantwortung übernehmen kann es gut.
Aber es bleibt ein Kind.

Jetzt macht es mit einem Mal Sinn.
Warum mir so viel schief ging da. In dieser Zeit.
Und plötzlich ist es mir nicht mehr zum schämen.
Im Gegenteil.
Ich habe Achtung vor diesem Kind in mir.
Das übernimmt. Es trägt uns durch die Situation. Mit seiner Verantwortung.
Aber es bleibt ja nu ein Kind. Natürlich.

Ich hab schon unglaubliche Kinder in mir!
Hochachtung! Warme.
Da steht immer noch eines, auch wenn ich schon längst lieg.
Und versucht irgendwie, den Weg da raus zu finden. Für uns alle. Aus dem Desaster.
Die Untersuchung war schon gar nicht schön.
Da passieren mir dann eben so dumme Sachen.
Weil ich eigentlich schon  längst nicht mehr vollständig bin.
Weil die meisten in mir ganz arg beschäftigt sind gerade. Mit Wichtigem.
Ganz wichtigem in mir.
Wer übernimmt? Ein 7 bis 9jähriges Mädel.

Aber : warum?

Menschliches. Zwischenmenschliches. Da sind sonst ganz andre an der Reihe. Die das können. Und mein Kopf passt nur leise im Hintergrund auf alle und alles auf.
Sind die jetzt nicht mehr da, gerade? Die das können. Sind sie ganz tief in mir zugange?Und haben ganz was andres zu tun? Scheinbar. Vielleicht.
Ich hab  schon gelernt, einiges auch vieles manchmal zu sehen in mir. Aber wenn's in die Tiefe geht, da seh ich nix. Das ist dann auch für mich
ein Raum für Mysterien.
Wer weiß, was da so abgeht.
Wer weiß das schon.
Ich mal nicht!

Eine Frage bleibt mir trotzdem, und die hat schon Wucht in mir:
warum übernehmen Kinder in solch besonderen Situationen die Verantwortung?
Ich hab doch viele, die das erwachsener könnten!
Warum ein kleines Kind in mir?
Was ist der Sinn dadrin?

Sind das die verwunschenen Kinder?
Die sich so lange melden, bis sie erlöst sind?
Es gibt doch viele in mir, die erwachsener sind. Und trotzdem nett.
Die wären doch froh und glücklich, wenn sie das kleine Kind beschützen könnten. Damit es in Ruhe und Sicherheit heranwachsen kann. Sich entwickeln kann.
Warum übernimmt dann trotzdem das kleine Kind?

Weil es das kann?
Weil es eben nicht darum geht, es zu schützen, sondern weil es das eben gut kann. Und seine Aufgabe eben ist, das zu tun, was es gut kann?
Und normalerweise ein Kind die Verantwortung übernimmt, wenn es schon ein ganzes Stück älter ist? Und deshalb die meisten Menschen deshalb eben nicht so auffallen, weil ihr Kind, das die Verantwortung übernimmt, eben viel älter war.
Und somit schon geschickter im Umgang mit anderen.
Da fällt es vielleicht nicht so auf.

Oder ist es doch eher, dass sich da ein verwunschenes Kind meldet?
Das nichts andres will als erlöst werden?
Aber wie erlöst man so ein Kind?
Das frage ich mich schon so lange in meinem Leben.

Es fällt mir nicht schwer, mütterlich zu fühlen. Und zu handeln.
Meine eignen Kinder haben mich gelehrt, aufmerksam zu sein, was Kinder grad so brauchen.
Also ich war jetzt bestimmt keine Vorzeigemutter. Und meine Kinder sind nicht die glücklichen Erwachsenen geworden, denen alles mühelos gelingt.
Es tut mir bis heute in der Seele leid, dass ich sie nicht besser auf einen guten Weg hab begleiten können.
Aber ich weiß auch, dass ich mein Bestes versucht hab zu geben. My very best.
Mein Bestes war nicht gut genug. Für ein warmes gutes Leben. Für sie.
So wie ich es mir halt so wünsch für sie.
Wo die Probleme
lösbar sind.
Und warme Güte
leuchtet.
Auch in der Nacht.

Aber es war mein Bestes.
Ich hab nicht gekniffen.
Ich hab mich dem gestellt.
Ich hab es ernst genommen.
Ich hab es viel geübt.

Ich mag Kinder so gern! Also jetzt nicht alle. Aber die meisten.
Und ich nehm sie ernst.
Habe viele Jahre im Kindergarten gearbeitet. Und mir bei jedem Kind versucht, die Frage zu finden. Wenn etwas nicht so klappt. Bei ihnen.
Was ist die Frage dahinter?
Es ist nicht so, dass ich sie immer gefunden hab.
Aber schon immer wieder.
Manchmal auch ganz aus Versehen.
So als ob es reicht, ernsthaft feste nach der Frage zu suchen.
Dann muss man sie nicht unbedingt finden.
Manchmal auch findet die Frage dann mich.
Und das plötzliche Aufstrahlen in ihnen lässt mich wissen : ach was?! DAS war die Frage?? Krass!

Was ich sagen will: Ich bin nicht ungeübt darin, Kindern Mut zu machen. Dass das schon was wird. Mit ihrem Leben.
Warum erreiche ich nicht, dass meine inneren Kinder erlöst werden?
Oder geht es gar nicht darum, sie zu erlösen?
Sondern vielleicht: sie zu würdigen?
Ich weiß es einfach nicht.
Sich eben nicht für sie zu schämen?
Sondern mutig sie zu sein. Wenn sie sich melden.
Ich weiß es einfach nicht.

Aber ich höre nicht auf, mich das zu fragen.

Das alles hab ich damals nicht so bedacht. Für mich ging es da um andres.
Aber jetzt beim Schreiben fällt es mir schon auf.
Und ich denke darüber nach.
Zumal noch Situationen auf mich warten, in denen es mir sogar selbst in dem Moment klar wurde. Dass sich hier ein Kind in mir zu Wort meldet.
Und mich das sehr berührt hat.

Aber in der Situation damals fing es für mich an um's Eingemachte zu gehen.
Das hat die Energien gebunden.
Da war ich nicht aufmerksam.
Erst jetzt fällt es mir auf.




 

nachtwind

Ja, langsam geht's an's Eingemachte....
immer wieder....

Ich bin ja ein Schisser, und Schisser bereiten sich ständig auf irgendetwas  Schweres vor. Auch wenn selbst am Horizont Nix Bedeutsames droht - Angsthasen finden immer was. Man weiß ja nie....
allein das reicht ja schon.
Aber diesmal droht am Horizont ja nun tatsächlich schwer zu entscheidendes.

Und so hab ich mich als zünftiger Angsthase natürlich vorbereitet und alles mal so vorsortiert.
Was schon an sich schon
überhaupt nicht einfach war!

Krebs.... was tun jetzt. Ich werd mich entscheiden müssen. Ob ich will oder nicht.
Ich will nicht.
Es gibt so viel, was ablenken kann von dieser Frage. Erstaunlich viel.
Aber es hilft ja nix. Jeden Tag versuche ich mich zu zwingen. Darüber nachzudenken.
Meistens nicht wirklich erfolgreich. Manchmal aber schon.
Komm schon - denk mal wirklich ausführlich nach!!
Also gut, es gibt drei Antworten auf Krebs: Chemo . Bestrahlung. Op.
Erste Reaktion? Ich will nicht!!
0k, vier. Nix gibt's auch.
Also jetzt: nachdenken! Kann doch jetzt nicht so schwer sein!
Ewig Zeit hast du jetzt auch nicht! Es braucht Antworten!

