Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind



Thema Grauen: Check! Geschafft!
Ich misstrau ja immer meinen Wahrnehmungen, aber wenn es hart auf hart kommt, dann übernimmt mein Körper mit all seiner instinktiven Intuition - und seiner völlig fraglosen Durchsetzungskraft - die Kontrolle. Rettet mich. Wo ich mich noch frag, ob ich mich nicht irre, hat er schon längst gehandelt. Und lässt nicht locker! Ganz und garnicht! Krass, wer so einen Freund hat!
Grauen?  Check! Geschafft!

Thema Wucht: check! Geschafft!
Ich hab einen ganz absurden Gedanken, wenn ich an diesen Teil der Geschehnisse denk beim Erzählen - ich denk, richtig ein bisschen stolz: ,,du bist aus meinem Holz geschnitzt!"
Ich weiß, es ist absurd. Aber wahr ist es ja nu auf jeden Fall.
Absurd, aber wahr.
Was zweierlei erklärt - einmal, warum ich so lange gebraucht habe zu erkennen, dass ich ein Angsthase bin. Mit dieser Begabung in mir identifiziere ich mich einfach extrem gern. Mit dieser Fähigkeit, auch Extremsituationen körperlich gewachsen zu sein.
Und zweitens eben, dass ich zwar weiß: Ich bin ein Angsthase. 86% meiner Zeit denke ich meine Angsthasengedanken, phantasiere meine Angsthasenvorstellungen, mache meine Angsthasensachen - aber wenn's drauf ankommt, dann kann ich auch advenger.
Naja, im Kleinen.... im nachtwindkleinen. Aber hey!!
Immerhin!!
Auch DAS bin ich! Auch DAS kann ich.
Für nen Angsthasen ist das schon ziemlich viel!
Und darauf
bin ich ziemlich stolz.

Zweimal Alptraum - und zweimal kräftiges check!
Beim dritten Alptraum fällt es mir schon deutlich schwerer.
Beim Schreiben schon (es wundert mich, wie groß der Unterschied zwischen schreiben oder denken ist für mich. Mein Denken ist flüchtig...schnell, aber so fix weitergeweht... Schreiben ist nochmal plastischer irgendwie - ich sehe, ich verstehe manches wirklich besser) - beim Schreiben schon hab ich gedacht:
eigentlich ist das ein gutes Bild für mich. Um Depression zu beschreiben.
Auch: zu verstehen.
Gekämpft, alles geschafft bis jetzt - und dann
zieht es mich zurück in's Meer. Langsam. Ganz langsam. Und unerbittlich.
Eigentlich sogar gar nicht mal mich selbst.
Den Sand unter meinen Händen und Knien zieht es zurück in's Meer.
Und damit mich.
Und ich kann nix tun.
Hoffnungsloses Entsetzen.
Da jetzt etwas Gutes zu finden, fällt mir nicht so wirklich leicht.
Aber es gibt etwas Gutes - direkt danach.... etwas kostbar Gutes!!
Vielleicht zählt das ja da mit rein?
Ja, warum nicht?!

Mein Schwager hat mich mal gefragt ,,sag mal - bist du eigentlich verbittert dem Leben gegenüber?" Ich war völlig überrascht!!
Ich war völlig überrascht!!! Völlig! Und sage spontan ohne nachzudenken, völlig verblüfft über diese Frage: ,,Ja nee -überhaupt nicht!!! Das Leben war doch immer gut zu mir!!!
Ja sicher - ein paar Menschen waren nicht wirklich anständig zu mir..... aber das Leben?
Das Leben war doch immer gut zu mir!!!"

Ich habe nie darüber nachgedacht.
Ich hätte es auch garnicht bemerkt.
Wenn mich keiner das gefragt hätte.
Gottseidank wurde ich gefragt.
Und jetzt weiß ich es.
Und vergess es nie mehr. Will es zumindest nie mehr vergessen.
Das Leben
war immer gut zu mir!

Das fühlt sich sehr reich an.
Und ist es vermutlich sogar auch.

Gott sei Dank hat mir jemand diese duselige Frage gestellt!
Vielleicht hätt ich es sonst nie bemerkt!
 Kaum vorstellbar, wie leicht man an elementar wichtigen Dingen vorbeischlittern kann in seinem Leben.
Ich hab nie gehadert mit dem Leben. Ich hab mit mir gehadert.
Aber mit dem Leben? Nie. Warum auch?! Es war ja immer
gut zu mir.
Gefühlt hab ich das immer. Aber bewusst
war mir das nie.
 Bis ich gefragt wurde.
Dem Himmel sei Dank!

Und das ist auch der Schönste Teil dieser Geschichte da in Swakopmund:
wenn es drauf ankam, wenn es wirklich drauf ankam,
dann hat das Leben mich nicht allein gelassen.
Dann hat es mir eben 2 Männer vorbeigeschickt. Die vernünftig genug waren, um zu erkennen, dass hier etwas geschieht, was nicht geschehen sollte. Und die offen für andre Schicksale waren.
Und eingegriffen haben.
Mir entgegengelaufen sind. Weil sie verstanden haben, ich kann nicht mehr.
Und die so
meinen Vater zum Umkehren gezwungen haben. Diese Schmach wollte er sich jetzt doch nicht geben. Dass Fremde mich retten.
Als es sich nicht mehr ändern ließ, dann ist er halt umgedreht.
Wie furchtbar wütend er war, das hat er mir deutlich um die Ohren gehauen. Seine Idee hatte nicht geklappt!!!
Himmel, er konnte so wütend sein!!! Aber er war es nicht oft. Das ist das Gute.
Nur die Schmach, dass jetzt Fremde mich retten, diese Schmach wollte er jetzt doch nicht schlucken. Dafür musste ich was schlucken. Irgendeiner
muss halt schlucken. Ohne schlucken
geht es nicht.
Die zwei Männer, die nicht einfach vorbeigegangen sind, die Anteil genommen haben, die haben mich gerettet.
Das ist das Wunderschöne: zu guter Letzt
ist auch was Gutes passiert.
Das Leben war gut zu mir.
Das ist schon schön!
So schön...
unsagbar schön.


Und das bewusstlos Gehen? Was ist damit? Alles gut gegangen??!!
Ja. Ich denk mal so: entweder man ist ein Herden-, ein Rudeltier ... dann flüchtet man sich in die Herde, in das Rudel, wenn man verletzt ist. Und schwach.
Und die Einzelgänger, die flüchten sich in eine Höhle. Irgendwohin, wo sie allein sein können. Um wieder zu genesen. Kraft zu sammeln. Wenn sie verletzt sind.
Daran ist nix falsches. Nix andres hab ich gemacht. Solange durchgehalten, bis ich in meiner Höhle sein konnte. Da ist nix falsches dran.
Man könnte sagen: Höhle gefunden und bis dahin durchgehalten - check.

Und was ist jetzt?!! Alles gut ausgegangen?!!! Entschuldige, aber wie billig ist das denn?!!!
Jetzt ist auch mal langsam gut! Keiner sagt, alles gut ausgegangen. Außer du.
Das einzige was ich sage: da war auch was Gutes in dieser meinen  Geschichte. Nicht mehr - aber auch keinen Furz weniger!
Das war mir damals nicht bewusst. So bewusstlos wie ich doch da war.
Aber es war doch trotzdem nicht verloren. Irgendwo muss ich das doch aufbewahrt haben. Für andre Zeiten.
Wie sonst komm ich denn zu so einer spontanen Antwort???
Das Leben war immer gut zu mir!
Aus solchen Erlebnissen eben. Wenn es mal ernsthaft hart wurde.
Es war mir nie bewusst - aber ich muss es doch angesammelt haben in mir.
Ich hätt es eben gern ein bisschen früher entdeckt. Das stimmt schon.
Aber ich habe es entdeckt.
Weil mich jemand gefragt hat.
Beide, mein Schwager und die zwei Männer vor 60 Jahren, wissen nicht, was sie
in mir angestoßen haben. Wie wertvoll die  Begegnung war! Für mich.
Wie bedeutend.
Ich wusste es ja auch lange nicht. Also bei den beiden Männern.
Aber auch wenn nicht bewusst, wirkt es doch in mir. Bis heute.
Und heute auch
bewusst.


Es nimmt dem Grauen nichts. Nichts! Gar nichts. Im Gegenteil sogar!
Wenn man auch etwas Gutes entdeckt. In all dem Schlamassel.
Das Gute ist wie ein kleine Insel.
Auf der man ausruhen kann. Und sich all das Schwere in Ruhe anschauen kann.
Weil man da sicher ist. Auf dieser Insel.
Auf der Insel des Guten.
Und so kann man auch das Grauen zB auch mehr würdigen sogar.
Weil es einen ja vorübergehend nicht mehr bedrohen kann. Auf dieser kleinen Insel.
Und eben mal nicht wieder schnell da weg muss! Weil es einen sonst zu sehr würgt.
Es ist nur eine kleine Insel.
Sie nimmt dem Schweren nix. Keine Sorge. Im Gegenteil.
Man sieht in Ruhe besser.
Und fühlt sich trotzdem nicht gejagt.
Sondern in Sicherheit.
Und weiß diese
sehr!!!
zu schätzen.
:-)

nachtwind

Natürlich hatte ich nicht so viel Zeit, da so genauer hinzuschauen
und es neu zu verstehen.
Es ging ja Schlag auf Schlag.

Was mich dann an die Wellenerfahrung erinnerte - und das dann auch ein bisschen zu Recht. 5 Level runtergedreht passt es schon. Als Bild.
Und natürlich hab ich den Gedanken auch noch ein bisschen nachgehangen...
Aber es ging ja Schlag auf Schlag.
Also: darüber denk ich mal genauer nach. Wenn Zeit ist dafür.

Jetzt ist Zeit dafür.
Zeit kann kostbar sein. Fällt mir grad auf.
Schon ein Geschenk, dass ich jetzt Zeit hab für sowas.
Schon ein krasses Geschenk!

Schlag auf Schlag - kaum was durchgestanden, schon das nächste Abenteuer:
Kann ich überhaupt Krankenhaus??!,

Der Termin im Krankenhaus steht an. Den ich hatte, um einen Grund zu finden, warum ich nicht 3 Monate warten muss auf MRT und CT. Sondern gleich drankomm - eine Einweisung. Einen Tag Krankenhaus. Dann müssen sie mir eine Untersuchung geben. Gleich.
Ich hatte schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Wegen sowas ein Krankenhausbett belegen. Ist ja eigentlich Betrug.
Aber viel mehr noch hat es mich gefreut. Ich fand das ne prima Sache. Für mich.
Ich kenn mich doch!
Kaum hab ich schwerwiegende Bedenken durchgestanden, fang ich doch schon wieder an mit Angsthasengedanken:
Hoooch.... Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich überhaupt Krankenhaus kann!! Was wenn nicht?!!! 5 Tage bis ne Woche - das ist ewig, wenn du das gar nicht kannst!! Das stehst du vielleicht gar nicht durch!! 
??
Da kommt so ein Probetag grad recht!!
Es wären immerhin noch ein, zwei Wochen Zeit gewesen, bis zu einer mögliche Op - Zeit für tausend Ideen, was alles an einem Krankenhausaufenthalt für mich so furchtbar werden könnte, dass ich es gar nicht aushalten könnte....
Ich habe eine blühende Phantasie! Bei sowas. Hochbegabt.
Da kommt so ein Probetag grad recht - wie für mich gemacht, sozusagen.
Probetag für Angsthasen - kann ich das? Krankenhaus?

Einen Tag werd ich schon schaffen!
Und dann weiß ich mehr.
Wie ich mich vorbereiten muss. Auf all die Herausforderungen, von denen ich ja  bis jetzt noch gar keine Ahnung hab.

Ich also mein Köfferchen gepackt. In's Blaue hinein.... was braucht man da so?
Ich war noch nie im Krankenhaus.
Also als Patientin im Zimmer auf Station.
Kann ich da überhaupt schlafen??? Mit andren Menschen im selben Zimmer???
Ich schlaf mein Leben lang allein im Zimmer. Bis auf die Zeit im gemeinsamen Kinderzimmer mit meiner Schwester. Bis auf die Zeit, in der die Kinder klein waren. Und jetzt die letzten Jahre mal, wenn die Enkelkinder es so gerne wollten. Aber da war es für mich schon schwieriger. Ich kann nicht gut einschlafen. Und lesen, bis ich müde werd davon, das ging ja nicht.
Und jetzt mit völlig fremden Leuten im Zimmer?!
Meine Enkelkinder lieb ich doch. Das ist was andres.
Aber Fremde - ob ich das kann?!
Ich war noch nie im Krankenhaus. Also als Kind schon. Blinddarm. Aber da weiß ich nix genaues mehr darüber. Und ein paar Jahre später nochmal Mandeln.
Aber als Erwachsene nie.
Ich hab schon richtig Glück mit meinem Körper!!
Und wieder wird der Entschluss ein bisschen fester noch: Chemo?? - tu ich dir nicht an!!

Ich also mit meinem Köfferchen auf dem Weg in die Klinik.
Mit Köfferchen fühlt sich das noch mal anders an.
Ich würd jetzt gern Musik hören. Das würde mir ein bisschen helfen. Ich glaub, ich werd ein bisschen mürbe grad. Musik wär jetzt gut.
Sowas, was die Boxer hören. Auf ihrem Weg zum Ring.
Oder sonst was leicht bombastisches.
Käm schon gut.
Aber gut -geht auch so.

