Nur Ruhe - Selbsthilfeportal über Depressionen und Selbstmord

Erweiterte Suche  
Seiten: [1]

Autor Thema: Kann jedem geholfen werden?  (Gelesen 461 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

moonshapedpool

  • Gast
Kann jedem geholfen werden?
« am: 18 Oktober 2021, 15:13:50 »

Hallo an die Community,
ich komme gerade von einem Besuch bei einem Hausarzt. Das war seit längerem der erste Arztbesuch für mich, da ich Ärzte so gut es geht meide. Hintergrund meines Besuches ist eine generelle Niedergeschlagenheit in Verbindung mit Schlafstörungen, Rückenschmerzen und das Gefühl einer ständigen Leere. So in etwa habe ich es jedenfalls dem Arzt geschildert. Es fiel auch das Wort Depression und das Resultat war eine Krankschreibung für heute, sowie ein generelles Beobachten der Situation.

Nun konnte ich dem Arzt nicht von jetzt auf gleich meine gesamte Geschichte erzählen. Zumal ich auch denken würde, dass ein Psychologe mit einer detaillierten Geschichte mehr anfangen kann.

Seit meinem 14. Lebensjahr, also die letzten 17 Jahre meines Lebens habe ich permanent wechselnde Hoch/ Tief Phasen, die auch sehr stark von Selbstmordgedanken geprägt sind. Bis jetzt konnte ich mich immer selbstständig aus den Tiefs befreien. Meine letzte große Krise gipfelte darin, dass ich das Haus verlassen habe, mit der festen Absicht nicht zurückzukehren. Ein Anruf war es schließlich, der mich aus diesem Tunnel riss. Im Nachhinein war ich über meine Entschlossenheit an diesem Tag selbst erschrocken.

In all den Jahren habe ich nie mit einem Menschen darüber gesprochen. Ich habe natürlich sehr viel zu diesem Thema recherchiert, habe sämtliche Bücher gelesen und Musik gehört, immer in der Hoffnung einen Weg daraus zu finden. In allen Quellen hieß es am Ende es gibt keine Heilung, aber man kann lernen damit zu leben. Bei dem Gedanken zu einem Psychologen zu gehen macht mir dieser Satz am meisten Angst.

Ich will nicht lernen damit zu leben... Was sind eure Erfahrungen? Gibt es eine Chance auf eine vollständige Genesung?
Danke.
Gespeichert

Ponyhof

  • Gast
Re: Kann jedem geholfen werden?
« Antwort #1 am: 18 Oktober 2021, 16:54:21 »

Hallo moonshapedpool

herzlich Willkommen bei uns.

Ich habe eine Frage, die Dir möglicherweise banal erscheint, aber lass sie mich trotzdem erstmal stellen:

Was bedeutet das denn? - Gensung?

Wenn man die Frage so liest, scheint die Antwort simpel: KEINE Depression, KEINE Suizidgedanken. Gute Laune. Schönes Leben. Richtig?

Der Grund warum ich diese "dumme" Frage stelle, ist folgender: Du beschreibst hohe und tiefe Phasen.
Meiner persönlichen Erfahrung nach, sind die "Tief-Phasen" die Gegenspieler zu den "Hoch-Phasen". Ein bisschen wie auf einer Schaukel. Je mehr man in die eine Richtung schwingt, desto mehr schwingt man in die andere Richtung.
Wenn Du also fragst, ob es möglich ist, nur noch "Hoch-Phasen" zu haben und nie mehr "Tief-Phasen" - dann behaupte ich, dass das NICHT möglich ist. Wer hoch hinaus schwingt, der schwingt tief hinunter. Ich glaube das ist ein Naturgesetz.
Was meiner Meinung nach möglich ist, ist zu versuchen, die Phasen aufeinander zu zu bewegen, Abstriche bei der Hoch-Phase zu machen und dafür bessere Tief-Phasen zu bekommen. "Flatten the curve" wie man auf Neudeutsch sagt.
Und DAS ist meiner Meinung nach möglich, ja.
Gespeichert

moonshapedpool

  • Gast
Re: Kann jedem geholfen werden?
« Antwort #2 am: 18 Oktober 2021, 17:31:43 »

Hallo Ponyhof,
danke für deine schnelle Antwort. Deine Erläuterung klingt sehr logisch und in der Phyisik scheint das so ja auch zu gelten. Das würde doch aber bedeuten, dass dies auch für einen gesunden Menschen gilt. Also das jedes Leben eine Pendelbewegung ist und der einzige Unterschied in dem Ausschlag der Bewegung liegt.

