Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nachtwind

Danke für die Rücksicht, ponyhof.

Die Situation entspannt sich schnell, keine 10 Minuten, ist sie schon dran.
Die beiden älteren Damen vor mir, eine mit Rolator, die andre als Begleiterin, murren.
Mich beschäftigt die Situation im Gazastreifen sehr in dieser Zeit. Jetzt taucht ein neuer Gedanke auf dazu: gibt ja auch in dieser furchtbaren Lage dort auch so alte Frauen wie mich, mit eher ganz banalen, alltäglichen Krankheiten wie Krebs... wie geht es denen dann? Dort?
Wirst morgens wach und dein erster Gedanke ist: ,,steht mein Krankenhaus noch?"
,,Leben meine Ärzte noch?"
Und wenn ja, dann vielleicht noch: ,,wenn es keine Narkose mehr gibt, lasse ich mich nicht operieren... hoffentlich sagen sie es mir rechtzeitig vorher!"
Und: ,,wenn ich doch nur eine Matratze hätte, die ich mitnehmen könnte! Damit ich auf dem Flur ein bisschen Schutz vor den Schritten und Tritten der Menschen hätte... unsere Nachbarn hatten ein Auto - sie haben jetzt noch Matratzen. Wir hatten kein Auto - wir haben keine Matratzen mehr."

Man kann sich noch so sehr versuchen reinzudenken in fremdes Leben und fremdes Leid - es bleiben immer
noch nicht bedachte Situationen. Und Nöte.

Ich denke daran, wie ich jeden Morgen wach werde, auf meiner Matratze... und mit einem Dach über dem Kopf und einer Wohnungstür, die ich schließen kann.
Und seufze. Vor Wohlbehagen.
Ich habe sicheren Zugang auf  ausreichend Narkosemittel - und die Gewissheit, ein Bett - in einem Zimmer! - zu bekommen. Und ausreichend Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.
Wär jetzt schon dämlich, wenn ich mich jetzt beschweren würd.
Außerdem weiß ich gar nicht, wie ich meine Matratze in die Klinik bekäme - sie ist aus Latex, dick, völlig schwabbelig und grottenschwer!
Ob man überhaupt eine Matratze in der Straßenbahn transportieren darf?
Und auch: kann?
Irgendwie auch ein totales Glück, sich nicht auch um sowas noch den Kopf machen zu müssen.
Bin ausgiebig zufrieden! Mit allem hier...
und ziemlich dankbar.

Die eine junge Frau kommt nach ihrem Termin wieder zu uns in unser Wartehäuschen. Die andre dann auch. Greifen ruhig zu ihren Büchern. Scheinbar gibt es zwei Termine.
Irgendwann bin dann auch ich dran. Ein junger Arzt in Ausbildung hat jetzt die Aufgabe, mich zu informieren.
Macht er gerne. Macht er wahrscheinlich noch nicht lange. ;-)
Ich komm mir so ein bisschen vor wie auf den Pflichtfobis auf Arbeit.
Ich spiele das Spiel mit. Gerne. Und überlege zwischendurch, ob wohl ein täglich 8stündiger Arbeitseinsatz in einem Raum ohne Fenster längerfristige Folgen hat? So wie Nachtdienst?
Dann kommt er an einen Teil seiner Ausführungen - ich weiß nicht, ob ich das jetzt wissen wollte?!
Also 5 Löcher in die Bauchwand geschnitten, 4 für die Roboterarme, so weit so ungefähr so auch vorgestellt, das 5. für einen Schlauch, durch den der Bauch aufgepumpt wird. Damit mehr Platz ist zum Arbeiten. Ich schaue verwirrt, er erklärt begeistert ,, wie einen Luftballon"... und ergötzt sich an meinem Gesichtsausdruck. Und tröstet grinsend: ,,Sie werden auf die Liege geschnallt, damit Sie mit dem Kopf nach unten liegen!"
Das reicht. Ich ziehe mich augenblicklich aus meinem Gesicht zurück.

In mir ploppt ein rotes Warnschild auf - willst du das?! Willst du das wirklich?!
Noch kannst du abhauen!! Noch kannst du gehen!! Es ist noch nichts geschehen...
Aber überraschender Weise ploppt das so schnell wieder runter, wie es aufgeploppt ist. Bin ich in Summe so auffallend sicher, dass das der richtige Weg ist? Und es war mir nur noch nicht so klar?
Oder herrscht in mir zumindest eine deutliche Übereinkunft: jetzt bloß nicht schon wieder Grundsatzdiskussionen!!! ALLES
ist besser als jetzt wieder neu alles durchgehen. Was es so gibt.
An Möglichkeiten. An Handlungsmöglichkeiten.
Alles!
Nur nicht das!

Wie auch immer, ich bin verwundert. Aber nur noch mal neu bestärkt. In meiner Entscheidung. Ob nun inhaltlich oder als reine Notwehr - egal!
Das ist doch jetzt mal ein tolles Ergebnis einer solchen Informationsveranstaltung!
Hätte ich jetzt gar nicht erwartet.
Manchmal fällt einem auch was in den Schoß. Einfach so.

Während er bei wieder eher trockenen Details angekommen ist, überlege ich so vor mich hin: musste er das jetzt so informieren? Gehört das dazu? Als Info?
Oder war ich ihm zu unbeeindruckt bis jetzt? Und das hat ihn gewurmt?
Ich schätze sein Alter.... bisschen mehr als halb so alt wie mein Sohn... noch sehr sehr jung. Grad erst dabei, ein bisschen erwachsen zu werden...
Vielleicht ist er ganz frisch mit im Op, zum Zugucken.... und er muss erst mal auch selbst solche leicht absurden Bilder verarbeiten, in die er da gerät.
Ich tendiere zu letzterem.
Wir haben eine gute Zeit.

nachtwind

Dann werd ich wieder zurückgeschickt. Warten Teil 2.
Hinter mir saß noch eine Frau, mittelalt. Ich hab sie nicht beachtet, bis jetzt.
Nehme sie erst wirklich wahr, als sie an uns allen vorbei zum Tresen geht. Ihr Anliegen vorträgt.
Ich hör nicht hin, aber dann schnapp ich ,,...ich hab auch langsam echt Hunger!..." auf. Oha- das heisst doch, sie sitzt hier in Erwartung ihrer Op?!
Es gibt hier ja keine Untersuchungen, für die sie nüchtern sein sollte - nur Gespräche. Ja gut, und vielleicht eben auch ambulante OPs...?
Kann das aber jetzt nicht vertiefen, werde zu meinem 2. Gespräch aufgerufen.
Und bin echt erstaunt.
Ich dachte immer, Narkoseärzte sind solche, die sagen: ja, ist wirklich mein Traumberuf. Nur die Menschen immer - die stören schon gewaltig!
Ist doch gut, wenn jeder so seine Nische findet. In der er sich richtig wohlfühlen kann. Und die Menschen um ihn rum eben auch.
Dieser aber jetzt, mein Narkosearzt, der ist richtig sympathisch!
So viel offne Menschlichkeit hab ich hier in der Klinik überhaupt nicht erwartet!

