Ein Schritt

Begonnen von nachtwind, 10 Mai 2025, 23:35:46

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nubis

Zitat von: nachtwind in 20 April 2026, 09:14:29Es fällt mir schwer, die Geschichte jetzt weiterzuerzählen... eigentlich möcht ich nicht, dass jemand sie erfährt. Mich sieht. Wie erbärmlich ich so bin.
Aber es hilft ja nix, es war halt so. Ich kann das jetzt auch nicht schönreden. Oder verschweigen. Es gehört eben dazu.


ne, ne, liebe Nachtwind!

Ich sehe da nichts erbärmliches - außer den anderen Kindern, die so grausam sind, auf eine Art, auf die eben nur Kinder grausam sein können.

Da gibt es nichts schön-zu-reden.
Oder zu schämen.

Schämen sollten sich die Anderen.

Und vielleicht ...nur ein klitzekleines bisschen vielleicht - tun sie sich das ja auch. Inzwischen.

Ich sende dem Mädchen von damals und der Frau von heute, die daraus geworden ist, eine sanfte Umarmung.






Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: Hoffnung und Geduld

(Pythagoras)

nachtwind

Danke, nubis - das war ein wichtiger Himweis für mich!

Ich bin zwar mit dem meisten in meinem Leben im Frieden - aber mit allem im Frieden bei mir selbst noch lang nicht.
Und du hast so recht - erbärmlich ist kein gutes Wort. Auch nicht für einen selbst. Ich bin so enttäuscht von mir, in manchen Ereignissen, da mag ich gar nicht so genau hingucken... da schlag ich lieber vorher schon um mich. Das ist verständlich, aber blöd.
Ich nehm das zurück - danke nubis!
Und vor allem auch für deine Wärme. Und Nähe.
Ich mag Umarmungen sehr. Wenn sie von freundlichen Menschen kommen.
Ich hab kurz gedacht, wenn du in meinem Alter gewesen wärst, und an denselben Orten - ich wär so gern mit dir befreundet gewesen.
Du kannst beschützen.
Das tut so gut.

Seitdem ich das von dir hier gelesen hab, denk ich immer wieder mal darüber nach.
Abgesehen von allem, was ich grad vorher geschrieben hab, bleibt doch eins, was ich nicht zurücknehm.
So sehr, wie ich das schätze, wie gut du mir tust.
Ich denke, so einfach mit dem Rollenverteilen ist es doch nicht.
Weißt du - wenn ich jetzt anders reagiert hätte, dem TU'S NICHT in mir gefolgt wäre - was wäre dann geschehen?
Nichts
wär geschehen. Rein gar nichts.
Sie haben die Situation erschaffen, ja. Da bin ich unbeteiligt dran.
Aber es war  meine Entscheidung! Die daraus das Elend gemacht hatte. Das ich nicht mehr ertragen konnte.
Hätte ich mich anders entschieden, wäre nichts, rein gar nichts geschehen.
Gut - sie wären vielleicht enttäuscht gewesen und hätten die Schachtel selbst geöffnet. Ich wär vermutlich zusammengezuckt, weil da Lebendiges rausgeschossen wär. Aber ich hab keine Angst vor Mäusen.
Ich hätte gesehen, was sie vorhatten, es hätte mir weh gemacht - aber ich wär nicht so krank geworden.
Weil ich es nicht mehr ertragen konnte.

Es war schon einfach - und punktgenau - meine eigne Entscheidung. Die die Situation in ein Chaos gestürzt hat.
Hätte ich mich anders entschieden, wäre nichts passiert.

Ich hab das noch nie so genau angeschaut.
Dass ich es selber war, die entschieden hat, was aus der Situation sich jetzt entwickelt. Erst jetzt, durch deinen Einwand.
(Ich muss dir nicht sagen, wie dankbar ich dir bin. Deswegen! Oder?)

Ich war ja vorgewarnt. Ich wusste ja, dass sie mir Böses wollen.
Ich hätte mich  ja einfach nur verweigern müssen.
Und alles wäre ungeschehen geblieben.

Es hat ja alles in mir geschrieen ,,tu's nicht!". Aber ich hab nicht drauf gehört.
Es ist so, als wenn dir von jemand Drogen angeboten werden ,, hör zu - nimm es... ich seh doch, dir geht's nicht gut! Nimm das hier, es wird dir helfen! Du wirst schon sehen: danach geht es dir richtig gut!"
Und du hast schon genug über Drogen gehört, um klar zu wissen - tu's nicht!
Aber dann tust du es doch.
Weil du dich so sehr danach sehnst, dass endlich Frieden ist in dir.
Und dann hast du den Salat!

Sicher, wäre der nicht gewesen, der dich angebaggert hätte ( um selbst sich weiter seine Drogen leisten zu können  vermutlich), wärst du gar nicht in die Situation gekommen. Die Situation hat schon er geschaffen.
Aber du hättest ganz einfach nein! sagen können.
Und nichts wär geschehen. Kein Elend. Nix.

Ich bin wütend auf mich. Weil ich mich dazu entschieden hab, meiner Sehnsucht zu folgen. Obwohl ich doch wusste, es wird kein gutes Ende nehmen.
Ich muss akzeptieren, dass meine Sehnsucht nach Frieden, nach dem Dazugehören viel stärker war als meine realistische Einschätzung der Situation.
 Naiv nennt man so was.
Und das zieht sich durch mein Leben, merk ich grad.
Was Menschen angeht, bin ich naiv.
Und das nervt mich echt.

