Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

nachtwind

Danke für die Rücksicht, ponyhof.

Die Situation entspannt sich schnell, keine 10 Minuten, ist sie schon dran.
Die beiden älteren Damen vor mir, eine mit Rolator, die andre als Begleiterin, murren.
Mich beschäftigt die Situation im Gazastreifen sehr in dieser Zeit. Jetzt taucht ein neuer Gedanke auf dazu: gibt ja auch in dieser furchtbaren Lage dort auch so alte Frauen wie mich, mit eher ganz banalen, alltäglichen Krankheiten wie Krebs... wie geht es denen dann? Dort?
Wirst morgens wach und dein erster Gedanke ist: ,,steht mein Krankenhaus noch?"
,,Leben meine Ärzte noch?"
Und wenn ja, dann vielleicht noch: ,,wenn es keine Narkose mehr gibt, lasse ich mich nicht operieren... hoffentlich sagen sie es mir rechtzeitig vorher!"
Und: ,,wenn ich doch nur eine Matratze hätte, die ich mitnehmen könnte! Damit ich auf dem Flur ein bisschen Schutz vor den Schritten und Tritten der Menschen hätte... unsere Nachbarn hatten ein Auto - sie haben jetzt noch Matratzen. Wir hatten kein Auto - wir haben keine Matratzen mehr."

Man kann sich noch so sehr versuchen reinzudenken in fremdes Leben und fremdes Leid - es bleiben immer
noch nicht bedachte Situationen. Und Nöte.

Ich denke daran, wie ich jeden Morgen wach werde, auf meiner Matratze... und mit einem Dach über dem Kopf und einer Wohnungstür, die ich schließen kann.
Und seufze. Vor Wohlbehagen.
Ich habe sicheren Zugang auf  ausreichend Narkosemittel - und die Gewissheit, ein Bett - in einem Zimmer! - zu bekommen. Und ausreichend Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.
Wär jetzt schon dämlich, wenn ich mich jetzt beschweren würd.
Außerdem weiß ich gar nicht, wie ich meine Matratze in die Klinik bekäme - sie ist aus Latex, dick, völlig schwabbelig und grottenschwer!
Ob man überhaupt eine Matratze in der Straßenbahn transportieren darf?
Und auch: kann?
Irgendwie auch ein totales Glück, sich nicht auch um sowas noch den Kopf machen zu müssen.
Bin ausgiebig zufrieden! Mit allem hier...
und ziemlich dankbar.

Die eine junge Frau kommt nach ihrem Termin wieder zu uns in unser Wartehäuschen. Die andre dann auch. Greifen ruhig zu ihren Büchern. Scheinbar gibt es zwei Termine.
Irgendwann bin dann auch ich dran. Ein junger Arzt in Ausbildung hat jetzt die Aufgabe, mich zu informieren.
Macht er gerne. Macht er wahrscheinlich noch nicht lange. ;-)
Ich komm mir so ein bisschen vor wie auf den Pflichtfobis auf Arbeit.
Ich spiele das Spiel mit. Gerne. Und überlege zwischendurch, ob wohl ein täglich 8stündiger Arbeitseinsatz in einem Raum ohne Fenster längerfristige Folgen hat? So wie Nachtdienst?
Dann kommt er an einen Teil seiner Ausführungen - ich weiß nicht, ob ich das jetzt wissen wollte?!
Also 5 Löcher in die Bauchwand geschnitten, 4 für die Roboterarme, so weit so ungefähr so auch vorgestellt, das 5. für einen Schlauch, durch den der Bauch aufgepumpt wird. Damit mehr Platz ist zum Arbeiten. Ich schaue verwirrt, er erklärt begeistert ,, wie einen Luftballon"... und ergötzt sich an meinem Gesichtsausdruck. Und tröstet grinsend: ,,Sie werden auf die Liege geschnallt, damit Sie mit dem Kopf nach unten liegen!"
Das reicht. Ich ziehe mich augenblicklich aus meinem Gesicht zurück.

In mir ploppt ein rotes Warnschild auf - willst du das?! Willst du das wirklich?!
Noch kannst du abhauen!! Noch kannst du gehen!! Es ist noch nichts geschehen...
Aber überraschender Weise ploppt das so schnell wieder runter, wie es aufgeploppt ist. Bin ich in Summe so auffallend sicher, dass das der richtige Weg ist? Und es war mir nur noch nicht so klar?
Oder herrscht in mir zumindest eine deutliche Übereinkunft: jetzt bloß nicht schon wieder Grundsatzdiskussionen!!! ALLES
ist besser als jetzt wieder neu alles durchgehen. Was es so gibt.
An Möglichkeiten. An Handlungsmöglichkeiten.
Alles!
Nur nicht das!

Wie auch immer, ich bin verwundert. Aber nur noch mal neu bestärkt. In meiner Entscheidung. Ob nun inhaltlich oder als reine Notwehr - egal!
Das ist doch jetzt mal ein tolles Ergebnis einer solchen Informationsveranstaltung!
Hätte ich jetzt gar nicht erwartet.
Manchmal fällt einem auch was in den Schoß. Einfach so.

Während er bei wieder eher trockenen Details angekommen ist, überlege ich so vor mich hin: musste er das jetzt so informieren? Gehört das dazu? Als Info?
Oder war ich ihm zu unbeeindruckt bis jetzt? Und das hat ihn gewurmt?
Ich schätze sein Alter.... bisschen mehr als halb so alt wie mein Sohn... noch sehr sehr jung. Grad erst dabei, ein bisschen erwachsen zu werden...
Vielleicht ist er ganz frisch mit im Op, zum Zugucken.... und er muss erst mal auch selbst solche leicht absurden Bilder verarbeiten, in die er da gerät.
Ich tendiere zu letzterem.
Wir haben eine gute Zeit.

nachtwind

Dann werd ich wieder zurückgeschickt. Warten Teil 2.
Hinter mir saß noch eine Frau, mittelalt. Ich hab sie nicht beachtet, bis jetzt.
Nehme sie erst wirklich wahr, als sie an uns allen vorbei zum Tresen geht. Ihr Anliegen vorträgt.
Ich hör nicht hin, aber dann schnapp ich ,,...ich hab auch langsam echt Hunger!..." auf. Oha- das heisst doch, sie sitzt hier in Erwartung ihrer Op?!
Es gibt hier ja keine Untersuchungen, für die sie nüchtern sein sollte - nur Gespräche. Ja gut, und vielleicht eben auch ambulante OPs...?
Kann das aber jetzt nicht vertiefen, werde zu meinem 2. Gespräch aufgerufen.
Und bin echt erstaunt.
Ich dachte immer, Narkoseärzte sind solche, die sagen: ja, ist wirklich mein Traumberuf. Nur die Menschen immer - die stören schon gewaltig!
Ist doch gut, wenn jeder so seine Nische findet. In der er sich richtig wohlfühlen kann. Und die Menschen um ihn rum eben auch.
Dieser aber jetzt, mein Narkosearzt, der ist richtig sympathisch!
So viel offne Menschlichkeit hab ich hier in der Klinik überhaupt nicht erwartet!

Geht schon los mit seiner ersten Frage: ,,was macht denn Ihre Fibromyalgie?"
Vor zwanzig oder dreißig Jahren war ich mal in der Uni, wegen der quälenden Schmerzen. Diagnose eben Fibromyalgie. Gibt so Triggerpunkte. Bei mir waren alle auf Alarm. Nur in den Füßen nicht. Hat uns beide gewundert, aber war so.
Ich war froh über überhaupt mal eine Diagnose. Aber nicht so lang. Es gibt nix, was da hilft. Und auch keine bekannten Ursachen. An denen man sich langhangeln hätte können. Auf der Suche danach, was da trotzdem helfen könnte.

Ich bin völlig verblüfft über diese Frage. Er muss lächeln und deutet auf seinen Bildschirm. Steht da. Ich bleibe verwirrt.... es ist eine Frage...ich sollte antworten... ich krieg nur ein resigniertes leichtes Achselzucken hin. Er versteht auch das. Langsam bin ich hin und weg von ihm. ;-)

Und das bleibt so. Wir fliegen in angenehmen Einklang durch den Wust an nötigen Fragen... paff fertig!
Schade...
Ich frag ihn noch schnell, im Aufstehen, ob er mein Narkosearzt sein wird.
Ist noch nicht klar.
Jetzt sag ich es: schade!
Wir lächeln beide.
Und raus.

Im Flur dann rutscht die Wärme in immer traurigere Gefilde.
Die Frau von eben steht da, und bei ihr der junge ich-werd-auch-mal-Arzt.
Die beiden so Freundlichen von der Theke haben sich mal wieder gekümmert.

Ihre Op ist wohl abgesagt worden.
Ich hab mich schon auch gefragt, warum das hier so elends lang dauert - die einzig  plausible Antwort: es gibt keine zwei, die da sitzen und nix andres tun, als solche Gespräche zu führen. Es wird laufend operiert, und in den Pausen finden dann diese Gespräche statt.
Ist wohl wirklich so.
Mein Narkosearzt erscheint im Flur, um eine neue Patientin abzuholen, da wird er wieder zurückgerufen... noch ein schade. Ich hatte schon gehofft, meine murrenden Mitwartenden würden jetzt ganz fix auch erlöst.
Nix da.
Er dreht wieder um. Wird gebraucht.
Vielleicht ein Notfall. Bei dem man sich vorher noch kurz besprechen muss. Fakten austauschen.

Für den Jungen gilt das nicht. Er bleibt bei der betroffenen Frau. Die traurig ist. Und riesig enttäuscht. Und nicht einfach schweigen will. Und ohne ein Wort gehn.
Der Junge sagt gerade ,,ich verstehe, dass das für Sie jetzt nicht schön ist, aber Sie müssen auch uns verstehen..."
Sicher bin ich nicht, aber vielleicht denkt er im Stillen: wir haben gerade jemandem - oder auch zweien - das Leben gerettet! Da muss dann halt jemand wie Sie auch mal zur Seite treten!
Ich versteh ihn. Sicher, er ist jung. Und begeistert. Von seinem Beruf. Und auch von sich. Dadrin.
Aber ich versteh ihn trotzdem. Ich kenne die Krankenhaus-Seite.
Jeder kommt mit seinem Problem. Und für ihn ist das das größte. Und das ist es ja auch!
Aber im Klinikablauf sieht das nicht immer so aus. Kann es auch nicht immer so aussehen. Es gibt halt öfters auch mal
Größeres als das.
Und schon gibt's Streit.
Sie aber lässt das so nicht stehen. ,,Ich sitz hier seit dem Morgen! Hab extra nix gegessen! Und sitz und sitz hier..."
Ich denke, das bezieht sich jetzt auf fehlende und unbefriedigende Kommunikation. Und versteh sie. Hätte man ihr das nicht früher sagen können?
Und nicht erst, wenn sie selber nachfragt?!
So züchtet man sich doch genau diese Patienten heran, die man nicht will - die ganz schnell die Geduld verlieren und sich deutlich vernehmbar beschweren. Darüber.
Nicht aus Charakterschwäche.
Aus Erfahrung!

Er bleibt bei seinem ja-ich-verstehe-aber-verstehen-Sie-auch-uns. Aber leider erklärt er nicht. Dass man das eben erst im Laufe des Tages überblicken kann. Je nachdem, wieviele ungeplante Notfälle dazukommen am Tag.
Und: es sind Notfälle, die ihre Op immer weiter nach hinten verschieben... kein Kaffeetrinken.
Würde es ihr leichter fallen, das dann zu akzeptieren?

Sie ahnt es wohl trotzdem. Sagt trotzig: ,, und es hieß doch, die Op sollte so schnell wie möglich gemacht werden!!"

Er wirkt ein bisschen verunsichert, wahrscheinlich hat er nicht im Kopf, was jetzt ihre Diagnose ist.... bleibt schlicht bei seiner Formulierung - und jedesmal mehr verliert sie schlicht und einfach. An Wert.
Meine Sympathie rutscht langsam aber beständig ein bisschen auf ihre Seite.

Und dann bricht ihr Zaun der Zurückhaltung - und ihre (Wort-)Pferde galoppieren frei durch unseren Flur... sie kann sich nicht einfach krank melden, sie arbeitet in einem Pfarrbüro. Da gibt es keine Ersatzkollegin - ihre Vertretung musste sie mühsam selbst organisieren, für jeden einzelnen ihrer 3 Tage krank. Und ihren Tag heute ... und das ist jetzt alles für die Katz!

Mein Mitgefühl hat sie - ich spüre ihre Erschöpfung. Und die immer größer werdende Enttäuschung - alles für die Katz!
Die letzen Sätze hat sie nur noch zu mir gesagt, und ich nicke bekümmert.
Ich glaube, sie bekommt das mit. Dass sie verstanden wird. Das besänftigt sie ein bisschen, und mit dem Sanften kommen die Tränen.
Und die Erkenntnis: ,,das ändert jetzt auch nix mehr."
Sie dreht sich um. Und geht.
Vermutlich fließen jetzt ein paar Tränen.
Ich wünsch es ihr so.
Hilft halt alles nix.
Sie ist wenigstens nicht stumm geblieben, hat ihre Sache vertreten. Ist gehört - und verstanden worden. Sie kann erhobenen Hauptes die Klinik verlassen.
Und sich dann seufzend darum zu kümmern, die Scherben aufzukehren und ihr Leben langsam
wieder schnittig zu machen.
Für die nächste Möglichkeit für ihre Op.
Und überhaupt.

Ich schau ihr nach. Das Herz schwer.
Spiegelneuronen? Vielleicht. Vermutlich schon.
Aber noch anderes. Gespiegeltes in  mir...

Die zwei  so Freundlichen von der Theke sprechen noch mit dem jungen Arzt in spe... mir wird bewusst, dass sie die ganze Zeit neben uns standen.
Bereit aufzufangen. Falls nötig.
Jetzt kümmern sie sich um den Jungen.

Ich geh in unser Wartehäuschen und krame langsam mein Zeugs zusammen. Viel ist es ja nicht. Die zwei von der Theke - sie kümmern sich um alles und jeden.
Mit einer Engelsgeduld.
....
Es erinnert mich an den Augenblick in meinem Leben, als ich begriff. Warum es Engelsgeduld heißt.

Damals haben wir noch im Wagen gewohnt. Die Kinder noch klein.
Wir waren bitterarm. Wir waren eigentlich immer arm. Aber als sie klein waren, waren wir bitterarm.
Beiden Winterschuhe kaufen, das ging nicht. Nur nacheinander. Monat für Monat ein besonderes. Anders ging es nicht.
Weihnachtsgeschenke bestanden viel aus nützlichen Dingen. Im Vorfeld gab's eben auch mal gar nichts. Ein oder zwei Monate. Gab's dann eben zu Weihnachten. Winterjacken  zB., oder Bettwäsche - eigene!  Oder Wärmeflasche - eigene! So Sachen halt. Die Kinder waren es so gewohnt. Und unser Wäschekorb mit den Geschenken war immer voll. Bis zum Rand und darüber.
Ich glaube, es sind solche Bilder. Die sich festsetzen: wir sind wieder reich beschenkt. Bei uns war's der Weihnachtsmann. Und er hat uns immer reich bedacht. Nie vergessen.

