Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

nachtwind

Als meine Tochter geboren war, da kamen sie dann doch einmal zu Besuch.
Für ein Stündlein. Ich wusste gar nicht, wie das wohl geht - wenn die Eltern zu Besuch kommen. Was ich da machen muss. Viel fiel mir nicht ein. Dass sie sich nicht wohlfühlen würden, das war klar. Aber wie ich das irgendwie in eine andre Richtung biegen kann, das war mir nicht gegeben. Ich hätte halt eine ganz andre werden müssen. Eine ganz andre Wohnsituation haben müssen. Eine ganz andre Perspektive haben müssen.
Das ging jetzt nicht auf die Schnelle.
Ich hab immerhin mir 2 Sessel ausgeliehen. Damit sie nicht auf Stühlen sitzen müssen.
Hat nix eingebracht. Mein Vater stand trotzdem die ganze Zeit. ;-)
Und sorgte dafür, dass meine Mutter auch nicht lange saß.

Aber wie sie es angestellt hat, dass ich wieder weinen muss, das hab ich learning by seeing dann doch, wegen des Schocks später dann, begriffen: ich wollte meine Tochter wickeln, sie lag auf der Wickelkommode, ich hatte was vergessen und bat sie, die neben mir stand, für 3 Sekunden bei ihr stehen zu bleiben.... Ich wollte nur was vom Bett holen. Paar Schritte. Ich dreh mich wieder um - und sehe, wie sie gerade ihren langen dürren Zeigefinger mit dem rotlackierten spitzen Fingernagel
langsam aber zielsicher
in das winzige Bäuchlein meiner Tochter bohrt
...
Für einen Moment bin ich völlig erstarrt - entsetzt!! Meine Tochter macht auch erst keinen Mucker, dann fängt sie an zu weinen...zwei Schritte, ich bin da, ich nehm sie hoch, ich tröste sie... das ging gottseisgelobt ziemlich schnell, dann war es wieder gut für sie. Ich hab gezittert. Bei mir war's nicht so schnell wieder gut.
Ich dreh mich wieder um zu meiner Mutter, will  irgendwas .... und dachte, mich trifft der Schlag!!
Ich habe nie in meinem Leben meine Mutter so entspannt, so glücklich gesehen!!!
Noch nicht mal ansatzweise!
Sie war fast schön, in diesem Moment.
Ich war fassungslos.
Ich war überhaupt nicht drauf vorbereitet.

Es war so extrem ambivalent. Das erste Mal, dass meiner Tochter etwas zustieß (ich war eine überbetüddelnde Helikoptermutter - auch ungesund!) - Ich zitterte vor Schreck - und GLEICHZEITIG diese fast schon Schönheit meiner glückseligen Mutter.....
ich konnte es nicht zusammenbringen in mir.

Mein Vater stand nur ungerührt, wo er eben stand und liess sein tadelndes ,,aber Ursel.." los. Meine Mutter, immer noch so gnadenlos beseelt, in aller Unschuld lächelnd: ,,Ich wollt doch nur mal hören, wie sie schreit."
...

Sie sind dann Gott sei Dank fast sofort danach gegangen. Ich war zu keiner normalen Reaktion mehr fähig. Nur höflich, das geht immer. Gute Erziehung. Tief eingespurt. Im Zweifel geht das auch ganz allein. Ohne mich.
Es gibt schon einiges, wofür ich meinen Eltern wirklich dankbar bin, so ist das nicht.

Aber das war ein Schock. Ein richtig körperlicher Schock.
Das saß tief.
Lange tief.
Ich hatte ja immer diese Erzählungen meiner Mutter einerseits geglaubt, andererseits angezweifelt. Es erschien mir zu absurd.

In diesem Moment damals, als es mir erstmal nur um meine Tochter ging - und dann auch um die unfassbare Wandlung meiner Mutter, in diesem Moment ist in mir der Blitz der Erkenntnis eingeschlagen - es war wahr. Wort für Wort. War es wahr. Alles.
Hat gedauert, bis ich das begriffen hab. Tage, Wochen... aber das Licht dieses Blitzes war wie festgebannt. Es leuchtete, und leuchtete, in aller Ruhe, ohne Druck... wartete es auf mich. Bis ich es sah. Und begriff. Alles, auch alles andere mit, bekam seinen Stempel. Geprüft und beglaubigt.
Beim Bäuchlein meiner winzigen Tochter
für wahr befunden.
Punkt.

Ich weiß nicht, wie das für das kleine Baby nachtwind war - geschrieen, gelernt, nicht mehr zu schreien, dann wieder gelernt doch zu schreien, nur um wieder lernen zu müssen, eben wieder nicht zu schreien.....
ich glaube, für sowas
ist ein Kind dann doch nicht so umfassend gemacht.
Ich glaube, das verlangt ein bisschen viel von einem Winzling von Mensch.

Ich weiß nicht, wie das dann wieder ausgegangen ist. Hat sie nie erzählt. Aber ich denke, so wie mit dem die Flasche wegziehen - ich denke, ich hab mich dem ganz entzogen. Gar nicht mehr geweint. Bzw. wenigstens so lange versucht, nicht mehr zu weinen, bis es für meine Mutter zu langweilig wurde. Mir ihre Finger in mich zu bohren. Oder sonstiges.

Dieses Kind war eine einzige Enttäuschung für ihre Mutter.
Was immer ihr an ihrem Kind mal Freude bereitete, das hat es dann erfolgreich geschafft, ihr wieder zu verderben.

Aber wie es für den Winzling nachtwind war, das weiß ich leider immer noch nicht.
Ich versuch mich denkend dem zu nähern.
Fühlend ist schwierig.
Ich versuch wenigstens die Spuren davon zu fühlen...
ich glaube, das führt zwar in die Nähe.
Aber nicht ganz dorthin.

Es scheint ziemlich allumfassend zu sein.






nachtwind

Ich denke, in diesem Abschnitt hier wird nichts groß passieren...
es ist so vieles angerissen. Hab einfach das grosse Bedürfnis, bisschen aufzuräumen... paar Gedanken zu all dem einzufangen... vielleicht auch Zusammenhänge neu zu finden oder bestehende zu verfestigen...
wem das zu langweilig ist, hört hier besser auf zu lesen.
Wär einfach zu schade - vergeudete Konzentrationsfähigkeit.
Kenn ich auch manchmal bei mir - les was... und merk dann, dass ich schon zwei Zeilen vorher aufgehört hab meinem Lesen auch zuzuhören. Schon längst mit den Gedanken ganz woanders bin.
Das muss jetzt hier nicht sein.

Warum ich ein so unverbesserlicher Schisser bin, ist mir jetzt klarer denn je.
Hab es diffus schon so in etwa auf dem Schirm gehabt, aber nie so richtig ausgesprochen. Vor mir selbst. Und vor anderen. Es war ja auch nie nötig gewesen. Ungefähr
wusste ich ja die Richtung. Hat gereicht.
Hab mich aber immer ne ganze Ecke geschämt deswegen.
Jetzt grad überhaupt nicht. Kein kleines bisschen. Finde es schlicht folgerichtig.
Kein bisschen Charakterschwäche.
Mal schauen, ob das hält. Das wär jetzt schon mal richtig gut.
Spät, aber eben nicht zu spät. Wär das dann.

Telefon klingelt? Schock! Es ist was passiert! Enkelkinder im Krankenhaus! oder tot! ... oder sonst was Grässliches ... auf dem Weg zum Telefon bleibt Platz für einige fürchterliche Vorstellungen... dann war's ein Werbeanruf... ja.
Jugendliche auf der Straße nach einem Fest, sind laut, rufen, schreien auch...
Ich stürz an's Fenster, mit nackten Füßen, im Winter und halte Ausschau nach was Schrecklichem... ich weiß, da ist nix. Aber ich glaub mir nicht. Nie.

Wenn Wort und Bild sich widersprechen, hat mal ein kluger Menschenforscher gesagt, dann gewinnt immer!
das Bild.
Wort = ist gleich Gedanke. Bild ist das innere Bild, auch: etwas sinnlich Wahrnehmbares... irgendwie so. Auch wenn es sich nur in einem selbst abspielt.
Gerade dann.

Ich hab dann, als es mir begann aufzufallen, öfters mal gedacht, wie blöd doch das Leben das eingerichtet hat - solche wie ich, die sollte man in Kriegsregionen ansiedeln. Es ist doch völlige Vergeudung, wenn es dort so viele noch unberührte Menschen trifft. Das ist doch nicht effizient.
Solche wie ich sind doch eh schon auf sowas vorbereitet. Sie tragen es schon in sich.
Aber dann denk ich weiter und denk an zerbombte Häuser und Straßen... und nix zu essen und trinken, und denk dann doch wieder: also wär doch nicht
soo eine gute Idee. Wenn ich was zu tun hätte, helfen könnte, dann wär ja alles gut. Aber wenn ich nix zu helfen hätte, dann gute Nacht. Es macht auch wirklich keinen Sinn, Lebensuntüchtige in Kriegsgebiete zu schicken.