War ja schon mal Thema. Taucht jetzt wieder auf.
Und ich beginne zu ahnen, dass mir das was zu sagen hat.

Vielleicht in die Richtung:
Vielleicht hatte ich die Wahl zwischen tiefem nicht mehr wirklich reparierbaren Misstrauen den Menschen gegenüber -
und einem tiefem nicht mehr wirklich reparierbaren Vertrauen, wieder den Menschen gegenüber....
und habe das Vertrauen gewählt...??
Vielleicht so?

Und ich sollte verdammt noch mal aufhören, deswegen ständig rumzumeckern und rum zu nölen an mir selbst. Und vielleicht mal erwägen, dass das erstens vermutlich mal wieder meine eigne Entscheidung war.
Und zweitens doch wirklich die bessere Wahl war!
Hätte die andre Wahl nicht zwangsläufig in tiefe Verbitterung geführt?!
Gruselig!
Dann schon wirklich lieber naiv und dumm. Was Menschenkenntnis angeht.

Da fällt mir ein - ich bin gesichtsblind. Ich erkenne Menschen nicht wieder.
Selbst mir ganz nahestehende Menschen.
Wenn ich eins meiner Enkelkinder aus dem Kindergarten abholen musste, und nicht wusste, was er oder sie morgens angezogen hatte, dann war ich aufgeschmissen. Und musste warten, bis ich entdeckt wurde.
Sonst war ich ratlos.
Einmal erkannt war es dann keine Frage mehr.
Bis zum nächsten Tag. ;)

Vielleicht bin ich eben nicht nur gesichtsblind, sondern auch menschenblind?

Bleibt die große Frage im Raum stehen: wenn das so war und ist -
wer um Himmels Willen hat das denn so entschieden in mir?
Ich nehme an, ich musste das schon als Säugling entscheiden.
Wer in Gottes Namen hat dann diese Entscheidung getroffen?

Da kommt doch nur so was wie ,,Seele"  als Antwort in Frage, oder?
Kommen Säuglinge tatsächlich mit einer schon lebenserfahrenen Seele auf die Welt?
Die solch weitreichenden Entscheidungen treffen kann?
Erfahrungswerte, selbst erlebte, kann ich doch noch garnicht gesammelt haben, in meinem Unterbewusstsein. Oder?

Oder aber das ist alles  Quatsch - und ich habe nix entschieden - es lag einfach als Veranlagung in mir drinnen. Es war schon entschieden, bevor auch nur irgendwas geschehen war in meinem Leben.
Dass egal was geschieht, ich eher so reagieren werde. Weil es in mir so zusammengesetzt war. Und ist.
Dass ich eben so bin. Wie ich bin.
Egal was geschieht.
So wie der Baumsamen, der vom Wind wohin getragen wurde, sich nicht einfach mal umschauen kann und sagen: hmmm... hier ist es so und so -  besser ich sollte jetzt diese oder jene Fähigkeiten haben.
Ein Ebereschensamen kann nur eine Eberesche werden. Auch wenn Dornen jetzt geschickt wären, dort, wo er aufschlägt. Oder er lieber eine Eiche wär.

Vermutlich wird es ein Zusammenspiel von beiden Möglichkeiten sein. Ich seh es jetzt zwar noch nicht, aber es ist einfach oft so.
Wenn zwei Möglichkeiten weit auseinanderliegen, gehören sie oft zusammen.
So nach dem Motto: zusammen sind wir stark.

Ich sollte wirklich aufhören an mir unzufrieden rumzumäkeln und zu modellieren. Weil ich lieber ganz anders wär. Oder bisschen anders. Wenigstens.
Es ist nicht nur verlorene Energie. Es ist auch eine Enttäuschung. Für all die, die so in mir sind. Eine bittre Enttäuschung.
Muss wirklich nicht sein!
Also, mittlerweise nehme ich das ,erbärmlich' auf viele verschiedene Arten zurück! Und versteh gar nicht mehr, wie ich so denken konnte.

Dank dir, nubis - und deinem Einwand.

Woran man wieder sieht: der Mensch ist keine Insel
Oder lebt auf einer. Selbst wenn - es kann ja eine Flaschenpost angespült werden...
und die Sicht verändert sich.
Und damit auch ein klitzekleines bisschen
das eigne Leben.

hey :-)



nachtwind

Das Fieber war schon gut! Sonst wär es in diesem Versinken kalt gewesen. Das Fieber hat es zu dieser Geborgenheit gemacht. Erkenn ich heute.

Und noch eins hab ich spät erkannt in meinem Leben. Da war ich glaub ich schon fünfzig oder so. Da hab ich mal wieder an dieses Ereignis gedacht, selten genug  - und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Die schwarzen Frauen in der Küche haben mich gar nicht grob aus dem Weg geschubst.
So wie ich das verstanden hab. Und immer so in mir trug. Als meine Erfahrung.

Sie haben erkannt, dass ich über die Kante gerutscht war. Das ich einfach nicht mehr konnte. Und wussten wohl, dass ich außerhalb dieser Küche doch wieder nur ungeschützt sein würde. Da haben sie allen Mut und alle Mitmenschlichkeit zusammengekratzt und mich ohne zu überlegen, was das für sie bedeuten könnte, auf die Bank geschubst. Und einen dichten Kreis gebildet um den Tisch. Dass die Missus mich nicht mehr sehen kann.

Es kamen mir die Tränen. Als ich das endlich verstanden hatte.
Es war ein letzter, tiefer Schmerz. Dass auch sie so grob zu mir waren. Mich weggeschubst hatten. Aus ihrem Weg.
Dabei haben sie mir Asyl verschafft.