Zu Advent gab's jeden Sonntag
eine Apfelsine.
Die wurde dann zelebriert.
Schon das schälen war spannend. Was man alles so mit Schalenstücken machen kann.
Und dann die Schnitze! Sorgfältig ausgebreitet... und dann ging's los. Um jedes Schnitz ein großes Spiel. Oder Rätsel. Oder eine langwierige Aufgabe. Und dann hatte einer eben ein Schnitz ergattert. Das ging ewig.
Bis zu guter Letzt die Apfelsine verputzt war.
Das war unser Adventsnqchmittag. Danach ging's dann immer erstmal raus.
Die roten Backen abkühlen. Toben.
Wir hatten zwar nur eine winzige Hütte zum Wohnen. Aber das größte Kinderzimmer der Welt.

Später dann, als es uns besser ging und ich zum Advent ein ganzes Netz Apfelsinen auf den Tisch legen konnte, war ich so froh und stolz.
Die Kinder aber erinnern sich nicht daran.
Sie erinnern sich an die einzelne Apfelsine. Jeden Adventssonntag diese eine Apfelsine.
Mütter und Kinder erleben dieselben Ereignisse. Aber erinnern ganz unterschiedlich. Oft.
Mir war das Herz so schwer dabei. Dass sie so arm aufwachsen müssen,
Und für sie war genau dasselbe eine warme Kindheitserinnerung an duftende Apfelsinen, ein ganz seltener süßer Geschmack von Advent... und ganz viel Geborgenheit und Aufregung und Freude.
Ich konnte es erst gar nicht so recht glauben. Als sie mal davon erzählten.
Ich dachte, sie wollten mich trösten. Weil ich mir ja immerhin Mühe gegeben hab. Aber das war es gar nicht. Es war wirklich
schön für sie.

Ok jetzt - Weihnachten... und ein Hauptgeschenk war ein totaler Reinfall. Ich erinner noch, es war eine Winterjacke. Aber für wen und warum sie so ein Reinfall war, das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, der Reißverschluss war kaputt.
 Das ging jetzt nicht - einfach nur sagen: Pech. Wir brauchten diese Winterjacke. Und es gab kein Geld für eine andre. Also ich all meinen Mut zusammengekratzt - sie muss umgetauscht werden.
Ich hab bis dahin glaub ich noch nie was umgetauscht. Ich wusste gar nicht, wie das geht. Ob das geht. Was wenn sie sagen, ja die haben Sie jetzt kaputtgemacht - was können wir dafür?! Wie kann ich beweisen, dass sie schon kaputt war?! Grauen über Grauen... aber nützt ja nix. Wir brauchen diese Winterjacke! Auch: um in einer bekümmerten Kinderseele doch noch ein glückliches Lächeln  sich ausbreiten lassen: kuck! Jetzt bin ich doch
schön beschenkt.
Wir also sobald es ging in das Kaufhaus, aus dem die Jacke kam. Den Kindern das zu erklären war überhaupt nicht schwer, Gottseidank. Klar, dass die Sachen ja irgendwoher kommen müssen. Und genau da, wo sie herkommen, darf man sie dann auch umtauschen. Wenn mal was nicht stimmt.
Das war jetzt schon mal leichter als gedacht.
Aber natürlich hatte ich nicht gut schlafen können die zwei Tage bis dahin. Hin und hergedacht, was alles auf mich wohl zukommen wird. Und was ich dann jeweils tun kann. Oder muss. Oder eben auch nicht.... Angsthasen-Leben halt.

Ja. Wir also in's Kaufhaus, gefragt, oben ist umtauschen. Wir also hin - elendslange Schlange...
Ohjeh... war dann aber auch nicht so schlecht, jetzt musste ich erstmal mir einen Kopp machen, wie ich die Kinder jetzt irgendwie beschäftige... bei Laune halte. Wir können nicht einfach umdrehen! Wie müssen da durch jetzt. Zumindest kann ich so jetzt keine Panik schieben, was alles schiefgehen könnte. Die Schlange ist ja nu schon Schiefgegangenes genug. Erstmal.
Keine Ahnung, was genau wir in der Stunde alles gemacht haben... Ich erinner mich nur, dass sie da waren - und dann auch wieder ne Weile nicht. Wahrscheinlich hab ich sie irgendwann losgeschickt irgendetwas zu suchen. Eine gelbe Teekanne - aber nix anfassen!!!! Jaja... weg waren sie. Kommen irgendwann zurück - haben wir gefunden! Oder gibts nicht! Und jetzt? Also gut, ein ganz kleines Sieb. Aber nix anfassen!!! Jaha!...
Es war auf der Haushaltswarenabteilungsetage.
Irgendwie so.
In den Zwischenzeiten konnte ich durchschnaufen. Und mir endlose Sorgen machen. Was alles schiefgehen könnte.
Es durfte nicht schiefgehen!!

Und wie ich da so steh, in dieser elendslangen Schlange, die kaum kürzer wird, und ich mich so umschau, wer da noch so alles in der Schlange steht.... und was sie wohl umtauschen... bei manchen sah man es, bei andren nicht..., da kommt mir so ein Gedanke... und der lässt mich nicht mehr los. Und sinkt ganz tief in mich hinein. Oder ich in den Gedanken.

Dass wir Menschen eigentlich immer wieder so anstehen, an einer Theke, hinter der halt so was wie Engel stehen... und vorzeigen, was wir so haben, mit dem wir nicht einverstanden sind. Mit unserem Leben. Und wollen das umgetauscht haben.
Das ist doch kaputt. Ich will genau so eines wieder - aber das dann nicht so kaputt!!
Oder: ich will ein neues! Eines, dass diesmal nicht kaputt ist!!
Oder: ich will es gar nicht umgetauscht - ich will es überhaupt nicht mehr. Ich will mein Geld zurück, damit ich mir damit etwas ganz andres jetzt aufbauen.

Und die Engel (oder wer auch immer) hören sich das Beklagen ganz mitfühlend an. Und schauen auch betrübt quf das, was aussieht wie kaputt. Und müssen dann genauso mitfühlend, wie sie zuhören, auch immer wieder sagen: Ich versteh dich... aber dein Leben kann ich dir nicht umtauschen.

Und dann geht das Gefeilsche los, also gut nicht alles umtauschen aber wenigstens einen neuen Reißverschluss einnähen! Das ist doch nicht viel!! Bitte!!! Ich kann doch so nicht leben!!
Oder das Gezeter. Oder das Drama. Oder die Verzweiflung! Oder der Kummer. Der die Worte geschluckt hat, und jetzt hat man keine mehr. Und schiebt nur wortlos
sein Leben auf den Umtauschtresen. Und fühlt nur noch. Es geht nicht... Bitte!

Und jedesmal müssen die Engel wieder sagen: es tut uns so leid - aber wir können dir dein Leben nicht umtauschen.
Und die Schlange hört nie auf.
Je mehr ich mich in diesem Bild bewege, und je mehr ich mir dazu denke, merk ich, dass meine Aufmerksamkeit weggleitet. Von all den verzweifelten oder nörgelnden oder ratlosen oder trostlosen oder tödlich erschöpften Menschen weg - und ich werde immer sicherer, dass jeder!! jeder einzelne von uns schon mal in dieser Schlange stand. Egal weshalb. Egal was er umtauschen wollte. Ich bin mir sicher: jeder stand schon mal hier.
Der Busfahrer und die Lehrer unsrer Kinder, die Aldi-Verkäuferin und der Bürgermeister, der DHL- Fahrer und der Pastor, die Richterin und die Frauen vom Strickkreis.... alle, so denke ich - und bin mir sicher darin - alle standen oder stehen schon mal
in dieser Schlange.

Hin zu den Engeln.
Und mir wird bewusst, dass sie immer! immer!! mitfühlend bleiben. IMMER!
Nicht einmal genervt. Nicht einmal mit einem Augenrollen. Nicht einmal erschöpft.
Sie bleiben immer: mitfühlend.

Vielleicht ist das ihr Job? Das hier zu lernen?
Vielleicht gehört diese Station zu der Grundschule der Engel.
Lerne das gründlich, dann darfst du in die höhere Schule?
Vielleicht wurden sie strafversetzt? Weil es ihnen an Mitgefühl gemangelt hat? Und jetzt müssen sie das lernen.
Und erst, wenn sie es gelernt haben, dürfen sie wo anders hin?
Und genau deshalb
wollen sie das auch jetzt wirklich lernen. Und geben alles. Und bemühen sich so.

Bis sie
die Engelsgeduld gelernt haben.
Dann sind sie richtige Engel.
Und dürfen anderes tun.
Mit Engelsgeduld.

Diese Engelsgeduld... ist sie nicht mit so viel schwerem Herzen verbunden?
Kann man denn an dieser Theke stehen und jedem zuhören und jeden verstehen
und doch jedem nur sagen können, ganz liebevoll: wir können dein Leben nicht umtauschen... kann man das denn, ohne dass das Herz schwer wird? Irgendwann.
Ist die Engelsgeduld nicht genau daraus vielleicht gespeist?
Aus einem tief mitfühlendem und davon schwer gewordenem Herzen?

Ich weiß das alles nicht mehr so genau. Was ich damals gedacht hab. Und was in all den Jahren danach, wenn ich wieder einmal an die Engelsgeduld erinnert wurde.
Ich weiß nur, warum sie Engelsgeduld heißt. Diese besondere Geduld.
Seitdem.


Und ja, wir haben die Winterjacke umgetauscht bekommen.
Ganz mühelos.
Und ohne Probleme.
Und die Kinder haben auch nix zerdeppert, auf ihren Streifzügen durch die große weite Welt der Waren.
Wir kamen aus einem Dorf. Lebten auf einem Bauernhof. Mit vielen Kindern.
So ein Warenhaus, das war jetzt etwas ganz besonderes. Fast: aus einer andren Welt.

Ich weiß das nicht mehr, aber ich denke, die Rückfahrt wird still gewesen sein.
Wir hatten alle so viel erlebt.
Und wieder im Auto zu sitzen, ist ja fast schon wie wieder zuhause zu sein.

Ich habe diesen Tag nie mehr vergessen. Und werd das auch nicht mehr.
Nicht wegen des Warenhauses. Auch nicht wegen der geretteten Winterjacke. Obwohl das schon tief war! Die Erleichterung darüber.
Auch nicht wegen der nachträglich geretteten Weihnachtsfreude.
Wegen der Engelsgeduld.

Und uns Menschen, wie wir da alle Schlange stehen. Mit unsrem Leben.
Immer wieder mal. Immer wieder neu.
Und etwas umtauschen wollen.
Was kaputt ist.
Oder uns nicht gefällt.
Oder ganz ein neues wollen. Ganz anders. Heile halt.

Oder auch für unsre Kinder: wir wollen genau das! Wir lieben es! Aber dies und das, schau doch mal, das ist doch kaputt. Wir wollen das umtauschen jetzt. Genau das selbe Kind bekommen dann. Nur heile. Bitte!!
Es leidet doch!
Und wir mit ihm!
Bitte!!

Und dann wieder
diese Engelsgeduld

voll Liebe
voll trauriger Liebe?
voll warmer, mitfühlender Liebe
Engelsgeduld
 



nachtwind

Engelsgeduld...
Als mir das an diesem Tag im Warenhaus so unverhofft aufblitzte - dass wir so verzweifelt umzutauschen versuchen, was doch unser ganz eigenes Leben ist -
und was ich noch nicht mal ansatzweise verstanden hatte...vielleicht eher: bereit war, das in Erwägung zu ziehen, eventuell .... -
jetzt in der Rückschau sehe ich, wie wichtig das für mich war. Nicht nur, weil ich es noch so genau weiß  - auch und vor allem: weil das so was wie eine Grundlage war. Wurde. Für vieles weitere.
Wenn ich mein Leben als meinen Garten verstehe, den ich zu pflegen und bearbeiten habe, und der mich im Gegenzug ernährt - im besten Falle mich und andere - dann war das vielleicht der Moment, wo ich ansatzweise ahnen konnte, wie wichtig doch der Kompost ist!! Wie elementar wichtig.
Und dass ich seitdem immer wieder versucht habe, auch ihn im Blick zu halten, auf der Suche, was hilft.
Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher - ich versuch das jetzt mal so einzuordnen. Mir kommt der Gedanke mit dem Garten erst gerade jetzt.
Vielleicht werd ich das noch mal anders verstehen. Und anders einordnen.
Aber jetzt lass ich das als Arbeitshypothese mal so stehen. Noch
fühlt es sich richtig an.

Worauf ich hinauswill - ich glaube, dass es dieses Bild von unsrer menschlichen Umtauschtragödie war, aus der heraus - viele, viele Jahre später, als die Kinder schon aus dem Haus waren - dieses für mich so heilsame Kraut gewachsen ist:
Jedes Leben hat seinen Preis.
Punkt.

Aber das konnte ich ja nun wirklich noch nicht wissen. Damals.
Nur, dass es besonders war, dessen war ich mir sicher. Warum und wofür auch immer... es war bedeutsam.
Engelsgeduld.


So denk ich vor mich hin, während ich meinen Kram zusammensammle und mir meinen Mantel anzieh - Engelsgeduld haben diese zwei Freundlichen.

Vielleicht nur heute grad mal. Aber immerhin: Heute!
Es ist mit ein echtes Bedürfnis. Ihnen dafür zu danken. Ja gut, aber wie?
Ich bin darauf nicht vorbereitet. Und endlos Zeit, dass mir was einfällt, jetzt auch nicht. Den Mantel hab ich ja schon an.
Auf keinen Fall mit so Gedanken wie Engelsgeduld, nachtwind!! Das ist jetzt deine! Geschichte - ihre ist vermutlich völlig anders. Denk dran, wo du hier bist!!

Im Krankenhaus bedankt man sich mit etwas Süssem... einer Karte dazu.
Und was für die Kaffeekasse. Aber das jetzt wär mir zu unpersönlich. Geld. Passt doch auch gar nicht. Ich war grad mal 5 Stunden hier. Also alles was recht ist!
Ich bin schon auf dem Weg zu ihnen, da fällt mir ein, dass es einen Kiosk gibt in der Frauenklinik. Also...
sag ich: ,,wenn Sie mir sagen, was Ihre Lieblingssüssigkeit ist, dann lauf ich geschwind zum Kiosk und hol sie für Sie" - und finde das ziemlich pfiffig.
Säe aber leider nur völlige Ratlosigkeit. Eine der beiden steht sogar auf und geht in das kleine Zimmer hinter ihnen. Die andre schaut mich völlig irritiert an. Überlegt sie grad, was jetzt wieder ich nun für ein Problem wohl habe? Und: wie sie das jetzt am besten lösen kann?
Mir wird sofort klar: das war jetzt nix! Hab's für ne kleine geniale Lösung gehalten - dabei war's schlicht ein Versemmeln. Mist!
Jetzt reparier es halt. Sofort!
Und so erklär ich, ein bisschen besorgt, dass ich bemerkt hab, mit welcher Geduld sie sich hier um jeden gekümmert haben, der das brauchte. In der kurzen Zeit, in der ich hier war. Und dass diese Freundlichkeit mir gut getan hat. Und ich mich jetzt einfach nur dafür bedanken will. Bei ihnen. Sonst nix.
Und dass mir halt deshalb der Kiosk eingefallen ist.
Jetzt
versteht sie. Auch ihre Kollegin kehrt wieder zurück. Sie lachen erleichtert - kein neues Problem.
Und der Kiosk ist jetzt eh schon zu!!
Da müssen wir alle drei lachen. Und ich gebe zu, dass das wohl eine dämliche Idee war. Mit dem Kiosk.
Damit ist das Eis endgültig gebrochen. Und jetzt freuen sie sich sogar auch. Richtig. Über das, was ich gesagt hab. Über sie.
Und ich bin erleichtert- und winke. Nur schnell weg. Eh ich es wieder versemmel!
Alles gut.
Nix wie raus jetzt!