Jetzt aber, wo ich das erste Mal in meinem Leben diesen Haufen an eigenartig schwierigen Geschichten seh, der da grad vor mir liegt, (ein lieber Wink an claudi :-) ), da denk ich was andres.
Dass das Leben doch nicht so blöd ist.
Weil nämlich nicht die Menge an schwierigen Erlebnissen einen prägt, sondern - wie eben bei jedem andren auch - halt das schlimmste.
Das jeder hat.
Egal wie behütet oder eben auch mal unbehütet er aufgewachsen ist.
Scheint mein Lieblingsthema zu sein grad!
Es ist immer nur das Schlimmste. Das einen prägt.
Und jetzt kommt es mit dem doch nicht so blöden Leben:
wenn du neben dem Schlimmsten noch einiges an schlimmen Sachen passiert im Leben, ist das gar nicht mehr so arg. Schon noch schlimm, ja. Aber nicht mehr so, dass es einen umhaut.
Das tut nur das Schlimmste. Und das eben ja auch: bei jedem.
Aber all das andre, das andren das Leben richtig schwer machen würd, das ist dann eben nur so was wie Beiwerk. Also nicht despektierlich gemeint! Gar nicht!
Eher erleichternd. Es hinterlässt einfach nicht so tiefe Spuren.
Wie das Schlimmste.
Doch effizient! Das Leben.
Sorry für falsche Gedanken. Ehrlich sorry.
Jetzt seh ich es ja auch. War falsch gedacht. Sorry Leben!

Und irgendwie passt jetzt auch die Geschichte da rein in den Haufen - und ergibt eine sinnvolle Reihenfolge, an die ich am ungernsten denke. In diesem Haufen da. Wo ich eh nie gerne lange dasitze und sie anschau.  Nur wenn ich muss. Und dann ganz flüchtig, bitte.
Die Geschichte, die ich auch am allerwenigsten geglaubt hab. Weil sie so widersinnig klingt. So abartig.

Zwei Gedanken vorneweg.
Dieses Erleben,wie meine Mutter sich verwandelte zu einer entspannten Schönheit fast, die ich nie sonst gesehen hab an ihr, die hat mich nie ganz losgelassen. Ungefähr 25 Jahre später hab ich eine gute Freundin wiedergetroffen. Wie hatten mal eine gute, inspirierende Zeit miteinander. Uns dann aus dem Blick verloren. Aber eben da wiedergetroffen. Und wie es so kam, wir haben es eigentlich von meiner Tochter gehabt, erzähl ich diese Geschichte. Mit meiner Mutter. Was sie mit ihr gemacht hat. Und wie sie da aussah. Und meine Freundin schaut mich krass irritiert an und fragt dann: ,,willst du mir damit sagen, deine Mutter war eine Sadistin?!" So war sie, diese mein gute Freundin. Deshalb hab ich mich immer so gern mit ihr unterhalten. Ich habe sie geachtet.
Für ihre klaren Gedanken.
Da war dann ich irritiert. Lange noch. Das  wollte ich ihr jetzt gar nicht sagen. So weit hab ich ja gar nicht denken können.
Da war ja der Magnet dazwischen. Der alles abstieß anstatt es anzuziehen.
Meine Freundin hielt den Magneten richtig rum. Zack - drinnen.
Ich hab Monate gebraucht.  Jahre. Diesen Gedanken zu denken.
Mein Magnet hatte da gewaltig was dagegen.
Aber langsam, immer ein Stückle weiter, rutschte dieses Wort in meine Welt rein.
Fremd in meiner Welt. Aber da. Einmal ausgesprochen. Hält sich langfristig. Jetzt gerade in diesem Augen-Blick bin ich so weit, dass ich es mir erlaube, das mal genauer in Erwägung zu ziehen.
Meine Mutter war vielleicht ja eine Sadistin.
Vielleicht.
Krank war sie. Das ist außer Frage.
Aber vielleicht nicht nur einfach zerbrochen.
Vielleicht eben auch
eine Sadistin.
Dadurch? Noch ein vielleicht...

Und das andre der Gedanke, dass ich vermutlich auf diese wirklich schlimme Überforderung mit dem Weinen und Nicht-Weinen und dann-doch-wieder-Weinen und dann obendrauf wieder Nicht-Weinen so reagiert hab wie auf das Spiel mit dem immer unterbrochenen Fläschchen füttern.
Indem ich irgendwann mich dem ganz entzogen hab.
Das ist schon möglich. Schwer vorstellbar. Was heißt denn das??  Gar nicht mehr weinen?! Auch wenn sie mir den Finger in den Bauch bohrt?!
Aber möglich ist es schon.

Wenn es ihr nicht nur um Kontrolle ging, und sie dann eben aufhörte, weil das Spiel nicht mehr funktionierte.... wenn sie wirklich eine Sadistin war, dann wird sie nach neuen Möglichkeiten gesucht haben. Um diese Befriedigung wieder zu erreichen.
Und so könnte dann sogar die absurdeste der Geschichten dann da schon reinpassen, die sie mir erzählt hat.
Sie war Zahnarzthelferin. Und hatte eine wirklich klirrende Begeisterung für jede Art von Rotem Kreuz.
Und so hat sie mir - (dann eben, nachdem ich verstummt war, wie ich jetzt mir so denke) - mit einer Stopfnadel im Mund rumgestochert.... profilike halt. Back im Beruf. Sie war nicht gerne Hausfrau und Mutter. Konnte sie nicht so gut.
Zahnarzthelferin konnte sie vermutlich besser.

Erzählt hat sie mir das, weil ich einmal mich so gewehrt haben muss, dass die Stopfnadel zerbrach und in ihr eines Auge sauste... und sie mit meiner Schwester an der Hand zum Augenarzt musste. Sie musste sie führen.
Ist alles gut gegangen. Aber der Vorwurf blieb natürlich. Wenn sie das erzählte.
Knapp nochmal gut gegangen. Ganz knapp! Vorwurf!!

Ich hielt das für unmöglich. Dass ich das mit mir hab machen lassen. Ich war doch klein. Voller Instinkte. Ungebremster Instinkte. Ist doch nicht möglich.
Mittlerweile denk ich, war vielleicht doch möglich.  Instinkte eben schon entscheidend gebremst. Dass so was möglich wird.
Wenn sie  eine Sadistin war, wird sie nicht locker gelassen haben. Und irgendwann vertraut ein Kleinchen dann eben nicht mehr seinen Instinkten. Weil da nur immer neuer Schmerz dadurch entsteht.
Dann ist so was möglich.
Bis zur äußersten Grenze eben. In der ich dann eben doch wild um mich fuchtel. Für meine Mutter dann ganz überraschend.
Schon möglich das Ganze.

Schon krass.
Ich kenne jede dieser Geschichten schon, seit ich sagen wir mal 12 bis 14 war.
Und ich bin jetzt nicht wirklich dumm. Denke schon viel nach. Über dies und das...
mein Magnet hat wirklich ganze Arbeit geleistet!!
Dass mir das in dieser Gesamtheit
so richtig klar wird.
Dass es wirklich so gewesen sein könnte.
Schon wirklich krass.
Vielleicht geht man deswegen zur Therapie. Weil jeder so einen Magneten hat.
Den er falsch rum hält.
Außenstehende können es sehen. Bei anderen steht mein Magnet auch richtig rum. Da seh ich vieles. Bei mir
Muss ich sehr viel Geduld haben. Seeeehhhr viel Geduld.
Und ohne andre
würd ich es bis heute nicht sehen.  Wahrscheinlich.












nachtwind

Manchmal klappt's mit dem Fett und kursiv...
ob ich es vielleicht jetzt schon gelernt hab?

nachtwind

Was bleibt an Spuren, die dieses Schlimmste bei mir ausgelöst hat, ist wohl unter anderem, dass ich den Zugang zu meinen Instinkten verschüttet und verloren hab.
Ich hab mächtige Instinkte. Kluge Instinkte. Mehr als einmal haben sie mir das Leben gerettet.
Aber sie müssen sich gewaltig Bahn brechen durch all den Schutt, den ich selbst da drauf geladen hab. Damit sie schweigen sollen. Bitte!
So dass sie nur im äußersten Notfall da rausbrechen können. Dann aber
werd ich auch gar nicht mehr gefragt. ;-)

Wenn du keine Instinkte mehr hast, dann bist du völlig orientierungslos.
Meeresschildkröten schlüpfen aus ihren Eiern, die die Mütter am Strand in den Sand eingegraben haben. Dann müssen sie ganz schnell in's Meer. Um nicht gefressen zu werden.
Woher aber wissen sie, wo das Meer ist? Das hab ich mich immer gefragt.
Ist doch keiner da, der ihnen zeigt: da ist das Meer. Nu aber schnell da rein, dann bist du in Sicherheit!
Woher wissen sie das bloß?
Wahrscheinlich kann sich das nur jemand fragen, der selber keine Instinkte mehr zur Verfügung hat. ;-)
Die Lösung ist - auch für mich total einleuchtend: sie schlüpfen immer an Vollmond. Und in der Nacht. Und ihr Instinkt sagt ihnen: dahin, wo das Licht ist. Über dem Meer steht der Vollmond. Da ist es hell. Dahin also krabbeln sie. Unbeirrbar.
Das weiß man, weil sie, seit es Strandbeleuchtungen gibt auf diesen Inseln, falsch krabbeln. Und Menschen in den Nächten helfen müssen. Ihnen den Weg zu weisen. Zum richtigen Licht.
Weil Menschen es eben auch versemmelt haben. Für die Schildkröten.
Mit ihrem dämlichen Menschenlicht.