Geht schon los mit seiner ersten Frage: ,,was macht denn Ihre Fibromyalgie?"
Vor zwanzig oder dreißig Jahren war ich mal in der Uni, wegen der quälenden Schmerzen. Diagnose eben Fibromyalgie. Gibt so Triggerpunkte. Bei mir waren alle auf Alarm. Nur in den Füßen nicht. Hat uns beide gewundert, aber war so.
Ich war froh über überhaupt mal eine Diagnose. Aber nicht so lang. Es gibt nix, was da hilft. Und auch keine bekannten Ursachen. An denen man sich langhangeln hätte können. Auf der Suche danach, was da trotzdem helfen könnte.

Ich bin völlig verblüfft über diese Frage. Er muss lächeln und deutet auf seinen Bildschirm. Steht da. Ich bleibe verwirrt.... es ist eine Frage...ich sollte antworten... ich krieg nur ein resigniertes leichtes Achselzucken hin. Er versteht auch das. Langsam bin ich hin und weg von ihm. ;-)

Und das bleibt so. Wir fliegen in angenehmen Einklang durch den Wust an nötigen Fragen... paff fertig!
Schade...
Ich frag ihn noch schnell, im Aufstehen, ob er mein Narkosearzt sein wird.
Ist noch nicht klar.
Jetzt sag ich es: schade!
Wir lächeln beide.
Und raus.

Im Flur dann rutscht die Wärme in immer traurigere Gefilde.
Die Frau von eben steht da, und bei ihr der junge ich-werd-auch-mal-Arzt.
Die beiden so Freundlichen von der Theke haben sich mal wieder gekümmert.

Ihre Op ist wohl abgesagt worden.
Ich hab mich schon auch gefragt, warum das hier so elends lang dauert - die einzig  plausible Antwort: es gibt keine zwei, die da sitzen und nix andres tun, als solche Gespräche zu führen. Es wird laufend operiert, und in den Pausen finden dann diese Gespräche statt.
Ist wohl wirklich so.
Mein Narkosearzt erscheint im Flur, um eine neue Patientin abzuholen, da wird er wieder zurückgerufen... noch ein schade. Ich hatte schon gehofft, meine murrenden Mitwartenden würden jetzt ganz fix auch erlöst.
Nix da.
Er dreht wieder um. Wird gebraucht.
Vielleicht ein Notfall. Bei dem man sich vorher noch kurz besprechen muss. Fakten austauschen.

Für den Jungen gilt das nicht. Er bleibt bei der betroffenen Frau. Die traurig ist. Und riesig enttäuscht. Und nicht einfach schweigen will. Und ohne ein Wort gehn.
Der Junge sagt gerade ,,ich verstehe, dass das für Sie jetzt nicht schön ist, aber Sie müssen auch uns verstehen..."
Sicher bin ich nicht, aber vielleicht denkt er im Stillen: wir haben gerade jemandem - oder auch zweien - das Leben gerettet! Da muss dann halt jemand wie Sie auch mal zur Seite treten!
Ich versteh ihn. Sicher, er ist jung. Und begeistert. Von seinem Beruf. Und auch von sich. Dadrin.
Aber ich versteh ihn trotzdem. Ich kenne die Krankenhaus-Seite.
Jeder kommt mit seinem Problem. Und für ihn ist das das größte. Und das ist es ja auch!
Aber im Klinikablauf sieht das nicht immer so aus. Kann es auch nicht immer so aussehen. Es gibt halt öfters auch mal
Größeres als das.
Und schon gibt's Streit.
Sie aber lässt das so nicht stehen. ,,Ich sitz hier seit dem Morgen! Hab extra nix gegessen! Und sitz und sitz hier..."
Ich denke, das bezieht sich jetzt auf fehlende und unbefriedigende Kommunikation. Und versteh sie. Hätte man ihr das nicht früher sagen können?
Und nicht erst, wenn sie selber nachfragt?!
So züchtet man sich doch genau diese Patienten heran, die man nicht will - die ganz schnell die Geduld verlieren und sich deutlich vernehmbar beschweren. Darüber.
Nicht aus Charakterschwäche.
Aus Erfahrung!

Er bleibt bei seinem ja-ich-verstehe-aber-verstehen-Sie-auch-uns. Aber leider erklärt er nicht. Dass man das eben erst im Laufe des Tages überblicken kann. Je nachdem, wieviele ungeplante Notfälle dazukommen am Tag.
Und: es sind Notfälle, die ihre Op immer weiter nach hinten verschieben... kein Kaffeetrinken.
Würde es ihr leichter fallen, das dann zu akzeptieren?

Sie ahnt es wohl trotzdem. Sagt trotzig: ,, und es hieß doch, die Op sollte so schnell wie möglich gemacht werden!!"

Er wirkt ein bisschen verunsichert, wahrscheinlich hat er nicht im Kopf, was jetzt ihre Diagnose ist.... bleibt schlicht bei seiner Formulierung - und jedesmal mehr verliert sie schlicht und einfach. An Wert.
Meine Sympathie rutscht langsam aber beständig ein bisschen auf ihre Seite.

Und dann bricht ihr Zaun der Zurückhaltung - und ihre (Wort-)Pferde galoppieren frei durch unseren Flur... sie kann sich nicht einfach krank melden, sie arbeitet in einem Pfarrbüro. Da gibt es keine Ersatzkollegin - ihre Vertretung musste sie mühsam selbst organisieren, für jeden einzelnen ihrer 3 Tage krank. Und ihren Tag heute ... und das ist jetzt alles für die Katz!