Draußen ist es noch hell. Ich geh ganz in Gedanken zu meiner befreundeten Linie 4. Ich glaube, ich falle gar nicht mehr auf. Bewege mich ganz grossstadtmässig. Komm mir zumindest so vor.
Mir kommt natürlich zugute, dass ich Jahre in Köln verbracht habe, und in einigen andren Großen Städten mit Straßenbahnen auch. Also keine Jahre jetzt. Aber immerhin auch.
Auf diese Vertrautheit kann ich mich jetzt natürlich relativ schnell wieder verlassen.
Und das ist es auch: es ist mir eigentümlich vertraut.
Der Mensch ist anpassungsfähig. Auch mit 71 noch.
Vor allem, wenn man sich vorher in der Welt schon ein bisschen umgeguckt hat. Und einiges kennengelernt hat.
In jungen Jahren.
;-)

Ich muss immer wieder an die Frau aus dem Pfarrbüro denken... es tut mir einfach leid. Ich kann mich reindenken in ihre Situation.
Aber es ist auch dieses allgemeine... jeder ist so bedürftig. Das hat mich schon auf Arbeit öfters mal einfach nur noch müde gemacht.
Der Patient ist bedürftig - natürlich!! Aber dann kommt auch noch der Angehörigen, und natürlich! Sind auch sie bedürftig. Nicht alle, aber immer wieder welche.
Und die Mitarbeiter aus der Pflege - auch immer wieder mal. Auch: natürlich!Meistens.
Kommen noch die Ärzte... sie noch am wenigsten, aber auch sie wollen manchmal gesehen und verstanden werden.
Und so treffen, wenn du mal richtig Pech hast, 4 aufeinander... und jeder ist so bedürftig. Und prallt doch an der Bedürftigkeit der andren
einfach ab.
All diese Sätze, die freundlich beginnen - und dann beim ,,Komma ABER" die völlig andre Richtung nehmen.
Der sie sagt, glaubt, er sei doch so empathisch gewesen.
Stimmt ja auch. Bis zu dem Komma.
Das Komma aber macht dann aber alles kaputt. Löscht alles Zugewandte lässig wieder aus. Nie dagewesen! Nix Empathie mehr im ganzen Satz.
Nur billiges Gutmenschentum - und ganz viel ich!
Nur so getan als ob... und dahinter nur das eine: Ego! Das eigene.

Das kann so müde machen.
Und so hoffnungslos.
Wie soll das jemals gehen? Zwischen den Menschen. Wenn's schon bei uns im Paradies der materiellen Welt nicht klappt.
Dabei kostet es so wenig... nur ein bisschen Pause. Zwischen dem : ich seh dich
Oder auch: ich versteh dich... nur ein bisschen Pause! Ein bisschen da dabei bleiben. Bis die Tasche im Herzen sich füllt davon. Bei beiden. Und dann hat man Raum für seins.
Aber nicht mit Komma aber!! Das tut nur weh. Das fängt gut an und haut dich doch nur wieder in den Dreck: Ich! - bin hier wichtig! Du!- bist hier nix wert!
Komma aber... ein Scheiß ist das!

Da prallen zwei oder drei oder auch mal vier aufeinander - und alles sind doch keine schlechten Menschen. (Die gibt's auch, aber um die geht es hier jetzt nicht.)
Jeder will gesehen werden. Und wenn er gesehen wird, ehrlich gesehen wird, dann ist er ja auch bereit und durchaus fähig auch, den anderen zu sehen.
Aber jeder braucht sein gesehen-werden als erstes. Damit er dann....

Das ist das Dilemma. Das führt dazu, dass Frau Pfarrbüro sich umwenden und mit Tränen in der Stimme sagen muss: ,, das bringt doch nix."
Und wieder ist eine Verletzung mehr in der Welt.
In der es nur so wimmelt. Voller Verletzungen. Überall. In jedem. Bei uns. Und überall. Und jede neue Verletzung in der Welt
macht doch das ich-aber-zuerst!, das Komma-ich-aber-zuerst!
nur stärker. Und lauter. Und bestimmender.
Und kostet doch so wenig! Nur ein kleines bisschen Zeit... für den andren... in seiner Not... dass er verstanden wird, wirklich gesehen.
Es kostet doch nur so wenig... und wir kriegen es nicht hin.

Wenn sich ein Israeli und ein Palästinenser gegenüberstehen -  dann! kostet
das ganz furchtbar viel. Wenn der eine seine gestorbene Frau im Herzen trägt, und der andre seinen gestorbenen Sohn... dann kostet das so viel Kraft! So viel...
Und trotzdem führt kein Weg daran vorbei. Kein einziger.
Damit wieder Frieden möglich wird. Nur möglich...

und wahrscheinlich erst für die Enkelkinder.
Es führt kein Weg daran vorbei.
Aber hey! - mach das mal!

Und wir kriegen es nicht hin... und haben uns nicht gegenseitig die Familien abgeschlachtet.
Haben keine Ehe mit tausenden Verletzungen in uns, kein zwanzigjähriges Schüler-Lehrer-Verhältnis, keine mit so vielen kleinen Demütigungen gefülltes Mitarbeiter-Chef-Verhältnis....
wir kennen uns doch gar nicht!!! Haben uns nie gesehen! Haben uns nie was getan! Werden uns auch nie wiedersehen!
Warum kriegen wir selbst in einer solchen Situation
es einfach nicht hin?!

Ich wünsch mir so, dass die Frau Pfarrbüro irgendetwas findet, erlebt, dass ihr irgendeine Feder in den Weg geweht wird, damit es ihr ein bisschen etwas Sanftes berühren kann in ihr. Damit sie wieder in's Leben rutschen kann. Und nicht feststecken bleibt.
Das wird schon. War ja jetzt nicht ganz dramatisch. Bis sie zu Haus ist, ist es schon wieder gut.
Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Und wünsch es ihr hinterher. Auf ihrem Nachhauseweg hinterher.
Vorsichtshalber.
Schadet ja nicht.

Das schönste am Strassembahnfahren ist, wenn du nicht aufpassen musst, wo du aussteigen willst.
Ich hab das große Glück, dass ich bei der Hinfahrt aufpassen muss. Da bin ich erstens noch ganz wach. Und zweitens lenkt es ab. Vom Sorgen machen.
Also eher: kleine Sorgen lenken von den größeren ab. ;-)
Und auf dem Rückweg dann, wenn so viel in mir sich bewegt und arbeitet, da kann ich mit einem letzten kleinen erleichterten Seufzer mir meinen Platz suchen. Und dann darf ich nur noch sein...
bis zur Endhaltestelle.
Ich liebe Endhaltestellen! Eindeutig ein zusätzlicher Segen!




nachtwind

Wieder in meinem kleinen Fahrzuhause registriere ich, dass ich jetzt noch eineinhalb Stunden Zeit hab. Bis zu meinem Termin beim Internisten. Für mich: mein Kardiologe.
Hatte ich vor Monaten gemacht, den Termin. Weil ich so schlecht Luft bekomme. Mein Sohn sagt: ,,jetzt untersuch halt mal dein Herz! - das kann halt auch daran liegen!"
Wenn er so ausrufezeichen-mäßig redet, weiß ich: das muss ich jetzt auch tun!
Wer will schon, dass der Sohn sauer ist auf einen... ich mal nicht.

Damals war ich noch gesund. Oder besser: da wusste ich noch nicht, dass ich krank bin. Jetzt wollte ich den Termin wieder absagen. Viel zu viele Termine grad. Kann ich keinen unnötigen noch dazu gebrauchen.
Andererseits bin ich ja grad sowas wie im flow.... ein Termin jagt den anderen (wenigstens für jemanden wie mich... ich scheue vor einem Termin wie ein misshandeltes Pferd vor einem Hindernis. Und je mehr Gewalt ich auf mich ausübe, um mich dazu zu bringen, desto mehr bocke ich. Gewalt ist da keine Lösung.)
Aber jetzt bin ich in einer Art flow ... noch ein Termin? Kein Problem. Ein Zwischenschritt - und ich nehm auch das Hindernis geschmeidig. Ich bin ja schon in Bewegung. Da geht das - fast mühelos.
Also hab ich ihn nicht abgesagt. Ich war ja auch schon 15 Jahre nicht mehr bei ihm. Damals war er mein Darmspiegel-Arzt.
Das Gute daran war - erstens: war nix.
Und zweitens, und das viel schöner noch: das mach ich nie wieder!
Wieder eine Untersuchung weniger, zu ich mich vielleicht doch noch mal überreden lasse. Die Sicherheit hab ich jetzt! Einmal - und nie wieder. ;-)

Vorher war ich noch bereit, ein bisschen übermütig zu sein.
Gefahr, dass dabei der Darm verletzt wird, besteht. Oh - wieviel Prozent??
O,2 bis o,4. (oder irgendsowas in dem Dreh.) Ich überlege kurz: Haben Sie denn schon tausend gemacht? Er lacht.  Deutlich mehr. Ich überlege wieder kurz und treffe dann meine Entscheidung: ,,gut, dann nehme ich jetzt mal die Nummer 251 in einer neuen Tausender- Reihe - und damit passiert mir ja nix. Machen wir."
Ich erinner mich noch, dass er mich sehr nachdenklich angeschaut hat.
Aber er war nett zu mir, also kein weiteres Problem.
Also am Abend vorher abführen, hier das Rezept dafür, und am Morgen dann diese Tablette einnehmen. Dann dürfen Sie aber nicht mehr fahren.
Hmmm - kann ich diese Tablette auch weglassen? Oder ist es dann zu schmerzhaft oder so was?
 Nein, zu schmerzhaft ist es nicht. Aber es ist besser, Sie nehmen sie!
Sehr nachdrücklich, das letztere.
Ok!

Hab ich dann natürlich nicht.
Ich hab viel zu viel Respekt vor der Wirkung von solchen Medikamenten. Und viel zu viel Angst vor all den Nebenwirkungen.
Ich bin ziemlich tablettenfrei durch's Leben gekommen. Das ist jetzt mal ein Vorteil eines Angsthasen-Lebens.
Denn ich glaube, dass es daran liegt, dass ich deshalb so stark auf Schmerzmedis reagiere. Vielleicht gibt es noch 4 oder 63 andere Gründe dafür.  Aber ich mag den Gedanken, dass es daran liegt, dass ich kaum was genommen hab in meinem Leben. Es fühlt sich einfach gut an. So.
 
Und zweitens, vermutlich genauso gewichtet: so kann ich ja doch selber Auto fahren. Er ist schließlich 5 Dörfer  weiter entfernt.
Und ich kann sooo schlecht jemanden um Hilfe bitten.
Da nehm ich lieber keine Tablette und steh das nüchtern durch.

Gut, also der Arzt war jetzt sehr skeptisch, als ich ihm das erklärt hab. Aber was will er machen... er also schlecht gelaunt angefangen... aber wurde immer entspannter. Ich hab keinen Mucker getan. Das hat geholfen.
Ergebnis: er war zufrieden. Ergebnis gut. Und hat mich sogar gelobt für's Aushalten.
Und ich war auch zufrieden. Ergebnis gut. Und die Gewissheit - das mach ich nie wieder.
Das hab ich jetzt eindeutig hinter mir!
Auch das fühlt sich prima an. :-)

Wir hatten mal eine alte Wohnung mit ganz schlechtem Abflusssystem. Da hatte ich mir dann nach vielen vergeblichen Versuchen eine Spirale zugelegt.
Die führt man in's Rohr ein - und dann ist sie so gedreht, dass sie in regelmäßigen Abständen einmal feste um sich schlägt. Gegen das Rohr. Richtig feste. Dadurch löst sich wirksam jede Verstopfung. Rein mechanisch.

Was soll ich sagen... genauso funktioniert die Darmspiegelungsspirale. Sie muss zwar nix losschlagen - aber so bewegt sie sich eben vorwärts. Ab und an schlägt sie wild um sich. Gegen den Darm.
Ehrlich? Gruselig!

Und außerdem hat er nur einen Minibruchteil meines Darmes angekuckt. Rein, um die Ecke hoch, wieder um die Ecke - und dann in der Mitte des Bauches oben war dann schon wieder Schluss. Grad mal die Hälfte des Dickdarms - also ehrlich? Schön, dass da jetzt nix ist.  ???
Gefühlt 49 Fünzigstel meines Darmes blieben unbesehen.
Und das soll sich jetzt lohnen???

Jetzt ist er mein Kardiologe. Keine Schlangen, die er in mich einführt. Und die dann wild um sich schlagen. Ich bin ganz entspannt diesmal.

Vorher aber, entscheide ich mich spontan, ohne mich das genauer zu fragen, einen Zwischenstopp zu machen. Im Garten meines Sohnes. Liegt ganz nah an der Endhaltestelle. Noch vor der Schnellstraße. Hab ja noch eineinhalb Stunden bis zum Termin. 20 Minuten bis zum Arzt... lieber kurz in den Garten, als dort zu sitzen. Hab lang genug gesessen. Heut.
Es ist ein warmer Oktober. Gibt noch einiges zu ernten. Und ein bisschen buddeln kann man ja fast immer. Für's Frühjahr schon mal vorbereiten. Damit der Boden bis dahin ganz seine Ruhe haben kann. Menschenfrei. Das muss sehr schön sein. Für den Boden. Und alle, die da nun wohnen.
Menschenfreie Zeit!

Es tut mir so gut! Fast so, als ob ich Stärkung schlucke. Mit jeder Minute mehr.
Kraft einatme. Schönheit in mich hineinströmen lasse. Durch's reine Sehen. Friedliche Freude in meinen Gedanken sich ausbreitet. Durch's reine Tun. Ohne viel zu denken.
Von Minute zu Minute ist die Uniklinik Kilometer um Kilometer weiter entfernt von meinem Leben.
Und tiefe, stille Freude an der Fruchtbarkeit des Lebens dehnt sich Kubikzentimeter um Kubikzentimeter in mir sich aus. Bis sie mich ganz und gar ausfüllt.
Ich bin ein anderer Mensch.

Selten so deutlich gespürt wie damals dort.
Ich wusste schon immer, dass mir das gut tut. Und ich hab es auch immer traurig vermisst. Seit ich keinen Garten mehr hab.
Aber in dieser Deutlichkeit jetzt noch nie. Bewusst.
Ist schon Magie.
Irgendwie.

Ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung. Auch, als ich zehn Minuten zu spät in der Praxis ankomme. ,,Sie sind zu spät!"
,,Ja - es tut mir wirklich leid. Ehrlich."
,,hmmmm - wollen Sie einen neuen Termin?"
... ,,..." ...
,,Oder wollen Sie heut noch dran kommen? Dann müssen Sie aber aber warten!!!"
,,Ja - gerne!!! Warten macht mir nix!!"
Wenn sie wüsste, wie lang ich schon heut warten musste!
Ich schmunzel in mich hinein. Heute ist mein Wartetag. Auch gut. Ich muss ja nicht draußen warten. Im Stehen. Da würd ich nicht schmunzeln. Da würd ich stöhnen. So aber
ist es ja jetzt fast schon gemütlich. So sorgenfrei, wie ich mich grade fühle.

Ich sollte mich vielleicht doch noch mal nach einem Garten umsehen. Ganz nah bei mir.
Garten hat dieselbe Wirkung wie eins dieser seltenen tiefen Gespräche, in denen du dich sicher fühlst. Da hat dich jetzt einer wirklich verstanden. Gesehen. Erkannt.
Garten ist so. Nur ganz ohne Worte.
Und lässt dich dabei dadurch
ganz und gar frei.






nachtwind

Aus gegebenen Anlass, um das Zählen nicht zu überfluten...