Ich gehe aussergewöhnlich viel spazieren in der Zeit.
Immer auf der Suche nach einer Lösung. Nach Klarheit. Nach Kurs.
Ich versuche ernsthaft nachzudenken!
Und verlier mich doch immer wieder in Gefühlen. Keine Tabellen mit Für Und Wider, keine gesammelten Daten, die sich vergleichen lassen, entstehen in mir.... immer wieder verlier ich mich in Bildern. Gefühlen.
Und ich brauch lange, bis mir dämmert, dass ich mich darin nicht verliere.
Sondern mich finde.
Und dann geht es langsam seinen Weg.
Ich denke nicht mehr. Ich folge meinen Gefühlen.
Und finde so, erst zögernd, dann immer klarer, meinen ganz eigenen Weg.
Meinen ganz eigenen Weg. Um meinen Weg zu finden. Durch diesen Dschungel Krebs - mit unzähligen Abzweigungen und Pfaden, und an jeder Stelle musst du dich entscheiden: wo geht es jetzt lang für dich.

Also nochmal, alles auf Start. Worum geht es eigentlich?
Ich muss mich entscheiden, welche Antworten auf Krebs für mich in Frage kommen. ?
Hmmm.... worum geht es wirklich?
Um Krebs?
Hmmm.... worum geht es wirklich für dich?
Um meinen Körper?

Fühlt sich wie ein entscheidender Treffer an.
Ist ein entscheidender Treffer.
Es geht nicht um Behandlung, es geht auch nicht um die Krankheit -
es geht um meinen Körper.

Woran ich das merk?
Gefühle.
Es geht um die Behandlung - nix. Keinerlei Gefühle melden sich. Nada.
Es geht um Krebs - bisschen was an Gefühlen. Nicht wirklich nah. Aber immerhin.
Es geht um meinen Körper - und da strömt es warm und nah und tief.
Darum geht es wirklich.

Ich folge diesem Weg.
Und schon geht's los.
Das hat jetzt wirklich was mit mir zu tun.

Ich hab mich zwischenzeitlich immer mal wieder gewundert, dass die ganz großen Gefühle ausbleiben. Ich bin ja nicht doof. Ich weiß, sie werden noch kommen. Ohne geht es doch nicht.
Oder?

Jetzt fließen die ersten Tränen. Warm
wie das Blut, das aus mir floss.
Klar, sind ja beides Flüssigkeiten. Auf Körpertemperatur.

Was ist mein Körper?
Was ist mein Körper mir?
Mein allerbester Freund ...
mein loyalster Freund ever!

Da kommt nix dran. Ganz lange nix. Und dann kommt eine kleine Ewigkeit lang wieder nix.... so loyal, dass es mich schüttelt....
Alles hat er versucht zu machen, was ich nur wollte. Egal, was es ihn kostete.
Immer hat er sich meinen Bedürfnissen, meinen Ideen, meinen Wünschen untergeordnet. Und versucht, das umzusetzen.
Selten, sehr selten hat er mal selbst die Kontrolle übernommen. Und eh ich nur einen Gedanken fassen konnte, gehandelt.
Und mir das Leben gerettet.
Mein loyalster Freund ever.
Wie oft ist er mir gefolgt, obwohl er selbst nicht mehr konnte.... eigentlich krank, ich aber will arbeiten. Was macht er? Geht arbeiten. Und dann im frei? Zack, krank. Und nach dem Frei? Zack , geht wieder. Arbeiten. Nächstes Frei? Zack krank.
Wer kennt das nicht.
Alles hat er mir ermöglicht, was er nur konnte!!! Egal, was es ihn kostete.
Und was hab ich ihm gedankt, dafür?
Jetzt kullern die Tränen. So ein unglaublicher Freund!!!!
Und was mach ich????
Karl Arsch ist nix dagegen.... Ich schäm mich so.

Und jetzt?
Jetzt ist er alt, mein bester Freund. Er ist alt, und müde.
Klappt nicht mehr so mit der Immunantwort....  er ist halt ein bisschen müd geworden. Unter all den Taten, die er für mich ausgeführt hat.
Ohne Dank dafür. Ohne dass ich ihn gefragt hab, was er denn mal so braucht.
Was er so mal gerne machen tät. Was ihm Freude macht?

Ganz so stimmt es jetzt auch nicht - aber im  Verhältnis stimmt es  dann doch wieder.

Ich hab viel geweint.
Nicht spektakulär. Eher leise.
Aber tief. Ganz tief.

Mein bester Freund, mein loyalster Freund, mein langjährigster Freund, mein einziger Freund manchmal, aber immer: mein allerallerbester Freund
ist müd geworden.
Und er darf müde sein.
Er hat soviel mehr geleistet, als er je hätte tun müssen.
Er darf jetzt müde sein.
Es ist in Ordnung.
Ich liebe ihn so.

Ich lieb ihn so.








nachtwind

Ein jetzt geht's an's Eingemachte kommt selten allein....

Nachdem ich rausgefunden hab, um was es wirklich geht, ordnet sich alles weitere fast mühelos von selbst.
Wohin geht jetzt also die Reise?
Vier mögliche Routen, plus Kombinationen natürlich auch.
Route 4 fällt dann mal ohne Zögern sofort raus aus dem Topf.
Nix tun?
Mein Körper wollte immer leben. Ohne jeden Zweifel.
Es ist ihm naturgegeben der stärkste Trieb. Die Grundlage für alles weitere.
Mein loyalster Freund, was wird er jetzt wollen? Wenn nur er entscheiden könnt?
Nix tun mal sowas von nicht!!
Route 4 ist raus.

Route 3? Chemo?
Mein Körper war mir immer ein guter Freund.... war immer für mich da.
Jetzt ist er ein bisschen müd. Schwächelt ein bisschen.
Ihn jetzt mit Knüppeln über die Hürden zu prügeln..... es widerstrebt mir so.
Das muss nicht sein. Auch wenn alle das so machen - ich muss das nicht so machen. Er ist mein guter Freund.
Unsre gemeinsame Zeit neigt sich eh dem Ende entgegen. Ich bin im Winter meines Lebens angekommen. Und er - mit mir.
Da muss er jetzt nicht mehr mit Knüppeln über die Hindernisse geprügelt werden.
Ein bisschen Würde
hat er sich sowas von verdient.

Also Route drei auch raus.
Bleibt Route 2 (Bestrahlung) und Route 1 (Op).
Route 1 war schon früh raus. Genug Gewalt. Bitte nicht.
Bleibt Route 2.
Bestrahlung.
Ich hab gar nicht so viel gefunden zu Bestrahlung bis jetzt in meinen  Recherchen. Ich weiß, das klingt jetzt saublöd - aber das hilft mir, mich dafür zu entscheiden.
Es spricht wenig dagegen, wenn man nicht viel weiß darüber.
Ein saublöder Grund. Das weiß ich schon.
Aber es ist, wie es ist.
Ich suche nicht den richtigen Weg.
Ich such meinen Weg.

Es ordnet sich alles von selbst.
Und so wird mir auch die Zeit jetzt gefüllt.
 Nicht mehr mit Thema möglicher Tod, nicht mit Krebs und was soll ich jetzt um Himmels Willen tun?! - es ist im Nu zu einer Geschichte von einer wunderbaren Freundschaft geworden. Und ich mittendrin.
Mit dieser Freundschaft waren die Tage jetzt gefüllt.

Ich weiß selbst, dass es ziemlich absurd ist. Aber ich habe allen Ernstes meinem Körper versichert, jetzt bin ich für dich da - ich lass dich nicht allein....
Höh???
Ich bin nicht beschränkt, ich weiß, wie absurd das ist.
Und trotzdem hab ich es nicht zurückgezogen.
Auf eine selbst für mich eigenartige Weise
hatte auch das
seine Berechtigung.
Es war echt.
Es war nicht abstrus.
Es fühlte sich richtig an.
Trotz aller Gedanken dazu... (wie absurd das ist).
Manchmal, ganz manchmal
haben auch ganz klare, ganz deutliche, ganz zweifelsfreie Gedanken
trotzdem nicht recht.
Manchmal ist es trotzdem so.
Auch wenn alles dagegen spricht.
Manchmal
ist es einfach so.

Es waren innige Tage.