Also erstmal anmelden. Das kann ich ja schon mal. Diesmal dauert es noch ein bisschen länger. Ich bin verblüfft: viele Fragen beantworte ich jetzt schon ein zweites Mal... klappt aber das nicht mit dem Computer?!
Egal - gefühlt fünfzigtausend mal nach einer Unterschrift die Frage: ,,Wollen Sie das ausgedruckt?". Die ich jedes Mal erschrocken verneine. Was denkt der Typ eigentlich, was für einen Riesenkoffer ich dabei hab? Das wären ja Bücher an Papieren.... und die müsst ich ja alle hochschleppen zu mir unter's Dach! Geschweige denn sie alle lesen!!! Und das müsste ich ja.... Warum sonst lass ich sie mir ausdrucken.
Ansonsten ist es langweilig dort. Bis der ältere Herr, der da alles mit mir durchgeht, aufsteht und mir ein Bändchen um's Handgelenk binden will.
Ich erkläre ihm ziemlich irritiert aber höflich, dass ich noch nicht dement bin -
Aber das beeindruckt ihn nicht. Mit müde wirkender ziemlich abwesender Freundlichkeit bindet er das Bändchen wortlos fest. Und entlässt mich mit einigen Unterlagen und einer Wegbeschreibung.
Vielleicht träumt er ja heimlich von einem Job ohne Kundenkontakt?

Ich ahne, dass ich mich mit den vielen Unterschriften eben auch Schritt für Schritt dieser Maschinerie ausgeliefert hab. Zumindest einverstanden erklärt hab. Was blieb mir ja auch übrig?
Ich bin ja nicht gekommen um zu gehen.

Die Wegbeschreibung immerhin war zielführend
Ich finde den Weg.

Und mein Zimmer. Und mein Bett.
Und bald die Erklärung für das Bändchen. Es dient gar nicht dafür, verwirrte und verirrte Patienten wieder ihrer Station zuzuführen.
Du hast dich nicht nur in die Maschinerie begeben, freiwillig - du bist auch gleich scannbar geworden. Wie die Wurst und der Käse beim Discounter - drübergezogen, piep, jetzt nur noch bezahlen, alles easy.
Und so lass ich mich verblüfft scannen  und merke: hier kannst du noch viel lernen.
nachtwind meeds Moderne.
Schon spannend. Auch.

nachtwind

Kann ich das? Klinik?

Also Dreibettzimmer. Kenn ich jetzt so nicht. Wir hatten immer nur Zweibettzimmer- oder eben Einzelzimmer. Aber das liegt ja auch an der jeweiligen Klinik - wir waren eine neurologische Rehaklinik. Dh die allermeisten hatten einen Rolli. Oder einen großen Rollstuhl. Da braucht man nicht nur den Platz für ein Bett. Da muss noch Platz sein drumrum.
Die neueren Zimmer hatten Platz drumrum. Die älteren nicht. Das war eine echte Zumutung für die Patienten!
Und für uns auch.

Hier also jetzt  Dreibettzimmer.
Ich schau schnell schon mal - jemand da? Am Fenster eine ältere Dame, sehr viel ältere Dame. Hochgestelltes Kopfteil. Sehr hoch. Ob das gut geht?
Dementsprechend runtergerutscht ist sie ja mal schon.
Ich ignoriere meinen Impuls einzugreifen. Nicht mein Job hier.
Grüße stattdessen vernehmlich, kurz und freundlich in ihre Richtung. Keine Reaktion.
Vielleicht hat sie ein Hörgerät. Und das nicht an.
Vielleicht will sie auch einfach nicht.
Auch gut. Hab ich Zeit für mich.
Ich richte mich kurz ein.  Viel hab ich ja nicht dabei.

Wir haben sogar Balkon! Schade, dass Oktober ist.
Draußen ist Baustelle. Die Kinderklinik, die neue, ist fast fertig.
Ich schaue gerne Baustellen zu. Also den Arbeiten dort.
Ich nehme das als gutes Omen. Wenn es blöd wird, schaue ich der Baustelle zu.
Das find ich doch immer spannend.

Draußen ist schon mal gut. Und drinnen?
Ich hab RIesenglück - ich hab das beste Bett.
Ich denke, es war mal ein 6er-Zimmer.  Vielleicht sogar ein 8er? Es würden 4  Betten reinpassen pro Seite. 
Zur Not. In Notlagen. Im Krieg sicherlich.
Dann kam der Wohlstand. Und mit ihm das 6er-Zimmer. Hat sich bestimmt luxuriös angefühlt damals. Vom 8er zum 6er-Zimmer. Es geht voran.
Dann zum 4er-Zimmer! Das war dann Luxus pur! Privatsphäre! Luft zum Durchatmen! Luft zum Gesundwerden! Luft, die einem selbst gehört!
Das muss sich wie Durchbruch! angefühlt haben!
Ein Krankenhaus, in dem man gesund werden konnte.
Und dann noch die Krönung!!!! Ein eignes Bad pro Zimmer!!!!!
Die wahrhaftige Krönung!
Die Geburtsstunde des 3-Bettzimmers. Mit eignem Bad!

Die Entwicklung in den letzten hundert Jahren. Im Zeitraffer.
Am Beispiel eines Krankenhauszimmers.
Wenn man nicht weiß, wo man herkommt - wie soll man denn dann seine eigne Situation ein kleines bisschen realistisch einschätzen können?

Ist doch wichtig zu wissen, wo man herkommt!

Die Welt fing doch nicht mit unsrer Geburt an. Wie man erstmal denkt.
Die Welt gibt es schon so lange. So lang, dass mir schwindlig wird, wenn ich versuche das zu denken. Kann ich nicht. Ist mein Kopf zu klein für.
Und mein Herz.
Aber hundert Jahre ist jetztbnicht viel!
Vor hundert Jahren waren meine Eltern Kinder.
Das ist jetzt nicht sooo lang her.
Grad mal eine Generation vor mir.
Deren Spuren ich tief in mir spüre.
Wie jeder von uns.

Dreibettzimmer. Ich hab das beste Bett. Links neben mir der Balkon und die Balkontüre. Frische Luft!
Auch eine der bangen Fragen: ich schlaf zuhause immer mit offnen Fenstern. Auch im Winter. Also bei minus 10 Grad kipp ich dann schon.
Oder mach neuerdings auch schon mal das Fenster wieder zu, nach ner Weile. Ich friere mehr. Oder meine Wärme reicht nicht mehr aus.
Auch eine der bangen Fragen: kann ich mit geschlossenem Fenster schlafen? Kann man da wenigstens vor'm Schlafen noch mal durchlüften?
Kann ich das?

Und rechts neben mir das eigne Bad.
Der mit Abstand beste Platz! Fast schon wie Einzelzimmer!
Check. Ich glaub, das kann ich.

Sprech noch mal meine Kollegin freundlich an. Vielleicht wollte sie ja auch nicht vor der Schwester sprechen. Die mich gescannt hat. Damit alles seine Ordnung hat.
Sie rührt sich nicht.
Ich mach es mir gemütlich.
Zuversicht.
Das kann ich schon. Zumindest
fängt es gut an.




nachtwind

Dann meldet sich meine Bettnachbarin doch. Hat sie ihr Hörgerät jetzt eingeschaltet? Oder hat sie erst mal still beobachtet, wer da ihre Ruhe stört. Und ist dann zur Überzeugung gelangt: jo, kann man mal machen.?
Ich weiß es nicht. Aber was ich schnell merke - zurückhaltend war vorher.
Jetzt fließt der Strom.

Anfangs noch nicht ganz stromschnellenfrei.
Sie ist kurzatmig. Und hat ihre Zähne nicht an.
Und ich hör nicht mehr besonders gut.
Jetzt nicht die idealsten Bedingungen. Dass Kommunikation gelingt.
Aber wir zwei beiden alten Schachteln, die eine ohne Zähne, die andere ungeübt im Zuhören seit einiger Zeit, wir zwei beide, wir kriegen das schon hin.
Erst stell ich mich an ihr Bett, sie nuschelt schon echt  stark. So geht's besser.
Dann merk ich, dass sie sich leise begeistert an der neuen Situation, und ich hol mir einen Stuhl und stell ihn mir an ihr Bett. Jetzt stimmt's.
Jetzt machen wir zwei beiden gemütlich. Am Strom. Der unermüdlich fließt.
Wohin? Das ist nicht von Bedeutung.
Ich versteh ja auch gar nicht alles wirklich ganz genau.
Aber darum geht es ja auch nicht. Nicht wirklich. Sie hat so viel zu erzählen.
Ich kann sie doch nicht ständig unterbrechen. ,,Häh?.... Wie bitte?... Sagen Sie das nochmal, ich hab's nicht gut verstanden?!..."
Das ist doch nix.
Was uns beiden hilft.
Ihr nicht, weil sie so ja ständig aus dem Tritt gerät... da versiegt dann auch eine schöne Begeisterung schnell wieder. Und aus dem Fluss
wird wieder ein altes, ausgetrocknetes Flussbett. Das doch nicht schön.
Und mir ja auch nicht. Weil ich erfahrungsgemäß ja auch beim 2., 3. Wiederholen nicht wirklich alles  genauer versteh.
Also was soll das?!

Wir belassen es dabei. Sie erzählt, ich höre zu. Und wenn ich seh, jetzt fängt sie an zu schmunzeln, dann schmunzel ich mit Vergnügen mit. Meistens ahn ich ja, worum es grade geht. Und wenn sie traurig ist, dann tut es mir leid. Meistens hab ich ja genug verstanden, worum es grade geht. Und wenn nicht, dann bleib ich trotzdem dabei.

Was macht es denn für einen Unterschied? Ob ich nun weiß, an welchem Punkt in ihrem Leben sie grad ist, wenn sie traurig wird. Ich seh, sie wird traurig. Und es tut mir leid.
Das reicht doch.
Ich bin ja nicht ihre Therapeutin. Die sie durch die Stromschnellen irgendwo hinleiten will.
Wir sind doch einfach nur zwei alte Frauen. Im Krankenhaus. Und erzählen uns unsere Geschichten. Und fühlen uns lebendig dabei.
Und fühlen, wie wir mitfühlen.
Das reicht doch.
Das ist doch schon viel.

Dass manches in den Gulli runterrutscht - nicht verstanden -  geschenkt.
Selbst wenn ich alles vollständig verstanden hätte - wäre dann mein Mitschmunzeln oder Mitfühlen wertvoller?

Sicher, wenn's einer meiner Freunde wär, oder eins meiner Kinder - den Teufel würd ich tun, einfach so dabei zu sein. Ohne sicher zu verstehen.
Akustisch zumindest.
Aber dann geht's ja auch da dann gleich los damit -
hab ich's jetzt richtig verstanden? Muss ich nicht auch da dann ständig nachfragen? Meinst du da so - oder eher so?
Und entscheid ich mich nicht auch da dann ganz schnell zwischen:
frag ich nach? oder: stört das jetzt eher?

Wir zwei beiden machen uns jetzt nicht so den Kopf drum.
Manchmal schaut sie mich an - und ich seh in ihrem Blick, dass sie sich grad fragt, ob ich noch ganz beieinander bin.... da hab ich dann doch vermutlich was völlig unpassendes erwidert. Dieser Moment - immer mal wiederkehrend. Aber immer - im Nu wieder vorbei. So unwichtig...
und ab geht die wilde Fahrt wieder.
Das viel wichtiger.
Da sind wir zwei beiden schon völlig einer Meinung.
Wir schaukeln unser Boot schon gelassen durch alle Tiefen und Untiefen...
und haben unsre Freud daran.

Also wir zwei alten Schachteln stimmt jetzt nicht so ganz - sie ist deutlich älter.
Muss ich jetzt schon richtigstellen. Sie ist schon über achtzig.

Er war im Bergbau. Aber dann kam der Husten. Dann hat er umgeschult.
Aber glücklich war er nicht damit.
Sie haben geträumt von einem eignen Kiosk. Mit Frikadellen. Das war ihr wichtig. Eigne Frikadellen! Die, die zum trinken kommen an den Kiosk, die essen ja meistens nix richtiges. Da mal ne selbstgemachte Frikadelle - das kann schon hilfreich sein. Und lecker waren sie auch - ihre Frikadellen. Das hat jeder gesagt.
Dann kam der Husten. Und nix war's mehr mit dem Kiosk.
Aber schön wär's schon gewesen. Ein eigner Kiosk. Mit Frikadellen.
Sie hat geputzt. Erst in einem Haushalt. Das war gut. Zu Weihnachten gab es immer Extrageld. Aber dann war da Schluss, und sie hat Büros geputzt. Da gab's nichts Nettes, Freundliches. Und auch kein Extrageld. Aber sichere Arbeit. Das war damals wichtig. Jetzt nicht mehr. Aber das kommt wieder.
Es kommt alles wieder.

Ich seufze tief. Es stimmt: es kommt alles wieder.
Auch längst überholt Geglaubtes - es kommt alles wieder. Ich könnte heulen.
Immer noch. Auch jetzt, beim Schreiben.
Es kommt alles wieder.
Dialektik? Hilft der Gedanke an Dialektik?
Manchmal schnürt es mir den Zugang zur Hoffnung komplett ab.
Das Grauen der absoluten Hilflosigkeit  saugt sich wieder in die Welt. Wieder und wieder und wieder. Als gäbe es kein Morgen mehr.
Und auch kein Gestern mehr.
Aus dem man hätte lernen können. Für immer.
Hat man aber nicht.
Zerstören geht halt so viel einfacher.
Aufbauen ist mühevoller.
Ist es wirklich so einfach? Zu verstehen?

Der Mensch ist ein komplexes Wesen.
So einfach ist es wohl wahrscheinlich nicht.

Sie ist zehn Jahre plus älter als ich. Dh sie ist im Krieg geboren.
So nah ist es beieinander. Zehn Jahre ist jetzt nicht die Welt. Und kann doch eine völlig andre Welt bedeuten.
Jetzt frag ich genau nach, wenn ich etwas nicht richtig versteh - wenn's um Nazis geht und Krieg, da frag ich immer genau nach. Da überlass ich nichts mehr meinen Spiegelneuronen, da will ich es genau wissen. Da an der falschen Stelle mitgeschmunzelt, das würd ich mir nicht verzeihen. Da geht es um was.
Wenn's um Nazis geht, oder um Haltungen - das ist mir wichtig. Da will ich nicht aus Bequemlichkeit einfach nur mal mitnicken - das geht nicht. Das no-go.
Das ist zu furchtbar.
Das gehört sich einfach nicht!