Hätte die Missus das bemerkt, wäre es ihnen schlecht ergangen. Wirklich schlecht!
Es waren abscheuliche Zeiten. Da war so was Gang und gäbe.
Immer unter der Überschrift: ,,man muss die Anfänge unterbinden! Energisch und hart! Sonst bekommt man sie nicht mehr kontrolliert!"

Das haben sie riskiert. Um dieses fremde weiße Kind zu beschützen. So gut sie es eben konnten.
Es kamen mir die Tränen. Und sie kommen mir auch heut.
Nicht nach außen. Glühen vom Herz bis hinter die Augen. Und da bleiben sie auch. Wie Freunde. Stille Freunde.


Das Ende vom Lied - und der Anfang des letzten Teils der Geschichte,an die ich mich erinnern kann, aus dieser Zeit, war, dass irgendwann meine Mutter auftauchte. In diesem Flur.
Die Missus hatte sie angerufen, sie solle mich holen kommen. Dieses fremde Kind war zu krank, um hierbleiben zu können. Das Fieber zu hoch. Sie braucht einen Arzt.

Jetzt hatte meine Mutter zwar einen Führerschein. Aber sie konnte nicht fahren. Vielleicht hat man ihn ihr auch weggenommen. In Athen ist sie ab und an gefahren, das weiß ich noch. Sie hatte kleinere Unfälle. Vielleicht besoffen? Gab es das damals schon? Dass man den Führerschein verlor bei Trunkenheit am Steuer?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, sie fuhr nicht mehr.
Also musste erst der Fahrer des Konsulats aktiviert werden. Und ein Auto. Das frei war.
Jetzt also tauchten sie auf. In der Diele, diesem Schiff, an deren Anker
ich immer tiefer sank. Zufrieden damit. Geborgen.

Damit war jetzt Schluss. Mit der Geborgenheit. Meine Mutter war da.
Noch dazu klirrend, vibrierend drauf. Hell aufgeregt. Grell wach.
Bei der Aussicht, Rot-Kreuz-Schwester zu sein, war sie immer aus dem Häuschen vor stolzen Glück - da jubelte alles in ihr. Und alles klirrt.

Wird sofort deutlich, wie sie mit der Mutter einer meiner Peinigerinnen spricht. Ganz ausser sich. Vor Eifer. Sie war wichtig.
Ich weiß, jetzt darf ich nicht mehr versinken. Nicht mehr schlafen. Jetzt muss ich wach bleiben.
Sie ist unberechenbar. In so einem Zustand.
Der Fahrer heißt Herr Riemann. Ich kenne ihn flüchtig. Er trägt mich in's Auto. Ich glaube, er ist in Ordnung. Ich muss nur auf meine Mutter achtgeben.
Und so ist es auch. Ich hab mich nicht getäuscht. Von ihm geht keine Gefahr aus. Das rechne ich ihm hoch an.

Meine Mutter aber lasse ich nicht aus den Augen.
Ich bin so entsetzlich müde... seit ich im Auto fahre, ist mir auch noch durchgehend schlecht. Ich übergebe mich im Minutentakt. Also jetzt nicht jede Minute... so gefühlt alle 10. Vielleicht auch alle halbe Stunde. Meine Mutter sitzt vor mir auf dem Beifahrersitz und hält mir, halb zur Seite gedreht, eine Plastiktüte hin. Wenn ich muss, greif ich nach ihr. So geht das eigentlich ganz gut. Und ich muss schon sagen, es ist mir wirklich eine Hilfe, dass sie die hält. Zwischendrin.
Ab und zu gibt es eine neue. Die alte fliegt aus dem Fenster. So legt ich nach und nach eine ganze Spur an Plastiktüten auf meinem Weg nach Haus. Mag ich gar nicht dran denken. Heut.
Damals denke ich wenig. Ich muss nur immer den spitzen Ellenbogen meiner Mutter im Blick behalten. Ihn fixieren. Dabei fallen mir dauernd die Augen zu. So gesehen fast schon ein Glück, dass ich immer wieder spucken muss. Da bin ich dann ne Weile wach.
Sie bekommt das Klirren, das Vibrieren nicht aus der Stimme. Und aus ihren Bewegungen. Im Gegenteil, es wird immer heftiger. Ich versuche eisern, wachsam zu sein. Vor allem: wach. Hab mittlerweile immer heftigere Kopfschmerzen auch.
Darf aber nicht versinken. Ich hör es doch: sie ist in diesem Zustand.
Fange ernsthaft an, mich nach dem Sofa im abgedunkelten Flur meiner Horrorfarm zurückzusehnen. Dort hat man mich zuletzt wenigstens völlig in Ruhe gelassen.
Ich kann bald nicht mehr...

Das findet auch Herr Riemann. Er schlägt einen Stopp vor. ,,Damit die Kleine mal zur Ruhe kommt. So viel spucken kann ja auch nicht gesund sein."
Ich bin überrascht. Und ziemlich dankbar.
Meine Mutter hat nichts dagegen, und so halten wir bald an. Herr Riemann trägt mich aus dem Auto und legt mich in den Schatten eines schmalen Baumes. Der nicht mehr schaukelnde Untergrund tut mir sofort gut. Mein Magen beruhigt sich schnell... und ich schlafe fast augenblicklich dankbar ein. Völlig erschöpft.