Dann das Telefonat, Ergebnis der Biopsie.
Nicht eindeutig.
???
Muss nochmal gemacht werden.
Aber Sie haben den Tumor doch ertastet?!
Ja, aber wir brauchen eindeutige Ergebnisse. Und die haben wir jetzt
noch nicht.
Ok, neuer Termin.
Ich kann das ja jetzt schon ziemlich gut.
Linie 4 und ich werden immer vertrauter. Das ist irgendwie nett.
Und auch die Uniklinik...na gut: dieser EINE Flur, den kenn ich schon ein bisschen. Vermutlich gibt es siebenhunderttausenddreihundertachtundvierzig verschiedene Flure.
Aber dieser eine, dieser eine meine, den kenn ich eben schon mal ein bisschen.
Und auch das
lässt mich ein bisschen lächeln.
Nur ein winziges bisschen.
Aber hey! Immerhin!

Professor Dr Karl, der eigentlich Klar heißt, ist wieder da, und auch Frau Missmut, aber die ist jetzt von Anfang an nicht missmutig. Vermutlich erwartet sie neue Absonderlichkeiten von mir, aber mir ist das egal. Hauptsache nicht missmutig.
Und Hauptsache schnell wieder raus hier.
Diesmal hat der Professor eine Auszubildende dabei. Ist schon ok - irgendwo müssen die ja nun auch ihre Erfahrungen sammeln. Sonst können sie ihr Handwerkszeug ja nur in der Phantasie. Das ist ja auch nix.
Also sie macht die Untersuchung und die Biopsie.
Ist bestimmt ein eigner Punkt, den man abarbeiten muss.
Zwanzig Untersuchungen, zwei Biopsien, fünf Aufklärungsgespräche....
wird alles gegengezeichnet, braucht man, um die nächste Prüfung zu machen.
Schon ok.
Sie ist auch Welten sanfter in der Untersuchung. Aber das mit der Biopsie klappt irgendwie nicht. Und wieder nicht. Und wieder nicht. Und auch beim 4. Mal nicht.
Langsam ist mein Vorrat an ich-steh-das-ganz-ruhig-durch fast aufgebraucht.
Und sie wird auch immer nervöser.
Es tut mir leid, sagt sie zu mir. Ziemlich ohne Gefühl.
Vielleicht ist ihr grade eingefallen, dass man das an dieser Stelle so sagen kann.
Vielleicht gibt's ja auch Noten.
Ich spüre, wie mir mein Vorrat durch die Finger rinnt und ich beschließe, sie zu beruhigen. Irgendwie. Damit wir eine Chance bekommen, das jetzt irgendwie hinzukriegen. ,,Nur kein Stress!", sag ich. ,,alles gut!", sag ich.
Naja, ich geb es zu, ich quetsch es eher so raus.
Es nutzt auch nix.
Es ist scheint's das viele Blut. Der Herr Professor wird auch unruhig.
Ach scheisse... das tut mir jetzt echt leid. Die Arme!!
Es wird auch beim 5. Mal nicht besser.
Irgendwann erklärt der Professor die Prozedur als erledigt. ,,Das muss jetzt reichen."
Ich habe das Gefühl, ich hab es mit dem  Versuch, sie zu beruhigen nur noch schlimmer gemacht für sie. Sie ist echt angestrengt höflich.
Es tut mir leid.
Aber es war jetzt eben so.
Kurzes Gespräch noch zum Abschluss mit dem Professor. Wie es jetzt weiter geplant ist. Wenn die Biopsie funktioniert hat.
Also : Op.
Ich ???
Etwas heiser: was ist mit Bestrahlung???
Er: hier in der Uni ist das das Procedere. Op.
Ich: schweig.
Er: das kann man natürlich hinterfragen.
Sagt er so für sich, im Aufstehen.
Ich bin kurz ganz hellhörig. Soll mir das was sagen?!
Er ist schon bei den MRT- und CT-Untersuchungen, die jetzt anstehen.
Ich frag nochmal nach: also keine andre Möglichkeit als OP?
Er nickt. Auf seine freundliche ein bisschen abwesende Art.
Ja. Op. Keine Alternative.
......
Ich wollt ja möglichst schnell hier wieder rauskommen, am Anfang.
Jetzt mag ich gar nicht gehen.
Aber ich muss ja.
O Mann!!!!

Ein jetzt geht's an's Eingemachte kommt vielleicht halt einfach nicht allein.
Ich fühlte mich gut vorbereitet.
Jetzt geht alles wieder von Vorne los.

Sitz in der Straßenbahn, ein bisschen betäubt. Seh einen jungen Mann an einer Haltestelle sich genüsslich eine Zigarette anstecken. Ich beneide ihn.
DAS würd ich jetzt auch sooo gern grad.
Ich denk kurz: das mach ich jetzt!! Ich kauf mir Tabak und dreh mir eine! Ist doch eh scheiss egal grad!
Es ist erst etwas mehr als ein Jahr, dass ich das Rauchen aufgehört hab. Nach 54 Jahren exzessivem Rauchen.
Das mach ich jetzt! Scheiss drauf!
Ich muss ne Menge aufbieten, um mich dagegen zu stemmen.
Gott sei Dank fährt die Straba noch ne Weile.
Und als ich ankomm auf dem Parkplatz, ist diese Gefahr auch schon wieder gebannt.
Puh!
Glück gehabt!

Hardworking Fool

Ach Mensch! Ich würde dir jetzt so gerne irgendetwas hilfreiches sagen, aber ich glaube nicht, dass es in deiner Situation wirklich Worte gibt die helfen können. Deshalb würde ich mich gerne einfach zu dir setzen. Wenn du magst kann ich deine Hand halten damit du weißt, dass du nicht allein bist.
Aber wie du willst. Wenn das zuviel ist, dann bleibe ich einfach in der Nähe. Kann ja sein, dass du einen Tee oder einen Bonbon oder ein paar Salzletten brauchst.

Liebe Grüße

Fool

Feli

Ich bleib auch mal in der Nähe. Ich könnte Dir Multivitamin-Bonbons anbieten und Salzbrezeln hätt ich da.

Aber ich will noch dazu sagen, dass ich Deine Einstellung zu Deinem Körper einfach wunderbar finde. Ich finds toll, wie Du Dich kümmerst, das ist so wichtig.

Und angebrachter Stolz ist auch dabei, darauf dass Du Deinem Verlangen (Zigarette) nicht nachgegeben hast!! Ich stell mir das schon sehr schwer vor.

Liebe Grüße
Feli

Ponyhof

Liebe @nachtwind

ich hab hier schon dreimal angefangen über Krebs und Behandlungen zu fabulieren und alles wieder gelöscht.
Was weiß ich schließlich über Dich und deinen Weg. Insbesondere, wenn Du sagst, Du willst es gar nicht so genau wissen...

Die Uniklinik heidelberg hat eine Hotline, kennst Du die? Die sind sehr nett. Da kann man anrufen und Fragen stellen. (Oder anrufen und reden, wie man hört. Das hab ich aber noch nicht selbst ausprobiert ich bin mehr Fraktion Internet. 😉) . Ich fand sie schon mehrfach sehr sehr hilfreich.

Und ansonsten wünsche ich Dir einfach mal alles gute für Dich und deinen eigenen Weg. Ist schließlich dein Körper. Wer sollte besser als Du wissen, was für ihn richtig ist?

Liebe Grüße
Ponyhof

nachtwind

Uiiii .... jetzt bin ich ein bisschen sprachlos - damit hab ich jetzt nicht gerechnet.
Nicht mit so freundlicher Anteilnahme... und auch nicht damit, dass es mich so rührt.
Hardworking  (so heißt du für mich... fool merk ich irgendwie nicht so, aber  hard working schon) und feli und ponyhof (ich hab auch schon in Gedanken dir in dein Tagebuch geschrieben - aber ich bin erst auf Seite 8 und es gibt noch so viele Seiten.... Ich trau mich nicht, weil ich so vieles ja gar nicht weiß von dir. Aber wissen könnte, wenn ich alles gelesen hätte.) - ich dank euch.
Eine kleine Welle an Anteilnahme und Hilfsbereitschaft ist in meine Küche geschwappt - und macht diesen heißen Tag ein kleines bisschen weniger heiß.
Durchgehend schon. Den ganzen Tag.
Vielen Dank dafür.