Mein Mitgefühl hat sie - ich spüre ihre Erschöpfung. Und die immer größer werdende Enttäuschung - alles für die Katz!
Die letzen Sätze hat sie nur noch zu mir gesagt, und ich nicke bekümmert.
Ich glaube, sie bekommt das mit. Dass sie verstanden wird. Das besänftigt sie ein bisschen, und mit dem Sanften kommen die Tränen.
Und die Erkenntnis: ,,das ändert jetzt auch nix mehr."
Sie dreht sich um. Und geht.
Vermutlich fließen jetzt ein paar Tränen.
Ich wünsch es ihr so.
Hilft halt alles nix.
Sie ist wenigstens nicht stumm geblieben, hat ihre Sache vertreten. Ist gehört - und verstanden worden. Sie kann erhobenen Hauptes die Klinik verlassen.
Und sich dann seufzend darum zu kümmern, die Scherben aufzukehren und ihr Leben langsam
wieder schnittig zu machen.
Für die nächste Möglichkeit für ihre Op.
Und überhaupt.

Ich schau ihr nach. Das Herz schwer.
Spiegelneuronen? Vielleicht. Vermutlich schon.
Aber noch anderes. Gespiegeltes in  mir...

Die zwei  so Freundlichen von der Theke sprechen noch mit dem jungen Arzt in spe... mir wird bewusst, dass sie die ganze Zeit neben uns standen.
Bereit aufzufangen. Falls nötig.
Jetzt kümmern sie sich um den Jungen.

Ich geh in unser Wartehäuschen und krame langsam mein Zeugs zusammen. Viel ist es ja nicht. Die zwei von der Theke - sie kümmern sich um alles und jeden.
Mit einer Engelsgeduld.
....
Es erinnert mich an den Augenblick in meinem Leben, als ich begriff. Warum es Engelsgeduld heißt.

Damals haben wir noch im Wagen gewohnt. Die Kinder noch klein.
Wir waren bitterarm. Wir waren eigentlich immer arm. Aber als sie klein waren, waren wir bitterarm.
Beiden Winterschuhe kaufen, das ging nicht. Nur nacheinander. Monat für Monat ein besonderes. Anders ging es nicht.
Weihnachtsgeschenke bestanden viel aus nützlichen Dingen. Im Vorfeld gab's eben auch mal gar nichts. Ein oder zwei Monate. Gab's dann eben zu Weihnachten. Winterjacken  zB., oder Bettwäsche - eigene!  Oder Wärmeflasche - eigene! So Sachen halt. Die Kinder waren es so gewohnt. Und unser Wäschekorb mit den Geschenken war immer voll. Bis zum Rand und darüber.
Ich glaube, es sind solche Bilder. Die sich festsetzen: wir sind wieder reich beschenkt. Bei uns war's der Weihnachtsmann. Und er hat uns immer reich bedacht. Nie vergessen.

Zu Advent gab's jeden Sonntag
eine Apfelsine.
Die wurde dann zelebriert.
Schon das schälen war spannend. Was man alles so mit Schalenstücken machen kann.
Und dann die Schnitze! Sorgfältig ausgebreitet... und dann ging's los. Um jedes Schnitz ein großes Spiel. Oder Rätsel. Oder eine langwierige Aufgabe. Und dann hatte einer eben ein Schnitz ergattert. Das ging ewig.
Bis zu guter Letzt die Apfelsine verputzt war.
Das war unser Adventsnqchmittag. Danach ging's dann immer erstmal raus.
Die roten Backen abkühlen. Toben.
Wir hatten zwar nur eine winzige Hütte zum Wohnen. Aber das größte Kinderzimmer der Welt.

Später dann, als es uns besser ging und ich zum Advent ein ganzes Netz Apfelsinen auf den Tisch legen konnte, war ich so froh und stolz.
Die Kinder aber erinnern sich nicht daran.
Sie erinnern sich an die einzelne Apfelsine. Jeden Adventssonntag diese eine Apfelsine.
Mütter und Kinder erleben dieselben Ereignisse. Aber erinnern ganz unterschiedlich. Oft.
Mir war das Herz so schwer dabei. Dass sie so arm aufwachsen müssen,
Und für sie war genau dasselbe eine warme Kindheitserinnerung an duftende Apfelsinen, ein ganz seltener süßer Geschmack von Advent... und ganz viel Geborgenheit und Aufregung und Freude.
Ich konnte es erst gar nicht so recht glauben. Als sie mal davon erzählten.
Ich dachte, sie wollten mich trösten. Weil ich mir ja immerhin Mühe gegeben hab. Aber das war es gar nicht. Es war wirklich
schön für sie.

Ok jetzt - Weihnachten... und ein Hauptgeschenk war ein totaler Reinfall. Ich erinner noch, es war eine Winterjacke. Aber für wen und warum sie so ein Reinfall war, das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, der Reißverschluss war kaputt.
 Das ging jetzt nicht - einfach nur sagen: Pech. Wir brauchten diese Winterjacke. Und es gab kein Geld für eine andre. Also ich all meinen Mut zusammengekratzt - sie muss umgetauscht werden.
Ich hab bis dahin glaub ich noch nie was umgetauscht. Ich wusste gar nicht, wie das geht. Ob das geht. Was wenn sie sagen, ja die haben Sie jetzt kaputtgemacht - was können wir dafür?! Wie kann ich beweisen, dass sie schon kaputt war?! Grauen über Grauen... aber nützt ja nix. Wir brauchen diese Winterjacke! Auch: um in einer bekümmerten Kinderseele doch noch ein glückliches Lächeln  sich ausbreiten lassen: kuck! Jetzt bin ich doch
schön beschenkt.
Wir also sobald es ging in das Kaufhaus, aus dem die Jacke kam. Den Kindern das zu erklären war überhaupt nicht schwer, Gottseidank. Klar, dass die Sachen ja irgendwoher kommen müssen. Und genau da, wo sie herkommen, darf man sie dann auch umtauschen. Wenn mal was nicht stimmt.
Das war jetzt schon mal leichter als gedacht.
Aber natürlich hatte ich nicht gut schlafen können die zwei Tage bis dahin. Hin und hergedacht, was alles auf mich wohl zukommen wird. Und was ich dann jeweils tun kann. Oder muss. Oder eben auch nicht.... Angsthasen-Leben halt.