Och Mensch, nubis - da bist du malad bis über beide Ohren...  hast nur selten 5 Minuten, in denen du mal gradaus gucken kannst, ohne dass dich der Schwindel wieder in die Knie zwingt (von denen ja mindest eines eigentlich eh schon seinen Dienst quittiert hat und dir den Schlaf raubt, sowieso) - und was machst du? Benutzt die seltenen und kostbaren 5 Minuten am Tag  und machst einfach mal
jemanden froh und glücklich.
Kann man ja ma so eben machen!

Irgendwie sind wir schon so'n kleiner spezieller tougher Haufen, wir hier.
Haben manchmal keine Chance mehr. Gefühlt. Und in echt.
Und was machen wir damit?
Wir nutzen sie!

Einfach so.
Du hast keine Chance? Also nutze sie!
Kann man ja mal so machen.
Wo ist das Problem?

Manchmal und oft kann man verzweifeln an der Menschheit... am Leben...
an der fehlenden Möglichkeit, ein anständiges Leben hinzukriegen...
an was auch immer einem so tief weh tut, dass man es nicht mehr ertragen will - und kann....
aber dann taucht so ein  kleiner tougher Haufen Menschen auf, jeder gefangen in seinem speziellen Chaos ...und doch manchmal mit einem Mal wild entschlossen, die Chance zu nutzen, die man doch gar nicht hat.

Und kawumm und kawamm, bekommt die bekannte Welt ein paar Risse.
Licht fällt ein. In unsre doch bekannte Welt. Und plötzlich
scheint doch nicht alles
so verloren.
Zumindest nicht sogar und gar.

Ja klar! Alles bleibt. Ales steht. Genau wie vorher schon.
Und meistens ja auch: uns im Weg.
Aber alles - ALLES - alles
ist eben doch nicht
so ganz und gar
verloren.
Punkt.
Und hey!! - immerhin!!


Ich denke, es gibt Millionen solcher kleinen speziellen Haufen Menschen. Allein hier in Deutschland. Klein... speziell... und immer wieder mal
überraschend miteinander verbunden... wie die Buchen vielleicht - unsichtbar über ihre Wurzeln... und vor allem:
fürsorglich


hey :-)


Und wie ich das Leben so kenne, steht hinter jedem dieser Haufen
sowas wie ein Engel.
Still und unerkannt ...
belügt uns nicht - tauscht uns unser Leben nicht um, so sehr wir auch drum rütteln an ihm. Auch nicht, um sich beliebt zu machen.
Schaut auf unsren tiefen Schmerz, bekümmert.... fühlt ihn mit ...
und hält das aus.
Für uns.
Warum? Damit wir nicht allein sind. Damit.
Und überhaupt.

Und ab und an
glaub ich
lächelt er ein kleines bisschen...
ist das der Moment, in dem es durch die Ritzen
ein bisschen heller wird? In unsrer bekannten Welt?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß noch nicht mal, ob es wirklich ,,sowas wie Engel" gibt ... und wenn - ob einer davon dann auch wirklich so bei uns ist.
Weiß auch nicht, ob Engel oder so was wie Engel Kerzen mögen.
Aber wer nicht wagt, gewinnt schon mal gar nix ... und so wage ich es denn einfach mal:
Auch wenn es verdächtig nach Rosamunde Pilcher riecht
und gleichzeitig einen Hauch von Revolutionärem mit sich trüge,
hier nicht nur Rosen, sondern auch mal Kerzen zu verteilen.
Und verteile aus gegeben Anlass jedem von uns, auch all den vielen Unsichtbaren, Stillen unter uns (Haufen Menschen ist Haufen Menschen - da gehören eben alle mit dazu, jeder auf seine Art und Weise) eine persönliche Rose
und eine Kerze für uns alle hier
und eine für den Engel oder dem sowas wie...
auch wenn es ihn nicht gibt - die zweite Kerze
gibt es jetzt!
Immerhin!

Und zünd sie heute auch mal an.
Sie gehn von selber wieder aus. Wenn keiner mehr hier ist.
Damit sie nix abfackeln hier.
Aber sie sind ziemlich dick und groß.
Sie reichen für ne ganze Weile.
Fühlt sich zumindest so an.
Morgen kann ich nicht, da schlaf ich aus...

Der vielen Worte schlichter Sinn:
ich mag uns alle hier
ziemlich gern.
hey :-)




nachtwind

Das hab ich vor drei Tagen geschrieben... heute schick ich es ab.

Und wieder ist ein 21.12. -ab  jetzt hat das Jahr nur noch Heilige Nächte (und Tage)... wir haben es wieder mal geschafft.
Ab jetzt ist Ruhe angesagt.
Es gibt einen Indianerstamm, da versuchen sie alles, was sie brauchen für diese Zeit, vorher zu erledigen. Und was trotzdem getan werden muss, da wickeln sie sich zusätzlich Felle um die Füße. Um Mutter Erde nicht zu stören.
Mutter Erde schläft.
Kann man ja mal ein bisschen leise sein.
Wenn die Mutter schläft. Einmal im Jahr.

Achtsamkeit.
Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde. Glaube ich.
Heute ist der dunkelste Tag des Jahres.
Das Auge der Dunkelheit.
Kürzer als heute
wird kein Tag mehr sein.
Und länger als heut
wird keine Nacht mehr sein.
Bis zum nächsten Jahr.  Zu genau dieser Zeit.

Wahrscheinlich haben sie eine Woche vor heute
ihre Heilige Zeit begonnen. Und heute
war die Heiligste der Heiligen Nächte.
Das große Luftanhalten.
Das leiseste Flüstern.
Die dunkelste Dunkelheit.
Der tiefste Tiefschlaf.

Schlaf gut, Mutter Erde... Schlaf dich gesund!
Schlaf dir neue Kraft zu.
Neuen Mut. Und neue Freude.
Schlaf einfach gut, Mutter Erde... grad so, wie du es brauchst...
was immer du jetzt brauchst, ich wünsch es dir!
Was immer du jetzt willst von mir, ich will es tun.
Auch wenn ich dich so furchtbar schlecht verstehe immer.
Ich will es versuchen, zumindest das. Dich zu verstehen.
Falls du etwas sagen willst.
Auf deine ganz eigne Art.

Du bist doch alles, was wir haben.
Ohne dich
ist nichts. Für uns.
Nur diese unglaubliche Schwärze... und die Eiseskälte, die dort herrschen soll. Außerhalb von dir.
Die ich mir noch nicht mal vorstellen kann.
Für uns? Nichts....
ohne dich.
Mit dir - alles...

Hab Dank dafür, vieltausendmal
und nun schlaf gut, du Gute ....
Schlaf du noch ganz arg gut!
Schlaf dich gesund!
Hab Dank für alles, so viel tausendmal...
schlaf gut ...
wir sind noch ein kleines bisschen wach.


So was vor sich hin denken, so was wirklich tief zu fühlen...
alles kein Problem. Aber mir  Felle um die Reifen wickeln meines Autos - ehrlich?
So doll ist mir das nun scheinbar auch wieder nicht wichtig genug.
Sicher, ich könnte zu Fuß gehen.
5 km hin, 5 km zurück - schon möglich. Vielleicht sind es ja auch nur 4.

Es bleibt dabei - ich bin nicht konsequent.
Schwätzen kann ich, fühlen auch - aber tun, da werd ich nie gesehn.
Ich könnt ja wenigstens die Spaziergänge ihr ersparen, in den zwei Wochen jetzt.
Mach ich das?
Nein, das mach ich nicht.
Was nützt das ganze Achtsamsein, wenn da nix draus entsteht, als Tat?
Noch nicht mal eine winzig kleine Tat?
Es bleibt dabei - viele Worte... nix dahinter... alles nur Schaumschlägerei...
und jetzt sei still!!

Jetzt mach mal,langsam, nachtblind - blas dich mal nicht so auf!
Sollte es hier nicht um Mutter Erde gehn? Und um wen geht es jetzt?
Du bist nicht wichtig, nachtwind - check das mal!
....
Ja... ok...ach fuck!!!
...
Und jetzt? Jetzt checke ich grad mal, an was ich mich da langgehangelt hab...
es ist die dunkelste Zeit im Jahr.
Ist es da ein Wunder, dass da viele dunkle Gedanken zu Hause sind?

Ich weiß es doch!!
Als die Kinder noch kleiner waren, da hab ich es verstanden... Adventszeit, eine Kerze, Plätzchen, einkuscheln beim Vorlesen.... all das, das brauchen wir so arg.
In dieser dunklen Zeit. Wir brauchen diese Trösterchens!  Wir brauchen sie so doll!
Es ist so dunkel.
Auch in uns. Immer wieder.
Und die Kinder
sind dem noch schutzloser ausgeliefert.
Da braucht es diesen Trost. Jeden Tag. Am besten öfters. ;-)
Und wenn wir ganz ehrlich sind: wir Großen auch.

Es ist halt wirklich ziemlich dunkel
und wir alle brauchen Trost






nachtwind

Das hab ich vor vielen Jahren mal geschrieben. Hier.
Hab's dann mal rauskopiert. Weil ich es verschenken wollte.
Hat sich nicht ergeben. Naja. Ich hab mich nicht getraut.
War das einzige, was ich aus der damaligen Zeit noch hab. Kurze Zeit später ging mein Computer kaputt, ging einfach nicht mehr an.
Und alles ist verloren. Das Geschriebene ist jetzt nicht weiter schlimm - ich hätt es eh nicht mehr gelesen, bin ich mir ziemlich sicher.
Aber die Fotos, all die Fotos... von den Enkelkindern...
das ist schon hart.
Ich hab ihn immer noch, den Computer. Vielleicht lassen sich die Fotos doch noch retten...
Immerhin, diese Geschichte hab ich noch.
Und weil ich vor ein paar Tagen einen podcast  (,,wie kommt Jesus in den Koran" Oder so ähnlich... von Zeit Geschichte : wie war das nochmal?) gehört hab, der mich sehr an diese Geschichte erinnert hat, hab ich sie nochmal rausgekramt.
Und festgestellt, dass man ruhig auch mal einfach so drauf losschreiben kann, auch wenn man sich  nicht wirklich sicher ist...
man kann ja trotzdem in der Nähe ankommen.

Und deshalb schreib ich sie jetzt noch mal ab.
Ist ja nur ein Bild. Das man für sich weiterdenken kann. Wenn man denn will.
Ein bisschen ein andres Bild von Weih-Nächten als gewohnt. Aber deshalb jetzt nu nicht automatisch falsch. Dadurch.

Heut würd ich einiges anders schreiben. Nicht inhaltlich, das ist geblieben. Das seh ich immer noch so. Ich hab's trotzdem so gelassen. Mir ist nicht so nach formulieren grad.
Nur das Ende, das hab ich dann doch nicht mehr verstanden. Da hab ich ein bisschen was verändert. Damit auch ich
es noch versteh. ;-)


nachtwind

Ob die Geschichte sich nu so zugetragen hat oder nicht,
ist müßig zu diskutieren, finde ich .
Wenn über zwei Jahrtausende so unglaublich viele Menschen an die Existenz dieser Geschichte glauben ,
dann ist sie Wirklichkeit geworden .
Egal wie sie
ursprünglich so war .
Des Menschen Denk- und Vorstellungskraft
ist weit mächtiger,
als  wir es uns eingestehen wollen.
Und erschafft Wirklichkeiten.

Wirklichkeit ist das, was wirkt .
Sagt Goethe.
Ich stimme ihm dazu.

Nu, was erzählt uns denn diese Geschichte,
die spätestens, als die Menschen daran glaubten,
Wirklichkeit wurde.
Unsere Wirklichkeit.
Ob wir das nu wollen oder nicht.

Wer wurde da denn
wie
geboren?
Und : von wem?

Über das  wie ist ja einiges klar gemalt
in dem Bild, das über der Weihnacht schwebt, so wie wir es kennen,
in unserer Kultur.
In dem archetypischen Bild ,
dem archetypischen Bild der Weihnachtlichen Geburt.

Auch über das wo.
Ist kein guter Platz.
Für eine Geburt.
Ein Stall.
So ein Stall duftet nicht nach frischem Heu,
ist nicht aufgeräumt und liebevoll dekoriert
wie in den Krippen unterm Weihnachtsbaum.
Ein Stall ist vor allem eins: vollgeschissen! Tut mir leid!
So riecht er auch.
Kein Ort für eine Geburt.
Egal, wie die Bedingungen waren,
Ein Stall vor Jahrzehnte alte Mist an den Holmen,
ein Stall voll frische Mist, getränkt mit Urin, dessen Geruch einem den Atem nehmen kann -
das ist kein Ort, zudem der Instinkt einer Frau sie führt,
wenn sie gebären muss.
Die, die ihr geboren habt, fragt euch einmal:
hättet ihr euer Kind dort
inmitten all der Scheiße, all dem Gestank
zur Welt bringen wollen?
Oder hattet ihr nicht kurz vor der Geburt einen unerklärlichen Putz-
und Nestbaufimmel?
Wie alle Frauen,
seit sie gebären
auf dieser Erde.

Gibt nur eines, dass eine Mutter dorthin treibt, zur Geburt,
an diesen Ort, der unreiner nicht sein kann:
die Kälte.
Die Kälte
und die Gefahr.
Die Kälte
und die Schutzlosigkeit -
diese unsägliche Schutzlosigkeit...
in der sie liegen, Mutter und Kind,
in der Geburt...
und danach.
Im lauten Geruch von Blut liegen sie ,
der die Tiere anlockt wie eine unverhoffte Einladung
zu einem Mahl ohne Mühe.
Im lauten Geruch
ihres eigenen Blutes
liegen sie.
Und können nicht laufen.
Das Kind nicht.
Und die Mutter nicht.
Noch nicht .
Diese unfassbare Schutzlosigkeit
der Geburt.

Nein, der Stall
ist kein guter Ort für eine Geburt.
Und doch vermutlich von der jungen Mutter
mit einem Seufzer der Dankbarkeit angenommen....
endlich Ruhe... endlich ein Ort, an dem sie keiner mehr vertreibt...
endlich ein warmer, geschützter Ort,
an dem sie sich fallen lassen kann...
in das Tosen
der unendlich anrollenden Wellen des Schmerzes,
der keine Grenzen kennt.

Ja, ich denke, dankbar war sie, diese junge Mutter.
Endlich Ruhe...
endlich kein sich weiterquälen müssen...
endlich Ruh

Das der Ort der Ruhe vor Schmutz starrt, vielleicht hat sie es gar nicht mehr bemerkt...
ausgehöhlt von dem sich immer weiterschleppen müssen...
sie kann doch schon so lang nicht mehr! ...und muss doch
immer weiter...
immer weiter....
Vielleicht kann sie nimmer sehen.
Vielleicht will sie es auch nicht mehr.
Wer weiß schon so genau, wie es war.

Vielleicht hat sie es auch wahrgenommen,
und voll bitter erschöpfter Trauer
auch diesen Kelch noch hingenommen.
Demütig geworden in all den Demütigungen.
Ja, das ist der Platz, den sie verdient,
sie - und dieses Kind in ihr.
Ja, so ist es recht. Das hier ist der angemessene Platz
für sie
und ihr nicht erlaubtes Kind.

Sie war so jung, vergesst das nicht,
und sie war schwanger geworden in einer Welt,
in der die Ehebrecherin
gesteinigt wurde...
auch wenn ihr
Gewalt angetan war.
Gesteinigt
wurde sie.
Nicht von irgendwelchen bezahlten Unbekannten -
von ihren eignen Leuten.
Von ihrer eignen
Art.

