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Autor Thema: Mama  (Gelesen 374 mal)

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InaDiva

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Mama
« am: 22 Januar 2021, 23:37:47 »

 
Mama  † 22.01.2021

Bestimmt möchte ich Dir irgendwann etwas schreiben.
Nicht heute, aber einen Platz sollst Du hier schon einmal bekommen. "Trotz allem"...

Meine Kerze für Dich brennt jetzt – und das wird sie bestimmt die ganze Nacht über.
Ein Foto von "Deinem" Himmel – dem heutigen Abendhimmel – steht daneben.
 
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I thought I'd found a light to guide me through my night and all this darkness
I was mistaken – only reflections of a shadow that I saw
(D. Crosby)

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Re: Mama
« Antwort #1 am: 28 Januar 2021, 17:17:17 »

 
Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen dürfen, die man sehr lange getragen hat, das ist eine tröstliche, eine wunderbare Sache.

(Hermann Hesse)
 
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Re: Mama
« Antwort #2 am: 01 Februar 2021, 11:11:11 »

 
Für Mama

Ringsherum liegt kaltes Weiß
Das flöckchenweise niederfiel
Bei Nacht kam's unerwartet-leis'
Das klirrend-winterliche Spiel

Trotz Kuscheldecken friere ich
Vielmehr jedoch tief innerlich
Es ist die Trauer, die mich quält
Weil's Schicksal Dich hat auserwählt

In den Himmel Dich zu senden
Zu Deinen Engeln, die Du liebst
Erdendasein musste enden
Weil zu viel Krankheit in Dir blieb

Welten haben sich verschoben
Schaust Du wohl auf uns von oben?
Bist Du es, die die Flocken streut
Als Zeichen Deiner Landung heut'?

So wie das Weiß stammt aus der Ferne
Kullern Tränen durch die Seele
Gedenk ich Dir mit Blick zum Sterne
Schnürt's dem Kind auch zu die Kehle


01.02.2021
 
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Re: Mama
« Antwort #3 am: 07 Februar 2021, 19:19:19 »

 
Dienstag findet die Kremation statt, die Einäscherung. Ständig muss ich daran denken – und finde diesen Gedanken fürchterlich. Aber es geht ja nicht anders.

Samstag fahren wir an die Küste, an die Nordsee. Wir werden Dir Deinen Wunsch erfüllen und Dich dem ewigen Meer übergeben. Dem Meer, das Du so liebtest...
 
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Re: Mama
« Antwort #4 am: 19 Februar 2021, 17:27:37 »

 
Genau vier Wochen ist es jetzt her, dass Du gegangen bist...


Du hast mir nie gefehlt, ich habe Dich nie vermisst. Höchstens die "kleine Ina" hat sich nach ihrer Mama gesehnt, wenn sie durch irgendetwas getriggert wurde. Aber nicht ich.
Es war gut für mich, auf Distanz zu gehen, mich von Dir zu lösen und ohne Dich zu sein. Es war besser so – es war nötig, um den Schmerz nach und nach loslassen zu können.
Wahrscheinlich war es der schwierigste, aber wichtigste Schritt in meinem bisherigen Leben. Für mich. Für mich und meine Seele, für mich und mein Leben.
Endlich raus aus der Abhängigkeit. Nur die "kleine Ina", die war und ist nach wie vor abhängig von Dir.
Aber MIR hast Du NICHT gefehlt, das kann ich ganz ehrlich so sagen.

Und jetzt sieht das plötzlich anders aus...
Jetzt bist Du gegangen – für immer – und ich wünsche mir so sehr, Dich noch einmal zu sehen und mit Dir zu sprechen...
Es war immer mein Plan, den ich im Hinterkopf hatte, Dich irgendwann wiederzusehen und in Ruhe und sachlich mit Dir zu reden.
Reden... Über früher. Über das, was mich gekränkt, verletzt und traumatisiert hat.
Reden... Über das, was ich erleben musste – mit Dir oder wegen Dir.
Am meisten habe ich mir Einsicht von Dir gewünscht. Vielleicht auch eine Entschuldigung.
Und selbst wenn Du Dich uneinsichtig gezeigt hättest: Dass Du wenigstens verstanden hättest, dass mich das alles krank gemacht hat.

So ein Gespräch mit Dir hätte ich nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt führen können, sondern erst dann, wenn ich wirklich bereit dafür gewesen wäre.
Und auch erst dann, wenn DU bereit gewesen wärst, Dich mit klarem Verstand darauf hättest einlassen können. Mit dem Willen, dass wir irgendwie auf einen Nenner kommen.

Es wird kein Gespräch mehr geben können. Ich hätte es gebraucht...
Gebraucht, um mich zu ordnen, um zu verarbeiten und vielleicht auch um zu lernen, die Dinge anders zu betrachten und zu bewerten.
Es wird nun alles in mir bleiben müssen. Du bist nicht mehr da – wir können nicht mehr reden. Wahrscheinlich nicht...



Man erzählte mir etwas von Vergebung und dass vergeben nicht mit verzeihen gleichzusetzen ist.
Vergebung – dieses Wort, mit allem was dahintersteckt, ist mir zu groß. Es passt nicht in mein Weltbild, meine Gedanken und meine Sicht auf das Leben.

Man sprach mit mir über Gott und über die Liebe. Ein guter Austausch, der mich gedanklich vielleicht sogar ein bisschen weitergebracht hat.