Ja. Wir also in's Kaufhaus, gefragt, oben ist umtauschen. Wir also hin - elendslange Schlange...
Ohjeh... war dann aber auch nicht so schlecht, jetzt musste ich erstmal mir einen Kopp machen, wie ich die Kinder jetzt irgendwie beschäftige... bei Laune halte. Wir können nicht einfach umdrehen! Wie müssen da durch jetzt. Zumindest kann ich so jetzt keine Panik schieben, was alles schiefgehen könnte. Die Schlange ist ja nu schon Schiefgegangenes genug. Erstmal.
Keine Ahnung, was genau wir in der Stunde alles gemacht haben... Ich erinner mich nur, dass sie da waren - und dann auch wieder ne Weile nicht. Wahrscheinlich hab ich sie irgendwann losgeschickt irgendetwas zu suchen. Eine gelbe Teekanne - aber nix anfassen!!!! Jaja... weg waren sie. Kommen irgendwann zurück - haben wir gefunden! Oder gibts nicht! Und jetzt? Also gut, ein ganz kleines Sieb. Aber nix anfassen!!! Jaha!...
Es war auf der Haushaltswarenabteilungsetage.
Irgendwie so.
In den Zwischenzeiten konnte ich durchschnaufen. Und mir endlose Sorgen machen. Was alles schiefgehen könnte.
Es durfte nicht schiefgehen!!

Und wie ich da so steh, in dieser elendslangen Schlange, die kaum kürzer wird, und ich mich so umschau, wer da noch so alles in der Schlange steht.... und was sie wohl umtauschen... bei manchen sah man es, bei andren nicht..., da kommt mir so ein Gedanke... und der lässt mich nicht mehr los. Und sinkt ganz tief in mich hinein. Oder ich in den Gedanken.

Dass wir Menschen eigentlich immer wieder so anstehen, an einer Theke, hinter der halt so was wie Engel stehen... und vorzeigen, was wir so haben, mit dem wir nicht einverstanden sind. Mit unserem Leben. Und wollen das umgetauscht haben.
Das ist doch kaputt. Ich will genau so eines wieder - aber das dann nicht so kaputt!!
Oder: ich will ein neues! Eines, dass diesmal nicht kaputt ist!!
Oder: ich will es gar nicht umgetauscht - ich will es überhaupt nicht mehr. Ich will mein Geld zurück, damit ich mir damit etwas ganz andres jetzt aufbauen.

Und die Engel (oder wer auch immer) hören sich das Beklagen ganz mitfühlend an. Und schauen auch betrübt quf das, was aussieht wie kaputt. Und müssen dann genauso mitfühlend, wie sie zuhören, auch immer wieder sagen: Ich versteh dich... aber dein Leben kann ich dir nicht umtauschen.

Und dann geht das Gefeilsche los, also gut nicht alles umtauschen aber wenigstens einen neuen Reißverschluss einnähen! Das ist doch nicht viel!! Bitte!!! Ich kann doch so nicht leben!!
Oder das Gezeter. Oder das Drama. Oder die Verzweiflung! Oder der Kummer. Der die Worte geschluckt hat, und jetzt hat man keine mehr. Und schiebt nur wortlos
sein Leben auf den Umtauschtresen. Und fühlt nur noch. Es geht nicht... Bitte!

Und jedesmal müssen die Engel wieder sagen: es tut uns so leid - aber wir können dir dein Leben nicht umtauschen.
Und die Schlange hört nie auf.
Je mehr ich mich in diesem Bild bewege, und je mehr ich mir dazu denke, merk ich, dass meine Aufmerksamkeit weggleitet. Von all den verzweifelten oder nörgelnden oder ratlosen oder trostlosen oder tödlich erschöpften Menschen weg - und ich werde immer sicherer, dass jeder!! jeder einzelne von uns schon mal in dieser Schlange stand. Egal weshalb. Egal was er umtauschen wollte. Ich bin mir sicher: jeder stand schon mal hier.
Der Busfahrer und die Lehrer unsrer Kinder, die Aldi-Verkäuferin und der Bürgermeister, der DHL- Fahrer und der Pastor, die Richterin und die Frauen vom Strickkreis.... alle, so denke ich - und bin mir sicher darin - alle standen oder stehen schon mal
in dieser Schlange.

Hin zu den Engeln.
Und mir wird bewusst, dass sie immer! immer!! mitfühlend bleiben. IMMER!
Nicht einmal genervt. Nicht einmal mit einem Augenrollen. Nicht einmal erschöpft.
Sie bleiben immer: mitfühlend.

Vielleicht ist das ihr Job? Das hier zu lernen?
Vielleicht gehört diese Station zu der Grundschule der Engel.
Lerne das gründlich, dann darfst du in die höhere Schule?
Vielleicht wurden sie strafversetzt? Weil es ihnen an Mitgefühl gemangelt hat? Und jetzt müssen sie das lernen.
Und erst, wenn sie es gelernt haben, dürfen sie wo anders hin?
Und genau deshalb
wollen sie das auch jetzt wirklich lernen. Und geben alles. Und bemühen sich so.

Bis sie
die Engelsgeduld gelernt haben.
Dann sind sie richtige Engel.
Und dürfen anderes tun.
Mit Engelsgeduld.

Diese Engelsgeduld... ist sie nicht mit so viel schwerem Herzen verbunden?
Kann man denn an dieser Theke stehen und jedem zuhören und jeden verstehen
und doch jedem nur sagen können, ganz liebevoll: wir können dein Leben nicht umtauschen... kann man das denn, ohne dass das Herz schwer wird? Irgendwann.
Ist die Engelsgeduld nicht genau daraus vielleicht gespeist?
Aus einem tief mitfühlendem und davon schwer gewordenem Herzen?

Ich weiß das alles nicht mehr so genau. Was ich damals gedacht hab. Und was in all den Jahren danach, wenn ich wieder einmal an die Engelsgeduld erinnert wurde.
Ich weiß nur, warum sie Engelsgeduld heißt. Diese besondere Geduld.
Seitdem.


Und ja, wir haben die Winterjacke umgetauscht bekommen.
Ganz mühelos.
Und ohne Probleme.
Und die Kinder haben auch nix zerdeppert, auf ihren Streifzügen durch die große weite Welt der Waren.
Wir kamen aus einem Dorf. Lebten auf einem Bauernhof. Mit vielen Kindern.
So ein Warenhaus, das war jetzt etwas ganz besonderes. Fast: aus einer andren Welt.

Ich weiß das nicht mehr, aber ich denke, die Rückfahrt wird still gewesen sein.
Wir hatten alle so viel erlebt.
Und wieder im Auto zu sitzen, ist ja fast schon wie wieder zuhause zu sein.

Ich habe diesen Tag nie mehr vergessen. Und werd das auch nicht mehr.
Nicht wegen des Warenhauses. Auch nicht wegen der geretteten Winterjacke. Obwohl das schon tief war! Die Erleichterung darüber.
Auch nicht wegen der nachträglich geretteten Weihnachtsfreude.
Wegen der Engelsgeduld.