Aber Gottseidank verstehen wir uns da. Und beide sehr entschieden.
Spätestens jetzt mag ich sie wirklich.

Ihre Tochter ist verstorben. Hier in der Klinik. Vor vier Jahren. Krebs.
Ihr Schwiegersohn, der kümmert sich jetzt um sie. Schaut jede Woche 2,3 mal nach ihr, und ruft jeden Abend an bei ihr. Wie ein Sohn, sagt sie mehr als einmal. Wie ein Sohn.
Es berührt sie sehr. Und mich auch.
Da kommt die Ärztin in's Zimmer, wir lassen uns erstmal nicht stören. Bis mir Sekunden später wieder einfällt, wo wir ja da sind - Krankenhaus. Ich nehm den Stuhl und verzieh mich in mein eignes Quartier.

Tut auch wieder gut. Zuviel reden ist auch nix. Auf den Mix kommt's an.
Ich bade grade ziemlich wohlig
in der neuen Stille.
Ich glaube, Krankenhaus - das kann ich.
Gutes Gefühl.

nachtwind

Kurzes Innehalten, dann muss ich los
zu meinem ersten Termin.  MRT.
Wieder ellenlanges Ausfüllen, erst am Tresen, dann bekomm ich ein tablet in Hand gedrückt ,,Füllen Sie es bitte aus". Ok.
Immer das Gefühl,es vielleicht nicht richtig verstanden zu haben. Es auch manchmal komplett nicht zu wissen. Ich glaube, ich habe jeden der 793 Fragebögen anders ausgefüllt. Scheint ja nicht zu stören. ;-)
Mittendrin werd ich aus meinem Grübeln gerissen. Ohjeh - ich bin noch gar nicht fertig?! ,,Macht nix - kommen Sie nur mit". Ich hab ja geahnt, dass es wahrscheinlich Wurst ist, wie ich da was ausfülle. Aber so ungeniert nebenher ausgeplaudert - ich weiß nicht.
Im Schwesternzimmer versucht sie mir einen Zugang zu legen. Für das Kontrastmittel. Klappt nicht. Probiert nochmal. Ich tröste - klappt öfters mal nicht so gut - aber dann klappt es doch. Hilft auch nix. Sie ist sehr nett. Ich hätt es ihr gewünscht.
Aber sie muss die Ärztin rufen.
Wieder sitz ich da. Man sitzt immer so ein bisschen wie
zwischen den Noten. Als Pause. Nur leider nicht rhythmisch. Mehr so wie die Reise nach Jerusalem. Musik, es geht voran. Pumm, Musik aus. Sitz.
Und dann wartet man, dass die Musik wieder losgeht.
Mal früher, mal später. Aber irgendwann geht's wieder weiter.
Die Ärztin kommt. Wär sie nicht als Ärztin angekündigt, hätt ich nicht erkennen können, dass sie eine ist.
Sie ist genauso nett wie ihre Schwester.
Sie fragt und füllt auch erstmal einen Fragebogen aus. Schon mal MRT?
Ja, einmal, schon lange her.
Mit Kontrastmittel?
Ja.
Vertragen oder allergisch?
Ja, nee... also vertragen nicht so gut, aber allergisch ich weiß nicht....
Wann war das denn?
Au... schon lange her....ich grübel: die Kinder waren noch klein.
Und jetzt?
Jetzt sind sie groß.? (Komische Frage?)
Geht's ein bisschen genauer?!! Jetzt schon leicht genervt.
Ach Mist! Denk nach! Also mein Sohn wird nächstes Jahr 40 - damals war er noch klein.... Also 30 Jahre?
Sie ist schon längst woanders in ihrem Fragebogen, hält kurz inne und trägt 1995 ein. Ich bewundere sie. Schreibt weiter und sagt nebenher : dann macht das nix. Heutzutage gibt es andre Kontrastmittel...
Ich bewundere sie noch mehr. Multitasking.
Aber vielleicht füllt sie ihre Fragebögen ja auch so aus wie ich... egal, kommt eh nicht so drauf an.
Dann legt sie mir einen Zugang, ganz geschmeidig, und jetzt sag ich ihr, dass ich sie bewundere. Ich sag:  wenn Sie Handwerker wären, würd ich jetzt sagen, gutes Handwerk!
Sie schaut ganz überrascht. Aber es gefällt ihr. Ist ja auch Handwerk.
Und sie geübt.
Dann muss ich wieder warten im Flur, aber jetzt an einer andren Stelle.
Hochgerutscht jetzt in der Hierarchie.
Gegenüber ist das Klo. Und ich überschlage kurz. 2 sitzen schon da. Ich trau mich. Wird schon gut gehen. Zögere kurz. Wenn du noch lange wartest, dann brauchst du garnicht mehr gehen.
Stimmt. Ich trau mich.
Geht auch alles gut.
Einer der Vorteile, wenn man Angsthase ist, ist: es gibt zwar eben unheimlich viel, was schiefgehen könnte - aber es gibt dadurch eben auch unheimlich vieles, was gut geht! Und das ist ja immer auch ein Grund zu Freude.

Einer der beiden vor mir ist schon verschwunden. Und der zweite steht auch bald auf - er war nur Begleiter von jemandem, der grade zurückkommt.
Da hab ich jetzt aber schon Glück gehabt!
Ich schau mich um.  Viele Menschen. Jeden Alters. Gut, keine Kinder. Vielleicht gibt's extra Kindernachmittage? Oder Kinder dürfen noch gar nicht in ein MRT?
Glaub ich nicht. Und mir fällt siedenheiss auf: jetzt hast du dich um soviel gekümmert, nachgedacht, versucht herauszufinden im Vorfeld - aber wie ein MRT funktioniert??? Null nothing nada...... ach schitt!!!
Versager
....
ist jetzt auch nicht zielführend.
....
Aber wahr!
Ja..... aber nutzt ja nix.
Stimmt auch wieder.
Also studier ich das 3 Meter mal 3 Meter große Bild genau vor mir...
ganz blau. Schönes Blau. Mit einem gelben Punkt. Rechts unten.
Und ich bewundere wieder mal den grenzenlosen Mut, den so ein Maler haben muss. So ein Bild herzuzeigen. Und zu sagen: 5 tausend Euro.
Oder 5 Hunderttausend Euro.
Ich tät mich das nie trauen!!!! Nie!!!
Gut, die Leinwand kostet ja auch was. Und die Farbe ja auch - ist ja schon ne große Fläche.

Irgendwann dann werd ich reingerufen. Hier Umkleide - so und so ausziehen - warten.
Es sind zwei Umkleiden, also Reissverschlussverfahren. Das macht Sinn. Diese Maschinenkolosse sind extrem teuer - das dauert, bis sich das amortisiert.
Wieder warten. Ich versuche die Zeit zu nutzen und mich zu konzentrieren - MRT..... Aber ich bekomm's nicht hin. Bin nicht so multitasking - warten reicht schon. Mehr geht scheint's nicht.
Dann geht's los.... ich sehe die Maschine... ist gar nicht so groß, wie ich befürchtet hab. Also hinlegen auf das schmale Teil, passt. Vorbereitung -
wollen Sie selbst?
Ich schau auf die ellenlange Spritze und entscheide mich für: nee, machen Sie das mal lieber. Sie machen das viel öfter als ich, Sie können das bestimmt viel besser.
Sie lachen ... und können es wirklich viel besser. Noch Kopfhörer - wollen Sie Musik oder einfach so? Ich weiß es nicht.... Nein, einfach so.
Jetzt geht's gleich los, einfach ruhig liegen bleiben.
Danke.
Und es geht los.
Und ich bin so unvorbereitet. Was mach ich jetzt?? Mir fällt nix ein.
Es wird laut. Ziemlich laut. Ich frage mich, wie laut es wohl ohne Kopfhörer ist.
Wenn es mit schon so krass laut ist. Manche Töne lassen meinen Körper richtig zittern. Ob es sich so anfühlt, wenn man in einer Glocke steckt, wenn sie läutet?
So einer großen Kirchturmglocke?
Ich versuche fieberhaft, etwas zu finden, was ich denken kann. Mir fällt nix ein.
Nur ein ,, sie tun nix - sie schauen nur."
Das wird mein Mantra. Sie tun nix - sie schauen nur.
Ich weiß nicht, ob nur eine Zelle oder ein Zellhaufen oder ein Organ in mir das irgendwie tröstlich finden kann. Oder beruhigend.
Aber mir hilft es. Indem ich meinen Körper zu beschwichtigen versuche, entspannt es mich selbst.
Auch gut. Ich gehör ja auch dazu.
Mit mir entspannt sich dann auch mein Körper. Und alles wird ertragbar.
Sie tun ja nix - sie schauen nur.

Und irgendwann
ist auch das vorbei.
Ich bekomm noch was zum Abwischen, jetzt anziehen- und der Flur hat mich wieder.
Du lieber Himmel - und jetzt? Ich geh erst mal auf's Klo. Ist ja direkt gegenüber.
Versuche mich zu sortieren.
Was war das jetzt?
Erlebt man ja nun nicht alle Tage.
Und : was jetzt?
Was ist jetzt als Nächstes dran?
Zurück auf Station.
Ja, das ist ein guter Plan.
Ich bin noch ziemlich beeindruckt.
Ziemlich belämmert.

Draußen schnauf ich erst mal tief ein. Frische Luft.
Das ist wie Leben.
Der Park ist sehr schön.
Zumindest wenn man grad aus so einer Maschine kommt. ;-)
Ich könnte ja auch ein paar Schritte.....
Ich weiß nicht mehr, ob ich nun ein paar Schritte ... oder ob es geregnet hat...
ich weiß nur, dass ich sehr schnell wieder in meinem Zimmer war.
Ich glaub, ich hab mir einen Tee gekocht.
Es gibt da eine Teeküche.
Das ist herrlich!!

nachtwind

Falls jemand auch mal ein MRT machen muss und wie ich nicht weiß, ob er den Kopfhörer mit oder ohne Musik will - meine Empfehlung: auf jeden Fall OHNE Musik.
Ich musste später noch mal eine Untersuchung machen, und da hab ich mit Musik gewählt - grausam, fand ich!
In den Pausen zwischen dem Klopfen war es schon nett, aber sobald das Klopfen anfing - und das ist ja die Hauptzeit in der Untersuchung, hat das Klopfen die Töne der Musik in furchtbaren Krach zerstückelt. Und das ja dann direkt am Ohr. Ganz unangenehm!
Dieses starke Klopfen -  und dann noch fieser Krach im Kopfhörer.... für mich ist das nix.
Also lieber ohne. Meine Erfahrung. Vielleicht gibt's auch andere.

nachtwind

Im Zimmer hat sich was verändert.
Aus dem Bett von Frau Meier aus dem Ruhrpott ist ein Bett für eine mir noch unbekannte Frau geworden. Ihr Mann sitzt neben ihr am Bett, und sie unterhalten sich sehr leise. Mit vielen Pausen.
Das dritte Bett ist den ganzen Tag leer. Das dritte Bett ist nicht am Fenster, sondern an der Tür. Fenster ist halt besser!
Ich setz mich mit meinem Tee an mein Bett, da klopft es und mein Sohn kommt ins Zimmer. Ich kann es gar nicht fassen, grad.... er ist mir so vertraut. Aber hier, in dieser so fremden Welt - wie ist er jetzt hier hineingeraten? Ich krieg es erstmal gar nicht zusammen, gar nicht auf die Reihe.... und freu mich abartig doll.
Kurz bevor ich in die Klinik bin, habe ich meine Kinder eingeweiht. Ich dachte, wenn jetzt irgendwas passiert, ist ja schließlich ein Krankenhaus, und dann werden sie von der Klinik benachrichtigt - wie sieht das denn aus?! Für sie.
Das geht ja nicht. Das kann ich ihnen nicht antun. Das will ich nicht!
Es ist erstmal ja auch noch gar nix dramatisches. Einfach nur Untersuchungen.
Ich beschönige nix. Sie brauchen ja sicher auch ein paar Tage, um das jetzt zu realisieren. In ihre Realität einzufügen. Es steht noch nix fest. Aber es ist wahrscheinlich. Jetzt erstmal Untersuchungen.
Sie haben es wohltuend unaufgeregt aufgenommen. Ich war sehr dankbar dafür!
Und jetzt steht er hier in meiner mir neuen und fremden Welt und grinst mich an und sagt nach kurzem Blick durch's Zimmer: sollen wir ein Stück spazieren gehen?
Ich fass es nicht.
Ich hab nie verstanden, warum man Leute im Krankenhaus besuchen soll.
Ich mein, man ist doch krank. Da kann man sich doch nicht auch noch um die Besucher kümmern.
Erst in der Hospiz"ausbildung" ist es mir endgültig klar geworden - es gibt Menschen, die lieber für sich sein wollen, wenn sie krank sind. Und es gibt Menschen, die es brauchen, dass jemand da ist. Wenn sie krank sind.
Um ihnen gerecht zu werden, muss man halt herausfinden, zu welcher Gruppe der andere gehört.
Ich gehöre eindeutig zu den krank?-ab-in-eine-Höhle-Menschen. Aber jetzt, mit 70, das erste Mal im Krankenhaus, stell ich verblüfft fest: es kann auch schön sein, wenn man Besuch bekommt. Im Krankenhaus.
Gut, ich bin zwar im Krankenhaus, aber jetzt ja überhaupt nicht krank. Oder malad. Vielleicht zählt das ja gar nicht. Ich sprech mit meinem Sohn darüber. Er sagt: außerdem ist es auch einfach mal ne Ablenkung. Von all dem Krankenhauskram. 
Ja -soweit hab ich noch nie gedacht. Und ich schäm mich sofort tief, dass ich meine Enkeltochter nicht im Krankenhaus besucht hab. Damals.
Als er wieder weg ist, denk ich nochmal drüber nach. Und ich finde noch eine Nebenspur neben dem, was er gesagt hat. Für mich war es so wie ein Einbruch meiner vertrauten Welt in diese Krankenhauswelt. Wie ein verblüffendes Versprechen: deine vertraute Welt ist nicht verloren. Sie geht einfach weiter. Auch ohne dich. Und wartet auf dich. Wenn du wiederkommst.
Ich habe daran nie bewusst gezweifelt. Aber es berührt mich schon, das jetzt so zu erleben.