Jetzt bin ich schon versucht es zu unterschlagen.... weil ja vielleicht nochmal so eine Welle schwappt, und ich das nicht verhindern will, auf keinen Fall!, aber ich sag's jetzt doch. Wär sonst auch nicht fair.
Ich schreib zwar jetzt - und vieles auch in der Gegenwart, weil es so auch stimmt für mich, ich fühl's ja dann auch so grad, aber
das Ganze liegt schon in der Vergangenheit. Hab ich alles schon überlebt. ;-)
Es ging nur alles so Schlag auf Schlag - ich hab das Bedürfnis, dass nochmal mir anzuschauen, was da alles so war.
Ich bin eher so ein flüchtiger Denker.... beim Schreiben wird mir manches klarer als wenn ich nur dran denk. Manches versteh ich auch besser. Über manches denk ich auch zum ersten Mal genauer nach. Und das will ich auch.
Es war schon
ziemlich viel.
Und ewig Zeit
hab ich so oder so ja nicht mehr dafür.
Und ich bin eben so ein ich-kann-nur-schreiben,-wenn-es-auch-jemanden-gibt,-der-das-auch-liest-Schreiber. So für mich allein, das krieg ich nicht hin.
Deshalb bin ich hier.
:-)

Also nochmal danke euch dreien.... für euer Mitgefühl und eure Hilfsbereitschaft! Das tat mir jetzt mal richtig gut!
:-)

nachtwind

Manchmal brechen eben auch mal ein paar Dämme
Ich habe Gott sei Dank nicht nah am Wasser gebaut.
Eine Riesenüberschwemmung gibt es nicht.
Aber jetzt kommen regenreiche Tage.
Jetzt wein ich immer wieder mal. Richtig.
Ich finde den Weg nicht. Und es tut mir alles so leid.

Wäre jetzt diese Krebserkrankung nicht in mir drinnen und um mich herum und forderte nicht ständig einen klaren Kopf und elementare Entscheidungen, dann wär ich jetzt versunken.  Aus und vorbei für ein paar Monate.
Soll das heißen, es hat auch was Gutes?
Ja, irgendwie schon.
Sicher, ohne die Erkrankung hätt ich diese Probleme ja gar nicht. Aber trotzdem:
Der Krebs macht jetzt grad mein Leben ziemlich schwer. Aber er hat auch ein paar Hilfestellungen in sich, ein paar Leitplanken, die verhindern, dass ich versinke.
Das muss ich ihm jetzt schon auch lassen.

Also jetzt doch die gewalttätige Lösung??
Ich denke an meine Gebärmutter. Über sie nach.
Es ist wie immer - wenn der Abschied droht, wird einem klar, wie wertvoll der oder die oder das ist, das uns droht zu verlassen.
Ich denke, wär ich mal bloß aufmerksamer gewesen, hätte ich ihr mal viel mehr Beachtung geschenkt, als sie still in mir war die ganze Zeit, dann würde es mir nicht ganz so schwer fallen.
Aber erstens weiß ich das nicht so genau, ob das stimmt, und zweitens
hab ich eben nicht.
Also: du hast noch ein paar Tage - mach was draus.

Und wieder geh ich spazieren, jeden Tag, und diesmal denke ich an meine Gebärmutter. Und mit einem Mal wird mir klar: meine Gebärmutter
ist die Heimat meiner Kinder.
Da bricht ein Damm.
Und ich denke: darf man denn die Heimat seiner Kinder vernichten?!
Ohne dass die Berge einstürzen und der Himmel sich verfinstert... ob des Frevels....
Darf man das?!!! Wie
darf man das....
wie kann man das?
Mir graut davor

Und ich denke an meine Gebärmutter, was sie alles mir ermöglicht hat in meinem Leben.
Still. Als sei es selbstverständlich.
Ohne je etwas einzufordern dafür.
Denke an die unglaubliche Leistung, die sie vollbracht hat. Einfach so. Als sei es nix.
The magic place inside me.
Der Platz in mir, in dem Magie möglich war.
Und stattfand.

Weiß sie, worum es grade geht??

Mir graut davor

Und wieder bricht ein Damm.

Und dann, später noch, kommt mir ein Gedanke.... da bricht ein wichtiger Damm. Ein wirklich wichtiger Damm. Der sollte nicht zu oft brechen.
Aber er bricht.
Meine Gebärmutter war mir immer eine stille, mächtige, hilfreiche Freundin.
Hat mir das größte Glück meines Lebens möglich gemacht.
Musste sich dafür dehnen bis zum geht .nicht mehr.... hat sie gemacht, einfach so. Als wär es nix. Hat zusammengehalten das Nest. Behütet meine Kinder. Egal was ich auch draußen grad so wichtiges glaubte zu tun zu haben - sie hat meine Kinder beschützt. Sie ernährt. Ihnen alles gegeben, was sie brauchten. Während ich ganz andre Dinge im Kopf hatte. Und tat.

Und jetzt???!!! Was mach ich jetzt??? Mit dieser meiner so besonderen Freundin???
Ich sag ihr: ja sorry, tut mir echt leid - aber du musst jetzt sterben.
Damit ich lebe.

Da bricht der Damm.  Vielleicht auch noch einer. Ich verlier die Übersicht.
Krieg keine Luft mehr....versuch zu laufen.... aber wie soll das gehen?
Es ist ja ich, vor der ich weglaufen muss.
Wie läuft man vor sich selber weg?

In mir hallt immer dieser Satz. Ja sorry, ich liebe dich und ich danke dir - und jetzt schick ich dich sterben. Damit ich leb.
Und ich lauf und lauf und ich komm nicht weg von mir... und immer hallt dieser Satz in mir...
mir graut vor mir

Was bin ich nur für eine Freundin??!! Schick sie einfach in den TOD??!!!
Sollte ich nicht sagen: hey... das stehen wir zusammen durch. Da gehen wir zusammen rein. Ich lass dich nicht allein. Und wenn's ums Sterben geht, dann bleiben wir zusammen. Wir stehen das zusammen durch.

SO geht Freundschaft.
Und ich????was mach ich???

Mir graut vor mir


Feli

Auch Dir vielen Dank für Deine lieben Worte, nachtwind!

Ich habe Dich mit Interesse gelesen und kann nachvollziehen, dass das ein besonderer Abschied für Dich ist (oder war). Leider (für manche Menschen leider. für mich selbst ein Überlebensmodus.) bin ich eher der pragmatische Typ. Solchen Typen wie mir würde ich den Rat geben: sag nochmal Danke und dann leg Dich unters Messer, es ist schließlich nur ein Organ. Ein Organ, was Dir viele viele Jahre lang gute Dienste geleistet hat, aber eben nur ein Organ. Deine Kinder hast Du ja, auch wenn sie inzwischen vielleicht schon groß sind. Konzentriere Dich auf Deine Kinder, die Dich so lange wie nur irgendwie möglich, behalten wollen! Und wer garantiert Dir, dass bei einer neuerlichen Schwangerschaft nicht ihr beide, also Du und das Kind, draufgeht? Oder nur das Kind? In diesem Fall würde ich dann doch lieber auf weitere Kinder verzichten und mich ans Werk machen, um so gut wie möglich für die bereits vorhandenen Menschleins dazusein.