Und uns Menschen, wie wir da alle Schlange stehen. Mit unsrem Leben.
Immer wieder mal. Immer wieder neu.
Und etwas umtauschen wollen.
Was kaputt ist.
Oder uns nicht gefällt.
Oder ganz ein neues wollen. Ganz anders. Heile halt.

Oder auch für unsre Kinder: wir wollen genau das! Wir lieben es! Aber dies und das, schau doch mal, das ist doch kaputt. Wir wollen das umtauschen jetzt. Genau das selbe Kind bekommen dann. Nur heile. Bitte!!
Es leidet doch!
Und wir mit ihm!
Bitte!!

Und dann wieder
diese Engelsgeduld

voll Liebe
voll trauriger Liebe?
voll warmer, mitfühlender Liebe
Engelsgeduld
 



nachtwind

Engelsgeduld...
Als mir das an diesem Tag im Warenhaus so unverhofft aufblitzte - dass wir so verzweifelt umzutauschen versuchen, was doch unser ganz eigenes Leben ist -
und was ich noch nicht mal ansatzweise verstanden hatte...vielleicht eher: bereit war, das in Erwägung zu ziehen, eventuell .... -
jetzt in der Rückschau sehe ich, wie wichtig das für mich war. Nicht nur, weil ich es noch so genau weiß  - auch und vor allem: weil das so was wie eine Grundlage war. Wurde. Für vieles weitere.
Wenn ich mein Leben als meinen Garten verstehe, den ich zu pflegen und bearbeiten habe, und der mich im Gegenzug ernährt - im besten Falle mich und andere - dann war das vielleicht der Moment, wo ich ansatzweise ahnen konnte, wie wichtig doch der Kompost ist!! Wie elementar wichtig.
Und dass ich seitdem immer wieder versucht habe, auch ihn im Blick zu halten, auf der Suche, was hilft.
Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher - ich versuch das jetzt mal so einzuordnen. Mir kommt der Gedanke mit dem Garten erst gerade jetzt.
Vielleicht werd ich das noch mal anders verstehen. Und anders einordnen.
Aber jetzt lass ich das als Arbeitshypothese mal so stehen. Noch
fühlt es sich richtig an.

Worauf ich hinauswill - ich glaube, dass es dieses Bild von unsrer menschlichen Umtauschtragödie war, aus der heraus - viele, viele Jahre später, als die Kinder schon aus dem Haus waren - dieses für mich so heilsame Kraut gewachsen ist:
Jedes Leben hat seinen Preis.
Punkt.

Aber das konnte ich ja nun wirklich noch nicht wissen. Damals.
Nur, dass es besonders war, dessen war ich mir sicher. Warum und wofür auch immer... es war bedeutsam.
Engelsgeduld.


So denk ich vor mich hin, während ich meinen Kram zusammensammle und mir meinen Mantel anzieh - Engelsgeduld haben diese zwei Freundlichen.

Vielleicht nur heute grad mal. Aber immerhin: Heute!
Es ist mit ein echtes Bedürfnis. Ihnen dafür zu danken. Ja gut, aber wie?
Ich bin darauf nicht vorbereitet. Und endlos Zeit, dass mir was einfällt, jetzt auch nicht. Den Mantel hab ich ja schon an.
Auf keinen Fall mit so Gedanken wie Engelsgeduld, nachtwind!! Das ist jetzt deine! Geschichte - ihre ist vermutlich völlig anders. Denk dran, wo du hier bist!!

Im Krankenhaus bedankt man sich mit etwas Süssem... einer Karte dazu.
Und was für die Kaffeekasse. Aber das jetzt wär mir zu unpersönlich. Geld. Passt doch auch gar nicht. Ich war grad mal 5 Stunden hier. Also alles was recht ist!
Ich bin schon auf dem Weg zu ihnen, da fällt mir ein, dass es einen Kiosk gibt in der Frauenklinik. Also...
sag ich: ,,wenn Sie mir sagen, was Ihre Lieblingssüssigkeit ist, dann lauf ich geschwind zum Kiosk und hol sie für Sie" - und finde das ziemlich pfiffig.
Säe aber leider nur völlige Ratlosigkeit. Eine der beiden steht sogar auf und geht in das kleine Zimmer hinter ihnen. Die andre schaut mich völlig irritiert an. Überlegt sie grad, was jetzt wieder ich nun für ein Problem wohl habe? Und: wie sie das jetzt am besten lösen kann?
Mir wird sofort klar: das war jetzt nix! Hab's für ne kleine geniale Lösung gehalten - dabei war's schlicht ein Versemmeln. Mist!
Jetzt reparier es halt. Sofort!
Und so erklär ich, ein bisschen besorgt, dass ich bemerkt hab, mit welcher Geduld sie sich hier um jeden gekümmert haben, der das brauchte. In der kurzen Zeit, in der ich hier war. Und dass diese Freundlichkeit mir gut getan hat. Und ich mich jetzt einfach nur dafür bedanken will. Bei ihnen. Sonst nix.
Und dass mir halt deshalb der Kiosk eingefallen ist.
Jetzt
versteht sie. Auch ihre Kollegin kehrt wieder zurück. Sie lachen erleichtert - kein neues Problem.
Und der Kiosk ist jetzt eh schon zu!!
Da müssen wir alle drei lachen. Und ich gebe zu, dass das wohl eine dämliche Idee war. Mit dem Kiosk.
Damit ist das Eis endgültig gebrochen. Und jetzt freuen sie sich sogar auch. Richtig. Über das, was ich gesagt hab. Über sie.
Und ich bin erleichtert- und winke. Nur schnell weg. Eh ich es wieder versemmel!
Alles gut.
Nix wie raus jetzt!