Demnach heißt das Abschwächen der Kurve ja zwar das die Tiefs nicht mehr so stark sind, aber gleichermaßen auch die Hochs nicht mehr so gegeben sind. Dies klingt in meinen Ohren wieder nach einem Kompromiss, der möglicherweise mehr Abstriche auf der positiven Seite hat, da ich zur Zeit nur noch von den Hochs lebe.
Danke.
Gespeichert

Ponyhof

  • Gast
Re: Kann jedem geholfen werden?
« Antwort #3 am: 18 Oktober 2021, 18:26:49 »

Hallo moonshapedpool

nur ganz schnell, ich bin gleich zum Sport verabredet. Ja, genauso meinte ich das, wie Du mich verstanden hast. Und die Entscheidung für diesen Kompromiss hat fürchterlich weh getan, ich habe Jahre - ach was JahrZEHNTE "lieber sterbe ich" gesagt, weil ich das absolut überhaupt nicht wollte.
Es fühlte sich an, wie das Ende aller Hoffnungen und in gewisser Weise war es das auch.
Ich will auch mich hier auch gar nicht als leuchtendes "Sieh mich an, alles wird wieder gut" Vorbild darstellen (ausgerechnet ich - guter Witz).
Nichts desto trotz kann ich denke ich sagen, dass es funktioniert. Die Kurve flacht ab, die Extreme werden schwächer.
Ob's das WERT war? Ich konnte es nicht mehr ertragen, KONNTE nicht. Ich bin inzwischen sicher, dass ich inzwischen bereits entweder tot oder in der Klapse wäre, wenn ich mich dagegen entschieden hätte, denn ich KONNTE es nicht mehr ertragen. Insofern stellt sich mir die Frage nach dem "wert sein" nicht mehr. Es ist die einzige Option noch eine Weile bei dem Mann zu bleiben, dem ich die guten und die schlechten Zeiten versprochen habe.
Es ist keine 'tolle' #Hokuspokus Wunder Maßnahme, mit der einfach alles toll wird, sowas habe ich nicht und an sowas glaube ich nicht...

Das Leben ist kein Ponyhof ;-)
Gespeichert

Hans

  • Gast
Re: Kann jedem geholfen werden?
« Antwort #4 am: 21 Oktober 2021, 03:02:17 »

Guten Abend nach Mitternacht, moonshapedpool

Der nächtliche Sturm draußen hat mich hochgerissen, also guck ich mal hier rein, bevor ich wieder untertauche. Ich bin einer aus den älteren Semestern, lese das hier zufällig.
Obwohl ich wie offenbar Viele hier in einer ähnlichen Situation stecke, aus bestimmtem Grund lieber den Mund halten sollte, versuche ich auch etwas zu sagen.
Mich beschäftigt etwas:

Du sagst ganz vorn sinngemäß "seit dem 14. Lebensjahr ...". Bist inzwischen also etwa 31, d.h., in den s.g. "besten Jahren".
Du musst hier nicht die Gründe für alles angeben (wirklich nicht), aber die letzten 17 Jahre reichten offensichtlich nicht, um diesem Dilemma zu entkommen. Das ist mein Aufhänger.
Wenn ich an meine eigene(n) Begründung(en) denke – deren letzte "erst" knapp 12 Jahre her sind – dann weiß ich genau, was mich in meine Situation geführt hat. Erkenntnisse wie "selber Schuld" oder "der Mensch ist schlecht" oder "das war die letzte Chance" oder ähnlich sind es dann, die mir meinen eingeschlagenen Weg bestätigen. Nur eine Aufgabe musste noch abgearbeitet werden, dann ...

Will sagen: Ich habe Gründe ... also handfeste, nachweisbare, auf eine bestimmte Datenlage, auf bestimmte Tage, Stunden ... zurück verfolgbare Gründe für meine Entscheidung. Die aktuelle Lage ist unumkehrbar (denke ich noch immer und inzwischen erst recht) – also habe ich aufgehört, mir über Fragen wie "ginge es vielleicht doch wieder?" oder "kriegste das nochmal hin?" den Kopf zu zerbrechen. Heißt hier: Die Gründe für den Entschluss, allem den Rücken zu kehren und zu gehen, sind auch rechtlich überprüfbar da.

Was ich aus Deinem Text aber nicht recht herausfiltern kann.
Bisher könnte es auch sein, dass es eine interne, gesundheits-bezogene Begründung ist, die Dich nun bis zum Arzt brachte, der aber der falsche zu sein scheint. Den Schritt zum Psychlogen ... das kann ich nachvollziehen ... da stehen Mauern im Wege. Von der Terminbeschaffung ganz zu schweigen. Corona hat da noch tiefer reingehauen und für eine baldige Verbesserung der Situation gebe ich keinen Pfifferling. Die war ja zuvor schon miserabel ...
Du musst also selbst wieder raus finden aus dieser Kiste. Und hier liegt vielleicht (?) der Hund begraben.