Wenn ich mich allerdings in Deinen Abschieds- und Ablöseprozess hineinversetze, stelle ich mir den Abschied schon alles andere als leicht vor. In diesem Fall würde ich Dir dann vielleicht den Rat geben - halte Deiner Freundin gedanklich ihre Hand und begleite sie so liebevoll wie möglich durch diesen Sterbeprozess. Ich könnte mir vorstellen, dass sie zum Beispiel im Hospiz im Bett liegt und Du sitzt neben ihrem Bett, ganz nah, und hältst die ganze Zeit beruhigend ihre Hand. DAS wäre ebenfalls Freundschaft und ihr steht diesen Trauer- und Sterbeprozess zusammen durch. Dann könntest Du ein gutes Gewissen haben, dass Du sie nicht alleingelassen hast und Dir braucht nicht vor Dir zu grauen, denn letztendlich übernimmst Du durch diese Entscheidung die Verantwortung für Dein eigenes Leben, aber auch die Verantwortung, die Du als Elternteil Deinen Kindern gegenüber hast.

Du hast Deine Freundin übrigens mit wunderschönen Worten beschrieben, das hat mir sehr gefallen! <3

Alles Liebe Dir,
Feli


nachtwind


Es ist viel.  Die Beine werden immer schwächer.
Und die Versuchung ganz leise
immer größer.
Es ist zu schwierig. Ich kann das nicht.
Es weiß ja noch keiner. Hab's niemanden erzählt.
Jetzt einfach den Kopf in den Sand stecken. Merkt ja keiner. Wie auch.
Nur die Frauenärztin und die Uniklinik kennen meine Diagnose - und dafür gibt's doch die Schweigepflicht. Oder?
Und dann? Wie soll das dann weiterlaufen?
Irgendwann merkt man es eben doch, aber dann ist es zu spät, und ich muss keine Entscheidungen treffen.
Also sterben?
Sterben ohne fragwürdige Strapazen vorher. Von denen du nur eines sicher weißt: sie werden dich quälen! Deinen Körper quälen! Und schädigen.
Das ist sicher. Dass sie daneben auch helfen, das ist nicht sicher. 
Das kann sein. Muss aber nicht.
Hmmm... und das alles nur, weil du keine Entscheidungen treffen willst?!
Ja ok, das klingt jetzt doof....
Aber, fällt mir ein: ich hab doch bis jetzt großes Glück gehabt! Kein Jammern, kein Klagen, kein Gedöns.... wann immer es mal ansatzweise aufschimmerte von Ferne, da tauchte der Satz von der Rückfahrt nach Hause wieder auf:
,,Wenigstens sterbe ich nicht an Demenz oder ähnlichem!"
Das war mein Trost! Mein wunderbarer Trost! Der immer wirkte.
Immer!
Stimmt.
Ja, und wenn ich jetzt die Kavalerie loslasse und mich mitten reinstell in den Kugelhagel .... und dann zufällig geheilt daraus hervorgeh - dann kann ich ja doch wieder an Demenz sterben. Oder ähnlichem. Das ist doch bescheuert!!
Erst tröstet es mich. Und dann tu ich alles, damit es wieder möglich wird?!!?!!
...
Stimmt auch wieder.

Es ist nicht ganz einfach. Für mich. Einen Weg zu finden. Mit dem Krebs.
Und den nötigen Entscheidungen.
Ich mach es wie vorher - aber das ist mir überhaupt nicht klar.
Das fällt mir erst jetzt auf. Beim Schreiben.
In Echtzeit kommt es mir so vor, als müsste ich mühsam mir einen gehbaren Weg durch den Dschungel schlagen. Ohne sichere Aussicht auf Erfolg.
Aber irgendwas muss man ja tun!
Vielleicht wuchern diese Wege ja auch einfach ganz schnell wieder zu.
Wenn man sie nicht öfters geht.

Aber jetzt fällt es mir auf. Beim Schreiben.
Gedacht hab ich öfters an das alles. Aber da ist es mir nicht aufgefallen. Zu flüchtig, das Denken. Manchmal.
Aber jetzt fällt es mir auf. DAS hat mir geholfen.
Ich wette, jetzt wuchert der Weg nicht mehr so schnell zu.
Immerhin!

Ich taste mich versuchsweise weg vom Denken. Und such das Fühlen.
Worum geht es wirklich? Grad?
Na um den Krebs , Mann!!! Ich find mich selber selbst oft mal doof. Nervig!Korinthenkacker! Klugscheisser!
Ist gut jetzt!!
Also: worum geht es?
Krebs?
Hmmm
Therapieansätze? Oder besser Haltungsansätze?
Hmm joo ... schon was näher an Gefühlen
Um meinen Körper??
Um mich??
Um mich und meinen Körper?
Jetzt matcht es!
Es geht um mich und meinen Körper.
Fertig.
Um nichts weniger.
Und um nicht mehr.

Ok. Durchschnaufen!
Hab ich schon erwähnt, dass mir Selbstwirksamkeit der Schlüssel ist?
Damit ich wieder einfach leben kann?
Selbstwirksamkeit... wäre ich Michelangelo, ich tät so ein atemberaubendes Denkmal hämmern!!! Hätte die Welt noch nicht gesehen!
Selbstwirksamkeit!

Also, wieder zur Frage was tun jetzt?!
Ein bisschen erschöpft, aber neu beseelt, frag ich einfach mal. Meinen Körper.
Was jetzt tun?
Er antwortet sofort und ganz ruhig.
,,Wenn du mir sagst, geh auf den Berg und spring in die Schlucht, dann mach ich das. Ob ich das will oder nicht, dann mach ich das.
Wenn du dir sicher bist, dann mach ich das.
Aber wenn du mich fragst, dann sag ich ganz klar - NEIN."
Mein Körper. Ganz klar. Und ganz ruhig.

Und ich?
Ich schmelze dahin.
Was für eine Loyalität!
Unfassbar!!
Denn ich weiß : es stimmt.
Wenn ich mir sicher bin, dann macht er es.
Ein Freund, der bereit ist, für mich zu sterben. Obwohl er es überhaupt nicht will. Ist er bereit dafür. Ganz ruhig und ohne Aufsehen.
Mein Körper.
Himmel, was ein Freund!
Ich werd ganz demütig.
Was ein Freund.....
und ich hab das ganz aus den Augen verloren. Vor lauter Angestrengt!
Was ein Freund an meiner Seite!

Ich geh nach Hause.
Warm und geborgen. Und tief berührt. Darüber.
Es wird schon.
Mit so einem Freund an der Seite
wird das schon.
Das wird schon.
Das kriegen wir schon hin.




nachtwind

Der Rest ist, glaub ich, schneller erzählt.
Eigentlich war ja jetzt schon alles entschieden.
Ich musste nur noch fähig werden, es auch zu leben.
Zu ertragen.
Mich zu ertragen. Meine Rolle dadrin.

Geholfen hat mir das, was ich gelernt hab, weil ich so große Angst beim Zahnarzt hatte.
Ich sag ja, ich bin ein Schisser. Und so sind eben auch viele der Lösungen, die ich gefunden hab, Schisserlösungen.
Sie funktionieren aber trotzdem.
Meistens gut.
Zumindest für mich.

Zahnarztstuhl - Panikattacke. Also richtige. Die sich anfühlen wie gleich sterb ich hier.
Weil meine Kinder noch klein waren, war das keine Option.
Andererseits war mir klar: zu viele von diesen Attacken sollte ich jetzt auch nicht ansammeln.
Sonst  war's das irgendwann mit fühlt-sich-an-wie.
Jetzt hat der Mensch ja ziemlich viele Zähne.
Also was tun?
So hab ich das Bedanken gefunden.
Schon auf dem Weg dorthin, damit ich auch wirklich ankommen kann.
Schon am Abend vorher, damit ich schlafen kann. Wenigstens irgendwann.
Und vor allem: auf'm Stuhl.
Hab ich mich so intensiv wie nur möglich
bedankt.
Bei diesem einen Zahn.
Für alles.
In all den Druck, beim Ziehen, hab ich meinen Dank mit reingepresst.
Die letzten Worte wenigstens. Die waren wertschätzend. Anerkennend.
Ich hab mitgepresst.  Mit all meinem Willen. Und Dank.
Das war purer ehrlicher Dank. Nix schnie nix schna just pur.
Die letzten Worte wenigstens.
Punkt.