Man muss kräftig und mit aller Entschlossenheit werfen, wenn man mit einem Stein
einen andren schwer verletzen will.
Auch wenn dieser
wehrlos
ist.

Sie ist schwanger geworden, und sie wusste den Mann nicht zu nennen...
ein Unbekannter war es.
Wo hat sie ihn getroffen?
Was ist dort geschehen, an dem Ort, an dem sie sich begegnet sind?
Hat er sie gezwungen? Gewalttätig unterworfen?
Oder war sie vielleicht wirklich verzaubert?
Verzaubert von der Süße
der ersten noch so unbekannten Berührungen?

Wir wissen nicht, wie es war.
Kann so gewesen sein, vielleicht auch noch
ganz anders.
Was wir wissen, ist: sie hatte Schande über ihre Familie gebracht.
Unauslöschliche Schande.
Sie lebte in Schande.
Sie
war!
die Schande.
Sie
und dieses Kind in ihr.

Wir erfahren nichts von ihrem Vater.
Hat er sie öffentlich verstoßen?
Das wäre ein Grund, warum man es verschwieg,
später, als diese Geschichte aufgeschrieben wurde.
Als sie es wussten:
dieses
war ein besonderes Kind.
Und mit ihm
seine Mutter.

Damals, als das Mädchen schwanger war,
da wusste es keiner.
Da war sie nur
eine Schande.
Sie.
Und ihr ungeborenes Kind.

Sicher, ein Engel erschien ihr, heißt es, und sagte ihr, dieses ihr Kind
sei ein ganz besonders.
Aber dann heißt es weiter, und das ist ein wunderbar tiefer Satz,
es heißt: und sie bewegte es in ihrem Herzen.

Wir alle, denke ich, wissen, wie es sich anfühlt, wenn man etwas
in seinem Herzen bewegt.
Man glaubt es nicht - man würde es so gerne glauben...
Man ist sich nicht sicher... und mehr noch,
man kann mit keinem Menschen darüber reden.
Noch nicht einmal
mit sich selbst.
Zu vernichtend wäre es.
Wenn man dem nachgibt...
Nein, besser schweigen
und den Satz ganz tief, ganz tief in sich
verbergen...
und nur ganz manchmal,
immer wieder
manchmal,
zögerlich und scheu
ihn in seinem Herzen bewegen,
diesen Satz,
hin
und
her
behutsam leise...
und schweigen.
Auch
vor sich selbst.

Wann kam der Engel, ihr das zu sagen?
Das Lächeln ist müd,
müd und klein ...
Kam er, als sie auf die Klippe geklettert war, die hoch genug war,
um ihre Scham von ihr abzuwaschen
mit ihrem eignen Blut?
Kam er, als sie in den See gewatet war,
,,neige, du Schmerzensreiche
dein Antlitz gnädig über meine Not..."
War das ihr einziges Gebet noch, an eine sich erbarmende weibliche Gottheit,
die anzubeten
ihr verboten war
auf ewige Strafe.
(So wie Goethe es seine Liebetragende sagen lässt,
die Gretchen heißt und den Schritt
zurück an's Ufer
nicht mehr schafft...)

Wissend, sich zu töten, und ihr ungeborenes Kind dazu,
verdammte sie eh schon auf immer in die Abgründe ihres grausam zornigen Gottes,
den zu fürchten man sie schon früh gelehrt hatte.
Da kam es nu auch nicht mehr drauf an, dass sie Zuflucht suchte
zu einer weiblichen Gottheit...
die die Summe aller weiblichen Qualen in sich vereinigte
und lächelte...
ihr trauriges, wissendes, warmes Lächeln.

nachtwind

Kam ihr da dieser
so fremde Gedanke in den Sinn?
Der so fremd war, dass er
nur von außen
gekommen sein konnte.
In dem Augenblick, in dem sie ihre vor lauter Scham und Schande
zerriebene Seele
in das wissende, um alles wissende Lächeln
dieser weiblichen Gottheit legte?
In dem sie, erschöpft vom Leben, von all dem Leben....tödlich erschöpft...
sich hingab, der Wärme dieser
alles kennenden Gottheit.
Kam es ihr in genau diesem Augenblick?

Erst wenn man etwas ganz und gar aufgibt,
kann etwas ganz Neues entstehen....
ein
neuer Gedanke.
So fremd, dass er nicht von ihr sein konnte
so fremd, dass nur etwas sehr Fremdes
ihr etwas so Fremdes
gesagt haben konnte.
Ein Engel?
Hätte sie sagen sollen, es war die Muttergottheit?
Später, als sie es erzählte?
Das,
was sie erzählen konnte.
Das,
was sie erzählen durfte.
Später, viel später....
als sie ihren Sohn schon längst
in sein Grab gelegt hatte,
in dem er nicht bleiben durfte
oder wollte...
Wer weiß das schon?

Sie bewegte diese fremden Worte in ihrem Herzen.

Und die wird sie immer wieder bewegt haben, denke ich,
wenn die Verzweiflung sie überwältigte,
und ich denke, das war oft.
Bewegte sie in ihrem Herzen, wohl wissend,
dass diese Worte eine Anmaßung waren,
die bitter bestraft werden wird!
Sie
in ihrer elenden Lage
war es nicht wert, auch nur einen guten Gedanken zu hegen!
Und dann gleich ein so großer....
Sie wusste um diese furchtbare Anmassung, da bin ich mir sicher.
Aber ganz im Stillen, wenn die Verzweiflung ihr Herz austrinken wollte,
und sie es doch nicht zulassen durfte, dass ihr Kind
in ihr
verdurstet,
dann hat sie diesen fremden Gedanken wieder in ihr ausgetrocknetes Herz gelegt
und dort bewegt... ganz behutsam.... vorsichtig...
was, wenn es stimmte?
Was, wenn es denn wirklich ein besondres Kind war?
Das sie seither getreulich trug
und leise wiegte, im fruchtbaren Wasser ihres Kummers
?
Und sie nicht Scham und Schande war, sondern
.... gesegnet....?
Ohja!! sie wusste, das waren verbotene Gedanken!
Für eine Schande wie sie.

Aber wir wissen es doch alle, oder?
Wie sich so kleine winzigkleine Gedanken der Hoffnung,
dass es vielleicht doch nicht so ganz trostlos sei mit unserem kleinen armseligen Leben,
in all ihrem Verbotensein
doch
leise, ganz leise
in uns melden
immer wieder...
Wir sprechen nicht über sie.
Wie könnten wir auch?
Aber
wir bewegen sie
in unserem Herzen.
Ganz still.
Ab und zu.

Oder?

Sicher, vielleicht war es auch alles ganz anders...
wer weiß das schon?
Aber vielleicht
war es auch so.
Vielleicht
ein ganz klein wenig
so


Nun, sie wurde nicht gesteinigt.
Das
wissen wir.
Da sie den Mann nicht nannte, war er ein Fremder,
und somit wohl auch nicht verheiratet.
Manchmal denke ich, hoffe ich so für sie,
dass es wenigstens
ein Fremder war.

Und so wurde zur Befriedung der öffentlichen Empörung
ein Mann gesucht, der sie zur Frau nehmen wollte,
obwohl sie ihm die Schande eines Wechselbalges
mit in sein Haus brachte.
Hätte es damals schon den bezahlten Henker, den Steiniger, den Kreuziger gegeben,
der all das Blut von allen Händen
auf die seinen nahm
und auf seine Seele,
sie wäre wohl ihm gegeben worden.

Den Henker nahm keine Frau, es sei denn, sie musste es.
Um zu überleben.
So wie der Stall
eben
manchmal ein Ort der Geborgenheit werden kann für eine Geburt.
Weil alles andre
noch so viel schlimmer ist.

Es gab keinen Henker damals...
Aber es gab einen, den wohl auch keine wollte.
Warum auch immer.
Er war schon sehr viel älter,
und es wird Gründe gehabt haben, warum er derjenige war, der sie,
wenn auch widerwillig,
bei sich aufnahm.
Aus Mitleid wird es nicht gewesen sein.
Vielleicht tu ich ihm jetzt Unrecht. Es tut mir aufrichtig leid, wenn ja.
Vielleicht war er für seine Verhältnisse
tatsächlich
nicht unfreundlich...
Die Geschichte, sie erzählt was andres  -
obwohl, so stimmt das nicht. Die Geschichte ist, was sie ist.
So wie ich die Geschichte verstehe,
das Stückchen, was ich halt in der Hand halt von ihr,
das fühlt sich so an.
Vielleicht war alles auch ganz anders.
Ganz sicher!! war alles
auch
ganz anders.
Aber wer sagt, dass nicht das winzig kleine Stückchen,
das nu ich in der Hand halte,
nicht
auch
ein kleines bisschen
so war...
Wer weiß das schon
so genau...

Im besten Fall hat er das junge Mädel
so behandelt, wie ein Mann, der angesehen sein will,
so eine
damals behandeln musste.
Mit ihrem Wechselbalg in ihrem immer dicker werdenden Bauch,
dem Kind der Schande.
Freundlich
wird das nicht gewesen sein.
So wie wir das heute kennen.... und nennen.
Und sie?
Sie wird sich in ihr Schicksal gefügt haben.
Was blieb ihr auch?
Sie wird sich in ihre Schande gebeugt haben.
Und den Kopf nimmer gehoben.
Wie auch?
Nur manchmal, wenn es zu unerträglich wurde,
dann hat sie sich heimlich
dieser Worte erinnert.
Und sie
in ihrem Herzen
bewegt haben...
leise...
behutsam...
scheu...

So haben sie sich auf ihre beschwerliche
und gefährliche ! Reise gemacht.
Die junge Frau wird sich gehütet haben,
auf ihre Schmerzen und ihre Qualen aufmerksam zu machen.
Frauen waren dem Mann untertan gegeben.
Und so eine,
und sie war so eine,
und so eine schon mal grad.



nachtwind

Vielleicht hat er sich auf seine unwirsche Art
ja wirklich gesorgt um seine junge Frau.
Vielleicht hatte er auch den Gedanken im Kopf, dass das Balg
ja so in all den Strapazen
vielleicht nicht überlebt,
und es wäre ihm sehr recht gewesen.
Vielleicht hat er die Not des Reisens
bewusst verlängert.  Jeden Tag.
Ein bisschen.
In dieser einen
Hoffnung.
Wir wissen es nicht.
Und selbst wenn es so wäre,
niemand von uns könnte ihn verdammen,
So war die Welt damals.
Und
ist sie heute
nicht auch so?
Ich bin nicht anders als er.
Ich hoffe auch manchmal, dass sich Probleme dadurch lösen,
dass sie ganz einfach verschwinden.
Aus meinem Leben.
Was anderes
hätte er getan,
wenn er denn
so getan hätte?

Vielleicht also hat er tatsächlich die Suche nach einem Unterschlupf
ein ganz unmerklich kleines Stück verzögert.
Vielleicht war er auch auf seine Art
besorgt um das Leben seiner jungen Frau.
Wie auch immer,
sie fanden nichts.
Egal wo sie suchten,
keiner wollte sie aufnehmen...
in dieser kalten Nacht....
und vielleicht war es wirklich der Beginn einer tieferen Freundlichkkeit,
als Joseph endlich die Not begriff und handelte...
handelte, wie ein Mann handeln muss,
um seine Frau zu beschützen...
Ihr ein Dach überm Kopf zu besorgen...
endlich Ruhe....
endlich Ruhe...
jetzt!! .... nicht irgendwann!! ...
hier!! .... und nicht irgendwo!!...

Und so wird es er gewesen sein, der den Wirt in ihrer Not nicht mehr ließ
und so lange beharrte, bis dem
der Stall einfiel.
Auch ein Stall
ist ein Drinnen.
Der die Kälte, die Dunkelheit, das Heimatlose
ein kleines wenig
zu einem Draußen macht.

Wie ich Wirte kenne, wird er ihnen ein Geld oder Ähnliches dafür genommen haben
und kopfschüttelnd wieder gegangen sein.
Gelump! Pack, widerliches!
Das sich
zur Geburt
in einen Stall begibt!
Wie tief
manche sinken können!
Naja... schienen ja ganz zufrieden damit zu sein...
kennen es nicht anders...
Gott sei gelobt , dass er
ein Mensch ist!
Und nicht
so etwas Widerwärtiges.
Ja!

Vielleicht hat Joseph da zum ersten Mal begriffen,
wie Demütigungen sich anfühlen
und wie ungerecht sie sein können.
Hoffentlich hat er es Maria irgendwie verzeihen können.
Vielleicht hat er sich aber auch
um eine Spur wärmer um seine junge Frau gekümmert,
als ihm selber recht war.
Ich wünsch es ihr.
Ich wünsch es beiden so!

Sie aber
gebar ihren Sohn
im Dreck und Gestank der Tiere.
Und, was es ja gleichzeitig eben auch heißt:
in ihrer Wärme.

Und um ihn wenigstens ein kleines bisschen zu beschützen
vor all dem Elend in dieser ihrer Welt,
hat sie ihn
in den einzigen Ort hineingelegtem
der nicht vollgeschissen war von den Tieren.
Von den Tieren, die hier zuhause warn.
Von den Tieren, die mehr hatten als sie selbst -
ein Zuhaus.

Sie hat ihn in die Krippe gelegt,
in der die Tiere ihr Futter bekamen.
Damit es nicht voller Mist war.
Das Futter.

Da lag es nun,
neben einem zu Tode erschöpften jungen Mädel,
das in dieser Nacht
zur Frau wurde.
Und gleich zur Mutter. Obendrein.

Und die ohne Gegenwehr zuschaute, wie die Liebe
machtvoll und unaufhaltsam Einzug hielt in ihr
und alles wegschmolz, was keine Liebe war.

Und neben seinem Stiefvater, der
vielleicht durch die Schrecken der Geburtsleiden,
vielleicht durch die Demütigung, nicht für seine junge Frau sorgen haben zu können,
vielleicht auch vom Wunder der Geburt
berührt,
behutsam auf dieses winzige Wesen schaute.
Das gerade anfing. Anzufangen.

So wie wir alle
auch einmal.

Und, so will es die Geschichte,
in all das nackte Elend dieser kleinen Familie
zogen in einem einzigen Hauch
die Engel in den Stall.
Das klingt so schön.
Aber hat sie einer kommen sehen?
Menschen erschrecken, wenn sie etwas sehen, was so nicht sein kann.
Was zu fremd ist. Nicht von dieser Welt.
Oder ging es ihnen dort wie uns so oft.
Wie oft wohl
sind Engel um uns. Und
wir sehn sie nicht.
Und fühlen uns elendig allein gelassen...
obwohl sie doch da sind. Ganz nah.
Falls es sie gibt.
Wer weiß schon solche Sachen?
Wer im Stall
hat sie kommen sehen?
Wer im Stall
hat sie bemerkt?

Ochs und Esel?
Wenn einer sie erkannte, dann sie!
Vielleicht waren sie ja auch wirklich
vor allem für die beiden zuständig. Dort im Stall.
Um liebevoll zu verhindern, dass Ochs und Esel irgendwann dann eben doch
ein bisschen Heu aus der Krippe zupfen...
es war ja ihre Krippe!
Und so das kleine Menschlein aus dem Futter zu stupfen , ganz aus Versehen -
dass es herauspurzelt dann doch
mitten rein in den ganzen Scheiß!
Vielleicht waren sie wirklich für Ochs und Esel zuständig, die Engel -
um genau das
zu  verhindern. Liebevoll.