Wenn du keinen Zugang mehr hast zu deinen Instinkten, dann bist du völlig orientierungslos.
Mein Ausweg - Denken. Vermute ich mal. Bin ich ziemlich ich sicher!
Ich bin jetzt keine gute Hausfrau, aber ich habe einen IQ von 140. Das ist ziemlich viel. Jetzt nix überragendes. Aber schon hochbegabt.
Ich denk schon länger vor mich hin, ob das wohl das Ergebnis ist. Von meinem schmerzhaften Dilemma. Dass ich so früh schon so viel denken musste, dass ich das richtig gut eingeübt hab.
Fänd ich schon interessant, das mal herauszufinden.
Aber egal wie ich denke, es fällt mir kein Versuchsaufbau ein, in dem man so was beobachten könnte. Also keiner, der nicht gruselig wäre.
Ist ja eigentlich auch egal, wo das herkommt. Hauptsache da.
Nicht ganz. Ich bin immer auf der Suche nach Schönem. Das aus Schlimmen geboren wird.
Ich finde das tröstlich.
Und ich mag es sehr, wenn das Leben einem sogar in schlimmen Situationen
etwas Schönes auch schenkt.
Denken ist für mich was Schönes.
Ich hab mich auch nie im Leben gelangweilt. Weiß gar nicht, was das ist, genau.
Ich konnte ja immer denken.

Auch: weil für mich ja nix selbstverständlich ist. Und ich immer nachdenken musste. Um herauszufinden, wie das so geht. Das Leben.  War ich es ja auch gewohnt. Immer zu denken.

Ein Freund von mir aus alten Tagen hatte an der rechten Hand nur gefühlt so eine Handfläche, keine Finger. Er hat gesagt, es ging schon so ziemlich alles für ihn zu tun. Aber er konnte sich nichts davon einfach mal eben abkucken. Wie machen das denn die andren? Tasse halten zB. Er musste sich alles
selbst erfinden.
Schnürsenkel binden... alles.
Das ist mir hängen geblieben.

Und es hilft mir, mich selber besser zu verstehen.
Ich hab zwei intakte Hände. Aber ich musste mir auch alles selbst erfinden.
Wie das so geht. Das Leben.
Im Großen. Wie im ganz kleinen.
Mir war nichts selbstverständlich.
 Warum auch immer. Aber genauso war es.
Ich musste immer erstmal nachdenken.
Bis ich es dann drauf hatte.

Ist bis heute noch so.
Es gibt immer Leute, die sich darüber lustig machen. Ist halt so.
Wir alle machen uns manchmal gerne lustig über andre , die schrullig scheinen.
Manchmal tut es mir kurz weh. Wenn es von Leuten kommt, von denen ich das nicht erwartet hätte.
Aber das tut es ja jedem von uns. Wenn es von Leuten kommt, von denen man es nicht erwartet hätte. Ist dann eben eine Ent-Töuschung.
Eine Töuschung weniger. ;-)
Alles im grünen Bereich.

Es hat aber auch große Vorteile, wenn einem nix selbstverständlich ist. Erstmal.
Wenn man sich alles, auch den simpelsten Mist, erstmal gedanklich draufschaffen muss.
Es dauert viel länger manchmal. Aber dafür
sind es die ganz eignen
Gedanken.
Selbst erarbeitete Zusammenhänge.
Selbst erlebte Geschichten.
Nix Abgegucktes.
Alles Eignes. Alles echt.
Ich glaube, irgendwie ist es dadurch erzählbar. Für mich. Über mich.
Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so eine kausale Kette ist.
Aber ich vermute es.

So ein bisschen wie: ,,dafür stehe ich mit meinem Namen". Hipp. ;-)
Irgendwie so.

Und noch ein großer Vorteil vom nix abgucken können, alles selber erfinden müssen: ich such ja permanent nach Erklärungen, wie so etwas ist, wieso etwas so ist, was man da machen kann, was es da braucht... vom Kleinsten bis zum Größten versuche ich mir ja ständig, alles zu erklären...
manchmal denke ich, dass ich deshalb so gern Bilder benutze und finde, um mir was zu erklären... weil ich es ja pausenlos üb.
Also je älter ich werd, muss ich es ja nu nicht mehr andauernd erklären... das eine oder andre hab ich ja dann auch mal verstanden. ;-)
Aber generell denk ich schon - dass ich davon auch gut profitiere. Ich glaub einfach, ich bin da gut trainiert.
hey :-)

Und auch das: dass ich nichts aus sich selbst heraus einfach wusste, hat mir auch manche Tür geöffnet. Manchmal.

In Windhoek gab's nix, was man so machen konnte. Außer Sport halt. Sport war groß. Lief alles über die Schule. Keine Vereine. Wurde viel angeboten nachmittags. Schwimmen. Leichtathletik. Turnen. Trampolin. Viel halt.
Gehen wir halt mal nach dem Schwimmen zusammen irgendwohin, weiß nicht mehr. Geht die Sportlehrerin hinter mir. Sagt plötzlich, tadelnd : ,,nachtwind, da musst du jetzt was machen". Ich dreh mich ganz verblüfft um: ,,was denn?" . Sie: ,, na da - kuck mal!" und zeigt auf meine Waden. Ich seh ganz erschrocken, dass sie ganz schlimm aussehen. Dicke aufgeplatzte Stellen überall. Deswegen hat es öfters so gebrannt, denk ich, aber vor allem: ,,was kann ich da denn tun?". Ich hab keine Idee. Aber ich seh, sie hat recht. Das sieht nicht gut aus. Irgendwas muss ich tun. Aber was? Sie, immer noch ein bisschen genervt: ,,na, eincremen halt!" Ich nicke. Das macht Sinn... Aber womit? Womit creme ich das ein? Jetzt ist sie endgültig genervt - das wär ne Sache von ner Minute gewesen.... jetzt zieht sich das echt in die Länge. ,, na halt mit Körpermilch!..." ich:?? , sie ,, ...oder mit einer Fettcreme! ..." - ich nicke pflichtschuldig. Es ist so deutlich, dass ich mich nicht richtig verhalte, aber da muss ich jetzt durch, ich muss doch was tun - und weiß nicht wie. Also nicke ich pflichtschuldig und gucke weiter ratlos: ??
Sie: ,, ...irgendwas halt! Nivea Creme oder so!..." - da spür ich, wie ich aufstrahle! Und nicke! Diesmal wirklich! Nivea kenn ich! Nivea haben wir! Mein Vater nimmt Nivea. Nivea haben wir!,
Und ich dreh mich beruhigt um. Alles gut. Kann ich. Mach ich. Gleich heut Abend.
Ich glaub, in dem Moment war sie nicht mehr genervt. Ich glaub, da hat sie verstanden. Dass ich nicht blöd mach. Dass ich es wirklich nicht weiß. Und dass ich es wirklich verstehen will. Und tun will.
Ich weiß nicht, ob es wirklich in dieser Szene war, dass sie aufmerksam wurde, oder es die Summe an Eigenartigkeiten war - aber ich hatte immer so ein eigenartig diffuses Gefühl, dass ihr Blick auf mir ruhte.
Vielleicht hab ich mir das auch nur gewünscht.
Ich war auch im Turnen, klar - ich war in jeder Gruppe nachmittags. Da gab es für jede Altersklasse, unter ihrer Aufsicht natürlich, ältere Schülerinnen als Gruppenleiterinnen. Sonst wär das ja nicht gegangen.
Ich war noch nicht lange da, da hat sie mich geschnappt und mir erklärt, dass ich jetzt die Kleinsten übernehmen soll. Ich wollt erst überhaupt nicht - ich kann das doch gar nicht! Ich will das nicht!
Ich war auch viel zu jung dafür. Die andren waren viel älter. Aber sie hat mir kurz und knapp erklärt, dass ich das kann, und damit war es abgemacht.
Sie war eine sehr karge, knapp angebundene Frau.
Aber sie hatte recht - ich konnte es. Und es hat mir richtig Freude gemacht.
Ich hatte die kleinen Wuselchens richtig lieb. Und hab mich so gefreut, wenn sie mal was hingekriegt haben! Ganz stolz war ich auf sie! Sie waren aber auch süß! So klein... und so eifrig! Ich glaube, wir sind alle zusammen gern da hin gegangen, in die Kleinkinder-Turnstunde... sie - und ich.
Und die Sportlehrerin? Ich hatte immer das Gefühl, sie hatte immer wieder mal auch einen Blick auf mich.
Fräulein Purmann. Streng, herb, wortkarg, gefühlskarg auch - sie hat sich nie gefreut, wenn wir mal was hingekriegt haben. Zumindest hat sie das nie gezeigt. Pokerface. Professionell hieß damals: nur kein Gefühl zeigen.
Aber ich glaub, das ist ihr auch nicht schwer gefallen. Es war auch so in ihr.
Irgendwann war sie mal weg, für ein Jahr oder zwei - dann kam sie zurück und war Frau Terhag. Ich erinner mich noch, dass ich sehr traurig war, als es hiess, sie geht. Auch länger. Aber ob ich mich gefreut hab, als sie wiederkam, das weiß ich nicht mehr.
Ein oder zwei Jahre sind auch ne lange Zeit. Wenn man Kind ist. Da passiert so viel! Ich war auch keine Aussenseiterin mehr. Ich war Klassensprecherin. ;-) und blieb das auch. Bis zum Schluss.
Aber unter ihren  Blick bin ich sofort wieder geschlupft. Als wär sie nie weg gewesen.
Ich glaub, das braucht ein Kind auch. Dass da ein Blick auf einem ruht. Ab und an.