Ich weiß nicht, ob Zähne so was überhaupt gut finden.
Ich fand es gut. Für mich.
Es half mir zu überleben.

Auch ohne dass ich was wusste von Selbstwirksamkeit. ;-)

Und genau das fiel mir ein. Und genau das hab ich dann getan.
Mit meiner Gebärmutter.
Eine lange Zeit. Gefühlt sehr lange Zeit. Mit vielen Tränen.
Zerbrechendes-Herz-Tränen.
Immer wieder auch: schuldbeladene Tränen.
Es hilft ja nix. Es wird dadurch ja nicht besser.
Aber es wird lebbar.
Dadurch.
Man steht es durch.

Und irgendwann war genug geweint. Und genug gewertschätzt. Und genug geliebt.
Woran ich das gemerkt hab?
Irgendwann kam noch ein Satz dazu, den ich schon lange kenne.
Nie in einem solchen Zusammenhang. Aber er passte. Wie genau dafür gemacht.
,,Du gehst," hab ich meiner Gebärmutter gesagt, ,,du gehst schon mal vor. Ich bleib noch ein bisschen. Dann komm ich auch."
Und da war Frieden.
Auch für mich.


Funfact am Rande: ich hatte, schon lange vorher, Termine bei einer Kagelerin gemacht. Alle paar Jahre hab ich genug Leid gesammelt, um einen erneuten Versuch zu unternehmen. Etwas zu finden für meine Schmerzen.
Die Termine hatte ich jetzt. Dauert ja immer.
Sie macht Osteopathie und Craniosacral und all so was.
Vor zwanzig Jahren hat sie mir mal ne Weile geholfen.
In Anbetracht der Umstände hab ich die Prioritäten fix umgestellt. Sie sollte mir nur helfen bei den fiesen Schmerzen, die meine Oberarme durchzucken. Unvorhersehbar. Aber so stark, dass ich atmen muss. Also Wehenatmung. ;-)
Kann ich jetzt nicht so gebrauchen. Wo ich eh in neue Schmerzen geh. Sollt ich möglichst schuldenfrei reingehen, in so eine Zeit. Sonst erschlägt's mich noch. Vielleicht.
So ergab es sich, dass ich erzählt hab, kurz. Was ansteht.
Und was macht sie?
Arme sind ihr so was von egal. Bauch ist interessanter. Zieht sie förmlich magisch an.
Wir Menschen sind so.
Ich brauch das nicht. Ich will Arme. Aber dann
sagt sie etwas, und ich denk : ok.... DAS
kann ich jetzt doch
total gut gebrauchen.
Sie sucht und sucht , ganz intensiv, ganz konzentriert. Und sagt dann, eher widerwillig. Oder verblüfft: ,,ich kann da nichts finden! Da ist alles friedlich."
Ich weiß nicht, wie sie das herausfinden könnte.
Ich weiß nicht, ob ich dem trauen sollte.
Aber ich will es einfach!
Mein Herz geht auf.
Mir wird so warm.
(Es war ja Spätherbst. Da ist Wärme schon wieder kostbar.)
Es war ja auch mein Eindruck.
Aber mir misstrau ich immer gern.
Wie gut tut es da, wenn jemand von außen genau das
auch sagt.
Es ist wie eine Bestätigung:
es ist Frieden da.

Der Rest war jetzt tatsächlich schneller erzählt. Zumindest fühlt es sich so an. Für mich.
Aber eins ist mir schon auch aufgefallen, beim Schreiben, bis jetzt.
Ein, zwei, drei Sätze sind schnell geschrieben.
Aber sie gelebt zu haben, dass steht in keinem Verhältnis dazu.
Das zu leben
hat Tage, Wochen, Monate, Jahre manchmal Jahrzehnte gebraucht.
Erzählt ist es schnell.
2,3 Sätze paff! Schon fertig. So war's.  So stimmt's.
Gelebt - ja.... das kann dauern.
Sehr lange dauern.
Bis man da so anlangt.
Wo man da so ist.  Dann.

Hier waren es jetzt noch nicht mal ganz 2 Wochen.
Zwischen Op wird's - und dem Frieden damit.
Aber was für Wochen!
Prall gefüllt!
Gefühlt 2 Monate. Wären es bestimmt ja auch geworden. Mindestens.
Aber die Krebssituation komprimiert ja alles ziemlich  humorlos
und unnachgiebig.

Auch ne neue Erfahrung: komprimiert
kann ich auch. Manchmal.

nachtwind

Und es geht ja immer weiter. Schlag auf Schlag.
Kaum was geschafft, wartet schon das nächste.
Welle für Welle. Kaum Zeit, grad mal Luft zu holen. Und weiter geht die wilde Fahrt.

Von 8 bis 15 ( oder von fast 9 bis fast 16) hab ich in Afrika gelebt. in Namibia.
Aber damals hieß es noch Südwestafrika und war gefühlt fest in deutscher Hand. Also zumindest der Teil, in dem ich lebte.
Es herrschte Apartheid, und an Hitlers Geburtstag wurde gefeiert. Mit einem Umzug.
Aber das wusste ich noch nicht. Also wer Hitler war. Und dass man seinen Geburtstag sonst nirgendwo mehr feierte. Außer in Bierzelten, heimlich.
Und hämisch.
Ich wusste auch nicht, was Apartheid war. Ich sah nur, was ich sah.
 Nur für Weisse stand es überall, für schwarze und/oder Farbige stand es genauso - über Türen, an Sitzbänken, Geschäften, überall.
Die Welt aufgeteilt in Welt für Weiße. Und Welt für Schwarze.
Das sah ich.
Das das woanders nicht so war, das sah ich nicht. Und das wusste ich auch nicht.
Einmal kam mir etwas so komisch vor, das ließ mir keine Ruhe mehr. Also all meinen Mut zusammengenommen und gefragt. War ganz schnell klar: darüber redet man nicht. Und deshalb fragt man auch nicht. Und deshalb fragte ich nie mehr.
Internet gab es ja auch nicht.
Es war eine völlig andre Welt.

Was ich aber eigentlich erzählen will grad, ist, dass wir in den Schulferien schon mal ne Woche oder zwei  nach Swakopmund fuhren. An's Meer. Nicht oft. Aber bestimmt 2,3 mal.
So wie hier in Deutschland vielleicht mal an die Ostsee.
Nur war es da halt der Atlantik.

Der Atlantik ist ein wildes Meer.
Und manchmal ist es ein noch viel wilderes.
Dann wehen rote Fahnen an den Stränden. Und meistens sind die dann leer. Die Strände.
Sie waren ohnehin oft leer. Touristen gab es so gut wie keine.
Auch das
eine ganz andre Welt. Als heute.
Ist ja auch ne ganze Weile her.

Als ich geboren wurde, war der Krieg grad mal 9 Jahre her. Die Städte waren zwar freigeräumt von Schutt und Zerbombten und es gab Strom und Wasser und Straßen, aber eben viele, viele wilde Freiflächen in den großen Städten. Kaputt machen geht so schnell. Wieder aufbauen, das dauert.
Wohnungen gab es nur auf Bezugsscheine. Ein Ehepaar: ein Zimmer Küche Diele Bad. Ein Ehepaar mit Kind : zwei Zimmer Küche Diele Bad.
Mit zwei Kinder : dasselbe.
2 Zimmer hieß: ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer.
Mit zwei Kindern war das dann blöd.
Ich war das zweite Kind. ;-)

Ich bin da jetzt kein Zeitzeuge. Ich war schon geboren. Aber ich erinner mich natürlich da an nix. Was ich weiß, weiß ich aus Erzählungen. Und von den ganz wenigen Fotos, die es von dieser Zeit gibt. In unsrem Familienalbum.