Draußen ist es noch hell. Ich geh ganz in Gedanken zu meiner befreundeten Linie 4. Ich glaube, ich falle gar nicht mehr auf. Bewege mich ganz grossstadtmässig. Komm mir zumindest so vor.
Mir kommt natürlich zugute, dass ich Jahre in Köln verbracht habe, und in einigen andren Großen Städten mit Straßenbahnen auch. Also keine Jahre jetzt. Aber immerhin auch.
Auf diese Vertrautheit kann ich mich jetzt natürlich relativ schnell wieder verlassen.
Und das ist es auch: es ist mir eigentümlich vertraut.
Der Mensch ist anpassungsfähig. Auch mit 71 noch.
Vor allem, wenn man sich vorher in der Welt schon ein bisschen umgeguckt hat. Und einiges kennengelernt hat.
In jungen Jahren.
;-)

Ich muss immer wieder an die Frau aus dem Pfarrbüro denken... es tut mir einfach leid. Ich kann mich reindenken in ihre Situation.
Aber es ist auch dieses allgemeine... jeder ist so bedürftig. Das hat mich schon auf Arbeit öfters mal einfach nur noch müde gemacht.
Der Patient ist bedürftig - natürlich!! Aber dann kommt auch noch der Angehörigen, und natürlich! Sind auch sie bedürftig. Nicht alle, aber immer wieder welche.
Und die Mitarbeiter aus der Pflege - auch immer wieder mal. Auch: natürlich!Meistens.
Kommen noch die Ärzte... sie noch am wenigsten, aber auch sie wollen manchmal gesehen und verstanden werden.
Und so treffen, wenn du mal richtig Pech hast, 4 aufeinander... und jeder ist so bedürftig. Und prallt doch an der Bedürftigkeit der andren
einfach ab.
All diese Sätze, die freundlich beginnen - und dann beim ,,Komma ABER" die völlig andre Richtung nehmen.
Der sie sagt, glaubt, er sei doch so empathisch gewesen.
Stimmt ja auch. Bis zu dem Komma.
Das Komma aber macht dann aber alles kaputt. Löscht alles Zugewandte lässig wieder aus. Nie dagewesen! Nix Empathie mehr im ganzen Satz.
Nur billiges Gutmenschentum - und ganz viel ich!
Nur so getan als ob... und dahinter nur das eine: Ego! Das eigene.

Das kann so müde machen.
Und so hoffnungslos.
Wie soll das jemals gehen? Zwischen den Menschen. Wenn's schon bei uns im Paradies der materiellen Welt nicht klappt.
Dabei kostet es so wenig... nur ein bisschen Pause. Zwischen dem : ich seh dich
Oder auch: ich versteh dich... nur ein bisschen Pause! Ein bisschen da dabei bleiben. Bis die Tasche im Herzen sich füllt davon. Bei beiden. Und dann hat man Raum für seins.
Aber nicht mit Komma aber!! Das tut nur weh. Das fängt gut an und haut dich doch nur wieder in den Dreck: Ich! - bin hier wichtig! Du!- bist hier nix wert!
Komma aber... ein Scheiß ist das!

Da prallen zwei oder drei oder auch mal vier aufeinander - und alles sind doch keine schlechten Menschen. (Die gibt's auch, aber um die geht es hier jetzt nicht.)
Jeder will gesehen werden. Und wenn er gesehen wird, ehrlich gesehen wird, dann ist er ja auch bereit und durchaus fähig auch, den anderen zu sehen.
Aber jeder braucht sein gesehen-werden als erstes. Damit er dann....

Das ist das Dilemma. Das führt dazu, dass Frau Pfarrbüro sich umwenden und mit Tränen in der Stimme sagen muss: ,, das bringt doch nix."
Und wieder ist eine Verletzung mehr in der Welt.
In der es nur so wimmelt. Voller Verletzungen. Überall. In jedem. Bei uns. Und überall. Und jede neue Verletzung in der Welt
macht doch das ich-aber-zuerst!, das Komma-ich-aber-zuerst!
nur stärker. Und lauter. Und bestimmender.
Und kostet doch so wenig! Nur ein kleines bisschen Zeit... für den andren... in seiner Not... dass er verstanden wird, wirklich gesehen.
Es kostet doch nur so wenig... und wir kriegen es nicht hin.

Wenn sich ein Israeli und ein Palästinenser gegenüberstehen -  dann! kostet
das ganz furchtbar viel. Wenn der eine seine gestorbene Frau im Herzen trägt, und der andre seinen gestorbenen Sohn... dann kostet das so viel Kraft! So viel...
Und trotzdem führt kein Weg daran vorbei. Kein einziger.
Damit wieder Frieden möglich wird. Nur möglich...

und wahrscheinlich erst für die Enkelkinder.
Es führt kein Weg daran vorbei.
Aber hey! - mach das mal!

Und wir kriegen es nicht hin... und haben uns nicht gegenseitig die Familien abgeschlachtet.
Haben keine Ehe mit tausenden Verletzungen in uns, kein zwanzigjähriges Schüler-Lehrer-Verhältnis, keine mit so vielen kleinen Demütigungen gefülltes Mitarbeiter-Chef-Verhältnis....
wir kennen uns doch gar nicht!!! Haben uns nie gesehen! Haben uns nie was getan! Werden uns auch nie wiedersehen!
Warum kriegen wir selbst in einer solchen Situation
es einfach nicht hin?!

Ich wünsch mir so, dass die Frau Pfarrbüro irgendetwas findet, erlebt, dass ihr irgendeine Feder in den Weg geweht wird, damit es ihr ein bisschen etwas Sanftes berühren kann in ihr. Damit sie wieder in's Leben rutschen kann. Und nicht feststecken bleibt.
Das wird schon. War ja jetzt nicht ganz dramatisch. Bis sie zu Haus ist, ist es schon wieder gut.
Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Und wünsch es ihr hinterher. Auf ihrem Nachhauseweg hinterher.
Vorsichtshalber.
Schadet ja nicht.

Das schönste am Strassembahnfahren ist, wenn du nicht aufpassen musst, wo du aussteigen willst.
Ich hab das große Glück, dass ich bei der Hinfahrt aufpassen muss. Da bin ich erstens noch ganz wach. Und zweitens lenkt es ab. Vom Sorgen machen.
Also eher: kleine Sorgen lenken von den größeren ab. ;-)
Und auf dem Rückweg dann, wenn so viel in mir sich bewegt und arbeitet, da kann ich mit einem letzten kleinen erleichterten Seufzer mir meinen Platz suchen. Und dann darf ich nur noch sein...
bis zur Endhaltestelle.
Ich liebe Endhaltestellen! Eindeutig ein zusätzlicher Segen!




nachtwind

Wieder in meinem kleinen Fahrzuhause registriere ich, dass ich jetzt noch eineinhalb Stunden Zeit hab. Bis zu meinem Termin beim Internisten. Für mich: mein Kardiologe.
Hatte ich vor Monaten gemacht, den Termin. Weil ich so schlecht Luft bekomme. Mein Sohn sagt: ,,jetzt untersuch halt mal dein Herz! - das kann halt auch daran liegen!"
Wenn er so ausrufezeichen-mäßig redet, weiß ich: das muss ich jetzt auch tun!
Wer will schon, dass der Sohn sauer ist auf einen... ich mal nicht.

