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Autor Thema: Plötzlich alles psychosomatisch  (Gelesen 549 mal)

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Violetta

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Plötzlich alles psychosomatisch
« am: 22 März 2023, 07:20:21 »

Durch eine unbedachte Äußerung meinerseits hat der Arzt für Allgemeinmedizin zu dem ich bei körperlichen Erkrankungen gehe erfahren, dass ich eine chronisch rezidivierende Depression mit schweren Schüben habe. Seitdem ist für ihn jede Erkrankung bei mir psychosomatisch. Egal ob es sich um eine bakterielle Bronchitis oder einen Bandscheibenvorfall nach einem Unfall handelt. Ich euch schon etwas ähnliches bei Ärzten passiert? Und wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?
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ggjjgjhfhg

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #1 am: 22 März 2023, 10:38:02 »

also ich denke da dürften nicht viele erfahrungen mit sowas haben.

ich würde aber ein deiner stelle nochmals mit dem arzt reden wie denn darauf kommt das es psychosomatisch sein könnten wenn nichts körperliches ausgeschlossen wurde ...

dann solltest du mal überlegen ob dieser arzt der richtige ist.

grundsätzlichmuss man immer körperliche ursachen ausschließen bevor man an was psychosomatisches denkt.
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Ponyhof

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #2 am: 22 März 2023, 12:01:32 »

ICH hab da Erfahrungen mit (und hätte - sorry - ehrlich gesagt geglaubt, dass es total verbreitet ist).

Wie ich damit umgegangen bin? Ich habe mich fürchterlich aufgeregt, bei nächster Gelegenheit Arzt gewechselt und passe jetzt auf wie ein Luchs bloooooß nicht zu ehrlich zu meinem Arzt zu sein. Traurig aber wahr, ich glaube unser Gesundheitssystem funktioniert so...
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Ina

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #3 am: 22 März 2023, 19:44:44 »

 
Ich habe das so oft erlebt, dass ich es an zwei Händen nicht mehr abzählen kann. Ich weiß nicht, wie oft ich von Ärzten schon gehört habe: „Das ist die Psyche.“

Mir wurden (weiterführende) Behandlungen verweigert, weil es ja angeblich „nur die Psyche“ sei. Ich wurde teilweise gar nicht richtig untersucht, körperlich meine ich.

Tägliche Magenschmerzen und Sodbrennen nach so gut wie jeder Mahlzeit: „Das muss an der Psyche liegen.“ – und ich musste Monate um eine Überweisung zum Gastroenterologen kämpfen. Selbst der nahm mich nicht ernst, da auf der Überweisung leider auch Depressionen und meine Psychopharmaka vermerkt wurden. Als ich meinen hohen Schmerzmittelkonsum erwähnte, fragte er nicht einmal, um welche Schmerzmittel (und wie viele) es sich handelt. Sehr unprofessionell. Er hat meine Beschwerden letztlich einfach „auf die Psyche“ geschoben.

Immer wieder auftretendes, starkes Kribbeln in den Gliedmaßen sowie Schmerzen in den Knien nach einer nachgewiesenen Borreliose-Infektion: „Das wird nur die Psyche sein, Sie brauchen keine weitere Behandlung.“ – nach fast einem Jahr sind die Symptome weiterhin vorhanden.

Fremdkörpergefühl und Schmerzen im Auge: „Da ist nichts. Sowas kann man sich auch einbilden...“ – keine nähere Untersuchung vom Augenarzt, nachdem er einen kurzen Blick auf mein Auge geworfen hat und äußerlich nichts erkennen konnte.

Nur um mal ein paar Beispiele zu nennen... Leider Gottes kommt so etwas NICHT selten vor. Ich habe noch keine vernünftige Lösung gefunden, wie ich damit umgehen soll. Einen neuen Hausarzt werde ich mir ganz sicher bald suchen, allerdings frage ich mich, wie ich richtig behandelt werden soll, wenn ich z.B. verschweige, welche Medikamente ich regelmäßig einnehme. Wenn ich sage, dass ich Psychopharmaka nehme, geht das Spiel ja wieder von vorne los.
 
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(J. Raymond)

Ponyhof

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #4 am: 22 März 2023, 20:03:55 »

Ach und meiner Freundin haben sie erzählt das sei nur die Psyche. War ne Thrombose. "Huch" - das hätte ins Auge gehen können.