Es erinnert mich an die unschönen Nächte, wenn ich mich krank fühlte, schon beim Duschen Herzklabbastern hatte, wusste, dass ich heute mit einer ganz schwierigen Kollegin die ganze Nacht durchstehen muss, oder auch es auf Station einen unerträglichen Patienten oder Patientin gibt, der oder die Freude daran hat, einen zu piesacken - und man sich nicht wehren kann.... kurz: wenn ich mich schon vor Beginn der Nacht so klein und schwach und verletzlich gefühlt hab, dass ich dachte, das schaff ich heute nicht.... und am allerliebsten mich im Kühlschrank versteckt hätte - da findet mich keiner. Und das Licht geht ja aus, sagt man. Da könnt ich schlafen. So klein, wie ich bin.
In diesen Nächten hab ich mich beim Gehen nochmal umgedreht, mich umgeschaut und dann freundlich und verbindlich gesagt:"Ich komme wieder!"
Das war mir so ein Trost!
Das war mir wirklich so ein tiefer Trost.
Manchmal hat es gereicht, das nur zu denken. Aber wenn es schlimm war, dann musste ich es schon selber sagen.
Und selber hören.

Dann war es damit wieder gut. Gut genug, mich dem zu stellen.
Weg sind sie ja nu nicht dadurch. Die Probleme. Wie auch.
Mehr als zu erreichen, dass man sagt, ich schaff das schon, ich krieg das schon irgendwie hin, geht ja nicht.
Aber mehr
braucht es ja auch nicht!
Das ist ja schon das Höchste. Was man erreichen kann, in diesen schweren Momenten. In diesen schweren Zeiten.
Ich krieg das schon hin.
Genügend Trost zu finden. Um das zu spüren: ich krieg das schon hin.
Und dann loszugehen und seine Sachen zu machen.
Ich krieg das schon hin.

Und meistens kriegt man es ja auch hin.
Manches braucht Jahre, zugegeben.
Und manches kriegt man vielleicht auch nie hin.
Aber das meiste
kriegt man ja doch auch schon irgendwie hin.

Wir sind viel stärker, als wir denken.
Meistens.
Finde ich.

nachtwind

Deine vertraute Welt ist nicht verloren. Sie geht einfach weiter. Auch ohne dich. Und wartet auf dich. Wenn du wiederkommst.
Das bedeutet es mir, dass mein Sohn mich besucht. (Also unter anderem.)
Und mit mir spazieren geht. Einfach so. Herrjehgottes, wird mir warm dabei um's Herz!
Mein Sohn!

Aber auch noch weitergedacht ist es mir ein großer Trost.
Selbst wenn der Gedankengang mit ,,Auch ohne dich." aufhört, breitet sich Frieden aus. In mir.
Es geht alles einfach weiter. Auch ohne mich.
Das legt sich sanft um die Augen und lässt mich lächeln, auch wenn ich es nicht wirklich gleich versteh. Es lächelt sich von selbst.
Und ich schau zu. Und spür es deutlich.
Es wird sanft, die Welt. Meine Welt. Durch diesen einen Gedanken.
Was heißt Gedanken - durch diese leise Gewissheit.
Deine vertraute Welt geht nicht verloren. Sie geht einfach weiter.
Auch ohne dich.

Ich vergesse nie den Moment, als unsere Wägen nach dem Winterlager wieder auf der Straße standen, und wir alle noch mal runtergingen in unser Lager. Unser gewesenes Lager. Um zu schauen, was wir noch tun können und müssen. Damit  wir ruhigen Gewissens würden losfahren können.
Abschied nehmen.

Das Tal war wie immer wunderschön. Mit unsren Wägen da drinnen
war es mir heimeliger gewesen. Jetzt ohne uns
war es wieder das wunderschöne kleine Tal.
Es war wieder
es selbst.

Das Besondre aber war unser eigner Platz. Unsre 10 qm. Unsre 5 mal 2 Meter Bodenfläche. Die wir beansprucht hatten. Die unser Zuhause waren.
Unsre Welt. Unsre ganze große Welt.
Und waren jetzt wieder
ein winziges Stückchen Land. Ein kleines bisschen sandiger, ein kleines bisschen unbewachsener...
aber es gab nichts zu tun!
Wir haben keine Spuren hinterlassen. Es war selbst einem Landwirtschaftslaien wie mir sofort völlig klar : das bisschen trockenes Land wirst du schon in zwei Monaten nicht mehr erkennen. Da musst du nix einsäen, gar nichts eingreifen - das ist zugewachsen ganz schnell. Ganz von allein.
Das war der Moment, in dem das große Staunen, wie klein letztendlich unsre ganze, große Welt in Wirklichkeit war, sich weiterentwickelte in stille Tränen der Dankbarkeit.
Spurlos.
Wir haben es wirklich geschafft, spurlos zu sein.
Zu leben.
Zumindest diesen einen Winter.

Spätestens da wurde mir eindeutig klar, wonach ich mich so sehne:
spurlos gelebt zu haben.
Das Bild von den Fußspuren im Sand, die von der nächsten kleinen Welle wieder weggezaubert sind.
Wenn mir das gelänge. So zu leben. Dass ich mich umschauen könnt, wenn ich geh - und seh: es ist alles gut. Nichts zerstört. Nichts gestört. Alles geht mühelos weiter. Als wär ich nicht gewesen. Das wär
Frieden.
Der höchstmögliche Frieden. Für mich.

Es wär so schön.

Jetzt ist es natürlich nicht so.... ich habe Kinder. Kinder und Kindeskinder.
Und natürlich ist es unmöglich, spurlos zu sein. Wenn man Kinder hat.
Ich hab mal gelesen, in irgendeinem Buch vor 35 Jahren, in dem es irgendwie um irgendwelche mystischen Religionen oder Philosophien aus Asien ging. Ich weiß nix mehr von dem Buch. Nur dieser eine Satz hat sich eingeprägt in mir. Das aber nachhaltig. Er klang - und klingt immer noch - einfach nur wahr:
Eltern, das sind Menschen, die sich bereiterklären, Schuld auf sich zu laden -
damit eine Seele sich inkarnieren kann.

Selbst wenn du Seele und inkarnieren wegnimmst, weil sie dich stören, bleibt es weiterhin wahr. Weil es gar nicht darum geht. Es geht um den ersten Teil des Gedankens.
Du kannst genausogut sagen: ....damit ein Mensch geboren werden kann.
Das, was davor steht, das ist das Gewicht in dem Satz. Das Gewicht, das alles ein bisschen leichter macht.
Die Verantwortung zu ertragen.
Und damit: zu tragen.

Ist so.
Finde ich.




nachtwind

Natürlich hab ich mich bemüht, gute Spuren in ihrem Leben zu hinterlasssen. Natürlich!
Es liegt in der Natur des Menschen.  Und soweit ich das verstehe, auch in der Natur der Säugetiere. Die ihre Nachkommen nicht nur einfach gebären. Sondern  sich auch eben darum sorgen, dass sie lebenstüchtig werden.
Sogar Pflanzen können es in sich tragen. Dieses innewohnende Bedürfnis, ihre Nachkommen so lange zu stärken, bis sie aus eigner Kraft den Schwierigkeiten trotzen können. Buchen zB ernähren ihre Sprösslinge in der Nähe mit einem weitverzweigten Netz ihrer Wurzeln, durch dass sie die Kleinen mit Wasser versorgen können. Bis ihre eignen Wurzeln tief genug gewachsen sind. Um sich auch in Dürrejahren ernähren können.
Vielleicht gehen wir deshalb auch so gern durch Buchenwälder. Weil wir durch eine Welt der stillen gegenseitigen Fürsorge gehen. In der die Starken die Schwachen miternähren. Ohne Gedöns. Einfach so. Weil es richtig so ist.
Weil das Leben nur so
einen Sinn macht.
So fühlt es sich an. Für mich.
Buchen können in uns vielleicht etwas für sie Selbstverständliches berühren.
Vielleicht sollte ich mal öfter in ihre Wäldern gehen.
Und tief durchatmen. Und mich berühren lassen. Das wär schon mal was.
Buchen sind schon besonders.

Wahrscheinlich haben noch viele andre Pflanzen solche oder ähnliche Verhaltensweisen.
Wir wissen es nur noch nicht?

Natürlich hab ich mich bemüht, gute Spuren zu hinterlassen. Es liegt in der Natur des Menschen.
Aber das ist so eine Sache mit der Natur.
Ich bin jetzt kein Naturforscher, aber es kommt mir irgendwie so vor, als gäbe es keine ausschließlichen linearen Entwicklungen in unsrer Natur.
Es gibt immer auch das Gegenteil. Und irgendwas daneben.

Der Mensch ist ein komplexes Wesen.
Und lebt in einer hochkomplexen Umgebung.
Auch Säugetiere sind komplexe Wesen.
Vielleicht sind ja auch Buchen so komplexe Wesen. Und wir einfach nur nicht in der Lage, unsre Sinne so zu schärfen, dass wir das verstehen.
Und so gibt es immer wieder Mütter und Muttertiere, die andre Geschichten schreiben. Das kommt bei Säugetieren vor. Genauso wie bei Menschen.
Und vielleicht stehen auch in einem Buchenwald ein paar total unglückliche Buchen rum, die keine Freude spüren könne, wenn es den jungen Buchen nicht gut geht. Und keine Sorge, wenn es ihnen nicht gut geht.
O - das stell ich mir gerade richtig furchtbar vor. Die können ja dann nicht weg!
Puh!

Aber nur weil es Ausnahmen gibt, verliert dann die Beobachtung ihre Gültigkeit?
Ich denke nicht.
Es liegt in der Natur der Menschen.
Dass sie sich bemühen, es ihren Kindern ein wenig leichter zu machen. Als es für sie selbst war.










nachtwind

Wir hatten mal in unserer Spielstub ein Mädel, das sehr in sich zurückgezogen war. Es war jetzt nicht besonders hübsch, niemand, dem man wie von selbst über den Kopf streicht, im Vorbeigehen. Sie war eher grossgewachsen, ein bisschen ungelenk, und wie gesagt, nicht mit Austrahlung gesegnet.
Ich mein damit keine harmonische Schönheit, die ihr da fehlte.... Ich meine keine äußere Schönheit. Aber Kinder tragen ihre Schönheit auch ohne äußere noch in die Welt .... die pfiffigen, die nachdenklichen, die verschmitzten, die scheuen, die verschwitzten, die fürsorglichen, die traurigen, die ausgeglichenen, die schüchternen, die fragenden, die rabaukenden, die zarten.... jedes Kind strahlt ja so seine ihm eigne Schönheit in die Welt, ganz unabhängig von äußerer Schönheit.
Dieses Mädel nicht. Das einzige, was ich von ihr wahrnahm, war ein riesengroßer Hunger nach Wärme. Aber den hielt sie so unter Verschluss, dass man ihn nur wahrnahm, wenn man danach suchte. Oder in ganz kleinen betroffen verlegenen Gesten, die sie noch nicht hat unterdrücken können. Sie war ja erst 3.  Ich glaube, sie musste ihn verbergen, weil er so überwältigend groß war. Dieser ihr Hunger.
Paradoxerweise wirkte sie auf den ersten Blick eher kühl.
An einem Tag, nach Arbeitsschluss, standen wir noch auf eine Zigarette vor der Tür und schwätzten noch ein bisschen. Wie fast immer. Über dies und das, egal was - was grad so war. Kamen wir auf dieses Mädel. Meine Kollegin war sehr aufgebracht. Schimpfte richtig auf ihre Mutter.
Ich konnte das schon gut verstehen. Es ist einfach so schwer es auszuhalten!Wenn du siehst: da läuft etwas schräg - und du kannst nix Entscheidendes tun.
Da muss man halt auch mal schimpfen! Jeder. Manchmal.
Aber ich kann das jetzt so nicht stehen lassen. Ich hatte den beiden mal hinterhergeschaut, Mutter und Tochter. Wie sie so nebeneinander hergingen.
Zum Parkplatz. 
Und ich hab für mich gedacht: da gehen zwei so Einsame.
Nebeneinander her.
Sie sind so einsam. Dass sie es gar nicht bemerken - dass sie genau das
doch so verbindet.
Sie waren so einsam. Jede von ihnen.

Das ging schon ohne Umwege direkt in's Herz.
Und deshalb wollte ich das nicht so stehen lassen... und hab eben gesagt, was ich glaube: dass jede Mutter sich bemüht, es ihren Kindern besser gehen zu lassen als damals in ihrer eignen Kindheit.
Meine Kollegin hat das nicht berührt - sie war wirklich aufgebracht! Sie nimmt sie nie mal in den Arm! Sie drückt sie nie! Sie schaut sie nie richtig an! Sie fragt nie was sie gemacht hat! Sie nimmt sie noch nicht mal an die Hand!
Ich seufze. Es stimmt ja! Genau so ist es.
Stimmt. Wenn man es genau nimmt, sieht sie auch uns nie an, sage ich, und während ich es sage, werd ich mutiger. So weit hab ich es noch nie gedacht. Nur gefühlt. Wenn man es genau nimmt, sagt sie auch zu uns nie was. Fragt uns auch nie was. Und wenn man es genau nimmt, dann fühlt sie sich bei uns überhaupt nicht wohl. Sie kommt mit Blick nach unten, sie sucht den Kram ihrer Tochter zusammen, sie geht wieder , möglichst ohne aufzufallen.... sie ist nicht nur zu ihrer Tochter so - sie ist immer so.
Ja, sagt meine Kollegin, ein bisschen nachdenklicher, aber immer noch auf Krawall gebürstet: aber sie ist doch ihre Mutter!!! Ihr Kind braucht sie doch!! Und sie tut nix!
Jetzt schieb ich meinen Satz auf den Tisch - mehr hab ich danach nicht mehr.
Es ist mein Letztes.
Ich glaube: jede Mutter bemüht sich, dass es ihrem Kind besser geht als ihr selbst als Kind .... Ich kenn sie jetzt nicht, ich weiß nicht, wie es beinahe zu Hause war.... ?
Jetzt weiß ich nix mehr und schau zu den drei Birken.... Ach Mensch....
Da sagt meine Kollegin, jetzt mit hellwachen Augen: sie ist im Heim aufgewachsen... Ich weiß nicht mehr, was da daheim los war - ich weiß nur, sie war im Heim.
Und wir kucken uns an, verblüfft.
Dann macht sie es besser als ihre Eltern.... Sie bleibt da. Für ihr Kind.
Wir schauen uns an. Und dann beide zu den drei Birken. Jede in Gedanken.
Jede in ihren Gedanken.