Werde irgendwann wieder wach. Ich liege in der Sonne. Weiß gar nicht, was los ist. Was mach ich hier?? Dann fällt es mir wieder ein. Mein Kopf ist wacher. Das Schlafen hat mir gut getan.
Ich hebe meinen Kopf ein bisschen, suche die Straße, finde sie auch. Ein Auto ist nicht in Sicht. Schaue noch mal um mich - keiner da.
Registriere das ohne große Überraschung. Eher pragmatisch. Was muss ich jetzt tun?!
Niemals alleine in der Steppe schlafen!
Kann ich aufstehen?
Ich versuch's. Nein, kann ich nicht.
Jetzt fallen mir alle möglichen Geschichten ein, von Kindern, die an Stichen von Skorpionen verstorben sind, von Schlangenbissen mit tödlichem Ausgang, die ich schon mal gehört hatte. Viele sind es nicht. Aber es reicht!
Ich hab Angst davor! Gruselige Angst.

Dann lieber doch von einem Löwen gefressen werden, denke ich inständig.
Aber auch das ist keine gute Idee. Wir waren mal im Urlaub in der Etoschapfanne - und haben dort unter all dem andren einmal nachts im Scheinwerferlicht eine Löwenfütterung miterlebt.
Jetzt fasst der Grusel mich noch unbarmherziger an.
Wie die sich reinverbissen haben in das Zebra - und dann den Kopf hin und hergeschleudert haben. Um ein Stück abzureißen dadurch vom großen Zebrakörper... Nein!!! BItte nicht!!! So kann ich auch nicht sterben! Bitte!!
Ich kann nicht!

Panik breitet sich aus. In mir. Ich fühle mich völlig ausgeliefert. Der Steppe ausgeliefert. Dem Leben in der Steppe. Dem Tod im Leben dieser Steppe... Was soll ich nur tun?!
Wo ich doch nichts tun kann. Eigentlich. 
Die Panik schüttelt mich.
Wenigstens beruhigen ... das sollte ich doch hinkriegen. Streng dich an!
Und in meinem wirren Kopf gelingt es mir irgendwie, meine Panik wieder einzufangen. ,,Jetzt denk nach, nachtwind!", versuch ich mich anzufeuern. ,,Irgendwas muss dir doch einfallen."
So in Panik zu geraten ist nicht gut jetzt. Das ist man klar.

Und so versuche ich alles, was ich je gehört hab über Steppe und allein darin mir irgendwie in Erinnerung zu rufen. Und das irgendwie zu sortieren.
Und dann ordnet es sich langsam ganz von selbst. Heraus kommt eine Kinderlogik, die es schafft, die Panik zu besänftigen... und mich tief aufseufzen lässt. Ich hatte wirklich furchtbare Angst!

Ich dreh meinen Kopf ein bisschen von der Sonne weg. Und kann erlöst aufatmen. Lass mich fallen.
Das tut so gut!!
Diese neue Ruhe.
Dankbar, sehr dankbar
schlaf ich  wieder ein.

Meine Lösung? Ich erinner mich noch, als sei es gestern gewesen.
Und spüre die Erleichterung wie eine Gnade. Heute wie damals.

Logisch ist es nicht. Aber gewirkt hat es! Besser als jede Beruhigungsspritze. Weiß jetzt nicht, hab nie eine bekommen.
Aber mir zumindest manchmal
eine gewünscht.

Meine Lösung: ich lass mich von einer Schlange beißen. Sterbe nicht daran, aber werde bewusstlos. Und dann kommt der Löwe und frisst mich.
Aus irgend einem Grund war mir das wichtig. Dass ich nicht so rumlieg. (Sondern irgendwie nützlich bin? Wenigstens im Tod? Ich weiß nicht mehr, warum.)

Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte, die man einem völlig erschöpften Kind mit richtig hohem Fieber erzählen würde - aber für mich war das die beste Gute-Nacht-Geschichte ever. In dieser Situation.
Ich war so glücklich. Dass ich endlich einverstanden sein konnte.
Ich war einverstanden mit diesem Ausgang!
Ich war so fein damit! Dass ich sofort wieder eingeschlafen bin. Diesmal tief und fest.
Und ich glaube, das war der Anfang von einer ich-schlaf-mich-gesund-Therapie.

Ich erinnere mich nur noch ganz verschwommen und ein kleines bisschen an irgendwas weiteres. Wie sie wieder zurückkamen, Herr Riemann und meine Mutter. Mit dem Auto. Dann aber an gar nichts mehr.

Die Geschichte fand ihr Ende in dieser Großen Ruhe.
Die ich fand. Neben dem Baum, der mir keinen Schatten mehr spendete.
Aber es war schön. In seiner Gegenwart.
Alles war gut.
Ich hatte ein gutes Ende gefunden.
Und war durch und durch einverstanden damit.

Damit löste sich alles auf
alle Probleme...
alle Nöte...
alles Kopfweh...
alle Angst...

Ich durfte in Frieden schlafen

An mehr
brauch ich mich nicht mehr erinnern.
Und tu es auch nicht.


nachtwind

Gesund wurde ich ganz von selbst.
Es hat gedauert, das Fieber. Aber das war alles nicht mehr schlimm.
Nervenfieber nannte man das. Damals. Hohes Fieber ohne erkennbaren Grund. Soweit ich das noch erinnere.
Ich weiß gar nicht, ob es das heut noch gibt?
Also den Namen?