Damals war ich noch gesund. Oder besser: da wusste ich noch nicht, dass ich krank bin. Jetzt wollte ich den Termin wieder absagen. Viel zu viele Termine grad. Kann ich keinen unnötigen noch dazu gebrauchen.
Andererseits bin ich ja grad sowas wie im flow.... ein Termin jagt den anderen (wenigstens für jemanden wie mich... ich scheue vor einem Termin wie ein misshandeltes Pferd vor einem Hindernis. Und je mehr Gewalt ich auf mich ausübe, um mich dazu zu bringen, desto mehr bocke ich. Gewalt ist da keine Lösung.)
Aber jetzt bin ich in einer Art flow ... noch ein Termin? Kein Problem. Ein Zwischenschritt - und ich nehm auch das Hindernis geschmeidig. Ich bin ja schon in Bewegung. Da geht das - fast mühelos.
Also hab ich ihn nicht abgesagt. Ich war ja auch schon 15 Jahre nicht mehr bei ihm. Damals war er mein Darmspiegel-Arzt.
Das Gute daran war - erstens: war nix.
Und zweitens, und das viel schöner noch: das mach ich nie wieder!
Wieder eine Untersuchung weniger, zu ich mich vielleicht doch noch mal überreden lasse. Die Sicherheit hab ich jetzt! Einmal - und nie wieder. ;-)

Vorher war ich noch bereit, ein bisschen übermütig zu sein.
Gefahr, dass dabei der Darm verletzt wird, besteht. Oh - wieviel Prozent??
O,2 bis o,4. (oder irgendsowas in dem Dreh.) Ich überlege kurz: Haben Sie denn schon tausend gemacht? Er lacht.  Deutlich mehr. Ich überlege wieder kurz und treffe dann meine Entscheidung: ,,gut, dann nehme ich jetzt mal die Nummer 251 in einer neuen Tausender- Reihe - und damit passiert mir ja nix. Machen wir."
Ich erinner mich noch, dass er mich sehr nachdenklich angeschaut hat.
Aber er war nett zu mir, also kein weiteres Problem.
Also am Abend vorher abführen, hier das Rezept dafür, und am Morgen dann diese Tablette einnehmen. Dann dürfen Sie aber nicht mehr fahren.
Hmmm - kann ich diese Tablette auch weglassen? Oder ist es dann zu schmerzhaft oder so was?
 Nein, zu schmerzhaft ist es nicht. Aber es ist besser, Sie nehmen sie!
Sehr nachdrücklich, das letztere.
Ok!

Hab ich dann natürlich nicht.
Ich hab viel zu viel Respekt vor der Wirkung von solchen Medikamenten. Und viel zu viel Angst vor all den Nebenwirkungen.
Ich bin ziemlich tablettenfrei durch's Leben gekommen. Das ist jetzt mal ein Vorteil eines Angsthasen-Lebens.
Denn ich glaube, dass es daran liegt, dass ich deshalb so stark auf Schmerzmedis reagiere. Vielleicht gibt es noch 4 oder 63 andere Gründe dafür.  Aber ich mag den Gedanken, dass es daran liegt, dass ich kaum was genommen hab in meinem Leben. Es fühlt sich einfach gut an. So.
 
Und zweitens, vermutlich genauso gewichtet: so kann ich ja doch selber Auto fahren. Er ist schließlich 5 Dörfer  weiter entfernt.
Und ich kann sooo schlecht jemanden um Hilfe bitten.
Da nehm ich lieber keine Tablette und steh das nüchtern durch.

Gut, also der Arzt war jetzt sehr skeptisch, als ich ihm das erklärt hab. Aber was will er machen... er also schlecht gelaunt angefangen... aber wurde immer entspannter. Ich hab keinen Mucker getan. Das hat geholfen.
Ergebnis: er war zufrieden. Ergebnis gut. Und hat mich sogar gelobt für's Aushalten.
Und ich war auch zufrieden. Ergebnis gut. Und die Gewissheit - das mach ich nie wieder.
Das hab ich jetzt eindeutig hinter mir!
Auch das fühlt sich prima an. :-)

Wir hatten mal eine alte Wohnung mit ganz schlechtem Abflusssystem. Da hatte ich mir dann nach vielen vergeblichen Versuchen eine Spirale zugelegt.
Die führt man in's Rohr ein - und dann ist sie so gedreht, dass sie in regelmäßigen Abständen einmal feste um sich schlägt. Gegen das Rohr. Richtig feste. Dadurch löst sich wirksam jede Verstopfung. Rein mechanisch.

Was soll ich sagen... genauso funktioniert die Darmspiegelungsspirale. Sie muss zwar nix losschlagen - aber so bewegt sie sich eben vorwärts. Ab und an schlägt sie wild um sich. Gegen den Darm.
Ehrlich? Gruselig!

Und außerdem hat er nur einen Minibruchteil meines Darmes angekuckt. Rein, um die Ecke hoch, wieder um die Ecke - und dann in der Mitte des Bauches oben war dann schon wieder Schluss. Grad mal die Hälfte des Dickdarms - also ehrlich? Schön, dass da jetzt nix ist.  ???
Gefühlt 49 Fünzigstel meines Darmes blieben unbesehen.
Und das soll sich jetzt lohnen???

Jetzt ist er mein Kardiologe. Keine Schlangen, die er in mich einführt. Und die dann wild um sich schlagen. Ich bin ganz entspannt diesmal.

Vorher aber, entscheide ich mich spontan, ohne mich das genauer zu fragen, einen Zwischenstopp zu machen. Im Garten meines Sohnes. Liegt ganz nah an der Endhaltestelle. Noch vor der Schnellstraße. Hab ja noch eineinhalb Stunden bis zum Termin. 20 Minuten bis zum Arzt... lieber kurz in den Garten, als dort zu sitzen. Hab lang genug gesessen. Heut.
Es ist ein warmer Oktober. Gibt noch einiges zu ernten. Und ein bisschen buddeln kann man ja fast immer. Für's Frühjahr schon mal vorbereiten. Damit der Boden bis dahin ganz seine Ruhe haben kann. Menschenfrei. Das muss sehr schön sein. Für den Boden. Und alle, die da nun wohnen.
Menschenfreie Zeit!