Und dafür erträgt sie diese Leere, dieses Anderssein bei uns beim Abholen, erträgt diesen Kummer, dass da ihr Kind neben ihr läuft und sie kann ihm nicht mal die Hand halten beim Gehen.... Obwohl sie doch weiß, dass Kinder das mögen.... Dafür erträgt sie jeden Tag auf's Neue diesen tiefen Schmerz, dass sie keine Liebe spüren kann.... diese tiefe Scham. Erträgt sie. Jeden Tag.
Aus einem einzigen Grund: um es besser zu machen.
Für ihr Kind.
Als es damals bei ihr war.

Ehrlich, mir kommen heute noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke.
Ich weiß nicht, ob viele Mütter diesen Preis zu zahlen bereit wären.
Wenn das der Preis wär. Damit es ihrem Kind besser geht.
 Mütter, die sich als viel bessere Mütter fühlen. Und es ja auch sind. Auf eine Art. Aber würden sie alle auch
diesen Preis zahlen?
Können?
Ich glaub schon, dass es viele Mütter tun. Tun würden. Aber immer? Jeden Tag? Jeden einzelnen Tag auf's Neue.... Ohne Aussicht auf Besserung?
Da bin ich mir nicht mehr so sicher.

Diese eine Begebenheit damals lässt sich jetzt nicht auf andre, ähnliche übertragen. Jede Beziehung ist andres. Jede Geschichte ist anders. Und was  hier Ertragen war, kann in einem ähnlichen Fall auch Härte sein. Was hier Einsamkeit war, kann auch Verzweiflung sein in einer andren Geschichte... oder Hass, oder Zerstörungsdrang. Nichts lässt sich da einfach so übertragen. Jede Geschichte schreibt sich anders.
Wenn man seine eigne Geschichte finden will, dann kann man nicht einfach abschreiben, abkucken, übernehmen. Man muss schon wirklich suchen.
Das Eigne. Wie war das bei mir?
Jede Geschichte ist anders. Das darf man nie vergessen.

Das ist jetzt so viele Jahre her. Bestimmt 33 Jahre her. Ich weiß kaum noch was von einzelnen Kindern und Müttern, aus dieser Zeit.... das meiste hab ich voll vergessen. Aber das jetzt hier nicht.
Das steht sofort abrufbar bereit.
Ich weiß nicht, warum das so ist.
Warum jetzt diese? Und viele andren nicht?

 Vielleicht findet man erst am Ende seines Lebens heraus, welche Geschichten bedeutsam waren. Für die eigne Geschichte.
Einfach weil man sie noch weiß.
Nach all den vielen Jahren.
Wenn man sie noch so deutlich weiß - dann waren sie bedeutsam.

Alles andre ist schon vier, fünfmal überschrieben wahrscheinlich (wenn ich mich mal hier reichlich übermütig und angeberisch eines Bildes aus dem Computerbereich bedienen darf... Himmel, ina - ich dank dir so! Ohne dich wär ich jetzt nicht hier!).... so vieles, das Meiste - längst überschrieben.
Nur wenig ist übrig geblieben.
Einiges bestimmt auch einfach noch verschüttet. Wartend darauf, entdeckt zu werden. Wartend darauf, gesucht zu werden. Signale sendend. Nicht einfach überschrieben.
Nur wenig ist übrig geblieben.
Eins davon ist das. Diese Geschichte.
Von der Mutter, die all diesen tiefen Kummer, diese tiefe Scham ertragen hat
aus Liebe zu ihrem Kind.
Und wahrscheinlich nie erfahren hat, dass das Liebe war.
Das, was sie so vermisst hat, sich so geschämt hat , dass sie es nicht geben kann -
die Liebe zu ihrem Mädeli, das hat sie die ganze Zeit gelebt.
Nur nie gespürt.

Das tut mir irgendwie so supertief leid!



nachtwind

Natürlich hab ich versucht, gute Spuren zu hinterlassen in meinen Kindern.
Gar keine geht ja nicht.
Und genauso natürlich hab ich schwierige Spuren in ihnen hinterlassen.
....
Das schreibt sich jetzt flott. Aber leb das mal!!

Das sich eingestehen, das auszuhalten... eigentlich nicht auszuhalten.
Wenn es ihnen gut geht, geht's grad so.
Wenn es ihnen schlecht geht, bricht die Wunde wieder auf, als wär sie nie geschlossen.
Frisches Blut aus frischer Wunde.... scheinbar heilt es nie.
Schließt sich nur manchmal. Verdrängt, vergessen.... wenn es nicht berührt wird.
Wehe, es wird berührt.

Was immer ich gearbeitet hab, ich hab's mit Herzblut gemacht... Spielstub, neuro, was auch immer.
Aber was meine Kinder angeht - das lässt sich gar nicht miteinander vergleichen! Da ist dieses Herzblut auf Arbeit nur ein Krümelchen dagegen.
Ein kleines Krümelchen.....
Es gibt mit Abstand nichts, was da auch nur im Entferntesten daran reicht.
Mit andren Worten: ich liebe sie.
Ein Ende ist nie in Sicht.

Und trotzdem hab ich schwere Spuren in ihrem Leben hinterlassen.
Das tut mir so unsagbar leid.
Es gibt kein Entrinnen.

Du bekommst keine Kinder. Ohne Schuld.
Es geht nicht ohne.

Zurück vom Spaziergang mit meinem Sohn sitz ich noch eine Weile am Fenster und schau der Dämmerung zu, wie sie langsam ihre Decke legt über alles. Das tut mir gut.
Es prasseln so viele neue Eindrücke auf mich und in mich.... Ruhe ist kostbar grad.
Der Mann meiner neuen Zimmerkollegin ist auch vor einer Weile gegangen.
Ich hol mir noch einen Tee aus der Teeküche und frag sie, ob ich ihr etwas mitbringen soll. Nein, danke.... aber wir haben die Tür geöffnet, und wenn jetzt Bedarf ist zu reden, dann kann das geschehen.
Es ist Bedarf.
Sie hatte die gleiche Diagnose wie ich. Dann Op, Bestrahlung und Chemotherapie.  Erste Kontrolluntersuchung alles prima - zweite dann jetzt Metastasen in der Lunge.

Warum sie jetzt hier ist? Sie hat furchtbare Schmerzen, sagt sie. Schmerzmittel bewirken nichts. Jetzt ist sie hier, um auf neue, wirksame Schmerzmittel eingestellt zu werden.
Sie hatten zusammen einen Urlaub geplant, ihr Mann und sie. Um den guten Ausgang zu feiern. Jetzt steht er an, und sie hat furchtbar Schmerzen. Und würde doch so gerne diesen Urlaub mit ihrem Mann unternehmen.
Jetzt nicht mehr zur Feier, denk ich, jetzt zum Abschied.
Und hoffe mit ihr so sehr, dass man ihr hier jetzt helfen kann. Mit guten Schmerzmitteln.
Himmel, merk dir das!, denk ich betroffen - sei dir nicht zu sicher! Es kann ganz schnell umschlagen, das Wetter! Nicht nur in den Bergen.... scheinbar auch hier.
Die gleiche Diagnose.
Ist das jetzt Zufall, dass wir zusammen ein Zimmer teilen?

Ich frage nach. Die Schmerzen beschäftigen mich.
So heftig, dass ihr schlecht wird.
Oh, sag ich - dann ist es schlimm! Wenn man spucken muss vor Schmerzen, dann ist es schlimm.
Sie nickt.
Es tut ihr gut.
Immerhin.

Ich hab das mal erlebt - solche Schmerzen... zu lange zu viel geärgert.... Gastritis. Also aufgepasst, wer sich zu lange zu viel ärgert - es droht Gastritis am Horizont. Und das
will keiner. Glaubt mir - Gastritis, das will keiner!
Gibt noch was, was da droht - viel schlimmer noch : Verbitterung!
Wer sich zu lange zu doll ärgert, der rutscht kaum wahrnehmbar erst aber so sicher wie das Amen in der Kirche
in das Leben einer verbitterten Person.
Das fand ich noch viel bedrohlicher! Das ist das letzte, was ich werden will, auf meine alten Tage - verbittert.
Ich hab so viele verbitterte Patienten erlebt in meiner Zeit in der Klinik -
man fühlt sich einfach nicht wohl in ihrer Nähe.
So will ich niemals werden!!
Niemals!
Und war doch auf dem besten Weg dorthin.

Ich war zum Schluss wie besessen. Ich empfand das alles wie eine schreiende Ungerechtigkeit. Und ehrlich gesagt, war es das auch. Ich war wie besessnen darin, das zu ändern. Hab jeden Tag flammende Reden gehalten. Innerlich.
Ich war wirklich wie besessen.
Dann wurde es meinem Körper zu viel.
Leicht abgewandt gilt der Satz von Nelson Mandela auch bei mir:
Sich ärgern bedeutet, selber Gift zu schlucken - und zu hoffen, der andre nimmt Schaden daran. (Und ändert sich.)

Ich wusste, dass das schädlich ist, sich so zu ärgern. Aber es war einfach so
ungerecht! Ich war besessen davon.
Das zu ändern. Und konnte es doch nicht.

Erst die Erkenntnis, dass ich auf dem besten Weg war, eine verbitterte alte Schachtel zu werden, hat mich wachgerüttelt.
Ich weiß nicht mehr so genau, was genau ich verändert hab. Ich weiß nur, dass ich der Macht, die diese Ungerechtigkeit für mich hatte, etwas entgegenzusetzen hatte. Damit. Mindestens gleich viel Macht! Wenn nicht noch mehr!
Das prallte, wenn sie aufeinandertrafen!! Mächtig!
Niemals will ich das!! - verbittert werden!!!
Mehr weiß ich nicht.
Nur, dass es langsam immer besser wurde.

Jetzt im Rückblick denk ich grad: dass, was ich im Außen so dringend wollte - den Kampf. (Den Kampf mit der Ungerechtigkeit). Der fand dadurch in mir statt.
2 Machtvolle, die miteinander kämpften.
Und dadurch hat sich was verändert, über die Jahre ... überhaupt nix fassbares, aber stückchensweise ganz unbemerkt .... und jetzt ist die Ungerechtigkeit aus der Welt. Ganz von allein. Ich hab gar nix dafür getan.
Ich staune grad ziemlich stark!!!
Das ist mir noch nie aufgefallen! Krass!

Wir sprechen noch eine Weile, meine neue Nachbarin und ich... da ist etwas um sie herum, ich kann es gar nicht benennen. Als sei die Materie um sie herum dichter als sonst überall. Ich kann's nicht beschreiben. Ich fühl es eher.
Es ist nicht der nahende Tod.
Ich hab schon auch immer wieder mal sterbende Patienten  gepflegt... das ist es nicht.
Es ist auch nicht, dass ich sie nicht mag. Ich fühle mit ihr. Ich mag sie.
Aber da ist diese Dichte Materie um sie herum. Sie verhindert echte Nähe.

Dann ist Nachtruhe. Das ist früh in einer Klinik. Vor allem, wenn man 15 Jahre Nachtdienstler war. Und vorher schon ein Leben lang eine dicke unverrückbare Eule war.
War immer eine der vielen ,,kann ich das überhaupt?!"-Zweifel, wenn ich mal an mich und Krankenhaus gedacht habe. Ein gewichtiger Zweifel.
Man kann über die Uniklinik sagen, was man will, aber eins haben sie, das Gold wert ist!!! - jeder Patient hat ein tablet am Galgen hängen, ganz für sich allein. Und bekommt Kopfhörer geschenkt, gleich zu Beginn. Und kann fernsehen, wann immer und wie lange er es will. Ohne jemand anderen zu stören!
Ich preise den nächsten Fortschritt aus vollem Herzen!!
Dreibettzimmer mit eignem Bad - und privatem Fernseher!!!
Wie friedensstiftend! Wie konfliktlösend, bevor er entstehen kann!
Wie viel Privatsphäre spendend auch! Da sind die Vorhänge zwischen den Betten ein Witz dagegen!
Und für die, die jetzt denken: nu dreht sie völlig am Rad!! - ihr habt keine Ahnung, wie viel Streit dadurch entstehen kann, wenn zwei Patienten sich einen Fernseher teilen müssen. Geschweige denn drei!
Wenn sich jeder ja in einer Ausnahmesituation befindet. Einer sorgenmachenden. Darf man ja nie vergessen.
Der Fernseher ist die einzige Zerstreuungsquelle. Wenn man kein Buch lesen kann. Aber auch das hilft ja nicht bei unterschiedlichen Einschlafzeiten - für's Lesen braucht man Licht.
Ihr macht euch keine Vorstellung, wie viele Schwierigkeiten das bedeuten kann.
Welche erbitterten Kämpfe da aufbrechen können.
Die meisten fanden dann irgendwie eine stille Übereinkunft. Allermeistens auf Kosten des einen. Das war dann meistens eben auch der nettere.
Ganz ganz selten gab es auch Zimmer, da haben sie wirkliche Lösungen gefunden. Die waren ganz selten. In diese Zimmer sind wir immer gern gegangen!
Wenn zwei sich selber hatten helfen können. Und die Probleme selber lösten.
Freundschaftlich. Das tat einfach gut. Da sind wir selber schon freundlich reingegangen.
Weil solche Menschen einfach gut tun. Ob nun Patienten. Oder nicht.
Das spielt ja keine Rolle.