Das mein ich zum Beispiel eben mit : das Leben war immer gut zu mir.
Manche Menschen jetzt nicht so... Aber das Leben? War immer gut zu mir.
Es hat mir an nichts gemangelt. An nichts wirklich wichtigem.
Das muss ich jetzt wirklich mal so sagen.
Der Haufen an eher mistigen Geschichten ist grad ein bisschen zu groß geworden auf der Waage - es war nicht nur so! Es war so viel wundervolles auch in meinem Leben. Das muss ich einfach auch mal dazupacken. Sonst rutscht das alles in eine Geschichte, die so gar nicht stimmt. Es war doch auch so viel durch und durch Positives  da drinnen. In meinem Leben.
Aufbauendes! Stark machendes.
Das Leben ist groß!
Aber hallo!
Das Leben ist echt gross!


nachtwind

Langsam rückt die Op näher... (vor genau einem Jahr).
Ich bekomme einen Termin für das Vorgespräch.
,,Bitte planen Sie 3 bis 4 Stunden dafür ein und nehmen Sie ausreichend Essen und Trinken dafür mit."
Ohjeh - wenn sie schon sagen, 3 bis 4 Stunden, dann werden es vermutlich 4 bis 6... ohjeh. Aber was Essen und Trinken angeht, das hab ich eh immer mit dabei. Man weiß ja nie. Ein Angsthase ist gerne vorbereitet. ;-)

Ein kleines bisschen seufze ich. Ich hatte mich gut eingerichtet in der Zwischenzeit. Bin dreigleisig gefahren: jeden Tag meine Gebärmutter und Eierstöcke gewürdigt. Und bedankt. Und meinen Körper in seiner komplexen Größe.
Für alles.
Zeitlich: kurz... emotional: tief und ergiebig.

Dann einlesen, recherchieren... was kann ich noch tun, um meinem Körper möglichst bestmögliche Bedingungen zu bieten. Für das, was für ihn jetzt ansteht. Damit er das schaffen kann. Möglichst. Bitte...
Zeitlich: mehr als für das Würdigen... aber immer abhängig von meiner Konzentrationsbereitschaft - also eher mittel.... emotional: befriedigend, wenn ich was finde, was mir passt; anstrengend, wenn nur auf der Suche.

Und eben das, was ich ansatzweise hier häppchenweise ausgebreitet hab. Hauptbeschäftigung in dieser Zwischenzeit: nachdenken über mein Leben.
Wo komm ich her?
Wo geht's jetzt hin?
War's gut so, mein Leben?
Oder fehlt noch was?
Was wichtiges?
Worum ging's eigentlich in meinem Leben?
Wenn das Leben eine Aufgabe ist, welche war und ist dann meine??

Hatte ich Begabungen? Und was habe ich aus ihnen gemacht?
Das schmerzhaft. Das frag ich mich möglichst nur ganz ganz kurz.

Ich höre immer noch die unverwechselbare Stimme von Heinz Rühmann in mir, wie er sagt, als Hauptmann von Köpenick: ,,Vorhin, uff'm Friedhof, da hab ick se jehört, die innere Stimme.  Da hat se jesprochen, da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder 'n Arsch zu - du auch, hat se jesagt,
und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dich in's Jesichte:
Schuster Wilhelm Voigt, wat haste jemanden mit dein Leben,
un dann muss ick sagen: Fußmatte.... Fußmatten, muss ick sagen, die hab ick jeflochten im Jefängnis, und da sind se alle drauf rumjetrampelt.
Und Jott der Vater sagt zu mir: jeh weg, sagt er, Ausweisung, sagt er, deswegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er, det biste mir schuldig, sagt er, wo isset? Wat haste mit jemacht?

Also, das alles wusste ich jetzt nicht auswendig, das hab ich grad im Internet gefunden, als ich es gesucht hab. Aber das ,,wat haste jemacht mit dein Leben, un dann muss ick sagen: Fußmatten muss ich sagen....", das wusste ich noch ganz genau!

Tief in meine Kinderseele gefallen, diese Worte.... und haben überlebt, all die vielen Jahre.
Nie überschrieben. Immer aufrufbereit. Und immer wieder auch aufgeploppt.
In meinem Leben.
Der Vorteil vom Alter ist: man muss nicht mehr entscheiden, unterscheiden - was ist wichtig in deinem Leben? Was nicht? Es ist ganz einfach:
was du noch weißt, als wär es gestern gewesen, das war wichtig für dich.

Himmel, hat es mir heiße Tränen in die Augen getrieben. Damals. Und immer. Bis heute.
Wat haste jemacht mit dein Leben?  - un dann muss ick sagen: Fußmatten muss ick sagen....
Ganz tief gefallen in meine Kinderseele.
Nie zugeschüttet. Immer wieder da.

Dazu muss ich sagen, ich war schon auch sehr beeindruckbar, was Filme anging. Gab's ja nicht, in meinem Leben. Kein Fernsehen, kein Kino nix.
Aber das Auswärtige Amt ließ seine Bediensteten nicht im Stich. Einmal im Jahr schickten sie zwei, drei Rollen Filme an die Konsulate. Deutsche Filme. Dann wurde ein Zimmer hergerichtet mit einer Leinwand und einem Abspielgerät, Stühle und dann ging's los. Licht aus, Film ab...
es traf mich völlig unvorbereitet. Lesen kannte ich. Ich hab alles gelesen, was mir unter die Finger kam. Aber das hier,
das war noch mal ganz was anderes.
Ich weiß nicht, ob das der erste Film war, den wir Kinder eben auch mit anschauen durften. Immerhin Kultur. Das kann nicht schaden.
Ich weiß nur diesen einzigen Film. Und vor allem eben nur genau wegen dieser einen Szene  : wat haste jemacht mit dein Leben? Und dann muss ick sagen: Fußmatten muss ick sagen....
das dröhnte in mir. Und dröhnt bis heute.

So Fragen halt eben. Wo isset, dein Leben? Wat haste mit gemacht?
Das war der Hauptteil meiner Beschäftigungen.
Zeit: der dicke fette Hauptanteil.  Emotional: immer wieder auch sehr. Aber ja gewollt so. Vor allen aber: nachdenklich.
Das Leben ist eben groß.
Und viel.
Und es war ja auch nie langweilig in meinem Leben. ;-)
Da ist es manchmal schwer, den Überblick zu behalten.

Da ist noch soviel zu bedenken.
Hätte gern noch mehr Zeit dafür.
Aber jetzt erstmal die Op-Vorbereitung.
Muss jetzt eben sein.
Hilft  halt alles nix.
Ok...







nachtwind

Ausgestattet mit Proviant und Trinken , auch nicht mehr als sonst ;-) und weltmännisch die Linie 4 benutzend komme ich an der Frauenklinik an.
Wie schön doch das Leben ist, wenn man vertraut ist mit dem wo man ist.
Obwohl ich jetzt dann doch woanders hin muss. Wieder raus aus dem Gebäude, dann links bis an's Ende, und dann um die Ecke und rein.
Ich schaue skeptisch. Und ernte ein aufmunterndes ,,das klingt schwieriger als es ist."  Ich muss lächeln. Wie schön doch das Leben ist, wenn man verstanden wird mit seinen Problemen. Da muss sie auch lächeln.
Gemeinsam
fühlt sich einfach gut an.
Und wenn's nur für ne Minute ist.
Reicht für Stunden.

Finde auch trotz anfänglicher Zweifel den nächsten Bereich, den ich jetzt kennenlernen soll. Und will. Ganz arg freundliche 2 jüngere Frauen am Kundentresen. Sie unterhalten sich grad intensiv, ich geh einen Schritt zurück und versuche, ganz unauffällig zu warten. Wenn das hier 4 Stunden dauern soll, dann ist mir von Anfang an jede Abwechslung willkommen. Ich glaube, es gelingt mir sogar - sie kucken ganz überrascht, als sie mich entdecken. Und so entwickelt sich auch das zu einer angenehmen Geschichte... guter Tag.  BIs jetzt.
Und ich weiß ja auch : Heute droht mir nix, gar nix, was mir Angst machen könnte. Das macht es natürlich leichter, den Tag freundlich anzuschauen.

Nachdem ich angemeldet bin, schau ich mich um.
Es gibt einen Wartebereich, der sogar ein bisschen abgeschirmt ist durch eine Trennwand. Und er ist klein. Aber einladend möbliert. 6 kleine Tischchen, ein oder zwei Stühle drumrum, jeder ist für sich. Mit Tisch. Wie in einem  Café.
Ein Gefühl, als wäre sogar Teppich drin. Glaub ich jetzt nicht, aber in der Erinnerung fühlt es sich so an.
Gemütlich.
Gedämpft.
Hier kannst du zur Ruhe kommen.
Hier sitzt du nicht wie Reinigungsgeräte griffbereit im schmalen Flur an die Wand gelehnt herum. Immer mit einen schnellen Griff rechnend.... Besen, Wischmopp, Staubwedel, Putzeimer auch... je nachdem wer da grad saß - so kam es mir oft vor, bis jetzt.
Hier wirst Du nicht zum Putzgerät, hier sitzt du in einem kleinen Café.

Einzige Geräusche die zwei Frauen vom Tresen, die sich immer wieder mal unterhalten. Sie haben angenehme Stimmen.
Und ab und an das Umblättern von den zwei jüngeren Patientinnen, die auch warten. Lesen. Und ab und an rumrutschen in eine andere Position. Jede an ihrem Tischchen.
Was für eine Op wohl auf sie wartet? Sie sind noch so jung.
Jung und klug. Haben sich jeweils ein Buch eingesteckt.
Ich hatte es auch kurz erwogen, aber dann abgelegt. Jetzt beneide ich sie ein bisschen. Es sieht so gemütlich aus. Aber nur ein ganz kleines bisschen.
Ich wollte ja extra wach bleiben. Mich nicht wegbeamen. Mit lesen.
Und falls mir langweilig wird - ich hab genug zu denken grad.
Mehr als ich Zeit hab. Noch Zeit hab.
Möglicherweise.