Es tut mir so gut! Fast so, als ob ich Stärkung schlucke. Mit jeder Minute mehr.
Kraft einatme. Schönheit in mich hineinströmen lasse. Durch's reine Sehen. Friedliche Freude in meinen Gedanken sich ausbreitet. Durch's reine Tun. Ohne viel zu denken.
Von Minute zu Minute ist die Uniklinik Kilometer um Kilometer weiter entfernt von meinem Leben.
Und tiefe, stille Freude an der Fruchtbarkeit des Lebens dehnt sich Kubikzentimeter um Kubikzentimeter in mir sich aus. Bis sie mich ganz und gar ausfüllt.
Ich bin ein anderer Mensch.

Selten so deutlich gespürt wie damals dort.
Ich wusste schon immer, dass mir das gut tut. Und ich hab es auch immer traurig vermisst. Seit ich keinen Garten mehr hab.
Aber in dieser Deutlichkeit jetzt noch nie. Bewusst.
Ist schon Magie.
Irgendwie.

Ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung. Auch, als ich zehn Minuten zu spät in der Praxis ankomme. ,,Sie sind zu spät!"
,,Ja - es tut mir wirklich leid. Ehrlich."
,,hmmmm - wollen Sie einen neuen Termin?"
... ,,..." ...
,,Oder wollen Sie heut noch dran kommen? Dann müssen Sie aber aber warten!!!"
,,Ja - gerne!!! Warten macht mir nix!!"
Wenn sie wüsste, wie lang ich schon heut warten musste!
Ich schmunzel in mich hinein. Heute ist mein Wartetag. Auch gut. Ich muss ja nicht draußen warten. Im Stehen. Da würd ich nicht schmunzeln. Da würd ich stöhnen. So aber
ist es ja jetzt fast schon gemütlich. So sorgenfrei, wie ich mich grade fühle.

Ich sollte mich vielleicht doch noch mal nach einem Garten umsehen. Ganz nah bei mir.
Garten hat dieselbe Wirkung wie eins dieser seltenen tiefen Gespräche, in denen du dich sicher fühlst. Da hat dich jetzt einer wirklich verstanden. Gesehen. Erkannt.
Garten ist so. Nur ganz ohne Worte.
Und lässt dich dabei dadurch
ganz und gar frei.






nachtwind

Aus gegebenen Anlass, um das Zählen nicht zu überfluten...

Och Mensch, nubis - da bist du malad bis über beide Ohren...  hast nur selten 5 Minuten, in denen du mal gradaus gucken kannst, ohne dass dich der Schwindel wieder in die Knie zwingt (von denen ja mindest eines eigentlich eh schon seinen Dienst quittiert hat und dir den Schlaf raubt, sowieso) - und was machst du? Benutzt die seltenen und kostbaren 5 Minuten am Tag  und machst einfach mal
jemanden froh und glücklich.
Kann man ja ma so eben machen!

Irgendwie sind wir schon so'n kleiner spezieller tougher Haufen, wir hier.
Haben manchmal keine Chance mehr. Gefühlt. Und in echt.
Und was machen wir damit?
Wir nutzen sie!

Einfach so.
Du hast keine Chance? Also nutze sie!
Kann man ja mal so machen.
Wo ist das Problem?

Manchmal und oft kann man verzweifeln an der Menschheit... am Leben...
an der fehlenden Möglichkeit, ein anständiges Leben hinzukriegen...
an was auch immer einem so tief weh tut, dass man es nicht mehr ertragen will - und kann....
aber dann taucht so ein  kleiner tougher Haufen Menschen auf, jeder gefangen in seinem speziellen Chaos ...und doch manchmal mit einem Mal wild entschlossen, die Chance zu nutzen, die man doch gar nicht hat.

Und kawumm und kawamm, bekommt die bekannte Welt ein paar Risse.
Licht fällt ein. In unsre doch bekannte Welt. Und plötzlich
scheint doch nicht alles
so verloren.
Zumindest nicht sogar und gar.

Ja klar! Alles bleibt. Ales steht. Genau wie vorher schon.
Und meistens ja auch: uns im Weg.
Aber alles - ALLES - alles
ist eben doch nicht
so ganz und gar
verloren.
Punkt.
Und hey!! - immerhin!!


Ich denke, es gibt Millionen solcher kleinen speziellen Haufen Menschen. Allein hier in Deutschland. Klein... speziell... und immer wieder mal
überraschend miteinander verbunden... wie die Buchen vielleicht - unsichtbar über ihre Wurzeln... und vor allem:
fürsorglich


hey :-)


Und wie ich das Leben so kenne, steht hinter jedem dieser Haufen
sowas wie ein Engel.
Still und unerkannt ...
belügt uns nicht - tauscht uns unser Leben nicht um, so sehr wir auch drum rütteln an ihm. Auch nicht, um sich beliebt zu machen.
Schaut auf unsren tiefen Schmerz, bekümmert.... fühlt ihn mit ...
und hält das aus.
Für uns.
Warum? Damit wir nicht allein sind. Damit.
Und überhaupt.

Und ab und an
glaub ich
lächelt er ein kleines bisschen...
ist das der Moment, in dem es durch die Ritzen
ein bisschen heller wird? In unsrer bekannten Welt?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß noch nicht mal, ob es wirklich ,,sowas wie Engel" gibt ... und wenn - ob einer davon dann auch wirklich so bei uns ist.
Weiß auch nicht, ob Engel oder so was wie Engel Kerzen mögen.
Aber wer nicht wagt, gewinnt schon mal gar nix ... und so wage ich es denn einfach mal:
Auch wenn es verdächtig nach Rosamunde Pilcher riecht
und gleichzeitig einen Hauch von Revolutionärem mit sich trüge,
hier nicht nur Rosen, sondern auch mal Kerzen zu verteilen.
Und verteile aus gegeben Anlass jedem von uns, auch all den vielen Unsichtbaren, Stillen unter uns (Haufen Menschen ist Haufen Menschen - da gehören eben alle mit dazu, jeder auf seine Art und Weise) eine persönliche Rose
und eine Kerze für uns alle hier
und eine für den Engel oder dem sowas wie...
auch wenn es ihn nicht gibt - die zweite Kerze
gibt es jetzt!
Immerhin!

Und zünd sie heute auch mal an.
Sie gehn von selber wieder aus. Wenn keiner mehr hier ist.
Damit sie nix abfackeln hier.
Aber sie sind ziemlich dick und groß.
Sie reichen für ne ganze Weile.
Fühlt sich zumindest so an.
Morgen kann ich nicht, da schlaf ich aus...

Der vielen Worte schlichter Sinn:
ich mag uns alle hier
ziemlich gern.
hey :-)