Herr Riemann ist ein Jahr später gestorben. Er war in einem Cabrio unterwegs gewesen. Das Cabrio hat sich überschlagen und ist in einem kleinen Graben neben der Straße gelandet. Ich weiß noch, dass diskutiert wurde, ob er direkt tot war. Oder noch lange dort verletzt lag.
In Namibia war wenig Verkehr. Auf den ,,Landstraßen". Das waren keine asphaltierte Straßen. Einfach Steppe. In der zwei mal im Jahr ein großer Schieber fuhr. Ähnlich wie unser Schneeschieber. Und die ,,Straße" glättete. Wenn sie frisch gespurt war, fuhr sie sich ziemlich gut. Wenn's länger her war, nicht mehr so. Und an manchen Stellen konnte man auch gar nicht mehr erkennen: wo ist jetzt die Straße? Und wo die Steppe?
Im Zweifel immer an den Strommasten entlang, hieß die Zauberformel.
Aber leider lief nicht immer eine Stromleitung neben der Straße.
Man konnte schon verloren gehen.
Und wenn man stecken blieb, in einer Sandwehe, und nicht mehr selber rauskam, dann war man angeschmiert, wenn man kein Wasser bei sich hatte.
Hier kam manchmal ein, zwei Tage keiner mehr vorbei. Zum helfen. Manchmal auch nur ein paar Stunden.
Aber auch das ist lang, furchtbar lang. Wenn man verletzt da liegt.
Und grässliche Angst hat.
Der Gedanke, dass er so hat liegen musste, eventuell, tat mir weh. Für ihn.
Er war gut gewesen zu mir.
Ich hab gehofft, er durfte gleich sterben. Ich hab es sehr gehofft.

Meine Mutter war untröstlich. Tage lang. Das hat niemand von uns verstanden.
Aber sie war halt eh immer mal wieder ein bisschen sonderlich.
So war unsere Familienerzählung.
 
Meine Mutter war schon furchtbar einsam.
Nie hat sie einer verstanden. Oder sich wenigstens mal die Mühe gemacht.
Noch nicht einmal interessiert hat es jemanden. Wie es ihr eigentlich ging.
Oder es auch nur bemerkt.
Gut, bemerkt hab ich es schon. Aber ich war damit auch die einzige in der Familie.
Und nachgefragt hab ich ja auch nicht.
Da kann ein Mensch schon dran ersticken. An so einem völligem Desinteresse.


nachtwind

Und  Carola Schätzle und ihre gottverdammten Atjudantinnen?
Das Ende dieser Geschichte ist schnell erzählt.

In der ersten Woche nach den Sommerferien kamen sie wieder auf mich zu. Ließen ihren Dreck auf mir zurück und gingen wieder. Triumphierend. Wie immer. Ich schau ihnen nach. Spüre, wie da ein Riss sich auftut in mir. Immer weiter aufreißt. Lava quillt heraus, erst wenig, dann immer mehr.
Und irgendwann ist der Riss breit genug - und ein Vulkan bricht sich Bahn - bricht aus!!! Mit so einer Macht... mit so einer gewaltigen Macht!

Ich renn ihnen hinterher. Ruf, schrei eher: Carola!!
In all der Wucht war es mir wichtig, nicht hinterrücks zu kämpfen. So viel Ruhe hatte ich noch. Und Klarheit! Ruf sie nochmal. Bis sie sich umdreht. Spöttisch. Irgendeinen Spruch herablassend. Und dann doch langsam aufmerksam werdend... Ich vergesse bis heute nicht, was sich in diesem Gesicht abspielt.
Sie sieht. Und sie versteht. Noch ist sie siegesgewiss. Aber das erste bisschen Besorgnis seh ich noch auf ihrem Gesicht sich ausbreiten -
dann hält mich nichts mehr zurück!

Sicher, sie ist zwei Jahre älter.
Sicher ich bin sehr klein noch dazu für mein Alter.
Sicher, sie hat Schwimmer-Oberarme... voller Muskeln.

Aber ich hab etwas, was sie nicht ansatzweise hat!
Ich hab die Schnauze voll. Gestrichen voll! So was von voll!!
Ich habe so einen Zorn in mir!! So einen gewaltigen Zorn!!!
All die angesammelte Wut in mir, all die viele, ungezählte  Wut
hat sich zu einem Zorn geschmiedet in mir -
der lässt sich, einmal ausgebrochen, nicht mehr aufhalten!
Der bricht sich seine Bahn!
Und diesem Zorn, diesem geschmiedeten Zorn ist auch Carola Schätzle,
2 Jahre älter, beste Schwimmerin der Schule, nicht gewachsen.
Wie auch.
So einem Zorn ist niemand gewachsen.
Der nicht selber so einen Zorn in sich trägt.

Gut, Klitschko vielleicht. Oder irgendein andrer Erwachsener vielleicht.
Aber gefühlt
halt niemand. Das reicht!

Ich kämpfe ohne Zögern. Ohne Sorge, dem nicht gewachsen zu sein.
Ohne jeden Zweifel!
Ich kämpfe, weil es nichts andres mehr gibt. Auf dieser Welt.
Nichts - als diesen meinen Zorn. Und diesen meinen Kampf!

Und natürlich endet es damit dass ich sie unten hab. Auf dem Rücken.
Mit den Schultern auf dem Boden. Ich zähl bis zehn. Und dann lass ich sie.
Dreh mich um, schau sie nicht mehr an - lass sie da.
Und renn zurück in's Klassenzimmer. Ich renne nicht, ich stampfe. So kräftig und entschlossen, meinen grauen Schuluniform-Faltenrock schleudert es nach oben. Das sehe ich noch heute vor mir. Wie es den Faltenrock hochschleudert. Meine Schritte trommeln auf dem Boden. Und schleudern ihn immer wieder hoch.
Ich bin so grimmig entschlossen!!
Ich weiß, jetzt hab ich es endgültig versaut! Das verzeiht sie mir nie!
Und es ist mir
so scheiss egal!!!