Vielleicht hatten sie Leckerlis dabei für beide...
so eine Nacht ist lang.
Und Heu ist Heu. Auch wenn einer drinliegt.
Und man ihn eigentlich
gar nicht stören will.
Hunger ist Hunger. Und Heu ist Heu.

Vielleicht aber brauchten sie gar keine Leckerlis, die Engel in dieser Nacht.
Auch Ochs und Esel, auch Pferd und Hund, auch Katz und Sperling
haben eine Seele.
Und ganz sicher, wenn es denn Engel gibt,
dann bringen sie Seelennahrung.
Und die schluckt man nicht. Die atmet man eher ein.
Und ehrlich? sie macht so viel länger satt!
Als es auch hundert Leckerlis so können.

Und so schauen zu guter Letzt auch sie, Ochs und Esel,
so freundlich,
wie nur Tiere schauen können,
auf das Kind.

Und ob nun mit oder ohne
Engel im Gebälk,
von den zweien bei Ochs und Esel mal ganz abgesehen -

keiner muss ein Poet sein
um zu wissen und zu verstehen:
dieser Stall
leuchtete

in dieser einen
Nacht.


So ist es immer, wenn im größten Elend, in der tiefsten Not
ganz leise
die Liebe zeigt. Oder die Schönheit...
Die Liebe halt. In all ihrer möglichen Form.

Und wenn dann ein Mensch da ist
und sie sehen kann,
in all seinem Kummer,
in all seiner Not,
in all seiner dunklen Verzweiflung
sehen kann,
dann beginnt die Welt zu leuchten....
erst glimmt es nur, und wird dann
fast kaum merklich
zu einem sanften Leuchten...

und in ihm drinnen
leuchtet es auch
ganz leise
ganz leise
ganz leis





Hardworking Fool

Wunderschön. Mehr kann ich dazu nicht sagen außer WUNDERSCHÖN

nachtwind

Danke hardworking - es ist immer auch ein Wagnis. Mich zu zeigen.
Und ich kämpfe immer...
mal mehr, mal weniger.
Heute weniger.
Danke dafür, hardworking!
Ist ein Geschenk.

nachtwind

Um mal wieder anzuknüpfen an die ursprüngliche Geschichte...
da saß ich im Wartezimmer beim Internisten und wartete.
Weil ich zu spät gekommen war.
Weil ich noch im Garten war. Kurz.
Und das überhaupt nicht bereut hab.
Hat mir so gut getan!

Garten ist in seiner Wirkung wie ein richtig gutes Gespräch -
man ist im Reinen. Mit sich.
Danach.
Für eine ganze Weile.
Nur ohne Worte.
Beim Gespräch kann man das dann nachvollziehen. Dieses so stille, gute, schlichte auch Gefühl.
Beim Garten nicht. Das ist dann eher wie ein unverhofftes Geschenk.
Von anonym, sozusagen.
Sehr speziell. Weil man es nicht versteht. Aber es so gut tut.
Wie Magie halt.
Mit-sich-im-Reinen-sein-Magie.
Irgendwie.

Ich horche dem nach, in mir, in dem Wartezimmer bei meinem Internisten.
Und es erinnert mich an die Zeit, als ich meinen eignen Garten hatte. Damals.
Als mir klar wurde, so geht es nicht mehr weiter. Unser Leben. Im Wagen.
Die Kinder wurden immer grösser. Und der Wagen damit immer kleiner.
Sicher, wären wir in einem Katastrophengebiet - es wäre der Himmel auf Erden.
An Sicherheit, an Komfort, an Zuhause...
Aber wir waren in keinem Katastrophengebiet. Zumindest nicht äußerlich. ;:-)
Und so wurde mir klar: wir brauchen etwas größeres. Eine Wohnung.
Wenn die Kinder nicht Schaden nehmen sollen.
Sie brauchen mehr Raum. Für sich.
Um sich zu entwickeln.
In eine Welt hinein, die eben kein
Katastrophengebiet ist.

Das war die Bitterarmut-Zeit.
Also such ich eine Wohnung mit viel mehr Platz als bis jetzt - und die am liebsten gar nix kostet... und wenn doch nötig, dann so wenig wie irgend möglich.
Das war jetzt viele, viele Jahre, bevor so Bücher wie ,,die Kunst, beim Universum etwas zu bestellen" Mode wurden.
Aber funktioniert hat es trotzdem.
Ich muss jetzt schon zugeben, dass ich mich damals öfters gescholten hab. Danach. Dass ich nicht detaillierter ausformuliert hab. Was wir genau jetzt brauchen.
Jahrelang, immer mal wieder.

Ja, es war viel mehr Platz!! Viel, viel mehr!!
Ich weiß nicht, ob ihr ein Bild vor  Augen habt, wie ein hunderte Jahre alter Schwarzwaldhof so aussieht, mit dem langgestreckten Stall dran und der Scheune über allem.
Gefühlt das hundertfache oder tausendfache an Platz zu vorher.

Ganz ganz kleine Einschrönkung: bewohnbar
war eine mittelgroße Küche, immerhin mit großem Ofen, der auch Warmwasser machen konnte und einer kleinen Spüle, ein Bad - das Prunkstück! - und ein schmaler Flur.
Ganz arg viel mehr Raum.
Aber wirklich bewohnbar
war der noch nicht.

Heute seh ich das anders. Es ist vielschichtiger. Als eine Bestellung im Internet.
Hat schon alles so gestimmt. Gepasst zu uns.
Stückchen für Stückchen. Jahr für Jahr.
Haben wir das Haus  für uns erobert.
Und eben den Garten. Auch.

Damals hatte ich, wenn ich aus dem Garten kam und im Bad mir die Hände wusch - ja, wir hatten fließend Wasser!!! Das war schon herrlich!! In der kalten Jahreszeit auch warmes!! Das war noch tausendmal besser! Und, als ich begriffen hatte,  dass man durchaus auch im Sommer den Ofen anfeuern kann, wenn man warmes Wasser will, hatten wir durchgehend warm Wasser. Wenn wir bereit waren, dafür auch was zu tun.
Das beste am Bad war aber das Klo. Vor allem in der Kombi mit elektrischem Licht!
,,Mama - das ist so wunderschön!! Wenn man muss, nicht mehr rauszumüssen...
einfach um die Ecke, da ist das Bad - und ein Klo! Und auf dem ganzen Weg und vor allem aufm Klo
ganz viel Licht!!" hat meine Tochter aus tiefstem Herzen gesagt.
Als ich sie bang gefragt hab, ob ihr das Durcheinander, in dem wir doch am Anfang so leben mussten, zu viel ist.
Das war ihre Antwort. Ihre glückselige Antwort. Wir haben doch ein richtiges Klo! Und mit Licht dazu! Was fragst du da?!
Und ich hab bekümmert begriffen, wie tapfer meine Kinder hatten sein müssen.
Und es auch waren.
Nie hat sich einer auf den Boden geschmissen und gebrüllt: ,,Ich will endlich  ein normales Klo!! Und Licht dazu in der Nacht!!"
NIE!!!
Nie auch nur ansatzweise.
Was jetzt nicht daran lag, dass sie so was gar nicht konnten!! Ganz und gar nicht! Sie konnten das sehr wohl! Sie waren, was das anging, ganz normal begabt.
Aber sie haben nie, nie! wegen des Plumpsklos ein Drama gemacht.
Kinder sind so.
Sie haben ein Gespür, was geht... und was geht einfach nicht.
Da
leiden sie dann still. In sich drinnen.
Da machen sie kein Gedöns drum.
Das halten sie einfach aus.

Erst an ihrer Glückseligkeit hab ich ermessen können, wie arg es war für sie.
Erst als es vorbei war...
und es blieb ja auch auf immer vorbei!
Unsre Schritte in die Zivilisation waren langsam und sehr bedächtig.
Aber unumkehrbar.
Dem Himmel sei Dank!!!

Sorum
ist es weitaus leichter als andersrum.
Aufstieg fühlt sich immer leichter an als Abstieg. Wertfrei gesehen!
Auf etwas zu verzichten, weil man es gar nicht anders kennt, ist ganz eine andre Anstrengung als freiwillig auf etwas zu verzichten, was man früher immer hatte.
Wie gesagt, ganz wertfrei.
Nicht zu rauchen, weil man nie geraucht hat, ist so viel einfacher, als aufhören, wenn man sein Leben lang ohne Zigarette gar nicht vorstellbar war. Für alle. Und für sich selbst.
Muss man sich ganz anders stemmen dagegen.
Und sehr genau und vor allem zweifelsfrei wissen, warum das jetzt alle Anstrengung wert ist.
 

Damals hatte ich, wenn ich aus dem Garten kam und im Bad mir die Hände wusch, ja zu all der Badglückseligkeit auch noch einen Spiegel über dem Waschbecken.
Heute denk ich manchmal, vielleicht wär ich glücklicher, wenn ich nicht immer automatisch mir ins Gesicht schauen müsste, wenn ich mir die Hände wasch.
Ich erkenn mich auch manchmal gar nicht wieder. So auf den ersten und auch auf zweiten Blick.
Aber damals eben, wenn ich aus dem Garten kam, und mein Blick zufällig auf mich fiel, dann hab ich jedes Mal gedacht: wow! Du siehst richtig gut aus!
Und nach ein paar Mal hab ich verstanden, wann genau das so ist.
Also, wenn ich mal ein Date hab, dann geh ich vorher zwei Stunden in den Garten!!

Ja ok, ich hatte nie ein Date.
Aber ich hätte es getan! Bestimmt!
Und auch so, auch ganz ohne Date, war das ne feine Sache. Zu wissen, was man tun kann. Damit man mal
richtig schön aussehen kann.
Wenn man das dann will.

Und jetzt hier, im letzten Wartezimmer des Tages, mit der Schönheit des Gartens noch in allen Poren und Zwischenräumen, den der Mensch so hat, hab ich mich einfach
gut gefühlt.
Frisch, als hätte der Garten alles Uniklinikmässiges
weggewaschen. Aus mir heraus.
Und hier zu sitzen wär so das erste, was ich tät. An diesem langen Tag.
Ich konnt mich schon noch dran erinnern. Auch deutlich.
Aber es war sehr lang vorbei.
Sehr lang.

Das war mir jetzt noch nie so aufgefallen. Was ein Garten so macht mit einem.
Einschränkend geb ich zu bedenken, vielleicht nur, wenn man viel Erde hat in sich. Wer viel Wasser hat, der erlebt so was vielleicht durch Kontakt mit Wasser.
Oder eben Feuer und Luft verursachen das genauso gut.
Vermutlich schon.
Bei mir ist es der Garten. Oder der Balkonkasten. Der mir so was schenkt.

Dann bin ich aber auch dran. Grad, als ich anfange, unruhig zu werden.
Läuft heute!
Also oben frei machen, auf die Liege. Krieg ich hin.
Seufze innerlich auf, als ich liege - war schon viel Sitzen heute. Der Rücken stöhnt genüsslich vor sich hin. Liegen ist schon was feines!
Dann kommt auch schon der kleine alte Doktor. Schnappt sich ein Plastikteil auf Rollen, mit Bildschirm... Ultraschall.
Dann klappt es aber nicht. Er ist genervt. Etwas eintippen, dann anfangen... nee, klappt nicht! Er ist immer genervter. Es tut mir leid. Aber mir fällt auch nix Erhellendes ein. Irgendwann gibt er auf und ruft die Schwester rein. Sie schaut kurz, dann geht alles. Sie verschwindet wie nie dagewesen.
Kommt so was öfter vor?
Immerhin klappt es jetzt mit all den Messungen und Begutachtungen. Und er ist auch ganz zufrieden. Mit dem, was er sieht.
Jetzt noch geschwind abhören, dann wär's das gewesen.
Ich hab eh schon die Augen zu. Seit alles klappt.
Es tut schon gut, einfach mal nur dazusein.

Da klatscht er mir seine Hand mit dem Stethoskop so unbeholfen auf den Brustkorb - ich bin ganz erschrocken. So als habe er den Arm ganz aus der Schulter heraus auf meinen Körper geschwungen. Geschleudert...
was war das?
Als könnte sein Arm das nicht mehr aus sich selbst heraus?
Er ist fertig mit dem Abhören vorne, jetzt noch hinten - wieder klatscht eine unkontrollierte Hand mit Stethoskop auf den Rücken... also, das war jetzt kein Versehen grad vorhin.
Das ist irgendwie so.
Da geht irgendwas nicht mehr, wie es soll....
Vielleicht hat er ALS?

Ich weiß es nicht. Kann mich jetzt auch anziehen. Er sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt seinen Bericht.
Ich zieh mich an und setz mich zu ihm.
Er ist ganz freundlich eigentlich. Wenn alles klappt. Nimmt sich auch Zeit für mich, fertigt mich nicht einfach ab.
Könnte er ja.
Ist ja alles gut bei mir.  Wär ich nicht bös drum.
Tut er aber nicht.

Irgendwie kommen wir drauf, ich weiß gar nicht mehr wieso - ich zögere kurz. Ich mag es nicht rumtragen. Aber dann denk ich, komm, er ist Arzt, kannst du ja ruhig erzählen. Und sag ihm, dass ich Krebs hab. Und meine Op-Gespräche grad heut geführt hab.
Er schaut aufmerksam. Was für Krebs?
Cervix-Karzinom. Op dann in drei Tagen.
Er sieht mich ernsthaft an. Und sagt: ,,oh - das ist nicht leicht!"
und meint es so.
Ich bin erstaunt, dass das etwas bewegt in mir.
Es berührt mich.
Ich überlege kurz in mich hinein und sage dann spontan: ,,Ja, schön ist es jetzt nicht." und überleg eine Millisekunde, ,, aber es gibt Schlimmeres!"
Er nickt. Stöhnt aus dem Herzen tief: ,,das stimmt!"
Jetzt schauen wir uns beide an. Kurz. Ohne Filter. Intensiv. Nachdenklich. Anwesend ganz und gar.
Für einen Augenblick erweisen wir uns gegenseitig den Respekt.
Fühlen uns gesehen. Gewürdigt. Mit unserem Schicksal.
Und geben das gleichzeitig genauso tief zurück.
Respekt. Gegenseitiger Respekt.
Verry special moment
Ich gehe still.
Bin bewegt.

Schaue kurz ins Wartezimmer... nur noch ein Patient.
Dann hat auch er Feierabend.
Für heut.
Schönen Feierabend, kleiner alter tapfrer ernsthafter Mann...
erhol dich gut!
Und sanfte Träume...
 
Und dann bin ich draußen. Wo war noch mal mein Auto?
Ach ja... um die Ecke nur.
Ich bin schon echt bewegt.

Einmal wundert es mich, wie gut es mir tut, wenn es einer würdigt.
Meine nicht ganz einfache Zeit grad.
Wenn er es wirklich ehrlich so meint.
Sollte ich vielleicht doch ein bisschen rumerzählen?
Es tut mir doch gut?

Und dann auch wieder mal so nachdrücklich die Erkenntnis, dass mein Unbewusstes so viel treffendere Worte findet. Als ich sie je finden könnte. Auch wenn ich mir viel mehr Zeit nehmen würde.
Einfach weiß, was jetzt passt. Was jetzt richtig ist.
Ich schätze das so!
An wem auch immer.

In mir ist etwas, das ist so,
wie ich gern wär.
Und doch so schmerzhaft selten bin.

Bin so dankbar dafür.
Wenn dieses etwas sich meldet. Und übernimmt.
Ohne mich zu fragen.
Sehr dankbar.
Sehr sehr dankbar.