Sternengucker

Liebe Nachtwind,

nach vielen Tagen stillem mitlesen .. wobei eher Nächten .. und eigentlich wollte ich es auf später verschieben, weil es doch so gerade gar nicht passt mich auf was zu konzentrieren aber du hast mich, wie früher schon, mit deinen ersten Zeilen bereits gecatcht.
Und so war mir dein Geschreibsel die letzten Nächte ein - lange nicht mehr einen so interessanten und Gefühle weckenden Roman- gelesen.
Eigentlich hatte ich ein paar Tage ein Doppelleben wenn ich darüber nachdenke.. ein wenig traurig, dass es jetzt endet.Also erstmal. Bis du weiter schreibst Da muss ich mich also doch wieder mit mir beschäftigen. ..Tagsüber funktioniert und meine Rolle abgespielt und nachts haben mich deine Erzählungen in eine andere Welt verfrachtet und in den Schlaf begleitet. Sicherlich, du warst im Bezug auf deine Anmeldung und Nubis (liebste Grüße und wink @nubis) ehrlich und ja bleiben wir bei dieser Transparenz - womöglich war ich auf der Suche um aus meinem Alltag zu flüchten.. es ist dir gelungen. Danke dafür.


Nun ..

Was soll ich dir groß antworten. Mit deinen doppelt so vielen Jahren wie ich auf dem Buckel. Doppelt so vielen Paketen. Doppelt so viel Erfahrung.. doppelt so viel von allem..
Was will ich da.. außer dir meine Gedanken und Gefühle schenken zu deinen Worten.

Irgendwo .. zwischen irgendwelchen Zeilen.. da habe ich es vermutet.. dass es alles hinter dir liegt. Ich weiß gar nicht mehr an welchem Punkt oder durch welche Aussage. Ich dachte auch nicht weiter darüber nach. Für mich war es logisch.. wann auch sonst soll man über die Dinge reden die einen belasten als Hinterher oder zumindest mit einem gewissen Abstand oder wenn der gröbste Schock hinter einem liegt oder oder. Meist hat man doch erst hinterher Zeit drüber zu reden und nachzudenken. Dann.. wenn die meisten Menschen schon lange wieder ihrem Alltag nachgegangen sind.. dann wenn man merkt, dass es plötzlich hinter einem liegt.. dann wenn die Menschen um einen herum sagen: Aber jetzt ist ja alles wieder gut. Dann wenn man selbst merkt: Aber jetzt ist ja alles wieder gut. Eigentlich ist dann drüber reden an der Reihe. Bloß dann.. ist es meist zu spät, denn: Aber jetzt ist ja alles wieder gut.
Drüber Reden.. lieber spät(er) als nie... Finde ich. Es gibt diese Menschen die können es direkt. Gut, das mag gesund sein. Gesünder. Ach, wer weiß das schon.
Jedenfalls kam ich dann zu dem Teil in dem du es erwähnst - ,,fairerweise". Ja das war auch fair. Das mitlesen ist ein anderes wenn man nicht weiß ob man über das Ende noch fiebern muss .. ob man das Ende noch lesen können wird...oder es abrupt endet.
Mit der Vorgeschichte jetzt würde ich wieder davon ausgehen, dass du weg bist, weil du nicht mehr bist. Es liest sich einfacher, wenn man weiß, dass es nicht in - Echtzeit- passiert. Auch wenn du es sicherlich in Echtzeit fühlst, wenn du es schreibst.

Ich mag deine Wortspielereien - regenreiche Tage. Das hat sich eingebrannt. Ich mag es. Die Art wie du die Dinge beschreibst. Umschreibst.
Gehend bewusstlos.. ja. Endlich habe ich eine Beschreibung dafür. So simple und treffend.

Beim Lesen waren da noch viele mehr.. aber die, die bleiben hängen.
Dieser Treffer.. sie machen es so greifbar mitzuempfinden wenn du erzählst. Wegen der ganzen Details. Die eigentlich unwichtigen, die missmutige Krankenschwester. Aber genau die Details, merke ich, die haben es ausgemacht. Da werden die unwichtigen zu den wichtigsten? Und dann immer wieder diese ,,Treffer" .. gehend bewusstlos.. ja, das kenne ich. Ich fühle es. Mit dir.

Man hört so viel Leid. Krankheit. Tod. Hier und da. Und oftmals .. fühlt man es doch nur mit, wenn man selbst betroffen ist. Selbst in der Situation oder Selbst in der engsten Umgebung jemanden hat. Und bei den anderen? Ja da drückt man sein Mitgefühl aus.. man äußert sich emphatisch.. womöglich beschäftigt es einen noch.. kurz.. aber eigentlich dreht man sich rum und hat damit schon wieder nichts mehr am Hut. So viele Texte lese ich hier im Forum und denke mir: Das ist schade, ach herje wie schlimm für die Person, oh das ist aber wirklich einiges auf einmal zu tragen. Aber nach dem ausloggen.. ja was habe ich dann noch damit zu tun.
Das war bei deinen Zeilen anders und ich glaube es liegt an diesen wichtigen unwichtigen Details und an genau diesen Treffern die du setzt. Wie Kerben. Wie ein kleiner sanfter Schlag in die Magengrube. Ich frage mich ob sie der Grund sind, weshalb ich mich in deinen Zeilen verstanden fühle.. komisch oder. Ich habe es noch nicht zu Ende denken können.


Liebe Nachtwind.. du schriebst .. die Nacht war mein Raum dafür.. während ich das las, lag ich im Bett.. mit dem Laptop und das Fenster weit offen, wie jede Nacht. Ich mag die Luft der Nacht. Vor allem wenn sie kühl und klar ist. Und erst da fällt mir auf.. Nachtwind. Auch das werde ich mir wohl für immer behalten und an dich denken. Jetzt. Morgen. In 10 Jahren. In weiteren 10 Jahren. So lange wie ich den Wind der Nacht selbst noch spüren kann, werde ich diese Verknüpfung wohl nicht mehr vergessen. Jetzt bist du unvergessbar. Jetzt erst recht.
Das weiß ich, ganz sicher. Ich kann es versprechen. Ich weiß es .. wegen dem Atem der Nacht. Unvergessen. Jedes Mal wenn die Nacht so kalt ist, dass sie Gänsehaut verursacht. Wenn die Sterne besonders klar erscheinen.

Du erzählst von deinem Krebs .. aber verrätst soooooo viel über dich. Jetzt ist da endlich mehr als nur dein Vorname. Und zwischen all den Informationen .. den ganzen kleinen Puzzleteilchen.. ich könnte schon fast eine kleine Biographie von dir schreiben.. lässt du ein wenig blicken in deine Seelenwelt. Auf die Art wie du die Dinge betrachtest.

,,Das Leben war doch immer gut zu mir - nicht alle Menschen aber doch das Leben." .. - das ist wertvoll. Das packe ich in meinen Koffer. Danach habe ich gesucht, ohne es zu Wissen.

Ich möchte noch nicht aufhören zu Puzzlen.
Ich hoffe, wünsche es mir und wünsche es vorallem dir, dass du nach Abschluss deiner Erzählungen jetzt nicht aufhörst, sondern weiter erzählst. Über andere Dinge .. (all) die Dinge die du zwischendurch erwähnst.. die du noch nicht gänzlich durchdenken konntest und wolltest. Für die noch keine Zeit war oder für die es noch nicht an der Zeit war.
Einem Schritt.. können weitere Folgen nicht wahr?



Ach und was ich dir eigentlich sagen wollte: Ich bin hier. Ich lese mit. Ich höre dir zu.




Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge..  (Kurt Marti)

nachtwind

Und mir geht das Herz auf... 
du meine halb-so-junge-ganz-aus-der-Ferne-immer-mal-wieder-Wegbegleiterfreundin :-)

Ganz so jung bist du ja nun auch wieder nicht.
Mach dich nicht kleiner als du bist.
Ich hab mir mal, weil ich immer auf der Suche nach Orientierung bin
um besser zu verstehen,  versucht ganz simpel auszurechnen, wo genau ich mich befinde. Auf meinem Lebensweg.
Es geht ganz einfach:
von 0 - 20 ist der Frühling.
Von 20- bis 40 Sommer.
Von 40 bis 60 ist der Herbst.
Von 60 bis 80 ist dann Winter.

Frag nicht, was nach 80 ist. Noch mal Frühling, nur eben ein Jahr später?
Ein Menschenleben später?
Frag mich wenn ich 85 bin.
Ach ja - das werd ich nicht. ;-)
Ich muss nicht wissen, was nach 80 ist.

Und wenn ich so vor mich hinrechne, dann bist du vielleicht 35.
Noch 5 Jahre Sommer! liegen vor dir. 5 ganze Jahre.
Dann beginnt ganz leis der Herbst.

Mach dich nicht kleiner als du bist, gucker - du hast schon was zu sagen!

Das kann  jetzt furchtbar herablassend klingen, dabei ist es das nullkommanull - es ist voll Freude. Voll Anerkennung.
Ich les dich ja auch.

Und solltest du mal vor der 60 stehen und am liebsten verweigern wie ein überfordertes Pferd - glaub deiner alten Freundin : Winter kann auch
sowas von voll schön!! 

Aber jetzt ist erst mal noch Sommer.
5 ganze lange Sommerjahre noch.
Hey :-)

Danke, Gucker, für deine vollen Gedanken und Worte - und ja, sie sind mir ein Geschenk! Und: angekommen...
machen mich ganz warm.
Und das ist kostbar.
Im Alter friert man schon ein bisschen schneller. ;-)

Hey :-)

nachtwind

Nachtruhe im Krankenhaus, nach 15 Jahren Nachtdienst jetzt mal als Patientin.
Mal schauen.
Meine Nachbarin bekommt scheinbar alle 3 Stunden intravenös Schmerzmittel angehängt.... und jedesmal wird es trostloser.
Schon das Aufnahmegespräch der Ärztin am Nachmittag/Abend war jetzt nicht gerade vertrauensbildend. Für meine Nachbarin. War deutlich zu spüren. Von Minute zu Minute wurde es hoffnungsloser im Raum. Die Erschöpfung schwappte bis zu mir rüber an mein Bett.
Erst ging's ja.
Ärztin schaut in irgendwelche Unterlagen, dann, freundlich : ,,Sie sind Frau Wasauchimmer?" Frau Wasauchimmer: nickt.
Die Ärztin fröhlich-freundlich: ,,schön!"
Pause. Schaut in die Unterlagen:  ,,Sie hatten ein Cervixcarzinom?" Frau Wasauchimmer, schon mit einem Hauch ich-bleib-ganz-ruhig-Vorsatz unterlegt: ,,ja..." ...
Pause. Ärztin schaut in ihre Unterlagen. Ich werd schon ein bisschen angesteckt - und besorgt: sie sagt jetzt hoffentlich nicht wieder fröhlich ,,schön!". Macht sie nicht. Nimmt aber Doppelpause. Weiss sie nicht weiter?!
Offensichtlich nicht: ,,Was haben Sie dann unternommen?" Ich bin verblüfft. Frau Wasauchimmer nicht. Sie ist jetzt ungebremst genervt: ,,Op, Bestrahlung,  Chemo." Rattert das durchaus angepisst runter. Das ,,was denkst denn du?!" hat sie sich verkniffen. Warum hör ich das dann so laut?
Die Ärztin, unbeeindruckt davon, ist weiter auf Empathiekurs: ,,da haben Sie ja schon reichlich Schweres mitgemacht!" 
Jetzt bin  ich ein bisschen betroffen. Wenn das schon Ärzte sagen??!! Hmm... vielleicht sollte ich den Zug schnell noch rechtzeitig verlassen?!
Frau ich-halt-das-gleich-nicht-mehr- aus entspannt sich vorübergehend ein bisschen. Das hat ihr jetzt gut getan. Hält aber nur einen Wimpernschlag an.
Leider!
Die Ärztin, allen Ernstes ... ich weiß jetzt auch nicht, wie ich das jetzt sagen soll?.... vielleicht hat ihr Professor sie angemahnt: sei empathischer!, und jetzt konzentriert sie sich da so sehr drauf, dass sie nichts anderes mehr sieht und denkt? Oder aber sie ist noch ganz neu in dieser Situation und glaubt, sie muss ja noch nix können, nix wissen - und ist einfach nur mal nett.? Oder aber der Computer ist abgestürzt?
Ich mein, es sollte alles drinstehen im Computer! Hat ja alles stattgefunden hier in der Uni. Was denkt sich diese junge ich-will-Ärztin-werden-Ärztin eigentlich, was ihr Job wohl ist? Weiß sie nicht, dass Vertrauen wichtig ist? Und Zeit kostbar? Guten Ärzten geht es im Krankenhaus wie guten Pflegern - sie haben nie genug Zeit!
Ich mein, da liegt jemand und hat echt Probleme. Muss bald sterben, ist sich aber noch nicht im Reinen damit, aber das muss die Ärztin ja auch gar nicht bedenken.
Sie will nur noch mal mit ihrem Mann in den Urlaub. Mit den Schmerzen geht es nicht mehr. Aber auch das muss die Ärztin gar nicht kümmern.
Es geht einfach nur darum: sie hat furchtbar Schmerzen, braucht dringend eine Schmerzmedikation, mehr will sie ja gar nicht.... - das geht die Ärztin was an! Dafür ist sie hier. Das ist ihr Job. Sich genau darum zu kümmern.
Und was macht unsre ich-bin-bestimmt-eine -gute Ärztin? Verbringt ihre kostbar bemessene Zeit damit, in die Unterlagen zu schauen. Und nochmal. Und nochmal. Und nichts zu finden. Fragt man dann halt die Patienten.
Es sind die basics!Die hat sie doch nun wirklich in ihren Unterlagen!
Glaubt sie ernsthaft, dass Patienten sich dann gut aufgehoben fühlen? Wenn ihnen deutlich vorgeführt wird, dass es eigentlich niemanden interessiert, dass es scheint's völlig egal ist, wer sie sind, warum sie überhaupt da sind, was sie brauchen?
Hoffnung auf Hilfe kann man so
ziemlich erfolgreich platt machen. So ganz nebenbei. Fladderadatsch - schon weggewischt. War da was?