Ich wähle mir ein freies Tischchen aus, meins!, und schaue mich unauffällig noch mal genauer um.
Die zwei jüngeren Frauen, also so zwischen 20 und 40, ich denke, es klingt jetzt komisch, aber es macht mich stolz, sie so zu sehen.
Sie stehen ja jetzt auch vor einer Op, sonst wären sie ja hier ganz fehl am Platz.
Und es ist die Frauenklinik hier.
Aber sie sitzen da, ruhig, selbstbewusst ohne jedes Aufsehen drumrum, sie sorgen für sich, haben was zu lesen dabei - und lesen konzentriert... sind sortiert, ruhen in sich. Ohne jedes Aufsehen.
Sind es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Auch unangenehme.
So wie ich sie hier erlebe, stehen sie mit beiden Beinen im Leben. Und merken es noch nicht mal, vermutlich. Dass das stark ist. Für sie  ist das selbstverständlich.
Ist es aber nicht.

Wir denken immer, es war immer so, wie es jetzt ma grad so ist - ist es aber nicht!!

Meine Mutter musste noch ihren Mann um Erlaubnis fragen, ob sie arbeiten darf. Wenn sie das wollte. Wenn er meinte, er will nicht darauf verzichten, dass sie ihm in allem den Rücken frei hält, er sich um nichts kümmern will, was Haushalt und Kinder angeht, er heimkommen will und eine gut gelaunte, frisch gewaschene Familie vorfinden, die ihm die Pantoffeln warm macht und den Tisch schon gedeckt hat - dann durfte sie nicht. No chance. Überhaupt keine eine.
Scheidung? Theoretisch ja. Wenn er sich scheiden ließ, war sie eine Frau, die keinen Mann halten kann. Mit der stimmt was nicht. Versagerin.
Wenn sie die Scheidung wollte, war sie eine herzlose Schlampe, die nur an ihre Interessen denkt. Und Mann und Kinder im Stich lässt. Versagerin.
Wohlgemerkt: sowohl Männer als auch Frauen hatten diesen Blick.
Aufbegehren? Fast unmöglich.
Es gab starke Frauen! Sehr starke sogar. Trümmerfrauen. Die bewiesen hatten, dass sie auch in extrem harten Bedingungen ihre Familien durchbringen können. Ganz ohne Männer. Trotzdem. Kamen die Männer zurück, wurden diese starken Feauen ja nicht schlagartig schwach. Sie blieben stark.
Aber an ihrer Situation, an ihrer Stellung in der Gesellschaft, an ihrer Rolle, da wurde nichts gedreht.
Also im Westen. Die Frauen im Osten waren uns meilenweit voraus.

nachtwind

Hundert Jahre klingt, als wär das eine ewig lange Zeit. Ist es aber nicht.
Vor hundert Jahren wurde meine Mutter geboren, die Oma meiner Kinder... ewig lang? Für mich nur eine Generation vor mir, für meine Kinder grad mal zwei....
keine Ewigkeit da drin, in dieser Zeit. Immer noch: sehr persönlich, was da geschehen ist. Für uns.

Und wenn man mal schaut, was wir in den hundert Jahren entwickelt haben, für uns Frauen - ehrlich, schwindlig ist gar kein Ausdruck für das, was man da fühlt!

4 Jahre, bevor meine Mutter geboren wurde, bekamen auch die Frauen ein Wahlrecht. Sie durften mitwählen. Ihnen wurde nicht mehr ihre Eignung dafür abgesprochen. Sie wurden offiziell als Menschen anerkannt. Nicht mehr als schwache Geschöpfe, die alles hinnehmen mussten.  Was die, die denken konnten, die Männer, für sie bestimmten.
Jetzt denkt man ja eher immer: cool, da ging's dann sofort tierisch los, mit der weiteren Entwicklung. Da sind dann 1918 die Frauen freudestrahlend über ihren Sieg gleich weitermarschiert, in Sachen Gleichberechtigung.
Es ist nicht so. Die, die dafür gekämpft haben, die bereit waren, für diesen Kampf alles zu opfern - es waren wenige. Sehr wenige. Und die diesen Kampf still und heimlich gut fanden, auch sie waren nicht sehr viele.
Fortschritt heißt auch immer: mehr  Verantwortung zu übernehmen. Man will es ja! Aber: es macht auch Angst! Das sichere Elend ist dann auch sehr attraktiv.
Vor allem, wenn man sich schwach fühlt. Dem nicht gewachsen.

Ab 1918 gab es das Frauenwahlrecht.
Lange hielt es nicht. Die Deutschen glaubten, eine Diktatur wäre besser. Für sie. Und die Welt.
War es nicht. Aber wählen durfte da natürlich dann keiner mehr.
Das geht ganz schnell. Ganz schnel verloren. Und dann
lässt es sich nicht mehr reparieren.

In der Diktatur ging es für die Frauen nur wieder zurück. Sie sollten dem Führer Soldaten schenken. Vielgebärende bekamen einen Orden. Ansonsten sollten sie anständig sein, still und opferbereit.

45 war der Krieg zu Ende. War er zu Ende?
Auf eine Art ja. Es wurde nicht mehr geschossen...gebombt... gemetzelt.
Aber glaubt nur nicht, damit ist alles wieder gut. Alles wieder aufbauen und gut ist die Welt.
Krieg geht lange. Krieg zerstört lange. Die Menschen werden ja nicht augenblicklich alles gute Menschen. Wenn der Krieg gewonnen ist. Oder verloren.  Sie bleiben ja genau die, die sie vor 5 Tagen noch waren. 10 Jahr lang meistens begeistert waren.
Das hört doch nicht auf, nur weil Frieden ist. Das lebt ja genauso weiter.

Und sie wurden ja auch alle gebraucht, die Nazis. Wer sollen denn nach dem Kriegsende die neuen Richter werden? Die Polizisten? Architekten? Verwaltungsbeamte? Lehrer? .... Wer? Es blieben ein paar wenige, die im Widerstand waren. Oder zumindest im Kleinen versuchten, Mensch zu bleiben. In diesen mörderischen Zeiten.
Lass es 10% sein. Und der ganze grosse Rest? Der gebraucht wird? In einem Land, in dem alles zusammengebrochen ist. Und wieder aufgebaut werden muss.
Der Mensch wird nicht auf einmal ein guter Mensch. Nur weil er seinen Krieg verloren hat. Wenn man Pech hat, wird er nur noch schlimmer. Verlieren kann sehr kränkend sein. Für viele.

Kriegsende... die Jahre drauf sortiert sich alles wieder neu. Aufgebaut wird, Stück für Stück... und hast du nicht gesehen, sind sie alle wieder in ihren Ämtern. Und entscheiden. Wieder. Alles.
Alte Seilschaften richten sich neu ein... nach 5 Jahren kehrt wieder langsam Ruhe ein. Und alle ziehen den Kopf ein. Nur nicht auffallen. Es könnte ja rauskommen, was man gemacht hat. Nur nicht fragen, nur nicht nachdenken, nur nicht zulassen, dass gefragt wird. Nur nicht zulassen, dass darüber nachgedacht wird.
Alle waren schuldig. Alle waren wieder in ihren Ämtern. Alle zogen den Kopf ein. Dass nur ja niemand entdeckt, wer sie mal waren.

Es war die Bleierne Zeit.
Wer einmal Blei in den Händen gehalten hat, weiß, wie schwer Blei ist.
5 Jahre nach Kriegsende... die 50er, 60er Jahre... über allem!!! lag dieser bleierne Mantel.

In das Grundgesetz wurde dieser wunderschöne Satz gemeisselt: ,,Männer und Frauen sind gleichberechtigt."
Das war der entscheidende Satz.
Denn danach tat sich erstmal nix. Gar nix. Alle und alles wehrte sich dagegen. Bei den Mächtigen. Den Männern.
Wäre dieser eine Satz nicht dort festgelegt worden, in unsrem Grundgesetz, es wäre dabei geblieben. Es war immer nur immer wieder das Bundesverfassungsgericht, das die Politiker anmahnte und anmahnte, es auch umzusetzen. Erfolglos. Aber hartnäckig.
Wie sah das aus für eine Frau? In den 50er, 60er Jahren?
Wie gesagt, 4 Jahre, bevor meine Mutter geboren war, durften zum ersten Mal überhaupt die Frauen auch wählen.
Bald dann ja auch nicht mehr, die Deutschen hielten sich für superschlau, lieber wieder eine Diktatur zu wählen. So wie heute auch wieder.
Und dann war ja das kurze wählen dürfen auch schon wieder vorbei. Diktatur war. Krieg war. Die Frau sollte Hitler Soldaten schenken, und bekam als Vielgebärende einen Orden. Sollte anständig sein, still sein. Und sich opfern.

Und als das gröbste Grauen wieder überstanden war?
Nun ja, eigentlich keine Überraschung.
Höchstens: dass das so nah an unserer heutigen Zeit war.
Egal, was im Grundgesetz stand - es wurde einfach, still und überzeugt, nicht umgesetzt.
Es herrschte einfach weiter das Gesetz, das bis dahin, seit gefühlt immer, geherrscht hat.

Ein uneheliches Kind war für die Mutter gesellschaftlich eine Katastrophe. Viele Mütter erhielten dann nicht einmal das Sorgerecht.
Ein guter Freund von mir von der Tankstelle erzählt mir erst vor kurzem, dass seine Mutter, schon über 90, aber immerhin, erzählt, wie zu ihrer Zeit als junge Frau den Müttern von unehelichen Kindern nicht mal gestattet war, ihrem Kind einen Namen zu geben. Der Pfarrer hatte das Recht dazu. Und gab den Kindern dann so Namen wie Lucia oder so, in dem der Name des Teufels mitschwang. Damit man schon am Namen erkennen konnte - ein Kind des Teufels.
Gut, hier wo ich leb, ist pechschwarze Katholikenluft.  Das ist nicht überall so gewesen. Denke ich. Hoffe ich.
Aber hier
war das so.
Das reicht. Um erstmal keine Luft mehr zu bekommen.
Zumindest mir geht das so.