Zwei Sätze. 10 Worte... oder 6...
Ich horch in mich hinein, kurz. Was war das?
Er sieht mich. Er erweist mir seinen Respekt.
Ganz schlicht.
Und mit diesem Satz ,,ja, ist nicht schön..."
nehme ich seine Achtung an.

Und dann ,,gibt Schlimmeres."  Und das galt ihm.
So einfach ist das.
6 Worte, und zwei Menschen fühlen sich gesehen.
Und gewürdigt.
Schon speziell.
Immer noch!!
Selbst heute noch.
Ich spür's noch heut.

Und während ich heimfahr
und dem allem nachsinn,
fällt mir auf,
das das schon die ganze Zeit so geht.
Seit ich offiziell krebskrank bin.
Das alles so eine besondere Bedeutung bekommt.
Ganz von selbst.

Warum?
Wofür?
Wodurch?
Und: Ist das wirklich so?
Ich hab nie richtig drüber nachgedacht.
In der ganzen Zeit damals.
Es nur bemerkt.

Jetzt
denk ich drüber nach.
Ist es der mögliche Tod?
Der hinter allem steht?
Der alles so besonders macht?

nachtwind

Auf den ersten Blick ist das ziemlich sinnfrei -
wie soll das denn gehen?
Nur weil ich eventuell nicht mehr lange lebe?
Ich wusste doch schon vorher, dass ich vermutlich nicht mehr ganz so ewig leben werd?
Ja, schon - aber es war schon ein Aufprall. Ein mich Stoßen.
An der Wirklichkeit.
Als sei sie eine Mauer. Die ich eben doch nicht sehen konnte.
So auch nicht vorhersehen konnte.
Und gegen die ich geprallt war. Unsanft. Und eben wirklich wach machend.
Als das Wort Krebs in mein Leben kam.

Ja gut, stimmt auch wieder...
zwischen Theorie und Praxis ist eben doch ein nicht geringer Unterschied.
Das macht schon Sinn.

Aber ich merke doch eigentlich gar nicht, was grad Sache ist.
Ich fühle mich doch nicht todkrank.
Ich bin doch gar nicht todkrank. Noch nicht.
Es findet doch nur im Kopf statt, oder?
Das todkranke...
ist das nicht doch nur wieder Theorie??
Ich fühl doch nix... spür nicht, wie mich die Kraft verlässt...
hab keine unbändigen Schmerzen, die mir das Leben aus den Knochen pressen...
Ich fühl mich noch nicht mal krank?!
Geschweige denn todkrank?!
Bausch ich da nicht in Wirklichkeit was auf? Was gar nicht angesagt ist?
Noch?

Und dieses Aufbauschen
soll jetzt sogar noch dafür sorgen, dass irgendwas schon wirklich anders wird? In meinem Leben?
Wenig überzeugend. Bis jetzt.

Was ist denn wirklich anders geworden? Jetzt mal ehrlich und genau?

Schwierig. Nichts wirklich messbares.
Aber nach einem Monat geb ich zu: es hat sich was verändert. Ich kann es nicht mehr übersehn.
Was genau - das wird jetzt schwierig.
Es ist alles intensiver. Was ich erleb.

Ja. Das stimmt.
Gut, aber das kann jetzt auch daran liegen, dass ich schlichtweg einfach mehr erleb!! Als sonst.
Mit was willst du denn das Erleben vergleichen? Mit dem nichts, das vorher war?
Nichts außergewöhnliches.... gar nichts! Ist keine gute Vergleichsmenge, dieses so zurückgezogene Leben die Jahre vorher.
Ja, auch wieder wahr.
Ach Mann!

Aber da ist doch was! Ich bin doch nicht doof!
Da hat sich was verändert!
Oder bild ich mir das nur ein?
Weil ich denke, da müsste sich doch was verändern?

So wird das nix!

Tief durchatmen jetzt. Nochmal auf Anfang.
Nicht gleich so viel wild durcheinander denken!
Eins nach dem andren...
langsam und ruhig ... einfach und ernsthaft.

Es ist mir immer wieder aufgefallen.
Das sich was geändert hat.
Konnte es nicht benennen. War und bin mir aber sicher!
Es hat sich was verändert.

Und zwar nicht hier oder da - durchgängig...
in allen Lebenslagen und Erlebnissen...
es ist immer da.

Wie oder wohin es sich verändert hat, das ist erstmal schwierig zu benennen.
deshalb hab ich auch bis jetzt nicht weiter darüber nachgedacht.
Aber als mir auffiel, wie jeder Atemzug im Garten mir die Uniklinik aus meinem Körper, meinem Leben weiter hinausgespült hat - unspektakulär und entschieden zugleich  -
in die Vergangenheit hinein...  - und mich gleichzeitig mit Garten angefüllt hat - da wurde es deutlich:
da ist wirklich etwas Neues in meinem Erleben.

Es ist intensiver...
Ja. Bedeutungsvoller....
Ja. Auch irgendwie mehr: im hier und jetzt?
Ja. Irgendwie...
Alles, was geschieht, geht mich was an. Alles. Auch Kleinigkeiten.
Waren früher Kleinigkeiten.
Sind es jetzt nicht mehr.

Das jetzt erinnert mich an was!
An die Zeit, als ich aus den Bergen
wieder in die Grossen Städte kam.
Da war es auch so....
jetzt wird ein Schuh daraus.
Ich glaube, jetzt
komm ich mir näher. Näher dran an dem,
was da passiert.
In meinem Leben.

Das Jahr in den Bergen auf dem Einödhof
ganz allein...
das hat was mit mir gemacht.
(Es war kein ganzes Jahr, ein oder zwei Monate haben gefehlt dafür -
aber auch heutiger Sicht war es ein Jahr.)
Ich habe nicht verstanden, was.
Noch lange nicht. Sehr lange. Viele Jahre später noch
hab ich in verzweifelten Momenten gedacht: wär ich doch damals tiefer in die Berge gezogen! Und nicht zurück in die Großen Städte.
Viele Jahre lang hab ich das so für mich beschrieben, dass es, dass ich erfolglos war!
Mein Bemühen, in den Bergen einen neuen Weg zu finden.
Für mich.
Damit ich wieder leben kann.
Ohne Weg
ist doch kein Leben.

Es war erfolglos für mich.
Völlig erfolglos.
Mal wieder.
Und ich musste weiter völlig orientierungslos,
ohne jede Absicht, ohne jedes Ziel,
mir jeden einzelnen Schritt mühsam wringen
aus mir selbst heraus ....
aus mir selbst heraus, in der doch gar nichts steckte,
das auch nur irgendwie
lebensfähig war.
(Gefühlt, sag ich heute.)

So kam ich zurück.
In die Große Stadt.
Köln.
Es gab keinen Grund dafür.
Keinen Plan.
Kannte ich wenigstens ein bisschen. Das war alles.

Trostlos...?
Nicht ganz.
Nicht ganz so trostlos wie früher immer - immerhin.
Wenn ich in eine neue Stadt einfuhr,
als Tramperin in einem völlig fremden Fahrzeug,
neben einem völlig fremdem Fahrer,
in eine völlig fremde Stadt....
in der ich nichts und niemand kannte,
ohne jedes Ziel
ohne jeden Plan
und Absicht...
ohne eine Idee oder einen Ort, wo ich hinkonnte....

aus einem ganz und gar einfachen Grund:
weil ich nun mal halt irgendwo
sein musste.
Irgendwo.

Ganz so trostlos war es nicht. Im Grunde schon.
In allem Wichtigen schon.
Aber:
ich kannte Köln ein bisschen...
auch wenn es das nicht war als Grund dafür - schlecht war das auf keinen Fall.
Das hilft schon sehr!
Der Grund aber für's nicht ganz so trostlos, immerhin,
das war der Hund neben mir.
Munshan.
So hab ich ihn genannt.
Ich war nicht mehr allein.
Ich musste mich kümmern.
Ich wusste nicht,wie ich  das nur hinkriegen sollte.
Hatte furchtbare Angst, wieder mal grässlich zu versagen!
Ich hätte es mir nie verziehen. Das wusste ich.
Aber ich war schon sehr sehr mutlos.
Was das anging.
Sehr sehr mutlos.

Aber ein Hund hat Hunger.
Da gilt kein ,,ich kann das nicht..."
Da gibt's kein Kopf unter die Decke.
Ein Hund hat Hunger.
Und das jetzt. Nicht morgen. Nicht nächste Woche.
Ein Hund hat Hunger. Jetzt.
Und er hat ein Recht darauf!

Ich kam, nein, wir kamen in einem Abrisshaus, das ich noch von früher kannte, unter, für's erste.
Und es gab einiges zu erledigen. Sich zu kümmern.
Nicht nächste Woche. Oder wenn ich es kann.
Der Hund hat Hunger.
Und auch wenn das Abrisshaus noch stand - ewig wird es nicht da stehn.
Wir brauchen eine Bleibe. Eine anständige.
Mit fließend Wasser. Und einer Tür.

Also machte ich mich sofort am nächsten Tag auf den Weg.
Der Hund hat Hunger!
Aber wir kamen nicht weit.
So sehr wie ich doch wollte, so sehr wie ich mich mühte -
wir kamen einfach nicht weit.

Sicher, es ist nicht einfach, sich dem Wirbel einer Großen Stadt anzupassen.
Wenn man ein Jahr ganz allein auf einem Berg saß.
Und niemand war da. Nur der Berg gegenüber.
Das betrifft jetzt mich. Oder:
noch nie in einer großen Stadt war. Das jetzt
mein Hund.

Aber das war es nicht.
Straßenkind und Strassenköter - wenn sie was können, dann sich anpassen.
Schnell.
Was mir das Weiterkommen fast unmöglich machte, war, dass mich
alles
was anging.
Alles!
Die lachenden  und sich foppenden Jugendlichen genauso wie das heulende kleine Kind, dass an der Hand der Mutter zerrte...
die Frau, die stehenblieb ganz plötzlich... und stehen blieb...
der ältere Mann mit seinem Dackel...
einfach alles und jeder - jedes und jeder
ging mich was an.
Und jedesmal blieb ich stehen.

Man kommt nicht weit.
So.
In der Großen Stadt gibt es sehr viele Menschen.
Und in jeder Straße sind viele davon. In jeder!
Am deutlichsten wurde es im Volkspark.
Ich musste nur noch durch, dann waren es nur ein paar Straßen noch...
der Volkspark ist ziemlich klein.
Aber nicht klein genug. Für jemanden wie mich.
Wir hatten noch nicht mal die Hälfte erreicht, da wusste ich:
so wird das nix.
Es tut mir furchtbar leid, munshan! Aber wir drehen jetzt wieder um.
Wir müssen ja noch den ganzen weiten Weg zurück!
Das schaffen wir sonst nicht!
Es tut mir wirklich furchtbar leid!
Es wird schon gehen. Bis morgen. Dann
versuchen wir es noch einmal.

Ich hab es mir so erklärt, dass ich in dem Jahr ganz allein
schlicht und ergreifend meine Filter verloren hab.
In der Stille der Berge.
Filter, die ein Mensch dringend braucht. Für ein Leben
in einer großen Stadt.
Und ich denke, ich hatte es richtig eingeordnet.

In den Jahren jetzt, in meinem Einsiedlerleben als frohe Rentnerin,
da erging es mir nicht anders. Merke ich grad. Auch so schmolz nach und nach der eine oder andre Filter weg.
Und ich war beteiligter als vorher. Am Leben um mich herum.
Ist mir angenehm dankbar aufgefallen.
Und hat mein Leben
sehr bereichert!

Aber es wird noch etwas andres darin sein, denk ich heut.
Etwas, das mit einem Größeren als man selbst so ist, zu tun hat.
Dass da Einzug hält in meinem Leben.
Und damit doch auch alles berührt. In mir.
Und eben alles
noch einmal ganz anders
ganz besonders macht.

Das war der Tod.
Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, das ist etwas ganz ganz Großes.
Gibt kaum etwas, was da ranreicht. An Größe.
Vielleicht... nix.

Es ist fremd. Sehr fremd!
Bedeutend. Sehr bedeutend!
Verändert alles. Tief!
Auch wenn alles weiter seinen Gang geht, ganz normal.
Und du es ganz oft
einfach vergisst. In deinen Gedanken.
Es ist immer da.
Ganz ruhig.
Ohne Aufsehen.
Und verändert einfach alles
Ein bisschen.
Alles!

Es wird intensiver. Bedeutungsvoller.
Geht dich ganz persönlich nah was an.
Schwer zu beschreiben.
Man muss es vielleicht selbst erlebt haben, denke ich.
Um zu verstehen....
und vielleicht geht es ja auch nur mir so.
Und jedem andren: anders.

Mir ging es so.
Und geht es nach wie vor.

Wenn ich lächle, steckt mehr von mir dadrin. Als früher.
Wenn ich schaue, schaut mehr von mir mit. Als früher.
Und ich bleibe länger stehen.
Wenn ich verstehe, versteh ich tiefer und direkter. Bin selbst beteiligt. Darin.
Und wenn ich beteiligt bin, dann bin ich viel mehr noch selbst, mit mir, mit viel mehr als früher beteiligt. An was auch immer.
Wenn mein Enkelsohn auf's Klo muss. Und es ist besetzt.
An allem. Nicht nur an Bedeutsamen.
An allem.
Alles ist bedeutsam. Irgendwie.

Schwer zu erklären.

Natürlich hab ich darüber damals nicht lange nachgedacht. Es gab so viel andres zu bedenken.
Aber aufgefallen ist es mir. So tief, dass ich es jetzt noch weiß. Ein Jahr später.
Und ich mir jetzt die Gedanken machen kann.
Die ich damals gar nicht konnte.

Und ja, auch damals, als ich aus den Bergen kam, hat etwas Großes mein Leben berührt.
Etwas viel Größeres als ein Mensch so ist.
Hat mein Leben berührt.
Wie mit einem Zauberstab.
Und das hat mich nie mehr verlassen. Seitdem.
Ich wusste es nur damals nicht.
Besser gesagt: ich hab es nicht verstanden.
Viele Jahre nicht.

Es hat mich ja trotzdem nicht verlassen.
Auch wenn ich es nicht begreifen konnte. Noch nicht.
Manchmal ist es nicht wichtig, ob man nun versteht oder nicht.
Manchmal geschieht etwas tief in einem drinnen.
Und bleibt.
Auch wenn man nix davon begreift.

Man spürt es nur.
Ein bisschen.
Manchmal.
Dass da  was anders ist.
Und versteht es vielleicht Jahre später erst.
Viele Jahre später.
Zumindest mir geht es so.
hey :-)









nachtwind

Ja, Tod ist schon etwas ganz Eignes.
Etwas außergewöhnlich Besonderes.
Etwas Elementares.

So wie Geburt...
da schiessen einem einfach die Tränen in die Augen.
Auch wenn einem weder die Mutter oder der Vater noch das Kind etwas besonderes bedeuten.
Wenn man dabei ist, schiessen einem einfach so Tränen in die Augen.
Einfach, weil es das gibt.
Geburt.

So ist es auch beim Tod.
Auch wenn einem die Person gar nicht so wirklich viel bedeutet .
Wenn man dabei ist, oder sie sieht, noch einmal - da schiessen einem auch
die Tränen in die Augen.
Einfach, weil es das gibt.
Tod.

Berührt halt.
Elementares. Auch: in einem selbst.
Alles, was berührt, verändert auch.
Physikalisch. Und auch im menschlichen Leben.
Die Frage ist nur: wie doll?