Die Ärztin also, ich sag's jetzt einfach so, wie's war, schaut in ihre Unterlagen, Pause.... schaut nochmal  und fragt dann allen Ernstes: ,, und was wollen Sie jetzt hier?"
Wirklich als Frage. Freundlich interessierte Frage. Sie fragt sich das eben grad.

Im Ernst jetzt: man kommt nicht in's Krankenhaus ohne Überweisung. (Also wenn man kein plötzlicher Notfall ist.) Und auf der Überweisung steht der Grund drauf. Da gibt es eine Handlungsanweisung!

Jetzt hat also die Ärztin 5 ihrer kostbaren 7 Minuten  pro Patient schon freundlich verschleudert. Für nix. Für keinerlei Erkenntnisgewinn. Nur : mögliches Vertrauen zerstört. Das dann aber: radikal geglückt!
Erst knarrten die Türen drohend, dann fielen sie mit einem nachdrücklichen Knall ins Schloss.
Die Türen kriegt jetzt keiner mehr so einfach wieder auf.

Und schaut trotz all dem freundlich interessiert auf die Patientin. Die vor ihr liegt. Und den Kopf zur Seite wegdrehen muss um überhaupt antworten zu können.
Sie will überhaupt nicht antworten. Aber sie muss ja. Sie braucht ja Hilfe.
Ohjeh.
Sie also, mühsam beherrscht und deutlich gequält: ,, Ich hab Schmerzen. Schlimme. Normale Schmerzmittel helfen nicht. Ich bin jetzt hier in der Klinik, um auf wirksame Schmerzmittel eingestellt zu werden."
Ich kann ihre Ohnmacht mitfühlen.
Die Ärztin nicht. Sie bemerkt sie noch nicht mal.
Im Gegenteil - sie ist förmlich euphorisch jetzt!
Ich glaub, zum ersten  Mal in den jetzt 6 Minuten weiß sie was! Das macht sie glücklich! Richtig glücklich.
,,Ja, da helfen dann unser Palliativmediziner. Die sind gut. Richtig gut. Die können Ihnen helfen."
Und wiederholt das nochmal, eifrig, laut, beseelt.
Und bemerkt nicht, dass die gequälte Frau jetzt-kann-ich-wirklich-nicht-mehr beides Mal beim Wort Palliativmediziner zusammenzuckt.
Man muss schon ziemlich begeistert sein, um das Zusammenzucken nicht zu bemerken. Ich sitz paar Meter entfernt und seh es.
Ich glaube, es ist die Kombi palliativ und diese überbordende Begeisterung, mit der das gesagt wird, die ihr den letzten Stecker ziehen.
Seit sie den Kopf zur Seite gedreht hat, hat sie ihn nicht mehr zurückgedreht.
Sie kann nicht mehr.
Die Ärztin, ein wenig enttäuscht, dass ihre Freude auf keine Gegenfreude trifft, wiederholt es deshalb noch mal. Dann gibt sie auch sie auf.
Packt ihren Kram zusammen.
Frau jetzt-kann-ich-nimmer versucht mit letzter Kraft wenigstens noch irgendetwas kleines abzugewinnen und fragt, eher tonlos: ,,wann kommen denn die Schmerzmediziner?"
Die Ärztin hat sich schon abgedreht zu mir und antwortet jetzt selbst ein bisschen genervt. Immerhin betont nachsichtig, noch: ,,Ja, die muss ich ja erst noch anrufen! Die haben immer viel zu tun. Das weiß ich jetzt auch nicht, wann die mal Zeit finden."
Rums! Kommunikationschiffchen auf beiden Seiten auf Land aufgelaufen.
Gestrandet.
Beide haben sich auf ihre Art ja auch Mühe gegeben. Hat nix eingebracht. Nur Desaster.

Die Ärztin schaut jetzt mich erwartungsvoll an - und dann abwärts in ihre Unterlagen. Ich kann ihr jetzt auch nicht helfen. Kürze das ganze vorsichtshalber gleich mal ab mit einem fröhlichen: ,,ich bin Frau nachtwind und hab grad garnix und brauch auch nix - ich bin nur für die Untersuchungen hier." Man glaubt es nicht wirklich, aber sie schaut tatsächlich eine Weile in ihre Unterlagen. Eine ganze Weile!
Ich fass es nicht. Was läuft hier falsch?
Irgendwann, nach mindestens 2,3 Minuten hat sie mich gefunden. Und geht.
Ich schau ihr mit gemischten Gefühlen hinterher. Ob sie wohl zufrieden ist mit ihrer Arbeitsleistung?
Unzufrieden sieht sie jetzt nicht aus. Vielleicht war das wirklich ihr allererster Arbeitseinsatz. Aber ist man dann nicht besonders vorbereitet? Erster Einsatz und völlig unvorbereitet - das passt irgendwie nicht zusammen.
Ob das wohl was wird mit ihr? Als Ärztin?
Ich kenn auch ganz schlechte Ärzte. Die trotzdem zufrieden sind mit sich.
Immerhin hat sie ja nu keinen fachlichen Fehler gemacht. Das ist ja schon viel!
Wobei sie hier jetzt ja auch fachlich gar nix falsch machen konnte.

Naja egal. Sie ist weg.
Und wir sind noch da.
Ich schau zu meiner Kollegin. Sie hat die Augen zu.
Ich hoffe einfach mal, dass sie ein bisschen müde ist.
Und greif zu meinem Buch.

Irgendwann später kommt eine Schwester rein und will ihr die Infusion anstöpseln. Frau ich- kann-nicht-mehr fragt nach. ,,Was ist da drin?" ,,Novalgin und Paracetamol". Frau ich-kann-nicht-mehr verzweifelt: ,,Haben Sie nichts stärkeres? Novalgin und Paracetamol wirken nicht mehr bei mir."
Schwester irritiert: ,,nein". Sie schweigen beide.
Schwester dann, irgendwann, überfordert:"Soll ich es Ihnen jetzt anhängen?" Frau ich-kann-nicht-mehr resigniert und nickt.
Nützt eigentlich nichts. Aber besser als nix.

Und dieses Trauerspiel wiederholt sich jetzt. Alle drei Stunden. Die ganze Nacht durch.
Und jedesmal sinkt die Hoffnungslosigkeit schwerer auf den Boden. Breitet sich dort unaufhaltsam aus und verdrängt die Luft - und das Atmen wird mühsamer und mühsamer. Da hilft auch kein offnes Fenster mehr.
Ich sehne mich nach einem Zelt am Fuße des Mont Blancs, neben einem kleinen Gebirgsbach - und der Zeltöffnung Richtung Vollmond und dem schneebedeckten Gipfel.
Aber ich hab zumindest ja mein tablet. Wenn ich schon nicht schlafen kann, dann kann ich wenigstens Fernseh gucken. Es gibt auch passenderweise Reisedokus. Das ist jetzt voll nett vom Leben!
Sowas brauch ich grad.

Irgendwann in der Nacht kommen noch zwei hellwache Schwestern rein mit einem Bett. Natürlich nicht leer. Eine Patientin aus der Chirurgischen. Da wurde ein Bett schnell gebraucht - und wir haben ja ein Bett frei. Also das Bett raus, das Bett und der Nachtisch der neuen Kollegin rein, die beiden Schwestern sind aufgekratzt.
Wenn etwas außergewöhnliches passiert in der Nacht, ist man immer richtig wach. Ist so. Ich lächle vor mich hin. Alles ist besser als eine Schwester mit der nächsten Infusion.
Die zwei haben hörbar Spaß - und sie passen auch wirklich auf: ,,Sagen Sie morgen unbedingt dem Frühdienst Bescheid, dass Sie noch Krankengymnastik bekommen sollen, bevor Sie entlassen werden - unbedingt!" Zweimal. Und zum Abschied noch einmal. Ich merk es mir.
Das hat mich jetzt tatsächlich ein bisschen aufgemuntert grad. Zwei, die sich Mühe geben. Die mitdenken. Das Wohl der Patientin im Blick haben. Tut grad richtig gut.
Frau ich-kann-nicht-mehr freut das vermutlich jetzt nicht wirklich, sie stöhnt einmal vernehmlich in die eifrige gute Laune der Nachtschwestern rein - aber das hinterlässt keinen Eindruck bei ihnen. Das find ich prima. Sie tun Gutes.
Und allen gleichzeitig Gutes tun, das geht halt nicht. Im Krankenhaus . In der Nacht.
Lasst euch da nicht stören, nicht reinstöhnen dabei. Ihr macht das gut.
Und von den zwei Mitbewohnern stöhnt ja auch nur eine. Die andre freut sich still in sich hinein. Hören sie zwar nicht, aber trotzdem ist es so ausgeglichen.
Alles gut.
Als sie gegangen sind, ist die Hoffnungslosigkeit ordentlich aufgewirbelt worden. Die Tür lange offen, Durchzug - herrlich. Atmen geht wieder leicht.
Und zum Einschlafen hab ich ja meinen Fernseher.
Reisedokus gibt's nicht mehr, aber das macht nix. Das brauch ich auch nicht mehr. Ich such irgendeine Doku mit angenehmer Specherstimme, höre Frau ich-kann-nicht-mehr ganz schnell wieder schnarchen. Wie jedesmal in der Nacht, wenn wir gestört wurden.
So ganz unwirksam können die Schmerzmedis jetzt auch nicht sein. Wenn sie fast sofort danach wieder das schnarcheln anfängt.
Unsre neue Kollegin kommt auch langsam zur Ruh.
Und irgendwann schlaf dann auch ich ein. Viel wohlgemuter.
Das wird schon. Geht doch. Morgen wird wieder ein schöner Tag.

Wird er auch.
Nur am Anfang nicht.
Aber das weiß ich ja noch nicht.



nachtwind

Es ist noch dunkel, da ist die Nacht schon wieder hell.
Grellhell. Frühdienst. Laut. Geschäftig. Alles klirrt ein bisschen.
Ich bin überrascht, dass es mich nicht nervt. Kein bisschen.
Ich bin wohl anpassungsfähiger als ich so dachte! Alles gut bis jetzt.

Gefühlt wuseln gleichzeitig mehrere Schwestern durch das Zimmer. 2 sind jung, wie fsjler oder zivis früher. Sie sind auch schnell wieder weg.
Eine bleibt. Gewichtig. Die Hand am Blutdruckmessgerät. Bühne frei für ihren Auftritt. Sie geniesst's. Sonst keiner. Aber das merk sie ja nicht. In ihrer Lieblingsrolle.
Waren die andren wie flüchtige Flötentöne, zurückhaltend schon wieder verweht, ist sie die dicke Pauke. Entschuldigung! Jede ihrer Aktionen sind dicke-Pauken-Schläge.
Jetzt tut sie nicht viel. Im Grunde fast nix. Dadurch verhallen die Paukenschläge in all ihrer Pracht. Minutenlang. Das ist auch ein Erlebnis. Ein seltenes.
Die Hand am Messgerät-Turm steht sie da. Wie eine Statue. Tut nix. Ist ja auch nicht viel zu tun. Armbändchen scannen, Blutdruckmanschette überstreifen, Oxymeter auf den Finger schieben, auf Start drücken, warten. Fertig. Das dauert 2 Minuten. Maximal 3. Schwester Paukenschlag braucht dafür mindestens zehn.
Da können Paukenschläge schon mal völlig ungehindert nachhallen. Tun sie auch.

Jetzt kann man natürlich sagen, ist doch ok. Sie tut 2Minuten was, und in der Nachhallzeit kümmert sie sich ein bisschen um das, was sonst zu kurz kommt: menschliche Anteilnahme. Mal bisschen freundlich plaudern, auch mal nachfragen, ob es geht soweit?, ein bisschen Interesse zeigen, ein bisschen miteinander lachen oder schmunzeln, ein bisschen Mitgefühl....  es gibt so viel, was man tun kann, wenn man auf Start gedrückt hat und jetzt wartet. Und wenn sich was ergibt, eben auch mal 5 Minuten verschenken. Tut doch einem selbst auch gut. Und hey - die Leut, die liegen da im Bett. Man selber steht ja noch.

Und wenn's mal wirklich eng wird mit der Zeit, muss man halt das, was man nacharbeiten kann, auf hinten verschieben. Und bisschen Überstunden machen. Geht nicht immer. Aber schon oft.
Meine Tochter ist freiberufliche Hebamme. Wenn sie mal nachrechnet und dann stöhnt, wieviel Zeit sie verbringt bei ihren Frauen, die sie garnicht abrechnen kann, dann sag ich ihr: andre machen ihren Job und engagieren sich nebenher ehrenamtlich. All die Zeit, die du nicht abrechnen kannst, das ist dein Ehrenamt!
Und das machst du doch gern, oder? Macht sie. Also alles gut.

Aber das ist jetzt überhaupt nicht die Absicht von unsrer Lady Paukenschlag. Was dann? Da muss ich raten. Noch tappe ich im Dunklen.