Das Ehe- und Familienrecht bestimmte den Mann zum Alleinherrscher über Frauen und Kinder.
Eine Ehefrau musste ihrem Mann jederzeit zur Verfügung stehen.

Wenn er sie oder die Kinder misshandelte, galt das als Privatsache.

Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eignes Bankkonto eröffnen.
Erst 1962, da war meine Mutter 40, ich 8, bekamen Frauen gesetzlich das Recht zugesprochen, auch ohne Zustimmung von Mann oder Vater ein Konto zu besitzen.
Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen.

Bis 1977 durfte eine Frau nicht ohne der Erlaubnis ihres Mannes arbeiten.
Der Mann hatte das Recht, ihre Arbeit zu kündigen, und auch das Recht, sie zu zwingen arbeiten zu gehen, auch wenn sie das nicht wollte.
Erst die Abschaffung der Hausfrauenehe  beendete das Gesetz, das festlegte, dass die Frau mit der Hochzeit für den Haushalt verantwortlich sei und nur erwerbstätig sein durfte, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war. Erst 1977 endete diese gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe.
1977... wir reden hier nicht vom Mittelalter.
Ich war da 23.

Meine Mutter 55.
Wir reden hier nicht von längst vergangenen Zeitaltern.
Es ist noch in unserem Blut.

3 Jahre, bevor meine Tochter zur Welt kam.

Es ist nicht lange her.
Es lebt noch.
In unseren Körpern.
Unsren Seelen.
Wir sind doch die Zeitzeugen.
Wir leben noch.

Und wir erzählen euch davon. Damit ihr es nicht vergesst.
Es ist keine Geschichte aus dem Geschichtsbuch.
Ich bin's, eure Omama.
So sah die Welt aus, in der ich lebte.
Als Kind. Als junge Frau.
Es ist noch in uns.
Lebendig.
Vergesst das nie.

nachtwind

Einiges an Veränderungen brachten die 68er...  wobei das ja nur ein Name ist.  Was 68 begann, spielte sich vor allem in den 70ern ab. Meine Zeit. Was für ein Vulkanausbruch, in der ganzen westlichen Welt!
Auch da gilt übrigens : es waren sehr wenige. Als ich so 50+ war, habe ich immer mal wieder, wenn ich jemanden mit passendem Alter kennengelernt hab, gefragt: wo warst du in der  68er Zeit? Was hast du davon mitgekriegt, was hat dich umgetrieben ..?
Ich hab es wieder eingestellt. Es gab einfach keinen Treffer.
Es waren wenige...
Aber: mit was für einer Kraft!!!
Wir daran geglaubt haben, dass wir die Welt endlich verändern können!
Endlich!!
Ja...

Aber lasst euch niemals, niemals, erzählen, dass damals die sexuelle Revolution stattgefunden hätte. Hat sie nicht!
Männer erzählen die Geschichte so.
Für uns Frauen war das nur wieder eine Arschkarte mehr in der Hand. Miserables Blatt.
Die Männer feierten ihre sexuelle Revolution. Mit Recht.
Nur leider nannten sie das die sexuelle Revolution. Und da hatten sie eben nicht mehr Recht.

Wir alle vergessen immer wieder gern, dass die Geschichte von Männern geschrieben wurde. Beschrieben wurde. Eingeordnet wurde. Benannt wurde.
Ist ja auch nichts falsches dran. Wenn es als die eine Seite der Wahrheit verstanden wird. Und die andere Seite, die weibliche, selbstverständlich und genauso geachtet, automatisch danebengestellt wird.
So wird ein Schuh draus. Nur so wird ein Schuh draus.

Aber natürlich war es erstmal so wie immer. Bis dahin.
Und wir Frauen mussten jetzt nur wieder einem neuen ,,legitimen Bedürfnis" zur Verfügung stehen. Sonst waren wir halt schon wieder nur: Versagerinnen...reaktionär, bürgerlich, prüde... rückständig halt!
Niemand wollte so sein. In unseren Kreisen.

Glaubt nicht die Geschichte der sexuellen Revolution, wie sie erzählt wird.
Männer feierten sie, als Überwindung all der bleiernen Moral. Mit Recht.
Ob wir das so wollten, fragte niemand.
Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. (Und das war der Endgegner. Das, was überwunden werden musste.)
Wir sagten auch erstmal nix dazu.
Wir bezahlten den Preis dafür.
Niemand zwang uns dazu.
Es war der Preis, den wir zahlen mussten, um dazuzugehören.
Und das wollten wir.

Aber es blieb nicht dabei. :-)
Es entwickelte sich eben auch aus dieser Zeit, die 68er Zeit heißt und die 70er meint, auch in uns Frauen etwas. Das später Frauenbewegung hieß.
Und die hat überlebt. Bis heut. Weil sie so gottverdammt wichtig ist.
Und nie nachließ. Auch wenn sich erstmal nichts bewegte. Die immer wieder neu sich meldet.
Und dafür lieb ich uns Frauen! Für immer!
Es gibt tausend und einen Grund, uns Frauen zu lieben.
Das ist einer davon. Ein sehr kraftvoller!!
Machtvoller auch!
Frauenbewegung.
 Es gibt nix Gutes - außer man tut es!
Frauenbewegung.

Wenn ich  einen Wunsch frei hätte, nur einen einzigen Wunsch, für unsere Menschheit... unsre Welt - es wäre dieser.
Dass es nie mehr aufhört. Dass es immer weiterlebt. In uns Frauen und Männern. Uns bewegt. Und uns, wenn die Zeit reif ist dafür, uns nicht nur bewegt, sondern beisteht.
Damit wir es schaffen, den Mut aufzubringen, die Einsamkeit dafür zu ernten. Uns stark macht, alle Angst in uns zu überwinden und aufzustehen. Und zu sprechen. ,,Seht her! Das ist Unrecht!" 
Und dann: ,,Das können wir so viel besser!"

Bis wir auf Augenhöhe sind. Und dann hoffentlich bleiben!
Wenn es wirklich ein Matriarchat gab vor dem Patriarchat, dann könnte es tatsächlich sein, dass das kein frommer Wunsch bleibt. Dass das Pendel jetzt genug ausgeschlagen ist, und in hundert oder tausend Jahren es sich tatsächlich dort einpendelt, wo es hingehört.
Wo die Männer und die Frauen um all ihre Unterschiedlichkeit wissen.
Und sie achten. Gegenseitig. Weil es so einfach ist: nur so
ist Frieden möglich.

Bis dahin lasst uns offen bleiben.  Für die Frauenbewegung. Egal wo. Egal wie.
Lasst uns die Augen und Ohren offen halten. Für die Bewegung.
Es hat sich noch lange nicht ausbewegt.
Lasst uns aufmerksam bleiben.
Und hin und wieder die Einsamkeit riskieren. Und aufstehen. Und sprechen.
Und manchmal, ganz manchmal ja auch etwas bewegen.
Dadurch.

hey :-)




nachtwind

Wenn ich mich frage, was war für uns Frauen wohl eine sexuelle Revolution, dann denke ich nicht an die 68er, 70 er Jahre.
Ja sicher, es hat den alten Mief vertrieben, der um die Sexualität lagerte. Und das Atmen und das Leben unmöglich machte. Damit.
Das ist es wert gefeiert zu werden.
Aber etwas Revolutionäres für uns Frauen seh ich schon eher in so was wie der ME TOO Bewegung. Oder dem, was 1997 endlich, endlich, endlich! Wirklichkeit wurde.
Das war für uns
zumindest ein Meilenstein in unserem Leben. Frauenleben.
Das veränderte auch mal was für uns.
Und für die Männer dadurch auch.


Jetzt setz ich doch mal eine Triggerwarnung.
Es geht nur um die Haltung von Politik und Gesellschaft - aber zu was, ist das Problem. Es geht um die grausame Seite der Sexualität.

Wut kann sehr hilfreich sein, wenn sie sich in Mut verwandelt.
Wut kann eine Herausforderung sein, wenn man lernen muss, sie zu kanalisieren.
Aber ohnmächtige Wut - das kann eine Katastrophe sein. Wenn sie sich in sich selber hochschaukelt.
Ohnmacht führt zu Wut führt zu neuer Ohnmacht führt zu neuer Wut führt zu noch mehr Ohnmacht führt zu noch mehr....
Endlosschleifen-Katastrophe, mögliche...
tut euch das nicht an... nicht freiwillig!
Das bisschen Neugier ist das nicht wert.


Eine Bibel in der Frauenbewegung war, von Simone de Beauvoir schon 1949 herausgebracht, ihr  Buch ,,das andre Geschlecht". Ihre Botschaft: ,,Man wird nicht als Frau geboren - man wird dazu gemocht."
Frauen sind nicht von Natur aus unterwürfig, unselbstständig und hilflos.
Sie werden von klein auf dazu erzogen.

Ist doch selbstverständlich?! Reines Mittelalter, längst überwunden...
Nein, ist es nicht.
Es macht mich ja glücklich, dass die meisten von euch das so empfinden...
das war ja der Sinn von alledem. Von dem ganzen Bemühen darum.
Aber es ist wichtig, dass ihr versteht, dass das nicht vom Himmel gefallen ist, dieses Selbstverständnis. Und vor allem: dass das gestern war. Nicht im Mittelalter. Als solche Vorstellungen von der Frau noch unhinterfragt herrschten. Es war gestern.
Und eure Mütter und Großmütter waren es, die sich mühsam da ihren Weg bahnen mussten. Keine Mamsells im Mittelalter.
Eure Mütter. Und Großmütter. Vor allen: eure Großmütter. ;-)
Finde ich. :-)
Dass ihr das nicht vergesst, dafür mach ich mir hier die Müh und trage zusammen, was ich noch weiß. Von damals. Von dieser Zeit.