Ich bin heut nicht so konzentriert. Ich mäander ganz schön.
Zurück zum wilden Atlantik. Wir also kommen zum Strand. Rote Fahne. Ich wusste nicht, was das genau heißt. Aber ich spürte den Sturm. Und ich sah die Wellen. Große Wellen! Sehr große Wellen. Sehr hohe.
Das reichte mir. Ich verstand.
Aber mein Vater sah darin plötzlich ein großes Abenteuer. Seine Augen blitzten.
Er war sonst nicht sehr emotional. Hat mich schon beeindruckt.
Weil ich in der Familie für sportliche Abenteuer zuständig war, war klar: jetzt muss ich ran.
Ich weiß nicht mehr, ob ich zögerte. Aber ich erinner mich noch, wie ich da stand. Und in das Tosen vor mir schaute. Mir war nicht wohl.
Und dann hol ich tief Luft - und tauche durch die erste Welle. Ab geht die wilde Fahrt! Welle auf Welle. Es gab kein Zurück mehr.
Nur: immer weiter! Immer weiter!
Ich war eine gute Schwimmerin.
Irgendwann war ganz plötzlich
keine sich überschlagende Welle mehr da.zum  Ich war ganz überrascht davon.
Es war nur noch: Meer.... das mich wiegte, mit seinen hohen, aber jetzt sanften Wellen.
Ich schnaufe durch. Erhole mich. Entspanne mich.
Kurz.
Ich war noch ein Kind. Aber ich war nicht dumm.
Ich schau mich um. Zum Ufer ist es überraschend weit. Und während ich noch leicht alarmiert zum Ufer schau, merk ich: es wird ganz schnell immer weiter.
Der Sog ins offne Meer ist stark.  So stark hab ich das noch nie erlebt.
Mir ist klar: Nix wie zurück! Sofort. Nicht mehr zögern. Sofort!
Ich schau mich um. Wo ist mein Vater? Ein Stück weiter draußen.
Ich ruf ihm zu: ,,ich schwimm zurück!"
Und dann geschieht etwas ganz gruseliges.
So wie ein extrem starker Albtraum. Den man noch tagelang spürt in sich. Auch wenn man längst aufgewacht ist ja. So greift das Grauen auch heute noch nach mir. Nach 60 Jahren noch. Wenn ich daran denke.
So wie jetzt.
Mein Vater bekommt eine Stimme, die ich so gar nicht kenne von ihm. Und er lockt mich, er bittet mich, er fordert mich heraus - noch ein bisschen.... noch ein kleines bisschen... komm schon... Hast du etwa Angst?!!! Komm schon, stell dich nicht so an!
Mit einer so widerlichen Stimme.
Das Grauen greift nach mir.
Und hat mich schon ergriffen!
Ich werfe mich herum und schwimme rasend schnell los.
Ich bin allein hier mit ihm! Nur er und ich in diesem großen Meer! Ich muss hier weg! Sofort!!
Ich rase durch das Meer Richtung Strand.
Wie weit ist er von mir entfernt?!!!!! 2,3, Längen. Ich bin ein guter Schwimmer. Aber er ist ein besserer. Wie lange hält mein Vorsprung??!! Wann packt er mich am Fuß?!!  Ich spüre schon seine Hand, jeden Moment erwarte ich seine Hand an meinem Fuß...... in mir schreit alles danach: Dreh dich um!!   Schau nach, wo er ist!!!!
Aber genauso laut: schau dich nicht um!!!! Schwimm!!!! Schwimm weiter!!!
Selten in meinem Leben bin ich so machtvoll zerrissen.
Das ,,Schwimm weiter!!!" gewinnt.
Aber das ,,dreh dich um!! Schau wo er ist!" hört deswegen nicht auf.
Ich schwimme um mein Leben!!
Ich schwimme um mein Leben!!!!
Wo ist der Strand?? Ich muss schauen. Wenn ich schräg schwimm, hab ich keine Chance.
Schau nicht!! Wenn du aufschaust, hat er dich!! Schwimm weiter!!
Schwimm weiter!!

Und dann geschieht es. Ganz plötzlich. Die erste Welle überschlägt sich.
Und reißt mich mit.
Es wirbelt mich herum. Und herum!! Wo ist oben??? Wo ist die Luft??!!
Ich weiß es nicht! Ich versuche verzweifelt aufzutauchen. Wo ist oben??!!
In gefühlt letzter Sekunde spüre ich Luft. Reiße meinen Mund auf. Und meine Augen.
Und sehe über mir eine 20-Meter-hohe Welle sich brechen! Genau! Über! Mir!
Ich reiße soviel Luft in mich, wie ich nur kann .... Und weiter geht die wilde Fahrt.
Es wirbelt mich herum und herum und herum.... Wo ist oben??? Ich brauch Luft!!
In gefühlt letzter Sekunde spüre ich Luft. Reiße meinen Mund auf. Und meine Augen. Über mir
eine riesige Welle. Die sich bricht. Genau! Über! Mir!
Ich schlinge soviel Luft in mich wie ich nur irgend kann!!
Und weiter wirbelt es mich herum. Und herum. Und herum.

Diese Riesen Welle direkt über mir. Wie sie bricht. Hoch oben. Während ich Luft in mich hineinsauge - so viel ich nur kann! In dieser Millisekunde, die ich hab dafür. Die das Wasser braucht. Um auf mich hinabzustürzen.
Und mich um und um zu wirbeln.
Immer wieder.
Und immer wieder.
Und immer wieder.

Das ist der zweite Alptraum.
Der mich immer wieder packt. Wenn ich dran denke.
So mächtig packt.
Die Welle , die über mir sich bricht.

Daran denk ich, wenn ich sage, Welle für Welle.

Aber ich merk sofort: das sind jetzt zwei Welten! Zwei ganz unterschiedliche Level. Ganz und gar!!
Das was ich jetzt erleb, in meiner Krebsgeschichte, das ist ein Bild.
Einfach nur: ein Bild.
Das damals? Das war Wucht!! Größer als Menschenwucht.
Das war wirkliche Wucht!!
Und ich mittendrin.

Und noch eins fällt mir auf - der Alptraum draußen, im Meer - das war Grauen!
Der Alptraum in der Brandung? Der war Wucht!
Das Grauen war viel schlimmer.

Aber das alles weiß ich natürlich nicht.
Ich weiß gar nichts mehr.
Ich wirbele herum und herum. Tauche auf! Sehe die Welle über mir brechen!
Schlinge so viel Luft in mich rein! Und merke, die Zeit wird immer kürzer.
Die Zeit, die ich habe. Die Luftzeit.
Ich werde immer ruhiger.
Mir geht die Kraft aus.
Aber ich mach immer weiter.
Mund aufreissen, Luft reinzwingen, wirbeln...
immer weiter, immer wieder, immer wieder...

Dann schlägt's mich wuchtig, mit einer letzten Wucht, mit dem Bauch auf den Sand. Und schmirgelt mich weiter, landeinwärts. Und wieder zurück ins Meer.
Ich check überhaupt nix! Was ist das jetzt wieder?!
Eben war ich doch noch im tiefen Meer. Die brechenden Wellen über mir. Und jetzt lieg ich wie ein gestrandeter Fisch im Sand, und das Wasser schwappt grad noch so über mich, ist grad noch so tief, wie ich hoch bin. Wenn ich lieg.
Wie bin ich jetzt hierhergekommen???
Was ist denn geschehen???
Ich bin wie betäubt. Ich kann nicht denken.
Ich check nix.
Was ist geschehen??
Und was geschieht als Nächstes??
Das macht mich ein bisschen wach. Schau dich um!
Ich seh neben mir die schwarzen eher dünnen spitzen Felsen im Wasser stehen. Und kleinere, rundere dazwischen.
Standen die vorher auch schon da?
Himmel, mein Vater! Wo ist er?!!!!
Neben mir. Vielleicht zwanzig Meter neben mir. Es hat ihn wohl zeitgleich an Land gespült.
Ich fass es nicht.
War ich jetzt wirklich schneller als er?
Ich kann nicht weiterdenken.
Der dritte Alptraum beginnt.
Ich seh meinen Vater an Land waten. Und in Richtung meiner Mutter gehen, meiner Mutter und meiner Schwester. Sie sind ein ganzes Stück weit weg.
Und hinten, weiter hinten noch, sind zwei Männer. Sie gehen auch auf die beiden zu. Schnell. Wer ist das?
Und da merk ich, wie das Wasser mich wieder rauszieht ins Meer hinein.
Ich bin mittlerweile auf Händen und Knien. Zum Schauen.
Jetzt merk ich, dass alle von mir wegrutschen. Mit jeder ja nur fußhohen Welle
zieht es mich mit Macht wieder in'sMeer zurück.
Der Sand unter mir wird weggezogen. Unaufhaltsam.
Und mit dem Sand
auch mich.

