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Autor Thema: ... ein und aus ...  (Gelesen 684 mal)

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Paula

  • Gast
... ein und aus ...
« am: 02 Januar 2012, 11:59:17 »

Das neue Jahr fängt nicht gut an :-(

Gestern rief mich mein erster Exmann, mit dem ich auch nachdem die Scheidung über 30 Jahre her ist noch Kontakt habe, an - um mir ein gutes neues Jahr zu wünschen, wie er sagte. Ziemlich schnell erzählte er mir aber dann von seinem erneuten Selbstmordversuch vor sechs Wochen. Ich weiß nicht, der wievielte es war, der vierte oder fünfte. Er hat niemanden. Familie (er ist schon seit über 25 Jahren wieder verheiratet) kaputt, Freunde hatte er nicht, weil er sich auf die Familie konzentriert hat. Er hat mir mehrere Stunden von seinem Leid erzählt, wollte jemanden, der ihm zuhört, wollte einen Lichtstrahl, wollte Halt. Und so habe ich da gesessen, mit dem Telefonhörer in der Hand und  Tränen in den Augen, war völlig überfordert mit der Situation und habe es doch nicht übers Herz gebracht ihn abzuwürgen und zu sagen, dass ich gerade selbst gar nicht kann. Bin mit Atmen beschäftigt! ... ein und aus ... und ein und aus ... und wenn ich Schmerz spüre, atme ich in diesen Schmerz hinein ... ein und aus ...

Eine Therapie sagt er, bringt ihn zur Zeit nicht weiter. Er wüsste ja, an wen er sich wenden kann, wenn er in eine Krise gerät. Er hat selbst Hilfe gerufen, nachdem er den Tablettencocktail genommen hatte. Aber gleichzeitig will er eigentlich von mir Halt. Sagt er nicht direkt, aber ich merke es daran, wie er mit mir redet und was er mir alles erzählt. So kennt er mich ja auch: immer stark, immer für andere da, ich weiß immer, wie es weiter geht ...

Jetzt sitze ich hier und mein Gewissen sagt "du kannst ihn doch jetzt nicht hängen lassen - er braucht dich jetzt". Aber ich kann nicht! Für mich ist auch niemand da und hält mich fest. Und ich atme tapfer weiter ... und weiß nicht mehr, was ich machen soll oder eben nicht ...

Viele Grüße von Paula
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Epines

  • Gast
Re:... ein und aus ...
« Antwort #1 am: 02 Januar 2012, 14:18:11 »

Hallo liebe Paula

Deinen inneren Zwiespalt kann ich gut verstehen, vor allem wenn es dir selbst gerade nicht besonders gut geht.
Man ist oft hin und her gerissen zwischen Mitleid und dem was man eigentlich machen müsste, nämlich sich zu distanzieren. "Stopp" zu sagen und sich darauf zu besinnen, dass man auch jemand ist.

Helfen ist gut und Recht, aber nur wer selbst stabil ist, kann ertragen was andere einem so aufbürden und auch da stößt man oft an Grenzen. Nicht umsonst haben Therapeuten Supervision, denn auch für sie kann sonst  das Leiden eines Klienten zur Belastung werden.

Sich zurück zu ziehen hat also nichts mit Egoismus, oder hängen lassen zu tun, sondern schlicht mit Selbstschutz und dieser ist mehr als nur legitim.

Bei mir war es auch schon mehrfach so, dass ich mich durch Freitötung-Äußerungen manipulieren ließ, im Endeffekt ging es mir dann so schlecht, dass ich selbst wieder heftiger erkrankte. Schuldgefühle und grenzenlose Empathie haben mich viel länger ausharren und "helfen" lassen als ich es verkraftet hatte.

Es geht hier in erster Linie um dich und du solltest dich im Moment von allem was dir nicht gut tut distanzieren. Ich würde meinen Ex anrufen und ihm offen sagen , dass ich im Moment leider keine Kraft habe ihm beizustehen und ich mich, so hart es klingt, endlich einmal um mich selbst kümmern und zusehen muss wie ich mit meiner eigenen Erkrankung besser zurecht komme.