Bei Frau ich -kann-nicht-mehr, nein - aus Frau ich-kann-nicht-mehr ist längst Frau niemand-kann-mir- helfen! geworden.
Beim Schreiben kann man nachdenken, nachsinnen auch - und versteht vieles besser. Der erste Name ist falsch gewählt. Wenn man nicht mehr kann, verhält man sich anders. Es gibt eine riesengroße Palette für ich-kann-nicht-mehr, aber wie sie sich verhält, ist nochmal anders. Niemand-kann-mir-helfen! ist nochmal ganz was andres. Da ist der Mittelpunkt der Aussage nicht: ich - da ist der Mittelpunkt: Anklage!
Und jetzt versteh ich auch, was die Luft um sie herum so dicht gemacht hat.
Das keine Nähe möglich war.
Diese stumme, aber so laute: Anklage! Wem gegenüber? Weiß nicht. Allen gegenüber. Allem gegenüber. Dem Leben. Allem und allen gegenüber.
Krass.

Bei Frau niemand-kann-mir-helfen ist der Blutdruckwert nicht in Ordnung. Kommentiert Lady Paukenschlag für sich ,, muss ich nochmal nachmessen". Macht Sinn.
In der Zwischenzeit kommt ihr etwas andres in den Sinn. Sie schaut, ob die Teeküche schon auf ist. Da wird für Fußgänger auch ein Frühstücksbüffet angeboten. Und jetzt jubelt sie: ,,ist offen!!" Ich bin verblüfft.  Aber nach und nach verstehe ich.
Es kommt ihr großer Auftritt!! Das vorher alles war nur die Einstimmung dafür. Jetzt kommt ihr großer Auftritt! Die Luft vibriert um sie herum.
Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden erlebt, der Kaffee holen  so bedeutsam zelebrieren kann!
Sie fängt gleich mit unsrer neuesten Mitbewohnerin an. Steht ja an der Tür, das Bett. Steht vor ihr, die Hände in die Hüften gestemmt. Holt noch mal tief Luft - dann schmettert sie den ersten Satz ihres Großen Auftritts in's Publikum:
,,Wolln Sie einen Kaffe?!"
Blickt unsre Mitbewohnerin erwartungsvoll lächelnd an. Die ist erstmal völlig hilflos. Was unsre Lady Paukenschlag zu einem neuen Satz inspiriert:
,,Wollen Sie einen Kaffee?"
Gut, der ist jetzt nicht soo neu. Aber er klang wirklich so, als habe sie ihn sich aus ihrem tiefsten Inneren herausgefischt - er wirkte so neu.
Unsre Mitbewohnerin bringt verlegen ein schüchternes ,,Ja" heraus. Und hofft offensichtlich, das das Drama jetzt ausgestanden ist für sie.
Nix da - Lady Paukenschlag läuft ja eben erst richtig warm. Sie geht langsam um's Bett, stemmt wieder ihre Arme in die breiten Hüften und schleudert ein geheimnisvolles ,,mit Zucker??" auf's Bett herunter. Unsre arme Mitbewohnerin bekommt nur noch ein verschüchtertes Nicken zustande. Die Lady steht jetzt auch wirklich bedrohlich nah an ihr dran. Und nickt befriedigt. Geht wieder um's Bett herum. Unsre Mitbewohnerin schaut ihr verängstigt  dabei zu. Jetzt tut sie mir schon so richtig leid! Aber es ist noch nicht vorbei. ,,Mit Milch?"... ,,?"... unsre gequälte Mitbewohnerin hält dem Druck nicht mehr Stand. Kommt nix mehr raus.
Kommt nix mehr raus?! Nicht mit unsrer Lady Paukenschlag! Da ist sie Profi durch und durch. ,,Wollen Sie den Kaffe auch mit Milch??" Unsre arme Mitbewohnerin ergibt sich ihrem Schicksal. Es wird als Ja gedeutet.
Ich wüsste grad so pfeffergern, ob sie wirklich ihren Kaffee immer mit Milch trinkt.
Lady Paukenschlag nickt nachdenklich-bedeutsam vor sich hin.
Vermutlich prägt sie sich das Ergebnis gerade ein. Man weiß es nicht. Sie ist schon beeindruckend auf ihre Art. Man weiß es einfach nicht.

Jetzt ist Frau niemand-kann-mir-helfen! an der Reihe. Das ganze geht von vorne los. Aber sie ist jetzt kein so ein gutes Opfer. Ob Lady Paukenschlag das, vielleicht nur unbewusst, bemerkt? Jedenfalls wendet sie sich schnell wieder unsrer geplagten Mitbewohnerin zu. Die guckt schon wieder ganz erschrocken. Aber Lady Paukenschlag ist noch etwas sehr Wesentliches eingefallen. Etwas von großer Bedeutung!
,,Wieviel Zucker?" Unsre Mitbewohnerin will nur noch weg.
,,Wieviel Zucker wollen Sie denn? ....In Ihren Kaffe?"  Ich kann nicht verstehen, was oder wie sie antwortet, aber sie einigen sich. Lady Paukenschlag geht zufrieden wieder zu Frau niemand-kann-mir-helfen!, dreht sich aber auf halben Weg wieder um und vergewissert sich noch mal : ,,zwei Löffel?" Unsre arme Frau Mitbewohnerin reagiert nicht. Vermutlich versucht sie sich verzweifelt daran zu erinnern, wie genau sich wegbeamen nochmal ging? In Raumschiff Enterprise? Ich will ihr grad sagen, dass das nur ein Film war, da brettert Lady Paukenschlag ungerührt dazwischen: ,,zwei Löffel Zucker in den Kaffe?!".
Immer noch keine Reaktion. Ob sie glaubt, sie wäre jetzt schon weggebeamt? Ich weiss es nicht. Sie sieht schon ziemlich weggebeamt aus. So zusammengesunken, wie sie da sitzt in ihrem Kopfteil.
,,Wollen Sie zwei Löffel Zucker in Ihren Kaffee?!" Lady Paukenschlag zeigt sich erbarmungslos. Und unsere Mitbewohnerin verständigt sich irgendwie mit ihr. Hauptsache geeinigt.
Dass das Spiel mit der Milch genauso abläuft, brauch ich glaub ich nicht mehr erwähnen. Frau niemand-kann-mir-helfen! ist auch wirklich keine adäquate Partnerin auf der Bühne von Lady Paukenschlag. Ein Profi und eine Diva schon grad wissen sich da zu helfen. Es gibt ja Gottseidank noch andre, willigere Opfer. Mitspielerinnen.
Ob das wohl in jedem Zimmer so abläuft? Oder nur bei uns?
Viel mehr andre Zimmer kann sie ja nicht auf ihrem Plan haben. So viel Zeit, wie sie so braucht. Für nur ein einziges Zimmer.

Aufpassen! Jetzt dreht sie sich gleich zu mir!
Ich versuch noch geschwind mich zu wappnen. Aber es klappt nicht wirklich. Bin doch fast wehrlos erschlagen von der Wucht, mit der sie mich auf's  Korn nimmt. Anvisiert. Ich wollte ihr zuvorkommen, aber sie ist schneller. Oder ich langsamer. Die Wucht ist schon nicht ohne.
,,Kaffe?" Ich schüttel den Kopf.
Das verwirrt sie jetzt. Das stand nicht in ihrem Script. Was jetzt? Sie versucht es mit Nachsicht, lächelnd:"Wollnse Kaffe?". ,,Nein",sag ich, und entschuldigend ,,ich trink keinen Kaffee."
Hab ich mich jetzt wirklich entschuldigt?! Erklärt wäre angemessen. Doch, ich habe mich entschuldigt. So von Angesicht zu Angesicht ist es schwerer, Distanz zu bewahren. Sie schmilzt dahin. Wie Slush-Eis auf der Stirn eines hoch Fiebernden.
Immerhin ist jetzt erstmal eine angenehme Pause. Sie muss nachdenken.
Dann klärt sich ihr Gesicht wieder auf. ,,Tee?" Ich schüttel wieder den Kopf. ,,Ich kann ihn mir selber holen, danke."
Sie schaut mich an, als sei ich eine seltene Sorte Käfer... misstrauisch und leicht angeekelt. Aber das Gute ist, sie wendet sich kommentarlos ab.
Noch besser: sie verlässt den Raum! Lady Paukenschlag on her mission...

Es ist eine eigenartige Stimmung hier im Raum, seit sie weg ist. Ich glaube, jeder sortiert sich erstmal neu.
Und entspannt sich nach und nach. Denn sie bleibt lange weg. Seeehr lange... und noch ein bisschen. Dann kracht die Tür mächtig auf - und sie steht da! In der Tür! Mit zwei Bechern in der Hand! Triumph pur! steht sie da. Ach Mensch!
Verteilt ihren Kaffee mit mordsgedöns hier und mordsgedöns da.... Aber wir kennen das ja nun schon, es macht nicht mehr den riesen Eindruck. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie merkt das. Vielleicht auch nicht. Abhalten lässt sie sich auf jeden Fall nicht dadurch. Aber auch sie
kommt mal an ein Ende. Und erinnert sich dunkel - warum war sie nochmal da? Ach ja, Blutdruck messen.... da war doch was? Aber was?
Ich helfe, denn Frau Niemand-kann-mir-helfen! sieht schon wieder sehr besorgniserregend aus: ,,""Sie wollten den Blutdruck von Frau Niemand-kann-mir-helfen! nochmal messen." ,,ach ja stimmt.... wie war der nochmal?"
Ein Blick zu Frau ... und ich sag ganz arg schnell ,,85 zu ich weiß nicht mehr" - da dreht sie sich überraschend behende zu mir um und pfeffert mir ein : ,,Jetzt halten Sie sich aber mal zurück, Frau nachtwind - ganz fix!"
Ich bin beeindruckt. Das hätt ich ihr jetzt gar nicht zugetraut! Alle Achtung!
Sie kann nicht nur Kaffee holen - sie kann auch Leute runterputzen!
Sie kann schon mal zwei Sachen. Und die auch
ziemlich gut.

Irgendwann ist dann alles erledigt. Wir sind es auch. Ich schau ihr nachdenklich hinterher, als sie so abschiebt, aus dem Zimmer, die Hand am Blutdruckmessgerät. Was war das jetzt?
Ich schwanke zwischen Abscheu und Faszination. Ich habe so was noch nie erlebt.
Sie als Kollegin.... Alptraum.
Ist sie wirklich so? Oder hat sie nur einen rabenschwarzen Tag?
Ich treffe sie später noch mal. Gegenüber in der Teeküche. Sie ist wirklich so.

Ich hab das meinem Sohn nachher so erzählt: ich denke, es gibt halt einige Menschen, die so gerne in der Pflege arbeiten würden, es aber einfach nullkommanull können - ich glaub, die hat man genommen und auf unsre Station geschickt und gesagt: hier dürft ihr.
Ich hab dabei vor allem an Schwester Paukenschlag gedacht, aber auf die andren passte es auch ein bisschen.
Eine war anders! Die war gut!
Die kam ein bisschen später mal rein, und ich wusste sofort: sie ist richtig gut!
Sie hat ganz nebenbei bemerkt, dass die Infusion durch ist und sie gleich mal abgestöpselt. Während sie das besprach, weshalb sie gekommen war.
Ich hab mich so gefreut! Über sie. Und hab sie gleich, als sie schon wieder im Gehen war, aufgehalten -
und das tat mir sehr leid. Die guten, die arbeiten. Und die arbeiten schnell. Damit sie alles schaffen. Die will man nicht eigentlich mit noch was Zusätzlichem belasten.Aber ich wusste uns nicht anders zu helfen.
Unsre neue Mitbewohnerin sah immer noch ziemlich zerstört aus.
Ich sag also schuldbewusst : ,,Entschuldigung! Es tut mir wirklich leid, jetzt zu stören, aber die Frau ich-weiß-jetzt-nicht" und zeig auf sie, ,,die ist ja gestern Abend zu uns verlegt worden, und die beiden Schwestern haben ihr eingeschärft, sie solle auf jeden Fall dem Frühdienst sagen, dass sie noch Kg braucht, bevor sie entlassen wird." Die kompetente Schwester scheint erst echt genervt ( hat Frau Paukenschlag im Schwesternzimmer gleich mal abgelästert?Über die Frau nachtwind, die sich nicht zurückhalten kann?). Also schick ich ein ,,weil es ja nicht zum normalen Stationsablauf gehört!" hinterher, und ,,sie haben ihr das mehrfach eingeschärft!"
Ich versuche so freundlich und gleichzeitig so bestimmt zu sein wie nur irgend geht. Ich achte gute Schwestern sehr! Gute Pflegerinnen stehen bei mir ganz weit oben! Und gleichzeitig fühle ich mich auch verbunden mit uns Patienten grad. Und unsre Mitbewohnerin, die schon vom Temperament zurückhaltend ist, nicht überragend fließend deutsch spricht und noch dazu vorübergehend vernichtet erscheint, wird vermutlich nicht mehr die Kurve kriegen und sich von sich aus melden. Und so hab ich zwei Herzen, ach, in meiner Brust.
Aber das war ein Mann, der das gesagt hat, und ich bin eine Frau. Und wenn ich Zwillinge gehabt hätte, hätte ich sie gleichzeitig stillen können. Zumindest am Anfang. Und so hab ich mich eben entschlossen,  beiden Herzen in mir gerecht zu werden.
Und habe Erfolg damit. Die gute Schwester sieht zwar weiterhin nicht erfreut aus, warum sollte sie auch, aber sie ist eben eine gute. Und die verstehen eben schnell, ob etwas doch nötig ist. Oder Firlefanz. Ihrem Gesicht nach hat sie sich für nötig entschieden, und nach ner Weile kam eine Kglerin zu uns und holte unsre ein bisschen zerkrümelte Mitbewohnerin ab. Zum mit Krücken gehen üben.
Herrjehgottes war das nötig!  Ich war im Nachhinein richtig glücklich! Mit meinem Entschluss, mich doch nicht zurückzuhalten. War richtig so.
Und unsre Mitbewohnerin lernt nicht nur viel elementar wichtiges - sie wirkt auch wie wiederbelebt. So langsam alles gut wieder.

Da werd ich dann schon rausgeworfen.

Aber ich seh sie später noch mal wieder. Das war richtig schön!