Und ja, wir haben es tatsächlich geschafft, mein Hund und ich.
Es war nicht ganz einfach... Aber wir beide haben uns wirklich Mühe gegeben.
So hat es funktioniert. Mit uns als Team.

Er hatte es nicht leicht in seinem Leben. War kein wirklicher Strassenköter, aber irgendwas in diese Richtung.
So wie ich kein wirkliches Strassenkind war - aber irgendwas in diese Richtung.
 
Er kam als Welpe zu einer jungen Frau. Berufstätig. Dort musste er den ganzen Tag alleine bleiben. Bis sie kam.
Er konnte nicht allein bleiben. Er hat es auch nie gelernt. Auch nicht bei mir.
Ich wusste nichts von Hunden. Geschweige denn von der Erziehung von Hunden.
Wie das so gehen kann.
Ich hab nur gemerkt: er erträgt es nicht, allein zu bleiben.
Also mussten wir Lösungen finden.
Haben wir dann auch.
Spätestens, als ich zwei Jahre später den Führerschein gemacht habe, notgedrungen - und mein erstes Auto gekauft habe, eine billige gebrauchte - und von uns allen sehr geliebte Ente - gab es gar keine Probleme mehr.
Die Ente akzeptierte er als Zuhause. Zu dem wir jederzeit zurückkehren würden.
Den Wagen komischerweise nicht.
Obwohl ich ihn nie dort alleingelassen hab. Weil er ja sofort protestierte.

Natürlich war das so eine undurchdachte Aktion von der jungen Frau. Und ging nicht lange gut. Spätestens als er ihr Sofa zerfetzt hatte, gab sie auf.
Sie stand in irgendeinem Verhältnis zu dem Schafbauern etwa 4 Kilometer weiter rechts von mir. Hinter den Hügeln.
Es gab noch ein Haus, mit dem wir ein Dreieck bildeten. Unterhalb von mir. An der Straße. Das ich auch nicht sehen konnte. Aber im Winter konnte ich bei günstigem Wind ihren Rauch sehen.
Den Rauch von dem Schafbauern sah ich nie. Ich hörte ihn auch nicht. Nicht ihn. Und auch nicht seine Schafe.

Aber er kam eines Spätsommertages  zu den Wiesen unterhalb meines Hofes.
Den ich zu hüten hatte. Gegen kleines, sehr kleines Geld.
Ich sah ihm zu, andächtig. Voller Sehnsucht, einmal ein Leben zu führen so wie er.
Er wusste einfach, was zu tun war.
Und er tat es.
In mir brannte es lichterloh.
Das ist Leben.
Ob ich es wohl einmal schaffen könnte, so zu werden wie er?
Alles sprach dagegen. Aber es sehnte sich so danach. In mir.
So unvorstellbar schmerzhaft.
Während gleichzeitig mein Herz zerriss.

Jetzt kann man sagen: was für ein Arsch war ich denn??!! Und ich sage es auch.
Warum um Himmels Willen bin ich nicht runter zu ihm?! Und hab ihn meine Hilfe angeboten?!
Ich war so ein Arsch! Da führt kein Weg dran vorbei!
Erklärung?
Ich war so weit entfernt davon, ein tüchtiger Mensch zu sein... es kam mir gar nicht in den Sinn, hilfreich sein zu können... so weit entfernt war ich davon.
Ich war zu nichts zu gebrauchen. Was richtige gute Arbeit angeht.
Außer Abitur hatte ich nichts zustande gebracht.
Ich war ein Versager. Durch und durch.
Die Welt der tüchtigen Menschen
war mir fest verschlossen.
Ich hatte keine Eintrittskarte.
Ich konnte mich mal reinmogeln. Irgendwo. Irgendwie.
Aber es fiel schnell auf.
Und draußen war ich wieder.

Ja, das ist ein Erklärung.
Eine Entschuldigung ist das nicht.

Er hatte einen Mähbalken auf zwei Rädern. Dem er hinterherlief. Meistens.
Weniger, dass er ihn schob.
Besonders die Kurven waren schwierig zu beherrschen.
Denn es waren die Berge -alles
war Abhang. Und kippen
permanente Möglichkeit.

Er hatte keinen Schwader. Rechte alles händisch zusammen. Drehte und wendete es mit der Gabel.
Und als es trocken war, das Heu, lud er es mit der Gabel in seinen hölzernen Anhänger. Den sein Esel zog. Wenn er denn voll war.

Er tat das nicht alles gerne. Aber er tat es.
Er hätte Hilfe so gebrauchen können.
Ich hätte es lernen können.
Heute weiß ich, dass man das lernen kann.
Aber damals wusste ich nur, dass ich das niemals lernen kann.
Und bis auf das niemals
hatte ich auch recht.

Es war viel zu heiß! Keine halbe Stunde hätte ich das ertragen. Ich war völlig untrainiert, was körperliche Arbeit anging. Keine halbe Stunde hätte die Kraft meiner Arme, meines Rückens gereicht. Meine Hände waren keine Schafferhände. Keine Viertelstunde und ich hätte Blasen gehabt.
Untauglich, nachtwind , sieh es ein!
Lebensuntauglich!
Lebensuntüchtig!
Überlebensunfähig... Dir bleibt nur Schmarotzertum! Finde dich damit ab!
Und versteck dich! Das ist das einzige, was du tun kannst... versteck dich gut!

Dass ich so es nie lernen kann und werd, das war mir gar nicht klar.
Vonwegen, ich denk die ganze Zeit... dann wär ich doch mal drauf gekommen!!
Es war halt auch so schmerzhaft...
Ich glaube, ich hab gar nicht das Rückgrat besessen, dem mal standzuhalten -
um es genauer anzuschaun.

Das ist jetzt hart, finde ich grad - noch nicht mal Rückgrat!!
Ist glaub ich schon gut, dass ich das damals nicht genauer angeschaut hab!!
Noch nicht mal Rückgrat - ich glaube, das wär sogar für jemand wie mich
zuviel gewesen.
Ich war ja schon ziemlich viel gewohnt einzustecken... aber das glaub ich, wär zu viel geworden.
Ich weiß es nicht.

Auf jeden Fall machte der Bauer sich auf den Weg zu mir, ganz am Ende meiner Zeit dort. Erzählte mir die Geschichte von diesem Hund. Den die Besitzerin, seine Tochter?, ihm übergeben hatte, nur für kurz. Er lachte bitter.
Er hatte ihn neben einer Schäferhütte weiter weg angebunden. Und ihm ab und zu ein halbes Baguette vorbeigebracht. Er sagte, jeden Tag. Kann schon sein. Ich glaubte ihm das nicht.
Aber dass er ihm nur ein halbes Baguette bieten konnte, das tat ihm ehrlich leid. Das glaubte ich ihm sofort. Er entschuldigte sich dafür. Vor sich selbst.
Er hatte genug zu tun, um seine Hunde, die er brauchte, und seine Schafe durchzubringen. Das war mir völlig klar.

Also - Bergbauern sind gerne auch mal listig.
Muss man auch sein. Wahrscheinlich.
Bergbauer ist jetzt nicht die Wohlfühlkarte.
Also - ergriff er die Chance beim Schopf, um dieses Problem so loszuwerden.
Er habe beschlossen, dem jetzt ein Ende zu machen. Und ihn zu erschießen.
Es sei denn.... es sei denn, ich nähme ihn.
Und erspare ihm diesen Tod.
Und damit ging er. Ich solle es mir überlegen. Morgen käme er gegen Abend mit dem Hund vorbei. Dann könnte ich ihn mir ansehen. Wenn ich ihn nicht nehme, erschiesse er ihn.
Bis Morgen also.
Pamm!!

Ja.
Mein Denken war in der Zeit der Berge immer langsamer geworden. Das war mir aufgefallen.
Ich hatte 3 Bücher mitgenommen ... das Kapital von Marx, die Ethik von Spinoza und ein Band Gedichte: Lyrik des Ostens.
Am Anfang las ich noch. Später dann nur noch ein paar Sätze.
Das war Stoff genug für einen Tag.
Und noch später nur noch die Gedichte.
Die sind auch so schön kurz, die aus dem Osten. Das passte gut.
So will ich einmal schreiben, dachte ich. Als würd ich sie in Stein meißeln.
Wenn du sie meißeln musst, sparst du dir jedes überflüssiges Wort!
Diese Sehnsucht hat mich nie mehr verlassen.
Auch wenn ich sie verrate. Mit fast jeder Zeile.
Sie bleibt als Wert in mir.
Und manchmal, ganz manchmal
gelingt es mir ja auch
einmal.

Aber selbst wenn ich wie vorher gewohnt schnell hätt denken können, wär das nix geworden.
Nun gut.
Ich in heller Aufregung!! Schlafen konnte ich mal nicht!!
Und einen klaren Gedanken fassen schon mal gar nicht.
Ich kann das nicht!!! Das war das einzige Vernünftige. Was ich zustande bekam.
Ich kann das nicht!!!

Ich wusste das!!
Aber ihn damit dem Tod ausliefern?!!!
Das kann auch keine Lösung sein!!!
Er hatte schon genau die richtigen Saiten angeschlagen in mir! Der Bergbauer.
Der listige Bergbauer!

So ging es hin und her - und Ping! und Pong! - die ganze Zeit.
Im Nu war der nächste Abend!! Und ich hatte keine Lösung...
wie auch?!

Es brauchte keine Lösung.
Er stand da. Mit dem Hund an einer Leine. Schwieg eine Minute.
Das muss reichen!
Also???
Ich schaue auf den Hund. Was soll ich sagen?
Es war doch eh schon längst entschieden. Eine Minute braucht es da doch gar nicht. Auch wenn ich das überhaupt nicht will!
Ich sage nichts. Er drückt mir die Leine in die Hand.
Wenn es Probleme gibt, kann ich gerne zu ihm kommen.
Ich nicke schwach.
Immerhin.

Da standen wir zwei beide. Und schauten uns an. Und dann wieder weg...
was machen wir jetzt? Mit uns?
Ich versuch zur Abwechslung mal pragmatisch zu denken.
Der Hund da weiß ja jetzt noch nix. Was hier los ist. Er ist nur Wohnung mit Sofa zum zerbeißen gewohnt. Und dann lange Jahre angebunden.
Was er hier soll - wie soll er das denn verstehen können?
Ich führ ihn vielleicht  halt mal hier rum. Damit er einen Eindruck bekommt. Wie hier alles so ist.
Mit Hunden geht man spazieren.
Dann machen wir das mal.
Und so gehen wir los. Es gibt hier viel zu zeigen. Sehr viel.
Sehr sehr viel Gelände.
Das wird ihm schon gefallen. Bestimmt.
Es gefällt ihm ganz und gar nicht. Und er sieht auch nix. Von dem, was ich ihm zeigen will.
Das einzige was er erlebt ist heftigste Strangulation. Von Anfang bis Ende. Immerzu. Ohne jede Pause mal zwischendurch.
Immerzu nur dieses Gegurgel. Von einem halb ersticktem Hund.
Ich versuch alles. Was mir einfällt. Gehe schneller. Laufe sogar. Soweit es geht.
Es nützt nix.
Ich red auf ihn ein. Hätte ich uns sparen können.
Hock mich hin, lad ihn ein neben mir. Für die Katz! Grad für die Katz.
Alles.
Vielleicht ist er so? Vielleicht kann er nur das?
Gurgeln vor Erstickungsnot?
Ich kehre schneller wieder um als geplant. So geht das doch nicht! Der arme Kerle.
Der Bauer hatte noch ein wenig Hundefutter dagelassen. Bis ich selber was besorge.
Also bekommt er das Futter.
Ich schau ihm zu. Er ist begeistert. Und ich freu mich auch. Zum ersten Mal, seit er bei mir ist. So kann ihn mal anschaun.
Was ich sehe ist vor allem eins: er findet keine Ruh.
Läuft durch den Raum, schnüffelt schon mal hier oder da... aber meistens hockt er vor der Tür und winselt
dringlich.

Dreimal gehe ich raus mit ihm. Vielleicht muss er ja auch? Schließlich hat er ja auch das Futter verschlungen... keine Chance!
Immer nur dieses Gegurgel.
Einer verzweifelt sich selbst strangulierender Kreatur.

Mitten in der Nacht gebe ich nach.
Ich verstehe. Es gibt keinen andren Weg.
Ich nehme ihm den Strick ab.
Öffne die Tür.
Und lass ihn laufen.
Ruf ihm noch hinterher:  komm wieder!
Aber das hätte ich mir grad sparen können. Er ist schon längst über alle Berge.
Wörtlich. Gejagt.
Und nur ich höre die zwei Worte. Wie sie langsam verhallen.
Ungehört.
Komm wieder

Ich weiß, ich hab das einzig richtige gemacht.
Das ist es, was er so dringend brauchte.
Aber es geht mir sehr schlecht damit. Sehr schlecht.
Da läuft er jetzt... was da alles passieren kann! So irre, wie er grade ist!
Und ich kann ihm nicht helfen. Ich weiß ja gar nicht, wo er ist!
Ob er wohl wieder den Weg zurück finden kann?!
So wie er losgestürmt ist, hat er sich ma nix merken können!!
Ist er jetzt verurteilt, durch die Pyrenäen zu streifen? Heimatlos? Und verhungernd... der weiß bestimmt nicht, wie er jagen muss. Der hat das doch nie geübt!
Bis er das kann, ist er schon längst zu schwach geworden dafür.

Ich sehe ihn in vielen verschiedenen Versionen leiden, darben, sterben...
Ich hab ja auch genug Zeit dafür.
Immer wieder geh ich vor die Tür. Und horche.
Ich kann ihn ja noch nicht mal rufen!! Er hat noch nicht mal einen Namen...
Rocky, mein ich, hat der Bauer gesagt, hieß er. Aber erstens bin ich mir überhaupt nicht sicher! Ich versteh leidlich französisch. Wenn es langsam und simpel genug ist. Aber hier sprechen sie katalanisch. Und auch, wenn sie sich Mühe geben, rutschen sie ständig vom französisch ins katalanische zurück.
Und außerdem finde ich diesen Namen furchtbar. Und möchte ihn überhaupt nicht so nennen.
Das erinnert ihn doch nur an Elend!
Wenn er wiederkommt, geb ich ihm einen schönen Namen!
Wenn er wiederkommt...

Es ist nicht so, dass ich aus Liebe zu ihm so leide,
an diesem Gedanken, dass er nicht wiederkommt.
Ich kenne ihn ja noch gar nicht.
Es ist die Verantwortung. Die mich so quält.
Und mir keine Ruhe lässt.

Stunden später, zumindest gefühlt, ich habe keine Uhr,
höre ich verblüfft seine Schritte.
Ich hab nicht mehr damit gerechnet.
Er kommt zurück, als mache er so was jeden Tag. Völlig selbstverständlich.
Trinkt ordentlich. Dreht eine keine Runde im Raum.
Entscheidet sich für einen Platz.
Und lässt sich nieder.
Diesmal ganz entspannt.
Und schläft bald ein. Tief und fest.
Es war doch das richtige.

Ich schau noch in die Nacht.
Das Ende jetzt ging ziemlich schnell.
Zu schnell für mich.
Ich seh den Mond groß stehen. Über dem Berg gegenüber.
Und ich beschließe, er soll etwas mit Mond heißen.
Oder moon?
Oder mun auch... ich liebe die chinesischen und japanischen kurzen Gedichte.
Und so wird nach einigem hin und her und ausprobieren
munshan draus.
Jetzt bin auch ich zufrieden. Und komm zur Ruh.
Keine Ahnung, wie das alles gehen soll - aber morgen früh habe ich schon mal seinen Namen für ihn.
Wenigstens das.