Ist einer der Gründe, warum ich Versuche ohne Psychopharmaka auszukommen @Ina. Die Tabletten haben eh nur begrenzt geholfen. Und solange ich keine Medikamente nehme, ist das alles mein subjektiver Eindruck. Und wie ich den schildere oder NICHT schildere meine eigene Entscheidung...
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Violetta

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #5 am: 24 März 2023, 09:05:16 »

Ich hatte inzwischen ein Gespräch mit einer Orthopädin im Ruhestand: Ihrer Meinung nach ist die inflationäre Unterstellung psychosomatischer Beschwerden in Wirklichkeit ein Nichteingestehen der ärztlichen Grenzen. Wenn ein Arzt keine Ursache für Beschwerden und damit keinen Behandlungsansatz findet, kann er eingestehen: „Ich finde keine Ursache für ihre Beschwerden.“ Oder sagen. „Ich finde nichts, also sind ihre Beschwerden psychosomatisch.“ Letzteres ist unprofessionell, denn es stellt keine Diagnose dar. Eine Diagnose muss als Positivnachweis erbracht werden.

Die Ärztin hat Humor und brachte dann noch folgende Geschichte, um das Ganze zu verdeutlichen: Ein Arzt fährt jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit. Irgendwann bemerkt er jedes Mal beim Bremsen ein kratzendes Geräusch. Er fährt das Auto in die Werkstatt. Der Mechaniker öffnet die Motorhaube, schaut in den Motorraum und sagt dann zu dem Arzt: "Ich sehe nichts, also bilden sie sich das kratzende Geräusch nur ein."
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Ponyhof

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #6 am: 26 März 2023, 18:04:56 »

👍🏻👍🏻👍🏻 ja. GENAU SO.
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Mira

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Re: Plötzlich alles psychosomatisch
« Antwort #7 am: 09 April 2023, 14:29:45 »

ein Gespräch mit einer Orthopädin im Ruhestand: Ihrer Meinung nach ist die inflationäre Unterstellung psychosomatischer Beschwerden in Wirklichkeit ein Nichteingestehen der ärztlichen Grenzen.

Dem kann ich nur voll zustimmen! Zwar ist unsere Medizin weit fortgeschritten, dennoch kann für viele körperliche Erkrankungen die Ursache nicht gefunden werden. Solches habe ich in Fachzeitschriften allein für Apotheker gelesen mit desillusionierendem Resultat. Das alles einzig auf Psychosomatik abzuwälzen halte ich für verantwortungslos. Hatte in meiner Jugendzeit eine Ärztin, zu der ich volles Vertrauen hatte. Die hatte die Größe zu gestehen, dass sie sich in einer Erkrankung nicht auskennt, und verwies mich zu Spezialisten in die Uniklinik. Aber diese Ärztin hatte auch zu mir Vertrauen, meinte: "Sie untertreiben im Gegensatz zu vielen Patienten, die übertreiben." Insofern ist es besonders wichtig, dass die "Chemie" zwischen Arzt und Patient stimmt.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie sehr chronisch starke Schmerzen bedrücken, insofern ziehen sie die Psyche mächtig herunter. Wie soll da einer jubilieren, "juchu, was bin ich froh und glücklich, dass ich unter Schmerzen leide".

Zuletzt war ich aber auch enttäuscht von Ärzten. Ich wurde an der Wirbelsäule operiert, an fünf Wirbeln, sonst hätte mir Querschnittslähmung gedroht. Nach der OP schrieh ich vor Schmerzen wie am Spieß. Bisher schrieh ich noch nie aus welchem Anlaß auch immer. Man gab mir Oxycodon, ein sehr starkes Opioid, in der Wirkung stärker als Morphium. Was mir nicht gesagt wurde, dass es die Atemfunktion einschränkt. Deswegen bekam ich ein Gerät, das mir über eine "Nasenbrille", so nennt sich der Schlauch, Sauerstoff zuführte. Was bin ich froh, dass ich schon seit zwei Monaten ohne Oxycodon auskomme und ohne künstlich zugeführten Sauerstoff!

Man hätte mir seitens der Ärzte auch nur einen Ton sagen können, dass meine niedrige Sauerstoffsättigung einzig an diesem für mich vorübergehend nützlichen Schmerzmittel lag. Um so mehr verstehe ich den Frust, wenn Ärzte absolut alles auf die Psyche abschieben.  So geht das nicht! Sollen etwa alle Patienten des betreffenden Allgemeinarztes usw. sich ausschließlich von Psychiatern behandeln lassen? Welch ein Armutszeugnis!

Dann ist aus meiner Sicht ein Arztwechsel sinnvoll. Könnte ja sein, dass der bisherige zuviele Patienten hat. Dazu noch eine eigene Erfahrung. Meine frühere Orthopädin verkaufte ihre Praxis. Die neuen Orthopäden vergriffen sich mächtig im Ton, weshalb ich dort nicht mehr hinging. Einige Monate später fand ich in meinem Briefkasten eine eingeworfene Visitenkarte dieser Praxis. So sehr muss der Schuh wohl gedrückt haben, dass man ohne U-Bahn den weiten Weg zu meinem Briefkasten machte! Man kann manche Ärzte auch spüren lassen, dass man mit ihnen nicht zufrieden ist. Sie merken es spätestens nach einigen Abrechnungen mit den Krankenkassen.
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