Und lese nach, wenn ich mich nicht mehr ganz sicher war. Wann war das noch mal? Was war noch mal ganz genau die Widerspruchsklausel? Und war das wirklich Ulla Schmidt?....
Ich hab viele Sätze aus dem Nachlesen eins zu eins übernommen... das meiste aus dem  Archiv vom  Deutschlandfunk.de - nicht, weil ich nicht in der Lage bin, das auch mal mit meinen Worten auszudrücken.
Es ist nur so, dass wenn ich es anders ausdrücken, auch andre Gewichtungen da reinkommen. Und wenn mir nicht die Originale vorliegen, verfälsch ich, ohne es zu wollen, dann schon wieder das eine oder andere.
Und das will ich mal tunlichst vermeiden.
Wenn so was 10 mal hintereinander passiert, steht am Ende etwas schon ganz andres auf'm Papier - und keiner hat's gewollt. Ist aber trotzdem so.
Stille Post.
Deshalb übernehme ich hier vieles. Damit es eben nicht verfälscht wird.


Ja. Die Frauenbewegung in den späten 60ern und frühen 70ern
gründeten Frauenhäuser, Notfallnummern, unter denen Vergewaltigungsopfer Beistand fanden... und sie sorgten dafür, dass der sexuelle Misbrauch von Mädchen und Jungs
nicht mehr stillschweigend hingenommen wurden.

Vergewaltigung in der Ehe?
,,Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.
Wenn es ihr versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft...
und verbietet es Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu stellen."
So belehrte der Bundesgerichtshof die Frauen
1966!!
Da war meine Mutter 44.
Und ich immerhin 10.
Alt genug, um sowas zu verinnerlichen. Unbewusst. Und tief verankert.
Es war der Zeitgeist. Der uns alle prägt. Egal wo man steht.

In der zweiten Welle der Frauenbewegung flammte das Thema in den 80gern wieder auf.
Der Paragraph 177 des Strafgesetzbuches stellt  die Vergewaltigung einer Frau unter Strafe - aber eben ausdrücklich nur außerehelich.
Sie haben es nicht einfach vergessen, ungeschickt formuliert, so dass es durch den Rost fällt - es wird ganz bewusst so gesetzt: nur außerehelich!!
1983 fordern Grüne und SPD, in Opposition, dass das Wort außerehelich gestrichen wird.
CDU und FDP wollen dem nicht folgen.
Da war meine Tochter schon 3 Jahre. Und ich 29.

Erst 1996 kam wieder Bewegung in die Sache: es gab eine Studie des Bundesfamilienministerium mit einem Ergebnis, dass gut 3/4 aller Vergewaltigungen in Deutschland in der eignen Wohnung stattfinden.
In der Folge großer Druck auf die Regierung aus CDU und FDP, dem sie nachgeben müssen.
Also gut, wir streichen die Erlaubnis, die eigne Frau vergewaltigen zu dürfen, aber wir fügen mal geschickt eine Widerspruchsklausel ein. Wenn die Ehefrau ihre Anzeige zurückzieht, dann gilt das nicht mehr. Dann ist es weiterhin erlaubt.
Clever.
Nicht ganz. Hey - es ist 1996.  Wir Frauen waren erwachsen geworden.
(Ich war 42.  Meine Tochter immerhin schon 16.  Es waren grad mal 14 Jahre vor der Geburt meiner ältesten Enkeltochter. 14 gottverdammt kurze Jahre!)
Wir standen im Leben. Wir hatten gelernt, selber zu denken.
Egal wer und wo im Leben - wir hatten jede genug eigne Hürden genommen.
Jetzt kam man nicht mehr so leicht an uns vorbei.

Es war Ulla Schmidt, SPD, die mit den Grünen einen überparteilichen Gruppenantrag stellte. Zu dieser Neufassung des Paragraphen 117. 
Ohne Widerspruchsklausel!
Die Wirkung war enorm.
Landesfrauenvereine, katholische Frauenverbände, die CDU- Frauenunion - sie alle überschwemmten die CDU- Zentrale mit Briefen, in denen sie eine Zustimmung ohne Wenn und Aber forderten.
Und erzwangen so eine Abstimmung darüber, trotz aller Versuche, das zu verhindern.
Am 15. Mai 1997 dann die Abstimmung über die Neufassung des Paragraphen 117.
Die Vergewaltigung einer Frau ist immer strafbar - außerhalb und innerhalb der Ehe. Ohne Widerspruchsklausel.
471 Abgeordnete stimmen dafür!
138 Abgeordnete dagegen. Mitglieder der Schwarz-gelben Regierungskoalition.
Einige wenige Frauen sind auch darunter.
Und unter anderem
Horst Seehofer und Friedrich Merz.

So lange her?
Dass Friedrich Merz dafür stimmte, dass Ehemänner ihre Ehefrauen vergewaltigen dürfen, ohne dafür bestraft werden zu können.

Da fragen Sie mal unsre Töchter, was sie davon halten.

(2020 erklärte er auf Nachfrage, er habe die Gefahr durch Falschbeschuldigungen zerstrittener Eheleute gesehen.
Er hielt das für ausreichend, dass durch diese Ergänzung es eine Falschbehauptung wäre zu sagen, er habe für die Erlaubnis gestimmt, dass Vergewaltigungen in der Ehe straflos bleiben sollen.

Aber ehrlich: wie erbärmlich ist das denn?!!
Nur weil es die Möglichkeit gibt, dass Frauen ihren Mann falsch beschuldigen können, ist es den Männern vorsichtshalber mal erlaubt, sie in der Ehe zu vergewaltigen??
Dann dürfte der Staat ja niemanden einer Straftat anklagen - weil ja immer die Möglichkeit besteht, dass es eine Falschbeschuldigung sein könnte.
Dann müsste ja alles
vorsichtshalber erlaubt sein.
???
Ohne weitere Worte.)

Nein, ihr geliebten Töchter und Enkeltöchter.... und Söhne und Enkelsöhne -
es ist wirklich nicht lange her,
dass die Vergewaltigung einer Frau in Deutschland strafbar ist.
Vergesst das nie.
Jetzt, wo ihr das wisst.
Es ist nicht selbstverständlich!
Verteidigt dieses euer Recht mit allem, was ihr habt!
Denkt immer daran: es gibt immer noch so viele, die euch dieses Recht so liebend gerne wieder wegnehmen wollen.
Seid wachsam!
Und wehrt euch gegen die Seehofers und Merzen dieses Landes.
Es lohnt sich!
Auch ihr werdet einmal  wieder Töchter haben... und Söhne!
Es lohnt sich.
Für sie.
Immer!
hey :-)

nachtwind

So sitz ich da in unserem Warteraum für die Op-Besprechung, schaue zu den beiden jüngeren Frauen, die vertieft in ihre Bücher die Zeit nutzen anstatt zu warten.
Was sie wohl für eine Op vor sich haben? Ob sie wohl jemanden haben, mit dem sie ihre Sorgen besprechen können? Der sie aufmuntert, oder mitfühlt, oder auch versorgt, danach. Falls das nötig wird. Oder ob sie das alles alleine wuppen, und da muss ich lächeln. Auch das ist mir vertraut.
Ich denke an meine Tochter - und bin sehr dankbar, dass sie noch nie in so einem Wartebereich sitzen musste. Denke an meine Enkeltöchter, und wie sie wohl ihr Frausein werden leben können... und allmählich steigen all diese Gedanken in mir hoch. Wie es so war.
Als ich jung war. Als meine Mutter jung war. Als meine Tochter jung war.
Und ob die zwei jüngeren Frauen wohl auch nur eine Ahnung haben. Davon. Von diesem atemberaubenden Weg, den wir Frauen in so spitzenkurzer Zeit zurückgelegt haben.
Ob meine Enkeltöchter es je erfahren werden? Dass es nicht selbstverständlich ist. So wie es jetzt ist. Dass es erst gestern
so ganz anders war.
Und ich denke deutlich, dass ich es ihnen aufschreiben sollte. Wer sonst ?
Es ist doch wichtig! Um zu verstehen. Sich. Und andere.

Ich werde nicht mehr da sein, wenn die Zeit gekommen ist, in der man solche Gespräche führen kann. Weil in ihnen Fragen auftauchen. Zu diesen Themen.
Ich sollte mich hinsetzen und ihnen einen Brief hinterlassen. In dem das so steht, wie es war.
Und sie vermutlich nicht wissen werden.

Und das hab ich jetzt hier versucht.
Aber jetzt kommen die Zweifel....
ja, in mir brennt es, wenn ich darüber schreibe. Aber kommt das auch an? Wenn man es liest?
Oder überliest man es... und hat es schon wieder vergessen, bevor man noch zum Ende kommt?
Also mit dem Thema langweilen - das ist jetzt auch nicht das, was ich will.
Erreichen will. Dann lieber gar nix.
Oder eben doch noch mal ganz anders?
Es ist mir wichtig.

Mag sich hier die eine oder andre die Mühe machen und mir kurz rückkoppeln, ob es eher langweilig ist? Für sie. Oder doch eher interessant? Das Thema?
Nur kurz. Aber ganz ehrlich. Auch ganz ohne Begründung.
Länger geht natürlich immer. ;-)

Es würde mir wirklich helfen.
Ich kann's grad überhaupt nicht mehr abschätzen.
Ich wär sehr dankbar.