 Die nächste Woche ist Klassensprecherwahl. War ja immer Carola. Klar.
Dieses Mal wird sie es nicht. Das find ich gut.

Ich werd es.
Da versteh ich die Welt nicht mehr.
Es war doch die ganze Klasse gegen mich.
Und jetzt ist alles gut??
Mit einem Mal um 180 Grad gedreht?!
Das war jetzt nicht vertrauenserweckend. Ganz und gar nicht.
Ich warte ab.

Viele Jahre lang halte ich es für die rätselhafte Wankelmütigkeit der Menschen in einer Gruppe. Nicht vorhersehbar.
Erst lange, nachdem ich erwachsen geworden war, dämmert es mir, dass es wahrscheinlich nie die ganze Klasse war. Dass sie es vielleicht sogar auch gar nicht gut fanden. Sich aber einfach nicht getraut hatten.
Sich einzumischen. Und jetzt erleichtert waren.
Dass das Problem sich gelöst hatte. Aus ihrer Sicht: von allein.

Es ist nicht immer so gewesen, wie man das erlebt hatte. Nicht jede Erinnerung erzählt die ganze Geschichte.
Es lohnt sich, immer wieder mal das Ganze noch mal neu anzuschauen. Ob es da nicht auch Erlebnisse gibt, die so
gar nicht wirklich stimmen.
Es war gar nicht die ganze Klasse.
Es hat sich nur so angefühlt.

Ich blieb bis zum Schluss Klassensprecher.
Und ich denke, ich war eine gute Klassensprecherin.
Den Lehrern gegenüber hatte ich keine Scheu, Dinge anzusprechen. Wenn sie uns wichtig waren.
Und innerhalb der Klasse - ich war genug getreten worden, dass ich nie vergaß, wie sich das anfühlt. Und hatte immer potentielle Außenseiter im Blick. Bevor es schmerzhaft werden konnte.
Wir waren eine friedliche, eher fröhliche Klasse. In der sogar Carola und die ihren einen Platz finden konnten.
Die einzige  Veränderung: sie hatten keine Macht mehr.

Wie es ihnen damit ging, weiß ich nicht.
Ich hab mich nie mehr für sie interessiert.
Aber so, ohne Macht, hatte ich auch nichts mehr gegen sie.



nachtwind

Wir beiden Übriggebliebenen nach dem dann  doch geglückten Auszug von Frau mein-Enkel.... haben eine Menge Spaß. Erst der Lachflash, dann freuen wir uns gemeinsam vergnügt auf unsre hochwertigen Mahlzeiten in der Teeküche - wir duzen uns mittlerweile. Und den Vorhang zwischen unseren Betten hat sie auch zurückgezogen.
Auch im Krankenhaus kann es mal schön sein. Nix besonderes. Einfach nur schön. Keiner hat grad Schmerzen.  Keiner macht sich grad Sorgen. Das reicht schon. Um dankbar zu sein.
Und dankbar sein entspannt. Wusste ich damals noch nicht. Hat es aber natürlich trotzdem getan. Mit willkommener Wirkung.

Dann wird am Nachmittag ein Bett in unser Zimmer geschoben. In die Lücke, die der Auszug von Frau mein-Enkel-ist-6-und-ein-Sonnenschein hinterlassen hat.
Wir hatten uns schon dran gewöhnt.
Jetzt sind wir wieder vollzählig.
Ich grüße kurz und herzlich. Keine Reaktion. Jaja,diese Drogen...
Ich hab grad meine Nachmittagsrunde gedreht, zweimal den Flur auf und ab. Ich mach es gern - ich weiß ja wofür. Selbstständig geht das hier weiter. Wenn ich wieder nach Hause darf. Aber natürlich strengt das schon auch an.
Leg mich aufs Bett. Meine Insel. Mein Bereich.
Muss wieder an die alten Damen im Gazastreifen denken. Die wahrscheinlich für so was Banales, Alltägliches wie Krebs wohl so gar keine Hilfe mehr finden. In den wenigen Krankenhäusern, die noch nicht zerschmettert sind.
Schau ein paar mal zu unserer neuen Mitbewohnerin rüber - irgendwie kümmert sich keiner...??
Irgendwann kann ich mich nicht mehr zurückhalten - es geht mich doch was an!
Also geh ich zu ihr... weiß auch nicht recht, was ich machen soll - aber irgendwas will ich einfach machen.
Sie ist so lost.

Also begrüß ich sie noch mal, direkt an ihrem Bett. Persönlich, sozusagen. Freundlich. 
Kommt eine so dankbare Reaktion - jetzt läuft es von ganz allein.Frag sie, ob sie etwas braucht? Natürlich erstmal nicht. Diese Drogen...
ob ich ihr Handy in's WLAN einloggen soll? Ich weiß auch nicht, ob ich das kann - aber ich kann es ja versuchen. Sie schaut mich interessiert an. Aber gibt kein ok.
Weil Sie ja vielleicht mal jemanden schreiben wollen, dass alles soweit gut gegangen ist? Jetzt verbinden sich ein paar Synapsen... und sie drückt mir fröhlich ihr Handy in die Hand. Ja, will sie! Ganz sehr bestimmt! Auf jeden Fall! Am besten sofort.
Ich zieh los mit ihrem Handy zum WLAN-Zettel, hoffe - und scanne, bzw. das Handy macht das ganz von allein. Ich halte es nur davor. Reicht schon.
Stolz wie Bolle!!
Und sie hält es glücklich in den Händen.
Original so wie ich. Damals. Ob sie wohl gleich schreibt?
Oder einfach auch erstmal nur zufrieden glücklich ist?
Damit?