Selbstmordgedanken kommen nicht, weil schlechtes Wetter herrscht – die haben wirkliche Gründe!
Dort müsstest Du hin, wenn Du sie abschütteln willst – absichtlich und konkret zu diesen Gründen hin. Sonst kriegst Du sie nicht zu fassen.
Wenn Deine Ursache(n) für das jahrelange Chaos auf Deiner ganz und gar persönlichen Ebene liegt (gesundheitsbedingt ... eine Krankheit z.B.), dann ist der mögliche Weg aus der Falle ein anderer, als wenn es vor 17 Jahren ein ganz konkreter Vorgang war, der Dich weiterhin verfolgt (vielleicht ein damals ev. selbstverschuldetes, schlimmes Ereignis, dass Dich nicht mehr los läßt oder was ähnlich "handfestes").
Der eventuell bestellte Psychologe würde zur Behandlung also einen Weg einschlagen, der genau diese alte, frühere Ursache berücksichtigt, ev. bewusst nochmal zum Thema macht.
Entweder würde er eine Wiederherstellung einer damaligen (guten) Situation versuchen, Dich auf den Weg zu einem neu zu beginnenden Anfang vorbereiten – oder er würde in die medizinische Richtung gehen.
Das ist nicht gerade, was ich von einem Allgemeinmediziner erwarte.
Weil der Ursprung, die Ursache Deines "Falles" zur Wiederherstellung oder Erreichung des einst gewohnten, wohl erträumten Lebensziels der wichtigste Angelpunkt ist. 

Das aber gilt dann – so bilde ich mir das ein – ganz logisch auch für Dich selbst, wenn Du aus dem Dilemma endlich wieder raus möchtest. Will sagen: Um Dich selbst (ohne Arzt) zu befreien, wieder normal geradeaus denken zu können, müsstest Du meiner Ansicht nach das Ganze in aller Ruhe nochmal von vorn aufrollen. Das braucht Zeit und genaues Konzentrieren, eine Woche Urlaub in Nirwana – und eigene Ehrlichkeit.
Mit Hilfe eines wirklichen Freundes (oder einer Freundin), der/die wirklich zuverlässig scheint und zuhören  m ö c h t e – die damalige Situation Stück für Stück aufarbeiten, oder Deine Gesundheitslage (falls die verantwortlich ist) so deutlich zu besprechen, dass Du doch einen Facharzt-Termin machst.
Anders, fürchte ich, kommst Du nach dieser langen Epoche allein nicht mehr zurande. Aufraffen und anpacken also. Später wird Dir Dein Spiegelbild dankbar zunicken ... 

Hans
Gespeichert

Violetta

  • Gast
Re: Kann jedem geholfen werden?
« Antwort #5 am: 26 Oktober 2021, 09:46:26 »

Hallo moonshapedpool,
Es gibt die Chance auf eine vollständige Heilung bei Depression! Ich durfte es zweimal in meinem Leben miterleben.

Das erste Mal habe ich es bei einer Freundin erlebt. Ich Lebenswille war soweit erloschen, dass sie verhungert und verdurstet wäre, wenn ihr Ehemann sie nicht täglich zum Essen und Trinken gezwungen hätte. Medikamente, zwei Klinikaufenthalte und eine Psychotherapie haben ihr aus der Depression vollständig herausgeholfen. Heute ist sie eine Frau, die gerne lacht, das Leben nicht auf die leichte Schulter nimmt, aber die schönen Aspekte im Leben sieht und genießt und einen umwerfenden Humor hat.

Das zweite Mal habe ich erlebt, wie eine ältere Dame, die nur noch apathisch in ihrer verwahrlosten Wohnung gesessen hatte, wieder aufblühte. Ursache war hochgradiger Vitamin D Mangel. Sie bekam wöchentlich hochdosiertes Vitamin D gespritzt. Und zusätzlich einige Stunden Psychotherapie. Nach sechs Wochen begann sie wieder regelmäßig zu duschen. Es folgten nach und nach Körper- und Haarpflege, Säuberung der Wohnung, Spaziergänge, Kontakte zu Bekannten und Wiederaufnahme ihrer Hobbies.

Depressionen und Depressionen mit manischen Phasen können körperliche und / oder geistige Ursachen haben. Meiner Beobachtung nach liegen meist Mischformen aus körperliche und geistigen Ursachen zugrunde. Habe den Mut dich auf körperliche Ursachen untersuchen zu lassen und eine Psychotherapie zu beginnen. Es gibt eine Chance auf Besserung und Heilung.
Gespeichert
Seiten: [1]