Wenn man schon mal Enkeltöchter hat, will man es ja nu auch wirklich richtig machen. Das Erklären. Dass sie verstehen.

Danke an die, die antworten!
Ehrlich antworten.
hey :-)

claudi

Ich finds spannend.
Sonst wäre ich auch nicht dran geblieben.
Und auch wichtig.
Vieles davon wissen wir jüngere gar nicht weil nicht erlebt oder erzählt bekommen

Deswegen find ich es immer wichtig älteren, Lebenserfahrenen zu zu hören.

Und die bekommen dann auch frischen wind zugepustet😉

Das geht mir zb so wenn ich mit meinen nichten u meinem neffen bin.

Spannend auf alle Fälle!
Ich kämpfe-bis zum Schluss!!
Step by step!!

nubis

Liebe nachtwind,

gerne gebe ich dir auch ein feedback: mich langweilst du ganz und gar nicht!

Tatsächlich finde ich es grade eher erschreckend, wie wenig ich davon mitbekommen habe.
Ich habe immer gesagt, mich interessiert Politik nicht - und das ist bis heute so.

Aber dass ich solche Themen stillschweigend überlesen habe? - das erkenne ich erst jetzt, wo du es erzählst.
Mit den Jahreszahlen.
Meine Prioritäten lagen damals anders... aber 1996? Herrje!
Das Einzige was ich von damals weiß, ist, dass mein Mann und ich unser 10-Jähriges hatten und es große berufliche und private Veränderungen gab.

Du hast recht, wenn du schreibst, dass manche meinen, Vergewaltigung in der Ehe sei ein Thema aus vorsinflutlichen Zeiten...
Ich hab's nicht mitbekommen, damals.

Und die anderen Schritte, die dem vorausgegangen sind, erst recht nicht.

Deshalb ist es gut - und wichtig! - und lehrreich! - dass du das aufschreibst und deinen Kindern und Enkelkindern hinterlässt ...und zum Glück auch uns!

Ich bin dir sehr dankbar für diese 'Lektion in Sachen Geschichte (der Frau)'!
Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind

Echt! herzlichen Dank an euch, claudi und nubis!
Ich bin grad mords erleichtert... es kam mir immer theoretischer vor, je länger ich darüber nachgedacht hab. So Richtung Schulaufsatz... trocken - und unnütz. Höchstens ein Lehrer interessiert sich dafür. Und der auch nur, weil er dafür bezahlt wird.
Das wär mir arg gewesen - das hat dieses Thema jetzt wirklich nicht verdient.

Grad weil du schreibst, Politik ist nicht deins, nubis - und du es trotzdem wichtig findest - das macht mir Mut. Dass es sich auch dann überträgt. Weil's eben nicht einfach nur Politik ist. Sondern Teil von uns. Von unserem Leben.
Auch wenn es in unserem ganz alltäglichem Leben hoffentlich!  gar nicht stattgefunden hat. War es trotzdem Teil des Zeitgeistes.
Sowohl dass es eine wahre Flut an Briefen gegeben hat, von Stellen, die völlig unverdächtig waren, aufmüpfig zu sein!
Einfach nur: weil es eben Frauen waren.
Als eben auch die nicht wenigen, die sich selbst dann noch dagegen gestemmt haben. Auch da waren Frauen darunter.

Und noch eins ist mir sofort in's Auge gesprungen in dem, was du schreibst:
was du stattdessen mit dem Jahr verbindest. Das find ich so wichtig.
Mehr als einmal wollte ich das unbedingt dazu schreiben. Weil es wichtig ist zu unterscheiden: was ist Zeitgeist - und was ist tatsächliches Erleben.
Ich hab's auch mehr als einmal geschrieben - und dann wieder beim Überlesen  wieder gestrichen.
Weil immer was andres grad wichtiger war.
Und weil zu viel auf einmal auch dann davon ablenkt, wieder.

Jetzt wird mir ganz klar, das gehört da mit rein.
Dass es eben nicht heißt, dass alle Frauen von ihren Männern vergewaltigt wurden in dieser Zeit. Nur weil es erlaubt war.

Gab doch genug Männer, die in sich selbst ein Tabu haben. Sich nicht mit Gewalt zu holen, was sie wollen. Nur weil sie stärker sind.
Und es können.
Und die Frauen waren auch nicht alle schwache, hilfsbedürftige Wesen, die nicht fähig waren, selbst zu denken. Nur weil das Gesetz das so festgelegt hat.
Und wenn ihr Mann dann doch mal ausholte - oder schlimmeres, durchaus auch in der Lage, ihrem Mann dabei zu helfen, ein anständiger Mann zu bleiben.
,,Denk noch nicht mal dran!"
Es wird genug davon gegeben haben. Männer. Und Frauen.
Egal was das Gesetz sagt. Die in der Lage waren, sich selbst Regeln zu geben.
Und sich daran zu halten.
Anständige Regeln.

Aber das andere gab es eben auch. Und leider eben auch nicht selten.

Danke claudi - danke nubis... dass ihr geantwortet habt!
Das hab ich jetzt gebraucht.
Hab schon das Grübeln angefangen, wie ich es neu erzählen kann. Muss. Wenn's nicht rüberkommt.
Jetzt bin ich froh. Mir ist nämlich nichts entscheidendes eingefallen.
Ihr tut mir gut!

Dank dafür!!
*wink
und *drück

Und ja - der frische Wind ist Gold wert! Das find ich auch!
Manchmal unbequem. ;-)
Aber immer: Gold wert.

nachtwind

So sitz ich da in unserem Warteraum für die Op-Besprechung, schaue zu den beiden jüngeren Frauen, die vertieft in ihre Bücher die Zeit nutzen anstatt zu warten.
Und denk so vor mich hin.
Eineältere Dame läuft ein. Sie sieht wohlhabend aus. Aber glücklich ist sie grad wirklich nicht. Sie bringt so viel vibrierende Unruhe hier rein. Alles ist laut an ihr. Sogar das Atmen. Und nichts fühlt sich so an bei ihr wie am rechten Fleck.
Dann fällt ihr beim Jacke ausziehen auch noch etwas aus der Tasche... sie schaut es an, als wollte sie gleich losweinen.
Ich kenn sowas. Wenn man zu tapfer ist. Dann kann so was passieren. Man nimmt sich zusammen, ja - aber wenn auch nur irgendetwas schief läuft, eine winzige Kleinigkeit, dann bricht alles zusammen. Ganz dünnes Eis.
Sie wird schon ihre Gründe haben, warum sie so neben sich steht grad. Hier bei uns ist es ja nu auch nicht soo eine Überraschung, wenn auch mal eine Todgeweihte unter uns ist. Da muss man nicht immer cool bleiben. Da kann man auch schon mal neben der Spur sein.

Es dauert, bis sie sich sortiert hat.
Dann verlangt sie was zu lesen. Die netten Frauen von der Patiententheke bemühen sich, aber das ist hier nicht so üblich. Man kann sich ja was von zu Hause mitbringen, wenn man was lesen will. Stand das nicht in dem Brief, den Sie bekommen haben?
Die Art, wie sie verlangt - und jetzt die Antwort abtut... ohjeh... nicht nur wohlhabend. Gewohnt zu befehlen.
Nicht gewohnt, es nicht zu bekommen.
Ich kenne diesen Ton.

Ich hatte ja Glück. Dadurch, dass ich bis auf das erste Jahr nur in der Nacht auf Arbeit war, konnte ich ja den Patienten ganz unvoreingenommen begegnen.
Im Patientenkittel, oder die Fitteren auch mal im Schlafanzug ,sind alle Menschen erstmal gleich.
Das macht es schon leichter. Jeden Menschen erstmal zu nehmen, wie er eben so ist. Als Mensch. Nicht als Person. Die er gewohnt ist zu prösentieren.
Aber dieser Ton - den kenn ich gut.
Da hilft auch kein Patientenkittel.
Da weiß man gleich, was auf einen zukommt.
Ich seufze innerlich.

Höre dem Klang der beschwichtigenden Worte der beiden Frauen von der Theke zu, wie sie sich bemühen, alles zurechtzurücken. Damit die Dame zur Ruhe kommen kann. Und spüre, wie mir das Herz aufgeht... so viel freundliche Geduld!
Und ich denke den Gedanken, den ich öfters schon mal denke, in solchen Situationen:
Diese Wohlhabenden, die glauben, sie seien ach so erfolgreich, befehlen. Und erwarten, sie bekommen,was sie wollen. Weil sie so erfolgreich sind. So toll.
Weil es ihr eingeborenes Recht ist. Das Recht des Stärkeren.
Oder, selber Grund nur andersherum: weil all die andren ja so unterbelichtet sind. Die nicht so Wohlgeborenen, Erfolgreichen... die Schwachen halt.

Wie die wohl kucken werden, wenn sie begreifen, dass die Welt nur deshalb so friedlich ist, weil wir nicht so Wohlgeborenen, wir Schwachen ;-) halt
so geduldig mit ihnen sind.
Innerlich seufzend zwar, aber so geduldig mit ihnen sind.
Nicht weil sie so toll sind!
Weil wir so viel Geduld mit ihnen haben!
Haben wir sozialen Frieden. Wenn wir ihn haben.
Wie sie wohl da kucken?!
Ich wär mal gern dabei.

Ponyhof

Ich habe gerade angefangen hier zu antworten. Aber ich nehm' es mit in meinen eigenen Thread. Ist meine Geschichte, daher gehört die hier nicht rein und halbieren will ich sie auch nicht.

Liebe Grüße