Angefeuert durch den schnellen Erfolg biete ich ihr wagemutig an, sie mit dem Fernsehtablet zu verbinden. Nur versuchen. Weiß nicht, ob ich das kann. Sie nickt wieder, ziemlich begeistert.
Ich glaube, ich könnte ihr locker eine Schrottwaschmaschine verkaufen grad. Und sie wär happy damit. Hauptsache ein Mensch ist jetzt grad da.
Und kümmert sich um sie.
Sie braucht ja nix.
Aber das allein
tut eben einfach sowas von gut.

Ich bin ja auch schon zweimal verbunden worden.
Und hab gut aufgepasst.
Man weiß ja nie.
Schon rentiert sich das.
Es klappt tatsächlich! Auf Anhieb!
Ich fühle mich total kompetent!! Fast schon übermütig!
Hab echt Lust, noch mehr Patienten mit dem Tablet zu verbinden - schade, dass kein weiterer Bedarf ist!
Ich glaube, auch das
steckt sie fröhlich weiter an.
Wir sind beide sehr zufrieden.
Außerdem kennt sie sich aus. Wie der Fernseher funktioniert. Sie war schon öfters hier drinnen.
Das macht es viel einfacher.
Außer an und aus hätte ich auch nix zu bieten gehabt.
So sind wir beide zufrieden.
Sie, weil sie mir was abnehmen konnte. Selber groß!
Und ich, weil alles klappt wie geschmiert.
Es beflügelt mich. Und so arbeite ich alles ab, an das ich mich noch erinnern kann. Die ganze Liste.
 Brauchen Sie noch was? Etwas zu trinken? Viel trinken -
die Narkose raustrinken aus dem Körper.
Ich sehe, sie ist viel mehr Profi als ich. In solchen Dingen. Sie ist vertraut. Mit Krankenhaus-Routine.
Aber gesagt ist gesagt. Und erinnert ist erinnert. Und eigentlich geht es hier jetzt auch grad nicht um Nützliches - es geht um Menschliches. Nähe....Fürsorge.....
Ich erinner mich ja noch gut!

Immerhin schütte ich ihr ein Glas ein. Damit es schon mal eingeschüttet ist.
Und sie lässt es lächelnd geschehen.
Was Warmes vielleicht? Es gibt hier eine Teeküche. Oder Kaffeeküche. Ich könnt was holen.
Nein..... alles gut. Sie ist versorgt. Vergnügt versorgt.
Diese Drogen....
Gut - ich müsste mich jetzt auch wieder mal hinlegen....
Wenn Sie noch was brauchen, einfach melden - ich liege gerade Ihnen gegenüber. Und zeige auf mein Bett.
,,Ja!!!" Jetzt ist sie ganz eifrig - ,,natürlich hinlegen.... legen Sie sich hin!!"
Richtig nette Frau!!!

Ich lächle noch Minuten vor mich hin. Viele Minuten . Als ich wieder auf meiner Insel lieg.
So viel haben wir uns gegenseitig herzlich angelächelt. Die ganze Zeit.
Das glüht einfach nach.

 Nicht nur ihr tut das gut.
Mir auch.
Erstens fühl ich mich ja auch noch auf Droge.
Vermutlich mehr so feinstofflicher Natur. ;)
Und vor allem aber ist es eigentlich ganz egal, auf welcher Seite der Fürsorge du dich grad befindest.
Fürsorge ist Fürsorge! Und macht beide Seiten gleich satt. Man atmet dieselbe Luft.
Weil man sich ja nahe ist. Vorübergehend.
Win-win mal wieder. Selbstaufladend. Feine Sache.

Das habe ich mit meinen Kindern erlebt. Erst erstaunt entdeckt. Und dann verstanden.
Und immer und immer und immer wieder bestätigt bekommen. So erfahren.
Könnt ich in Stein meißeln.
So sicher bin ich mir damit.

Später am Abend kommt endlich mal eine Schwester zu ihr. Und ist ganz erstaunt, dass schon alles erledigt ist.
Mittlerweile hat sie auch einen Tee gewollt, und in dem Zuge nochmal das Glas aufgefüllt bekommen - hat auch ordentlich getrunken schon.
Erfahrene Patientin.
Die Schwester ist ein bisschen verwirrt, kommt mir so vor. Dass alles von selbst gegangen ist.
Enttäuscht? Aber warum sollte sie? Ist doch gut.
Oder nicht? Vielleicht fühlt sie sich unnütz?
Keine Ahnung.
Ich finde, es ist doch alles gut.
Oder war ich übergriffig?
War das übergriffig? Was ich gemacht hab?
Ich hoffe so, das nicht!!

Sie will ihr im Gehen noch den  Vorhang vorziehen. Damit sie Privatsphäre hat. Da protestiert sie aber energisch!
Ich muss grinsen. So energisch!
Nein, nein! Der Vorhang bleibt auf! Auf jeden Fall!!
Ich ahne warum. Und winke ihr im Liegen zu.
Sei lacht.
Die Schwester ist jetzt endgültig verwirrt.
Aber wir zwei beide verstehen. Uns.