Man riet mir, mit Dir zu sprechen. "Sprich doch einfach zu Deiner Mutter.", hieß es.
Ich würde es gerne versuchen – es war ein einfacher und doch so guter Rat.
Aber ich kann nicht. Noch nicht. Die Angst davor ist zu groß.
 
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Re: Mama
« Antwort #5 am: 22 Februar 2021, 02:57:57 »

 
21. Februar 2021

Noch genau eine Woche, dann bist Du endlich frei. Frei in Deinem geliebten Meer – so, wie Du es Dir gewünscht hattest.
Ich war noch ganz klein, da sagtest Du hin und wieder, dass Du "ins Meer" willst, wenn Du "nicht mehr da" bist. Daran kann ich mich komischerweise noch gut erinnern.
Viel komischer finde ich allerdings, dass Du Deiner kleinen Tochter so etwas überhaupt erzählt hast. Warum?
Macht es einem Kind nicht Angst, wenn es so etwas zu hören bekommt? Doch, ich hatte Angst! Ich wusste schließlich gar nicht, was so eine Aussage wirklich zu bedeuten hat.
Ich hatte Angst, dass Du bald "weggehst" und mich alleine lässt. Diese Angst hatte ich ständig!


Sonntag also... Ich habe Angst vor diesem Tag.
Ich breche hier zu Hause immer noch häufig völlig unvermittelt in Tränen aus, ohne dass mir bewusst war, dass ich überhaupt an Dich gedacht habe.
Wie soll ich es dann Sonntag aushalten?
Ich habe Angst vor den Gefühlen, die mich erwarten. Ich habe Angst, zu dissoziieren. Ich habe Angst vor einem Nervenzusammenbruch.
 
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Re: Mama
« Antwort #6 am: 28 Februar 2021, 03:47:57 »

 
Ich habe abgenommen. Ich weiß, das hätte Dir nicht gefallen, aber das war mir schon immer egal. Der schöne, knielange, schwarze Rock, der mir im November eigentlich ein wenig zu eng war, weshalb ich ihn einfach als Taillenrock getragen habe, passt jetzt. Er sitzt ganz locker auf den Hüften. Ich bin froh, dass ich diesen Rock heute bei Deiner Bestattung "richtig" tragen kann, denn damit hast Du mich zuletzt gesehen. Mitte Dezember, als H. Dich im Pflegeheim besucht hat, zeigte er Dir auf meinen Wunsch hin zwei meiner Weihnachtsvideos von J. und meinem Videoprojekt. Zu dem Zeitpunkt war schon klar, dass Du den Krebs nicht besiegen wirst. Es war zwar noch eine Immuntherapie angedacht, die Mitte Januar beginnen sollte, aber die hätte lediglich das Wachstum verlangsamt. Dazu ist es aber ja gar nicht mehr gekommen... Es lag mir jedenfalls sehr am Herzen, Dir eine Freude zu machen. Das war mir unglaublich wichtig. Ich hatte nicht die Kraft, Dich zu besuchen – das wäre emotional einfach zu viel für mich gewesen. Aber Du solltest unbedingt wissen, dass ich an Dich denke und dass es mir wichtig ist, Dir noch eine Freude zu machen. Also hat H. seinen Laptop mitgebracht, als er Dich besucht hat, und zeigte Dir darauf die beiden Videos. Du hast mich immer – okay, fast immer – so gerne singen gehört... Und ja: Die Überraschung ist gelungen – Du hast Dich gefreut. Ich schrieb Dir nachmittags eine SMS – die letzte – und fragte Dich, ob er sie Dir gezeigt hat. Du hast mir geantwortet, dass sie Dir gut gefallen hätten, auch wenn Dir zwischendrin die Tränen gekommen seien. Das waren die letzten Worte, die Du mir geschrieben hast. Ich habe die SMS noch. Es ist die einzige, alle anderen habe ich meistens nach wenigen Tagen gelöscht. Aber ich habe sie vorher immer abgetippt und in einer Datei auf dem PC gespeichert. Jede, die Du mir in den letzten Jahren geschrieben hast! Bei dieser SMS habe ich aber irgendwie gespürt, dass ich sie lieber "aufbewahren" sollte.

In den Videos trage ich jedenfalls den besagten Rock – und weil es das letzte "Bild" ist, das Du von mir hattest, möchte ich ihn auch heute tragen. Vielleicht werde ich mir zum ersten Mal seit Langem wieder die Haare hochstecken, denn das mochtest Du immer gerne sehen. H. wird mir noch einige Dinge von Dir mitbringen. Ich habe ihn gebeten, mir einen Ring, eine Kette oder ein anderes Schmuckstück von Dir mitzubringen, falls noch eines da ist. Ich würde es dann gerne heute tragen... Es ist alles nur Modeschmuck, aber das spielt für mich keine Rolle. Vielleicht habe ich dann das Gefühl, Dich nicht GANZ gehen lassen zu müssen, weil ich ja immer noch etwas von Dir bei mir habe.

Lars wird mich begleiten. Darüber bin ich so froh... Ihr kanntet Euch ja auch. Er und H. und seine Freundin kommen heute schon ganz früh zu mir und wir fahren gemeinsam an die Nordsee. Sobald das Schiff ablegt, werde ich nicht mehr vor Dir und meinem Schmerz fliehen können...

Lars meint, ich solle eine CD mit Musik von CPR für die Autofahrt brennen, weil sie mir so gut tut und eigentlich immer "hilft". Das werde ich jetzt machen.
 
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