Deinem Gewissen richtest du aus, dass er eigentlich seit langem weiss, wie und wo er sich Hilfe holen kann und er da von Fachleuten bestens versorgt wird.

Alles Liebe
Epines



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Paula

  • Gast
Re:... ein und aus ...
« Antwort #2 am: 02 Januar 2012, 21:23:47 »

Danke, Epines!

Eigentlich ist mir schon klar, dass ich das im Moment gar nicht leisten kann, ich hab ihm das im Gespräch auch schon gesagt, aber es ist so, als drücke er bei den entscheidenden Sätzen immer die Ignor-Taste. Ich hab das Gefühl, ich red gegen eine Wand - die Wand ist aber leider nicht so nett wie die von Hobo. Ich denke, ich geh erst mal gar nicht mehr ans Telefon, wenn er anruft ... die Nummer wird ja übertragen.

Und du hast Recht: ihm wurde ja eine neue Therapie angeboten, aber er hat sie abgelehnt, weil er meint, die würde ihm zur Zeit nichts bringen.

Ich atme dann lieber erst mal weiter bis ich wieder was anderes kann.

Vielen lieben Dank noch mal!

Paula
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Epines

  • Gast
Re:... ein und aus ...
« Antwort #3 am: 02 Januar 2012, 22:15:39 »

Hallo liebe Paula

Manchmal wird ein Nein einfach nicht gehört, ich erlebe es auch gerade wieder und bin mehr oder weniger hilflos, nur dass es sich bei meiner Bekannten nicht um jemanden handelt, der mich massiv herunter zieht, sondern ich nerve mich einfach nur.

Aber das mit dem Telefon nicht abnehmen kenne ich auch seit langem. Ich habe sogar zu meinem Schutz die Nummer von 2 Personen so eingerichtet, dass auf meinem Telefon "Achtung! und der Name der Person steht", damit ich nicht aus Versehen abnehme.

Dies ist immer noch besser als gar kein Schutz, aber eine Dauerlösung ist es auch nicht, denn ich zucke seit Monaten bei jedem Klingeln zusammen.

Wenn dein Ex die Therapie ablehnt und schon im Voraus weiss, dass sie ihm nichts bringen wird, ist ihm vermutlich nicht zu helfen. Vielleicht gibt ihm jedoch  ausgerechnet dein Rückzug einen Denkanstoß und er überlegt es sich mit der Therapie noch einmal, denn besser als gar niemanden zu haben ist es sicher, vielleicht sieht er dies ja ein.

LG
Epines
Gespeichert

Paula

  • Gast
Re:... ein und aus ...
« Antwort #4 am: 02 Januar 2012, 23:27:31 »

Liebe Epines,

glücklicherweise ist mein Ex 1 relativ antriebslos, er lässt sich mit nicht Abnehmen schnell entmutigen. Das habe ich schon mal gemacht, als er nach 28 Jahren meinte, wir hätten ja vielleicht doch grandios zusammen gepasst :-S  Da war ich zum einen noch verheiratet mit jetzt Ex 2 und war darüber hinaus denn doch ganz anderer Meinung. Das habe ich ihm auch gesagt und ihn ausgebremst, bis er sich beruhigt hat.

Der erste Schock ist jetzt auch vorbei. Ist halt auch gerade sehr ungünstig mit Weihnachten und dem Jahreswechsel. Da fällt ja etlichen Leuten ein, dass es mich ja auch noch gab - auch wenn sie es das ganze übrige Jahr über vergessen hatten. War in dem ganzen Mist, in dem ich eh schon stecke, einfach zuviel.

Gerade eben bin ich sehr stolz auf mich, weil ich es geschafft habe, einer Freundin, die mich angesimst hatte, ob ich nicht mal eben für sie Boxen abholen könnte, die ca. 120 km von hier weg irgendwo stehen, zurück zu simsen, das ich dazu nicht die geringste Lust verspüre.

Und dabei atme ich immer schön weiter ... und jetzt lege ich mich wieder unter meinen Blätterhaufen in Hobos Höhle.

Liebe Grüße von Paula 
Gespeichert
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