Ist wie bei Konrad Lorenz. Verhaltensforscher. Leute in meinem Alter werden sich noch an ihn erinnern. War damals neu! Und spannend.
Er hat Wildgänse großgezogen. Und sie sind ihm immer hinterher. Wie einer Mutter. Einer Wildgänsemutter.
Was du als erstes erblickst, dass sich um dich kümmert, das ist eben jetzt auf immer: deine Mutter.
Er hat sie mit andren erwachsenen Wildenten zusammengebracht - hat nie connected. Sie hatten ja schon eine Mutter. Sie brauchten keine andre. Auch keine artgerechtere.
Ich weiß nicht mehr, ob er mal andre Menschen in seinen Gummistiefeln vor ihnen herlaufen hat lassen. Oder ob ich mir das nur gewünscht hätte. Ich steh auf Experimente. Find ich oberspannend.
Ob die Fixierung die Gummistiefel waren. Mit Mensch darin.
Oder ob er es sein musste.
In diesen Gummistiefeln.

Aber dieses Bild, wie die Küken seinen Gummistiefeln hinterherwatschelten, ging durch die Presse. Und mir in's Gedächtnis rein. Ich weiß gar nicht - gab es vorher keine Verhaltensforschung?
Auf jeden Fall war es bemerkenswert.
Und merkenswert!
Ich weiß es ja noch.

Genau das
war mit uns passiert. Mit Frau Schuster aus Bischoffingen. Wie wir später dann erfuhren. Und mir.
Bindung geklappt.
Wäre sie eine Wildgans und ich hätte Gummistiefel, würde sie mir jetzt hinterherwatscheln... zumindest bis die Drogen ihre Wirkung verlieren.
Denn sie ist ja nun nicht frisch geschlüpft!
Sie braucht ja nur vorübergehend Orientierung.


 Ich war in Gedanken immer wieder bei der Erinnerung aus Namibia - diese Erfahrung, dass alle plötzlich unsre Schuluniform von damals trugen, auf dem Gang in der Klinik, die war schon sehr speziell.
Verwunderlich.
Nichts bedrohliches - eher spannendes.
Ich hab sowas noch nie erlebt.
Vermutlich die Drogen, dachte ich. Und denk es nach wie vor.
Bin ganz in Gedanken eingeschlafen. Ganz ohne Fernseher.
Aber das war jetzt nicht das einzige Außergewöhnliche. In dieser Nacht.

Irgendwann werd ich wach. Höre Frau Schuster rumkruschteln. Und letztendlich sich auf den Weg in's Bad machen. Erster Gang. Kann auch schiefgehen.
Instinktiv will ich mich aufrichten, ihr signalisieren, ich bin da. Falls es nötig wird.
Noch instinktiver aber, und das ist mir noch nie passiert, spür ich deutlich: das will ich jetzt doch nicht. Das ist mir jetzt doch zu viel. Ich will es einfach nicht.
Vielleicht hab ich auch schon früher mal deutlich spontan gespürt: ich will das nicht!- aber so deutlich, dass ich es dann auch genauso spontan einfach:
nicht tue - ich weiß nicht, ob ich das schon mal mit mir erlebt hab. So ohne jede Frage. Einfach so. Ohne jeden Zweifel...deutlich! Ohne den Hauch eines Zweifels! Direkt.
Ich erinnere es zumindest nicht.
Da lieg ich also - hellwach vor Erstaunen ... und feier das überwältigt ab!
Mach keinen Mucker - aber feier das groß ab! In mir.
Und mir wird zum ersten Mal ganz deutlich:
irgendetwas hat sich verändert! In mir.
Irgendetwas!
Krass!

Und natürlich bekomme ich Elefantenohren. Und horche auf jedes winzigkleines Geräusch. Und ich fahre die Elefantenohren erst wieder ein, als ich mir sicher bin, jetzt liegt sie wieder im Bett.
Ich wär ja dagewesen! Sofort.
Es war mir ja nicht egal.
Nur mich aufsetzen, signalisieren ich bin wach - das wollte ich einfach nicht.
Das war mir zu viel.
Und da hab ich es eben einfach nicht gemacht.
Ganz einfach!
Es geht ganz einfach!

Das war schon eine Feier wert!

Also damit das jetzt nicht völlig missverständlich wird: natürlich hab ich in meinem Leben ganz arg viele Sachen nicht gemacht.
Sehr sehr viel mehr nicht gemacht als gemacht.
Mein Leben ist gepflastert aus lauter Sachen, die ich nicht gemacht hab!!
Und nur ganz ab und an
hab ich auch mal was gemacht.

Aber dieses unstoppable... dieses ohne jede Frage, ohne jeden Zweifel
kaum gedacht - schon getan... das
fällt schon sehr auf.
Als hätte sich etwas verschoben in mir.
Als hätte sich eins der Gitter urplötzlich als Türe entpuppt. Die mit einem Mal offen steht. Einfach so.

Eins der Gitter, die mein Leben ordentlich einengen, aber eben schon so lange, dass ich es kaum wahrnehme - nur in Krisenzeiten.
Dann aber nicht als Gitter, sondern als Beleg dafür, dass ich völlig unfähig bin.
Zu leben.

Jetzt steht es mühelos offen. Ohne jede Anstrengung...
Kann das sein?
Kann das wirklich sein?
Na, mal abwarten.! Wie lange das wohl hält.
Aber dass es überhaupt mal in meinem Leben auftaucht!
Das ist eine echte Feier wert!


Und was uns anging:
wir waren wieder komplett.
Und blieben es auch.
Bis ich sie verließ.