Ich habe keine Kraft mehr.
Ich registrier das entsetzt. Aber ich hab nix mehr. Ich kann nix mehr entgegensetzen.
Es zieht mich zurück in's Meer.
Und ich kann nichts tun.

Ich hab gekämpft. Ich hab wirklich gekämpft! Und ich hab es doch geschafft.
Und jetzt zieht es mich doch zurück in's Meer?
Das erste war Grauen. Das Zweite Wucht! Das dritte jetzt Entsetzen. Ohnmächtiges Entsetzen.
Ich kann nicht mehr.
Ich gebe auf.
Ich rufe leise um Hilfe.
Ich schaff es nicht mehr allein.

Das Leben ist oft auch verwirrend. Für ein Kind.
Eben noch vor dem Vater um das eigne Leben weggeschwommen. Und jetzt schau ich auf seinen Rücken, wie er Schritt für Schritt sich entfernt von mir.
Und ich rufe wieder. Lauter diesmal. Das Meer saugt mich unaufhaltsam wieder in sich hinein.
Hilfe! Kann einer mir helfen? Bitte...

Ich gebe auf.
Da seh ich, fast schon teilnahmslos, wie die zwei Männer jetzt laufen.
Sie laufen auf uns zu. Auf meinen Vater. Und dahinter jetzt, immer weiter in's Meer zurückrutschend, auf mich zu.
Sie sind weit entfernt. Und mit jeder Welle rutsche ich schneller und weiter in's Meer zurück. Sie werden es nicht schaffen.
Da dreht mein Vater um. Ich seh, wie widerwillig. Aber er dreht um.
Kommt auf mich zu. Zieht mich grob hoch. Und schleudert mir leise, aber so wütend vorwurfsvoll sein:"das war gefährlich! Es hätte uns zerschmettern können!!!" um die Ohren, dass ich den Kopf senke. Schuldbewusst.

Er hat mich gleich wieder losgelassen und ist wieder zurück zu den andren.
Aber es hat mir für mich gereicht.
Ich steh auf den Füßen. Ich kann gehen.
Das Meer zieht noch an mir. Den Sand unter meinen Füßen weg.
Aber Schritt für Schritt spür ich, wie es weniger wird.
Und irgendwann ist der Sand unter mir trocken.

Langsam und mühsam
Schritt für Schritt
nähere ich mich der kleinen Gruppe Menschen.
Ich bin so müde. Ich bin so unvorstellbar müde.
Und obwohl ich gehe, langsam, mühsam, bin ich wie bewusstlos.
Gehend bewusstlos.
Gibt es das?

Die zwei Männer gestikulieren wild - schimpfen sie? Warum? Sie reden auf meinen Vater ein. Aber ich versteh es nicht. Ich komme ja nur langsam näher.
Dann gehen sie weg von der Gruppe, da dreht sich einer der beiden um und geht auf mich zu. Er schaut mich an und ich senk den Kopf. Er sagt irgendetwas, aber ich versteh ihn nicht.
Ich sag, ganz leise, damit es mein Vater nicht hört, ,,danke"....
und weiß gar nicht warum.
Aber ich weiß eh nix mehr.
Da spielt das auch keine Rolle mehr.

Erst viele Jahre später versteh ich warum.

Und dass es mir damals schon klar war.
Aber ich war ein Kind.
Es ist ganz schön verwirrend für ein Kind.
Kinder haben es manchmal nicht leicht.
Aber es geht schon.
Kinder sind viel stärker, als wir denken.
Kinder kriegen das schon hin.













nachtwind

Mein Stand des Nachdenkens ist,
dass jeder  Mensch seine Kerben erhält.
Und es keine Rolle spielt, ob das dazugehörige Ereignis ein heftiges oder subtileres ist - eine Kerbe ist eine Kerbe. Und sie drückt sich ein. In den Menschen. Und wird genauso schmerzhaft oder peinigend empfunden.
Ganz egal, was genau geschehen ist.
Wenn es der große Schmerz ist, dann ist es der große Schmerz.

Ich weiß nicht, ob es so ist. Ich für mich, ich glaube, dass es so ist.
Für mich machen meine Erfahrungen so Sinn.
Aber ob es für alle so ist, das weiß ich nicht.

Ich glaube weiter, dass die Kette ,,wenn es schlimm war, hat es schlimme Folgen. Und: wenn es nicht so dolle war, dann sind die Folgen eben auch nicht so dolle" falsch zusammenknüpft.
Auch Dramatisches kann sanftere Folgen nach sich ziehen.
Auch wirklich nicht Dramatisches kann schwere Folgen für den Menschen nach sich ziehen.
Mein Stand des Nachdenkens darüber.

Umkehrschluss: wenn jemand schwer betroffen ist und schwer leidet, muss man nicht nur nach schwerem Schicksal suchen.
Es kann auch etwas viel Subtileres sein. Dass den Menschen aus der Bahn katapultiert hat.
Mit Subtileres mein ich jetzt sowas wie: mein Vater hat meine Schwester immer vorgezogen, zB.
Wenn das der schlimme Schmerz ist, dann ist das der schlimme Schmerz.
Und kann die gleichen Folgen haben wie bei einem Kind mit schwerem Trauma.

Mein Stand des Nachdenkens.

Für mich sieht das mittlerweile fast schon so aus, als ob der Mensch so konzipiert ist, dass er auf jeden Fall tiefen Kummer braucht.
Um Mensch zu sein.
Und wenn ihm nichts gravierendes zustößt, wird ihm das Schmerzvollste, das er eben so hat, zum schlimmen Schmerz. Der ihn sein Leben lang begleitet.
Und die große Herausforderung für ihn ist.
Mit dem er sein Leben lang ringen muss. Oder zumindest einen großen Teil seines Lebens.
Und nicht mehr, aber eben auch nicht weniger schwer zu händeln ist. Als bei jemandem mit heftigeren Erlebnissen.
Es ist sich gleich.

Ich weiss, das klingt irgendwie total schräg. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher. Es gibt bestimmt Ausnahmen.
Aber mein Stand des Nachdenkens ist:
jeder kämpft einen schweren Kampf.
Jeder kämpft seinen schweren Kampf.
Jeder.

Ich hab keine Ahnung, warum das so sein muss.
Falls es so ist.
Warum zum Menschsein der schwere Kampf, der tiefe Kummer gehören soll.
Was für Vorteile es ihm in der Evolution bescheren soll.
Oder ob es eine unangenehme Nebenwirkung von etwas ganz andrem, wichtigerem ist. Die man eben in Kauf nehmen muss.
Wenn man Mensch sein will.
Oder sein muss.
Je nach Wetterlage.

Und etwas andres ist Stand meines Nachdenkens, und da bin ich mir  viel sicherer! :
es gibt nix Schlechtes, was nicht auch was Gutes hat
es gibt nix Gutes, das nicht auch etwas Schlechtes hat.
Wen es jetzt stört, das Gute und das Schlechte - dann kann man auch ,,leicht und schwer" nehmen.
Es gibt nix Schweres, das nicht auch etwas Leichtes hat....
ist dasselbe in grün.

Und das eine
nimmt dem andren nix.